Unzahl der Sterne glühen, jeder eine Sonne, umgeben von Planeten und
Monden, zahllos wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in
Wolken und doch in Wahrheit geschieden durch Räume, die selbst das Licht
nur in Jahrtausenden durcheilt, ohne Anfang diesseits, ohne Ende
jenseits, ohne Grund unter uns, ohne Grenze über uns. Uns selber aber
finden wir auf einer grünen Kugel lebend, die im freien Raume schwebt
und um eine dieser Sonnen kreist, nach Menschenmaß so weit von ihr
entfernt, daß kein Gedanke diese Strecke durchmißt, nach den wahren
Maßen dieser Welt jedoch ihr so nahe und so winzig, daß sie mit ihr wie
zu eins verschmilzt und nicht einmal, vom nächsten Stern gesehen, als
Punkt im schärfsten Glas gefunden werden könnte; auf diesem in des
Wortes wahrsten Sinne so genannten Sonnenstäubchen finden wir uns, auf
ihm selber wieder so klein, als wären wir gar nicht da, so nichtig und
so flüchtig für sie wie für unsere Sinne die Bazillen, die auf der
Schale eines irgendwo in einem Keller faulenden Apfels einige Stunden
umherzucken, so wahrhaft nichts, daß, wenn uns heut ein Eishauch aus dem
Weltraum dahinwehte, diesem Kügelchen Erde ebensowenig fehlte, wie dem
Apfel, wenn die Bazillen in den Ritzen seiner Haut erfrören, — Mikroben
auf einem im Sonnenlicht kurze Zeit hinwehenden Kugelstäubchen! Und nun
schauen wir, überwältigt von der Größe des Weltalls, niedergebeugt von
der Kleinheit unseres Ichs, beschämt in unser Bazilleninneres und
entdecken nun hier nicht Leere und nicht Stille, nicht Ungestalt und
nicht Wirrnis, sondern sehen wieder wie droben außer und über uns so nun
in und unter uns einen Himmel, in dessen Räumen sich der Blick verliert,
sehen wieder Myriaden kosmisch geordneter Zellsysteme, wieder zahllos
wie der Sand am Meer, dicht gedrängt wie der Staub in Wolken, und jedes
dieser Pünktchen ist wieder wie droben jeder Lichtpunkt ein kleines All
für sich, in dem Welten aus dem Unsichtbaren tauchen und in Sphären
kreisen, Sonnen strahlen und sich teilen, Pole ihre magnetischen Felder
ziehen und Kometen ihre Bahnen wandeln, Bahnen, die an Schönheit und
Gesetz die Milchstraßen des Himmels und die Kometenläufe des Firmamentes
überbieten, — und dieses Universum, das sind wir! Der Mensch, ein
Bazillus im Weltall, ein Weltall in einem Bazillus! Zu klein, sich in
den Makrokosmos der Welten aufzuschwingen, zu groß, sich in den
Mikrokosmos seines Wesens zu versenken, denn es ist nicht seine Macht,
die Sonnen in die Räume streut und Zellen in ein Pünktchen drängt,
tastet er vergebens mit seinen Zwergenfingern an den Planeten, sie zu
umklammern, greift er vergeblich mit seinen Riesenhänden nach den
Zellenwelten, sie zu fassen, als staubgeborener Sohn der Erde zum
Menschlichen und Mittelmaß verdammt, kann er, zwischen Sternen und
Zellen wandelnd, nur das Geheimnis ihres Daseins verehren, doch zu
begreifen, ist ihm versagt....
Neben der geradezu an Ehrfurcht grenzenden Achtung vor den
Erscheinungen des Zellebens hat die Gesetzmäßigkeit der Vorgänge die
Forscher ermutigt, nicht in stummer Bewunderung vor ihnen zu verharren,
sondern diesen Gesetzen nachzuspüren, die Bedingungen ihres Ablaufs zu
ergründen, im praktischen Versuch zu verwirklichen und so die Mechanik
des Zellebens nachzuahmen. Trotz ihrer geringen Zahl und
Anspruchslosigkeit sind diese Versuche ebenso interessant wie
vielverheißend ausgefallen.
Als erster Versuch berühmt geworden ist die „künstliche Zelle” von
Traube. Leim und Gerbsäure verbinden sich zum festen gerbsauren Leim.
Träufelt man in eine Gerbstoff(Tannin-)lösung, wie man sie in jeder
Drogerie erhält, einen Tropfen Leim, so bildet sich auf der Oberfläche
des Leimtropfens eine feste Haut gerbsauren Leims, während das Innere
des Tropfens flüssig bleibt. Zwischen dem flüssigen Leim innerhalb und
der Gerbstofflösung außerhalb der Tropfenhaut beginnt nun auf dem Weg
der Osmose ein Stoffaustausch. Der Leim nimmt durch die Hülle hindurch
Wasser auf, quillt, sprengt die Haut und tritt aus. Sobald er aber
hierbei mit der Gerbstofflösung in Berührung kommt, verwandelt er sich
in festen gerbsauren Leim und schlägt sich als Haut über den Riß nieder.
Nun beginnt das Spiel von neuem, bis der ganze Leim ausgetreten ist.
Durch das beständige Austreten und Niederschlagen des Leimes wird die
Kugel immer dicker und bietet so das anziehende Spiel des Wachstums.
Unvergleichlich weiter führten die Versuche, die der französische Arzt
Stephan Leduc angestellt hat. Auch diese stützen sich fast
ausschließlich auf den Austausch von Stoffen zwischen Lösungen
verschiedener Stärke (Diffusion und Osmose). Er träufelt Tropfen einer
5-10%igen Ferrozyankalilösung auf Glasplatten, die mit einer halbfesten
Gelatine überzogen waren, und erhielt Figuren, die mit Kolonien von
Zellen auffallende Ähnlichkeit besitzen. Die entstehenden zellförmigen
Gebilde zeigen sogar in ihrer Mitte kernartige Verdichtungen wie echte
Zellen.
Doch damit nicht genug. Leduc verrieb etwas Tusche in Salzwasser und
ließ davon einen Tropfen auf eine Glasplatte fallen. Zu beiden Seiten
des Tropfens legte er je einen Tropfen einer stärkeren Salzlösung. Wenn
sich die drei Tropfen berühren, so beginnen die beiden äußeren infolge
der größeren Stärke ihrer Lösung die Tusche aus dem mittleren in sich
hineinzuziehen, und zwar — wie merkwürdig! — zu genauen Hälften durch
eben jenen komplizierten Halbierungsmechanismus, durch den die Farbmasse
des Kerns bei der Zellteilung halbiert und auseinandergezogen wird. Es
bildet sich eine Strahlungsfigur, die Tuschekörner sammeln sich zu einem
Knäuel, bilden einzelne Stränge, die sich haarnadelförmig biegen und so
den Chromatinschleifen täuschend ähneln, diese bilden eine sternförmige
Figur, sollen sich sogar längs teilen wie die Kernschleifen und wandern
dann zu den beiden Polen der Spindelfigur auseinander (Abb. 18, Tafel
^V^).
Diese Leducsche Figur ist nur eine Einzelheit aus einer ganzen Welt
überraschendster Ähnlichkeiten, die in den letzten Jahren zwischen rein
mechanischen Vorgängen und Lebensprozessen aufgefunden wurden. Neben
Leducs osmotischen Versuchen, die in wunderbarer Naturtreue die Bildung
von Zellen, Kieselschalen, Kalkgehäusen, das Wachstum von Bazillen,
Algen, Pilzen und Farnen vorführen, ist es vor allem die nach 30jähriger
Kolumbusfahrt durchs Meer des Mikrokosmos von Otto Lehmann entdeckte
neue Welt der flüssigen Kristalle, die als das aufgefundene
Zwischenreich zwischen der toten und lebendigen Natur die Gemüter der
Gelehrten heute mit nicht geringerem Staunen füllt als seinerzeit die
märchenhaften Tier- und Pflanzenwunder Amerikas die Geister Europas
bewegte. Die flüssigen Kristalle sind im Gegensatz zu den bekannten
starren flüssig und beweglich. Sie fließen dahin wie kriechende Amöben
oder schlängeln sich wie Bakterien wurmförmig und korkzieherartig, sie
fressen, wachsen, vereinigen und vermehren sich wie niedere Lebewesen.
Abgebrochene Teile ergänzen sie durch Wachstum (Abb. 19 u. 20).
[Illustration: Abb. 19. Flüssige Kristalle (nach O. Lehmann) bewegen
sich wie Lebewesen.]
Osmotische Figuren und flüssige Kristalle sind nicht leicht
darzustellen. Dagegen kann sich jeder Amöbenbewegungen eines toten
Stoffes vorführen, wenn er einen Tropfen ranzigen Öles auf Wasser fallen
läßt, das etwas Kalilauge enthält. Durch die Bildung löslicher Seife am
Rande verliert der Tropfen seine Kugelgestalt und kriecht infolge der
gestörten Oberflächenspannung über die Wasserfläche dahin wie eine
Amöbe. Noch interessanter ist der Schellack fressende Chloroformtropfen.
Bringt man ein mit Schellack überzogenes Glasstäbchen in die Nähe eines
Chloroformtropfens, so saugt dieser den Stab in sich hinein, wie eine
Amöbe oder menschliche Wanderzelle Algen- und Bazillenstäbchen frißt,
befreit durch Lösung des Schellacks das Stäbchen von seinem „nahrhaften”
Überzug und stößt den abgefressenen Glasstab wie die Amöbe eine leere
Algenschale aus (Abb. 21). Auch auf die Ähnlichkeit der Strahlungsfigur
im Plasma mit magnetischen Kraftfeldern ist oftmals hingewiesen worden.
[Illustration: Abb. 20. Teilung ^a^ eines Bakteriums, ^b^ eines
flüssigen Kristalles (nach Verworn und Lehmann).]
Kein ernster Naturforscher wird glauben, durch solche Versuche die
Lebensrätsel und Zellgeheimnisse unmittelbar lösen zu können, aber sie
führen uns immer weiter auf dem Wege, die Lebensvorgänge als Mechanismen
zu begreifen, sie enthüllen uns, daß selbst so verwickelt und scheinbar
„vernünftig” laufende Prozesse wie die Zellteilung rein
chemisch-physikalischer Natur sein können, und kräftigen uns so in der
Auffassung, daß das Leben keine übernatürliche, von besonderen
Lebenskräften beherrschte Erscheinung ist, sondern nur die höchste Form
all jener mechanischen Vorgänge, die wir unter ehernen Gesetzen im
ganzen Weltall in gleicher Weise als das eine große, unergründliche
Weltgeschehen laufen sehen und — leben.
[Illustration: Abb. 21. Der schellackfressende Chloroformtropfen (nach
Rhumbler).]
Außer der Teilung kennen wir bis heute fast nichts aus dem inneren Leben
der Zelle. Wie in einer Fabrikstadt, deren Schlote wir von einem Berge
aus im Nebel nur angedeutet ragen sehen, ohne erkennen zu können, was
dort in Dampf und Rauch gewonnen wird, vollzieht sich grau in grau vor
uns das Wirken in der geheimen Werkstatt des Lebens. Man sieht nichts,
und es geschieht alles. Wir stehen wie bei einem Zauberkünstler da vor
lauter Tatsachen und begreifen kein Geschehnis. Und wie lockt die
Begierde, das Geschehen zu begreifen, da das Geschehene doch so
wunderbar! Man stelle sich doch vor: eine Zelle, so klein, daß in diesem
Pünktchen auf dem i ihrer zwanzig Platz hätten, setzt sich aus 20 000
Plasmawaben zusammen. Diese bestehen aus Wasser, Salzen, Alkoholen,
Glyzerin, Fetten, Phosphorfetten, Zuckern, Stärke, Leim, Aminosäuren,
einfachen und zusammengesetzten, festen und flüssigen Eiweißkörpern, aus
aromatischen Stoffen, Farbstoffen, Pigmenten und noch hundert anderen
chemischen Verbindungen. Diese sind in dem Pünktchen kunstvoll
organisiert, jede genau an ihrem Platz und nicht einen Deut daneben. In
der Mitte dieses Pünktchens liegt der Kern, zusammengesetzt aus
Kernhaut, Kernsaft, Kernkörperchen, Kernnetz und den planvoll geordneten
Körnchen der Farbsubstanz. Neben dem Kern liegt der Zentralkörper, der
weit hinein ins Plasma strahlt, in dem wir wieder Fäden und Netze,
Körner, Kanäle, Wände, Waben und Kammern in ungezählten Zahlen finden.
All dies in dem einen kleinen Pünktchen, das kleiner ist als der
zwanzigste Teil dieses i-Punkts. Und dieses Wundergebilde lebt! Es
bewegt sich infolge einer Reihe eigenartiger chemischer Umwandlungen an
einer Oberfläche. Es atmet, indem es Sauerstoff aus der Luft aufnimmt,
in seinen Atemkörnern sammelt, das Sauerstoffmolekül in seine beiden
Atome spaltet und in die Verbindungen seines Plasmas leitet. Es nährt
sich: es nimmt Wasser und Salze, Zucker und Säuren, Alkohole und Fette
und Eiweißkörper auf. Es besitzt eigene Stoffe für die Spaltung des
Zuckermoleküls, eigene für die verschiedenen Eiweißkörper. Mit Hilfe
dieser Stoffe zerlegt es Eiweiß in Aminosäureketten und diese Ketten
wieder in die einzelnen Glieder, die Aminosäuren; Stärke in Dextrin,
Dextrin in Malzzucker, Malzzucker in Traubenzucker und diesen in
Kohlensäure und Wasser. Die Fette spaltet es in Glyzerin und Säuren, und
diese zerlegt es weiter. Aus den gewonnenen Bruchstücken dieser
Verbindungen vermag es wieder mit Hilfe ganz bestimmter Chemikalien
Hunderte von verschiedenen Stoffen aufzubauen. Aus Aminosäuren baut das
Pünktchen wieder Aminosäureketten und aus diesen wieder Eiweißmoleküle
aller Art, die es mit allen möglichen Nebenstoffen verkuppelt, wie es
deren gerade für seine Eigenzwecke bedarf. Aus Säuren und Glyzerin setzt
es besondere ganz eigenartige Zellfette zusammen; an diese bindet es
Phosphorsäure und andere Körper und baut so die verschiedenen Arten der
Lezithine und andere Phosphorfette. Aus den niederen Zuckern stellt es
die höheren zusammen, aus diesen Dextrin und Stärke. Alles dieses tut es
nebeneinander und zu einer Zeit, ohne daß sich diese Vorgänge
gegenseitig stören, und tut es ununterbrochen, um die Masse seines stets
sich zersetzenden Plasmas zu erhalten und zu wachsen. Einen Teil der
geschaffenen Verbindungen sammelt es an bestimmten Stellen als
Vorratsstoff, um sie zu geeigneter Zeit zu verbrennen oder zu besonderen
Leistungen zu verwerten, die die bisher genannten allgemeinen und allen
Zellen zukommenden Lebenstätigkeiten noch weit übertreffen.
Das Leberzellenpünktchen beispielsweise, das so klein ist, daß man es
als Sonnenstäubchen in der Mittagssonne nicht sähe (s. Abb. 11, Tafel
^IV^), verrichtet außer diesen aufgezählten allgemeinen
Lebenstätigkeiten noch mindestens zwanzig höchst verwickelte besondere
Leberarbeiten, für deren jede der Mensch mit seinen heutigen Mitteln
ein ganzes Laboratorium mit Assistenten, Kolben und Kochern, Filtrier-
und Destillierapparaten und einen ganzen Schrank voll Chemikalien nötig
hätte. Er brauchte Streichholz und Fließpapier, Atomtabellen und ein
dickes Handbuch der Chemie, Geduld und Geist und tagelangen Fleiß, um
auch nur eine von den zwanzig Leistungen nachzuahmen, die die Leberzelle
in dem Viertelstündchen verrichtet, da wir im Mittagsschläfchen ruhen
und in unserem satten Schlummer uns alles andere träumen lassen als die
Wunder, die in unserem Innern vor sich gehen...
Durch die Leber fließen nach der Mahlzeit mit dem Blut aus dem Darm die
Säfte der verdauten Speisen. Aus diesem durchfließenden Blut nimmt die
Leberzelle die chemischen Verbindungen der eingeführten Nahrung auf. Sie
reißt den Zucker an sich und setzt die Zuckermoleküle zusammen zu Stärke
und bricht sie später wieder auseinander zu Zucker; sie nimmt die
Aminosäuren der abgebauten Eiweißmoleküle auf und vereinigt sie mit
Ammoniak zu Harnstoff und Harnsäure; diese verkuppelt sie mit den
Metallen des Körpers, dem Kalium und Natrium, zu den Harnsalzen. Den
Blutfarbstoff der täglich sterbenden Billion Blutzellen fängt sie aus
dem Blute auf und verwandelt ihn in den grünlichen Gallenfarbstoff. Aus
uns noch unbekannten Grundverbindungen baut sie die Gallensäure auf;
diese verkuppelt sie mit Aminosäuren. Die Giftstoffe, die bei der
Eiweißverdauung im Darm frei werden, wie die Karbolsäure, speichert sie
in sich auf und macht sie durch Verkuppelung mit Schwefelsäure
unschädlich. Karbol- und Schwefelsäure! Mit solchen Giften operiert die
Leberzelle Tag für Tag und verbrennt sich nicht und vergiftet sich
nicht! Und viele andere Gifte hält sie fest, die der Mensch in seiner
Unnatur in seinen Körper hineingießt und hineinbläst, so das Koffein des
Kaffees und das Nikotin des Tabaks, das Morphium, das Opium und das
Veronal, und verwandelt sie durch Abbau und Verkuppelung in harmlose
Stoffe. Aus dem großen Reichtum der ihr zufließenden Chemikalien braut
sie die Galle, ein Elixier von über dreißig verschiedenen Tinkturen und
Essenzen, gegen das alle Benediktiner und Karthäuser Stümperware sind.
Und bei alledem hat sie noch Zeit, ihr eigenes Leben zu führen, sie
nährt sich, atmet, wächst, empfindet und, höchste aller
Unbegreiflichkeiten, dieses Wunder stirbt nicht: eines Tages wandert in
dem Mikropünktchen das tausendmal kleinere Ultrapünktchen, der
Zentralkörper, spaltet sich und durchstrahlt das Plasma, der Kern
schwillt, das Chromatin in ihm windet sich wie eine erwachende Schlange,
bildet Rand, Knäuel, Schleifen, den Teilungsstern, spaltet sich und
wandert zu den Polen, und all dies, davon ein Menschenmund nicht
aufhören kann zu erzählen, vollzieht sich ohne Lärm und Laufen, ohne Rad
und Rauch, ja ohne daß wir mit den stärksten Mikroskopen überhaupt
sehen, daß etwas vorgeht, und dies alles in dem einen winzigen
Pünktchen, davon zwanzig auf dem i-Punkt Platz finden, ohne sich zu
drängen!
Und wie in der Leberzelle ist’s in allen anderen der 30 Billionen
Zellenpünktchen unseres Leibes. Was die Leberzelle vermag, das kann in
ihrer Art die Nierenzelle, die aus Blut den Harn bereitet, das schafft
die Darmzelle, die die Nahrungsstoffe aufnimmt oder die Magenzelle, die
Salzsäure und Pepsin fabriziert, die Herzzelle, die täglich 100 000 Male
zusammenzuckt, die Hirnzelle, die Gefühle empfindet und Gedanken erdenkt
und, größtes aller Wunder, in diesem Augenblick über ihr eigenes und das
Zauberleben ihrer Geschwister in Schwingung und Bewunderung gerät. 30
Billionen solcher lebender und webender Zellenpünktchen sind
ununterbrochen in deinem Leibe geschäftig, sie hüpfen und halten,
fließen und kriechen, bauen und brauen, sehen und hören, fühlen, denken,
wollen und wissen, und all ihr Leben zusammen, das ist dein Leben, das
bist du!
Wir und die Zellen, aus denen wir bestehen, sind eins. Ich bin sie, und
sie sind ich. Ist das Haar, das ausfällt, nicht ich? Ist der Nagelreif,
der sich am Scherenrande abrollt und nun am Boden liegt und fortgefegt
wird mit dem Kehricht, nicht ein Stück von mir? Bin ich etwas anderes
als meine Hand, als mein Hirn? Und sind sie etwas anderes als ihre
Zellen? Nehmt sie auseinander, Stück für Stück und Faser für Faser, daß
ihr auch nicht das kleinste Stäubchen übergeht, sie sind nichts als ihre
Zellen. Mensch ist ein Sammelname für eine Summe zusammenlebender
Zellen. Ihr Wohlsein ist unsere Gesundheit, ihre Krankheit unser Leiden,
ihr Sterben unser Tod. Wie es in Wirklichkeit kein Leben eines Volkes
gibt, sondern nur das Leben seiner Bürger, so gibt es im Grunde kein
Leben eines Menschen, sondern nur das Leben seiner Zellen. Wenn Staaten
Kriege führen, so sind es Menschen, die gegeneinander kämpfen, und nicht
Länder; wenn der Mensch Bewegungen ausführt, Säfte erzeugt, Schmerzen
empfindet, Gedanken denkt, so sind es Zellen, die sich bewegen, fühlen,
Säfte brauen, und nicht der Mensch. Der Mensch als solcher kann gar
nichts. Heiß dein Herz stille stehen! Befiehl deinem Darm, sich nicht zu
schlängeln! Halt den Umlauf deines Blutes ein! Erröte! Erröte nicht! O,
was gäbst du manchmal darum, wenn du nicht erröten ~müßtest~! Werde
einmal nicht müde, wenn deine Zellen schlafen wollen! Schlafe einmal,
wenn deine Hirnzellen munter sind und du dich nächtens qualvoll auf dem
Lager wälzst, vor Ohnmachtswut dem Weinen nahe! Stottere nicht,
Stammler! Steh auf, Gelähmter! Unmusikalischer, singe diese Melodie mir
nach! Erhebe dich auf den Flügeln des beschwingten Geistes,
Phlegmatiker! Ihr könnt nicht? Ach, nicht ihr seid es ja, die leben und
leiden, kraftvoll oder schwach sind, es sind eure Zellen, und den Zellen
könnt ihr nicht befehlen. „^L’état c’est moi^!” rief einst der König von
Frankreich, „Der Staat, das bin ich!”, und stolz wiederholt es heute ein
jeder von uns, da wir in Staaten leben, darinnen jedes Bürgers Stimme
gilt. Aber „^l’état c’est moi^!” hallt es nach in unserem Innern und
klingt das Echo durch die Reihen der 30 Billionen Zellenbürger unseres
Körpers, und jede Zelle wiederholt es stolz: „Der Mensch, das bin ich!”
Menschenleben ist Zellenleben. Wenn wir atmen müssen, so sind es Zellen,
die Luft begehren, und wenn wir Hunger haben, so hungert nicht uns,
sondern eine Gruppe von Zellen in der Magenwand verlangt nach Nahrung,
weil sie angefüllt ist mit Verdauungssaft. Nicht du bist es, der diese
Worte sieht, und nicht deine Augen sind es, sondern einzig und allein
ganz bestimmte Zellen des Augenhintergrundes, die die Fähigkeit erworben
haben, die Billionenzahl der Ätherzellen zu registrieren, und nicht du
bist es, der diese Wortbilder auffaßt und in Vorstellungen ummünzt,
sondern nur eine ganz bestimmte Gruppe von Zellen der grauen
Großhirnrinde besitzt die Fähigkeit, die Ätherwellen-Morsezeichen, die
der Sehnerv ihnen übermittelt, in Begriffe umzusetzen. Jeder Mensch kann
nur begreifen, denken und handeln, wozu die Zellen seines Hirnes ihn
befähigen. Raubt einem Menschen jenes Säulchen feiner Zellen, das in
seinen Ohren schwingt, und ihr machtet ihn, der eben noch entzückt den
Symphonien der Musik gelauscht, nun taub für alle Schönheit
atmosphärischer Rhythmen. Blättert die Tapete zarter Zellen seiner
Netzhaut ab, die so dünn ist wie eine Spinnenwebe, und ihr blendet den
lichtbegeisterten Genius zum ewig Blinden, der sich durch die
Finsternisse seiner Nächte wie ein Schatten hintastet. Was ist der
Mensch, der sich so groß und herrlich dünkt, so frei und niemand
untertan? Daß er sich mit dem Purpur des Königs umkleidet, mit dem
Hermelin des Kaisers umbrämt? Nicht einmal er selbst. Ein Zellensklave.
Er mag über ein Reich gebieten, in dem die Sonne nicht untergeht, er
kann nicht hundert Zellen seines Herzens befehlen; wenn sie erlahmen,
muß er sterben. Den Aufstand von Nationen mag er unterdrücken, gegen ein
Häuflein rebellischer Zellen in seinem Innern wird seine Königsmacht
zuschanden. Heute künden ihrer tausend seines Hirnes ihm den Dienst, und
dem Helden von gestern zittern die Knie; morgen fallen ihrer tausend ab,
und das Wort erstirbt ihm auf der Zunge, und er vergißt den Namen seines
Weibes; übermorgen werden abermals ihm tausend untreu, und er vergißt
sich selbst, dahin sind Seele, Geist, Charakter und Gemüt, — ein
lebender Leichnam, weniger als ein Hund, wälzt sich in seinem Unrat, und
die gefeierte Persönlichkeit von gestern ist heut ein irrer Leib, ein
Haufen Knochen und Gedärm ohne Halt und Herrschaft, der wunsch- und
willenlos verkommt, wenn sich der Wärter seiner nicht erbarmt. ... O
Mensch, o Mensch, du Alles und du Nichts! Den Dingen gegenüber so groß
und so mächtig, und dir selber so gar nichts und so nichtig, du Knechter
der anderen und Knecht deiner selbst, du Herrscher der Welt und Sklave
deines Ichs! Wasserfälle heißt du deine Räder treiben, Blitze deine
Nacht erhellen und auf Flügeln schwingst du dich, der Urgesetze
spottend, über Wolken, und doch:
„Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist”,
— eine Kolonie punkthaft kleiner Tierchen, die nicht du sind und denen
du nicht zu befehlen hast, sondern die dir befehlen und dich heißen, das
zu tun und das zu sein, was sie sind. Sterne wiegst du in den Nächten,
malst Madonnen, lockst aus Saiten Symphonien, den Adler stürzt du aus
den Lüften und die Zeder neigt vor dir die Wipfel, — und in dir selber
bist du eingekerkert in die Zelle eines Pünktchens, das zu klein ist,
daß dein Aug es sähe, und zu fein, als daß dein Fuß es träte, und doch
dein so wenig achtend, daß es nicht den flehendsten Wunsch dir ablauscht
und nicht die bescheidenste Bitte dir erfüllt. Wie es lebt, so mußt du
sein, und wenn es stirbt, so mußt du sterben, ob auch Locken deine
Stirn noch schmücken und du noch mit offenem Munde nach den Wonnen
dieses Lebens langst, denn das Pünktchen, dieses fremde, eigenlebende,
dir nicht dienende und dein nicht achtende Pünktchen, die Zelle, das
bist du! Du großer, kleiner Mensch! Du armer Reicher! Soll ich vor dir
niederknien und dich preisen, daß du so groß bist, oder mein Haupt
verhüllen und dich beweinen, daß du so elend, du wunderlicher Sohn des
Chaos? Du wandelnder Widerspruch! Zellenherr und Zellenknecht!