"Du, Galgenstrick, kommst nimmer über die Schwelle dieses Hauses, so lange

ich noch schnaufe! Wirst genug haben an diesem Willkomm, kannst damit

hingehen, wohin du willst, mich _aber nenne nie mehr deine Mutter!"_

Sie hat ihrem Sohne den Abschied mit einem scharfkantigen Holzscheite

gegeben und er wird die Spuren der Wunde inwendig und auswendig ins Grab

nehmen.--

#JUNGES GLÜCK UND ALTER HOCHMUTH.#

Es gibt nichts Lieblicheres und Wohltuenderes als die sonnenreichen, milden

Tage, welche von Maria Geburt bis Allerheiligen und manchmal bis in den

Dezember hinein der Herbst in das badische Land bringt. Oft schaut der

Schnee von den höchsten Bergen des Schwarzwaldes dem paradiesischen

Frühling und Sommer des Rheinthales tief ins Auge und der Blick in die

Schweizeralpen gibt ihm Muth zum Dableiben und muß er sich endlich in die

schattenreichsten Klüfte flüchten, zuletzt auch diese Schlupfwinkel meiden

und als neutrales Gebiet zurücklassen, wo weder der Winter noch der Sommer

herrscht und nur der Frühling sein neckisches Knabenspiel ein bischen

treibt, so kehrt der Winter von seinem Besuche bei den Schweizerbergen doch

frühzeitig wieder zurück und versucht es, seinen Schneemantel wieder über

die Höhen des Schwarzwaldes zu werfen. Entdeckt der September einige Zipfel

des Schneemantels, so lacht er darob und jagt den Winter mindestens in

seine Klüfte mit einer etwas stark verbrauchten Sonnenstrahlenruthe zurück;

der Oktober lacht auch noch, doch heult, lärmt und weint er immer mehr

dazwischen, denn der Winter redet von seinen Burgen herab schon ein

ernsthafteres Wörtlein und sendet wohl zuweilen seinen Spion, den Frost in

das Land des Herbstes; dieser gibt den Gedanken an Eroberung der Burgen

immer mehr auf, begnügt sich, in den stillen, heimlichen Thälern des

Schwarzwaldes am Tage herumzuwandern und bekommt endlich genug zu thun, um

sich den vom Gebirge herabstürzenden Vortrab des Winters vom Leibe zu

halten; wenn der November endlich auf den Kampfplatz tritt, mit seinem

wahren Diplomatengewissen und ebenso geneigt, mit dem Sommer und dem Winter

zu unterhandeln und beide an der Nase herumzuführen, so schaut dieser

manchmal griesgrämig und finster drein, wenn ihm der Oktober keinen guten

Neuen credenzt und tüchtig einschenkt. Ist der Wein gut und ein bischen

viel, dann bringts der November wohl noch dem Dezember zu und mehr als ein

sonnenhelles Lächeln zuckt über das kahle, verwitterte Gesicht des sonst so

kalten und menschenfeindlichen Alten, er lüftet wohl seinen Schneemantel

oder schlendert denselben lustig auf die Schwarzwälderberge zurück und

stirbt als treuloser Knecht des Winters in der süßen Trunkenheit, welche

der Oktober, ein rüstiger lebensfroher Fünfziger und der grauwerdende

November mit seinem abgelebten Intriguantengesichte über ihn gebracht

haben.

Am Tage, an welchem der Duckmäuser mit blutiger Stirn und blutendem Herzen

dem Elternhaufe den Rücken kehren mußte, hatte der Oktober just scharfe

Händel mit dem Winter bekommen, denn jener hatte den Schneemantel des

letztern bereits auf den mittlern Bergen entdeckt und fürchtete für seine

Vorhügel, wo der Wein noch vollends anszukochen war; beide lärmten und

tobten, daß alle Bäume Reißaus nehmen wollten und weinten vor Zorn und

Wuth, daß die Mutter Erde ob dem Verderben ihres zersetzten Unterrockes

auch plätschernd schimpfte und kein trockener Faden an unserm Wanderer

blieb.

Seine Werktagskleider hatte der Benedict im Thurme ein bischen stark

abgerutscht, war neben andern auch mit Flickergedanken heimgegangen, jetzt

besaß er nichts auf der weiten Welt, denn zerrissene Kleider, ein

zerrissenes Herz und einen magern Geldbeutel, und weil er doch nicht wußte,

wohin er sollte, ließ er sich vom Sturm auf's Gerathewohl vorwärts treiben

und trunken von Schmerz, gleichgültig gegen das Leben, fühlt er wenig vom

wilden Kampfe der Jahreszeiten und noch weniger von Hunger und Durst.

Würde ihm ein Gensdarme begegnen, so würde er nichts sagen über Wer, Woher

und Wohin und ließe sich geduldig in irgend ein Gefängniß führen.

Gegen Abend kommt er in ein fremdes Dorf und der Leuenwirth nimmt ihn auf,

weil er demselben einiges Geld zeigen kann. Er ißt und trinkt wenig, weint

jedoch viele bittere Thränen in sein Kopfkissen, weils ihm wird, als ob die

Margareth, das Vefele, die Susanne sammt der Marzell in der Kammer wären

und gar wehmüthig und traurig in das Bett des Verstoßenen hineinschauten,

der nicht einmal Abschied von diesen lieben Seelen genommen hatte. Er weint

und betet, redet im unsäglichen Wehe mit sich selber, da fährt ein Gedanke

durch seine Seele, wie ein falber Blitz durch die stürmische Wetternacht.

Lebt nicht einige Stunden von hier, in einem Dorfe in der Nähe des Rheines

ein alter, guter Freund? Ist dieser Freund nicht wohlbestallter

Schweinehirt seines Dorfes? Braucht ein solcher nicht einen Knecht, wenn

die Zahl der unartigen, grunzenden Pflegebefohlenen ein bischen groß ist?

Heißt der Freund nicht auch Mathes, wie neben dem Gregor der beste Freund,

welchen der Benedict bei der schwarzen Schwitt besaß? Ist jener Mathes kein

"göttlicher Sauhirte", so ist er doch ein gutmüthiger, lustiger Kamerad und

ein Musikant dazu. Wie oft ließ er den Brummbaß schnurren an Kirchweihen

und an der Fastnacht, bei Hochzeiten und sogar bei einigen Festen der

schwarzen Schwitt und saß er nicht auf der Musikantenbank in der Nähe des

Benedict, wenn dieser mit seiner Klarinette die schönsten Walzer und Hopser

in den Tumult und in die Staubwolke des Tanzsaales hineinblies? Hatte er

nicht manches Glas mit dem Benedict getrunken, diesen seinen

"Herzgepoppelten" genannt, ihm von den Freuden des einsamen, stillen Waldes

und des Lebens unter den Schweinen erzählt? Kannte der Mathes nicht die

Margareth und die Marzelle und Alle, welche dem Duckmäuser jemals lieb und

werth gewesen? Wo sollte in dieser Zeit sonst ein Plätzlein gefunden

werden, wo der verstoßene Bueb überwintern konnte?

Ganz beruhigt schläft Benedict ein, erwacht sehr frühe und lauscht, bis ein

Getrabe im Wirthshause entsteht, darf nicht lange darauf warten, läßt sich

den Weg ein bischen sagen und dieser ist nicht schwer aufzufinden. Die

Sterne stehen noch über den finstern Höhen des Gebirges, als er sich auf

den Weg macht und es wird nicht Mittag, so findet der Benedict den

schweinetreibenden Mathes mitten unter seiner Heerde im Eichwald.

Der Hirtenhund des Mathes würdigt den Gast keines Blickes, denn er erkennt

in demselben kein rechtes Schwein und was nicht Schwein heißt, existirt für

ihn gar nicht auf dieser Welt; dagegen hört der Trüffelhund des Mathes mit

Scharren auf, bellt lustig und rennt dem Ankömmling entgegen, sein Herr

thut dasselbe und nach 3 Minuten weiß der Benedict, daß er zu keiner

gelegneren Zeit hätte kommen können.

Der Mathes erkennt im Unglücke des Freundes eine Schickung des Himmels,

welcher sich auch eines geplagten Schweinehirten erbarmt; gerade gestern

ist der Knecht entlaufen, "'s war ein Ueberrheiner, ein Spitzbube", sagt

der Hirt und installirt sofort durch Ueberreichung des Hörnleins den

Benedict als neuen Knecht.

Wie der schmucke Benedict, der trotz des armseligen Gewandes ein hübscher

Bursche blieb und durch das Tuch um den Kopf etwas Rührendes und

Malerisches gewann, am andern Morgen mit seinem Horn die Ringelschwänze des

Rheindorfes zusammenbläst, grüßt ihn von manchem Hofthor herüber manch

liebliches und freundliches Gesicht, und es kommt ihm vor, die Leute seien

hier wohl besser als daheim im Dörflein.

An den letzten Häusern bläst er noch einmal recht herzhaft und freudig und

wäre das Hörnlein eine Klapptrompete gewesen, so würde er in langgezogenen

Tönen und raschen Tonläufen der neuen Heimath einen feierlichen und

jubelnden Morgengruß zugeblasen haben. Jetzt treibt ein gar reinlich

gekleidetes und nettes Mädle mit brennend schwarzen Augen, zarten rothen

Wangen und freundlichem Munde ein Mutterschwein sammt drei Ferkeln zur

grunzenden Armee, blickt auf, steht wie versteinert, geht auf den Benedict

zu, nennt ihn beim Namen, faßt dessen Hand, begrüßt ihn als Freund und

ladet ihn dringend ein, doch so bald als möglich in ihr Haus zu kommen.

Gewiß hat noch kein Feldherr sein siegreiches Heer mit seligeren

Empfindungen in die Heimath zurückgeführt, als jetzt der Duckmäuser seine

Ringelschwänzlein zum Walde trieb.

Er hat Brod, hat einen Freund, hat eine liebe Freundin, was will der Mensch

mehr? Bis zum Abend muß er im Walde bleiben, der Mathes ist ein

kurzweiliger Gesell, doch von zarten Gefühlen und schwärmerischen

Empfindungen versteht er nichts, dem Knechte kommt es vor, als ob der

kurze, trübe Oktobertag mit seinen dampfenden Bergwäldern ein endloser

Junitag voll Blüthenduft und Sonnenlicht und herrlicher, doch gar zu

langsam reifender Früchte sei und kaum sind seine Pflegebefohlenen freudig

grunzend und lustig schreiend heimgesprungen, kaum sind die letzten von den

Bäuerinnen unten im Dorfe in die Ställe gelockt worden, so steht der

Benedict vor der Schulkamerädin und Landsmännin, der freundlichen Rosa; ihr

Pflegevater, der alte Straßenbasche, ein ehemaliger Unteroffizier, jetzt

ein zufriedener Bauer und fleißiger Straßenknecht dazu, ladet ihn zum

Nachtessen ein und die Pflegmutter springt fort, um bei der Scheckenbäurin

drüben die versprochenen Trauben und beim Adlerwirth eine Flasche

Ueberrheiner zu holen.--Lange Jahre haben sich Rosa und Benedict nicht mehr

gesehen; sie kam fort, ehe die beiden Schwitten im Werden waren und ihre

Geschichte ist eine in jeder Hinsicht zu wahrhaftige Dorfgeschichte, die

Rosa spielt fortan eine zu erhebliche Rolle, als daß wir nichts Näheres

erzählen sollten.

Rosas Eltern wohnten einst nicht weit vom Schulhause, in welchem der

Benedict als Unterlehrer und als "der Leichtsinnigste von Allen"

Knabenlorbeern pflückte. Sie liebte den Unterlehrer, denn er sagte auch ihr

ein, machte auch ihre Aufsätze, beschützte auch sie beim Schuckballen und

Ziehen auf der Wiese gegen den Unverstand und die Rohheit des Max,

Willibald und anderer gar früh keimender Lümmel der rothen Schwitt, welche

Freude daran fanden, die Mädchen zu necken, zum Weinen zu bringen, ihre

Kleider zu zerreißen und in den Kinderhimmel derselben hineinzubengeln, bis

sie sich schüchtern mit Zusehen begnügten oder schreiend heimsprangen. Die

Freundlichkeit, Güte und Liebe des starken Benedict gegen die schwachen

Mädlen war auch der Rosa unvergeßlich geblieben, deren Geschick sich minder

freundlich gestaltete, als das der Kameradinnen, so daß sie ohne Gottes

besondern Schutz leicht ein weiblicher Zuckerhannes hätte werden mögen,

deren es jährlich mehr im Badischen wie anderwärts gibt. Rosas Eltern waren

weder reiche noch arme, sondern mittelbegüterte, dabei grundehrliche,

gottesfürchtige Leute vom alten Schlage.

War Benedicts Vater ein bischen zu finster und in Geldangelegenheiten oft

karg und hart, so war der Vater Rosas fast zu leutselig, zu gut und

barmherzig, schenkte Jedem gleich sein Zutrauen und litt an der

Schwachheit, niemals eine Bitte abschlagen zu können, wo das Helfen

irgendwie in seiner Macht stand.

Kommt eines Tages ein naher Vetter zum Klaus, wie Rosas Vater hieß, der

überall der "ehrliche Klaus" genannt wurde und dessen Wort mehr galt als

heutzutage doppelte gerichtliche Versicherung; der Vetter aber klagte

erbärmlich, denn er hat Schulden, die Gläubiger wollen entweder bezahlt

sein oder einen guten Bürgen haben. Klaus redet mit seiner Alten, leistet

richtig Bürgschaft und sein bloßes Versprechen, im Nothfalle Selbstzahler

werden zu wollen, beruhigte und befriedigt die Gläubiger des Vetters.

Dieser jedoch gehört zu den vielen gewissenlosen Schuften, die gar stolz

und eingebildet im Bauernrock und Herrenmantel an Zuchthäusern

vorüberwandeln und sich darüber freuen, daß man in der Welt gemeiniglich

nur die kleinen Spitzbuben hängt, die großen dagegen laufen läßt. Er

benützt Klausens gutmüthige Schwachheit noch weiter, nimmt auf dessen

Bürgschaft hin ein ordentliches Kapital auf, macht im Stillen Haus und Hof

zu Geld und eines schönen Morgens verschwindet er aus dem Dorfe und kommt

nicht wieder; nach einigen Monaten wandern die Seinigen ihm nach und zwar

nach Amerika, wo allmälig alle Spitzbuben und Schurken der Welt sich gerne

ein Stelldichein geben und den ehrlichen Leuten das Spiel verderben.

Jetzt kommen einige Gläubiger des saubern Vetters zum Klaus, doch ihre

Hoffnungen sind schwach, denn der Klaus ist kein reicher Mann, hat ein Weib

und vier unschuldige, unerzogene Kindlein, zudem besitzen sie nicht Schwarz

auf Weiß und das Ja, welches ehemals aus Klausens Lippen tönte, verhallt

gewiß unter dem Nein aller Gründe, welche Klugheit, Selbstliebe und

Pflichtgefühl eines Familienvaters einzugeben vermögen.

Einige Gläubiger klopfen gar nicht an, sie wollen den biedern, ehrlichen

Mann nicht einmal durch eine Frage ängstigen.

Zu den Andern dagegen spricht der Mann wörtlich:

"Mit all dem Geld, für welches ich gutstand, könnte ich meine Ehre und die

Reinheit meines Gewissens nicht erkaufen. Ich hab' Euch mein Wort gegeben

und bin jetzt schuldig mein Wort zu halten, werde es thun, so gut ich's

eben vermag!"

Einige Wochen später wird Klausens Häuslein sammt Allem, was darin und

daran ist, versteigert; er hat deßhalb mit seiner Alten keinen Streit

bekommen und mit ihr und den Kindlein beim Rindhofbauern, dem Fidele und

allzuschwachen Vater des schlimmen Max, vorläufig ein Kämmerlein und Brod

bekommen, doch am dritten Tage nach der Steigerung ist dem Klaus das Herz

gebrochen, er legt sich ins Bett und stirbt nach wenigen Stunden, während

er wörtlich also betet. Herr, du hast mich arm gemacht, darum komm' ich

jetzt zu dir und übergebe dir die Sorge für mein Weib und meine Waislein!

Gott hat das Gebet erhört; acht Tage später bricht auch dem Weibe das Herz

und sie folgt ihrem Klaus nach in ein Land, wo es keine Schuldgesetze,

keine Bürgschaften und keine Versteigerungen gibt.

Jetzt werden die vier Kindlein verloost und getrennt, sind noch viel zu

jung zum Arbeiten, das älteste zählt kaum 10 Jahre, das jüngste kaum einige

Wochen. Die siebenjährige Rosa wandert in das Haus eines wegen seines

Unverstandes und seiner Rohheit gefürchteten und berüchtigten reichen

Hofbauern, der nur darauf sinnt, wie das Kind sein elendes Bettlein und die

Dienstbotenkost mit Zinsen vergüten könne.

Rosa sollte noch lange zur Schule, doch täglich muß sie den schweren

Milchkorb auf den Kopf nehmen und stundenweit in die Stadt marschiren,

sobald der Morgen graut.

Bei uns fehlt der Schnee gar oft im Dezember und Januar; am Tage regnet's

und in der Nacht gefrierts, so daß auf allen Wegen und noch mehr auf dem

Straßenpflaster das Glatteis am Morgen die Wanderer zum Fallen bringt.

Ein Fehltritt, dann ist's geschehen und so ging es einmal dem Rosele,

diesem schwachen Kinde; sein Fuß gleitete aus und der Milchkorb lag auf der

Straße. Wie hat das Kind vor Angst und Schrecken gezittert und gebebt, als

die Scherben der Milchtöpfe klapperten! Mit weinenden Augen schaut es zu,

wie die bläuliche Milch in gefrorene Fußtapfen und Wagengeleise rinnt,

fühlt schon den Seilstumpen sammt dem Farrenwedel des Pflegherrn auf dem

Rücken, weiß nicht mehr, was es thut, liest endlich einige Kohlköpfe und

Scherben zusammen, in welchen noch ein wenig Milch zurückblieb und läuft

still weinend und schluchzend der Stadt zu.

Vom Korbe herab tröpfelt die Milch noch immer über das grüne Biberkleidlein

und das Kind sieht bald aus, als ob es einmal Milch geregnet habe, in

seiner Todesangst hat es die Sache erst auf dem Wochenmarkte wahrgenommen.

Hier begegnet es seinem ehemaligen Unterlehrer, dem Benedict, denn der

Hofbauer, bei welchem Rosa lebt, wohnt nicht im Dörflein, sondern gehört

nur noch zur Gemeinde desselben. Beide sehen sich sonst blutwenig, jetzt

aber sieht er seine alte Schülerin wieder und hört die schlimmen

Prophezeiungen der Weiber, welche den unmenschlichen Hofbauern kennen.

Benedicts Geheimkasse hinter dem großen Getüchtrog ist gerade in Floribus,

er schenkt dem Rofele gerade so viel als es heimbringen soll, kauft dazu

neue Milchtöpfe, tauscht dieselben gegen alte aus und weil ein Milchtopf

ziemlich wie der andere aussieht, geht das vor Freuden weinende Mägdlein

mit dem Gelde und der vollen Anzahl seiner Töpfe aus der Stadt getrost

wieder heim.

Der Hofbauer erfuhr niemals etwas von der Milchgeschichte und das Rofele

zählte zwölf Jahre, als es von dem Unmenschen erlöst und in demselben

Rheindorfe beim Sraßenbasche ein Unterkommen fand, in welchem jetzt der

verstoßene Duckmäuser als Knecht des "Saumathes" lebt.

Der Straßenbasche ist, wie gesagt, ein alter pensionirter Unteroffizier,

hat in den napoleonischen Kriegen große und kleine Kugeln tausendweise

summen, singen und pfeifen hören und brachte er es im Felde bei aller

Pflichttreue und Tapferkeit nicht weiter als zum Sergeanten, so brachte er

es im Frieden und in der Ehe nicht einmal zum Vater. Er war von Hause aus

ein armer Teufel, doch sein ehemals fuchsrother Schnurrbart zündete ein

Flämmlein im Herzen eines braven und bemittelten Mädchens an, sein

grundehrliches, biederes Soldatenherz brannte schon vorher ein bischen, der

Pfarrer schloß den altmodischen Dorfroman mit einer Trauung und beiden

Leutchen fehlte bei ihrem christlichen, genügsamen und deßhalb sorgenfreien

Leben nichts zum Glücke außer einem Kinde.

Gott, welcher den Seufzer des sterbenden Klaus gehört, lieferte dem

Straßenbasche und dessen bravem Weibe das arme Rosele in Hände und Haus und

vom zwölften Jahre ihres Alters lebte das Mädchen nicht als Magd, sondern

als erklärte Tochter und künftige Erbin des ganzen Hauswesens beim

Straßenbasche. Gar oft hatten die Pflegeeltern die Milchhafengeschichte

gehört und mit der Erzählerin gewünscht, den edelmüthigen Helfer in der

Noth kennen zu lernen, jetzt sitzt die seit sechs Jahren zur blühenden

Jungfrau herangewachsene älteste Tochter des ehrlichen Klaus mit

freudestrahlendem Gesichte dem Benedict gegenüber und dieser liest aus

ihren Augen einen ganzen Himmel heraus.

Der Straßenbasche küßt wahrhaftig in seiner Begeisterung ob der

Milchgeschichte die Hand des armen Gastes, er und seine Frau betrachten den

Liebesdienst, als ob er ihnen erwiesen worden wäre, die Rosa hat heute

wieder Alles lang und breit erzählt, der Benedict fängt bereits an stolz zu

werden, doch plötzlich fängt die Rosa auch an, in Gegenwart der

Pflegeeltern dem Staunenden alle Streiche, welche er daheim ausgeübt, von A

bis Z herzuzählen; an jeden Streich knüpft sie sammt dem Straßenbasche gar

zärtliche Mahnungen und liebreiche Warnungen und schließt endlich die lange

Strafpredigt mit den Worten:

["]Ueberlege, Benedict, überlege nur, was ein Gottloser stiften kann. Du

hast meine Eltern gekannt und weißt, daß wir Kinder noch glücklich in ihren

Armen leben könnten, wenn nicht ein schlechter Mensch gemacht hätte, daß

beide fast mit einander gesunden Leibes ins Grab sanken. Gott gebe ihnen

ewige Ruhe und ihrem Mörder den Frieden, mir aber Segen, dich für die

Rechtschaffenheit zu gewinnen. Meinst du, ich hätte dich und jenen

Marktmorgen je vergessen? Einen leichtsinnigen Streich nach dem andern

mußte ich von dir hören und das kränkte mich tief in die Seele hinein! ...

Darfst es glauben!"

Sie konnte vor Weinen nicht mehr reden, dem Straßenbasche rannen auch die

hellen Thränen in den halbrothen Bart, sein Weib, die weichherzige Klara

schloß die fromme Pflegetochter in die Arme, küßte dieselbe und konnte nur

die Worte hervorbringen: Oh Rosele, mein Kind, mein liebes Kind!

Regungslos hat der Duckmäuser bisher am Tische gesessen, jetzt steht er

tief erschüttert auf, um die Hand der Schulkameradin zu küssen und

feierlich zu geloben, ihr zu folgen, den Leichtsinn und Hochmuth von heute

an ganz fahren zu lassen und ein Christ in Wahrheit zu werden.

Spät geht er vom Straßenbasche weg und dieser sammt der Klara haben ihm

herrliche Aussichten in ein friedsames, ländliches Stillleben mit der

Pflegetochter, ihrem einzigen Kinde gemacht, wenn er sich nur bessern

wolle.

Der Benedict führte sich brav und klaglos auf. Er besaß keine Kleider außer

den elenden Lumpen, mit welchen er gekommen war, getraute sich nicht, von

seinen neuen Eltern bessere zu fordern, doch schon vor Neujahr war er vom

Kopf bis zu den Füßen neu gekleidet, konnte vier nagelneue weiße Hemden

aufzeigen, dazu einige Sechsbätzner, um der Rosa einen Neujahrskram zu

kaufen und was das Vornehmste dabei war, er durfte sich zum erstenmal in

seinem Leben sagen, nur auf ganz ehrlichem Wege zu all diesen

Herrlichkeiten gekommen zu sein.

Den ganzen Tag war er mit dem Mathes im Walde bei der Armee; die viele

freie Zeit benutzte er, um Birkenreiser zu schneiden und Besen daraus zu

machen, die Besen aber sendete er auf den Markt. Einmal bekam er auch

Gelegenheit, einem schönen Hasen, der mit offenen Augen hinter einem

Pfriemenstocke schlief, das Peitschenholz zwischen die Löffel zu legen und

verkaufe das kleine Vieh an den Adlerwirth. Wenn er Morgens seine

Ringelschwänzlein zusammenblies, kam manchmal auch eine Bäurin und schenkte

dem treuen, braven Hirten einige Kreuzer und zu all diesem kamen zwei

Hochzeiten, wobei der "Saumathes" den Brummbaß wieder schnurren ließ, sein

Knecht neben ihm die Klarinette blies, daß es fast die französischen

Zollwächter drüben hörten.

Bei diesen Hochzeiten trank er auch wieder ein Schöpplein, doch keinen

Rausch nach Musikantenart; vorher und nachher sah er das Innere einer

Wirthsstube nicht bis zum Neujahrstage, wo er zum erstenmal mit seiner Rosa

in den Adler hinüberging, der Straßenbasche mit der Klara kamen später

auch, ein Freudlein in Ehren kann niemand verwehren!

Wie daheim, luden ihn die Leute unaufhörlich in ihre Kunkelstuben ein, doch

er blieb weg, denn entweder hatte er mit seinen Besen zu thun oder er saß

im stillen, frommen Kreise beim Straßenbasche. Noch in den letzten Tagen

des alten Jahres bemerkte der Benedict beim Ausfahren, welche Augen und

Geberden eine Katharin machte und wie sie mit Schauen, Grüßen und Reden

nicht fertig werden will, am Neujahrstag sagt ihm im Adler die Tochter des

Mathes: "Käther will Dir fünf Kronenthaler geben, wenn Du sie ins

Wirthshaus nimmst!"--"Soll sie nur einem Andern geben, ich habe schon

soviel, als ich und das Rösele brauchen!"--"Bist aber doch recht dumm, wenn

mans so haben kann!"--"Laß mich dumm sein, Fränz, und bleibe Du gescheidt!"

Richtig sitzt er am Neujahr neben dem Rösele im Adler und die Wirthin hat

ihn glücklich gepriesen, wiewohl das Pärlein den ganzen Abend nur zwei

Flaschen Batzenvierer trank.

Hatte er doch in kurzer Zeit nicht nur die innige Liebe der alten

Schulkameradin, sondern auch die volle Zuneigung des braven Basche und

dessen Weibes errungen, war wohlgelitten bei Jung und Alt und verlebte hier

die seligsten Tage seines Lebens!

Weil er in keine Kunkelstube ging, kamen allmählig und besonders nach

Neujahr Buben und Mädlen, Weiber und Mannen zu ihm in die Behausung des

"Saumathes," dessen Stube bald zu klein wurde, wenn der Knecht darin zu

finden war.

Am Neujahr hätte dieser den Schweinhirtendienst aufgeben können und wurde

arg von den Leuten im Adler geplagt, sich bei ihnen zu verdingen und der

Basche selbst redet ihm scheinbar ernstlich zu, doch der Benedict meint:

"Bah, bah, 's ist nichts; ein Wirthshaus, das wäre gerade der Platz für

mich, um bald wieder in den alten Werktagshosen zu stecken!"--"Gelt, Du

traust gewiß der Magd des Adlerwirths nicht?" lacht der Basche--"Nein,

nein, ich traue mir nicht!" erwiederte der Benedict und gar wohlgefällig

streicht der Alte den halbrothen Schnurrbart.

Schon seit jenem Tage, an welchem der Duckmäuser bei der ersten der beiden

Hochzeiten, welche seit Oktober im Adler gehalten wurden, lief sich der

blinde Michel fast die Füße aus dem Leib, weil er Klarinettblasen lernen

wollte, der Vater desselben kam auch oft, bat inständig und machte große

Versprechungen, doch Alles nützt nichts, denn der leiblich blinde Michel

hat einen geistig blinden Vater und das Haus desselben ist gerade

dasjenige, in welchem sich die Rothschwittler des Rheindorfes häufig sehen

lassen. Zwar geht der Basche selbst zuweilen zum Nachbar hinüber, andere

ehrbare Leute thun es auch, doch der Duckmäuser glaubt, Gelegenheit zu

meiden sei mindestens für ihn das Ersprießlichste, die Leute, welche ihm in

die Stube des "Saumathes" nachrennen, bringen ohnehin Anfechtungen und

Versuchungen genug. Endlich bittet ihn das Rösele, sich des blinden Michels

zu erbarmen und demselben in der Stube der Pflegeeltern das Klarinettblasen

zu lehren und jetzt thut er es wirklich.

Als freundlicher, gefalliger, hübscher Bursche und Geschichtenerzähler

steht der Duckmäuser längst in hohem Rufe, jetzt wird der Straßenbasche ob

dem "musikalischen Scheine" desselben schier ein Narr und räth ihm eines

Abends, zum Militär zu gehen und "Hobist" zu werden und meint, bis zum

Kapellmeister könne er's leicht bringen. Dieses Wort zündete, denn Hobist

zu werden, war einer seiner alten Jugendträume und der Gedanke an Erfüllung

dieses Traumes ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe mehr.

Wem dies am wenigsten gefiel, war das Rösele und am dritten Abend, wo der

Basche wieder vom Hobistwerden spricht und der Benedict sich streckt, als

ob er just unters Maaß stehen wolle, meint sie. "Die Kasern' ist für den

Benedict noch gefährlicher als der Adler, lieber will ich ihn zeitlebens

beim Mathes sehen denn beim Regiment!"--Das heißt den alten Unteroffizier

ein bischen an der Ehre angreifen und er sagt: "Wer liederlich sein und

bleiben will, kanns bei der Sauheerd' so gut und wohl noch besser als beim

Regiment; 's gibt schlechte, gottvergessene Sauhirten und brave

gottesfürchtige Soldaten!"--"Wohl, doch kommt Alles auf die Anlage an, die

Einer hat!"--"O närrisches Kind, gerade der Anlagen wegen sollte der

Benedict Hobist werden; 's hat schon Mancher sein Glück beim Militär

gemacht und er machts auch, das weiß ich zum Voraus!"--"Ja, wenn er nur

lauter gute Anlagen hätt', doch hat er auch Anlagen, die bei den Soldaten

reichlich ... ich will gar nichts weiter sagen!"--"Bist viel zu ängstlich,

Rösele; bei den Soldaten ist eine Zucht, wo diese Anlagen, welche dir bange

machen, zurückweichen müssen; haut er über die Schnur, mein! wie wird er da

gezüchtiget! ... Übrigens ist er kein Spieler, kein Wirthshaushocker und

Vieles Andere nicht, es läßt sich nur Gutes hoffen! ... Ich machte mir ein

Gewissen daraus, gegen sein Glück zu sein!"--"O Vetter," sagt die Rosa sehr

ernst und wehmüthig, "wenn der Benedict beim Regiment einmal gezüchtigt

wird, dann ist's zu spät! ... er ist freilich kein Spieler und kein

Wirthshaushocker, das ist wahr, doch ist er stolz, leichtsinnig und dabei

der gute Jockel selbst, das habe ich als Kind auf dem Wochenmarkte schon

erfahren!"--"Bah, baperlapap, unser Herrgott lebt auch noch!" meint der

alte Unteroffizier und langt nach seinem Nasenwärmer, welcher unter der

Tafel hängt, die seinen Abschied und das Dienstzeichen einrahmt.--"Ich will

jetzt nichts mehr sagen, meint die Rosa, doch so lange ich ihn beim

"Saumathes" sehe, habe ich für ihn gute Hoffnung, es ist der geeignetste

Platz, um seine ... Anlagen niederzuhalten; dagegen gebe ich alle Hoffnung

auf und spreche ihm alle Hoffnung ab, wenn er zu den Soldaten geht! ... Ihr

werdet einmal an mich denken, Vetter!"

Schweigend hat der Duckmäuser Alles angehört; Rosas letzte Worte wirkten

auf sein Herz, wie Hagelschlag in Blüthenwäldern, das Blut drang ihm zu

Kopfe und er mußte sich Gewalt anthun, um seinen Unmuth nicht zu äußern.

Beim Fortgehen begleitet ihn die Rosa hinaus und unter der Hausthüre fängt

sie noch einmal von der Sache an.

Rösele wiederholt Alles, was sie drinnen gesagt hat, der Benedict entgegnet

"Denk' doch auch an den Vetter, den Straßenbasche! Ist dieser nicht von

früher Jugend bis ins gesetzte Alter Soldat gewesen und hat er Etwas zu

bereuen?["]--"Wohl wahr, doch bevor er zu den Soldaten kam, hatte er auch

nicht zu bereuen, was du bereuen mußt. Frag' ihn, ob er auch je so

grenzenlos leichtsinnig gewesen sei, wie Du? Und ob er sich auch soviel

eingebildet hat, wie Du? Wirst ganz andere Dinge hören, als man von Dir

hören kann!"--"Hoh, Rösele, sei doch nicht so hart, was kannst Du mir denn

seit Oktober vorwerfen und ist's nicht bald ein halbes Jahr?["]--"Liebster,

ich sehe und höre wohl, daß Du der alte "Leichtsinn" noch bist und mit

Gewalt deinen Leib und deine Seele verderben willst. _Jetzt_ stehst Du

auf deinem Eigenthum, in deinem eigenen Hause und dies so lange, als Du

hier bleibst, wenn Du aber in eine Stadt gehst, dann" ...--"Dann nimmst

einmal einen Andern statt meiner ins Haus, he?" fragt der Benedict etwas

verhofft.--"Nein, ich nehme keinen Andern, aber ebenso wenig Dich, wenn Du

nicht vom Regiment wegbleibst."--"Rösele, lieb Rösele, sei doch nicht so

ängstlich, wirst sehen, daß ich halte, was ich Gott und Dir und deinen

Leuten versprochen habe. Der Vater hat schon gesagt, ich komme hinüber nach

Freiburg, dann kann ich gar oft zu Dir kommen und siehst doch lieber Einen

mit dem Säbel an der Seite und dem Kriegshute auf dem Kopfe, als wenn ich

immer und ewig mit der Geisel und dem Hörnle im Dorf und Wald bei den Sauen

herumtrummle!"--"Ja gerade das ist's, was mir so bange macht; ich sehe

wohl, daß Du dich des Dienstes beim Saumathis schämst und könntest Dich

nicht schämen, wenn Du deine Umstände nur ein wenig zu Herzen nähmest!"--

"Gute Nacht, lieb' Rösele, bleib mir nur treu und gut, dann wird Alles

recht werden!"

In den letzten Tagen des Märzmonats wandert der Straßenbasche mit dem

Benedict nach Freiburg; der Benedict kann die schöne große, vierstöckige

Kaserne und die Offiziere, Unteroffiziere, Hobisten und Soldaten, welche

blank und stolz aus dem Thore strömen, nicht genug anschauen; sein Herz

bebt vor Freude und Bangigkeit, wie er mit seinem Begleiter die steinernen

Stufen des der Kaserne gegenüber liegenden Kommandantenhauses hinaufsteigt.

Der Oberst verzieht das ernste Gesicht mit dem grauen Schnurrbarte zu einem

freundlichen Lächeln, denn der Straßenbasche hat als Unteroffizier unter

ihm gedient, die Beiden haben Pulver genug mit einander gerochen und kennen

sich noch recht gut; wenn der Basche ein Geschäft in Freiburg hat, muß er

zuweilen seinen ehemaligen Hauptmann heimsuchen, 's kostet dem jetzigen

Obersten nur ein Schöpplein vom Guten und er läßt sich's gar gerne kosten.

Die Beiden werden also gar herablassend und freundlich empfangen, der

Straßenbasche rapportirt, was ihm wegen des Duckmäusers auf dem Herzen

liegt, der Oberst betrachtet den Rekruten und meint, die Sache habe gar

keinen Anstand, wenn der Junge nur von den Aerzten für tauglich erklärt

werde und ein gutes Sittenzeugniß aus seiner Heimath mitbringe.

Wie der arme Benedict vom Sittenzeugniß hört, werden alle Luftschlösser zu

Wasser, das Herz fällt ihm in die Hosen, er bekommt so ziemlich den

Knieschlotterer und weil der Straßenbasche auf dem Heimwege auch einen

bedenklichen Kopf macht und die Neuerungen mit den Sittenzeugnissen

verflucht, verliert der Rekrut fast alle Hoffnung, jemals in seinem Leben

Hobist zu werden.

"Sechs Jährlein Soldatenstand machte den Benedict zu einem Prachtskerl für

das Rösele, wenn er nur angenommen wird! Gottlob, daß der Oberst mein alter

Kriegskamerad war!" sagt der Straßenbasche daheim und der Benedict muß

gleich um ein Sittenzeugniß schreiben.

Wer sich ob der Betrübniß des Benedict am meisten freut, ist außer der

Mutter Klara natürlich das Rösele, welches laut darüber jubelt, weil der

Himmel bereits ihr Flehen erhört habe.

Am vorletzten Tag des Märzmonats sitzt die Rosa mit der Walburg und Lisi am

Tische, sie nähen und spinnen und plaudern, die Mutter hat ihr altes

Gliederreißen und ist gleich nach dem Nachtessen ins Bett gegangen, der

Vater dagegen sitzt beim runden französischen Ofen, stopft den Nasenwärmer

mit Dreimännerknaster, reicht dann das Päckle dem Benedict, dieser stopft

seinen Mohrenkopf auch, zündet dann einen Fidibus an und hält ihn auf die

Pfeife des Vaters. Der Straßenbasche thut jedoch gerade, was er

allabendlich thut, nämlich er erzählt von seinen Feldzügen und diesmal von

einem Gefechte in Spanien; statt tüchtig am Mundspitz zu ziehen, damit der

Knaster anbrenne, erzählt er immer weiter, der Fidibus brennt beinahe ab

und wie der Benedict daran erinnert, lacht der Straßenbasche und meint, ein

Soldat müsse Feuer und Schwert ertragen können, sonst sei er ein Tropf. Auf

dieses Wort hin hebt der Duckmäuser den eben weggeworfen flammenden Fidibus

wieder auf, hält denselben wiederum auf den Nasenwärmer und zwischen den

Fingern fest, bis er gänzlich verbrannt ist.

Die Mädlen am Tische lachen sich schier krank ob solcher "Dummheit" und die

Rosa meint sehr offenherzig: "Wenn Dir nur die Finger abgebrannt wären,

dann würdest Du froh sein, Sauhirt bleiben zu können! ... Vielleicht wär'

es in anderm Betracht auch noch gut gewesen! ... was kann man sagen!"----

Der zweite Fidibus entzündet den Nasenwärmer des Straßenbasche und dieser

beginnt, dem Benedict Verhaltungsregeln für den Militärstand herzuzählen,

denn schon morgen muß der zweite und entscheidende Gang nach Freiburg

gemacht werden, vielleicht liegt das Zeugniß des Rekruten bereits beim

Kommando und--Probiren geht über Studiren.

Der Vater kommt eben recht in Zug, da meint das Rösele unwillig: "Das ist

nichts, Vetter, Ihr braucht ihm nicht noch zu sagen, wie er sich zu

verhalten habe! ... Wißt Ihr, was er braucht? ... er braucht Etwas, das hat

niemand, niemand kann ihm's geben... er bleibt bei mir!"--

* * * * *

#DER DUCKMÄUSER WIRD SOLDAT, SUCHT UND FINDET IN DER KASERNE VORBILDER#

Am 31. März 183.----es war wiederum an einem Freitag, und Mittwoche mit

Freitagen spielen im Leben unsers Helden eine merkwürdige Rolle--steht der

Benedict im paradiesischen Zustande vor den Regimentsärzten der Freiburger

Garnison und die Herren machen ein bischen seltsame Augen, Einer davon sagt

den Grund: "Füße wie zwei Sicheln, Rücken wie das Grammische

Bierkellergewölbe, vom Kinn bis zu den Knöcheln Eine Dicke, mein Gott, was

soll denn aus dieser Figur gemacht werden?" ... "Wenn wir noch Einen dieser

Art hätten, besäßen wir ein hübsches Gestell für die große Trommel!" sagt

trocken ein grauer Chirurg, der bei Leipzig die Säge drei Tage lang nicht

aus den Händen gebracht hat.--"Was hat denn der Mann bis jetzt gearbeitet?"

fragt der Kritiker wieder.--"Ich bin ein Bauer!" stottert der Benedict und

schnappt nach Luft.--"Ach, da ist der Rückenkorb viel getragen worden, man

sieht's dem Rücken, den Füßen, dem ganzen Mann an!"--"Nein, meine Herrn!

doch auf dem Kopfe habe ich viel und schwer getragen."--"Das sieht man

wohl, 's ist eine Terrasse, worauf ein Ball arrangirt werden könnte!" meint

der trockene Chirurg.--Nun, tröstet der Oberarzt, die Füße werden sich

schon wieder strecken, der Tornister wird sich auch Platz machen, der Mann

sieht gut aus, hat eine starke, ausdauernde Brust, er kann gut werden!--

"Aber der kann doch den großen Bombardon noch nicht erspannen?" fragt der

Graue.--"Weiß nicht, er hat ... lange Finger, er ist tauglich!" lächelt der

Oberarzt, Eine Viertelstunde später mißt der Compagnieschneider im Zimmer

der Staabscompagnie dem Benedict Rock und Hosen an und prophezeit, er werde

die Montur meisterhaft machen, doch koste es ein Maaß Bier.

Am ersten April sitzt er auf dem Gang des Hintergebäudes der Kaserne, wo

die Hobisten hausen, und ein entsetzlich langer Tambour stutzt ihn mit Kamm

und Scheere um ein Schnäpschen zu einem vollkommenen Hobisten um, hält ihm

dann den kleinen Spiegel vor und der Rekrut kann sich in seiner nagelneuen

Montur nicht genug bewundern.

Schade, daß er nicht sofort zur Säbelkuppel greifen und zum Rösele ins

Rheindorf hinüber marschiren darf; der Weg ist doch etwas weit und die

Rekruten müssen zuerst Honneurs machen lernen, bevor sie zum Gitter

hinauskommen.

Am zweiten Sonntag nach dem ersten April sagt der Straßenbasche beim

Mittagessen. "Rösele, am nächsten Samstag gehen wir wieder einmal auf den

Wochenmarkt, nach Freiburg hinüber und wollen sehen, was er macht!"--"Ja,

ich mag gar nichts mehr hören!"--"Sei doch nicht so einfältig, hast

verweinte Augen und ganz umsonst; er ist ja kein Kind mehr und sieht an

Andern, wie weit er mit dem Leichtsinn kommt."--In diesem Augenblicke

springt des Nachbars kleine Johanne athemlos zur Thüre herein und keucht

und sagt: "Rosa, dein junger Vetter ist wieder beim "Sanmathis!"... er ist

kein Sauhirt mehr! ... hat einen Säbel! ... Soldat ist er!" "Was? ... Beim

Hirt ist er? ... wirst nicht recht gesehen haben, Hanne!"--"Ho, er hat mir

ja einen Wecken gegeben, da guckt, den Wecken hat er mir gegeben!"

Der Straßenbasche sieht auf und will zur Thüre hinaus, im gleichen

Augenblick öffnet sich diese und in der Stube steht ein schmucker Hobist,

der militärisch grüßt und wohlgefällig lächelt.

"Aber Röfele, kennst ihn noch? jetzt sag' nur nichts mehr, sonst--..." "O

Vetter, ich bitt' Euch! ... will gern nichts mehr sagen, wenn einmal dort

neben Eurem Abschied ein ähnlicher von ihm an der Wand hängt!"--

Schon eilen Nachbarn und Freunde herein, Alle wollen den Hobisten sehen,

sprechen, ihm gratuliren, sogar der blinde Michel tappt herein und greift

an ihm herum, greift gleich einen Offizier heraus; Alles lobt, bewundert

den Benedict, tadelt die unerbittliche Rosa und diese muß zuletzt, um den

Straßenbasche nicht zu erzürnen, auch ein Wörtlein des Wohlgefallens von

sich geben.

Wie die Leute wieder fort sind, fragt der Alte: "Wie ist's mit dem Zeugniß

vom Amt und Bürgermeister gegangen?"--["]Gar nichts weiß ich davon;

entweder ist's vergessen worden oder die Offiziere haben es gar nicht oder

im Wirthshause gelesen! Gewiß bleibt, daß zwei Andere fortgeschickt wurden,

weil ihre Zeugnisse ein paar Tage ausblieben!"--"Ho, der Oberst hat eben

deine Jugend in Anschlag genommen, er ist ein guter Herr, Alles vergißt

sich leicht, wenn Du brav bleibst!"--"Ja, brav ist der Oberst! Gestern auf

der Parade meldete ich mich und bat für heute um Urlaub, um

Kleinmonturstücke zu holen. Da hat er mich ein wenig finster angeschaut und

gefragt, ob ich denn eine Kaserne von einem Taubenschlage zu unterscheiden

wisse. In der Todesangst nannte ich ihm Euern Namen, da strich er den

großen Schnauz und gab mir Urlaub!"--"Wie lange?"--"Morgen früh bei der

Tagreveille muß ich unterm Kasernenthor sein!"--"Ja, das sieht ihm gleich,

er ist noch der alte Fuchser, bis er weiß, wen er vor sich hat!" lachte der

Unteroffizier.

Am andern Morgen oder vielmehr kurz nach Mitternacht eilt der Benedict mit

einem ordentlichen Päcklein Freiburg zu. Mutter Klara und Rösele haben

feine, blendendweiße Leinwand, woran übrigens im gesegneten Breisgau kein

Mangel ist, hergegeben, damit der bierdürstende Compagnieschneider 2 paar

Sommerhosen daraus mache; die Mutter des blinden Michel sorgte für Leinwand

zu Unterhosen und Kamaschen, die Mutter des Saumathes brachte Hemden und

Schuhe, der Straßenbasche und Andere schwitzten etwas Geld, das Rösele

legte 3 baare Gulden dazu; noch nach Mitternacht geben einige Buben dem

Benedict das Ehrengeleite eine gute Strecke weit und kehren erst auf sein

wiederholtes Geheiß singend und jodelnd ins Dorf zurück.--Das Rösele hat

ihm mit weinenden Augen so dringend empfohlen, Gott vor Augen zu haben und

sich an brave, erfahrene Kameraden zu halten, der Duckmäuser muß Vorbilder

suchen und diese sich zu Freunden machen, hat bereits seine Augen prüfend

umhergeworfen.

Montags nach der Austheilung der Menage mißt ihm der _Feucht_, der

Compagnieschneider die Sommerhosen an und während der Operation fällt es

dem Benedict bei, dieser Schneider sei das erbaulichste Muster eines

stillen, frommen, gottesfürchtigen Soldaten. Weßhalb? Er hat die Maaß Bier,

welche der Benedict ihm wegen der Montur zahlte, noch nicht getrunken, ist

ein alter Soldat, der schon zum vierten Mal für Andere einstund, ein

ruhiger gesetzter Mann, welcher den ganzen Tag bei seiner Arbeit sitzt,

sehr wenig redet, mit Keinem umgeht, sich in seinem Arbeitseifer ungern

stören läßt; die einzige Gelegenheit, bei welcher er zornig wird und in

seiner Seehasensprache furchtbare, niegehörte Flüche zum Besten gibt, ist

die, wenn Einer ihn necken will oder ihm Wachs, Zwirn, die Scheere, Maaße

und dergleichen verlegt oder wegstipitzt oder nach seinem Ausdrucke "Dreck

schwätzen" will.

So lange der Benedict unter den Zweifarbigen steckt, hat sich Meister

Feucht noch nicht herausgewichst, nicht einmal den ungeheuern rothen

Schnurrbart gekämmt und wozu hätte er es thun sollen? An Werktagen wie an

Sonntagen arbeitet der Schneider und kommt kaum zur Stubenthüre, geschweige

zur Kaserne hinaus.

Solch Muster der Eingezogenheit und Solidität hätte Benedict nicht unter

den Hobisten gesucht; diese sind ein ziemlich lustiges und leichtes

Völklein und der Feucht beinahe der Einzige, an welchen er sich getrost

anschließen möchte.

Doch jedes Wort, was der Straßenbasche vorgepredigt, klingt fort in unserm

Rekruten und so oft er sich dem Compagnieschneider nähern will, glaubt er

aus dem ernsten, strengen Gesichte desselben folgende Worte des

Straßenbasche zu lesen:

"Ein Rekrut soll sich vor allen längerdienenden Leuten stets in

ehrerbiethiger Stellung und Entfernung halten, sich nicht vorwitzig oder

gar frech in deren Reden mischen und Vorgesetzten jedes Ranges nur wenn er

von diesen Etwas gefragt wird, anständig, bescheiden, kurz und wahrhaftig

antworten!"

Unter solchen Umständen mußte sich der Duckmäuser einstweilen begnügen, den

Meister Feucht aus naher Ferne zu bewundern und mit dem Spruche trösten:

Kommt Zeit, kommt Rath, dann folgt die That!--

Am 5. Mai steht der Schneider in aller Frühe auf, bürstet mit der

Silberglätte die rothgewordenen Messingknöpfe seines Monturfrackes, den

Säbel, die Bataillenbänder des Tschako's, klopft dann drunten im

Kasernenhofe Rock und Hosen aus, kleidet sich an und geht zum ersten Mal

seit 5 Wochen im vollen Staate zur Thüre hinaus.

Der Benedict besitzt nicht den Muth, Einen um Erklärung des so räthselhaft

gewordenen Betragens seines Vorgesetzten zu bitten, denn er ist der Jüngste

von Allen und diesmal sicher auch der Gespannteste. Um 8 Uhr geht der

Schneider zum Rapport, wird unsichtbar bis um 9 Uhr, wo derselbe mit

geröthetem Kopfe zur Probe kommt. Letztere ist beendigt, Meister Feucht

nähert sich seinem Bette, doch zieht er den Frack nicht aus, sondern kämmt

nur seinen feuerrothen Schnurrbart recht sorgfältig und eilt dann abermals

raschen Schrittes zur Thüre hinaus.

Der Schneiderstuhl bleibt heute den ganzen Tag unbesetzt, nicht Eine Nadel

fädelt dessen Inhaber ein, weil er sich weder beim Mittagessen, noch beim

Verlesen sehen läßt.

Abends macht der Duckmäuser einen Spaziergang; kurz vor dem Zapfenstreich

kehrt er zurück, die Tambours spannen ihre Trommeln, beim Kasernenthor aber

hält ein Bauer mit einem Mistwagen; er trägt einen Tschako in der einen,

die Geisel in der andern Hand, auf dem Mistwagen aber liegt lang

ausgestreckt ein Soldat, ein Hobist, stöhnend, ächzend und unverständlich

fluchend. Der Benedict erschrickt nicht wenig, wie er in diesem Hobisten

sein nachahmungswürdiges Muster, nämlich den Compagnieschneider Feucht

erkennt. Doch, wem ein Unglück begegnet ist, pflegt nicht Versuche zum

Singen zu machen, der ganzen Welt Brüderschaft anzubieten und vor der

Kaserne in seligem Entzücken zu jauchzen. Der gute Feucht ist schwer

betrunken; der Bauer muß ihn abladen, singend legt er sich sofort auf den

Boden, zwei Soldaten tragen und schleppen ihn zunächst auf die Stockwache,

von da in den Dunkelarrest für Unteroffiziere und hier mag er nach etwa 36

Stunden aus überirdischen Sphären wieder zum Bewußtsein seines soldaschen

Schneiderthumes gelangen.

Benedict erzählt den Musikanten, was ihrem Schneider begegnet sei, doch

Keiner verwundert sich darob und der Nachbar zählt kurz Meister Feuchtens

Erlebnisse auf. Nach drei Tagen wird dieser wiederum erscheinen, sich ruhig

auf den Schneiderstuhl setzen, genau sechs Wochen lang die Nadel und das

Bügeleisen schwingen, schweigsam, unermüdlich, ruhelos, denn sechs Wochen

hat er Kasernenarrest und nur so lange der Schneider von diesem

festgehalten wird, ist Hoffnung da, daß die Hosen und Röcke der Hobisten

geflickt werden. Heute über 6 Wochen wird Feucht sich wieder putzen, um 8

Uhr zum Rapport gehen, um sich als freier Mann zu melden, um 9 Uhr mit

rothem Kopfe, doch taktfest die Deckel schlagen, um 10 Uhr verschwinden,

Abends kurz vor dem Zapfenstreich von einem Bauer vom Mistwagen geladen,

von zwei Soldaten der Kasernenwache in den Dunkelarrest für Unteroffiziere

geschleppt werden und so fort bis in ferne Zeiten.

Also hat's der Compagnieschneider Feucht vom Bodensee seit vielen Jahren

gehalten; alle Obersten und Generale Europas würden ihn nicht dazu bringen,

frei und freiwillig eine Nadel zu berühren, im Arrest dagegen ist er

anerkannt der eifrigste und beste Schneider des ganzen Regimentes und

dereinst wird er im Arrest oder im Rausche Abschied von der Welt nehmen und

diese wird um ein Original ärmer geworden sein.

Der Duckmäuser hörte auf, den Compagnieschneider als sein Vorbild zu

betrachten, er dachte an Rosa und seufzte.

Unter 30 bis 40 Mann sollte es keinen braven und frommen geben? Nein, unter

den Musikanten des Regimentes gibt es nachahmungswürdige, wackere und

geschickte Leute, vorzüglich unter den Hobisten erster Klasse, doch diese

sind verheirathete Männer, wohnen gar nicht in der Kaserne, lassen sich

nicht zu einem jungen Menschen herab, kommen nur Morgens mit dem

Kapellmeister zur Probe und der Benedict darf ihnen höchstens die

Säbelkuppel anstreichen, die Knöpfe und Anderes recht glänzend putzen.--

Im Zimmer befindet sich ein junger Mann, auf welchen das Auge des

Enttäuschten fällt. Derselbe spricht fast noch weniger als Meister Feucht,

geht auch mit Niemanden um, er liest beständig. Er liest vor und nach der

Probe, liest während des Mittagsessen, liest den ganzen Nachmittag und wenn

er Abends zuweilen ausgeht, nimmt er jedesmal einen Pack Bücher mit und

bringt einen andern zurück. Schon lange hätte ihn der Duckmäuser gerne um

eines seiner interessanten Bücher gebeten, doch er getraute sich dessen

nicht, Straßenbasche's Ordre kommt ihm nicht aus dem Sinn; bald eilt ein

glückliches Ohngefähr dem Schüchternen zu Hülfe. Eines Morgens steht der

Lesefreund sehr frühe auf, setzt sich ans Fenster, liest und vergißt vor

lauter Lesen das Morgenessen, liest fort, bis der Kapellmeister erscheint.

Jetzt steht er auf, schleppt seine große Trommel an ihren Platz, haut

während der Probe ingrimmig auf das Kalbsfell hinein, schlägt einigemal

fehl und erhält dafür 2 Tage Zimmerarrest, um die Gedanken zu sammeln.

Mittags kommt er zum Benedict, ersucht denselben, ihm einen Pack Bücher in

die Leihbibliothek Waizeneggers zu tragen und alle zu bringen, deren

Nummern auf dem beigelegten Zettel ständen. Freudig geht der von

Kindesbeinen an dienstfertige Duckmäuser mit den Büchern fort, läuft jedoch

nicht die Kaiserstraße, sondern den Löwenrempart hinauf; auf diesem kleinen

Umwege ist er sicherer vor honneurswüthigen Unteroffizieren und Offizieren

und kann ein bischen in die Bücher hineinschauen. Ein leidenschaftlicher

Geschichtenerzähler ist der Duckmäuser von jeher gewesen, die Titel dieser

Bücher eröffnen ihm eine neue Welt, er begreift die Lesewuth des großen

Trommelschlägers, indem er liest: Bruckbräu oder der baierische Hiesel

geschildert als Wildschütz, Räuberhauptmann, und landesverrufener

Erzbösewicht--Simon Tanger der furchtbare Seeräuber--die sechs schlafenden

Jungfrauen, eine Ritter- und Geistergeschichte--Ritterkraft und

Mönchslist.--Die Grafen von Löwenhaupt--Tausend und Eine Ausschweifung.

Zitternd vor Freude, denn jetzt hat unser Rekrut gefunden, an was er sich

halten soll, was ihn vor aller Gefahr wahrte und damit sein zeitliches und

ewiges Glück feststellt, tritt er in die Bibliothek und die langen Reihen

aufgestellter Bände entflammen vollends die längst gehegte Sehnsucht nach

recht vielen Büchern zur Leidenschaft. Bisher hatte er leidenschaftlich

Musik getrieben, denn in der Kaserne hatte er am ersten Tage den gewaltigen

Unterschied zwischen der Dorfkirchweihenmusik und der Musik einer

militarischen Musikbande entdeckt, unter welcher wahre Künstler und

Virtuosen steckten; die Regimentsmusik, versetzte ihn in trunkenes

Entzücken und kein Hobist übte sich fleißiger auf seinem Instrumente, denn

der Duckmäuser. Doch Clarinettblasen konnte er auch nicht den ganzen Tag

und weil er stets dachte, alle Gelegenheit meiden sei das Beste und fast

immer zu Hause blieb, so fühlte er oft herzliche Langweile.

Nunmehr wollte er seine ganze Zeit theilen zwischen der Clarinette und den

Büchern und er thats. Bald unterschied er sich vom großen Trommelschläger

nur noch dadurch, daß er durch seinen Eifer für Musik sich die ganze

Achtung und Liebe seines Kapellmeisters erwarb, bald keiner Belehrung mehr

bedurfte, Alles vom Blatte wegblies und ein ordentlicher Künstler wurde.

Er hätte einen wirklichen Virtuosen abgeben und zugleich mehrere

Instrumente erlernen können, doch dazu reichte die Zeit nicht hin, denn

wenn er gerade mit einem rechten Bücherhelden zu thun hatte, vergaß er oft

Essen, Trinken und Schlafen, bis er Alles wußte, was derselbe gethan und

welches Fräulein er beglückt oder welchen Tod er erlitten habe.

Die Clarinette und der Katolog Waizeneggers verschlangen über ein Jahr

eines stillen, glücklichen, genußreichen Lebens, ließen ihn alle

Bierschenken, Wirthshäuser und Stadtmamsellen vergessen; alle Vorgesetzten

achteten und liebten ihn, die Spöttereien und Neckereien leichtfertiger

Vögel berührten ihn wenig, er gewann durch seine Freundlichkeit und

Dienstfertigkeit die meisten Kameraden für sich, ohne ihre Einladung zum

Ausgehen anzunehmen. An Samstagen fehlte er niemals auf dem Münsterplatze,

wenn er glauben durfte, die Rosa zu treffen, Abends schrieb er zuweilen

Briefe voll Gluth, Inbrunst und Tugendsinn und wenn er Urlaub bekommen

konnte, eilte er ins Rheindorf hinüber.

Von Zeit zu Zeit brachte er seinem Rösele kleine Geschenke, vergaß niemals,

dem Straßenbasche einige Päcklein ächten Portorikos, der kleinen Johanna

und andern Kindern Milchbrödlein mitzubringen. Der alte Unteroffizier

wußte, was ein stets ordentlich gefüllter Geldbeutel bei einem Soldaten und

insbesondere bei einem Hobisten zu bedeuten habe, sah das gesunde Aussehen

und die Nüchternheit des künftigen Schwiegersohnes, hörte, wie begeistert

derselbe von seinem Stillleben in der Kaserne sprach und wie fremd ihm die

Stadt blieb, er jubelte vor Freuden und die vornehmsten Bürger des Ortes

sammt dem alten, ehrwürdigen Geistlichen eilten in das Haus des

Straßenbasche, wenn es hieß, der Zweifarbige sei im Dorfe wieder gesehen

worden.

Als noch im nächsten Frühling die Hobisten der Rosa auf dem Wochenmarkte

dasselbe bestätigten, was sie im vorigen Sommer schon gesagt, daß nämlich

der Benedict sicherlich durch sein ewiges Lesen noch ein "Pfaffe" werde und

in ein Kloster wandere, da verloren sich auch ihre Besorgnisse, sie glaubte

an die vollkommene Besserung ihres Geliebten und fühlte sich glücklich.--

Eines Tages sitzt der Duckmäuser mit dem Leibe auf dem wieder einmal

verwaisten Schneiderstuhle des Meister Feucht, mit den Gedanken jedoch

schwärmt er in überirdischen Regionen und mittelalterlichen Zeiten.

Während der Hobist an einem Stücke Komißbrod kaut, hält der Romanleser just

auf einem glänzend schwarzen Streitrosse, den Leib mit einer silbernen

Rüstung bedeckt, auf dem Haupte einen goldenen Helm mit wehendem

Federbusche und hinaufgezogenem Visir als Sieger beim Turnier auf der

Todesklippe vor dem Balkon der Ritterfräuleins. Die Königin aller

Schönheit, die bezaubernde 17jährige Gräfin Etietta, um welche sich binnen

kurzer Zeit 700 Ritter, 300 Grafen, 90 Herzoge und 11 kaiserliche und

königliche Prinzen bereits todtgeschlagen, reicht ihm eine mit Gold und

Edelsteinen reich geschmückte himmelblaue Schärpe und heftet zum Zeichen,

daß sie ihn unter Allen einzig und allein liebe, eine rothe Schleife an

seine Lanze. Eben will er in die Schranken zu den Rittern zurücksprengen,

als ein dickköpfiger Füselier zur Stube herein und gerade auf ihn losgeht,

um zu melden, Hobist Benedict werde im Münster von 2 Frauen erwartet.

Er plumpt in die schaale, prosaische Wirklichkeit zurück, doch bang und

freudig zugleich schlägt sein Herz fort, denn augenblicklich denkt er an

Etwas, dessen Mangel einzig und allein die Seligkeit seines Kasernenlebens

stört.

"Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser, ihr Fluch reißt sie darnieder!"

hat er als Unterlehrer viele hundertmal gehört, gelesen und geschrieben und

das furchtbare Wort "Nenne mich nie mehr Deine Mutter!" tönt wie Todtensang

und Eulenschrei in den sonnenhaften Himmel der Gegenwart hinein.

In aller Eile putzt er sich, eilt zur Kaserne hinaus, doch läuft er weit

langsamer, wie er bei der Post aus der Kaiserstraße auf den Münsterplatz

einlenkt, er muß sich erinnern, daß er vor kurzem Sieger im großen Turnier

bei der Todesklippe gewesen sei und als Hobist mindestens so vielen Muth

besitzen müsse, um im Nothfalle vor einer alten Frau zu erscheinen.

Durch eine Seitenthüre tritt er in den herrlichen Tempel, wandert durch den

Säulengang emsig umherspähend hinauf und entdeckt endlich die Rosa, welche

betend vor einem Nebenaltare kniet. Dieselbe ist allein; doch nein! Die

gigantische Säule hat Rosas Nachbarin verborgen, er kennt dieselbe nicht

recht, doch sieht er soviel, daß es ein altes Mütterchen und sein pochendes

Herz sagt ihm, wer es sei. Er bleibt stehen, hustet ein wenig, Rosa schaut

um, steht auf, nimmt das ebenfalls sich erhebende Mütterchen bei der Hand,

beide kommen auf den Hobisten zu--das Mütterchen ist Mutter Theres.

Welch Zusammentreffen, welch Wiedersehen!

"Das ist Euer Sohn, mein geliebtester Freund!["] sagt die tiefbewegte Rosa;

laut weinend wankt das Mütterlein heran, sieht vor Thränen die Hand nicht,

welche ihr der Sohn entgegenstreckt und erst als er fragt: "Mutter, seid

Ihr mir noch immer böse" spricht sie leise schluchzend: "Nein, Benedict, Du

bist wieder mein Kind!" und reicht ihm die verwelkte Hand.

"Gott sei Lob und Dank!" jubelt der Hobist und tritt in einen Kirchenstuhl,

um für die Erfüllung seines einzigen Wunsches zu danken, die Mutter und

Rosa thun das Gleiche.

Alle Drei gehen in die Kaserne, der Benedict freut sich, den Weibern, die

vom Inwendigen einer Kaserne gar wunderliche Vorstellungen herumtragen,

Alles zeigen und erklären zu dürfen und ermangelt nicht, die Freude

derselben durch Vorzeigung einiger seiner lieben Bücher vollständig zu

machen. Aus der Kaserne geht's in den Löwen hinüber, ein guter Markgräfler

wird aufgestellt, der Hobist weiß schon, daß Mutter und Geliebte nicht alle

Jahre zu einem Gläslein vom Besten kommen.

Das Aussehen und die schöne, ehrende Kleidung sammt den Reden und Benehmen

des Duckmäusers versetzten im Bunde mit dem Gläslein dessen Mütterlein in

den siebenten Himmel, sie reicht ihm alle Augenblicke die Hand, ihr Auge

ruht unbeweglich auf ihm und sie kann ihn nicht oft genug ihrer Liebe

versichern und um Verzeihung bitten.

Mutter und Geliebte begleiten den Helden um 5 Uhr Abends zum Verlesen, der

alten Frau schießen Zähren in die Augen, wie sie ihren verlornen und

wiedergefundenen Sohn so blühend und stattlich im geschlossenen Gliede

stehen sieht und wie dessen Name verlesen wird, meint sie, die ganze

türkische Musik mit den lieben Engelein im hohen Himmel müsse einen

Freudentusch darauf folgen lassen und vergißt alle Schmerzensthränen,

welche er ihr schon ausgepreßt hat.

Abends sagt sie beim Abschied mit weinenden Augen: "Schau' Benedict, schon

lange und viel tausendmal habe ich gewünscht, sterben zu können, mein Jakob

hat's ebenso gehabt, nun aber wünsche ich mir, noch lange zu leben, denn

ich bin wieder eine glückliche Mutter; viel Thränen hab' ich vergossen um

deinetwillen, diese aber, die jetzt über meine alten Backen fließen, sind

süß, es sind Freudenthränen!"

Mutter und Sohn sind glücklich, am glücklichsten ist das Rösele, welches

bald mit ihr vor Freuden weint, bald ihn wie ein Engel anlächelt und sich

von diesem Tage kindlich an Mutter Theres anschmiegt.

Am nächsten Morgen trennen sich alle Drei, sie versprechen bald möglichst

wieder zusammenzukommen, die Mutter hat fahren sollen, doch es durchaus

nicht gethan, der Sohn hat zuerst dem Rösele ein kleines, dann der Mutter

ein großes Geleit gegeben und kehrte glücklicher als je in die Kaserne zur

Klarinette und zu den Büchern zurück, welche der große Trommelschläger

indessen für ihn ausgelesen hat.

Wo und wie kamen Mutter Theres und das Rösele zusammen?

Auf dem Wege von Freiburg nach Sanct Georgen steht bis zur Stunde links an

der Landstraße ein winziges Kapellchen; die Rosa war vom Straßenbasche nach

Freiburg geschickt worden und hörte in diesem Kapellchen weinen und beten.

Sie trat hinein und kniete neben der Mutter Theres, jedoch ohne dieselbe zu

kennen, denn erstens ist das Kapellchen winzig wie die Neuzeit und

dämmerungsreich wie das Mittelalter und zweitens ist's schon eine schöne

Zeit, seitdem der ehrliche Klaus am Herzbruch starb, weil er keinen

Wortbruch begehen wollte, das Rösele sammt den Geschwistern ist aus dem

Dörflein fortgezogen und ein großes, stattliches "Maidle" geworden.

Tief und schwer seufzt, bitterlich weint das Mütterchen und aus ihren Reden

entnimmt Rosa, daß schwerer Kummer um eines Ungerathenen willen ihr Herz

drückt und daß sie eine Landsmännin vor sich habe, welche im Begriffe

stehe, eine Wallfahrt nach Marien Einsiedeln zu machen, was bei einer so

alten, gebrechlichen Frau schon Etwas heißen will. Nach wenigen Fragen weiß

das Mädchen, Benedicts Mutter stehe neben ihr, das liebende Herz wallt auf

und fragt, ob das Mütterlein schon lange nichts mehr vom Sohne gehört habe

der Benedict heiße. Doch die Frage wirkt arg, das Mütterlein schreit auf

und bricht fast zusammen, fleht unter Thränen, diesen Namen nicht mehr zu

nennen, kein Wort mehr von dem Sohne zu reden.

Daheim im Dörflein schämten sich die Eltern des Duckmäusers so sehr, daß

sie um keinen Preis nach demselben gefragt oder auch nur dessen Namen

genannt hätten. Die Dorfbewohner wußten dies, schonten deßhalb die

unglücklichen Leute, doch wußten diese von der Margareth, daß der Benedict

am Rheine drüben die Schweine hüte, denn der "Saumathis" sagte es bei einem

Besuche der Verwandten, welche er im Dörflein besaß. Kein Mensch wußte

jedoch, daß der Schweinhirt zum Hobisten geworden und in der Kaserne zu

Freiburg sei, Mutter Theres hatte sich ihr banges und doch halbfreudiges

Ahnen beim Durchmarsche durch Freiburg auch nicht erklären können. Jetzt

sagte das Rösele, was und wo der Benedict zu finden, gab sich selbst zu

erkennen und suchte die Alte zu bewegen, mit ihr in die Stadt

zurückzugehen. Lange und harnäckig bleibt die Mutter dabei, den Sohn nicht

sehen zu wollen, aber das Rösele hört mit guten Versicherungen, Bitten und

Betteln nicht auf und so kam es zuletzt doch, daß die Beiden zusammen durch

das Breisacherthor in die schöne, freundliche Kaiserstraße und beim Museum

hinüber in das Münster wandelten, in welchem Bernhard von Clairvaux den

Kreuzzug gegen die Ungläubigen im fernen Morgenlande, heuer die Jesuiten

wahrhaft zeitgemäß den Kreuzzug gegen den Unglauben im Herzen der Zuhörer

predigen.

Ein Soldat schlägt einem hübschen Mädchen selten oder niemals eine

freundliche Bitte ab und so geschah es, daß ein dicker Füselier, der auf

dem Münsterplatze stand, die Zähne am Winde trocknete und am wunderbar

schönen, durchbrochenen Münsterthurm schwindelnd und staunend hinaufsah,

auf Rosas Geheiß eiligst zur Kaserne trabte und den Hobisten Benedict

mitten im Siege von der Gräfin Etietta weg ins Münster zum armen Mütterlein

und zur Pflegetochter des Straßenbasche zauberte.

* * * * *

# DIE KIRCHWEIHE#

Vater Jakob zählt dem Hannesle just aus dem ledernen, eingeschrumpften

Opferbeutel vier rothe Batzen als Kirchweihgeld auf den Tisch, dieser hält

jeden sorgfältig zum Licht, um etwas höchst Ueberflüssiges zu untersuchen,

nämlich ob es auf dieser Erde auch Falschmünzer gebe, welche auf den

Einfall gerathen sein könnten, falsche Schweizerbatzen zu machen; das

Vefele sitzt mit der kleinern Schwester auf der Ofenbank und redet mit

Benedicts Schwestern, die Susanne nennt alle Buben, mit welchen sie auf der

Kirchweih tanzen und nicht tanzen werde, Mutter Theres sitzt am

Spinnrädlein und netzt den Faden, da--klopft es leise und bescheiden an der

Thüre. Die Mutter denkt an einen muthwilligen Buben, am allerwenigsten an

ihren Sohn, von dessen Wiedersehen sie einzig und allein ihrem Alten gesagt

hat; sie weiß, derselbe sei nicht mehr in Freiburg, sondern mit seinem

Regimente in Carlsruhe drunten und gegenwärtig mache derselbe die große

Revüe mit. Sie sagt deßhalb nicht "Herein," sondern: ["]d'Herren sind

draußen, d'Bettelleut drinnen!" und die Susann' ruft mit ihrer

glockenhellen Stimme: "Wir sind nit gärn klopft!"

Aber die Thüre geht auf, außer der Mutter erschrecken Alle gewaltig, denn

ein großer, glänzend geputzter Soldat mit Tschako und nachläßig

überhängendem grauem Mantel steht mitten in der Stube und lächelt, daß der

keimende kohlschwarze Schnurrbart beträchtlich in die Länge wächst.

Der Hannesle macht Augen wie Pflugräder, die kleinern Kinder schleichen

schüchtern hinter dem Ofen, der Jakob steht befremdet auf, doch die Susanne

schreit mit dem Vefele aus Einem Munde: "Ohje 's isch jo Euer Duckmäuser!"

Er ist's richtig, denn der Oberst hat ihm nach der Revüe Urlaub auf 14 Tage

gegeben, obwohl er diesmal nicht zum Straßenbasche wollte. Nach der Revüe

nehmen ja die meisten Hobisten Urlaub und hätte der Benedict nach

jahrelangem Besinnen sich nicht wieder einmal im Dörflein sehen lassen

sollen? ...

Jetzt fängt das Händedrücken, Küssen, Grüßen und Fragen an, der finstere

Jakob thaut ordentlich auf, die beiden Mädchen wissen nicht, was sie vor

Freuden thun sollen, denn sie möchten ebenso gern bleiben als die

unverhoffte Ankunft des alten Herzkäfers den Kammerädinnen ansagen. Endlich

rennt das Vefele ins Unterdorf, die Susanne ins Oberdorf und ehe eine halbe

Stunde vergeht, hat Benedict all den alten Lieblingen in die klaren

Aeuglein geschaut und herzinnige Freude über seine Ankunft darin

herausgelesen. Allen? Wir irren, denn zwei fehlen, erstens Maxens Rothe und

zweitens die Sabine. Die Rothe ist in Folge ihres unordentlichen Lebens bei

ihrer Schwitt nach langer, schmerzlicher Krankheit schon im 18. Jahre

gestorben, die Sabine, zur rothen Schwitt desertirt, trägt eine Frucht

ihres aufgeklärten Lebens auf den Armen und verbirgt sich gleich einer

Eule, weil sie noch nicht so weit gekommen, gleich 5 Kameradinnen, welche

zur alten Garde der rothen Schwitt gehören und mit ihren Verdiensten um

Vermehrung des Menschengeschlechts stolz thun.

Die Meisten jedoch stehen und sitzen fröhlich und freudig in Jakobs Stube,

erst nach Mitternacht bringen sie es über sich, dieselbe zu verlassen, doch

keine schließt daheim ein Auge, jede hat's am andern Morgen gestanden.

Am andern Tage wandelt an der Hand des alten Lehrers der Benedict der

Kirche zu; der rothe fliegende Haarbusch auf seinem glänzenden Tschako

scheint die Oriflamme zu sein, welcher das ganze Dörflein in Einem Truppe

folgt, mehr als ein bejahrter Mann und mehr als Einer wird lediglich durch

das Gedränge verhindert, dem ehemaligen Dorfhanswurst, welchen sie als

kleines pausbackiges Büblein mit schwarzen Augen voll Leben und

Beweglichkeit gesehen und geliebt, öffentlich einen Kuß zu geben.

Nur die Buben der rothen Schwitt ließen sich nicht herbei und die Mädlen

derselben thaten gleich verscheuchten Hühnern.

Während der langen Abwesenheit des Duckmäusers hatte die rothe Schwitt im

Dörflein große Siege gefeiert, denn es gab keinen Burschen, welcher dem

reichen, wüsten und wilden Max herzhaft und beharrlich mit Glück

entgegentrat, die schwarze Schwitt hatte ihr Haupt verloren und zerfiel.

Mancher Bube und manches Mägdlein trat zur rothen Schwitt über, weil sie

auch ein Vergnügen oder mindestens ihre Ruhe haben wollten. Seit 2 Jahren

gebot der Marx auf allen Tanzböden und in allen Wirthshäusern, über alle

Vergnügungen der Dorfjugend, schloß alle "Altmodischen" davon ab und weil

die rothe Schwitt auch in den umliegenden Ortschaften ihre Anhänger und

Verbündeten zählte, welche ebenfalls emporkamen, so wurden diejenigen,

welche hartnäckig altmodisch bleiben wollten, nicht nur von allen Freuden

und Festen ausgeschlossen, sondern auch noch auf alle möglichen Weisen

verfolgt und gekränkt. Max sah immer noch die verhaßte schwarze Schwitt

fortbestehen, so lange nicht _alle_ Buben und Mädlen ihm anhingen und

wirklich gab es Viele, welche beharrlich von allen Festen wegblieben und

Alles erduldeten, denn Solches thaten.

Die Treuesten unter den Altmodischen waren Söhne und Töchter recht

christlich gesinnter Eltern, denn wie konnten diese ihre Kinder bei einer

Gesellschaft sehen, deren Anführer der Max vom Rindhofe war? Zog sich der

Max durch sein abscheuliches, gottloses Leben nicht einen Leibschaden zu,

so daß er auch leiblich verkrüppelte? Bezeugte nicht der eigene Vater

desselben, sein Einziger werde mit jedem Jahre liederlicher und bringe ihn

frühzeitig in die Grube? Weinte der herzensgute Fidele nicht oft bei seinen

Nachbarn die bittersten Thränen über den ausgearteten Sohn und ließ sich

nur dadurch trösten, weil er demselben weder durch Rede noch That jemals

ein böses Beispiel gegeben habe? Lagen die Gesinnungen der rothen Schwitt

nicht in täglich sich häufenden Werken offen und erschreckend zu Tage?

Alles dies bewirkte, daß trotz dem Zerfallen und Zusammenschmelzen der

schwarzen Schwitt nach Benedicts Abfall stets ein kleines Häuflein braver

Buben und Mädlen altmodisch blieb, man mochte gegen sie unternehmen was man

wollte.

In der letzten Maiennacht zeigten die Rothschwittler so recht ihre Bosheit

und ließen dieselbe an der armen Margareth und deren Schwestern aus, deren

Wohnhaus mit mehr als 500 Maien ganz umstellt wurde. Nahe am Kammerfenster

entdeckte man am Morgen des ersten Mai einen Strohmann von abscheulicher

Gestalt, einen Besen, mit Dünger bestrichen und mit einem Rosenkranze

behängt, eine Ofengabel mit Salbhäfelein; da einen Stab mit einem alten

Kochhafen, dort einen mit einigen Rinderschuhen, viele andere mit

Ochsenohren, Hahnenkämmen, Gansschnäbeln, Schwänzen von Katzen und Hunden,

der Eierschaalen, Nachttöpfe, Schlapphüte, weiblichen Zwilchröcke und

dergleichen gar nicht zu gedenken.

Heuer an der Kirchweih wollte der Max das Oberkommando in zwei Dörfern

führen und, da er als Krüppel doch den Willibald Tanzkönig sein lassen

wollte, vor Allem dafür sorgen, daß die "Altmodischen" zu keinem Freudlein

gelangten--die plötzliche Erscheinung des Duckmäusers am Kirchweihsonntage

machte jedoch einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung und er merkte

gleich, die meisten der ehemaligen Schwarzen seien eben doch keine rechten

Rothen geworden.

Begleitet von Alten und Jungen, von Altmodischen, deren Gesichter vor

Freude strahlen und von Neumodischen, die den Stiel rasch umkehren, weil

sie keine aufrichtigen Rothschwittler sind, tritt der Benedict in die

Kirche; die beurlaubten und alten Soldaten aber weisen ihm den ersten Platz

im Soldatenstuhle an und versprechen, aus allen Dörfern des Stabes ihm zu

Gefallen auf die Kirchweihe seines Dörfleins zu kommen. Kaum ist der

Nachmittagsgottesdienst beendet, so beginnen 6 Musikanten im Hirzen

Straußische Walzer zu spielen, das Wirthshaus und der Tanzsaal wimmelt von

Infanteristen, Dragonern und himmelhohen Kanoniren, welche der Benedict aus

der Kirche mitgebracht hat, andere fremde Buben und Mädlen kommen auch und

die Rosa ist verabredetermaßen bereits seit Mittag nach langen Jahren

wieder einmal im Heimathdörflein und hat das Grab der rechtschaffenen

Eltern bereits besucht; das ganze Dörflein ist voll Leben und Freude und

die seit zwei Jahren von jeder Lustbarkeit ausgeschlossenen Getreuen der

ehemaligen schwarzen Schwitt werden die Heldinnen dieser Kirchweihe, mit

Ehrenbezeugungen und Lobreden von den achtbarsten Bürgern, geschweige von

den Jungen, überschüttet.

Kein rechter Rothschwittler durfte sich diesmal im Tanzsaale blicken lassen

und ihre entehrten Mädlen, welche sonst die vornehmste Rolle zu spielen

pflegten, dürfen sich nicht einmal dem Hirzen nähern.

Einige reiche Bauern, wie der Fidele, Maxens Vater und der Liebhardt,

legten einige Kronenthaler zusammen, um den getreuesten Mädlen der

schwarzen Schwitt, welche rasch wieder auflebt, eine Freude zu machen, am

Kirchweihmontag wurden schöne Halstücher gekauft und dieselben am Dienstag

ausgetanzt.

Schon am Montag traten einige rechtschaffene Männer, denen das Treiben beim

Brandpeterle und Andern längst ein Gräuel gewesen, im Hirzen in den Bund

der schwarzen Schwitt und gelobten auf Benedicts Zusprache öffentlich und

feierlich, fortan über die Sitten der christlichen Jugend des Dörfleins zu

wachen, die ehr- und schamlosen Maxianer zu vertilgen.

Dies und noch weit Aergeres muß der Max mit anhören, der mit dem Willibald

und zwei Anderen in einem Winkel der Wirthsstube würfelt.

"Dort hinten, sagt der tiefbewegte Fidele und deutet auf den Max, dort

hinten hockt mein Schöner, den ich wohl noch am Galgen sehen muß!" ... Zum

Vater des Duckmäusers, zum Jacob gewendet, der heut mehr als ein Hälbsle

schluckt, sagt er weinend:

"Euer Sohn hat Euch viel Kummer gemacht und manche Thräne ausgepreßt, denn

er war leichtsinnig, aber doch nie so liederlich und so bis ins Innerste

verdorben, wie mein Einziger dort hinten! ... Dieser macht Euch jetzt

wieder Ehre, Freude und Trost, der meinige wird mir Kummer bereiten bis zum

Grab und mein einziger Trost bleibt, daß Gott und Ihr wisset, wie ich meine

Pflicht als christlicher Vater erfüllte! ... Hab´ Alles gethan, ihn an Leib

und Seele gesund zu erhalten, jetzt ist er doch an Leib und Seele ein

Krüppel!"

Der Max schüttelt in seinem Winkel den Würfelbecher sehr lebhaft und thut,

als ob er den Vater gar nicht höre; solch Benehmen empört alle Anwesenden,

der Benedict stachelt den Hansjörg, mit dem er einst auf dem Katzenbänklein

gesessen und Andere auf, nach zwei Minuten fliegt der Max zum Hirzen hinaus

in den Straßenkoth, der Willibald und die Andern schleichen eiligst davon.

Von dieser Stunde an haßt der Max den Benedict tödtlich und schon am Abend

wird letzterer gewarnt, sich wohl in Acht zu nehmen, weil der Max mit

geladener Pistole auf ihn lauere, doch Jener fragt wenig darnach und

gebraucht blos die Vorsicht, während der Urlaubszeit Abends nie ohne Säbel

auszugehen.

Am glücklichsten fühlten sich während dieser Kirchweihe die alten Herzkäfer

des Duckmäusers, die geehrten und beschenkten Jungfrauen der schwarzen

Schwitt und nur Eine bekennt, daß sie nicht so glücklich sei, wie dies der

Fall sein könnte. Diese Eine ist Margareth, Benedicts alte Geliebte, welche

die Rosa an dessen Hand sieht. Die Rosa merkt dies wohl, spricht mit dem

Benedict und sogar mit der Margareth selbst hierüber und erklärt, sie wäre

bereit, für den Duckmäuser das Leben zu opfern, doch wenn er der älteren

und damit mehr berechtigten Freundschaft gedenken wolle, so wolle sie

entsagen.

Die Margareth jedoch meint, nicht sie, sondern das Rosele habe den Benedict

vor gänzlichem Verderben gerettet, die Entsagung müßte dem Rosele schwer

fallen und könne ihr nicht zugemuthet werden. Beide Mädchen meinten es

aufrichtig und wohlwollend mit einander und ebenso mit dem Benedict, ihr

liebreicher Streit gab den sehr zahlreich anwesenden Gästen Anlaß zu einem

Gespräche, wie es wohl in einer Stadt sehr selten vorkommen mag.

Die Meisten kannten den Duckmäuser von Kindesbeinen an, sie wollten den

Schiedsrichter zwischen der Margareth und dem Rosele machen und bei dieser

Gelegenheit wurden alle Streiche, welche der Gegenstand ihres Streites

jemals begangen, öffentlich besprochen; er erfuhr, daß die Wände Ohren

haben; gar Vieles kam jetzt erst zur allgemeinen Kenntniß und er selbst war

gescheidt und edel genug, bei der Aufdeckung seiner unsaubern Stücklein

selbst mitzuwirken; dafür redeten Viele auch vom Guten, was er an sich trug

und vollbracht hatte.

Endlich erhebt sich der älteste und ehrwürdigste Mann der Gemeinde, der

eisgraue Korbhannes, welcher seit mehr als zwanzig Jahren kein Wirthshaus

inwendig gesehen hat, heute seinem Liebling zu Ehren kam und seinen Sitz

zwischen dem alten Schulmeister und dem Stabhalter nehmen und sich von

diesen zechfrei halten lassen mußte. Er nimmt langsam die Zipfelkappe herab

vom zitternden Haupte, es wird so still in der dichtgedrängten Stube des

Hirzenwirths, daß man hätte können eine Stecknadel fallen hören und dann

spricht der Greis, während er mit glänzenden Augen umherschaut:

"Ich weiß, daß ich von Gott und der Welt geliebt und geehrt werde; von

Gott--dies beweist mein alter grauer Schädel,--von der Welt--dies sehe ich

mit meinen Augen in diesem Augenblicke ... Heute ist noch ein Freudentag

für mich vor meinem Tode, an welchem ich wie ein Jüngling mit Euch und dem

lieben Herrgott Gesundheit trinken werde! Es ist ein glücklicher Tag, denn

ein Verlorner unseres Dörfleins ist ja wieder gefunden--das allein macht

mich heute so jugendlich und ist ja auch die einzige Ursache, daß der Vater

Steffen dort und die Mutter Ursula dort drüben in ihrem hohen Alter noch

einmal zu der ledigen Jugend auf der Kirchweihe sich gestellten! ... Es ist

der größte Schmerz für rechtschaffene Eltern, ein ungerathenes Kind zu

haben, aber auch der seligste Augenblick, wo ein verirrtes Kind wieder in

ihre Elternarme zurückkehrt. Davon haben wir heute einen sprechenden

Beweis, denn wer könnte wohl theilnahmlos bleiben an der Freude der Theres

und des Jacob? ... Möge Gott dem Benedict auch ferner Seine Barmherzigkeit

erzeigen, daß wir einst so wie jetzt hier voll Freuden in der Ewigkeit

beisammensitzen dürfen! ... Gott weiß es, wie ich den Benedict liebte,

seitdem er die ersten Hosen an hatte und diese Liebe ist nicht

verschwunden, als er, mit Schande und Fluch bedeckt, sich aus dem Dörflein

entfernte! ... Heute, da wir ihn als Mann und Christ wieder unter uns

haben, brennt mein Herz recht für ihn und wird ewig brennen! Ich sage:

ewig, denn gar bald wird mich Gott zu sich nehmen und daher glaube ich auch

vor Euch Allen ein Vorrecht zu haben, dem Benedict zu rathen, wie er

glücklich bleiben wird!"

Sich zum Duckmäuser wendend, fahrt der Alte fort:

"Dir rathe ich nun, fürchte Gott und halte Wort, dann kannst du einst mit

derselben Ruhe und Freude in die Ewigkeit schauen, wie du es an mir siehst

und nun, was diese zwei Mädlen betrifft, die dich mit gleicher Liebe

lieben, so entscheide du selbst, denn Eine nur kann´s sein!"

Nach dieser Rede setzte sich der Greis, kein Beifallsgeklatsche ließ sich

hören, doch in mehr als Einem Augenpaar standen Thränen, der Benedict

jedoch betrachtet arg verlegen bald die Margareth, bald die Rosa und dann

wieder seine Mutter, welche neben Margarethens Großmutter, der alten Ursula

sitzt.

Er weiß nicht, was er reden soll, hofft, Mutter Theres werde entscheiden,

doch diese ist zu gewaltig erschüttert von der Rede des Korbhannes und dem

Edelmuth der beiden Mädlen, es entsteht eine lange, peinliche Pause, bis

sich endlich gar die bereits 81jahrige Ursula erhebt und redet:

"Wie der Korbhannes vorhin gesagt hat, so muß ich auch sagen: ich habe den

Benedict da von seiner Kindheit bis jetzt mütterlich geliebt und er allein

ist´s, der mich, eine 80jährige Großmutter, noch einmal aus der stillen

Stube in den Hirzen brachte und mir vor meinem Tode den Vorgeschmack ewiger

Seligkeit kosten läßt;--aber ich bin der Meinung, er sei noch lange nicht

aus allen Gefahren! ... Ich will mit diesen Worten den Ernst seiner

Besserung nicht bezweifeln, allein er ist noch zu jung und unerfahren, um

sich an fremden Orten unter fremden Leuten stets auf dem ebenen Wege

halten zu können. Wir können noch wohl Ursache bekommen und besonders ihr

Jüngern, über ihn so zu trauern und ihn so zu beklagen, wie wir uns heute

über ihn freuen; er ist noch nicht gewonnen, so lange er von Fremden

umgeben ist. Darum aber bin ich der Meinung, es sei am besten, er bleibe

seiner einstweiligen Retterin, wie ich das brave Rosel nennen muß,

anvertraut! ... Dieses Mädchen, von der uns oft unbegreiflichen Vorsehung

gar früh in die fremde Welt hinausgeschleudert und der rohesten Behandlung

preisgegeben, hat sich trotz allen widrigen Umständen gar lieblich, Gott

und Menschen wohlgefällig entfaltet! ... Das Rosele bekam von Gott die

Gnade, zu bewirken, was wir alle sehnlichst zu wirken wünschten und doch

nicht vermochten! ... Alle unsere Ermahnungen, Warnungen und Strafen

blieben fruchtlos bei diesem Verirrten, das Rosele aber hat ihn durch ihren

Blick wieder zu einem Christenmenschen gemacht, dessen wir uns heute alle

freuen! ... Dies scheint mir ein Beweis zu sein, daß er für keine andere

als für das Rosele und das Rosele für keinen andern als für ihn geboren

sei! ... Wohl mag ihr durch den Benedict noch Bitteres genug zustoßen, doch

sie ist wie keine andere von Allen, die hier sitzen, so für Ausdauer in

Leiden und Widerwärtigkeiten gemacht, daß sie ihn wohl zum zweiten und

drittenmal retten könnte, wenn's, was Gott verhüte, die Noth erfordere! ...

Gewiß bleibt, daß dem Rosele eine Kraft und Gnade innewohnt, um seine Seele

zu bewahren, daß dieselbe nicht ganz für Religion erkalte und ersterbe! ...

Die Hoffnung und das Zutrauen auf dieses Mädle kann mir Niemand nehmen und

darum sag' ich: unsere Margreth soll dem Rosele nicht in den Weg treten!"

Alles stimmte bei, die Margareth verzichtet mit einem Kusse, welchen sie

der Rosa gibt und wobei ihr doch Thränen in die Augen schießen, die sie

mannhaft zurückdrängt, die Rosa aber hat während Ursulas Rede oft die

Gesichtsfarbe gewechselt und später dem Benedict, welcher sie deshalb

befragte, gesagt, erstens habe sie bei der Aufzählung seiner alten Fehler

einen großen Schmerz empfunden und sich denken können, wie wehe es ihm

thue, zweitens habe die Großmutter alle bangen Ahnungen vom Soldatenleben,

welche sie gewaltsam unterdrückte, wieder auferweckt, es sei ihr gar

seltsam und unheimlich ums Herz.

Der Duckmäuser sagt, bei der Aufzählung seiner Sünden sei es ihm gewesen,

als ob man Alles nur sage, um Andere zu warnen und vor Schaden zu behüten

und beruhigt die Geliebte ein wenig, so daß sich dieselbe zur Mutter Theres

setzt und mit dieser sich unterhält.

Der Benedict nimmt dann die 80jahrige Ursula in den Tanzsaal und noch heute

redet man davon, wie er zuerst mit der alten Prophetin und nachher mit der

schwächlichen Mutter Theres tanzte und wie gewaltig die Freude diese beiden

Frauen verjüngte und kräftigte, so daß sie es zur Verwunderung aller

Anwesenden aushielten bis zum letzten Ton, wiewohl von keinem bedächtigen

Menuett, sondern von einem Bauernwalzer die Rede gewesen ist.

Freilich war der Hobist auch der beste Tänzer der Gemeinde und trug die

zwei Alten fast immer schwebend im Kreise herum. Nach drei Kirchweihtagen

wußte er wieder einmal, Tanzen sei auch eine Arbeit und das Rosele pries

sich glücklich, weil er mindestens nicht bei ihr seine Müdigkeit und

Abgeschlagenheit aller Glieder geholt hatte; die alten Herzkäfer der

schwarzen Schwitt dagegen meinten, er habe ihnen unsäglich viel Ehre

angethan, doch hätte er mit Jeder noch ein bischen mehr walzen können!

Auf große Freud' folgt großes Leid! heißt ein altes Sprichwort und daß es

gar oft ein wahres werde, erfuhr der Held der herrlichen Kirchweihe bald,

ja das Leid trieb ihn aus dem Dörflein in die Garnison zurück, noch ehe

sein Urlaubspaß abgelaufen war.

Er sitzt eines Abends, wo das Rosele wieder daheim beim Straßenbasche

sitzen und diesem von der seit urdenklichen Zeiten unerhörten Kirchweihe

ihres Geburtsortes erzählen mag, mit Vater, Mutter und einigen Hausfreunden

am Tische; das Gespräch kommt auf die Leichenbegängnisse und das Leidtragen

der Soldaten. Der Duckmäuser erklärt, jeder Soldat, welcher Leid tragen

wolle, trage einen schwarzen Flor am Arme oder auch nur eine schwarze

Schleife auf der Brust, je nachdem ihm an der verstorbenen Person mehr oder

weniger gelegen sei.

Darauf fragt die Mutter:

"Nun, wenn ich einmal sterbe, dann wirst du gewiß einen recht großen Flor

tragen?"

Rasch und lächeld [lächelnd] meint der Benedict:

_"Wenn Ihr einmal sterbet, dann stecke ich einen weißen Federbusch auf

meinen Kriegshut!"_

Hat jemals Einer Grund bekommen, einen unbesonnenen Scherz bitterlich zu

bereuen, so ist dieser Eine der arme Hobist.

Kaum ist das Wort aus seinem Munde, so wendet ihm die Mutter den Rücken zu

und unfähig, ein Wort zu reden, beginnt sie so heftig und laut zu weinen,

daß alle Dasitzenden erschrecken. Was half es, daß Alle die Weinende zu

beruhigen suchten und ihr den Scherz erklärten? Daß der Benedict endlich

selbst mitweinte und sich anbot, unter ihren Händen augenblicklich zu

sterben, wenn er damit beweisen könne, wie aufrichtig er sie liebe?

Das von unsäglicher Liebe erfüllte Mutterherz scheint in Einem Augenblicke

gänzlich versteinert zu sein; sie hört später mit Weinen auf, doch bleibt

sie unerbittlich, kein gutes Wort kommt mehr gegen ihn aus dem Munde, sie

mag und will ihn nicht mehr sehen, er muß aus dem Hause, soll es bei ihren

Lebzeiten nicht mehr betreten.--Der Wunsch ging in Erfüllung.

* * * * *

#WIE EINER FAST OHNE SCHULD DES TEUFELS WERDEN KANN#

Von Allen, welche ihn liebten und fruchtlos versucht hatten, den Duckmäuser

mit der Mutter auszusöhnen, tief bedauert, kehrte derselbe in die Garnison

zurück.

Das Erste, was er erfährt ist, daß sein Regiment nach Freiburg zurück

verlegt wird. Rasch schreibt er diese frohe Nachricht seiner Rosa und

bittet dieselbe, ihn doch um Gotteswillen mit der Mutter auszusöhnen, auf

ihr ruhe hierin noch seine einzige Hoffnung.

Der Abmarsch nach Freiburg wird so rasch angetreten, daß er Gelegenheit

bekommt, die Antwort auf den Brief selbst zu holen, weil dieselbe doch

etwas lange ausgeblieben ist.

Freudig wird er vom Straßenbasche, Saumathis, vom Rosele und allen

Bekannten empfangen, doch--Roseles Antwort lautet untröstlich genug. Was

er, der Vater, die Geschwister, die Mädlen der schwarzen Schwitt, der

Korbhannes sammt der Ursula und vielen Andern nicht vermocht hatten, setzte

auch das Rosele nicht durch, im Gegentheil erging es ihr am schlechtesten.

In ihrer Unschuld und Liebe bat sie am eindringlichten, versicherte, nicht

weichen zu wollen, bis ihrem Benedict der übel angebrachte, doch arglose

Scherz verziehen sei, dafür fiel auch sie bei Mutter Theres in volle

Ungnade und diese wies sie aus ihrem Hause, um niemals wieder über die

Schwelle desselben zu treten.

Solche Kränkung schmerzte, empörte, allein die Liebe duldet Alles und das

Mädchen bedauerte nur, daß auch seine Bemühungen vergeblich gewesen, der

Straßenbasche mit seinem Weibe schüttelt den Kopf und meint, die Weiber

seien ein wunderliches, unergründliches Volk.

Kaum ist der Benedict wieder in die Garnison zurück, so entdeckt er den

Nebelspalter des Vaters und richtig steht dieser bald vor ihm und erzählt,

die Mutter habe ihn hergeschickt, damit er dem Herrn Kapellmeister

empfehle, den Hobisten Benedict recht strenge zu halten und niemals wieder

zu beurlauben.

"Abschlagen hab ich´s der Mutter nicht können; seit jenem Abend redet und

deutet sie wenig, nimmt grausig ab und ist kränklich, bin halt zum Herrn

Kapellmeister gegangen und hab´ ihn zuerst gefragt, wie du dich

aufführtest. Er hat dich sehr herausgestrichen, deßhalb habe ich meinen

Auftrag auch nicht ausgerichtet, ´s wär eine Ungerechtigkeit. Halte dich

nur brav, die Mutter wird auch wieder anders werden!"

So sprach der Vater, als er vom Sohne Abschied nahm.

Das Mütterlein wurde jedoch nicht anders, sondern sandte an der Stelle

ihres Alten die Salome zum Herrn Kapellmeister. Salome war ein lediges,

jedoch mit fünf lebendigen Kindern gesegnetes Weibsbild, trug Gebetbuch,

Rosenkranz, den Loosungsgroschen und die Karte zum Kartenschlagen stets in

Einer Tasche, übernahm Wallfahrtsgänge für die halbe Welt, deßhalb auch die

Wallfahrt zum Herrn Kapellmeister, zumal Mutter Theres ihr ordentlich

spendirt und noch mehr versprochen hatte, wenn sie etwas ausrichte.

Die Salome wußte gar ehrbare und erbauliche Gesichter zu schneiden, Alles

gut einzufädeln, was sie einfädeln wollte und es war ihr ein Leichtes, den

Kapellmeister, einen wackern, offenen Soldaten, der nicht gerne an

Verstellung glaubte, weil er selbst aller Verstellung fremd war, gegen den

Duckmäuser einzunehmen.

Zuerst beschrieb sie demselben den answendigen, dann den inwendigen

Benedict von der Geburt bis zur letzten Kirchweihe, erzählte alle Streiche

desselben, wußte den unseligen Scherz mit dem Traueranlegen als Verbrechen

darzustellen, beschrieb dann auch die Rosa als ein verdorbenes,

gottvergessenes und heuchlerisches Geschöpf und schloß, indem sie den

Kapellmeister im Namen der tief bekümmerten und gekränkten Mutter des

Benedict bat, diesem keinen Urlaub mehr zu geben und ganz besonders auch

die Ausflüge ins Rheindorf zum Rosele zu untersagen.

Wer schon bei der nächsten Probe dem staunenden und betretenen Duckmäuser

in Gegenwart aller Hobisten sein ganzes früheres Leben, seine "ganze

verfluchte Duckmäuserei" und die schändliche Rede gegen die alte Mutter

vordonnerte und ihm öffentlich aufs strengste verbot, jemals wieder einen

Fuß zu der "liederlichen Fuchtel" ins Rheindorf zu setzen, das war der Herr

Kapellmeister.

Wie verächtlich betrachteten die ältern Hobisten jetzt den Benedict, wie

schadenfroh lachten die jüngern und besonders die leichtsinnigsten über den

"Klosterbruder!"

Einen Brief nach dem andern, einer rührender als der andere, schrieb

derselbe an die Mutter, um ihr Herz zu erweichen; nie erhielt er eine

Antwort und weil er nicht mehr zum Rosele hinüber durfte, kam dieses mit

und ohne den Straßenbasche zuweilen herüber.

Solches wird dem Kapellmeister gesteckt, einem Hagestolz, der als Todfeind

aller Bekanntschaften seiner Untergebenen, besonders der jüngern bekannt

ist und jetzt den Umgeher seines Verbotes recht zu fuchsen sich vornimmt.

Wo fehlen beim Militär jemals Gelegenheiten zum Strafen, wenn ein

Vorgesetzter darauf ausgeht, Einem das Leben zu entleiden?

Selten fand eine Probe statt, bei welcher der Kapellmeister den Hobisten

Benedict nicht andonnerte oder strafte, dieser gewann bald Aehnlichkeit mit

seinem ersten Vorbilde, dem Compagnieschneider, insofern auch er bereits

immer Zimmerarrest hatte.

Von der Kirchweihe bis zur Fastnacht hielt der Duckmäuser aus und machte

seine Sache durch sein heißes Blut nicht schlimmer; das Romanlesen verlieh

ihm Gleichgültigkeit und Erhabenheit gegen die Quälereien prosaischer

Seelen und Genuß, weil er sich selbst für einen von Schicksalstücke arg

Verfolgten halten mußte.

An Fastnacht bekamen alle Hobisten, sogar Meister Feucht für 3 Tage Urlaub,

Benedict sollte beim Adlerwirth im Rheindorfe drüben aufspielen--der

Kapellmeister jedoch gab ihm an der Stelle des Urlaubes drei Tage

Zimmerarrest.

Am Fastnachtsonntag saß er mutterseelenallein im Zimmer, hatte deßhalb auch

die Zimmertour und weil's gerade ein Brodtag war, so faßte er das Brod für

die Hobisten und legte jedem seine zwei Laibe auf das Bett. Gegen Abend

hielt ers nicht mehr aus, sah nur immer das weinende Rosele vor sich, nahm

sich Urlaub aus dem eigenen Tornister, trat Abends zehn Uhr halberfroren in

Straßenbasches Haus, verlebte im Rheindorfe zwei lustige Tage und kehrte am

Aschermittwoch in die Kaserne zurück.

Beim Eintritt in die Stube kommt ein Hobist auf ihn zu und klagt, weil ihm

ein Laib Brod fehle; der Duckmäuser behauptet, jedem beide Laibe auf das

Bett gelegt zu haben und wie er noch redet, wird er arretirt und wegen

eigenmächtigen Urlaubes zum erstenmal ins Dunkle gesetzt.

Kaum tritt er aus dem Arreste, so kommt der Oberlieutenant, fragt nach dem

Laibe Brod, welcher dem Hobisten fehlte; der Benedict schwört hoch und

theuer, das Brod richtig gefaßt und richtig ausgegeben zu haben, eine

Untersuchung wird eingeleitet und der Duckmäuser wegen Unterschlagung eines

Brodlaibes im Werthe von 7 Kreuzern standgerichtlich zu drei Tagen Arrest

verurtheilt; ein standgerichtliches Urtheil hat aber stets die Entziehung

der Einstandserlaubniß zur Folge und dies setzt den Bestraften in arge

Betrübniß.

Kaum ist er frei, so findet sich der Brodlaib; Alles beruhte auf einer

Verwechslung mit dem Brode eines andern Hobisten, der Benedict fordert

beide Hobisten dringend auf, seine Unschuld an den Tag zu legen; sie wollen

ihn insgeheim mit einer kleinen Vergütung zum Schweigen bringen, doch er

will nichts als seine Ehrenrettung, dazu lassen sie sich nicht bewegen, er

verflucht und verwünscht Beide und--merkwürdig! beide starben noch in jenem

Jahre, der eine ertrank, der andere bekam einen Blutsturz nach dem andern

und starb gleichfalls.

Benedict gedachte der bangen Ahnungen des Rosele; eine schöne Gelegenheit

zur Erlernung des Schreinerhandwerkes bietet sich ihm an, er faßt ein Herz,

geht zum Oberst und fordert seinen Abschied. Der grundehrliche, brave,

jedoch barsche und rauhe Soldat nimmt den Degen, schlägt das Hobistlein

nach Noten herum und poltert: "Ich will dir den Abschied auf den Rücken

schreiben, du Hundsfötter, du! ... Wir müssen dich fuchteln, sonst stirbst

du im Zuchthause, du verstellte, heimtückische Bestie!"

Brav durchgewalkt kehrt der Verzweifelnde in sein Compagniezimmer zurück,

welches er drei Frühlingsmonate nicht mehr verlassen darf. Er vergeht fast

vor Schmerz, doch hält er immer ritterlicher aus, denn seine Romane

verleihen ihm Trost, Muth, Heldenkraft. Zum Musiciren spürt er wenig Lust

mehr, liest wie der große Trommelschläger den ganzen, lieben langen Tag,

denkt und lebt sich ganz in seine Bücher hinein und ist fest entschlossen,

nach dem Muster der heldenmäßigsten Ritter allen Flohstichen und

Keulenschlägen eines widrigen Geschicks mannhaften Trotz zu bieten!

Während der Verbannung im Compagniezimmer kam ein schwarz versiegelter

Brief vom jüngern Bruder, vom Hannesle, welcher ihm meldete, die Mutter sei

gestorben und habe ihm in ihrer letzten Stunde Verzeihung angedeihen

lassen.

Seit jenem Abende, an welchem Benedict harmlos scherzte, er werde für sie

mit einem weißen Federbusche auf dem Kriegshute trauern, gab sich Mutter

Theres einer Schwermuth hin, welche nicht mehr wich; sie wurde still und in

sich gekehrt, suchte immer die Einsamkeit, aller Trost und alles Gerede

blieben von ihr ungehört und den Namen ihres Sohnes durfte Niemand nennen,

wer sie nicht in die furchtbarste Aufregung versetzen wollte. Von Tag zu

Tag nahmen ihre Kräfte sichtbar ab, sie wurde bettlägerig, ihr Zustand

verschlimmerte sich und die Aerzte mit ihrer Weisheit standen rathlos am

Krankenbette.

Schon zur Zeit der Fastnacht, an welcher die rothen und schwarzen

Schwittler sich endlich in die Haare geriethen und barbarisch prügelten,

wie dies im weinreichen Baden gar oft der Fall zu sein pflegt, erwartete

man das Ende der Mutter Theres und die herrliche Margareth wich fast nicht

mehr von deren Bette.

Schwankend zwischen Leben und Tod lag die Dulderin viele Wochen; in ihren

letzten Tagen nannte sie häufig den Namen ihres Sohnes, doch so oft man

fragte, ob man denselben herbeiholen sollte, schüttelte sie verneinend den

Kopf. Plötzlich schien sie von Neuem aufzuleben, die Krankheit gewichen zu

sein, sie vermochte wieder deutlich zu sprechen, bat, den Benedict

herbeizuholen, sie wolle und müsse demselben Alles verzeihen, wenn sie

selbst Verzeihung bei Gott erlangen wolle, _denn Alles habe sie dereinst

an ihrer eigenen Mutter verschuldet._

Halb aufgerichtet im Bette legte sie vor allen Anwesenden das Bekenntniß

ihrer Schuld ab und kaum war solches geschehen, so sank sie tod [todt] in

ihr Kopfkissen zurück!

Es gibt unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die

Philosophen gar nichts oder nicht gerne träumen lassen, weil jeder Luftzug

aus einer überirdischen Welt ihre gar emsig und kunstreich gewobenen

Spinnengewebe zu zerreißen im Stande ist.

Werke sind besser als Worte, _Thatsachen_ lehren eindringlicher denn

alle Spitzfindigkeiten der verständig gewordenen Vernunft, deßhalb mag die

Jugendgeschichte der Mutter Theres das räthselhafte Benehmen während der

letzten Zeit ihres Lebend erklären oder doch einigermaßen aufklären.

Ihr Vater, ein vermöglicher und braver Mann starb sehr frühe, von einem

zweiten Manne bekam ihre Mutter noch einen Sohn und zwei Töchter. Dem

letzten Willen des Vaters gemäß sollte Theres, sein einziges Kind, die

Hälfte seiner Hinterlassenschaft in Empfang nehmen, sobald sie das

achtzehnte Jahr erreicht haben würde, die andere Hälfte jedoch erst nach

dem Tode der Fränz, ihrer Mutter. Theresens Stiefvater war ein roher,

wüster, leidenschaftlicher Mann, mit welchem Mutter Fränz recht unglücklich

lebte und welcher sich immer mehr dem Trunke ergab. Geduldig ertrug Therese

alle Unbilden und Mißhandlungen, welche ihr Stiefvater sammt den

Stiefgeschwistern ihr alltäglich anthaten, wurde 18, 20, 22 und 24 Jahre

alt, blieb bei der Mutter, deren einziger Trost sie war und dachte nicht an

die Herausgabe des halben Vermögens.

Armuth und Elend nahmen jährlich im Hause zu, der Stiefvater verkaufte, was

ihm beliebte; von allen Seiten wurde Therese gewarnt, ihr Eigenthum zu

retten und in ihrem 26. Jahre verließ sie endlich das Haus der Mutter und

heirathete den Jacob.

Bei dieser Gelegenheit kommt die schlechte, gewissenlose Wirthschaft des

Stiefvaters an den Tag, Fränz schaut jammernd in die Zukunft und bittet die

Obrigkeit um Hülfe, der Trunkenbold wird endlich mundtod [mundtodt]

gemacht, mißhandelt die Fränz ärger als je, bis sich der Himmel erbarmt

und die Arme von ihrem Quälgeiste erlöst.

Theres hauste mit dem Jacob, ihre Stiefschwestern heiratheten auch kurz

nach einander, die Fränz lebte jetzt allein mit ihrem Sohne, dem Paul.

Dieser schlug seinem rohen, wüsten, trinklustigen Vater in Allem nach, doch

war er noch jung und wurde vorläufig nur von Neid und Mißgunst verzehrt,

weil er sehen mußte, wie die Therese, seine Stiefschwester, die schönsten

Grundstücke und Hausgeräthe und Anderes dem Jacob in die Ehe brachte. Am

meisten schmerzten ihn die beiden Rappen, seine Lieblinge, welcher der

Schwager aus dem Stalle holte und wenn der Paul gar daran dachte, die

Stiefschwester werde nach dem Tode der Mutter Fränz die andere Hälfte ihres

väterlichen Vermögens beanspruchen, dann wußte er sich fast nicht mehr zu

helfen vor Neid und Haß, zumal der eigene Vater mit all seiner Habe fertig

und auf Unkosten der Fränz beerdiget worden war.

Mutter Fränz mußte dem Paul ihre Vorliebe schenken, ob sie wollte oder

nicht und dieser war kaum volljährig, so suchte er eine reiche Frau zu

bekommen. Im Dorfe und in der Umgegend nicht sonderlich gut angeschrieben,

durfte er nicht an jeder Thüre anklopfen, zuletzt erschlich er sich die

Liebe eines sechszehnjährigen Mädchens, der hübschen, muntern und

vermöglichen Christine und die Mutter derselben gab die Heirath zu, weil

die ältere Tochter sich hatte verführen lassen und weil sie fürchtete,

gleiche Schande an der jüngern erleben zu müssen. Der Vogt, ein

unumschränkter Dorfmonarch und vielgeltender reicher Mann, war Christinens

Vetter, hatte deren Heirath mit dem Paul ungerne gesehen, doch als diese

nicht mehr verhindert werden konnte und geschehen war, nahm er sich des

Paares gewaltig an.

Bald redete Paul mit dem vielvermögenden Vetter, auf welche Weise die

Therese um ihre halbe Erbschaft gebracht werden könnte; der Vogt versprach

Alles zu thun und hielt Wort, bald entspann sich eine Dorfintrigue, worin

Mutter Fränz, ihre Kinder aus zweiter Ehe und ihre Tochtermänner

Hauptrollen spielten. Die Leute munkelten und redeten viel von diesen

Intriguen, Jacob und Therese bekümmerten sich anfangs wenig darum, weil sie

auf ihr geschriebenes und gültiges Recht pochten, doch wie endlich

allgemein und laut gesagt wird, Fränz habe ihre älteste Tochter verstoßen

und von der halben Erbschaft ausgeschlossen, geht Therese zur Mutter, um

dieselbe über das Geschwätz zu befragen. Mutter Fränz erschrickt sichtbar,

kann der Tochter nicht in die Augen schauen, gibt lauter ausweichende

Antworten und dies beunruhigt natürlich diese gewaltig.

Am andern Morgen langt Jacob seinen langen Rock aus dem Kasten, setzt den

Nebelspalter auf und begleitet sein Weib zum Hofe des Dorfmonarchen.

Der Vogt hört Alles ruhig an, dann donnert er los:

"Du, Theres, bist eine eigensinnige, bösartige Tochter gewesen, kannst es

vor Gott nicht verantworten! ... Thut deine Mutter wirklich also, wie du da

klagst und fragst, so hat sie Recht, du hast's tausendfältig an ihr

verdient! ... Als deine Mutter im größten Elende bei ihrem liederlichen

Manne schmachtete, bist du fortgelaufen, hast einen Mann genommen, die arme

Frau wie eine Räuberin ausgeplündert! ... Wäre ich damals Vogt gewesen oder

hätte mich's angegangen, ich würde dir einen Strick um den Hals gelegt

haben, du unbarmherziges Thier!"--Die Ungerechtigkeit der Mutter und

Stiefgeschwister kränkte die schuldlose Therese zehnmal mehr, denn der

Verlust der halben Erbschaft, doch vertraut sie auf ihr gutes Recht und

Gott, und hütet sich, den Anklagen des Dorfmonarchen durch ein böses Wort

gegen die Mutter eine Handhabe zu geben.

Sie hütet sich nicht wochen-, sondern _jahrelang_ und es scheint Gras

über die Angelegenheit gewachsen zu sein, über welche erst der Tod der

Mutter Fränz Aufschluß und volle Gewißheit zu geben vermag.

Eines Morgens kommt der mürrische, versoffene Paul zur Therese und fordert

einen ausgehauenen Schweinstrog, welcher in Jacobs Hof steht, von ihr

zurück, weil der Schweinstrog nicht ihrem, sondern seinem Vater zugehört

habe. Therese lacht dem Paul ins Gesicht und gibt zu verstehen, sie sei im

Stande, ganz andere Forderungen zu machen, wenn das Betragen der

Stiefgeschwister es erheische.

Jetzt fährt der Stiefbruder auf, schreit ingrimmig:

"Was _du_ zu erwarten hast, das hast du schon und darfst dich

glücklich schätzen, wenn du nichts herauszahlen mußt!" und poltert zur

Stube hinaus, deren Thüre er zuschlägt, daß das ganze Haus und Therese vor

Zorn und Entrüstung zittert. Wenige Minuten später kommt Mutter Fränz, weiß

nichts von dem Vorgefallenen, klagt über Unwohlsein und die noch unwillige

und aufgeregte Therese meint:

"Sterbet in Gottes Namen, Ihr könnt nichts Besseres thun! ... _Nur sagt

es mir zuvor, daß ich mir ein weißes Kleid kaufe zum Leidtragen für

Euch!"_

Diese Aeußerung kränkte Mutter Fränz bitter, sie verließ die Stube, kam nie

wieder zurück, verfiel in eine langwierige Krankheit und ließ der ältesten

Tochter erst wenige Minuten vor dem Tode Vergebung angedeihen. Mehrere

Wochen saß diese Tag und Nacht beim Krankenbette der Mutter, die 3

Stiefkinder kümmerten sich nicht im mindesten um die Sterbende, denn sie

hatten, was sie wollten, nämlich ein schriftliches Testament, nach dessen

Wortlaut Therese auch nicht Einen Kreuzer erhielt.

Sterbend verlangt Mutter Fränz das Testament, welches gleich nach der

ersten und letzten Beleidigung von Seite Theresens geschrieben worden,

zurück, um es zu vernichten, doch ein Tochtermann hatte es in Verwahrung

und war über Feld gegangen, der Vogt wird herbeigeholt und hört das letzte

Wort der Mutter Fränz: "das Testament ist ungültig, un--" Kaum ist diese

eine Leiche, so kommt der Tochtermann von der Reise zurück, zeigt das

Testament, der Vogt erklärt, der Widerruf gelte nichts, weil die Sterbende

nicht mehr bei Besinnung gewesen, Theresens halbes Erbe bleibt verloren,

denn diese fängt keinen Prozeß an, sondern betrachtet die Enterbung als

eine Strafe des Himmels.

Mutter Theres war eine fromme, gottesfürchtige Frau; eine freudlose und

leidenreiche Jugend hatte sie vorbereitet, mit dem finstern, strengen, doch

dabei fleißigen, grundehrlichen und gerechten Jacob glücklich zu leben. Der

Benedict war es, der ihr zumeist Sorge und Kummer bereitete, sie an alte

Zeiten erinnerte und am Ende glauben machte, er sei von der Vorsehung

bestimmt, an ihr die Verwünschungen zu erfüllen, welche Mutter Fränz nach

dem erwähnten Auftritte gegen sie ausgestoßen hatte.--Der Besuch in der

Kaserne und die Kirchweihe hatten ihre abergläubischen (wenn man's so

nennen will!) Befürchtungen zerstreut; der, welchen sie von je am

zärtlichsten geliebt und welcher sie am tiefsten betrübt hatte, war

wiedergefunden. Sie liebte denselben von jeher mehr als eine gewöhnliche

Mutter, mehr als alle andern ihrer Kinder, _warum_--wußte sie selbst

nicht; die Kirchweihe weckte die ganze Gluth ihrer zärtlichsten und

sicherlich nicht durch Romanlesen verminderten oder gesteigerten wahrhaftig

leidenschaftlichen Liebe,--Der unglückselige Scherz, welchen der Hobist

machte, in derselben Stube, in welcher vor vielen Jahren Mutter Fränz ihre

Tochter verfluchte und in einer Stunde machte, wo das Licht noch nicht

angezündet war, so daß sie nur die verhängnißvollen Worte vom _weißen

Leidtragen_ hörte, die Miene des Sohnes jedoch nicht sah; dies

überzeugte sie von Neuem, _der Fluch des Himmels laste noch auf ihr und

ihr ältester, geliebtester Sohn sei geboren, um diesen Fluch zu

erfüllen._

Gewiß war sie selbst überzeugt, derselbe habe es mit den paar Worten nicht

böse gemeint, doch diese paar Worte sprach nicht der Benedict, sondern

sprach nach ihrer Ueberzeugung der zürnende Gott zu ihr.

Sie hat den Sohn verflucht als ein Werkzeug des Fluches, hat ihm verziehen,

weil der Tod sich ihrer nicht erbarmen wollte--wird der Fluch oder die

Verzeihung sich als leitender Gedanke durch die fernere Lebensgeschichte

ihres Sohnes ziehen?--

Der Duckmäuser ward durch den Tod und die Verzeihung der Mutter nicht

sonderlich ergriffen; er erblickte in diesem Vorfalle nur einen neuen

Beweis für die aus seinen Romanen geschöpfte Ueberzeugung, zu einem

abenteuerlichen Leben bestimmt zu sein.

Ein von der Vorsehung zu wunderbaren Dingen ausgerüsteter Mann seiner Art

läßt sich durch alle Anfechtungen der prosaischen Außenwelt wenig berühren,

lebt in andern Zeiten und höhern Regionen und begnügt sich, prosaischen

Vorgesetzten tiefe Verachtung und ritterlichen Trotz entgegenzusetzen und

diesem "Gewürme", welches auf der Keule des Herkules herumkriecht,

thatsächlich zu beweisen, daß man nach seinen kleinlichen und winzigen

Chikanen so wenig frage, als nach den Ansichten und der Ordnung der

gegenwärtigen prosaischen Welt überhaupt.

Der Oberst hatte den Hobisten in den Zimmerarrest und damit in die ohnehin

geliebte Romanenwelt hineingeprügelt, drei Monate lang lebte der Hobist dem

Obersten zum Trutz sehr glücklich in Burgen, bei Turnieren, focht wacker

gegen Sarazenen, befreite mehr als Ein Ritterfräulein mit blauen Augen und

hochwallendem Busen, oder zog sich als weitgefürchteter Räuberhauptmann in

unzugängliche Felsburgen zurück.

Kaum während der Probe wußte der Glückselige Etwas von der prosaischen

Wirklichkeit und mehr als einmal redete er bei seinen Erbsen und Kartoffeln

laut genug von fehdelustigen Rittern, treuen Knappen und Fräuleins, welche

ihm statt Gänseweines Nektar kredenzten. Wie die Hobisten von je den großen

Trommelschläger verlacht und verspottet hatten, so verspotteten und

verlachten sie jetzt auch den Benedict--hatte sich jener wenig daraus

gemacht, so bewirkten sie bei diesem das Gegentheil. Mehr als einmal kamen

gutmeinende Vorgesetzte und Offiziere, um dem Hobisten Benedict

zuzusprechen, damit er nicht in Doctor Rollers Hände falle, allein Güte und

Ernst prallten an ihm ab.

Die drei Monate des Zimmerarrestes waren beinahe zu Ende, da tritt ein sehr

beliebter, gebildeter und braver Adjutant in das Hobistenzimmer und macht

dem Bedict [Benedict], der stets mit Rittern und Fräuleins redet, ganz

ruhige, vernünftige und menschenfreundliche Vorstellungen. Doch dieser hört

ihn kaum und wie der Adjutant ihm das Narrenhaus prophezeit, streckt er die

Hand aus und spricht wörtlich also:

"Du bist nicht als ein Apostel berufen und hast einem so unerschrockenen

Ritter meiner Art durchaus keinen Vorwurf zu machen, deßhalb schweige, wenn

ich dir nicht den Fehdehandschuh vor die Füße werfen und dir meine Kraft

fühlen lassen soll!"--

Die Antwort des Adjutanten lautete auf 3 Tage Dunkelarrest, der

Dunkelarrest machte den Kopf des Duckmäusers nicht heller! ... Endlich sind

die 3 Monate des Zimmerarrestes verflossen, beim Beginne derselben war der

Frühling kaum im Werden, jetzt findet der Befreite Leben, Bewegung, Freude,

Liebe und Schönheit allenthalben; Alles, was er sonst gleichgültig

betrachtete, hat für ihn hohes Interesse, er fühlt sich gleichsam

neugeboren und ein schöneres, höheres Leben ist in ihm wach geworden!--

* * * * *

Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil · 第 3 / 9 题