von
#DR. ALBAN STOLZ#
Professor an der Universität zu Freiburg.
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#ZWEITER THEIL#
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Münster, 1853.
#Der Duckmäuser#
Wir befinden uns im Krankensaale des Zuchthauses zu Freiburg. Es ist ein
helles, freundliches, trauliches Gemach; die reinlichen Betten mit ihren
Täfelchen oben an der Wand, die einfachen, doch stets blank gescheuerten
Nachttische, der lange Tisch mitten in der Stube, dort an der Säule die
Schwarzwälderuhr mit ihrem bunten Zifferblatte und schwerfälligem,
regelmäßigen Picken, der große Kachelofen dort neben der Thüre, dessen gelb
glasirte Kacheln mit dem mattgrünen Wandanstriche harmoniren, der
Ordinationskasten mit seinen Flaschen, Gläsern, Schüsseln und Düten
obendrauf, all dieses zusammen macht einen gemüthlichen, wohlthuenden
Eindruck und das geschäftige Hin- und Hereilen des Krankenwärters, das
freundlich stille Benehmen des Aufsehers, das menschenfreundliche des
Arztes und der Beamten bei ihren Besuchen lassen Einen schier vergessen,
daß man ein Zuchthäusler, ein Gefangener sei und dies um so mehr, weil die
Tracht der Sträflinge durch die langen weißen Röcke der Genesenden in
Vergessenheit gebracht und der Lärm der Arbeitssäle nur von weitem zu hören
ist.
Dort an einem Fenster sitzt ein bleicher, hohläugiger Bursche, hüstelt
zuweilen und schaut mit seinen großen Augen, aus welchen bereits der
Lichtschimmer einer andern Welt leuchtet, schwermüthig und sehnsüchtig in
die herrliche Landschaft hinaus. Das nahe Gebirge mit seinen bunten
Wäldern, langen Kämmen und Felsenwänden, die Hügel mit ihren Kapellen,
Schlössern, Höfen, Obstgärten, Weinbergen und wogenden Saatfeldern, das
weite sonnige Rheinthal mit seinen blitzenden Quellen und Bächen,
unübersehbaren Matten und Feldern, Alleen und kleinen Wäldchen, aus denen
die Kirchthürme vieler Dörfer herüberwinken, im Hintergrunde eine lange im
Duft verschwindende Waldlinie, weiter hinten eine Hügelkette voll Dörfern,
gleichsam mitten in einem ungeheuern Garten stehend, vom dunkeln, den
Gebirgszug abschließenden Walde umzäumt; zuletzt hinter diesem mächtigen
Zaune das mächtige, wie eine dunkle Wolkenmasse in das gartenähnliche
Rheinthal herüberstarrende Vogesen-Gebirge, auf welches sich das tiefe Blau
des Himmelsdomes zu stützen scheint--all dieses gewährt einen Anblick,
dessen entzückende Schönheit der roheste Sträfling tief empfindet, wenn er
auch seine Empfindung niemals auszusprechen und noch weniger mit dem Messer
des Verstandes anatomisch zu zergliedern versteht.
Und wenn erst die leuchtende Königin des Tages hinabtaucht in einem
Gluthmeere voll unaussprechlicher Farbe, ihre halbe Scheibe hinter den
dunkeln Vogesen vollends versinkt, ihre letzten Strahlen aus hundert
Fenstern und Quellen blitzen und zucken, das weite Rheinthal, die Höhen des
Schwarzwaldes mit einem rosigen Verklärungsschimmer übergießen, der mehr
und mehr, die Ebene dem Sohne der Nacht, dem Schatten überlassend die Höhen
emporfließt, von den höchsten Gipfeln noch einen Scheideblick in das
dämmernde Thal hinabwirft und dann zum Himmel zurückkehrt--ach, man glaubt
Gott über das Land schreiten zu sehen, in ein versinkendes Paradies
hineinzuschauen! ...
Im kranken Gefangenen wird der Verbrecher vergessen, wenn er nicht selbst
daran erinnert, das Damoklesschwert der Hausordnung hängt minder drohend
über seinem Haupte, an die Stelle unerbittlicher Beamten tritt der heilende
Arzt.
Der Gefangene nähert sich einigermaßen dem Zustande der Freiheit, die
Krankenstube verbindet ihn durch die Aussicht in den Marktlärm des
Stadtlebens mit der Gesellschaft, durch die Aussicht in die wunderliebliche
Landschaft mit der Natur, durch beides mit Gott etwa? Selten! ...
Alle Vortheile, aber auch alle Nachtheile der Krankenstuben ordentlicher
Spitäler finden sich in diesem Saale des Zuchthauses vereiniget.
Gegenwärtig liegen nur wenige Kranke in den Betten, mehrere sitzen auf dem
Rande derselben oder auf einfachen Stühlen, andere am langen Tische, um
Kaffeebohnen auszulesen oder Düten zu fabriziren.
Mild und freundlich schaut die Sonne herein, der ergraute Aufseher macht
ein Schläfchen, wer wollte es ihm verübeln? Tausende von Nächten hat er in
einer langen Reihe von Jahren treulich durchwacht, schon seit zwölf Uhr
Nachts ist er wieder auf den alten Beinen, die Natur überwältiget ihn, er
mag immerhin duseln und träumen von einer bessern Besoldung! ...
Mehrere Gestalten sind uns bekannt.
Auf jenem Bette liegt halbaufgerichtet der Mordbrenner aus der Baar, stützt
das Bulldoggengesicht in die schwielenharte Faust und starrt finster und
trotzig durch die hellen Scheiben in das freundliche Himmelsblau.
In jenem Winkel lehnt der Exfourier, blättert in einem alten,
halbzerrissenen Gebetbuche und das höhnische Zucken der Mundwinkel zeigt
schon, daß er nicht betet, sondern critisirt, wenn er auch nicht von Zeit
zu Zeit über "den Thurm Davids, das elfenbeinerne Gefäß und goldene Haus"
seine Kasernenwitze losließe.
Neben ihm liegt Martin der Wirthssohn, das Gespenst des früheren
Schlosserlehrlings mit verzweiflungvoller Resignation lächelnd, wenn er zu
fühlen vermeint, wie der Tod langsam zu seinem Herzen steige.
Das Murmelthier fehlt auch nicht, sondern schnarcht den Faden des Lebens
weiter, während im weißen Nachtrocke und Pantoffeln leise eine Gestalt mit
gebräunter, von tiefen Leidenschaften durchwühltem Gesichte auf und ab
wandelt--der Spaniol, der vor kurzer Zeit mit dem betrogenen und als Räuber
zum zweitenmal verurtheilten Zuckerhannes hier zusammentraf. Von Zeit zu
Zeit steht der Spaniol düster sinnend an einem Fenster, welches in das
Straßenleben der Stadt hinabsehen läßt und ein wilder Schmerz arbeitet in
seinen Zügen. Draußen Revolution, der erste Kanonendonner der "großen
Zukunft" und er--mit seinen himmelstürmenden Ansichten, seiner verzehrenden
Thatkraft und seinem brennenden Ehrgeize ein Sträfling, ein ohnmächtiger
Gefangener, ein gemeiner Verbrecher! ...
Kein Wunder, daß er heute nicht predigt; sein Stolz läßt ihm keine laute
Klage zu, aber er herrscht auch hier und würde nicht nur der Liebling der
meisten Beamten und Aufseher, sondern wohl auch der meisten Mitgefangenen
sein, wenn nur der kropfige Zuckerhannes nicht da wäre und geplaudert
hätte.
Doch diesen blutarmen Menschen um die sauerersparten Pfenninge betrügen,
das ist eine That, welche auch im Zuchthause nicht immer Vergebung findet
und weil der Betrogene den Spaniolen als Vater seines ganzen Unglücks
betrachtet, nichts von der Rechtfertigung desselben hören mochte und bei
der Mehrzahl der Sträflinge in der ersten Zeit vollen Glauben fand, deßhalb
neigte sich der Spaniol bisher mehr den Hütern als den Gehüteten zu und
soll neulich den ärgsten Aufseher im Eifer für die Hausordnung überboten
haben.
Wenn er naht, verstummen die Meisten, aus ihren Blicken kann er Vieles
lesen, heute mag er nicht predigen! ...
Der Zuckerhannes selbst liegt im Bette, athmet zuweilen schwer auf und
hustet krampfhaft, horcht auf die Reden einer kleinen Gruppe seiner nähern
Freunde, welche ganz in seiner Nähe sich niedergelassen hat.
Da finden wir den einst so fröhlichen und lebendigen, jetzt immer düstern
und schwermüthigen Bläsi, aus der Pfalz, diesen unglücklichen Dragoner, den
das Schicksal so hart vom Gaule geworfen.
Neben ihm sitzt der Patrik von Hotzenwald, dieser rohe, ungehobelte, doch
gutmüthige und witzige Spitzbube, der immerhin noch mehr werth ist, denn
sein Nachbar, der Donat, dessen Geschichte deutlich zeigt, was aus einem
Menschen ohne Erziehung, Geld und Religion werden kann, wenn der Stachel
der Genußsucht tief im Fleische mit seinen lüsternen Schwingungen steckt.
Diese Leute hören dem Duckmäuser zu, welcher keine Gelegenheit fand, dem
Zuckerhannes Gutmachgeld zu senden und sich jetzt nach Bruchsal gemeldet
hat, weil er voraussieht, sein einziger Freund werde nicht mehr mit dem
Leben davonkommen. Den langwierigen Todeskampf des Unglücklichen darf und
mag er nicht ansehen, mag nicht erleben, daß eines Tages ihm das Glöcklein
verkündiget, der Hegäuer habe ausgelitten und die letzte Freude des
lebenslänglich Verurteilten habe ein Ende. Lieber will er allein, ganz
allein in einer Zelle leben, denn er hat zwar als Bube betrogen und
gestohlen, bei den Soldaten böse Streiche gemacht und zuletzt seinen Vater
ermordet, doch ein grundverdorbener Mensch ist er bei alledem _nicht_
und wer seine tragische Geschichte kennt, wie der Zuckerhannes dieselbe aus
seinem eigenen Munde hörte oder dazu noch schwarz auf weiß von seiner
eigenen Hand besaß, der kann diesen Unglücklichen nicht mehr verachten, er
muß ihn bemitleiden und begreift, daß ein solcher Mensch mitten unter
Sträflingen jahrelang vereinsamt lebte und Sehnsucht nach der Zelle
empfindet.
Was er jetzt dem verunglückten Dragoner, dem ungeschlachten Patrik und dem
leichtsinnigen Donatle erzählt, sind nur Bruchstücke und der Zuckerhannes
könnte Manches dagegen einwenden, weil er den am Hochmuth laborirenden
Duckmäuser auswendig und inwendig sammt der ganzen Geschichte desselben zu
kennen vermeint und findet, derselbe wasche sich viel weißer als er sei ...
Man mag sagen, was man will, _der Mensch_ ist _ein geborner
Aristokrat_, denn Jeder will schöner, reicher, gescheider [gescheidter],
vornehmer und besser sein, wie der Andere, jeder sucht bei Andern soviel
als möglich zu gelten und vertuscht, heuchelt, lügt, mag er Bettler oder
Graf oder noch mehr sein; die Sträflinge bleiben auch hierin Menschen und
die Wenigen, die es dahin gebracht haben, mit Sünden, Lastern und
Verbrechen groß zu thun, sind eigentlich verkehrte Menschen,
_Unmenschen_! ... Der Vatermörder ist kein Unmensch; schon die
Erzählung, welche er seinen Kameraden zum Besten gibt, verräth dem
Eingeweihten die Sucht, nicht schlecht sondern so gut als möglich zu
erscheinen, und wir glauben, die wahre Geschichte desselben beweise, der
arme Tropf sei wirklich unserer Achtung und noch mehr unserer Theilnahme
würdig, seine Geschichte eine sehr lehrreiche Alltagsgeschichte aus den
niederen Volksklassen.
#DER DUCKMÄUSER ALS SCHULBUBE.#
Wer sich einen Bauersmann vorstellt, der unter seinem Nebelspalter etwas
finster hervorschaut und dessen eckiges Gesicht die Sorgen des Lebens
tüchtig durchfurcht haben, obwohl sie nicht im Stande waren, einen Zug
ernsten Trotzes in unterthänigst kriechende Demuth vor jedem bessern Rocke
zu verwandeln, der hat das Gesicht des Vaters unseres Helden gesehen und
wird den abgetragenen Kittel, die Lederhosen, deren ursprünglich gelbe, die
Weste, deren ehemals rothe in eine von den Malern bisher unentdeckte Farbe
übergegangen ist, nicht vergessen und noch weniger die knorrigen
Eichenfäuste und die breitgetretenen Füße des Mannes. Wer sich näher nach
ihm erkundigte, würde überall erfahren haben, der Jakob sei ein nicht ganz
armer Mann mit sechs lebendigen Kindern, habe niemals recht lesen lernen,
folglich auch den "höflichen Schüler" niemals studirt und sei eine
grundehrliche Haut, welche Gott und den Amtmann fürchte, mit seinem Weibe
glücklich lebe und von jedem Nachbarn geliebt werde, obwohl er ein bischen
hart, unbeugsam und auffahrend dazu sein könne.
Sein Weib, die Theres, mag in ihrer Jugend nicht häßlich gewesen sein, aber
auf dem Lande wird die Schönheit gar rasch verschwitzt und wenn eine Frau
ihre zwölf Kindbetten durchgemacht hat, wirds schlimm aussehen, wenn hinter
der Leibesruine nicht ein treues, frommes Herz schlägt. Doch unter dem
Mieder der Theres sah es gut aus und deßhalb lebte sie auch mit ihrem Alten
recht glücklich, insofern festes Vertrauen auf Gott alle Sorgen und
Drangsale des Tages ohne viel nutzloses Klagen und Weinen überstehen läßt.
Jakob hatte auf dem Felde, in Wald, Stall und Scheune, die Theres an all
diesen Orten, in der Küche, am Waschzuber, in allen Winkeln des Hauses und
im Garten dazu vom Anbruch des Tages bis zur sinkenden Nacht alle Hände
voll zu thun, so daß die Beiden außer an Sonn- und Feiertagen wenig mit
einander plaudern, geschweige zanken konnten. Wenn es so kalt wurde, daß
der Jakob seine 5- bis 8pfündigen Schuhe anziehen mußte, dann wurde er
etwas brummig, denn das war Zeitverlust und wenn der Mond schien, war er im
Stande, noch in der Sommer-Nacht zartes Laub und dergleichen für seine
Kühe, Geisen und Schweine zu holen und es war gut, daß seine Hände nichts
davon wußten, die Brombeeren und Schlehen hätten auch Dornen, und daß er
mit bloßen Füßen im Verhau herumstolperte, ohne von spitzen Dornen, Steinen
und dergleichen mehr als eine Ahnung zu besitzen. In der Nacht bekam er
seine Ruhe, wenn nicht gerade eine Kuh kalbern wollte, das Geschrei der
Kinder beirrte ihn wenig; wenn er die ganze Woche tüchtig gearbeitet hatte
und am Sonntagmorgen vor der Kirche so glatt und freundlich wie ein
Schuljunge hinter dem Ofen hervortrat, wo er sich ohne Spiegel und Seife
musterhaft rasirte, dann pflegte er zu sagen: "Theres, die Arbeit ist
gethan, heute wird zum Herrgott gebetet und Mittags im Hirzen drüben ein
Hälbsle getrunken, wenn auch der Bettelvogt noch zehnmal schellt von wegen
der Herrensteuer!" ...
Die Theres freute sich auch auf den Sonntag, denn wenn es für sie auch
keinen Hirzen gab, so gab es doch eine Kirche und eine rechte Predigt und
ordentlicher Gottesdienst erquickt ein frommes Weibergemüth mehr, denn ein
Fäßlein Burgunder oder gar Capwein. Die Woche über kam die Theres kaum zum
Athemholen und in der Nacht, wenn der Jakob schnarchte trotz der größten
Baßgeige, fing die Plage erst recht an, denn die eisgraue Großmutter konnte
die Kinder in der Nacht nicht alle pflegen und schweigen und trocken legen,
und wenn eines zahnte oder sonst krankte, schlossen die beiden armen Weiber
oft kein Auge.
Am Sonntag aber wars so traulich in dem aufgeputzten Häuslein, als ob die
Leute die Kirche aus dem Gottesdienste mit sich genommen hätten und Mittags
stand auch Fleisch auf dem Tische, an hohen Festtagen Wein aus dem hintern
Fäßlein, wo der Alte und Gute älter und besser wurde, während der
Gewöhnliche vom Essig wenig sich unterschied.
Nachmittags nach der Vesper zog dann Jakob seinen blauen Rock ohne Kragen
mit tellergroßen Metallknöpfen an, stopfte sein Pfeiflein, drückte den
Nebelspalter ein bischen aufs linke Ohr und machte mit dem Liebhardt,
Fidele, Michel oder Bassi einen Gang durch die Fluren und dann in den
Hirzen, um bis zum Abend an seinem Hälbsle zu trinken, während das junge
Volk kegelte, auf der Straße spielte, in Rädlein beisammen stand oder Arm
in Arm kettenweise singend durch das Dörflein auf und ab zog. Es mochte
zweifelhaft sein, ob der Jakob an seinen Aeckern und Kühen größere Freude
hatte, denn an seinen Kindern, mindestens pflegte er jene zärtlich, während
er diese nach Herzenslust herumkrabbeln, fallen und heulen ließ, ohne sich
groß umzusehen, dagegen bleibt es sicher, daß die alte Hanne ganz vernarrt
in ihre Enkel und die Theres in den Benedikt am vernarrtesten war.
Der Benedikt, ihr erstes Kind hieß ihr "Augäpfelchen" und man darf ihr
solche Vorliebe verzeihen, obwohl sich dieselbe nicht nur in Blicken und
Reden kund gab. Der Benedikt mit seinen schwarzen Haaren, den runden
Apfelbäcklein, kohlschwarzen Augen und dem freundlichen Munde war wirklich
ein herzallerliebstes Büblein und dabei so munter und gescheid, wie keins
im Dorfe gefunden wurde.
Die Leute hatten keine eigene Kirche, nicht einmal eine Kapelle, mußten im
Leben und Tod ihrem Herrgott die Besuche im nächsten Orte abstatten und als
der Benedikt die ersten Höslein an hatte und vom Vater am rechten von der
Mutter am linken Händlein zum ersten Mal in die Kirche geführt wurde,
blieben alle Leute stehen und gab es eine ganze Prozession von schweigenden
und redenden Bewunderern, das Herz der Eltern bebte vor Freude und daheim
konnte Theres der alten Hanne nicht genug erzählen, welche Ehre sie mit dem
"Augäpfelchen" eingeerndtet, wie brav er in der Kirche gewesen, die
Händlein gefaltet und bei der Wandlung mit Kreuzmachen und Brustklopfen gar
nicht mehr aufgehört habe. Das Büblein holte bereits Alles beim Krämer,
besorgte alle Aufträge pünktlich, griff alles geschickt an, es mochte sein,
was es wollte und lachte vor Vergnügen laut auf, wenn man es nur lobte. Mit
Lob ließ sich der Benedikt durchs Feuer treiben.
Besaß das Dörflein keine eigene Kirche und keinen Pfarrer, so besaß es doch
eine eigene Schule und einen Schulmeister. Zwar hatte dieser nirgends
besonders studirt, war eine gefallene Größe, nämlich ein großer Maurer, der
von einem Dachsparren herabgefallen und ein Bein gebrochen hatte, dabei ein
guter, braver Mann und wußte Alles den Kindern beizubringen, was diese in
der Welt brauchen, vor allem den Katechismus.
Der Benedikt saß keine sechs Wochen in der Schulstube, so wurde auch der
alte Lehrer gänzlich in ihn vernarrt und es dauerte keine zwei Jahre, so
kannten die Kinder Einen Ihresgleichen als Unterlehrer, nämlich des Jakoben
Benedikt.
Was Andere in einem Jahre lernen, lernte unser Held ohne große Mühe in vier
Wochen und was der Mathes, der acht volle Jahre stets im Eselsbänklein saß
und später dennoch ein tüchtiger Bauer und braver Mann geworden ist, in
seinem Leben niemals begreifen wird, begriff der Benedikt rascher und
leichter als die gescheideste [gescheidteste] Schulkamerädin, nämlich die
Susanna.
Eine andere Uhr denn eine Sonnenuhr besaß weder die Schule noch der
Schulmeister und vom achten Jahre an war der kleine Schulmeister auch
"Zeitverwalter" mit einer kleinen Unterbrechung gegen das Ende der
Schuljahre, wo der Muthwille, der in ihm steckte, den alten Lehrer einige
Wochen in Verzweiflung setzte.
Das Augäpfelchen der Theres wurde das Augäpfelchen des Lehrers, aller Buben
und Mägdlein und vieler Erwachsenen und vielleicht haben die
Weihrauchwolken dazu beigetragen, auch seine Gestalt in die Länge und
Breite zu treiben.
Mit den Buben stand er gut, weil er der Stärkste, bei allen Spielen und
lustigen Streichen, die sich mit seiner Unterlehrersehre vertrugen, voran,
dabei unpartheisch und freundlich gegen alle war und bei den Mädlen stand
er besser als jeder Andere angeschrieben, weil er eine merkwürdige Vorliebe
für sie hegte, sie zart und schonend behandelte, gegen Schimpf und Schläge
schützte, ihnen in der Schule einsagte, beim Singen eines Liedes den
rechten Ton anstimmte und die leidigen Schulaufgaben gegen ein bischen Lob
oder auch gegen ein Schmätzlein machen half.
Um nicht weitläufig zu werden und dennoch einen rechten Begriff von dem
kleinen Benedikt zu bekommen, der ein ganz anderer Kerl war, denn der
verachtete, blutarme und arg vernachläßigte Zuckerhannes, wollen wir nur
drei Thatsachen aufmerken.
An einem Frühlingstage wird in der Schule biblische Geschichte gelesen und
die Kinder schauen sehnsüchtig durch die Scheiben in die grünende und
blühende Welt und rücken unruhig hin und her, denn das stundenlange Sitzen
und Schwitzen ohne Unterbrechung ist die Folter der Kinderjahre. Auf einmal
zupft ein Mädle das Andere und ein Bube den Andern und wer den Grund
entdeckt, hält die Hand vor den Mund oder kichert laut. Weßhalb? Der
"Unterlehrer" hat aus einem Stücklein Holz und vier beinernen Knöpfen ein
Wägelein gezimmert, einen kleinen Kiesel als Fracht darauf gelegt und vier
stattliche Maienkäfer, an eine Deichsel gebunden, ziehen das Ganze über die
Sitzbänke. Der Lehrer merkt's, zieht die Stirne kraus und ruft den Benedikt
auf, im Lesen fortzufahren. Wer beim letzten Wort weiter fährt, ohne eine
Miene zu verziehen, ist der Benedict. Der Lehrer weiß, welchen Kopf und
welche Kenntnisse der muthwillige Unterlehrer besitze, meint, derselbe sage
einige Satze auswendig her und werde bald stecken bleiben, doch der
Benedict liest und liest, ohne nur einmal zu stottern, ohne eine Silbe zu
verfehlen.
Dessen verwundert sich der Lehrer, steht auf, greift nach Benedicts Buch
und siehe--dieser hat Alles auswendig hergesagt, denn lesen konnte er schon
deßhalb nichts, weil er das Buch, wie der Lehrer auch seither geglaubt,
verkehrt in der Hand hielt.
Dieser Streich und hundert ähnliche dazu verschafften dem Benedict den
Beinamen "Leichtsinn" und mit den Jahren wuchs sein Leichtsinn wirklich,
wie er denn einmal, als ein Schuldschein geschrieben werden sollte, dem
Lehrer keinen andern machte als folgenden:
"Ich heiße Leichtsinn, bin der Leichtsinnigste und habe in diesem Zustande
geschrieben!"
Wenn er wollte, brachte er stets die besten Aufsätze, doch schien er immer
weniger zu wollen, der Lehrer sagte wenig dazu, verschonte ihn fernerhin
auch mit Schlägen und wußte warum.
War eine Schulaufgabe zu machen oder gar die Sonntagspredigt
nachzuschreiben, so gings wie eine Prozession zu Jacobens Haus, denn hier
saß der Benedict, trug die Predigt Wort für Wort im Kopfe und dictirte
Jedem der zu ihm kam und Jedem verschieden, je nachdem er den Hansjörg mit
seinem harten Hirnkasten, den Mathes, diesen privilegirten und getreuen
Eselsbankdrücker oder einen Gescheidtern vor sich bekam. Die besten
Aufsätze jedoch dictirte er den Mädlen, lief stundenlang von Haus zu Haus
und bevor die Sabin insbesondere das Fließblatt ins Heft gelegt hatte,
dachte er nicht ans Ballspielen oder an etwas Anderes.
An einem Winterabend zogen alle Buben ihre Schlitten lange vor der Betzeit
heim und mit vielen Erwachsenen dem Rindhofe zu und Niemand fragte, was es
gebe, weil Jeder wußte, es werde alldort Comödie gespielt. Die Mädchen
saßen schon in der Scheune, Sabinens Gesicht glänzte vor Freude; sie saß
mit der Mutter Theres und Hanne auf der vordersten Bank, der Jacob fehlte
auch nicht und sah heute nicht sorgenschwer und finster drein, sondern
koste mit zweien seiner jüngern Kinder; die Bänke füllten sich rasch und
Alles schaute gespannt und ungeduldig nach einem Vorhange, der aus vier
zusammengenähten Leintüchern gebildet war. Endlich kommt auch der alte
Lehrer, eine Schelle lärmt, der Vorhang geht auf und mit einem Ah! der
Bewunderung betrachten Alle--das Marionettentheater und wissen, daß heute
der Benedict den "verlornen Sohn" spielen wird.
Hat der Benedict dem Landstreicher Kranich nicht längst alle Possen
abgespickt? Macht er ihm nicht alle Zauberstücke nach und hat er nicht die
Herzen der Dorfbewohner schon durch den "Todessprung des Ritters, den
Doktor Faust, die Genofeva von Brabant, die drei Müllerstöchter, die
Hirlanda, schöne Magelona" und Anderes erfreut? Sind nicht Einzelne aus den
nahen Dörfern und einmal sogar der Herr Pfarrer gekommen? Hat der Benedict
nicht seine Herzkäfer, die Sabin, Euphrosin, Susann, Margreth, Thekla,
Line, Affer, Lisbeth und Andere geplagt, bis alle Puppen da waren? Hat er
nicht den Hanswurst selbst gemacht und dazu ein Stück Hosenleder
verschnitten, welches dem Mütterchen auf Ostern Schuhe hätte geben sollen?
Heute bat er sichs sauer werden lassen, um den "verlornen Sohn" prächtig
auszustatten. Jetzt sieht man den Alten in seinem Ruhesessel, der älteste
Sohn steht trotzig vor ihm und fordert sein Erbtheil. Dann geht er fort ins
fremde Land, ein Reisender kommt zu der Mutter und sagt derselben, aus
ihrem Sohne sei etwas Großes geworden, er kommandire eine ganze Armee.
Richtig kommt der Sohn mit seiner großen Armee, diese jauchzt, johlt und
jodelt wie nach dem größten Siege selten eine und so geht das Ding fort bis
ans Ende, wo der Benedict ein bischen heiser wird.
Wer aber beschreibt das Entzücken des Publikums? Wann hat der vielgeübte
Kranich jemals den weichherzigsten Mädlen Thränen entlockt? Der Benedict
tritt hervor, ist umringt von nassen Augen, der Lehrer wird zum Wortführer
des Lobes der Zuschauer, der Benedict verlebt eine der seligsten Stunden
seines Daseins, die Mutter desselben schwimmt mit der Sabin' und andern
Mädchen in Freudenthränen, von ihrem Augapfel, ihrem Liebling entlockt.
Jetzt drängt sich das mehr als 80jährige Bäbele mit seinen schneeweißen
Haaren aus dem Hintergrunde hervor; war doch der Benedict auch ihr Liebling
und sie muß ihm auch ihre Huldigung darbringen. Sie thut es, doch thut sie
noch mehr, denn das Morgenroth einer höhern Welt leuchtet durch ihre
Wangen, die Augen schauen prophetisch in die Zukunft und zu dem Volke sich
wendend, spricht sie das inhaltsschwere Wort. "_Glaubt nur, ihr Leut',
aus dem Benedict wird entweder ein großer Herr oder ein großer
Spitzbube,_ in unserm Geleise bleibt er nicht!" Wie oft hat der
"Duckmäuser" in bangen Kerkernächten, in der erschütternden Einsamkeit der
Zelle an diese Worte gedacht! Bäbeles Gebeine sind längst vermodert, ihr
Name ist verschollen, doch ihr prophetisches Wort hat sich erfüllt und
zittert durch das Herz eines Lebendigbegrabenen!
Längst haben sich die einzelnen Kameradschaften der Buben und Mädchen alle
bemüht, den Benedict an sich zu fesseln, längst war er der Mittelpunkt, um
den sich die Dorfjugend sammelte; in die "Kunkelstube", wo er gerade zu
finden war, dahin kamen auch Männer und Frauen, denn er erzählte Legenden
der Heiligen, Rittergeschichten und Anderes so schön und lebendig, daß man
Alles zu sehen und zu hören glaubte und in seinem Dörflein war noch alte
Sitte und Zucht vorherrschend und man hätte einen Menschen, der über die
Heiligen spottete oder die Unschuld erröthen machte, aus den meisten
Kunkelstuben einfach hinausgeworfen.
Seit dem Abend, an welchem der verlorne Sohn gespielt worden, schaute der
Jacob seinen Benedict respectvoller an, derselbe war ihm und Andern längst
über den Kopf hinausgewachsen, der Held der Dorfjugend und sein Name in
allen umliegenden Dörfern mit Ehren genannt.
Wurde ihm noch nicht die Welt zu enge, so war dies allmählig doch mit der
Schulstube der Fall. Lernen konnte er hier nichts mehr und wußte er sich
die Langeweile auch zu vertreiben, so wünschte er doch sehnlichst, Mutter
Theres möchte die Zügel ein bischen länger machen und dies war nicht der
Fall, so lange der Benedict zur Schule ging.
Die ganze Weisheit des Vaters bestand in dem Sätzlein: Bete und arbeite! Er
ging mit Beispiel voran, hielt mit eiserner Strenge darauf, daß die
Seinigen es auch thaten und wenn die Mutter nicht Alles über ihn vermocht',
wie der Benedict Alles über die Mutter, so würde es wohl mit dem Heldenthum
kläglich ausgesehen haben! ... Auf dem Lande ist das Geld von je als die
theuerste Sache betrachtet worden, wo wenig Geld und 6 unerzogene Kinder zu
finden sind, gibts zu arbeiten; gar oft mußte der gute Benedict die
Kunkelstube meiden und bis um Mitternacht selbst spinnen; freilich spann
das Mütterchen auch mit, denn der Winter vergeht rasch und die Leinwand muß
zeitig auf die Bleiche, doch Mütterchen fing an, dem geistvollen und
gelehrten Benedict mit ihren endlosen Rosenkränzen allgemach langweilig zu
werden. Er wünschte oft, die Großmutter möge vom Kirchhofe kommen und sich
wieder statt seiner mindestens an die Kunkel setzen; die Hanne kam jedoch
nie wieder, sie hatte auf Erden genug gesponnen und der Faden ihrer
Pilgerfahrt war im letzten Spätjahr leise und sanft abgerissen worden.
Der Communionunterricht beginnt, Benedict faßt freudige Hoffnungen, wiewohl
er erst im Sommer 14 Jahre alt wird, der Mittwoch vor dem Palmensonntag
macht dieselben zu Schanden, denn an diesem Tage werden die Namen derer
verlesen, welche zum erstenmale zum Tische des Herrn gehen und aus der
Schule entlassen werden. Zitternd vor Erwartung sitzt er da, jeder Name
zuckt wie ein Schwert durch seine Seele, zuletzt wird noch dem Mathes die
Erlösung vom Eselsbänklein angekündiget, dann kommen die Namen der Mädchen,
er kanns kaum glauben, dennoch ist's richtig--sein eigener Name fehlt, der
Lehrer mag den Unterlehrer nicht vor der Zeit verlieren. Noch mehr, die
Seraphin, einer seiner Herzkäfer, der auch erst im Heumonat 14 Jahre alt
wird, darf als "die feinste, fleißigste und sittsamste" communiciren und
die ganze Schule hört an, wie der Lehrer erklärt, der Benedict müsse als
der "Leichtsinnigste von Allen" noch ein Jahr da bleiben.
Jetzt war Feuer unter dem Dache und brannte ein volles Jahr! ... Besaß die
Seraphin das gehörige Alter? Nein; wem hatte sie ihren Ehrenplatz zu
verdanken? Zum guten Theil dem Benedict, der ihr einsagte und alle
Schulaufgaben machte. Saß derselbe nicht an einem _verdienten_
Ehrenplatz? Und jetzt sollte jene "die Feinste, Fleißigste und Sittsamste"
und er dagegen "der Leichtsinnigste von Allen" sein?
Zunächst ward der Seraphin der Krieg erklärt und bald hieß das arme Mädchen
allenthalben nur "die Feinste, Fleißigste und Sittsamste" und getraute sich
nicht mehr, irgendwo hinzugehen aus Furcht vor Spott und Hohn. Hat das
Mädchen dem Lehrer _nur_ Milch und nichts Anderes schmeichelnd ins
Haus getragen? Waren die Susanna und Margreth nicht zweimal in der Nähe,
als Seraphins Mutter den weißen Korb mit einem noch weißern Tüchlein deckte
und der Tochter empfahl, den Herrn Pfarrer drüben doch recht inständig zu
bitten, daß sie aus der Schule komme und vorzustellen, was die alternde
Mutter alles zu thun habe? Würde der Benedict, wenn er Solches vorher
gewußt hätte, nicht dem Vater eine Kuh aus dem Stalle gezogen und dem
Schulmeister gebracht haben statt vergänglicher Milch und dies nur, um aus
der Schule zu kommen? ... Dem Pfarrer legte Benedict nichts in den Weg, er
besaß den Muth nicht dazu; desto schlimmer kochte er es dem Schulmeister;--
statt des gehofften Unterlehrers besaß dieser jetzt einen unbeugsam
trotzigen, saumseligen und muthwilligen Schüler mehr, bei welchem Milde und
Güte, Bitten und Betteln so wenig fruchtete als Drohungen und Schläge.
Schulaufgaben machte er für seine Herzkäfer, für sich selbst niemals oder
in der Art, wie jenen früher erwähnten Schuldschein. Fragte ihn der Lehrer
Etwas, so antwortete er trocken, er wisse es nicht oder machte die
Mitschüler zu lachen, bat ihn der Lehrer, ihn ein bischen abzulösen, so
ermahnte er denselben, sich an die "Feinste, Fleißigste und Sittsamste" und
nicht an den "Leichtsinnigsten von Allen" zu wenden. Einmal mußte er
hinaus, um die Sonnenuhr zu richten, was Keiner besser verstand; er that's,
verschwieg jedoch eine ganze Stunde und der Lehrer machte fort, bis Weiber
und Bursche kamen, um die Kinder zum Mittagsessen aus der Schule
fortzuholen; ein andermal richtete er die Sonnenuhr so, daß der Lehrer die
Schule fast um eine Stunde zu früh schloß. Von jetzt ab mußte jedoch der
Max aus dem Rindhof die Sonnenuhr richten lernen, und weil der Lehrer sah,
Hopfen und Malz seien am Benedict verloren, kümmerte er sich auch allmälig
wenig darum, ob derselbe schwänze oder nicht und wenn er erschien, mußte er
neben Mathesens Ersatzmann, dem dummen Hansjörg sitzen, der genug
schmunzelte, auf seinem Katzenbänklein einen so trefflichen Einbläser neben
sich zu haben! ... Endlich naht die letzte Schulprüfung, diesmal wird der
Benedict kein Lob und keinen Preis davontragen!
Einige Buben müssen die "verhexte Kuh und rothe Milch", einige Mädchen den
"feurigen Drachen" zusammen declamiren lernen und wenn der Philipp, der
jetzt neben dem Rindhofmax auf dem Ehrenplatze sitzt, Einen hätte, der die
Rolle des belehrenden Herrn Pfarrers in den "Feuermännern" ausfüllte, würde
der Lehrer hoffen, auch dieses Jahr beim Dekan Ehre zu erndten. Demüthig
bittet der arme Mann den Benedict, ihm den einzigen und letzten Gefallen zu
erweisen und bei der Prüfung die Rolle des Belehrers in den "Feuermännern"
zu übernehmen, doch der Benedict lacht ihm schadenfroh ins Gesicht und
meint: "Ich und der Hansjörg führen auf dem Katzenbänklein die Declamation
der Stummen mit einander auf, gelt Hansjörg?"--Der Hansjörg grinzt und
nickt bejahend, die Schüler lachen, der tief gekränkte Lehrer sagt dem
Benedict, er möge ganz von der Prüfung wegbleiben und schließt die Schule
sogleich vor Wehmuth.
Am vorletzten Tag vor der Prüfung geht der Lehrer in die Schulstube und wer
exerzirt die Prüfungshelden nach Mienen, Stellungen und Reden in die
"verhexte Kuh und rothe Milch" ein? Wer denn anders als der Benedict!
Der Erstaunte bleibt an der Thüre stehen, bis das Ding fertig ist, dann
eilt der arme Mann, der statt Geister stets vor der Prüfung lauter
Schwarzröcke sieht, begeistert auf den Benedict zu, drückt krampfhaft
dessen Hand vor lauter Freude und bittet denselben öffentlich vor allen
Schülern um Verzeihung ob der bisherigen Zurücksetzung. Unser Held weint
auch beinahe vor Freude über solche Befriedigung des Ehrgeizes, doch trotz
den Ermahnungen des Lehrers und der Schüler setzt er sich keineswegs auf
den Ehrenplatz, sondern auf das Eselsbänklein neben dem einfältigen
Hansjörg.
Die Prüfung naht, kommt, ist bei den kleinen Schülern vorüber, sie drängen
hinaus, die andern hinein, doch--der Benedict fehlt, mit Todesangst
schielt der arme Lehrer nach der Thüre und sucht ein Taschentuch, um einige
aufsteigende Angsttropfen abzuwischen.
Endlich geht die Thüre auf, der Ersehnte tritt herein, schreitet stolz am
Eselsbänklein vorüber und setzt sich auf den Ehrenplatz; der verlassene
Hansjörg hat ein gar wehmüthiges Gesicht dazu gemacht! Noch niemals
zeichnete sich der Benedict bei einer Prüfung so aus, wie diesmal; auch die
Rolle des belehrenden Pfarrers in den "Feuermännern" spielt er meisterhaft
und wie Alles vorüber ist, tritt er vor die 15 oder 18 gegenwärtigen
Herren, verbeugt sich ehrerbietigst und beginnt das schöne, lehrreiche
Gedicht: "Der Holzhacker"--auf eigene Faust zu declamiren und biß bei den
Worten:
"Und biß, o Graus, am goldnen Bröcklein die Zähne sich aus!"
so ernsthaft und natürlich zu, daß sämmtliche Herren nachbeißen zu wollen
schienen.
Der Declamation folgte ein langes Beifallsgeklatsche und öffentliche
Belobung des über den Benedict ganz entzückten Dekans als Abschied aus den
Kinderjahren.
Ob unser Held den Leib Jesu Christi beim erstenmal auch würdig empfangen
und gewußt habe, was er eigentlich thue, ist ihm heute zweifelhaft, doch
meint er, der Unterricht sei ein bischen arg mangelhaft und schlecht
gewesen und ein Bube könne nicht Alles aus dem kleinen Finger saugen, wenn
er auch ein Benedict sei.
#DORFGESCHICHTEN.#
Wenn mans genau und eine Landkarte dazu in die Hand nimmt, lassen sich die
Einwohner des Badnerlandes in lauter Schwarzwälder und Odenwälder
eintheilen. Die schwäbische Hochebene und rauhe Alp sind wohl geognostische
Kinder des Schwarzwaldes und das Rheinthal von Basel bis Mannheim
eigentlich nur ein Bergkessel zwischen dem Schwarzwalde und den Vogesen.
Freilich gedeihen auf den Höhen des Schwarzwaldes nur Nadelhölzer; selbst
diese verkrüppeln und verschwinden am Feldberge und wenn auf den Vorhügeln
des Rheinthales drunten Mandeln verblüht sind, Kastanien blühen und die
Rebe ihre Schößlinge treibt, sind die rechten Schwarzwälder froh, wenn ihr
Hafer angesäet und ihre Kartoffeln gestupft werden können und thun, als ob
sie heuer gerathen wollten. Doch die rechten Schwarzwälder bewohnen nur ein
kleines Gebiet; jedes Thal hat wieder sein Besonderes in Sprache, Tracht
und Sitte und wer das Murgthal bis Freudenstadt und Rothweil, das
Kinzigthal von Offenburg bis Schenkenzell und Alpirsbach, das
Simonswälderthal, Höllenthal und viele andere Thäler von der
würtembergischen Grenze bis zum Rheine besucht hat, weiß am Ende nicht mehr
recht, wo er den Schwarzwald eigentlich suchen soll, nicht weil Land und
Leute einen cosmopolitischen Brei bilden, sondern weil man kaum recht Athem
holen kann, um Verschiedenheiten in der Natur und unter den Menschen zu
finden.
Steigt er vom Schluchsen [Schluchsee] oder Titisen [Titisee], wo Schlehen,
Preiselbeeren und andere Kinder des Nordens allein noch zu finden sind, in
die Seitenthäler herab, wo Obstbäume die Strohhütten beschatten und wogende
Saatfelder die saftiggrünen Wiesen mit ihren sprudelnden Quellen allgemach
ersetzen, die gelben Strohhüte und kurzen, faltenreichen Röcke allmälig
verschwinden und tritt er aus den Vorhügeln mit ihren Weinbergen in das
Rheinthal hinaus und wandert vom Wiesenthale abwärts bis zur Murg und zum
Neckar, so befindet er sich allerdings nicht mehr in der Gebirgswelt,
sondern in einer gartenähnlichen Ebene, doch das Gebirge kommt ihm weder
aus den Augen noch aus dem Sinn, die Ebene liefert ihm auch alle
Augenblicke etwas Anderes und wenn er aus den zahllosen Mannigfaltigkeiten
die Einheiten heraussucht, theilt er die Menschen am Ende in zwei große
Partheien, nämlich in Dorfmenschen und Stadtmenschen; im Gebirge herrschen
die Dorfmenschen, in der Ebene die Stadtmenschen vor und der Unterschied
der Dorfmenschen unter sich ist bei weitem nicht so groß, wie ihr
Unterschied von den Stadtmenschen.
Wer das Leben und Treiben der Schwarzwälder im engern Sinne genau kennen
lernen will, muß den "Kalender für Zeit und Ewigkeit" oder "Spindlers
herzige Erzählungen aus neuerer Zeit" zur Hand nehmen, denn Berthold
Auerbachs Dorfgeschichten, so anmuthig, hinreißend und herrlich sie auch
uns und vielen tausend Andern vorkommen, sind eben doch keine eigentlichen
"Schwarzwälder" Dorfgeschichten, sondern laufen fast ohne Schwarzwälder
Lokalfarben auf die Gegensätze zwischen Stadt und Land hinaus.
Im Gebirge verschlingt das Dorfleben das Stadtleben, in der Ebene geht´s
umgekehrt zu und wie das Stadtleben allmälig auch in den Seitenthälern und
auf den Höhen des Gebirgs zur Herrschaft kommen will, zeigt unter Andern
die Geschichte des Duckmäusers.
Das Heimathdörflein desselben liegt an der Mündung eines Thales, das einen
allmäligen Uebergang vom Schwarzwalde zur Rheinebene bildet und zwar nicht
blos der Natur, sondern auch des Charakters der Bewohner. Land und Leute
wachsen immer und überall wundersam zusammen und für ein geübtes Auge ist
jede Gegend ein Buch, aus dem es die Geschichte, das Leben und Treiben
ihrer Bewohner so im Allgemeinen herausliest!
Kehren wir nach diesem kurzen Ausfluge zu unserm Benedict zurück, der aus
der Schule entlassen, bereis ein bischen größer und vom Mütterlein ein
bischen weniger gezügelt wurde.
Sein Vater, der finstere, doch grundehrliche Jacob arbeitet noch immer den
ganzen Tag, rasirt sich am Sonntag hinter dem Ofen und trägt Nachmittags
nach der Vesper seinen Nebelspalter in den Hirzen. So lange der Benedict in
der Schule war, durfte er nicht ins Wirthshaus und nicht einmal den größern
Burschen den Kegelbuben machen, doch jetzt hilft er dem Vater tüchtig
arbeiten, stolzirt am Sonntage mit Etwas herum, was bei uns fast so viel
bedeutet, als die %toga virilis% bei den alten Römern, nämlich mit
einer Tabakspfeife und wenn es ihm beifällt, auch ein Schöpplein im Hirzen
zu trinken, so sieht's der Jacob nicht gerne, doch der Sohn will thun wie
andere auch und noch mehr, weil er der Held in 5 Dörfern ist. Der Vater
hört denselben doch lieber herausstreichen als schimpfen und muß eben
nachgeben, wie andere redliche Väter auch nachgeben.
Abends mag der Benedict nicht mehr beim Mütterlein spinnen, die kleine
Hanne kanns thun, wird dieselbe doch mit jedem Tage größer und der Bruder
geht in die Kunkelstube, um seinen Erzählerruhm aufrecht zu erhalten. Alle
einzelnen Kameradschaften der Bursche und Mägdlein buhlen um seine Gunst,
wo die Margareth ist, welche er am liebsten zu haben scheint, sitzt die
Ofenbank voll und wenn er kommt, kommt Freude und Leben und jedem der
Feierabend zu frühe.
Alle Häuser besucht er, jeden Abend ein anderes, in jedem ist er beliebt
und bekannt und Niemand weiß, welchem er den Vorrang gebe! Uebrigens darf
man nicht glauben, daß die Buben und Mägdlein unziemliche Kurzweil trieben
an den langen Abenden, mindestens geschah dies nirgends, wo der Benedict
hinkam und dieser wußte einen wüsten Gast derb abzutrumpfen und
heimzuschicken.
Der Liebling der Jungen wollte auch der Liebling der Alten sein, zudem dem
Mütterchen eher Ehre denn Schande machen und so wurde in den Kunkelstuben
nur Ehrbares und oft Heiliges erzählt und nichts Unziemliches geschwatzt
oder gar getrieben. Der Benedict hielt viel auf Ehre und hätte es sich
nicht nachsagen lassen, daß ein unehrbares Wort aus seinem Munde gekommen
und deßhalb liebten ihn auch alle Mädchen und ihre Eltern hatten nichts
dagegen, wenn dieselben mit ihrer Kunkel und dem Rosenkranz nach dem
Nachtessen in das Haus wanderten, in welchem der Benedict gerade zu finden
war.
Eines Abends sitzt so eine trauliche Gesellschaft im Vaterhause des
Hansjörgen und der Benedict erzählt bis gegen 10 Uhr, daß den Zuhörern bald
die Thränen in die Augen schießen, bald die Gänsehaut aufsteigt. Jetzt
stellt die Margareth ihre Kunkel weg, streicht die braunen Haare aus der
Stirn, steht auf und sagt gar holdselig: "Benedict, 's ist bald Zeit, wir
wollen noch Eins tanzen, damit wirs lernen bis Fastnacht!"--Alle Buben und
Mägdlein sind dabei; der Benedict hat seine Klarinette bei sich, denn auch
ein Musikus ist er geworden, der blinde Hans hat ihm die Griffe und Pfiffe
gezeigt, er spielte bereits die schönsten Hopser, Ländler, Walzer und
dergleichen aus dem ff heraus und jetzt sucht er den Ton, während Tisch und
Bänke in eine Ecke gestellt werden und der Hansjörg vor Freuden mit der
Zunge schnalzt und Sprünge macht wie ein Tiroler.
In diesem Augenblick tritt jedoch die Ursula, Hansjörgens Mutter in die
Stube und sagt zum Benedict: "He, Benedict, wollt Ihr tanzen? Weißt wohl,
daß ich nichts dagegen habe, wenn´s Zeit ist, doch ist heute nicht Freitag
Abend? Was fällt dir auch ein, an einem solchen Abend blasen zu wollen?
Kommt am Sonntag oder an einem Tage in der nächsten Woche!"
Der Benedict wird feuerroth, steckt die Klarinette ein, geht mit dem jungen
Volke fort und sagt auf dem Heimwege zu den Mädlen, er wisse gar nicht, was
er darum gäbe, wenn er heute nur nicht in Ursulas Haus gewesen wäre! ...
Die Ursula war eine Gevatterin seiner Mutter und Gotte dreier seiner
jüngern Geschwister, hatte ihn von Kindesbeinen an geliebt und geehrt, doch
wer ihr Haus mit keinem Schritte mehr betrat und ihr auf der Straße fortan
auswich, das war er, und zwar deßhalb, weil er meinte, sie hielte ihn in
ihrem Herzen für einen religionsfeindlichen Menschen, der sich nichts
daraus mache, am Freitag zu tanzen und aufzuspielen!
Hatte es früher schon schlechte und verrufene Leute im Dorfe gegeben, so
gab es allmälig auch Aufgeklärte, denn mancher, der als frommer, züchtiger
Rekrut fortgegangen war und auf Urlaub heimkam, hatte die Welt in der Stadt
und in der Kaserne mit neuen Augen betrachten gelernt und der reiche Max
aus dem Rindhofe wanderte jetzt fleißig in die nahe Stadt, wo er in jeder
Bierkneipe gescheidte Leute und genug kirchenfeindliche Zeitungen fand. Der
arme Benedict regierte die Jungen im Dorfe, der reiche Max sah dies nicht
gern, suchte und bekam auch Anhang und daß der vielgepriesene "Zeitgeist"
auch in diesem Dörflein zu rumoren anfange, zeigte sich vor dem
Frohnleichnamsfeste. Seit urdenklichen Zeiten saßen jedes Jahr am Tage vor
dem Frohnleichnamsfeste die Mädchen in der Schulstube und arbeiteten oft
bis Mitternacht, um das Kreuz und den Altar, zu welchem die Prozession
morgen aus dem Pfarrdorfe herüberzog, mit den stattlichsten Kränzen und
Blumen zu schmücken. Sie hätten es sich um keinen Preis nachsagen lassen,
der Herrgott am Kreuz und das ganze Kreuz sammt dem Altare seien nicht mit
Kränzen, Blumen und Bändern aufs reichlichste ausstaffirt gewesen. Die
Bänder wurden von den Mädchen und deren Müttern geliefert und heuer
kommandirt der Benedict den ganzen Tag im Schulhause, macht den
stattlichsten Kranz, der die Dornenkrone bedecken sollte und verspricht
Abends beim Fortgehen, er werde der erste sein, welcher morgen früh den
ersten Kranz ans Kreuz hefte.
Dem schwülen Tage folgte eine Regennacht, welche zu stürmisch war, als daß
man hätte fürchten mögen, die Prozession werde darunter leiden und noch um
11 Uhr saßen einige Mädchen in der Schulstube, um beim Licht die letzten
Zurüstungen zu treffen. Der Benedict liegt im Bett und will sich eben vom
Rauschen des Sturmes in den Baumwipfeln und vom Plätschern des Regens in
Schlaf lullen lassen, als es leise an seinem Fensterlein klopft und ruft.
Er springt auf, denn er kennt diese freundliche Stimme und verwundert sich
über den seltsamen Ton derselben.
"Hör', Benedict, _jetzt_ sind wir Mädchen zu Schanden gemacht,"
berichtet die Margareth, welche den hübschen Kopf in das Kammerfensterlein
hineinstreckt, damit das Wasser vom Dache sie nicht ersäufe.
"Verlassen und verrathen sind wir, alle Mühe war umsonst, denn die Buben
haben keine Maien geholt!" bestätigt die Susanne. "Was? keine Maien?" sagt
der Benedict erschrocken und Margareth sammt der Jutta und dem Vefele, die
auch herbeieilen, erzählen, der Max habe die Buben aufgehetzt, heuer keine
Maien im Walde zu holen und gesagt, es sei eine Schande für so große Esel,
sich noch mit solchen "Kindereien" abzugeben. Daß der Max nicht umsonst
redete, während der Benedict im Schulhause saß, stellte sich um Mitternacht
sonnenklar heraus. Die Maien sind jedoch gleichsam die Rahmen, welche das
Kreuz und den Altar liebend umfassen und wie armselig sieht ein Bild ohne
Rahmen drein? Je größer, schöner und frischer die Maien, desto größer die
Ehre für die Mädchen, an den Maien erkannten die Leute aller benachbarten
Dörfer, wie Buben und Mädchen in diesem Jahre zusammen standen, seit
Menschengedenken hatten die Maien nie gefehlt, drum that es den Mädchen
heuer desto weher, sie sahen nicht nur den Herrgott vernachlässigt, sondern
sich selbst beschimpft.
Rathlos steht der Benedict, ängstlich stehen seine Herzkäfer vor dem
Fensterlein, der Regen stürzt wie aus Kübeln vom dunkeln Nachthimmel und ob
den Vogesen, dem Rheinthale und Schwarzwalde zugleich flammen Blitze und
kanonirt hundertstimmiger Donner.
"Geht heim, ihr Lieben, Maien müssen her, ich verlasse Euch nicht!" sagt
endlich der Benedict, reicht den Mädchen die Hand, schließt das Fensterlein
und schleicht zu den Eltern. Die Mutter hat all ihre Seiden- und
Taffetbänder ins Schulhaus geschickt, sie weiß, daß sich die Mädchen heuer
ganz besonders abmühten, jetzt erzählt er, wie schimpflich die Buben
gehandelt und die Mutter stößt ihren Alten aus dem Schlafe. "Wär´ der
Werktag nicht schon vorbei und der Fronleichnamstag angebrochen, so ginge
ich wahrlich trotz Sturm und Wetter in den Wald!" meint der Benedict
zögernd, um den Eltern an den Puls zu fühlen.
"Was an Sonn- und Feiertagen zu Gottes Ehre gearbeitet wird, ist keine
Sünd´! antwortet die Mutter."
"Aber woher Maien? Die Weidenstöcke am Bach sind abgehauen, ... das
Unwetter ist grausig, ich müßte eben junge Birklein holen, ´s ist fast eine
Stunde in den Wald und wenn mich der Cyriak, der Waldhüter erwischte, gäbe
es theure Maien!" meint der Benedict. "Ah bah! Cyriak hin oder her, wenn´s
dir Ernst wäre, würdest du nicht darnach fragen, ob es theure oder
wohlfeile Maien gäbe! Warum haben denn die Buben keine geholt, he?" sagt
der Vater.
"Weil´s der Max, der Willibald und noch ein paar so schöne es für eine
Schande erklärten und Alle, welche holen wollten, so verspotteten, daß sie
es bleiben ließen!"
"Eine ewige Schande ist´s für euch, Buben, euch von dem ungerathenen Max,
der unserm Herrgott und dem eigenen Vater, dem herzensguten Fidele nur
Schande macht, in _der_ Art verhetzen zu lassen! Gehst du nicht, so
stehe ich wahrhaftig auf, wecke den Fidele und wir alte Kracher bringen
gewiß Maien!" fährt der Jacob auf, wirft die Schlafkappe weg und richtet
sich aufgebracht im Bette empor.
Fünf Minuten später eilt der Benedict mit einem Beil und Stricken durch die
Sturmnacht, kein Faden an ihm bleibt trocken, bis er in den Wald kommt;
hier ist's stockfinster, doch seine Hände wissen glatte Birkenrinde von der
der jungen Erlen gut zu unterscheiden und bald hat er vier stattliche junge
Birklein vor den Wald auf die nassen Wiesen herausgeschleppt. Das Aergste
ist, daß er kaum zwei auf einmal zu tragen vermag; muß er den Weg doppelt
machen, so kommt der Tag, ehe alles an Ort und Stelle und die Freude der
Mädchen fertig ist. Was thut der Benedict? Er springt mit zwei Birklein
eine Strecke weit, springt zurück, um die beiden andern nachzuholen, macht
auf diese Weise fort und die ersten Strahlen des Tages sehen die letzten
zwei Birklein am Altare. Der Regen hat aufgehört, die Schwalben zwitschern
und die Rothkelchen singen auf den Dachfirsten, der Benedict tropfnaß und
heidenmäßig schwitzend, springt ins Schulhaus, dann zum Altare zurück,
heftet richtig, wie ers versprochen, auch den ersten Kranz ans Kreuz und
dann geht er heim, um noch ein Stündlein zu ruhen.
Sehr früh kommen einige Bauern zum Altare, um bei der Verzierung des
Kreuzes zu helfen, alle bewundern die herrlichen Birklein, der Cyriak kommt
aber auch dazu und sagt:
"Diesen Vier hab' ichs gestern Abend spät noch vermacht, daß sie heute da
gesehen werden! ... Am Werktag sind sie nicht geholt worden und diesen
Morgen auch nicht! ... wer die geholt hat, muß gesalzen werden! ich bring
ihn heraus, gebt Acht, 's wird theure Maien geben!" brummt er zum Xaver,
betrachtet ärgerlich die schönen Bäumlein und macht eine Faust.
"Sie stehen besser hier, als in deinem Revier!" lacht der Xaver.
"Heut' sind die Birklein noch schöner als gestern, gelt Cyriak?" scherzt
der alte Liebhardt.
"Sollen auch schön Geld kosten, ich bringe den Buben heraus!" versichert
der Cyriak und geht mit starken Schritten das Dorf hinauf.
Die Ehre der Mädchen war in den Augen aller Einheimischen und Fremden durch
die Verzierungen und durch die vier prächtigen Birklein herrlich gerettet,
dafür wurde auch der Benedict von den Mädchen schier in den Himmel erhoben
und erklärt, er allein sei treu gegen Gott und Menschen, er verdiene, daß
sie ihn zeitlebens auf den Händen trügen.
Das Wunderbarste bei der Sache blieb, daß kein Mädchen den Waldfrevler
verrieth. Um Mittag wurde das Vefele, das heute Nacht bei demselben
gefensterlet, von ihrem Vater, dem Cyriak, ins strengste Verhör genommen,
doch sie weiß nichts und ihr Bruder, der Mathes, versichert, er wisse auch
nicht, wer die Birklein geholt, wenn ihn der Vater auch mit dem Waldbeil
vor das Hirn schlüge. Wie ein Feuerreiter eilt der Cyriak von Haus zu Haus,
von Mädchen zu Mädchen, doch die Birklein blieben abgehauen und--was keine
Erdichtung, sondern blanke Thatsache ist und ein Licht auf die angebliche
Schwatzhaftigkeit der Mädchen wirft--der Benedict unverrathen, mindestens
für das laufende Jahr.
Vom Max und dessen Anhange mußte er dagegen Spottreden genug hören, doch
kümmerte er sich wenig um diese "neumodische Schwitt", wie der Max mit
seinen Kameraden hießen, welche auch allgemach an Werktagen und am Sonntag
unter dem Gottesdienst im Wirthshause zu sehen waren. Liberalseinsollende
Zeitungen und böse Bücher übten wohl nur Einfluß auf diese Bursche, weil
Aufklärer in jedem Wirthshause saßen; sie selbst waren keine großen Freunde
vom Kopfzerbrechen und Lesen und ihre Weisheit floß in einem unter dem
Landvolke allmälig weit verbreiteten Sprichwörtlein zusammen, welches
heißt: _Predigen und Büchermachen ist das Handwerk der Pfaffen und
G'studirten!_ Woher solches Sprichwort stamme und welche Leute es am
liebsten im Munde führten, darauf sah die "neumodische Schwitt" nicht,
sondern schloß mit ihrem gesunden Bauernverstande ruhig weiter: "Ist der
Pfaff ein Handwerker, so ist die Kirche seine Werkstätte, Gottesdienst und
Predigt aber sind Stücke seiner Arbeit. Bei jedem Handwerker hat man die
Auswahl unter seinen Arbeiten, daher wählt man aus der Predigt gerade das,
was Einem am besten gefällt und gefällt Einem nichts (was bei steigender
Aufklärung bald der Fall sein muß), nun, dann läßt man dem Pfaffen seine
ganze Arbeit und geht am Ende gar nicht mehr in die Werkstätte desselben!"
Die Eltern der "neumodischen Schwitt" sammt den meisten bejahrtern
Einwohnern betrachteten die Kirche als das Haus Gottes, den Geistlichen als
Diener Gottes, thaten, wie ihre Urahnen, hielten Sonn- und Feiertage
heilig, beteten zu Hause, in der Kirche, im Felde bei Prozessionen und
Bittgängen, zierten das Kreuz vor dem Dorfe und schliefen nicht ein, wenn
der Benedict Legenden erzählte. Sie waren der Religion treu geblieben;
Protestanten, welche über die Jungfrau Maria, die Heiligen, die
Ohrenbeichte, das Abendmahl, die Ehelosigkeit des Pfarrers witzelten, gab
es keine und dies aus dem einfachen Grunde, weil es überhaupt im Dörflein
des Benedict und in der Umgegend weder Protestanten noch Hebräer gab.
Es lebte da ein gutes, glückliches Völklein und wenn auch die Protestanten
von ihm als eine Art Heiden betrachtet wurden und die kleinen Kinder davon
liefen, wenn ein Hebräer auf der Straße zu sehen war, so geschah doch
Niemanden etwas zu Leide um des fremdartigen Glaubens willen. Was zum alten
Eisen gehörte, blieb der Aufklärung unzugänglich; der Jacob pflegte zu
sagen, die "neuen Lehren" seien von "alten Lumpen" längst gepredigt worden
und dafür wußte er Namen zu nennen. Doch die Aufklärung in religiösen und
politischen Dingen kam auch in dieses Dorf und ihre erste Frucht war
Zwiespalt unter dem jungen Volke beiderlei Geschlechtes.
Der Max saß mit dem Willibald und Andern fleißig im Wirthshause, der Fidele
und die Eltern der Uebrigen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen,
ermahnten, baten, weinten, zankten, fluchten und wetterten, doch gab dies
keinen Zwiespalt unter der Dorfjugend, denn hier zwitscherten die Jungen
nicht, wie die alten sangen, sondern die Alten mochten sagen, klagen und
thun, was sie wollten, die "neumodische Schwitt" ließ sich dadurch wenig
Galle aufrühren und noch weniger graue Haare wachsen.
Zuerst begnügte sie sich, im Wirthshaus zu sitzen statt in der Werkstätte
des Pfarrers; bald spotteten sie über Jene, welche beim Alten bleiben
wollten und in demselben Jahr, in welchem der Max aus der Sonntagsschule
entlassen wurde, hatte er auch die Magdalene zum Extraschatz, ein armes,
doch hübsches Mägdlein voll Leben und Feuer.
Weil sie einige Sommersprossen im Gesichte und rothe Haare hatte, deßhalb
hieß sie auch "die Rothe" oder das "Fegfeuer" und wegen ihres lebhaften
ungestümen Wesens zuweilen "der Feuerteufel."
Unter den Burschen war der Max der Reichste, doch der Benedict der
Gescheidteste und Angesehenste und letzteres zeigte sich, als jener seine
Macht erprobte und einen Vorschlag machte, welcher so recht zu der
"neumodischen Schwitt" paßte.
Uralte Sitte und patriarchalisches Leben herrschten in diesem Dörflein noch
und so bestand auch der Gebrauch, daß die Buben den Mädchen insgesammt am
Neujahr und bei andern Gelegenheiten Geschenke machten, ohne dabei Gedanken
an nähere Liebschaften zu haben.
Nun meinte der Max, welcher vielleicht etwas von der Zehntablösungsfrage
aufgeschnappt hatte, man möge künftig den Mädchen nur noch am Neujahr Etwas
geben und zwar keine Ringe oder ein Konstanzer Gesangbuch und ähnliches
Zeug, sondern baares Geld. Er stand gerade unter der alten Linde, welche
die Jugend so vieler Geschlechter beschattete und die Sache wurde noch an
demselben Abend in allen Kunkelstuben verhandelt. Die "Rothe" und einige
andere Mädlen wären mit dem Geldgeschenk zufrieden gewesen, doch wurde viel
gestritten, der Max und der Bendict [Benedict] redeten sich für und gegen
die neue Mode schier Lunge und Leber heraus.
Am Ostermontag kam die Angelegenheit bei den Buben und Mädchen zur
Berathung und Entscheidung, der Max hatte gotteslästerlich viele Worte,
Flaschen und Versprechungen aufgeboten, Benedict in den letzten Tagen so
geschwiegen, daß der Max ihn auf seine Seite zu bringen hoffte, doch jetzt
trat derselbe für die alte Sitte und seine jungen Herzkäfer auf und siehe
da, die meisten Buben fielen ihm zu.
Wüthend zog Max mit den Seinigen von der Linde in den Hirzen; von diesem
Tage an brachte er dem Benedict den diesmal sehr unverdienten Namen, "der
Duckmäuser" auf; der Zwiespalt des jungen Volkes offenbarte sich noch an
demselben Tage darin, daß die Neumodischen sich im Wirthshause abgesondert
von den Altmodischen setzten, doch geschah keine feierliche
Kriegserklärung, es wurden einstweilen nur neue Namen aufs Tapet gebracht.
Benedict hieß fortan "der Duckmäuser" und sein Anhang "die schwarze
Schwitt", Maxens Roche gab den Anlaß, dessen Schwitt die "roche" zu taufen
und von "lewatisch gewordenen Schaufelstudenten" und "Knierutschern" war
beiderseitig viel Munkelns und ingrimmigen Höhnens.
Viele Buben und Mädchen wußten noch nicht recht, zu welcher Schwitt sie
halten sollten und am andern Sonntage stehen und sitzen sie nach der Vesper
um die Linde herum, plaudern und scherzen, singen und lachen, doch will die
Freude nicht recht in Gang kommen, denn der Benedict fehlt und vergeblich
läuft bald die Susanne, bald die Margaret mit ihren Kameradinnen ins
Oberdorf, um den Herzkäfer herbeizuholen. Im Hirzen sitzt der Jacob vor
seinem Hälbsle, daheim steht die Theres im Garten und ihr Waldburgele hält
sie immer an der Schürze, das Besele und das Kätherle folgen der Mutter wie
die Küchlein der Henne, doch weder der Jacob noch die Theres wissen, wo der
Benedict steckt und die kleinen Schwestern wissen auch nichts, als daß er
ihnen ein Rad am Wägelein flickte, worauf sie ihre "Doggenbaben" spaziren
führen, dann die Kappe genommen, den Kittel über das rothe Wamms angezogen
habe und fortgegangen sei, nachdem er in der Küche beim Anzünden der
Tabakspfeife sich noch ein bisle verbrannt habe! ... Auf einmal geht der
Ersehnte mit dem Gregor, seinem liebsten Kameraden vom Unterdorf herauf und
langsam auf die Linden zu, die Susann' und die Margareth, das Vefele und
die Apel, die Affer, Sabin' und Andere laufen ihm entgegen.
"Sag uns doch, warum bist du bös auf uns?"--"He, ich bin mit Euch durchaus
nicht bös!"--"Ja, warum kommst heute nicht?"--"Ei, bin ich jetzt nicht
bei Euch?"--"Du bist bös mit uns, wenn du's auch verhehlst!"--"Ich bin
nicht bös, gelt Gregor nit?" "Aber", sagt der Duckmäuser jetzt laut und
vernehmlich und steht mitten unter dem Haufen, "ich und der Gregor und der
Mathes bleiben jetzt für uns Herr, und Alle, welche am Frohnleichnamstag
Maien geholt haben, dürfen nicht mehr zu mir kommen!"--"Und die, welche
keine Maien geholt, sollen _uns_ vom Leibe bleiben!" rufen die
Mädchen.--"Ich gehe über Feld, wer will mit?"--"Ich, ich, ich auch,
wohin?" rufen und lärmen die Buben.--"Ja, es dürfen keine Andern mit mir
als solche, die den Mädlen keine Maien geholt haben!" ruft der Duckmäuser.
Der Stich wurde verstanden, die Buben sonderten sich in zwei Heere, das
größere sagt: "Benedict, wir sind bei dir!"--["]Wollt Ihr altmodisch
bleiben?" fragt der Benedict und Alle antworten. "Ja!" Einer rennt in den
Hirzen, mit feuerrothem Kopfe kommen der Max, der Willibald und Andere; der
Max scheidet zuerst seine Rothe von den andern Mädlen ab, die Buben alle
thun dasselbe, die Scheidung der Lämmer und Böcke, der schwarzen und rothen
Schwitt ist in wenigen Minuten entschieden, die rothe Schwitt verläßt mit
ihren Mädchen die Linde, am nächsten Sonntage soll sichs zeigen, ob die
rothe oder schwarze Schwitt ihren Mädlen größere Freuden zu bereiten
verstehe!" [verstehe!]
"Lauter Markgräfler muß auf den Tisch", schwört der Max, "kein Mädle darf
an den Wänden herumstehen, wenn's auch keinen besondern Schatz hat, bei uns
gilt die Eine was die Andere, wir bringen Anderes auf's Tapet, als
Blumenzutragen, Maienholen, den Eckpfosten am Schulhaus verzieren und das
verwitterte Kreuz, wo der Herrgott bald einen Schnurres von Moos bekommt!"
Was ist das für ein Munkeln und Gerede die ganze Woche, wie gespannt sind
die Alten und Jungen, doch ruhig bleiben die Mädlen der schwarzen Schwitt,
denn ihr Herzkäfer hat gesagt: "Der Max und ich stehen einander gleich dick
gegenüber am Sonntag, obgleich er der einzige Sohn des reichen Fidele ist
und ich der des fast armen Jacob; ihr Mädlen sollt nicht zu Schanden
werden!" Am Sonntag nach der Vesper sitzen die beiden Schwitten mit ihren
Mädchen im großen Saal beim Hirzenwirth einander gegenüber; dem Duckmäuser
thut nichts weher, als daß der Hansjörg und dessen Schwester, zwei stille,
harmlose, einfältige Seelen auch bei der rothen Schwitt sitzen. Die Beiden
halten den Duckmäuser für ihren Todfeind seit dem Freitag, an welchem ihre
Mutter demselben das Tanzen und Klarinettblasen verbot, obwohl er ihnen
kein böses Wort gegeben. Der Max bekommt gar keine Zeit zum Sitzen vor
lauter Einschenken und Zubringen des Markgräflers an seine "Gemeinmädlen",
und feurige Wangen und blitzende Augen gibts unter der rothen Schwitt, bis
endlich der Max seinen Wamms auszieht, das Halstuch locker knüpft, das
Schnupftuch in einem Knopfloche seiner rothen Weste festbindet, seine Rothe
am Kopfe nimmt und sagt: "Auf Alte, wir tanzen jetzt Eins!"
Jetzt wird getanzt, gesoffen und gefressen, daß es erst eine rechte Art
bekommt. Unter dem Tisch der rothen Schwitt liegen die Scherben aller
geleerten Flaschen, vom Tische herab regnet der Zwölfer, kein Glas darf vom
Munde, ehe es ganz geleert ist, nur der Hansjörg und dessen Schwester sind
von diesem Gesetze ausgenommen; die Pyramiden von Wecken und Bretzeln,
welche vor den Mädchen gestanden, waren zum guten Theil wieder Teig
geworden, die rothe Schwitt tanzt, stampft und jauchzt, daß der Boden
zittert und die Scheiben klirren.
"Franz", schreit der Max dem Aufwärter zu, der mit seiner weißen Schürze
schwitzend umherfliegt, "Franz, einen Kübel voll vom Allerbesten, vom alten
Rothen!"
"Jo, s'ischt anfangs nöthig, daß Ihr's in Kübeln fordert, d'Butelle sind bi
Gott alle z'sammeng'schlage!" brummt der Franz.
"Franz, hol ihnen den Brunnentrog im Hof, sie können die Köpf hineinhängen,
daß sie bälder voll werden!" ruft der Duckmäuser vom Tisch seiner Schwitt
herüber und der Willibald schaut ihn giftig an.
Schon um 5 Uhr trinkt der Max nicht mehr, hört auch nichts von der schönen
Musik, denn er liegt schwerbetrunken hinter dem Holzschoppen des
Hirzenwirths und seine Rothe mag auch irgendwo so ein Plätzlein gefunden
haben; um 6 Uhr ist von der rothen Schwitt nichts mehr zu sehen als eine im
Markgräfler gebadete und von Flaschen zerhämmerte Tischplatte voll Scherben
und Teig; die Gäste wurden theilweise fortgetragen, theilweise taumelten
sie hinaus, um im Freien sich zu lagern, nur der Hansjörg und dessen
Schwester sitzen noch da und diese führt der Duckmäuser jetzt an die lange
und dicht besetzte Tafel der schwarzen Schwitt.
Die Mädlen der rothen Schwitt haben sich theilweise fortgeschlichen,
theilweise buhlen sie um Aufnahme bei der schwarzen, heute wird aber nichts
daraus.
Der Duckmäuser hat auch Pyramiden von Wecken und Bretzeln aufstellen
lassen, doch nichts durfte verdorben werden; er hat stets denselben Wein
kommen lassen wie der Max, doch blieb die Tischplatte sauber und Niemand
wurde zum Saufen gezwungen; Alle sind nüchtern und in Ehren fröhlich, der
Duckmäuser sitzt stolz zwischen seiner Margareth und der Marzell.
Den Mädlen der schwarzen Schwitt gefiel's gar wohl, keinen "Batzenvierer",
sondern denselben Wein wie die der rothen trinken zu dürfen; nunmehr ist
die rothe Schwitt fort, die Mädlen meinen, man könne jetzt mit dem Zwölfer
aufhören, weil das Prahlen und Wettzechen vorüber sei, doch jetzt läßt der
Duckmäuser erst vom Dickrothen ausstellen, bringts der heißgeliebten
Margareth zu und lacht:
"He, Ihr glaubt, der Benedict habe einen schwindsüchtigen Geldbeutel, weil
sein Alter das Knieschlottern bekommt, wenn er ihm einen Batzen geben muß?
Seid getrost, der Dorfhanswurst hat noch Späne!" Alles Zureden und Lobreden
der Mädchen half nichts, gab nur zu zärtlichen Wortgefechten Anlaß und alle
Mädlen gelobten, der altmodischen Schwitt treu zu sein, alle Buben
schwuren, wie ehrliche Brüder zusammenzuhalten und die Mädlen in Ehren hoch
zu halten. Erst Abends zehn Uhr schied die schwarze Schwitt vom Hirzen und
vom Dickrothen, doch kein Betrunkener war zu hören oder zu sehen und den
ganzen Sommer redeten Alt und Jung vom Ehrentage, welchen der Benedict
seinen Herzkäfern bereitete.
Am nächsten Sonntage legt der Duckmäuser der Susanne, die mit ihren
Kameradinnen aus der Kirche kommt, die Hand auf die Achsel, schaut sie gar
ernsthaft an und fragt. "Habt ihr recht andächtig gebetet, Mädlen?"--"Ja!"
--"Auch für mich?"--"Wir beten Alle für dich!" rufen die Mädlen treuherzig
und dem Duckmäuser wirds wohler ums Herz.
Er hat sich nichts merken lassen, doch bang und schwüle ist's ihm seit dem
letzten Sonntag und finstere Ahnungen, als ob ihm etwas Großes, Ungeheures
bevorstehe, schnüren seine Brust zusammen; jetzt thut ihm das Geständniß
der lieben Kameradinnen gar wohl und gießt Muth in seine Seele!" [Seele!]
... Daheim hat der jüngere Bruder schon das Papier gerichtet und die Feder
gespitzt, damit ihm der Benedict die Predigt dictire; der Benedict kommt
und dictirt, doch guckt er wieder in Einem fort in eine Ecke und der Bruder
muß heute gar zu oft fragen: "was kommt jetzt, was soll ich jetzt
schreiben" und meint, er habe heute nicht recht aufgepaßt, sonst müßte er
nicht so lange studiren.
Plötzlich fragt der Vater draußen mit einer Stimme nach dem Benedict,
welche diesen zittern macht; rasch öffnet er die Kammerthüre und ruft: "Was
ist's, was gibts?" Die Frage ist noch nicht recht heraus, fühlt sich der
Benedict am Titus gefaßt, hageldichte Schläge versetzt ihm der Jacob mit
einem vierfachen, reichlich mit Knöpfen versehenen Seilstumpen und brüllt.
"Wo hast du Geld geliehen?" "Hab' keines geliehen!" heult der Benedict,
krümmt sich unter den Eichenfäusten des Vaters und immer wüthender haut
dieser zu und haut zu, wie der Sohn schon auf dem Boden liegt, denn Weste
und Wamms hatte dieser ausgezogen und trug nur ein Hemd und dünne
Sommerhöslein, so daß kein Hieb verloren ging. "Ach, Vater, sechs Kreuzer
habe ich geliehen!"--"Bei wem, Schlingel!"--"Beim Aloys!"--"Wo hast noch
geliehen?"--"Beim Bernhard!"--"Wieviel?"--"Nur zwölf Kreuzer!"--"Wo hast
noch geliehen?"--"Beim Stoffel!"--"Wieviel?"--"Achtzehn Kreuzer!"--"Und wo
noch?"--"O Jesus, Maria und Joseph, laßt mich gehen, beim Bernhardt!"--
"Wieviel?"--"Einen Sechsbätzner!"
Auf solche Weise ging das Examen fort, der Jacob bebte vor Zorn und Wuth,
doch seine Kräfte gaben nach von lauter Zuschlägen, der Benedict aber war
Eine Beule von oben bis unten und sein Blut rann ihm über das Gesicht und
den zerfleischten Leib. Athemlos und keuchend steht der Jacob, vermag kaum
den Seilstumpen mehr in der Hand zu halten, mit heiserer Stimme gibt der
Benedict die letzte Antwort: "Ach, beim Liebhardt hab' ich zwei Gulden
geliehen!"--und aufs neue schlägt der Vater zu, daß sich der Sohn wie ein
Wurm auf dem Boden krümmt, schreckensbleich steht der Bruder, die
Schwestern weinen vor Mitleid, die Theres bringt vor Angst und Schrecken
kein Wort hervor und hat den Muth zum Abwehren verloren, denn sie kennt
ihren Alten und weiß, wozu ihn die Wuth bringen kann.
Das Blut Benedicts, der keine Stimme und keine Thränen mehr zum Weinen hat,
gibt ihr endlich den Muth, in den Augenblicke, wo alle Kinder um Hülfe für
den Bruder schreien, aus der Küche zu springen, dem Vater, der mit beiden
Händen seinen Strick hält und zuhaut, unter den Streich zu fahren,
denselben am Arme zu packen und zur Menschlichkeit zu ermahnen. "Spring
fort, spring fort, Benedict!" rufen angstvoll die Geschwister und der
Benedict springt nicht fort, doch wankt er zur Thüre und zur Hinterthüre
hinaus in den Obstgarten und von da über den Zaun ins Feld.
Ohne Kappe, ohne Halstuch, ohne Wamms und Weste, ohne Schuhe und Strümpfe
und dazu ohne Geld wankt der Mißhandelte von Wenigen gesehen und von Keinem
erkannt, dem Weidengebüsche am Mühlenbache zu.
Dies waren Folgen des Ehrentages der schwarzen Schwitt.
Der Vater hatte nicht gewußt, daß sein Sohn die Zeche bezahlte; diesen
Morgen wandelt der Liebhard mit ihm und andern Nachbarn aus der Kirche, das
Gespräch kommt auf den Benedict, Alle loben denselben und der Liebhardt
sagt: "Darfst glauben, Jacob, daß ich deinem Buben die zwei Gulden nicht
geliehen hätte, wenn er ein liederlicher Mensch wäre!"--"Was? zwei Gulden
hat er bei dir geliehen?" fährt der Jacob auf und macht Augen wie
Pflugräder.--"Hätte ich das Maul gehalten!" denkt der Liebhardt, der jetzt
erst merkt, der Jacob wisse nichts um die Sache, doch kann er nicht als
Lügner dastehen, erzählt die Sache ausführlich und der _grundehrliche_
Jacob schämt sich in den Boden hinein, der _finstere_ Jacob aber eilt
heim, flicht Knoten am Seilstumpen und ist gerade fertig geworden, als sein
Opfer den Kopf zur Kammerthüre herausstreckte.
Der Duckmäuser hatte nicht nur beim Liebhardt, sondern noch bei vielen
Andern, welche keine Buben oder Mädlen bei den Schwitten hatten, Geld
geliehen, wußte nicht, daß der Vater nur vom Liebhardt etwas wisse, gestand
zuerst den kleinsten, dann größere, allmälig alle Posten ein und mit den
Zahlen wuchs so der Grimm des Vaters. Als dieser der Theres Alles erzählt,
steht die gute, grundehrliche Frau gleich einer Bildsäule da und würde
ihren Mann zum erstenmal einen Lügner gescholten haben, wenn sie die
Geständnisse ihres "Augapfels" theilweise in der Küche draußen nicht selbst
gehört hätte. Beim Mittagessen erschien kein Benedict, in der Vesper fehlte
er auch und den ganzen Tag bis in die tiefe Nacht hinein war ein Geläufe
der Buben und Mädlen der schwarzen Schwitt zum Elternhause ihres
"Herzkäfers", doch vom Benedict wußte Niemand ein Sterbenswörtlein, seine
Eltern und Geschwister verriethen aber auch nicht, wie er geschlagen worden
sei und warum.
Noch um zehn Uhr Abends geht die Margareth mit der Susanne, Marzell und
Anderen durch das Oberdorf, sie reden lauter Liebes und Gutes vom
Duckmäuser, eine dunkle Gestalt schleicht hinter ihnen eine Weile her und
dann verschwindet sie zwischen den Gartenzäunen.
Es ist der Benedict, der seiner Wohnung zutrollt, die beiden kleinern
Schwestern stehen noch im Hofe, eilen freudig auf ihn zu und berichten auf
seine leise Frage, der Vater liege im Bett, die Mutter jedoch sei noch auf,
sie habe immer geweint und gefürchtet, er werde sich den Tod anthun, doch
wisse kein Mensch, was der Vater gethan habe.
Die letzte Versicherung tröstet den Duckmäuser, wenns nur Niemand weiß,
dann steht alles gut! wie lieb ihn die Mädlen haben und wie hoch ihn die
Buben der schwarzen Schwitt in Ehren halten, das hat er auf dem Heimwege
erfahren!
Am Bache hat er seine schwarzblauen Beulen und blutigen Striemen wehmüthig
betrachtet, sich dann ins Wasser gelegt und an den Wunden gerieben,
hoffend, dieselben würden eher unsichtbar werden, dann legte er sich
zwischen den Weiden nieder und schlief mit hungrigen Magen bis zum Abend,
wo er noch sitzen blieb, bis es recht finster wurde und dann fortschlich,
um zu sehen, wie es im Dorfe und daheim aussehe.
"Gang, Hannesle, lang mer jetzt die Kleider zum Kammerfenster heraus und
bring mein Geld; es liegt hinter dem Getüchtrog in einem dunkeln Lumpen
eingewickelt!" sagt der Duckmäuser; der Hannesle geht, berichtet der
Mutter, der Bruder sei Gottlob wieder gekommen, das Mütterchen bringt das
Geld selbst und fragt, wozu er so viel geliehen.
Ihr gesteht er Alles und sie sieht ein, daß der Augapfel Geld lieh, um die
Altmodischen der schwarzen Schwitt im Dorfe gegen die liederlichen und
allgemach verrufenen Rothschwittler in Oberhand zu halten, vergißt ihre
Schaam und würde die Beulen ihres Augapfels gerne nicht nur aus dessen
Gesicht, sondern von seinem ganzen Leibe mit ihren Zähren abgewaschen
haben. Sie will ihm Essen holen, er will nichts und sagt, er verdinge sich
noch heute Nacht in der Stadt oder sonst wo und nur das feierliche
Versprechen der Mutter, beim Vater ganz gutes Wetter zu machen, bringt ihn
davon ab, doch bleibt er nicht daheim, sondern geht wieder fort.
Eine halbe Stunde später kommt der Duckmäuser zum Dorfe, torgelt und
taumelt und redet mit sich selber wie ein Schwerbetrunkener und findet aber
doch den Weg zu den Linden, wo noch Buben und Mädchen der schwarzen Schwitt
stehen, denn das Verschwinden ihres Herzkäfers hat Alle in schwere Unruhe
und Besorgniß versetzt und Mehrere suchen in den umliegenden Ortschaften
ihr Haupt.
Der Mond steigt über den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes auf und leuchtet
ins Thal, die Susanne erkennt den Duckmäuser, Alle springen ihm fragend
entgegen und sehen seine Beulen und Striemen; er spiele die Rolle des
Betrunkenen, wiewohl er im Pfarrdorfe drüben nur zwei Schöpplein schnell
hinabstürzte; sie glauben, daß er heute fortgewesen, im Rausche unbesonnen
gewesen sei, Händel angefangen und "Pumpes" bekommen habe.
Dies war's, was er wollte, denn daß ihn seine Eltern so wenig verriethen,
als die, von welchen er Geld geliehen, wenn er nämlich dieses Geld rasch
zurückgebe, dessen war er gewiß.
Der theuern Margareth, der holdseligen Marzell und dem herzensguten Vefele
erzählte er die Sache vom Liebhardt selbst, doch wollte er auf dem Markte,
wohin er jeden Donnerstag mit einem Korb voll Eier, Butter und dergleichen
geschickt wurde, ein großes Unglück gehabt und die zwei Gulden gebraucht
haben, um den Schaden vor dem strengen Vater zu verbergen!
Er konnte als armer Bursche mit den paar rothen Batzen, welche die Mutter
dem Vater für ihn abschwatzte, seine Anführersrollen nicht spielen, der Max
würde ihn mit seinen Kronenthalern arg zu Schanden gemacht haben. Heimliche
Schulden drückten den Benedict und seitdem er so gründlich erfahren, was
der Vater von Schulden halte, wars ihm desto unlieber, weil die Mutter gar
zu scharfe Augen machte, wenn sie den Marktkorb zurüsten half.
Ohne dem Augapfel ein Freudlein in Ehren zu mißgönnen, blieb sie sehr
sparsam und häuslich; seit der Geldgeschichte schien ihr auch ein Licht
darüber aufgegangen, weßhalb der Benedict seit einiger Zeit manchmal in
"Brandpeterle's" Haus schlich, welches im Punkte der Ehrlichkeit und in
einigen andern dazu nicht im besten Geruche stand. Sie paßte gewaltig auf,
wenn derselbe seinen Marktkorb auf den Kopf nahm und in die nahe Stadt
marschirte, suchte zuweilen hinter dem Getüchtrog und in andern Winkeln und
schüttelte den ergrauenden Kopf, obwohl sie niemals etwas Verdächtiges
fand.
Man munkelte im Dorfe hie und da von Schulden des Benedict, die rothe
Schwitt meinte, "er habe es dick hinter den Ohren und sei halt der
Duckmäuser", doch die Leute wurden nach und nach bezahlt und der rothen
Schwitt das böse Maul gestopft.
An einem Dienstag Abend sitzt der Benedict bei den Mädlen unter den Linden,
da sagt die Marzell: "Gelt, du hast heute ein Pfund Butter bei der krummen
Lisbeth für s' Baschi's Wittfrau gekauft?"--"Ja, warum sagst du's?"--"He,
die Lisbeth hat dich bei einer ganzen Heerd Weiber ausgerichtet, habest ihr
kein Geld für die Butter gegeben und nachher doch behauptet, du hättest sie
bezahlt!"--"Wart'! der Lisbeth will ichs morgen sagen! Hab' ich je in
meinem Leben um einen halben Kreuzer _betrogen?_" fährt der Benedict
auf und geht bald ein bischen verstimmt heim.
Am nächsten Markttage steht die krumme Lisbeth mit andern Weibern und
Mädlen des Dörfleins auf dem Wochenmarkte und just neben einer
Obsthändlerin. Auf einmal kommt der Benedict, kauft für zwölf Kreuzer Obst,
gibt der Frau das Geld und geht.
Eine Viertelstunde später kehrt er eilfertig zurück und fragt die Obstfrau
schon von weitem: "Nicht wahr, bei Euch habe ich für zwölf Kreuzer Obst
gekauft?"--"Ja, das habt Ihr!"--"Ich habe Euch ja 's Geld nicht gegeben?"--
"Doch, doch, Ihr habts mir in die Hand gelegt!"--"Oh, das kann gar nicht
sein, ich weiß es von meinem Gelde, die zwölf Kreuzer fehlen mir nicht!"
Wer keine doppelte Bezahlung will, ist die blutarme Obstfrau, wer darob ein
tüchtiges Geschrei anfängt, der Benedict und während alle Weiber recht
aufpassen, sagt er und schaut auf die krumme Lisbeth hinüber. "So ist's!
Die Eine will ihre Waare gar nicht, die Andere dagegen doppelt bezahlt
haben! ... Für die halbe Stadt muß ich einkaufen; gehe ich nun auch einmal
fort und vergesse in Gedanken das Bezahlen, so finde ich bald, wo es fehlt,
wenn ich die Rechnung über mein Geld stelle! ... Doch zweimal, wie es
vorgestern Eine mit ihrem Pfund Butter haben wollte, zahle ich nicht gern!"
"Da sieht man wieder, wie man den Leuten Unrecht thut!" ließen sich die
Weiber vernehmen und schauten auf die Lisbeth.
"Ich hab's vorgestern gleich nicht geglaubt, der Benedict geht jetzt schon
lange auf den Markt und hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen
lassen!["] meint die Apel.
Abends hört der Duckmäuser von seinen Herzkäfern lauter Liebes und Gutes
und einer ganzen Heerde Weiber hat die Lisbeth eingestanden, es sei leicht
möglich, daß sie Benedicts Geld für die Butter verloren habe; ein Loch sei
nicht in ihrem Rocke, doch habe sie das Geld in der Eile nicht in den
Beutel gethan und vielleicht mit dem Schnupftuche weggeworfen.
Sauer, blutsauer ließ sich's unser Held werden, bis die ärgsten Gläubiger
zufrieden gestellt waren, Angst und Noth stand er genug dabei aus und fand,
der Erwerb auf krummen Wegen gewähre dem Menschen sehr wenig Freude; er
würde sich gern mit den paar Batzen begnügt haben, welche die Mutter ihm
zusteckte, doch sollte er _jetzt_ vor dem Max zurücktreten, aufhören,
an der Spitze der schwarzen Schwitt zu stehen und so die "Neumodischen"
Herren im Dörflein werden lassen?
Der Max besaß Geld wie Heu; nicht blos an hohen Feiertagen und besondern
Gelegenheiten, sondern jeden Abend, den Gott gab, lebte die rothe Schwitt
herrlich und in Freuden, sei es im Hirzen oder in Kunkelstuben, und wenn
die schwarze Schwitt auch nicht groß thun, prahlen und unmäßig sein wollte,
so gab es doch von Zeit zu Zeit Gelegenheiten zum Geldausgeben und der
Benedict hätte es nicht sehen können, wie Maxens Rothe, Willibalds Luzie
und Andere mit Geschenken überhäuft wurden, während die braven, treuen und
lieben Mädlen der schwarzen Schwitt leer ausgingen.
Wenn er jetzt zuweilen mit einem kleinen Marktkorbe auf dem Kopfe zum Ort
hinausging, so wuchs der Korb merkwürdig in die Höhe, ehe er durch das
Stadtthor keuchte und einige Weiber wollten wissen, das Wunder gehe ganz
natürlich zu; gewiß war, daß der Benedict unterwegs seinen kleinen Korb
abstellte, seitwärts vom Wege in das Weidengebüsch des Mühlenbaches trug
und weit schwerer bepackt wieder hervorkam, sich vorher nach allen Seiten
umsah, ob kein Unrechter in der Nähe sei und dann rascher als vorher der
Stadt zulief. Die krumme Lisbeth mit ihren scharfen Augen bemerkte es wohl,
andere Weiber wußtens bald; sie zogen den Benedict auf wegen seines
Abstellens bei den Weiden und dieser merkte, daß Mutter Theres sammt andern
ihres Geschlechtes und manchen Männern dazu seine Ehrlichkeit und
Redlichkeit stark bezweifelten.
Der Liebhardt war nicht allein beim Jacob gewesen, als die Geldanleihe zur
Sprache kam, Andere mochten die Sache herum gesagt haben, Benedicts Eltern
zahlten alle ihnen bekannten Gläubiger aus, diese merkten auch etwas, das
Pfund Butter war auch noch nicht vergessen und das Dörflein lag nicht in
einer Gegend, wo man gestohlen haben mußte, um für unehrlich zu gelten;
eine wackere Lüge reichte dazu hin und der Marktkorb machte die Mutter so
mißtrauisch, daß sich der Held der schwarzen Schwitt nicht mehr zu helfen
wußte. Zuweilen kam jetzt wohl die Schwindsucht an sein Geldbeutelein, doch
von Zeit zu Zeit besaß er Geld und so vorsichtig er mit dem Ausgeben
desselben war, schüttelten doch manche den Kopf und meinten, der Max habe
mit dem Namen "Duckmäuser" keinen üblen Einfall gehabt.
* * * * *
#DUCKMÄUSERS GLÜCKSSTERN ERBLEICHT.#
* * * * *
An einem Sonntagmorgen tritt der Benedict aus der Kammer in die Stube, der
Vater rasirt sich gerade hinter dem Ofen und tritt diesmal nicht so glatt
und sauber wie sonst hervor, denn er hat sich im Eifer geschnitten oder vor
innerer Bewegung gezittert, seine Stirn ist gefaltet und der Blick so
finster, daß der Sohn bereut, durch das Löffelgeklirre der Mutter in die
Stube gelockt worden zu sein.
"Bist du gestern Nacht nicht wieder in Brandpeterles Haus gewesen?" fragt
der Jacob und der Mund zuckt bei dieser Frage gar seltsam.--"Ja, ich war
ein Viertelstündle dort und hab' geschwind die Geschichte vom Fortunatus
mit dem Säckel und Wünschhütlein erzählen! müssen!" meint der Benedict
kleinlaut.--"Woher hast du denn diese schöne silberne Uhr, die heute Nacht
aus deinem Sacke rutschte?" fragt der Alte mit blitzenden Augen und
zitternden Lippen und zieht die Uhr aus dem Kasten--"Ho, ich habe sie
gefunden!"--"So was findet man nicht so am Wege! Kerl, was fängst Du für
ein Leben an? Gib Acht, gib Acht, daß ich nicht hinter dich komme, 's geht
dann anders als wegen dem Liebhardt!" donnert der Vater und schlägt die
Eichenfaust auf den Tisch, daß die blechernen Löffel und zinnernen Teller
in die Höhe springen und die jüngern Kinder ängstlich zusammenfahren.--
"Alter, denk' an unsere Verabredung!" ermahnt die Theres, welche eine
Schüssel voll gebratener Erdäpfel neben die dampfende Suppe stellt.--"Wo
hast du die Uhr gefunden?" forscht der Jacob weit sanfter.--"Da und da."--
"Bah, bah, weßhalb hast du sie denn verborgen? Weßhalb mußte ihr Picken
erst dein Glück verkünden? Soll man das Maul halten, wenn man Etwas
gefunden hat? Meinst du, es werde Niemand nach der Uhr fragen? Kerl, Kerl,
nimm dich in Acht, heute gehst du mir nicht zum Hause hinaus, hast's
gehört?["]--"Ja, ja!" versichert der zitternde Benedict und die Mutter
wirft ihm einen Blick unaussprechlicher Angst und Bekümmerniß zu, denn sie
ahnt, wie ihr Augapfel zu der schönen Uhr gekommen sein möge. Aus der
Kirche bringt der Vater die Hiobspost, gestern Abend sei dem Melchior die
Silberuhr, welche er an der Wand hängen hatte--weggefunden worden, der
Benedict glaubt sein Todesurtheil zu vernehmen, doch flicht der Vater
diesmal keinen Seilstumpen und versetzt dem Bueb nur gelegentlich einen
Stoß, daß derselbe der Länge nach zu Boden stürzt und will einen Fußtritt
oben drauf setzen, den die herbeieilende Mutter jedoch verhindert.
Bei Nacht und Nebel trägt der Jacob die Uhr wieder dahin, woher sie
genommen wurde, kommt unbeschrieen wieder heim, kann kein Wort reden vor
Schmerz und Schaam, die Theres aber nimmt den Benedict in die Kammer, fällt
vor ihm auf die Kniee und bittet ihn unter strömenden Thränen und mit
aufgehobenen Händen, sich zu bessern und von dem Wege abzulassen, den er
eingeschlagen.
Bei allem, was dem Christenmenschen und Kindesherzen heilig ist, beschwört
sie ihn, vor Gott und den Menschen ehrlich und rechtschaffen zu wandeln und
bringt ihn zum Schwure, wieder ordentlich zu werden.
Sie verspürt an Eiern, Butter und dergleichen, daß es dem Duckmäuser
diesmal Ernst sei; sie kennt ihn inwendig wie auswendig und will Alles
thun, um ihn auf dem rechten Wege festzuhalten. Sie weiß, es gäbe Eine im
Dörflein, welche mehr über den Benedict vermöge, denn alle Geistlichen,
Vater und Muster zusammengenommen, diese Eine hieß Margareth und zu dieser
geht die tiefbekümmerte Theres, erzählt ihr, wie alle Ermahnungen,
Warnungen, Schläge und andere Mittel den Buben nicht von Brandpeterles
wegbringen könnten und wie es mit Melchiors Uhr zugegangen sei.
Ob der unerwarteten und nie geahnten Nachricht erschrak die Margareth so
sehr, daß sie den Benedict, für welchen sie freudig ihr Leben gelassen
hätte, von dieser Stunde an nicht mehr liebte, sondern eher fürchtete, und
später fürchtete wie selten ein Mensch gefürchtet wird. Sie verrieth
Theresens Vertrauen mit keiner Silbe, blieb gegen dieselbe eine zärtliche
Freundin und liebende Tochter, doch die Liebe für den Benedict war aus
ihrem reinen, blutenden Herzen verschwunden, jeder Blick und jedes Wort und
die Scheu vor dem verdächtigen Geliebten verrieth es jetzt schon.
Am dritten Abend darauf rüstet der Benedict seinen Marktkorb, die Mutter
sieht ihm mit nassen Augen zu, denn er sieht gar bleich und zerstört aus,
thut wie Einer, der nicht mehr bei sich selbst ist und hört stumm die
Aufträge herzählen, welche er morgen befolgen soll; schon um 3 Uhr will er
wie gewöhnlich fortgehen und um diese Zeit pflegt die Mutter noch ein
bischen zu schlafen.
Der Marktkorb ist gepackt, der Benedict setzt die Kappe auf und nimmt die
Pfeife von der Wand. "Wohin willst du noch?" fragt die Mutter.--"Zu den
Andern!" brummt der Sohn kurz und grob.--"Nein, du gehst jetzt nicht zu den
Andern, sondern bleibst da! ... Wenn gute Worte nichts nützen, dann will
ich auch anders mit dir anfangen!" ruft die schwergekränkte, erzürnte
Mutter.
Der Vater sitzt am Tische, sucht in einem alten Kalender den Tag, an
welchem die kleine Ammerey zur Welt kam, doch jetzt steht er auf und langt
nach den Stricken, die neben dem großen Legendenbuch am Kasten herabhängen,
der Duckmäuser jedoch schießt wie eine Kugel aus dem Rohr zur Thüre hinaus
in die stockfinstere Nacht hinein.
Einige Minuten später geht er in das Haus des Brandpeterle, in welchem die
rothe Schwitt jetzt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Der Brandpeterle
sitzt nicht in der Stube, denn er liegt schon längst drüben auf dem
Kirchhofe, doch dessen verrufene Wittwe setzt eben zwei Krüge Wein auf den
Tisch, ihre hübsche, doch leichtsinnige Tochter, die Hanne, sitzt auf dem
Schooße des Willibald, der mit fünf andern Buben und fünf Mädlen der rothen
Schwitt just vom Duckmäuser redet, denn dieser wird erwartet. An diesem
Abend wird das bisherige Haupt der schwarzen Schwitt vollends zum Haupte
der rothen ernannt, die Hanne zur "ehelichen Geliebten" desselben gemacht
und der erste Beschluß des Neubekehrten heißt: Brandpeterles Haus bleibt
Hauptquartier der rothen Schwitt, die ganze Jungfrauschaft der schwarzen
ist im Bann!
Etwa um die Zeit, wo Benedict sonst den Marktkorb auf den Kopf zu nehmen
pflegte, tritt er aus Brandpeterles Haus und geht nicht heim, um den Korb
zu holen, sondern zum Dörflein hinaus und am Kreuze vorüber, wohin er vor
drei Jahren in der Frohnleichnamsnacht die Maien gebracht.
Er zieht die Kappe nicht herab, sondern schaut nach der andern Seite.
Es wird Abend, wird wieder Tag, wird Sonntag, Dienstag und noch einmal
Dienstag, vom Benedict ist nichts zu sehen und zu hören, die Hanne mit der
rothen Schwitt wartet so vergeblich wie die schwarze. Am folgenden Sonntag,
während Alles in der Kirche ist, was nicht ganz notwendig in der Küche oder
bei der Wiege oder im Krankenbette bleiben muß, tritt der Duckmäuser wieder
über die Schwelle seines Vaterhauses, die Mutter steht am Heerde und kehrt
sich um, doch sie fährt erschrocken zusammen und findet keinen Gruß.
Ohne ein Wort zu sprechen, geht er in die Kammer, zieht ein frisches Hemd
und die Sonntagskleider wieder an, nimmt einen schweren Geldbeutel aus dem
Sacke der alten Hosen, steckt denselben ein und geht mit einem barschen
"Adje" wieder zum Hause hinaus.
Kein Kundschafter erfuhr, wohin der Benedict gegangen, doch wie es dunkel
wird, kommt er mit Zweien von der rothen Schwitt das Dorf herauf zur Linde,
die Mädchen der schwarzen Schwitt drängen sich nicht um ihn herum, wie dies
sonst immer der Fall war. "Wo ist d´ Margareth?" fragt er--"Wir wissens
nicht! ... sie wird daheim sein!" antworten Einige--"Und Ihr, was thut Ihr
da? Ihr könntet auch daheim sein!" sagt er und geht dann das Dorf weiter
hinauf.
Im Hofe des Brandpeterle sitzen die Dorothea, Klara, die Sabine, welche aus
der "Feinsten, Fleißigsten und Sittsamsten" auch eine Helden der rothen
Schwitt geworden ist, vielleicht aus Scheu vor dem Oberhaupte der
Schwarzen.
Der Duckmäuser will mit den Mädchen scherzen, die Gefährten dagegen halten
ihn eifersüchtig ab. "_Diese_ gehen _dir_ nichts an, dir gehört
die Hanne, laß diese sitzen, wo sie sitzen!"--"Was? Ihr habt mir nichts zu
befehlen, ich kann hingehen, wohin ich will und Ihr, wohin Ihr wollt!"
Mit diesen Worten kehrt der Benedict den Rücken und zu der Linde zurück, wo
Mädlen der schwarzen Schwitt einsilbig beisammensitzen und kein Lied
anstimmen.
"Guten, guten Abend, ihr Lieben! Was macht ihr Lieben?"--"Ach, was machen
wir! ... was denkst du aber auch! ... laß jetzt den Karren rennen, wohin er
rennt!"--"Was sagt denn die Margareth?"--"Ach, was sagt sie! ... was wir
halt auch sagen, daß Solches kein Mensch von dir geglaubt hätte! ... wo
bist denn gewesen die ganze Zeit?"--"Weiß es selber nicht!" "Bleibst jetzt
wieder da?"--"Dableiben? bei wem?"--"He, bei wem? bei deinen Leuten!"--
"Heute und morgen noch nicht!"--"Ach, thue es doch der Margareth und uns zu
lieb und folge deinen Leuten!"--"Der Margareth? Wißt Ihr nicht, daß sie mir
den Abschied gegeben hat? daß ich jetzt ein Rothschwitter bin und die Hanne
meine Herzige ist?"--Die Mädchen bleiben stumm, einige fahren mit der
Schürze über die Augen, andere weinen laut.
"Wenn Ihr zu der Margareth kommt, so sagt ihr, _sie_ habe mich zum
Herrn in´s Brandpeterles Haus gemacht, gute Nacht!" sagt der Benedict mit
bebender Stimme, ein ingrimmiger Schmerz wühlt in seinem Herzen und droht
ihn zu erwürgen, er vermag kaum das "gute Nacht" noch herauszubringen,
kehrt sich ab und geht. "Benedict höre, ich muß dir noch Etwas sagen!" ruft
ihm die Susanne nach.--"Was weißt noch?" fragt er mit unsicherer Stimme.--
"Ich wills dir allein sagen!"--"Gut, Susanne, ich komme noch einmal zu dir
heute Abend!"
Um 11 Uhr klopft Einer am Kammerfensterlein der Susanne, diese öffnet und
der Benedict fragt, was sie ihm denn zu sagen habe.
Dieses schwache, einfältige Mädchen sagt in einer stundenlangen Rede Alles,
was Verstand, Ehre, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht dem Zuhörer zu sagen
vermochten; jedes ihrer Worte dringt tief, schmerzlich tief in seine Seele,
sie fühlt, wie seine Hand in der ihrigen bebt und nimmermehr würde die
Predigt des begeistertsten Kanzelredners, nimmermehr die Thränen der Mutter
solch erschütternden Eindruck auf ihn gemacht haben, wie die Rede des
einfachen Bauernmädchens, in dessen unansehnlichem Körper eine edle,
herrliche Seele wohnte.
Stumm hört er die Susanne an, zuletzt schließt diese mit den Worten. "Wir
Mädlen sind _alle_ bei deiner Mutter gewesen und sie hat uns
versprochen, dir solle nicht das geringste Leid widerfahren, wenn du nur
ihr und dem Vater wieder folgen wollest! ... Jetzt sage mir was du thun
willst!"
"Liebe Susann, ich kann nicht mehr hier bleiben, ich bin vom ganzen Dorfe
verachtet!" meint der Benedict düster.
"Nein, du bist nicht verachtet, Alle haben Mitleid mit dir und von dem, was
deine Mutter der Margareth, gesagt hat, wissen nur wir vier: ich, das
Besele, die Marzell' und die Margareth! Wir haben nirgends ein Wörtlein
gesagt und werden keines sagen, du weißt, daß wir dir treu sind!"
"Aber die Margareth?"
"Auch sie vergißt dir Alles und ist nicht mehr böse, wenn du jetzt folgen
willst! ... Sie ist die ganze Zeit nicht aus dem Hause gekommen, hat nur
geweint und wenn du noch jetzt zu ihr gehst, wird sie dir das Nämliche
sagen, wie ich!"
Verzweiflungsvoll starrt der Benedict zu Boden und schweigt, die Susanne
bittet noch einmal, Besserung zu versprechen und ermahnt ihn jetzt
heimzugehen und wieder redlich zu werden, sie wolle immer für ihn beten.
"Susanne, ich will dir folgen, will heute Nacht noch heimgehen und meine
Leute um Verzeihung bitten, aber--es nützt nichts, _es ist zu spät!_
... Gott behüte dich liebe Freundin!"
Verzweiflungsvoll schaut der Benedict zum sternenreichen Nachthimmel empor,
wischt zwei große Thränen ab und geht, geht jedoch nicht heim, sondern
zuerst vor das Kammerfensterlein des Besele, dann vor das der Marzell, hört
bei Beiden dasselbe, was die Susanne gesagt und pöpperlet mit bangem
klopfenden Herzen endlich noch bei der Margareth an.
Diese benimmt sich ganz so, wie ihre besten Freundinnen es vorausgesagt
haben, versöhnt sich mit ihm und schließt ihre Predigt also:
"Wie oft, wie oft, Benedict, hat das schneeweiße Bäbele selig von dir
gesagt, es sei nicht alles Gold, was glänze! ... Sei aber fortan jetzt brav
und redlich, ich bitte dich um Gotteswillen, Allerliebster! ... Denk´ jetzt
an unsern Herrgott, bete und arbeite, wie dein Vater, der brave Jacob sagt
und thut! ... Laß solche Sachen bleiben, dadurch wird kein Mensch
glücklich, wie du ja selbst schon oft gesagt hast!"
Schon bricht der Tag an, die Schwalben zwitschern, es ist Zeit, den
Marktkorb endlich zu holen, er geht heim, Vater und Mutter sprechen mit
ihm, als ob gar nichts vorgefallen wäre, Benedicts Entschluß zur Besserung
steht fest, ist aufrichtig, aber--zu spät!
Drei Tage früher und der Duckmäuser hätte wohl den armen, stets
verachteten, ungeliebten und durch die Lieblosigkeit der Menschen zumeist
verderbten Zuckerhannes niemals kennen lernen!
Wunderbar ist die Macht, welche von einer unschuldigen, tugendhaften,
christlich gesinnten Jungfrau nicht nur auf das Gemüth eines unverderbten,
sondern auch eines verderbten, ja lasterhaften Jünglings ausgeübt wird. Die
hohe Verehrung, welche ächte Katholiken der Jungfrau Maria zollen, wurzelt
im tiefsten Geheimniß des menschlichen Herzens und wer die Liebe der
jungfräulichen Mutter nicht versteht, lernt nur schwer die Liebe des
Gottessohnes zum Menschengeschlechte verstehen. Ein Verächter Marias ist
gewöhnlich ein schlechter oder mindestens sehr befangener Christ und wer
die Jungfrauen nicht achtet, ein roher und noch häufiger ein schlechter
Mensch. Schade, daß heutzutage christlich gesinnte Jungfrauen nicht
häufiger sind! Hat Satan nicht zuerst die Eva und dann erst, als diese
gesündigt hatte, durch sie den Adam verführt? Hat die Susanne, welche noch
lebt und über den universellen Sieg der rothen Schwitt im Dörflein trauert,
nicht den grenzenlosen Leichtsinn und tief eingewurzelten Hochmuth des
Benedict in Einer Stunde gebrochen? Wie wäre er sonst unter das Fensterlein
der Margareth und nach Hause gekommen? ... Mit dem Marktkorbe auf dem Kopfe
wandert Benedict wiederum der Stadt zu, zuerst holt ihn das Besele, dann
die Marzell und zuletzt auch die Susanne auf dem Wege ein, alle drei
sprechen leise und angelegentlich mit ihm und stumm hört er ihre Reden an,
antwortet zuweilen nur mit einem schmerzlichen: Ach, ich!--
Die "Alltagsmarktweiber" des Wochenmarktes stecken ihre Köpfe zusammen und
verwundern sich ebenso sehr über die fremdgewordene Erscheinung des
Benedict als über das nachdenkliche Gesicht und zerstreute Wesen desselben,
denn heute bringt er auch nicht einen seiner sonstigen Marktwitze und
fröhlichen Späße vor.
Auf dem Wege waren ihm noch früher als das Besele drei Gensdarmen begegnet;
diese gingen seinem Dörflein zu, ein schwüles, banges, unheimlichem Ahnen
erfüllte seine Seele, er sah immer nur die drei Gensdarmen, welche dem
Hause seiner Eltern zugingen und hörte nur immer, wie dieselben nach ihm
fragten!
Er verkaufte den Marktkram und ging dann in die Apotheke, um Arznei für
sein krankes Brüderlein zu holen. Ihm folgt jedoch einer der drei fatalen
Gensdarmen und als Beweis, daß derselbe bereits wieder aus dem Dörflein
komme, folgt auch der kleinere Bruder, der Hannesle deutet bleich und
zitternd auf den Aeltesten und sagt: das ist unser Benedict! ... Der
Hannesle wartet auf die Arznei, der Verhaftete übergibt demselben den Korb
sammt dem Marktgelde und wird vom Gensdarmen in das Amtsgefängniß geführt.
Man fand nicht mehr bei ihm, was man suchte, doch er dachte an die
verflossene Nacht, gestand seine ganze Schuld dem Assessor, welchem er
vorgeführt wurde und kehrte noch am Abend desselben Tages in sein Dörflein
zurück.
Der Jacob schmierte gerade ein Pflugrad, als er seinen Ungerathenen kommen
sah, eilte zum Hause, stellte sich neben die Theres und beide erklärten
einstimmig, _er_ habe kein Elternhaus mehr, sei für immer von ihnen
verstoßen und sie wollten vergessen, jemals einen Sohn gehabt zu haben, der
Benedict heiße.
Diese furchtbare Erklärung brachte den Duckmäuser nicht außer sich, er
behauptete, derjenige gar nicht zu sein, welchen die 3 Gensdarmen gesucht
hätten; seine Unschuld sei gleich erkannt und deßhalb sei er auch gleich
wieder freigelassen worden nach dem ersten Verhöre. Auf solche Weise
_erschlich_ er den Eintritt ins Elternhaus.
Viele Bewohner des Dörfleins jedoch glaubten nicht an seine Unschuld,
bürdeten ihm zehnmal mehr auf, als er jemals gethan hatte und so wenig sich
die Mehrzahl scheute, Ehre zu geben wem Ehre gebührt, so wenig scheute sich
dieselbe, ihren Argwohn und ihre Verachtung dem Benedict ins Gesicht hinein
zu werfen.
Als ihm die Mutter ebenfalls den Markt und die häuslichen Arbeiten abnahm
und dem Gregor übergab, zugleich nirgends einen Schlüssel mehr stecken
ließ, wo etwas zu holen war, da entleidete dem Benedict das Leben im
Elternhause und er wäre fortgegangen, wenn die Mädchen ihm nicht in dieser
Zeit Proben wahrer Freundschaft und Liebe gegeben hätten. Diese scheuten
weder Muthmaßungen noch Sticheleien und böse Nachreden, theilten ruhig und
freudig seine Verachtung, gingen offen mit ihm um, kamen zur Mutter Theres,
um diese zu trösten, zu beruhigen und derselben eine freudenvollere Zukunft
zu versprechen, insofern solche von ihrem Aeltesten abhänge. Der Duckmäuser
hatte die arglosen, unschuldigen Mädchen leicht von seiner Schuldlosigkeit
überzeugt und sie glaubten an seinen guten Willen zur Besserung. Er hielt
sich möglichst fern von den Leuten, seufzte im Stillen, denn Ruhe blieb
seinem Herzen fremd. Böses erwiederte er nicht mit Bösem, nahm Alles in
Demuth hin, betete viel und nach einiger Zeit gab es auch Stunden, wo er
selbst an eine bessere Zukunft glaubte. Was thut, hofft, fürchtet ein
junger Mensch nicht in arger Bedrängniß?
Die treuen Mädchen, welche zur altmodischen Schwitt gehörten, standen mit
ihrer Treue vereinzelt, denn die meisten Buben und Mädlen ihrer Parthei
hielten das stille, ruhige, demüthige Benehmen des außer Kredit gekommenen
Oberhauptes meist nur für einen Akt neuer Verstellung. Dagegen begegnete
die rothe Schwitt dem Duckmäuser so freundlich, zuvorkommend und
wohlwollend wie noch nie, denn sie glaubte, jetzt oder nie sei der rechte
Augenblick da, um ihn ganz an sie zu fesseln.
"Wie lange werden die treuen Mädchen der alten Schwitt noch zu dir halten?
Wie lange wird es dauern, bis der letzte und ärgste Schlag im Hause
geschieht? Bis du von den Besten unter den Guten verachtet, verlassen, aus
dem Elternhause verstoßen sein wirst? Sind dann alle Deine Anstrengungen
nicht vergeblich gewesen? Sei pfiffig, Benedict, bei der rothen Schwitt
winkt Freude und Genuß, _gerade jetzt_ ist es die rechte Zeit zum
festen Anschluß an dieselbe! Leben die Buben und Mägdlein der rothen
Schwitt nicht auch im heimathlichen Dörflein? Haben sie nicht ihre Eltern
hier, Verwandte und Gesinnungsgenossen genug in den umliegenden Dörfern?
Stelle dich an die Spitze der rothen Schwitt, mache das Leben derselben zur
Mode, dann wird die allgemeine Verachtung aufhören, sie muß aufhören!" Also
flüstert in bangen, schlaflosen Nächten der Versucher dem Benedict ins
Herz, mächtig kämpft die Erinnerung an die Nacht des Fensterleins, mit
letzter Kraft die Liebe zur Margareth und deren Freundinnen gegen jene
Stimme an--er erlebte grausam qualvolle Stunden, der unglückliche
Duckmäuser! ... "Fort, fort von hier, das ist meine einzige Rettung!" sagt
er an einem Sonntagmorgen zu sich selbst und geht.
Nach der Vesper steht er jedoch mit dem Willibald, der ihn eine Stunde vom
Dörflein traf und zur Umkehr bewog, unter der Linde und sein letztes Wort
heißt: Ihr dürft auf mich zählen, Willibald, ich komme bestimmt!
Nach dem Abendessen schleicht er ohne Wamms und Kappe zur Thüre hinaus in
den Garten; hier hängt Wamms und Kappe an einem Rosenstocke, er zieht sich
an, setzt die Kappe recht aufs linke Ohr und nach einigen Minuten steht er
in der Mitte der rothen Schwitt, welche insgesammt im Hauptquartier beim
Brandpeterle sitzt und ihn jubelnd bewillkommt.
Die Hanne mit glühenden Bäcklein holt sogleich einen Hafen voll vom Alten,
ihre Mutter überreicht ihm die Schlüssel zum Keller und zum Speicher, zur
Fleischkammer und zum Geldkasten, erklärt ihn zu ihrem Eidam und spricht:
"Hab's schon oft der Hanne gesagt, sag's täglich, Dich und sonst keinen
Andern will ich im Haus haben, denn Keiner ist im ganzen Revier, der dir
gleicht! ... Hast ganz Recht gehabt, ganz Recht gehabt, wenn du nur einen
ganzen Maltersack voll, Maltersack voll bei so einem reichen Geizhals
erwischt hättest! ... Man muß nicht so dumm sein, nicht so dumm sein, wenn
man dazu kommen kann! ... Ich hab' eben lauter Esel, der Sepp, der Sepp, er
muß bei dir lernen!"
Toll und bunt geht es zu beim Brandpeterle, die rothe Schwitt rast vor
Freuden über das neue Oberhaupt, selbst der Max hat allen Groll vergessen,
doch schon um halb neun steht der Benedict auf, um fortzugehen.
Alle erklären sich dagegen, er bleibt fest und die Alte meint: "Was, du
willst fort? fort von deiner Schwiegermutter? Willst halt noch zu deiner
Schläferin, gelt? ... Möcht' nur auch wissen, was du denkst! ... Du der
lustigste Bueb im Dorf, im Dorf, magst mit einem so todten Mädle gehen, wie
die Margreth eines ist, während die vornehmsten Mädlen, wie meine Hanne,
die Hanne dort, die Finger nach dir lecken!"
Vergeblich jedoch beschwört die Schwiegermutter den Eidam zum Dableiben,
vergeblich ruft sie:
"Hanne, schenke ihm ein, er darf nicht fort! ... Du behälst ihn bei dir
heute Nacht und wenn seine fromme Mutter auch allen Heiligen die Füße
abrutscht!"
Doch der Duckmäuser geht, findet die fromme Mutter mit seinen treuen
Freundinnen auf der Staffel des Hauses sitzend; sie fragen ihn, wo er
gewesen sei, er gibt eine ausweichende Antwort, doch die Dasitzenden
errathen die Wahrheit, ohne ihren Gedanken zu offenbaren, er redet wenig
und legt sich bald zu Bette.
Von nun an schwankt er haltlos hin und her, nirgends hat er sein Bleiben,
auch bei der rothen Schwitt bleibt er nie lange und kommt nur, wenn er die
bösen Geister, welche ihn plagen, im Wein und bei der Hanne ersäufen will,
sucht dann in der Hölle Ruhe und Frieden und findet stets das Gegentheil
davon.
Der Mutter und den treuen Mädlen entgeht seine Haltlosigkeit nicht, sie
bieten alle Macht ihrer Zärtlichkeit und Liebe auf und bringen ihn wirklich
dazu, das Haus des Brandpeterle zu meiden, der Hanne und der ganzen rothen
Schwitt mit Verachtung entgegen zu kommen. Aus dem leichtsinnigen Benedict
scheint ein ernster, rechtschaffener Mann werden zu wollen, die Mutter und
die Margareth glauben ihren Herzkäfer Gott und der Tugend gerettet zu
haben, doch an einem Freitag Morgen tritt ein Zweifarbiger, nämlich der
Amtsdiener in die Stube und meldet, der Benedict habe morgen früh um 9 Uhr
vor Amt zu erscheinen.
Derselbe stand gerade beim Hirzenwirth im Taglohn, erfuhr von der Einladung
nichts, bis er Abends spät nach Hause kam.
Da geht das Donnerwetter los, die Eltern meinten, er habe wieder irgendwo
einen schlechten Streich gemacht und es fehlte nicht viel, so würden sie
ihn noch in dieser Nacht fortgejagt haben.
Mit bangem Herzen geht der Duckmäuser am folgenden Morgen vor Amt in die
Stadt und macht den Rückweg erst wieder nach vier Wochen, weil der
Gefängnißwärter nichts vom Heimgehen wissen will, bevor die Strafe
erstanden sei.
Während dieser Zeit saß die Mutter oft gar traurig und niedergeschlagen am
Abend mit der Margareth, dem Vefele, der Marzell und der Susanne auf den
Staffeln und gegen alle Tröstungen unzugänglich, sagte sie hundertmal:
"Er hört nicht auf zu lügen, hierin liegt der sicherste Beweis, daß er sich
nicht ändern will! Er hat über unser Haus jetzt eine Schmach gebracht,
welche nie wieder hinwegkommt, so lange er darin ist, darum soll er auch
nie wieder in dieses Haus treten, wenigstens so lange ich am Leben bin!"
Die Mädchen meinten, Benedicts Strafe sei ja nur eine Folge des gewiß
abgelegten Leichtsinnes, die Mutter habe ihm nach der Rückkehr von der
mehrtägigen Wanderung Alles verziehen und dürfe also nicht so hart sein,
wenn sie gerecht handeln wolle, doch Alles half nichts und wenn Theres
nichts mehr zu erwidern wußte, begann sie zu seufzen oder zu schimpfen.
An einem Mittwoch Morgen kommt der Benedict durch den Garten auf das Haus
zu und steht auf der Schwelle der Hinterthüre; die Mutter stand am Heerde,
jetzt wendet sie sich um, ihre Augen sprühen Feuer, sie eilt ihm entgegen
und ehe er sich's versieht, spritzt das Blut aus einer Wunde an der Stirn
und dann schlägt sie die Thüre vor ihm zu mit den vernichtenden Worten: