gestellt seine Tage verbringt und alle Notwendigkeiten des Lebens selbst
verrichtet. Weitaus die meisten Wesen der Welt sind Einzeller. In einem
Wiesentümpel leben ihrer mehr und vielleicht ebenso verschiedene wie die
ganze Nordsee an Vielzellen beherbergt. Trotz ihrer einzelligen Natur
haben sie sich hoch über ihre Stammesmutter, die Amöbe, entwickelt und
ihre eine Zelle in so wunderbarer und den großen Geschöpfen ähnlicher
Weise ausgebildet, daß man sie früher nicht für Zellen, sondern für
verkleinerte Tiere mit Augen, Gedärmen, Knochen und Gehirn gehalten hat.
Sie haben sich Schutzdecken gebaut, Panzer von oft bezaubernder
Schönheit, Füßchen, Wimpern, Fühler, Schwänze, Stacheln ausgestreckt,
Hohlräume, Furchen, Kanäle, Säume, Muskelfasern, Stiele, Rippen,
Augenflecke gebildet, so daß Fülle und Buntheit der Formen und des
Lebens das Reich der Einzeller zu einem geradezu phantastischen Paradies
gestalten, in das man durch jeden Tropfen Wassers aus Teich, Tümpel,
Fluß, Aquarium, Blumenglas und Heuaufguß hineinschauen kann und zu
dessen Studium ein ganzes Menschenleben nicht hinreicht. Die Bakterien,
die jedes Winkelchen der Erdoberfläche in unaussprechlichen Scharen
bevölkern, die Kieselalgen, die weite Strecken Landes überdecken, die
Pilze der Hefe, die Aufgußtierchen (Infusorien), die herrlichen
Strahlentiere (Radiolarien), die Haeckel aus der Tiefsee fischte, und
die Kreidetiere, die den Jura aufbauen, sind Einzeller.
Neben dieser Einzelausbildung tritt schon frühzeitig eine andere Art der
Vervollkommnung und Schutzwehr auf, die Zellvereinigung, so wie im
Menschenreich neben den Einsiedlern und Raubrittern die Zünfte sich
entwickelten. Als ein Urtrieb offenbart sich schon auf niederster Stufe
die Sehnsucht nach Verkettung, Familienbildung, Gesellschaftsleben.
Amöben einfachster Art fließen zusammen und bilden Amöbenverbände; die
Lohblüte auf der Gerberlohe, an der Reinke seine Plasmauntersuchung
vornahm, ist ein solcher Verband von Amöben (Abb. 22^a^, Tafel ^VII^).
Sobald die Zellen eine feste Gestalt angenommen haben, können sie nicht
mehr einfach zusammenfließen wie die tropfenhaften Amöben. Sie können
sich nur aneinanderlegen, zusammen hausen und Kolonien bilden wie
nebeneinander wohnende Menschen. Das reizende Glockentierchen
(Vorticella) wohnt in solchen Kolonien, wie sie Ehrenberg, der
Altmeister der Infusorienforschung, in nebenstehendem Bilde gezeichnet
hat (Abb. 22^b^).
[Illustration: Abb. 22^b^. 1. Stufe der Zellengemeinschaft: Offene
Kolonie durch gemeinsamen Wohnsitz (Glockentierchen).]
Jedes dieser Glöckchen ist eine Zelle, die aus einer Plasmaglocke mit
Wimpersaum und einem Stiel besteht, der sich wie eine Spiralfeder
zusammenrollen kann. Am äußersten Rande der Kolonie sitzt ein einzelnes
Tier. Wie eine Tulpe schwebt das Glöckchen auf dem Stiele, die Wimpern
seines Saumes schlagen rhythmisch im Kreis und erzeugen einen Strudel,
in den kleine Tierchen hineingewirbelt werden, um für immer in dem zwar
schönen, aber gefräßigen Kelch zu verschwinden. Da kommt ein hungriger
Feind, ein Kesseltier, herangerudert. Wie ein Raubtier stürzt es sich
auf das einsame Glöckchen, und ehe wir recht erkennen, was geschieht,
hat der Unhold wie ein Knabe eine Distel die Glocke von ihrem Stiel
gerissen und verschlungen. Dicht daneben schlägt die zwanzigzellige
Kolonie als ein wahrer Baum des Lebens mit tausend Wimpern. Das
Kesseltier stürzt beutelustig auch auf seine Glocken, aber da packt es
der Strom des strudelnden Baumes, und nur mit Mühe entrinnt es der
Charybdis. So bewährt sich die Macht der Einigkeit. Der Strudel der
zwanzig Glockentiere ist zwanzigmal stärker in der Herbeischaffung der
Nahrung, zwanzigmal stärkere Tiere werden von jeder einzelnen Glocke
gefangen, und naht ein Feind, so wehren zwanzigfache Kräfte seinen
Angriff ab.
[Illustration: Abb. 22^c^: 3. Stufe der Zellgemeinschaft. Geschlossene
Kolonie durch auflösbare Kugelgemeinschaft von Wimpernzellen
(Norwegische Flimmerkugel).]
Stiellose Zellen vereinigen sich zumeist durch einfaches Aneinanderlegen
und Gruppieren um einen Mittelpunkt, wodurch sie Zellkugeln bilden.
Haeckel fand in den nordischen Gewässern eine Zellenkolonie aus 32
Einzelzellen, die eine Kugel bilden und sich mit Flimmern im Meere
tummeln. Nach einer gewissen Zeit zerfällt die Kugel, und die
Einzelzellen werden wieder frei (Abb. 22^c^).
In dieser Freiheit der Einzelzelle liegt das Wesen der Kolonie im
Gegensatz zum Organismus. Jede Koloniezelle ist ein freies Individuum,
das sein eigenes Leben führt, aus dem Zellverband austreten und wieder
ein Einzeltier werden kann. Aber das dauernde Zusammenleben führt bald
zu Folgen, die für die Einzelzelle wie für den Zellverband von der
tiefgehendsten Bedeutung werden. Eine kugelige Zellenkolonie steht der
Außenwelt genau so gegenüber wie die kugelige Einzelzelle. Wie in
dieser müssen sich auch hier die Fähigkeiten der Bewegung und Empfindung
in den Außenbezirken, die der Verdauung und Fortpflanzung im Innern der
Kugel entwickeln. Die Außenzellen, in dauernder Bewegung begriffen und
unter ständigem Einfluß der Reize der Umwelt, werden Spezialisten der
Bewegung und Empfindung; in die abgeschlossenen Innenzellen wandern die
Nahrungsstoffe und werden hier verdaut, wandern die wichtigen Erbmassen
und werden hier in besonderen Zellen, den Keimzellen, aufgespeichert.
Durch diese einseitige Ausbildung verlieren die äußeren Zellen die
Fähigkeit der Verdauung und Vermehrung, verlernen die inneren die
Bewegung und Reizaufnahme, jene können ohne diese, diese können ohne
jene nicht mehr sein, sie müssen von nun an untrennbar verbunden
miteinander leben und miteinander sterben, — die Kolonie ist zum
Organismus geworden.
In unseren Teichen lebt eine Zellkugel, Volvox oder Kugeltier genannt.
Die Botaniker nennen den Volvox eine Pflanze, die Zoologen ein Tier, in
Wahrheit steht er am Scheideweg der großen Lebensstraße, die aus der
gemeinsamen Urheimat der Einzeller in die beiden Schwesterreiche der
Pflanzen und Tiere führt. Dieser Volvox ist keine Kolonie mehr. In der
norwegischen Flimmerkugel sind alle Zellen gleich und alle im Besitze
aller Lebensfähigkeiten. Die Zellen des Volvox dagegen haben sich durch
Arbeitsteilung in zwei Klassen geschieden, die Körperzellen und die
Keimzellen, die auf je eine Kugelhälfte verteilt sind. Die Kugelhälfte
mit den Körperzellen ist bei der Bewegung nach vorn gerichtet; ihre
Zellen ertasten den Pfad und suchen die Nahrung. Die Keimzellen der
Gegenhälfte kümmern sich nicht um die Außenwelt, ihre Bestimmung sind
innere Aufgaben, sie dienen einzig der Fortpflanzung, und aus ihrem
Bezirk wachsen die Tochterkugeln, die sich später von der Mutterkugel
lösen. Durch diese Arbeitsteilung haben die Körperzellen die Fähigkeit
verloren sich fortzupflanzen, haben die Keimzellen verlernt, Nahrung zu
suchen, sind sie untrennbar aufeinander angewiesen, ist die Volvoxkugel
ein unteilbares Ganze geworden. Der Volvox ist der erste Zellverband mit
Arbeitsteilung, der erste Organismus (Abb. 22^d^, Taf. ^VII^).
Die älteste und wichtigste Arbeitsteilung im Organismus ist die
Scheidung in Körper- und in Keimzellen. Bei höherer Entwicklung treten
in beiden Gruppen weitere Arbeitsteilungen ein. Die Keimzellen sondern
sich in männliche und weibliche. Die Körperzellen scheiden sich zuerst
in Bewegungs- und Ernährungszellen; alsdann die Bewegungszellen wieder
in solche, die den Weg ertasten, dadurch das Gefühl ausbilden und
Sinneszellen werden, und in solche, die sich ausschließlich der
Fortbewegung widmen und zu Muskelzellen umwandeln. An der
Körperoberfläche bildet sich ein Teil der Zellen zu Schutzzellen,
Panzer- und Deckzellen, aus, oder zu Kampfzellen, die Stacheln
ausstrecken und Gifte ausscheiden. Unter den Sinneszellen werden die
einen Spezialisten für die Aufnahme von Lichtreizen (Sehzellen), die
anderen von Schallwellen (Hörzellen). Die Ernährungszellen teilen sich
in solche, die die Nahrung aufnehmen, indem sie diese mit Wimpern in den
Körper hineinstrudeln (Wimper- oder Flimmerzellen), und solche, die im
Innern des Körpers die hineingestrudelte Nahrung durch Säfte chemisch
zerlegen und verdauen (Drüsenzellen). Weitere Arbeitsteilungen unter
ihnen führen zur Ausbildung von Lungenzellen für die Aufnahme der
Atemgase, von Blutzellen für den Umlauf der Gase, von Nierenzellen für
die Ausscheidung der Verdauungsschlacken, von Fettzellen für die
Speicherung der Nährstoffe, Nervenzellen für die Leitung der Reize usw.,
so daß der Körper eine immer feinere Organisation erfährt, bis wir
schließlich in den höchsten Geschöpfen Zellenstaaten mit hundert
verschiedenen Zellspezialisten vor uns sehen, die, wie im Menschenstaat
die verschiedenen Berufe, für einander arbeitend und auf einander
angewiesen, harmonisch und festgefügt zusammenleben. Der Zellenstaat des
menschlichen Körpers ist ein Staatswesen von einer Größe und
Durchbildung der Organisation, daß selbst der genialste Staatsmann aus
seinem Studium die fruchtbarsten Anregungen zu schöpfen vermöchte. Seine
Übereinstimmung mit dem modernen Staatswesen ist so durchgreifend, daß
sie sich weit über das Maß eines äußeren Vergleichs erhebt und im Lichte
einer einheitlichen Naturauffassung den Menschenstaat als die natürliche
Höherordnung des Zellenstaates erscheinen läßt.
Der menschliche Zellenstaat vereinigt 30 Billionen Bürger, also rund
500 000 mal soviel wie das Deutsche Reich. Seine Verfassung ist im
Gegensatz zur Monarchie des Bienenstaats die einer Republik, in der die
Bürger in Kasten eingeteilt sind, unter denen die gebildetsten,
entsprechend ihren höheren Fähigkeiten, nach genau festgelegten
Machtbefugnissen die Vorherrschaft führen. Man kann sagen, der
Zellenstaat ist eine Republik unter der Vorherrschaft einer erblichen
Geistesaristokratie. Diese Geistesaristokraten sind die Hirnzellen.
Anarchie und Tyrannei sind in der Zellenrepublik unbekannt,
Regierungsschwäche und Bürgerstreitigkeiten selten. Die persönliche
Freiheit des einzelnen Bürgers ist sehr gering. Die Wirtschaftsform ist
ein strenger Kommunismus mit genau vorgeschriebenen Arbeitspflichten
und ebenso genau abgemessenem Arbeitslohn. Freie Arbeitswahl,
Eigenwirtschaft, Privatbetriebe, eigennützige Gesellschaftsbildung,
Anhäufung von Vermögen zuungunsten der Nachbarn und der Allgemeinheit,
Selbstversorgung, Freizügigkeit, Luxus und freiwillige oder
unfreiwillige Arbeitslosigkeit sowie Rentenwirtschaft und Zinsunwesen
sind im Zellenstaat nicht gäbe.
Jede Kaste hat ihren vorgeschriebenen, angeborenen, wie bei den
japanischen Meistern vom Vater auf den Sohn ererbten und dadurch zu
höchster Blüte getriebenen Beruf, arbeitet für den Staat und wird dafür
vom Staat mit allen Mitteln versorgt. Die Hauptkasten sind: die
Bewegungszellen, die zu Muskelheeren vereinigt sind; die Drüsenzellen,
die in den chemischen Staatsbetrieben der großen Körperdrüsen arbeiten,
in den Speicheldrüsen des Mundes Speichel, in den Salzsäurefabriken des
Magens Pepsin und Salzsäure, in den Zuckerraffinerien der Leber Zucker
und Stärke, in den Molkereien der Brüste Milch, in den Gerbereien der
Haut Leder, in den Hornfabriken der Haare Schildpatt und in den Ölmühlen
der Gelenke Achsenschmiere bereiten. Der weitaus größte Teil der Zellen
dient dem allgemeinen Verkehr, der den Fabriken die Betriebsstoffe
zuleitet, die fertigen Erzeugnisse im Lande verbreitet, die
Nahrungsmittel umherträgt und die Abfallstoffe ausführt. Diese
Verkehrszellen sind die Blutkörper, die Goldmünzen des Reiches, die im
Knochenmark geprägt werden und in dem Innern der panzerfesten Gebeine
sicherer liegen als in den Wasserkellern und Stahlkammern unserer
Banken. Der Zellenstaat hat seine Börsen, Banken, Münzen und
Wechselkassen. Die Reichsmünze ist das Knochenmark. Hier wird das Gold
des Blutes geprägt. In jeder Sekunde verlassen fünf Millionen Münzen die
Prägeanstalt und laufen in den fließenden Geldstrom des Zellenstaates,
das Blut. Die Reichsbank ist die Leber, die den Geldstrom dauernd
kontrolliert, das abgenützte Geld einzieht, einschmilzt und das
Rohmaterial zu neuer Prägung an das Mark zurückführt. Die Bankfilialen
sind die kleinen Lymphdrüsen, die über das ganze Reich verteilt und an
jeder Straßenecke und Wegkreuzung aufzufinden sind. Sie dienen zugleich
als Zollstationen, in denen das vorbeifließende Blut auf
staatsfeindliche Gifte und Fremdware untersucht wird. Eine Hauptfiliale
ist die Milz, die daher bei allen Vergiftungskrankheiten mit den
Lymphdrüsen anzuschwellen pflegt. Der im Umlauf befindliche Geldbestand
des Reiches wird mit Beharrlichkeit auf 22 Billionen Einzelmünzen
gehalten. Die Überschüsse, die der Staatshaushalt erzielt, werden nicht,
wie unzweckmäßigerweise in unseren Menschenstaaten, in der
unverwendbaren Form von Gold, sondern als brauchbarer Rohstoff in
Gestalt von Fett durch eine besondere Zellkaste aufgespeichert und
verwaltet. In den weitverbreiteten Fettspeichern der Unterhaut, in allen
Lücken zwischen den Organen und längs der großen Aderstraßen werden die
Fettvorräte gesammelt und bilden für die Zeit der Not und Kriege
unerschöpfliche Lager von Munition und Proviant. Die regierende Kaste
des Zellenstaates, die Nervenzellen, führen hoch oben in der palastartig
ausgebauten Schädelkapsel, wahrhaft an der Spitze des Staates, als
Gehirn ihr zwar sorgenfreies, aber verantwortungsvolles und
inhaltschweres Leben. Milliarden von Zellbeamten sind hier als erste
Diener ihres Staates tätig. Die einen arbeiten in den Handelsministerien
des Nackenmarks, das die Kanäle und Schleusen der Blutbahn reguliert und
durch Weiten der Adern das Blut je nach Bedarf der Nahrungseinfuhr in
die Därme, bei Muskelarbeit in die Muskeln, bei Gedankentätigkeit ins
Hirn und bei Kälte in die äußere Haut hinleitet, um so den frierenden
Grenzbewohnern Wärme zu senden. Andere arbeiten in den Ministerien des
Verkehrs, das den Lauf der Muskel leitet, die Finger führt, die Zunge
zur Sprache und die Augen zum Lesen bewegt. Im Kultusministerium der
grauen Großhirnrinde sitzen die Denkzellen, die Gedanken ersinnen,
Erinnerungen in die Registratur des Gedächtnisses schreiben, Zahlen in
ihren Rechnungsbüchern zusammenstellen, Eindrücke in die Wachsplatten
des Gemütes prägen und die Begriffe in das Fachwerk der Logik reihen.
Tausende sitzen an den Morseapparaten der Sehhügel und befördern nach
dem Rhythmus der Ätherwellen, die in dieser Sekunde von den Buchstaben
dieser Worte in dein Auge fallen, das Morsealphabet der Lichtsignale in
die Ministerien der Erinnerungen und Wortbildungen, der Ideenverbindung
und Gefühlsverkettung. Tausende sitzen an den Telephonen der Ohrleitung
und verbinden die einzelnen Regierungsabteilungen mit den Anrufen der
Außenstaaten, die durch die Luft drahtlos wie Funksprüche
herüberklingen. Durch ein einzigartiges Telegraphennetz mit
hunderttausend Haupt- und Nebenleitungen, Schaltungen und Umformern
stehen die Regierungsabteilungen untereinander und mit allen Organen des
Reiches in Verbindung und führen Tag und Nacht die diplomatischen
Geschäfte des Zellenstaates. Ein Wille der Regierung, und das
Staatspumpwerk des Herzens verdoppelt seine Schlagzahl, ein Befehl der
obersten Zellbehörde, und der Magen entleert durch Brechen seinen
Inhalt, der als staatsverderblich befunden wurde. Eine Beleidigung der
Regierung, und flammende Röte des Angesichts kündet den Zorn des
beleidigten Volkes, eine Bestürzung der Schwäche in dem Kabinett der
obersten Leitung, und das Staatsgebäude erzittert in seinen Festen durch
Mark und Bein.
Der Größe und inneren Organisation des Staatswesens sind seine
technischen Einrichtungen würdig. Seine Hautgrenze ist mit Milliarden
Panzerplatten aus Horn, den Hautzellen, befestigt. Ein dichter Wald von
Haaren deckt sie. Unzählige selbsttätige Signalapparate melden als
Tastkörper fremde Berührung, als Wärmeapparate das Nahen von Hitze, als
Fühlhaare den kalten Luftzug, als Schmerzpunkte erlittenen Schaden.
Gewaltige Sinnesorgane spähen als Festungen hinaus in Feindesland: die
beiden Riesenleuchttürme der Augen, die die Ätherwellen des Weltalls
auffangen und weiter reichen als alle Leuchttürme der Nordsee; die
beiden gewaltigen Schallapparate der Ohren, die die Wetterstationen für
die Wellenstürme der Atmosphäre sind, und der Gasalarmapparat der Nase,
der giftige Dämpfe signalisiert.
Die Einfuhr überwacht der Mund, der große Einfahrtshafen des
Zellenreiches, in dem die wachsamste und unbestechlichste Zollbehörde,
die nur ein Staat sich wünschen kann, mit tausend Geschmacksapparaten
auf Zunge und Gaumen alle einlaufenden Waren überprüft, mit Wollust alle
labenden Speisen passieren läßt, mit Abscheu allen widerwärtigen Unrat
zurückweist. Das diamantenscharfe Fallgatter der Zähne überwölbt als
Festungstor die Einfahrt, fällt auf alle übermäßig große Frachten
nieder, teilt sie in Postpakete und übergibt sie Wangen und Zunge, die
sie zu Bissen formen, mit Speichel schlüpfrig machen und dann in der
idealen Torpedoform genau wie unsere Rohrpostbüchsen in den großen
Verkehrskanal der Speiseröhre hinuntertreiben. Die eingeführten Waren
werden in der großen Zentralmarkthalle des Magens aufgespeichert, mit
Salzsäure desinfiziert, geschichtet und gestapelt und wandern dann
wieder in kleinen Paketen in den Canale grande des Körpers, den Darm.
Hier werden sie durch Säfte, die aus tausend chemischen Fabriken in
Röhren zuströmen, verflüssigt und zersetzt und wandern durch
Aufsaugröhren nun nochmals einer großen Quarantänestation zu, um hier
abermals geprüft zu werden, ehe sie in diesem idealen Land der
Volkshygiene frei verhandelt werden dürfen. Diese große
Quarantänestation des Zellenstaates ist die Leber. Erst aus dieser
wandern sie zollfrei in das Leitungsnetz der Adern und damit in das
eigentliche Innere des Landes. Dieses Adernetz ist das gewaltigste
Leitungssystem, das je einen Staat versorgt hat. Was sind die
Wasserleitungen von Rom und Babylon gegen das Adernetz des
Zellenstaates? Eine gewaltige Zentralpumpe treibt Tag und Nacht durch
Kolbenstöße das Blut über einen hochgewölbten Wasserbogen durch
elastische Gummiröhren, die sich in immer feinerer Verzweigung über alle
Provinzen des Reiches ausbreiten und schließlich in feinsten Leitungen
an allen Zellhäusern vorüberführen. Diese Kanäle haben keine Schleusen
und keine Wehre, diese Leitungen keine Hähne und Hebel, sie sind die
ideale schrauben- und gewindelose, elastische, sich selbst regulierende,
nach Bedarf verengernde und erweiternde Wasserleitung, die der
Zukunftstraum aller Techniker ist. Diese Leitung führt nicht nur das
Wasser, sie leitet Nahrung, Gas und Wärme, führt das Arbeitsmaterial für
die Fabriken, sie führt den Unrat und die Abwässer, sie vermittelt allen
Frachtverkehr und Warenumsatz, allen Straßenhandel und Personenverkehr,
sie ist die erträumte Universalstraße des Zukunftsstaates, Wasserleitung
und Gaskanal, Abflußrohr und Straßengosse, Warmwasserleitung und
Dampfheizung, Bürgersteig, ^Trottoir roulant^ und Fahrdamm,
Schiffahrtsweg und Schienenstrang, Fahrstuhl und Rohrpost zugleich. Aus
dieser einen Röhre schöpft der Zellenbürger sein Wasser und sein Salz,
sein Brot und sein Eiweiß, sein Fett und seinen Zucker, seinen
Sauerstoff, seine Wärme und alle Rohmaterialien, die er für seinen
Spezialberuf benötigt. In sie wirft er alles hinein, dessen er sich
entledigen will, seinen Kot, seinen Kehricht, seine Abwässer und
Speisereste, das ausgehauchte Atemgas und die Waren, die er in seiner
Werkstatt verfertigt. Der Zellbürger braucht nicht auszugehen, um
einzukaufen, sich nicht zu sorgen, daß er ernährt wird, er braucht keine
Frau zu nehmen, die ihm sein Mittag kocht, und keine Magd, die ihm
seinen teuren Braten verbrennt; er braucht nicht zu heizen, keine Luft
zu schöpfen im Stadtpark und auf seinen Nachbarn nicht neidisch zu sein.
Er erhält durch die große Staatsleitung alles, was er zum Leben braucht,
und alle Bürger erhalten das gleiche. O du Schlaraffenland des Lebens!
An dessen Häusern der Quell der Nahrung immerwährend vorüberfließt,
dessen Bürger nur zu schöpfen brauchen, um zu genießen, in dem die Not
nicht bekannt und der Neid nicht zu Hause, in dem alles jedem und jedem
alles gehört.
Die Abfallstoffe auszuscheiden, durchläuft das Blut die beiden großen
Wasserwerke der Nieren, in denen es in vielgewundenen Filtern entgiftet
und geklärt wird, und fließt dann von neuem um. Die ausfiltrierten
giftigen Abwässer laufen durch lange Röhren in das große Sammelbecken
der Blase und werden von hier in abgemessenen Mengen ausgeschieden. An
diese große Zentralleitung des Blutes ist neben der Maschinenhalle des
Herzens als Riesenventilator die Lunge angeschlossen, in der in 1800
Millionen einzelnen Luftkammern die 22 Billionen Sauerstoffballons der
roten Blutkörper ihrer Kohlensäure entladen und frisch mit Sauerstoff
gefüllt werden, in jeder Sekunde eine Billion, rasch und geräuschlos, um
dann von neuem in behendem Lauf davon und in der unvorstellbaren Kürze
einer halben Minute durch die ganzen Aderstraßen des Reiches
hindurchzueilen.
So lebt der Zellenstaat in gigantischer Größe, Schönheit und
Vollkommenheit ein ideales Leben des tätigen Friedens und der
bürgerlichen Eintracht. Aber auch im Reich der Zellen gibt es Feinde und
Gefahr, Kämpfe und Kriege, gegen die der Großstaat durch ein stets
wehrbereites Heer sich wappnet. Die Kriegskaste des Zellenstaates sind
die Wanderzellen (Leukozyten), die in der Milz, den Lymphdrüsen und den
weitverbreiteten Lymphgeweben geboren werden. Aus diesen wandern sie,
als einzige von allen Zellen frei beweglich, frühe aus und führen in
allen Gängen, Gassen und Plätzen des Zellenlandes ein abenteuerreiches
Amöbenleben. In den Tagen des Friedens sind die Wanderamöben die Polizei
des Zellenstaates. Wie der Polizist in den Straßen unserer Städte auf
und nieder geht und überschaut, ob alles Leben sich im Sinn der
Staatsgesetze vollzieht, so wandern die Zellpolizisten Tag und Nacht in
den Aderstraßen, den Lymphwegen, auf den Plätzen zwischen den großen
Organen, in den Hohlwegen der Gelenke und in den Schächten der Drüsen
wach- und regsam umher. Nicht als Müßiggänger; vielseitig sind ihre
Aufgaben und Arbeiten. Sie sind Straßenreiniger: wo sie einen Abfall
sehen, der nicht in die Gosse lief, packen sie ihn und tragen ihn fort.
Ist ein Fremdkörper eingedrungen in den Zellenstaat, liegt ein
Splitterchen unter der Haut, ein Krümchen in der Gurgel, ein Fäserchen
zwischen den Zähnen, ein Sandkörnchen in einer Falte des Darms, so
laufen sie von allen Seiten herbei, spritzen Laugen und Säuren über ihn,
daß er sich löse, oder nagen an ihm und fressen ihn auf, oder brechen
ihn, wenn dies nichts fruchtet, unter Hilfe ganz besonders
athletenhafter Riesenzellen Stück für Stück ab und tragen die Bröckchen
davon, oder sie bahnen schließlich, wenn auch dies nicht möglich, wie
Schneeschaufler im Winter eine Gasse durch das Gewebe, indem sie dieses
zerstören, und „eitern” ihn so heraus. Sitzt er aber zu fest oder tief,
so mauern sie ihn mit Kalk und Mörtel als „Narbe” in das Gewebe ein. In
den Zeiten starker Einfuhr unterstützen sie den Verkehr als Lastträger
beim Transport der Waren aus dem Darm in die Gewebe. Zu Millionen eilen
sie nach der Mahlzeit aus allen Provinzen des Reiches an das Ufer des
Darmkanals, nehmen das Fett der Nahrung in feinsten Tröpfchen in sich
auf, wandern damit in die Adern und Lymphgänge, stürzen sich in den
fließenden Strom und schwimmen fettbeladen in die Gewebe, wo sie ihre
Fracht wieder abgeben. Endlich sind sie noch die Totengräber des
Zellenstaates. Wo eine Zelle stirbt, eilen sie hin. Menschliche
Sentimentalitäten sind dem Zellenstaate fremd. Die Leichen werden nicht
mit Pomp und Reden begraben und nicht verbrannt, sondern als wertvolles
Wirtschaftsmaterial wie die Tierkadaver in unseren Abdeckereien
verwertet. Die Totengräber fressen die Leichen, und so kommt diesem
Idealstaat der praktischen Wirtschaftsführung das Material der toten
Zelle, das er der lebenden vorher gespendet, wieder zugute als Kraft und
Stoff für neue Zellen, neues Leben.