Ich erhob mich sofort und stand kerzengerade da, und er schien diese
kleine Höflichkeit nicht zu verachten.
Nein, essen Sie nur weiter, machen Sie erst fertig. Sie sind fertig?
Ich habe gedacht ..... Kommen Sie einmal mit.
Er führte mich zum Schuppen.
Sie können mir eine Zeitlang Brennholz im Wald schlagen, was meinen
Sie dazu? Ich habe zwei Knechte, aber den einen brauche ich jetzt als
Gerichtsboten, da können Sie mit dem andern in den Wald gehen. Wie Sie
sehen, habe ich hier Holz genug, aber das kann ja liegen bleiben, davon
hat man nie zuviel. Sie sagten, daß Sie Geld hätten. Zeigen Sie her.
Ich zeigte ihm meine Geldscheine.
Gut. Sehen Sie, ich gehöre hier zur Obrigkeit und muß über meine Leute
Bescheid wissen. Aber freilich, Sie haben nichts auf dem Gewissen, wenn
Sie zum Lensmann kommen, hahaha. Wie gesagt, Sie können sich heute noch
ausruhen und dann morgen in den Wald gehen.
Ich bereitete mich auf den morgigen Tag vor, sah meine Kleider nach,
feilte die Säge, schliff meine Axt. Handschuhe hatte ich keine, aber
das Wetter war ja auch noch nicht dazu angetan, und sonst fehlte mir
nichts.
Der Lensmann kam mehrere Male zu mir heraus und schwätzte mit mir über
alles mögliche, es machte ihm wohl Spaß, sich mit mir zu unterhalten,
weil ich ein fremder Wanderer war. Komm her, Margarethe! rief er seiner
Frau zu, die über den Hofplatz ging. Da ist der neue Mann. Ich lasse
ihn Brennholz machen.
30.
Es war uns nicht vorgeschrieben worden, aber wir begannen nach eigenem
Gutdünken nur Bäume mit vertrocknetem Gipfel zu schlagen, und der
Lensmann sagte am Abend, daß es so recht sei. Übrigens würde er uns
morgen selbst alles anweisen.
Ich begriff bald, daß diese Arbeit nicht bis Weihnachten dauern würde.
So, wie Wetter und Erdboden jetzt waren, mit Frost in den Nächten und
ohne Schneefall, schlugen wir jeden Tag eine Masse Bäume um, und es
gab keine Hindernisse, die uns aufgehalten hätten. Selbst der Lensmann
fand, daß wir Teufelskerle seien bei dieser Waldarbeit, hahaha. Es
war leicht, bei diesem alten Mann zu arbeiten, er kam oft zu uns in
den Wald und war guter Laune, und da ich ihm seinen Scherz nicht
zurückzugeben pflegte, glaubte er wohl, ich sei ein langweiliger aber
zuverlässiger Kerl. Er ließ mich jetzt auch Briefschaften zur Post
bringen und von dort holen.
Es gab keine Kinder auf dem Hof und auch keine jungen Menschen, außer
den Mädchen und dem einen Knecht. An den Abenden wurde die Zeit oft
ein bißchen lang. Um mich zu zerstreuen, nahm ich Zinn und Säuren und
verzinnte einige alte Töpfe in der Küche. Doch war das bald getan. So
verfiel ich eines Abends darauf, folgenden Brief zu schreiben:
Ach, dürfte ich doch dort sein, wo Sie sind, dann würde ich für zwei
arbeiten!
Am nächsten Tag sollte ich für den Lensmann zur Post, da nahm ich auch
meinen Brief mit und sandte ihn ab. Ich war sehr unruhig, der Brief sah
noch dazu ziemlich ärmlich aus, denn ich hatte das Papier vom Lensmann
erhalten und mußte seinen aufgedruckten Namen auf dem Umschlag mit
einem ganzen Streifen Briefmarken verkleben. Wer doch wüßte, was sie
sagen wird, wenn sie den Brief bekommt. Es stand kein Name und kein Ort
darin.
Dann arbeiten wir wieder im Wald, der junge Knecht und ich, reden von
unseren kleinen Angelegenheiten, plagen uns ehrlich und redlich und
kommen gut miteinander aus. Die Tage vergingen. Leider sah ich schon
das Ende der Arbeit nahen, hatte aber noch eine kleine Hoffnung, daß
der Lensmann etwas anderes für mich finden würde, wenn die Waldarbeit
zu Ende wäre. Kommt Zeit, kommt Rat. Nur ungern wollte ich vor
Weihnachten wieder auf die Wanderung.
Da stehe ich eines Tages wieder in der Post und bekomme einen Brief.
Ich begreife nicht, daß er an mich gerichtet ist und drehe und wende
ihn unschlüssig hin und her. Der Posthalter aber, der mich jetzt kennt,
liest die Adresse noch einmal und sagt, daß dies mein Name sei, und
daß darunter die Adresse des Lensmannes stehe. Plötzlich durchzuckt
mich ein Gedanke, und ich greife nach dem Brief. Ja, er gehört mir, ich
vergaß ..... es ist ja wahr .....
Und in meinen Ohren läuten Glocken, ich eile auf die Straße hinaus,
öffne den Brief und lese:
*Schreiben* Sie mir nicht --
Ohne Namen, ohne Ort, aber so klar und wunderbar. Das erste Wort war
unterstrichen.
Ich weiß nicht, wie ich heimkam. Ich weiß nur noch, daß ich auf einem
Meilenstein saß und den Brief las und ihn in die Tasche steckte, worauf
ich bis zu einem anderen Meilenstein ging und wiederum dasselbe tat.
*Schreiben* Sie nicht. Aber durfte ich denn also kommen und vielleicht
mit ihr sprechen? Dieser kleine hübsche Bogen Papier und diese
flüchtigen, feinen Buchstaben! Ihre Hände hatten diesen Brief gehalten,
er hatte unter ihren Augen gelegen, ihren Atem gefühlt. Und am Schluß
war ein Gedankenstrich, der eine Welt bedeuten konnte.
Ich kam nach Hause, lieferte die Post ab und ging in den Wald. Die
ganze Zeit träumte ich und betrug mich wohl ganz unbegreiflich für
meinen Kameraden, der mich ein über das andere Mal einen Brief lesen
und ihn wieder zwischen meinen Geldscheinen verwahren sah.
Wie schnell hatte sie mich gefunden! Sie hatte wohl den Briefumschlag
gegen das Licht gehalten und den Namen des Lensmannes unter den Marken
gelesen, dann hatte sie ihren herrlichen Kopf geneigt und gedacht: Er
arbeitet jetzt auf Hersaet beim Lensmann .....
Als wir am Abend wieder zu Hause waren, kam der Lensmann zu uns heraus,
sprach über Verschiedenes und fragte:
Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten bei Kapitän Falkenberg auf Övrebö
gearbeitet?
Ja.
Er hat eine Maschine erfunden, wie ich sehe.
Eine Maschine?
Eine Baumsäge, -- steht in den Zeitungen.
Es gibt mir einen Ruck. Er hat doch wohl nicht *meine* Baumsäge
erfunden?
Das muß ein Irrtum sein, sage ich; denn der Kapitän hat die Säge nicht
erfunden.
Nicht?
Nein. Aber die Säge ist bei ihm in Verwahrung gegeben.
Ich erzählte dem Lensmann alles. Er holte die Zeitung, und wir lesen
beide: Neue Erfindung .... Unsern Mitarbeiter hingesandt ..... Die
Konstruktion der Säge, die von großer Bedeutung für die Waldeigentümer
werden kann ..... Die Maschine geht von folgenden .....
Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie die Säge erfunden haben?
Doch, so ist es.
Und der Kapitän will sie stehlen? Na, das ist ja eine schöne
Geschichte, wirklich eine schöne Geschichte. Vertrauen Sie nur auf
mich. Sah jemand Sie an der Erfindung arbeiten?
Ja, sämtliche Dienstleute des Kapitäns.
Gott straf mich, das ist aber doch wahrhaftig das Frechste, was ich
je gehört habe, Ihre Erfindung stehlen. Und das Geld -- das kann eine
Million werden!
Ich mußte zugeben, daß ich den Kapitän nicht verstehe.
Aber ich verstehe ihn, nicht umsonst bin ich Lensmann. Nein, seit
langem habe ich den Mann schon ein wenig im Verdacht, zum Teufel, er
ist nicht so reich, wie er tut. Nun werde ich ihm einen kleinen Brief
senden, einen ganz kurzen Brief, was meinen Sie dazu? Hahaha. Vertrauen
Sie nur auf mich.
Jetzt aber kamen mir Bedenken, der Lensmann war zu hitzig, es konnte ja
möglich sein, daß der Kapitän schuldlos war, und daß der Zeitungsmann
ungenau berichtet hatte. Ich bat den Lensmann, mich selbst schreiben zu
lassen.
Und dann darauf eingehen, mit dem Spitzbuben zu teilen? Niemals. Sie
legen das Ganze in meine Hand. Überhaupt, wenn Sie selbst schreiben,
können Sie doch die Worte nicht so setzen wie ich.
Aber ich ging ihm so lange um den Bart, bis ich den ersten Brief selbst
schreiben durfte, danach sollte er eingreifen. Ich erhielt wieder einen
Briefbogen von ihm.
An diesem Abend kam ich nicht zum Schreiben. Es war ein so bewegter
Tag gewesen, und mein Inneres war noch in Unruhe. Ich grübelte und
dachte nach. Um der gnädigen Frau willen wollte ich nicht direkt an den
Kapitän schreiben und dadurch vielleicht auch ihr Unannehmlichkeiten
bereiten, dagegen wollte ich meinen Kameraden Falkenberg mit einigen
Worten bitten, die Maschine doch im Auge zu behalten.
Nachts hatte ich wieder Besuch von der Leiche, dieser traurigen,
mit einem Hemd bekleideten Frau, die mir wegen ihres Daumennagels
niemals Ruhe ließ. Gestern war ich in einer so tiefen Gemütsbewegung
gewesen, heute Nacht schien ihr der rechte Zeitpunkt, zu kommen. Von
Schrecken durchschauert, sehe ich sie hereingleiten, mitten im Zimmer
stehenbleiben und mir die Hand entgegenstrecken. An der andern Wand,
mir gerade gegenüber, lag mein Kamerad aus dem Wald in seinem Bett, und
es war mir wunderbar erleichternd zu hören, wie auch er stöhnte und
unruhig war, so daß wir also der Gefahr zu zweit ausgesetzt schienen.
Ich schüttelte den Kopf: ich hätte den Nagel an einem friedlichen Ort
begraben und könne nun nichts mehr tun. Aber die Leiche blieb immer
noch stehen. Ich bat sie um Verzeihung; plötzlich aber erfaßt mich
der Ärger, ich werde zornig und erkläre ihr, daß ich mich nicht mehr
länger mit ihr abgeben wolle. Ich hätte mir ihren Nagel damals nur in
aller Eile ausgeliehen, ihn aber bereits vor Monaten wieder begraben
und damit meine Schuldigkeit getan ..... Da gleitet sie seitlich bis
zu meinem Kopfkissen und versucht, hinter meinen Rücken zu kommen. Ich
werfe meinen Oberkörper nach vorne und stoße einen Schrei aus.
Was ist denn? fragt der Knecht von seinem Bett her.
Ich reibe mir die Augen und antworte, daß ich nur geträumt habe.
Wer war denn eigentlich hier? fragt der Knecht.
Ich weiß nicht. War jemand da?
Ich habe jemand hinausgehen sehen .....
31.
Ein paar Tage vergingen, dann setzte ich mich ruhig und überlegen hin
und schrieb an Falkenberg. Ich hätte eine kleine Sägekonstruktion
auf Övrebö stehen, schrieb ich, sie könne vielleicht einmal einige
Bedeutung für die Waldbesitzer bekommen, und ich hätte vor, sie in
allernächster Zeit abzuholen. Sei so gut und behalte sie im Auge, damit
nichts daran verdorben wird.
So milde schrieb ich. Das war am würdigsten. Es sollte ein durch
und durch feiner Brief sein, wenn Falkenberg, der natürlich in der
Küche davon sprechen würde, ihn vorzeigte. Aber er war durchaus nicht
lauter Sanftmut und wieder Sanftmut und nichts anderes, ich setzte ein
bestimmtes Datum fest, um meinen Ernst zu zeigen: Montag, den elften
Dezember, will ich kommen und die Maschine abholen.
Ich dachte, diese Frist ist klar und bestimmt: Ist die Maschine an
diesem Montag nicht da, dann wird also etwas geschehen.
Ich trug den Brief selbst fort und verklebte wieder den Aufdruck auf
dem Umschlag mit einem Streifen Briefmarken .....
Mein schöner Rausch dauerte immer noch an, ich hatte den köstlichsten
Brief der Welt bekommen, ich trug ihn hier in der Brusttasche, er war
an mich gerichtet. *Schreiben* Sie nicht. Nein, gut, aber ich konnte
kommen. Und hinter dem Ganzen stand ein Gedankenstrich.
Es war doch wohl kein Mißverständnis mit dem unterstrichenen Wort: es
sollte doch nicht nur das Verbot im allgemeinen verschärfen? Die Damen
hatten die üble Angewohnheit, alle möglichen Worte zu unterstreichen
und überall Gedankenstriche zu machen. Aber sie nicht, nein, sie nicht!
In einigen Tagen würde die Arbeit beim Lensmann ein Ende nehmen, es
paßte gut, alles war ausgerechnet, am elften würde ich auf Övrebö
sein! Das war vielleicht nicht eine Minute zu früh. Wenn der Kapitän
wirklich Pläne mit meiner Maschine hatte, dann galt es, schnell zu
handeln. Sollte mir ein Fremder meine sauer erworbene Million stehlen
dürfen? Hatte nicht ich mich dafür geplagt? Schon begann ich, meinen
sanften Brief an Falkenberg so halb und halb zu bereuen, er hätte
bedeutend schärfer sein dürfen, vielleicht glaubte er jetzt gar nicht,
daß ich sehr streng sein konnte. Du wirst sehen, es kann ihm sogar noch
einfallen, gegen mich zu zeugen, zu zeugen, daß nicht ich die Maschine
erfunden habe. Hoho, mein lieber Freund Falkenberg, das sollte mir nur
fehlen! Dann würdest du erstens die ewige Seligkeit verlieren; -- wenn
dir aber das nichts weiter ausmachen sollte, dann werde ich dich wegen
Meineids bei meinem Freund und Wohltäter, dem Lensmann, verklagen.
Weißt du, was das für Folgen hat?
Natürlich müssen Sie reisen, sagte der Lensmann, als ich mit ihm
sprach. Und kommen Sie nur mit der Maschine zu mir zurück. Sie müssen
Ihren Vorteil wahren, hier handelt es sich vielleicht um große Summen.
Am nächsten Tag brachte die Post eine Nachricht, die mit einem Schlag
die Lage veränderte: der Kapitän teilte von selbst in der Zeitung mit,
daß es auf einem Mißverständnis beruhe, wenn die Konstruktion der
neuen Baumsäge ihm zugeschrieben würde. Der Erfinder sei ein Arbeiter,
der eine Zeitlang auf seinem Hof beschäftigt gewesen sei. Über die
Maschine selbst möchte er sich nicht weiter aussprechen. Kapitän
Falkenberg.
Der Lensmann und ich sahen einander an.
Was sagen Sie jetzt? fragte er.
Der Kapitän ist auf jeden Fall unschuldig.
So. Wissen Sie, was ich meine?
Pause. Der Lensmann ist vom Scheitel bis zur Sohle Lensmann und
durchschaut Intrigen.
Er ist *nicht* unschuldig, sagt er.
Wirklich nicht?
So etwas bin ich schon gewöhnt. Jetzt zieht er zurück, Ihr Brief hat
ihn gewarnt. Hahaha.
Ich muß dem Lensmann gestehen, daß ich mich durchaus nicht an den
Kapitän gewandt, sondern nur einen kurzen Brief an den Knecht auf
Övrebö gesandt hätte, und daß dieser Brief noch nicht einmal angekommen
sein könne, da ich ihn erst gestern abend aufgegeben habe.
Da verstummte der Lensmann und versuchte nicht mehr, Intrigen zu
durchschauen. Dagegen schien er von diesem Augenblick an Zweifel an dem
Wert der ganzen Erfindung zu hegen.
Es ist ja schließlich möglich, daß die Maschine gar nichts taugt, sagte
er. Gutmütig fügte er jedoch hinzu: ich meine, daß sie vielleicht
verändert und verbessert werden muß. Sie sehen ja, wie oft man an den
Kriegsschiffen und an den Flugzeugen etwas ändern muß ..... Wollen Sie
immer noch reisen?
Ich hörte nichts mehr davon, daß ich zurückkommen und meine Maschine
mitbringen solle; aber der Lensmann gab mir ein gutes Zeugnis. Er würde
mich gerne länger behalten haben, stand darin, aber die Arbeit mußte
abgebrochen werden, weil ich an anderer Stelle private Interessen
wahrzunehmen hätte .....
Als ich am nächsten Morgen gehen will, steht vor dem Hof ein kleines
Mädchen und erwartet mich. Olga. So ein Kind, sie muß seit Mitternacht
auf den Beinen gewesen sein, um so früh hier sein zu können. Da stand
sie in ihrem blauen Rock und in ihrer Jacke.
Du bist es, Olga? Wo willst du hin?
Sie wollte zu mir.
Woher wußte sie, daß ich hier sei?
Sie hatte meinen Aufenthalt erfragt. Ob es wahr sei, daß die
Nähmaschine ihr gehören solle? Aber es sei doch nicht zu erwarten --
Doch, die Maschine gehöre ihr, ich hätte sie gegen das Bild
eingetauscht. -- Näht sie gut?
Ja, sie näht gut.
Wir hatten kein langes Gespräch miteinander. Ich wollte sie von hier
wieder forthaben, ehe der Lensmann herauskäme und fragen würde.
Ja, geh nun heim, mein Kind. Du hast einen langen Weg.
Olga legt ihre Hand in meine, in der sie ganz verschwindet, und läßt
sie darin liegen, solange ich will. Dann dankt sie mir und trabt wieder
munter davon. Und die Zehenspitzen stehen einwärts und auswärts, wie es
sich gerade trifft.
32.
Ich bin beinahe am Ziel.
Sonntag nacht schlafe ich bei einem Bauern in der Nähe von Övrebö, um
am Montag morgen schon früh auf den Hof kommen zu können. Um neun Uhr
mußten ja alle schon auf sein, da würde ich wohl das Glück haben, die
zu treffen, die ich suchte.
Ich war sehr nervös geworden und stellte mir die schlimmsten Dinge
vor: ich hatte einen anständigen Brief an Falkenberg geschrieben und
keine starken Worte gebraucht, aber der Kapitän konnte sich doch an dem
verfluchten Datum, an der Frist, die ich ihm gestellt hatte, stoßen.
Wollte Gott, ich hätte keinen Brief geschrieben!
Als ich mich dem Hof nähere, ziehe ich den Kopf immer mehr ein und
mache mich klein, obwohl ich nichts Schlimmes begangen habe. Ich weiche
vom Weg ab und mache einen Bogen, um zuerst zu den Nebengebäuden
zu kommen, -- dort treffe ich Falkenberg. Er wäscht den Wagen. Wir
begrüßen einander und sind die gleichen Kameraden wie früher.
Ob er heute ausfahren müsse?
Nein, er sei eben erst gestern abend heimgekommen. Sei auf der
Bahnstation gewesen.
Wer ist denn abgereist?
Die gnädige Frau.
Die gnädige Frau?
Die gnädige Frau, ja.
Pause.
So? Wo ist sie denn hingereist?
In die Stadt.
Pause.
Es ist einmal ein fremder Mann hier gewesen und hat dann etwas von
einer Maschine in die Zeitung geschrieben, sagt Falkenberg.
Ist der Kapitän auch verreist?
Nein, der Kapitän ist zu Hause. Er rümpfte die Nase, als dein Brief kam.
Ich veranlaßte Falkenberg, mit mir in unsere alte Dachkammer zu
gehen, ich hatte immer noch zwei Flaschen Wein im Sack, die ich jetzt
hervorholte. Holla, diese Flaschen, die ich Meile auf Meile hin und
zurück geschleppt hatte und so vorsichtig hatte tragen müssen, jetzt
brachten sie ihren Nutzen. Ohne sie hätte Falkenberg nicht so viel
gesagt.
Warum verzog der Kapitän wegen meines Briefes das Gesicht? Bekam er ihn
zu sehen?
Das ging so zu, sagt Falkenberg: Die gnädige Frau stand in der Küche,
als ich mit der Post kam. Was ist das für ein Brief mit den vielen
Marken? fragte sie. Ich öffnete ihn und sagte, daß er von dir sei, und
daß du am elften kommen wolltest.
Was sagte sie da?
Weiter nichts. Am elften kommt er? fragte sie nur noch einmal. Ja, am
elften, antwortete ich.
Und ein paar Tage später wurde dir befohlen, sie zur Bahnstation zu
fahren?
Ja, das war wohl einige Tage später. Da dachte ich: wenn die gnädige
Frau von dem Brief weiß, wird ja wohl auch der Kapitän davon wissen.
Weißt du, was er sagte, als ich damit zu ihm kam?
Ich antwortete nicht darauf, sondern dachte und dachte. Hier steckte
vielleicht etwas dahinter. War sie vor mir geflohen? Ich war verrückt,
die Frau des Kapitäns auf Övrebö floh doch nicht vor einem ihrer
Arbeitsleute. Aber alles sah so sonderbar für mich aus. Ich hatte die
Hoffnung gehegt, mit ihr sprechen zu dürfen, da mir verboten wurde zu
schreiben.
Falkenberg fährt ein wenig gedrückt fort:
Ich zeigte also dem Kapitän den Brief, obwohl du das nicht verlangt
hattest. Hätte ich es nicht tun sollen?
Doch, es ist gleich. Was sagte er dazu?
Ja, paß nur recht gut auf die Maschine auf, sagte er und verzog das
Gesicht. Damit keiner kommt und sie mitnimmt, sagte er.
Ist der Kapitän jetzt böse auf mich?
Nein nein. Das kann ich mir nicht denken. Ich habe seitdem nichts mehr
davon gehört.
Das mit dem Kapitän konnte ja auch gleich sein. Als Falkenberg etlichen
Wein getrunken hat, frage ich ihn, ob er die Adresse der gnädigen Frau
in der Stadt wisse. Nein, aber Emma weiß sie vielleicht. Wir holen
Emma, geben ihr Wein, reden über alles mögliche, nähern uns der Sache
und fragen schließlich auf ganz feine Art. Nein, Emma wußte die Adresse
nicht. Die gnädige Frau wollte Weihnachtseinkäufe machen und reiste
zusammen mit Fräulein Elisabet vom Pfarrhof. Dort wußte man sicher die
Adresse. Was wollte ich übrigens damit?
Ich hätte eine alte Filigranbrosche erstanden, und wollte sie fragen,
ob sie mir die Brosche abkaufen wolle.
Zeig’ her.
Glücklicherweise konnte ich Emma die Brosche zeigen, sie war alt und
sehr schön, ich hatte sie einem der Mädchen auf Hersaet abgekauft.
Die will die gnädige Frau doch nicht haben, sagte Emma. Und ich erst
recht nicht.
O ja, wenn du mich dreinbekämst, Emma, sage ich und zwinge mich zum
Scherzen.
Emma geht. Wieder horche ich Falkenberg aus. Falkenberg hatte eine gute
Nase, er verstand sich bisweilen auf die Menschen.
Ob er der gnädigen Frau noch vorsinge?
O nein. Und Falkenberg bereute schon, daß er sich hier gebunden hatte;
es schien, als solle es hier nun immer mehr und mehr Kummer und Tränen
geben.
Kummer und Tränen? Waren der Kapitän und seine Frau nicht gut Freund
miteinander?
Doch, zum Teufel, sie waren gute Freunde. Genau wie früher. Am letzten
Samstag weinte sie den ganzen Tag.
Wer hätte geglaubt, daß es so kommen würde, sie sind doch gewiß
rücksichtsvoll und rechtschaffen gegeneinander, sage ich und laure auf
seine Antwort.
Aber sie haben sich so dick, sagt Falkenberg in seinem Valdresschen
Dialekt. Sie hat auch schon sehr verloren, in der kurzen Zeit, seit du
fort warst, ganz bleich und mager ist sie geworden.
Mehrere Stunden lang saß ich in unserer Dachstube und behielt das
Hauptgebäude von meinem Fenster aus im Auge, aber der Kapitän zeigte
sich nicht. Warum kam er nicht heraus? Es war aussichtslos, noch
länger zu warten, ich mußte fort, ohne mich beim Kapitän entschuldigt
zu haben. Ich hätte freilich gute Gründe zu meiner Verteidigung
vorbringen können, hätte alles auf den ersten Artikel in der Zeitung
schieben können, der mich ein wenig größenwahnsinnig gemacht habe, was
ja auch richtig war. Jetzt konnte ich nichts anderes tun, als meine
Maschine zusammenpacken, sie so gut als möglich mit meinem Sack zu
verdecken und mich auf die Wanderschaft begeben.
Emma war in der Küche und stahl etwas Essen für mich, ehe ich fortging.
Wieder hatte ich einen langen Marsch vor mir. Zuerst mußte ich zum
Pfarrhof, der im übrigen beinahe an meinem Weg lag. Und von dort aus
zur Bahnstation. Es fiel ein wenig Schnee, der das Gehen erschwerte,
und ich konnte mir nicht Zeit lassen, wie ich wollte, sondern mußte
aus allen Kräften marschieren: die Damen in der Stadt wollten nur
Weihnachtseinkäufe machen, und sie hatten bereits einen guten Vorsprung.
Am folgenden Nachmittag kam ich auf den Pfarrhof. Ich hatte mir
ausgedacht, daß es am besten sei, wenn ich mit der Frau Pfarrer
sprechen könnte.
Ich bin auf dem Wege zur Stadt, sagte ich zu ihr, und schleppe eine
Maschine mit, darf ich die schwersten Holzteile hier einstellen?
Du willst in die Stadt? fragt die Pfarrerin. Aber du wirst doch wohl
bis morgen bei uns bleiben?
Nein, vielen Dank, ich muß morgen in der Stadt sein.
Die Frau Pfarrer denkt nach und sagt:
Elisabet ist in der Stadt. Du könntest ein Paket für sie mitnehmen, sie
hat etwas vergessen.
Jetzt erfahre ich die Adresse! dachte ich.
Aber ich muß es erst herrichten.
Dann könnte Fräulein Elisabet aber schließlich abreisen, ehe ich
hinkomme.
Nein nein, sie ist mit Frau Falkenberg gereist, sie bleiben eine ganze
Woche dort.
Das war eine erfreuliche Nachricht, eine herrliche Nachricht. Jetzt
wußte ich sowohl die Adresse wie die Zeit.
Die gnädige Frau sieht mich von der Seite an und sagt:
Dann bleibst du wohl hier über Nacht? Ja, denn ich muß wirklich erst
alles herrichten .....
Ich bekam ein Zimmer im Hauptgebäude, denn es war zu kalt, um auf dem
Heu zu schlafen, und als am Abend alles zu Bett gegangen und das ganze
Haus still war, kam die gnädige Frau mit dem Paket zu mir und sagte:
Entschuldige, daß ich jetzt komme. Aber du gehst morgen wohl so früh
fort, daß ich noch nicht auf bin.
33.
Dann stehe ich wieder mitten im Lärm und Gedränge der Stadt, zwischen
Zeitungen und Menschen, und da seit meinem letzten Hiersein viele
Monate vergangen sind, ist es mir gar nicht so unangenehm. Ich
schlendere einen Vormittag umher, kaufe mir neue Kleider und begebe
mich zu Fräulein Elisabet. Sie wohnte bei ihren Verwandten.
Würde ich nun so glücklich sein, auch die andere zu treffen? Ich bin
unruhig wie ein Knabe. Da ich an Handschuhe gar nicht mehr gewöhnt bin,
ziehe ich sie aus; als ich aber die Treppe hinaufsteige, sehe ich,
daß meine Hände nicht zu den Kleidern passen, und so ziehe ich die
Handschuhe wieder an. Dann läute ich.
Fräulein Elisabet? Ja, wollen Sie bitte ein wenig warten.
Fräulein Elisabet kommt. Guten Tag? Haben Sie nach mir .....? Nein, Sie
sind es.
Ich hätte ein Paket von ihrer Mutter abzugeben. Hier, bitte schön.
Sie reißt die Hüllen herunter und sieht, was es ist. Nein, Mama ist
großartig! Das Opernglas. Wir sind schon im Theater gewesen ..... Ich
habe Sie nicht sofort erkannt.
So. Aber es ist doch noch nicht so lange her.
Nein, aber ..... Sagen Sie mir, Sie wollen sicher gerne nach jemand
anderem fragen? Hahaha.
Ja, sagte ich.
Sie wohnt nicht hier. Nur ich wohne hier, bei Verwandten. Sie ist im
Hotel Viktoria.
Na, das Paket war ja auch für Sie, sagte ich und versuchte meiner
Enttäuschung Herr zu werden.
Warten Sie ein wenig, ich will gerade in die Stadt, da können wir
zusammen gehen.
Fräulein Elisabet macht sich fertig, verabschiedet sich durch die Türe
und geht mit mir fort. Wir nehmen einen Wagen und fahren in ein stilles
Café. Fräulein Elisabet findet es so lustig, ins Café zu gehen. Aber
dieses hier sei nicht lustig.
Ob sie lieber in ein anderes wolle?
Ja. Ins Grand.
Ich fürchtete, daß ich dort erkannt werden könnte, ich war lange
fortgewesen und mußte vielleicht Bekannte begrüßen. Aber das Fräulein
verlangt das Grand. Der kurze Aufenthalt in der Stadt hatte sie schon
ganz sicher gemacht. Früher aber hatte ich sie sehr gerne gehabt.
Wir fahren wieder fort und kommen zum Grand. Es geht gegen Abend. Das
junge Mädchen setzt sich mitten ins hellste Licht und strahlt selbst
vor lauter Vergnügen. Ich lasse Wein bringen.
Nein, wie fein Sie geworden sind, sagt sie und lacht.
Ich könnte hier ja nicht mit der Arbeitsbluse gehen.
Nein, natürlich. Aber offen gestanden, die Bluse ..... Darf ich sagen,
was ich meine?
Ja, bitte.
Die Bluse kleidete Sie besser.
Was Sie sagen! Der Teufel hole diese Stadtkleider! -- Ich saß da vor
ihr, und mir brannten andere Dinge im Kopf, es lag mir nichts an diesem
Gespräch.
Bleiben Sie lange in der Stadt? frage ich.
Solange Louise bleibt, mit den Einkäufen sind wir fertig. Nein, leider
dauert es zu kurz ..... Dann wird sie wieder aufgeräumt und fragt
lachend: Hat es Ihnen bei uns auf dem Land gefallen?
Ja, das war eine schöne Zeit.
Kommen Sie bald wieder? Hahaha.
Sie trieb sicher nur ihren Scherz mit mir. Sie wollte wohl zeigen,
daß sie mich durchschaut hatte, daß die Rolle, die ich auf dem Lande
gespielt hatte, nicht so ganz echt gewesen war. Das Kind! -- ich könnte
jeden Arbeiter anleiten und bin in vielen Dingen Fachmann! In meinem
eigentlichen Lebensberuf aber bleibe ich immer hinter dem zurück, was
ich mir erträume.
Soll ich Papa bitten, im Frühjahr an dem Pfosten anzuschlagen, daß Sie
alle Arten von Wasserleitungsanlagen übernehmen?
Sie schloß die Augen und lachte; sie lachte so herzlich.
Ich bin vor Spannung ganz zerrissen und leide unter diesen Scherzen,
obwohl sie so gutmütig sind. Ich blicke im Café umher, um mich zu
sammeln, da und dort wird ein Hut gezogen, und ich antworte und sehe
alles wie aus weiter Entfernung. Die reizende Dame, mit der ich hier
saß, machte alle auf uns aufmerksam.
Sie kennen also diese Leute, die Sie da grüßen?
Ja, einige .... Haben Sie es hier in der Stadt nett gehabt?
Großartig. Ich habe zwei Vettern hier, und diese haben ihre Kameraden.
Der arme Erik daheim! sage ich im Scherz.
Ach Sie mit Ihrem Erik. Nein, hier gibt es einen, der heißt Bewer. Aber
zurzeit stehe ich mit ihm auf Kriegsfuß.
Das geht schon wieder vorbei.
Glauben Sie? Übrigens ist es ziemlich ernstlich. Passen Sie auf, ich
erwarte eigentlich jeden Augenblick, daß er herkommt.
Dann müssen Sie ihn mir zeigen.
Als wir hierher fuhren, dachte ich mir aus, daß wir beide hier sitzen
und ihn eifersüchtig machen könnten.
Ja, das wollen wir tun.