Emma geht hinein, bleibt einen Augenblick fort und kommt wieder.
Die gnädige Frau hat Kopfweh und hat sich aufs Sofa gelegt. Aber ich
soll dich von ihr grüßen.
Auf Wiedersehen! sagen alle Mädchen, als ich gehe.
Ich trage mein Bündel unter dem Arm und verlasse den Hof. Plötzlich
fällt mir die Axt ein, Falkenberg wird sie vielleicht vermissen und
nicht finden können. Da gehe ich zurück, klopfe an die Küchentüre und
gebe wegen der Axt Bescheid.
Während ich den Weg hinuntergehe, wende ich mich ein paarmal um und
sehe nach den Fenstern des Hauptgebäudes zurück. Dann ist das Haus
außer Sicht.
26.
Den ganzen Tag noch umkreiste ich Övrebö, war auf verschiedenen Höfen
und fragte nach Arbeit, ging wie ein Friedloser umher und verfolgte
keinen Plan. Das Wetter war kalt und rauh, nur rastloses Wandern hielt
mich warm.
Gegen Abend kehrte ich zu meinem alten Arbeitsplatz im Wald des
Kapitäns zurück. Ich hörte keine Axtschläge mehr, Falkenberg war
heimgegangen. Ich fand die Bäume, die ich in der Nacht gefällt hatte,
und mußte über die fürchterlichen Baumstümpfe lachen, die ich da
hinterlassen hatte. Falkenberg hatte sicher die Verheerung gesehen und
nachgegrübelt, wer der Urheber sein könnte. Vielleicht hatte der gute
Falkenberg geglaubt, daß es ein Geist gewesen sei, und war deshalb
heimgeflohen, solange es noch Tag war. Hahaha.
Meine Lustigkeit war wohl nicht ganz natürlich, sie schrieb sich von
dem Fieber in der Nacht und der nachträglichen Mattigkeit her. Bald war
ich auch wieder ganz traurig. Hier auf diesem Fleck hatte sie einmal
mit ihrer Freundin gestanden, sie waren zu uns in den Wald gekommen
und hatten sich mit uns unterhalten .....
Als es dunkel genug war, ging ich auf den Hof zu. Vielleicht konnte
ich heute Nacht noch in der Scheune schlafen, morgen, wenn ihr Kopfweh
vorbei war, würde sie dann herauskommen. Ich gehe so nahe hin, daß ich
die Lichter sehen kann, dann kehre ich um. Es ist wohl noch zu früh.
Eine Weile vergeht, vielleicht zwei Stunden, ich wandere umher und
setze mich hin, wandere und setze mich wieder, dann nähere ich mich
wieder dem Hof. Ich konnte doch wirklich in die Scheune gehen und mich
dort hinlegen, der erbärmliche Falkenberg sollte sich nur getrauen
aufzumucken! Jetzt weiß ich, was ich tun will: ich will, ehe ich
hinaufgehe, mein Bündel im Wald verstecken, so daß ich scheinbar nur
zurückkomme, um eine Kleinigkeit zu holen, die ich vergessen habe.
Ich gehe weiter in den Wald.
Als ich meine Sachen gut versteckt hatte, wird mir klar, daß ich weder
mit Falkenberg noch mit der Scheune und mit dem Bett etwas zu tun
habe. Ich bin ein Esel und ein Tor, es ist mir nicht darum zu tun, ein
Obdach für die Nacht zu finden, sondern ich will nur einen einzigen
Menschen sehen und dann den Hof und die ganze Gegend verlassen. Mein
Herr, sage ich zu mir selbst, warst nicht du es, der hinaus wollte in
das stille Leben und zu den gesunden Menschen, um deine Ruhe wieder zu
gewinnen?
Ich ziehe mein Bündel wieder aus dem Versteck hervor, werfe es auf den
Rücken und gehe zum drittenmal auf den Hof zu. Um die Gesindestube
mache ich einen Bogen und gelange auf die Südseite des Hauptgebäudes.
In der Stube ist Licht.
Und nun nehme ich, trotzdem es dunkel ist, den Sack von der Schulter,
um nicht wie ein Bettler auszusehen, schiebe ihn wie ein Paket unter
den Arm und nähere mich vorsichtig dem Haus. Nahe genug, bleibe ich
stehen. Aufrecht und sicher stehe ich vor den Fenstern, nehme die Mütze
ab und verharre so. Drinnen ist niemand zu sehen, kein Schatten. Im
Eßzimmer ist es dunkel, die Abendmahlzeit ist vorüber. Es scheint schon
spät zu sein.
Plötzlich wird die Lampe im Zimmer gelöscht, und das ganze Haus sieht
wie ausgestorben aus. Ich warte ein wenig, dann leuchtet im ersten
Stock ein einzelnes Licht auf. Das ist ihr Zimmer! denke ich. Das Licht
brennt ungefähr eine halbe Stunde, dann erlischt es. Jetzt hat sie sich
schlafen gelegt, Gute Nacht.
Gute Nacht für immer.
Und selbstverständlich werde ich im Frühjahr nicht hierher
zurückkehren. Das sollte noch fehlen.
Wieder auf der Landstraße, werfe ich den Sack auf die Schulter und
begebe mich auf die Wanderschaft .....
Am nächsten Morgen gehe ich weiter. Ich hatte irgendwo auf dem Heu
gelegen und sehr gefroren, weil ich ohne Decke gewesen war. Und
außerdem mußte ich noch in der kältesten Zeit vor Tagesanbruch wieder
heraus, damit man mich nicht fände.
Ich ging und ging. Nadelbäume und Birken wechseln in den Wäldern ab,
und als ich Gruppen von schönem geradstämmigem Wacholder sehe, schneide
ich mir einen Stock und lasse mich am Waldrand nieder, um ihn erst
zurechtzuschnitzen. Hier und da sitzt noch ein gelbes Blatt an den
Bäumen; und die Birken sind über und über mit Kätzchen bedeckt, an
denen Regentropfen hängen. Hie und da läßt sich ein halbes Dutzend
Vögel auf einer solchen Birke nieder und pickt an den Kätzchen, und
dann suchen sie sich einen Stein oder einen rauhen Stamm, um das Harz
vom Schnabel zu wetzen. Keines gönnt dem anderen etwas, sie verfolgen,
jagen einander, obwohl noch eine Million Kätzchen da ist. Und der
Verfolgte flieht nur einfach. Schießt ein kleiner Vogel auf einen
größeren zu, zwingt er diesen zur Flucht; selbst eine große Drossel
denkt nicht an Widerstand gegen einen Sperling, sondern wirft sich
einfach zur Seite. Es muß wohl die große Geschwindigkeit des Angreifers
sein, die ihn gefährlich macht, denke ich.
Nach und nach vergeht mein Gefühl der Kälte und des Unbehagens vom
Morgen her; es zerstreut mich, die verschiedenen Dinge, denen ich
auf meinem Weg begegne, zu beobachten und über alles ein wenig
nachzudenken. Am meisten Spaß machten mir die Vögel. Und dann heiterte
mich auch der Gedanke auf, daß ich die Tasche voll Geld hatte.
Zufällig hatte mir Falkenberg gestern früh gesagt, wo Petters Heim
war, und dorthin lenkte ich nun meine Schritte. Arbeit würde ich ja
auf dem kleinen Hof nicht bekommen; aber da ich reich war, lag mir
auch die Arbeit zunächst nicht so sehr am Herzen. Petter würde wohl in
allernächster Zeit heimkehren und wußte vielleicht Verschiedenes zu
erzählen.
Ich richtete es so ein, daß ich am Abend auf Petters Hof kam. Ich
bestellte Grüße vom Sohn des Hauses und sagte, daß er auf dem Weg der
Besserung sei und bald heimkäme. Und fragte, ob ich übernachten könne.
27.
Ich habe nun schon einige Tage hier gewohnt; Petter ist nach Hause
gekommen, aber er weiß nichts zu erzählen.
Und auf Övrebö geht alles gut?
Ja, ich habe nichts anderes gehört.
Sahst du alle miteinander, als du fortgingst? Den Kapitän, die gnädige
Frau?
Ja.
Niemand war krank?
Nein. Wer sollte krank sein?
Falkenberg, sage ich. Er klagte, daß er sich die Hand verrenkt habe;
aber es ist wohl schon vergangen .....
Es war nicht sehr gemütlich auf diesem Hof, obwohl sicher großer
Wohlstand herrschte. Der Mann selbst war erster Stortingsersatzmann und
hatte sich angewöhnt, abends die Zeitungen zu lesen. Ach, das viele
Lesen, das ganze Haus litt darunter, und die Töchter langweilten sich
zu Tode. Als Petter heimkam, setzte sich die ganze Familie hin und
rechnete aus, ob er seine volle Bezahlung bekommen, und ob er auch
die ganze erlaubte Zeit beim Kapitän krank gelegen habe -- die ganze
gesetzlich erlaubte Zeit, sagte der Stortingsersatzmann. Als ich das
Unglück hatte, eine Fensterscheibe einzuschlagen, die nichts weiter
wert war, wurde darüber geflüstert und von allen Seiten unfreundlich
zu mir herübergesehen; ich ging deshalb heute zum Landhändler, kaufte
eine neue Scheibe und setzte sie mit Kitt wieder ordentlich ein. Da
sagte der Stortingsersatzmann: Du hättest dir wegen einer Scheibe nicht
soviel Mühe machen brauchen.
Ich war auch nicht wegen der Scheibe zum Landhändler gegangen, im
Gegenteil, ich kaufte einige Flaschen Wein, um zu zeigen, daß es mir
nicht so sehr auf den Wert von ein paar Fensterscheiben ankomme,
und auch eine Nähmaschine, die ich bei meinem Fortgehen den Mädchen
schenken wollte. Heute abend konnten wir Wein trinken, morgen war
Sonntag, und alle hatten Zeit auszuschlafen. Montag morgen aber wollte
ich weiter.
Es sollte anders kommen, als ich gedacht hatte. Die beiden Mädchen
waren auf dem Speicher gewesen und hatten in meinem Bündel
herumgeschnüffelt; die Nähmaschine und Flaschen hatten ihnen einen Floh
ins Ohr gesetzt, sie machten sich Gedanken über diese Sachen und kamen
mit Andeutungen. Nur ruhig, dachte ich, seid still, bis meine Zeit
kommt!
Am Abend sitze ich mit den Leuten in der Stube und unterhalte mich.
Wir waren eben mit dem Essen fertig, und der Hausvater hatte die
Brille aufgesetzt, um die Zeitungen zu lesen. Da hört man draußen ein
Räuspern. Es ist jemand auf dem Hof draußen, sage ich. Die Mädchen
sehen einander an und gehen hinaus. Bald darauf machen sie die Türe auf
und bitten zwei junge Männer, hereinzukommen. Nehmt nur irgendwo Platz!
sagt die Frau.
Da kam mir der Gedanke, daß diese beiden Bauernburschen wegen meines
Weines geholt worden waren, und daß sie die Freunde dieser Mädchen
seien. Welch hoffnungsvolle Mädchenblüte, achtzehn, neunzehn Jahre,
und schon so flink! Aber es wird eben einfach keinen Wein geben, keine
Spur .....
Man spricht vom Wetter, das man jetzt bei der späten Jahreszeit nicht
anders erwarten könne, daß man aber leider beim Pflügen durch die Nässe
aufgehalten sei. Es kam kein Leben ins Gespräch, und das eine der
Mädchen sagte zu mir, ich sei so still, und warum denn?
Wahrscheinlich weil ich fortwandern werde, antwortete ich. Montag früh
werde ich schon zwei Meilen von hier weg sein.
Dann bekommen wir wohl heute abend den Abschiedstrunk?
Irgend jemand kicherte über diese Frage: die sei auf mich gemünzt, weil
ich so geizig sei und mit dem Wein warte. Mir aber waren diese Mädchen
gleichgültig, und es lag mir nichts an ihnen, sonst wäre ich anders
gewesen.
Was für einen Abschiedstrunk? Ich habe drei Flaschen Wein gekauft, die
ich mitnehmen will.
Willst du den Wein zwei Meilen weit spazieren tragen? fragte das
Mädchen unter großem Gelächter. Es gibt doch viele Landhändler auf dem
Weg?
Sie vergessen, Fräulein, daß morgen Sonntag ist, und daß da alle
Landhändler geschlossen haben, erwiderte ich.
Das Gelächter verstummte, aber die Stimmung gegen mich wurde ob meiner
entschiedenen Antwort nicht besser. Ich wandte mich an die Bäuerin und
fragte gekränkt, wieviel ich schuldig sei.
Es eile doch nicht? Sei nicht morgen auch noch Zeit dazu?
Doch, es eilt. Ich bin zwei Tage hier gewesen, überlegen Sie sich den
Preis.
Sie dachte lange nach, schließlich ging sie hinaus und ließ sich auch
ihren Mann nachkommen; sie wollten überlegen.
Als sie so lange ausblieben, ging ich auf den Speicher, packte meine
Sachen und trug alles in den Gang herunter. Ich wollte sehr gekränkt
tun und schon heute abend meines Weges gehen. Das war eine gute Art,
von hier wegzukommen.
Als ich wieder in die Stube trat, sagte Petter:
Du willst doch nicht jetzt bei anbrechender Nacht fort?
Doch. Das habe ich vor.
Ich finde, du solltest nicht so dumm sein und das Geschwätz dieser
Gänse beachten.
Herrgott, laß den alten Kerl doch laufen! sagte die Schwester.
Endlich kam der Stortingsersatzmann mit seiner Frau wieder herein. Sie
schwiegen hartnäckig und vorsichtig.
Nun, was bin ich also schuldig?
Hm. Das solle ich selbst bestimmen.
Die ganze Gesellschaft war lauter Gesindel, ich wurde ernstlich böse
und schleuderte der Frau den nächstbesten Schein hin, den ich zwischen
die Finger bekam.
Ist es genug?
Hm. Es sei ja schon ganz viel, aber. Na, es könnte wohl reichen, aber
--.
Was habe sie denn bekommen?
Einen Fünfer.
Na, das war vielleicht ein bißchen wenig, ich griff noch einmal in die
Tasche.
Nein, Mutter, es war ein Zehner, sagt Petter. Und das ist zuviel, du
mußt etwas herausgeben.
Die Alte öffnet die Hand, sieht den Schein an und tut auf einmal sehr
erstaunt:
Ja, sagte ich denn nicht, es sei ein Zehner! Ich sah ihn nicht so genau
an. Ja, dann also vielen Dank.
Der Ersatzmann begann in seiner Verlegenheit mit den zwei Burschen über
die Neuigkeiten in der Zeitung zu sprechen: ein arges Unglück, die
Hand in der Dreschmaschine zerquetscht. Die Mädchen taten, als sähen
sie mich nicht, in Wirklichkeit aber saßen sie da wie zwei Katzen, mit
kurzen Hälsen und messerschmalen Augen. Wozu noch länger dableiben? --
Lebt wohl.
Die Frau kommt mir auf dem Gang nach und will mir gut zureden:
Du könntest uns den Gefallen tun und uns die eine Weinflasche leihen,
sagt sie. Es ist so dumm, weil die beiden Burschen dasitzen.
Lebwohl! sage ich nur und bin vollkommen unnahbar.
Ich trug den Sack auf dem Rücken und die Nähmaschine in der Hand, sie
war schwer, und der Weg weich; aber trotzdem ging ich mit leichtem
Herzen. Das war eine dumme Geschichte gewesen, und ich mußte zugeben,
daß ich mich ein wenig schäbig benommen hatte. Schäbig? Keineswegs! Ich
bildete ein kleines Komitee mit mir selbst und führte an, daß diese
verdammten Mädchen mit *meinem Wein* ein Fest für ihre Liebsten hatten
abhalten wollen. Jawohl. Aber war nicht mein Ärger im Grund nur der
Ausbruch männlicher Rivalität gewesen: Wären statt der zwei Burschen
zwei junge Mädchen eingeladen worden, wäre da nicht der Wein munter
geflossen? Sicherlich! Der alte Kerl, sagte sie. Aber hatte sie nicht
recht? Ich mußte wohl schon alt geworden sein, weil ich es nicht mehr
ertragen konnte, um eines Pflugbauern willen beiseite gesetzt zu werden
.....
Aber mein Ärger verlor sich auf dem mühsamen Weg, das Komitee wurde
aufgelöst, und Stunde auf Stunde schleppte ich meine lächerliche Bürde,
drei Flaschen Wein und eine Nähmaschine mit mir. Das Wetter war mild
und neblig, ich sah die Lichter von den Höfen nicht, ehe ich ganz
nahe war; da fuhren dann immer die Hunde auf mich los und hinderten
mich daran, in eine Scheune mich einzuschleichen. Es wurde später und
später, ich war müde und traurig und machte mir auch Sorgen über die
Zukunft. Hätte ich doch nicht soviel Geld für nichts und wieder nichts
vergeudet. Ich wollte jetzt die Nähmaschine verkaufen, wollte sie
wieder zu Geld machen.
Endlich kam ich an eine Hütte ohne Hund! Aus dem Fenster schimmerte
noch Licht, und ich ging geradeaus hinein und bat um Obdach.
28.
Ein kleines Mädchen im Konfirmandenalter saß am Tisch und nähte, sonst
war niemand in der Stube. Als ich um Obdach fragte, antwortete sie mit
der größten Zutraulichkeit. Ja, sie wolle fragen, worauf sie in den
kleinen Raum nebenan ging. Ich rief ihr nach, es würde mir genügen,
wenn ich nur hier am Ofen sitzen bleiben dürfe, bis es Tag werde.
Kurz darauf kam das Mädchen mit ihrer Mutter zurück, die noch an ihren
Kleidern band und knöpfte. Guten Abend. Sie sei nicht so recht darauf
eingerichtet, jemand über Nacht zu behalten, aber ich könne gerne in
der Kammer schlafen.
Und wo schlafen Sie dann selbst?
Ach, es sei ja bald Tag. Das Mädchen müsse übrigens noch eine Zeitlang
nähen.
Was nähe sie denn? Ein Kleid?
Nein, nur einen Rock. Sie solle ihn morgen in die Kirche anziehen, habe
es aber nicht zugelassen daß die Mutter ihr helfe.
Ich bringe meine Nähmaschine herbei und sage im Scherz, ein Rock mehr
oder weniger sei keine Sache für ein Ding wie dieses hier! Ich wolle es
ihr zeigen!
Ob ich etwa ein Schneider sei?
Nein, ich verkaufe Nähmaschinen.
Ich ziehe die Gebrauchsanweisung hervor und lese, wie wir uns
anzustellen haben. Das Mädchen hört lernbegierig zu, sie ist noch ein
Kind und ihre dünnen Finger sind von dem Stoff, der abfärbt, ganz blau
geworden. Diese blauen Finger sehen so ärmlich aus. Ich hole deshalb
den Wein hervor und lade die beiden ein, mit mir zu trinken. Dann nähen
wir wieder, ich sitze mit der Gebrauchsanweisung da, und das Mädchen
handhabt die Maschine. Sie findet, daß es glänzend gehe und ihre Augen
leuchten blank.
Wie alt sie sei?
Sechzehn Jahre. Im vorigen Jahr sei sie konfirmiert worden.
Wie sie heiße?
Olga.
Die Mutter steht da und sieht uns zu und zeigt ebenfalls Lust, auf der
Maschine zu nähen, aber so oft sie das tun will, sagt Olga: Paß auf,
Mutter, daß du nichts daran verdirbst! Als wir abspulen müssen und die
Mutter einen Augenblick das Schiffchen in die Hand bekommt, hat Olga
wieder Angst, es könne etwas daran verdorben werden.
Die Frau stellt den Kaffeekessel aufs Feuer und beginnt zu kochen, es
wird behaglich und warm in der Stube, diese einsamen Menschen sind
sorglos und vertrauensvoll und Olga lacht, wenn ich etwas Komisches
über die Maschine sage. Es fiel mir auf, daß keines von ihnen fragte,
wieviel die Maschine koste, obwohl sie doch zu verkaufen war, das
lag so vollkommen außerhalb ihrer Reichweite. Aber sie fanden es
wunderhübsch, sie arbeiten zu sehen.
Eigentlich sollte sie eine solche Maschine haben, die Olga; denn sie
stellt sich gut an.
Die Mutter antwortet, sie müsse erst warten, bis sie hinausgekommen sei
und eine Zeitlang gedient habe.
Solle sie denn fort und dienen?
Ja, das hoffe sie doch. Sie habe noch zwei andere Töchter, die
dienten. Die ließen sich gut an, Gott sei Dank. Olga werde ihre
Schwestern morgen in der Kirche treffen.
An der einen Wand hängt ein kleiner zerbrochener Spiegel, an der
anderen sind einige billige Bilder von Soldaten auf Pferden und von
Fürstenpaaren in großem Staat. Da eines dieser Bilder alt und zerfetzt
ist und die Kaiserin Eugenie vorstellen soll, errate ich, daß es nicht
erst vor kurzem gekauft ist. -- Woher stammt das Bild?
Daran könne sie sich nicht mehr erinnern. -- Doch, mein Mann hat es
wohl einmal bekommen, sagt sie dann.
Hier in der Gegend?
Wenn ich mich nicht täusche, stammt es von Hersaet, wo mein Mann in
seiner Jugend gedient hat, antwortete sie. Es ist vielleicht dreißig
Jahre her.
Ich habe einen kleinen Plan im Kopf und sage deshalb:
Dieses Bild ist sehr wertvoll.
Als die Frau glaubt, ich wolle sie zum Narren halten, untersuche ich
das Bild und erkläre steif und fest, daß dies keine billige Malerei sei.
Die Frau ist durchaus nicht dumm und sagt nur: soso, ob ich das meine?
Es habe hier gehangen, seit die Hütte erbaut worden sei. Das Bild
gehöre übrigens Olga, schon als sie noch ganz klein war, habe sie es
als ihr Eigentum bezeichnet.
Ich tue mystisch und sachverständig und frage, um so recht in die Sache
einzudringen:
Und Hersaet, wo liegt das?
Hersaet liegt in der Nachbargemeinde, es sind zwei Meilen bis dorthin.
Der Lensmann wohnt dort .....
Der Kaffee ist fertig, und Olga und ich ruhen aus. Jetzt sind nur noch
die Haken anzunähen. Ich frage, ob ich die Bluse sehen dürfe, die sie
zu dem Rock tragen solle und es zeigt sich, daß es keine richtige
Bluse ist, sondern ein gestricktes Tuch. Aber sie hat von ihrer einen
Schwester eine abgelegte Jacke bekommen, und diese Jacke soll über das
Ganze angezogen werden und alles verstecken.
Olga wächst so sehr in dieser Zeit, daß es keinen Sinn hat, ihr vor
dem nächsten Jahr eine richtige Bluse machen zu lassen, höre ich.
Olga näht die Haken an, und das ist bald geschehen. Nun ist sie so
schläfrig, daß man es ihr ansieht, und ich befehle ihr deshalb mit
gemachter Würde, zu Bett zu gehen. Die Frau fühlt sich verpflichtet,
aufzubleiben und mir Gesellschaft zu leisten, obwohl ich auch sie
bitte, sich wieder schlafen zu legen.
Ja, nun mußt du dem fremden Mann recht schön für seine Hilfe danken,
sagt die Mutter.
Und Olga kommt her und gibt mir die Hand. Ich benutze die Gelegenheit
und schiebe sie in die Kammer hinein.
Gehen Sie nun auch schlafen, sage ich zur Mutter. Ich werde doch nicht
mehr mit Ihnen schwätzen, denn ich bin müde.
Da sie sieht, daß ich mich beim Ofen ausstrecke und mir meinen Sack als
Kissen zurechtschiebe, schüttelt sie lächelnd den Kopf und geht.
29.
Hier habe ich es gut und nett, es ist Morgen, die Sonne scheint durch
das Fenster, und Olga und ihre Mutter haben so nasses und glattes Haar,
daß es eine wahre Freude ist.
Nach dem Frühstück, das ich mit beiden teile und wobei ich eine Menge
Kaffee bekomme, macht sich Olga mit ihrem neuen Rock, dem gestrickten
Tuch und der Jacke schön. Ach, diese wunderbare Jacke, zwei Reihen
Lastingsknöpfe hatte sie und ringsherum eine Lastingsborte, und am Hals
und an den Ärmeln war sie mit Schnüren benäht. Aber die kleine Olga
kann sie nicht ausfüllen in keiner Weise. Denn sie ist mager wie ein
kleines junges Kalb.
Sollten wir die Jacke nicht schnell an der Seite ein wenig abnehmen,
schlage ich vor. Wir haben Zeit dazu.
Aber Mutter und Tochter werfen einander einen Blick zu, es sei Sonntag
und da dürfe weder Nadel noch Schere gebraucht werden. Ich verstehe
gut, woran sie denken, denn ich selbst dachte in meiner Kindheit
genau so, und darum versuche ich, mir mit einer kleinen Freidenkerei
zu helfen: es sei etwas ganz anderes, wenn die Maschine nähe, das
sei geradeso, wie wenn ein unschuldiger Wagen am Sonntag auf dem Weg
dahinrolle.
Aber nein, das verstehen sie nicht. Übrigens sei die Jacke zum
Hineinwachsen berechnet, in ein paar Jahren würde sie passen.
Ich denke darüber nach, ob ich nichts habe, was ich Olga beim Fortgehen
in die Hand stecken könnte, aber ich habe nichts, ich kann ihr nur ein
Kronenstück geben. Sie dankt mir, zeigt den Schilling ihrer Mutter und
flüstert mit strahlenden Augen, sie wolle ihn der Schwester bei der
Kirche geben. Und die Mutter sagt beinahe ebenso bewegt: Ja, das solle
sie tun.
Olga geht in ihrer weiten Jacke zur Kirche, schlendert über die Anhöhe
hinunter, die Füße einwärts, die Füße auswärts, wie es sich gerade
trifft. Mein Gott, wie süß und nett war sie doch .....
Ist Hersaet ein großer Hof?
Ja, ein großer Hof.
Eine Weile sitze ich da und blinzle mit schläfrigen Augen und treibe
Ethymologie. Hersaet konnte Herrensitz bedeuten. Oder, daß ein Herse
hier regiert habe. Und die Tochter des Hersen ist die stolzeste Maid im
Umkreis, und der Jarl selbst kommt und bittet um ihre Hand. Ein Jahr
darauf gebiert sie ihm einen Sohn, der König wird .....
Kurz und gut, ich entschließe mich für Hersaet. Es war ja gleich,
wo ich hinging, deshalb wollte ich dorthin. Vielleicht gab es beim
Lensmann Arbeit, vielleicht hatte ich Glück, auf jeden Fall waren es
fremde Menschen. Und wenn ich mich entschloß, nach Hersaet zu gehen,
hatte ich immerhin ein Ziel.
Da ich von der schlaflosen Nacht dösig und dumm bin, erlaubt mir die
Frau, daß ich mich auf ihr Bett lege. Langsam wandert eine wunderbare
blaue Kreuzspinne an der Wand hinauf, und ich liege da und folge ihr
mit den Augen, bis ich einschlafe.
Ein paar Stunden lang schlafe ich, dann erwache ich plötzlich,
ausgeruht und frisch. Die Frau kocht das Mittagessen. Ich schnüre mein
Bündel, gebe der Frau Geld für die Unterkunft und sage schließlich,
daß ich gerne Olgas Bild gegen die Nähmaschine eintauschen möchte.
Die Frau glaubt mir wieder nicht.
Dies sei ja einerlei, entgegne ich, wenn sie zufrieden sei, so sei ich
es auch. Das Bild sei wertvoll, ich wisse, was ich tue.
Ich nahm es herab, blies den Staub weg und rollte es sorgfältig
zusammen; an der Balkenwand war nun ein helles Viereck zu sehen. Dann
nahm ich Abschied.
Die Frau kam mir nach: Ob ich denn nicht warten möchte, bis Olga
heimkäme, damit sie mir danken könne? Oh, ob es mir denn gar nicht
möglich sei, noch so lange zu warten.
Aber ich hatte keine Zeit. Grüßen Sie Olga und sagen Sie ihr, daß sie
die Gebrauchsanweisung durchlesen soll, wenn sie sich mit der Maschine
nicht auskennt.
Lange sah mir die Frau noch nach. Ich schlenderte meines Weges und
pfiff vor Zufriedenheit über meine Tat vor mich hin. Jetzt hatte ich
nur noch das Bündel zu tragen und war ausgeruht, die Sonne schien und
der Weg war nun ziemlich trocken. Und schließlich sang ich vor lauter
Zufriedenheit über meine Handlungsweise.
Neurasthenie .....
Am nächsten Tag kam ich nach Hersaet. Da das Gut sehr groß und
herrschaftlich aussah, wollte ich zuerst vorbeigehen; nachdem ich mich
aber ein wenig mit einem der Knechte unterhalten hatte, beschloß ich,
mich dem Lensmann vorzustellen. Ich hatte ja schon früher bei reichen
Leuten gearbeitet, z. B. bei Kapitäns auf Övrebö.
Der Lensmann war ein kleiner breitschulteriger Herr mit langem, weißem
Vollbart und dunklen Augenbrauen. Er hatte einen barschen Ton, aber
gutmütige Augen; später zeigte es sich, daß er ein lustiger Mann war,
der bisweilen seinen Scherz machte und recht herzlich lachen konnte.
Dann und wann fiel es ihm auch wieder ein, sich, seiner Stellung und
seinem Wohlstand entsprechend, wichtig zu machen und honette Ambitionen
zu haben.
Nein, ich habe keine Arbeit. Wo kommen Sie her?
Ich nannte einige Orte, an denen ich vorbeigewandert war.
Sie haben wohl kein Geld und betteln?
Nein, ich bettle nicht, ich habe Geld.
Ja, dann müssen Sie schon weitergehen. Ich habe wirklich keine Arbeit
für Sie, alles ist umgepflügt. Können Sie Zaunpfähle zurechthacken?
Ja.
So. Aber ich mache keine Holzzäune mehr, ich habe jetzt Drahtzäune.
Können Sie ein wenig mauern?
Ja.
Schade. Den ganzen Herbst hindurch habe ich Maurer hier gehabt, da
hätten Sie mitarbeiten können.
Er stand da und stocherte mit seinem Spazierstock im Boden.
Wie verfielen Sie darauf, hier anzufragen?
Die Leute sagten alle, ich solle nur zum Lensmann gehen, da bekäme ich
Arbeit.
So? Ja, ich beschäftige ja immer einen Haufen Leute, jetzt im Herbst
waren die Maurer da. Können Sie einen Hühnerhof einzäunen? Das ist
nämlich etwas, was kein Mensch in diesem Leben fertig bringt, hahaha.
Sagten Sie nicht, Sie seien bei Kapitän Falkenberg auf Övrebö gewesen?
Ja.
Was haben Sie dort getan?
Bäume gefällt.
Ich kenne den Mann nicht, er wohnt ja weit von hier, aber ich habe
schon von ihm gehört. Haben Sie Zeugnisse von ihm?
Ich überreichte das Zeugnis.
Kommen Sie mit mir, sagte der Lensmann ohne weiteres.
Er führte mich um das Haus herum und in die Küche.
Gebt dem Mann etwas Ordentliches zu essen, er hat einen weiten Weg
hinter sich, rief er .....
Da sitze ich nun in der großen hellen Küche und verzehre die beste
Mahlzeit, die ich seit langem bekommen habe. Als ich eben fertig bin,
kommt der Lensmann wieder in die Küche.