In engster Beziehung zum Zentralkörper steht der ihm benachbarte ~Kern~.

Im Gegensatz zu den übrigen meist unfärbbaren und grau in grau

verschwimmenden Teilen der Zelle besitzen die Kernsubstanzen große

Verwandtschaft zu gewissen Farben, dem Karmin, dem aus dem Holz eines

tropischen Baumes gewonnenen Hämatoxylin (= Holzrot) sowie den bei der

Anilinfabrikation gewonnenen Anilinfarben Eosin (= Morgenröterosa),

Safranin (= Safranrot), Gentianaviolett (= Enzianpurpur) und dem

Bismarckbraun. Legt man Zellen nach bestimmten Vorschriften einige

Minuten in diese Farben, so enthüllt der Kern in leuchtender Pracht die

Feinheiten seines edel gegliederten Baues.

Seine eigentliche Grundmasse bleibt ungefärbt. Es taucht ein Netz von

Fäden auf, das den Kern wie ein Spinnengewebe durchzieht und in dessen

Knotenpunkten dunkelgefärbte Körner liegen. Dieses Netz besteht aus den

feinsten Eiweißverbindungen, die unsere irdische Welt hervorgebracht

hat, phosphorhaltigen Eiweißkörpern, die man wegen ihres einzigen

Vorkommens in den Zellkernen als Kerneiweißkörper (Nukleoproteide)

bezeichnet. Das aus ihnen zusammengesetzte Gefüge nennt man wegen seiner

starken Färbbarkeit mit den angeführten Farben die Farbmasse des Kerns

oder das Chromatin. Das Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle.

Es ist gewiß kein Stoff in chemischem Sinne, nicht einmal in der hohen

Auffassung, die wir von den höchsten Eiweißverbindungen mit ihren

tausendatomigen Molekülen haben, sondern eine äußerst feine und höchst

verwickelte Maschinerie einer uns unvorstellbaren festflüssigen

Konstruktion, die mit dem Bauplan unserer starren Maschinen nichts

gemein hat. Neben dem Phosphor enthält der Zellkern immer noch Spuren

von Eisen, vermöge deren der Kern genau wie die eisenhaltigen roten

Blutzellen und Atemkörner begierig Sauerstoff aufnimmt. Die Anordnung

des Chromatins ist sehr wechselnd und schwankt von regelloser Anhäufung

einzelner Körner bis zu den kunstvollst geschlungenen Bändern (Abb. 16,

Tafel ^V^).

Bei starker Vergrößerung tauchen noch weitere Feinheiten im Kerninnern

auf. Die Fäden des Chromatinnetzes lösen sich in einzelne tonnenförmige

Teile auf und beweisen so ihre Zusammensetzung aus einzelnen Bausteinen.

An der Grenze des Kerns entdeckt man eine feine Haut, die wie eine

Ballonhülle aus feinen, spiralig gewundenen Fäden gewoben ist, den Kern

fest umspannt und durch die starke Füllung des Kerns mit Kernsaft prall

gebläht ist. In diesem Kernsaft schwimmen die Kernteile wie das Kind im

Fruchtwasser des Mutterleibes gegen Druck und Stoß wunderbar bewahrt.

Legt man eine solche mit Karmin rot gefärbte Zelle in eine säurehaltige

Farbe wie das Eosin, so treten neben den bisher erschienenen Kernteilen

infolge ihrer Verwandtschaft zu sauren Farben noch weitere Einzelheiten

in zarten Rosatönen hervor. Im Innern des Kerns taucht ein zweiter

kleinerer Kern auf, der Kernkörper (s. Abb. 10, Tafel ^III^). In diesem

entdeckt man bei sehr starker Vergrößerung abermals ein kleines

Körperchen, das Kernkörperchen. Nimmt das Wunder nie ein Ende?

Schließlich entdeckt man noch bei feinem Zuschauen zwischen den Fäden

des Chromatinnetzes als ein Untergewebe ein ganz zartes,

schwachgefärbtes Netz, das Kernfadennetz (Abb. 10, Taf. ^III^), aus

dessen Grund sich das stark gefärbte Chromatinnetz wie eine

Goldstickerei auf einem rosa Tüllgewebe heraushebt. So ist der Teppich

des Lebens gewirkt aus Schönheit und Geheimnis, ein Schleier, hinter

dessen Rätselornamenten in ewig strahlender Jugend die Göttin des Lebens

lächelt. Wird je ein Jüngling zu Sais kommen, der ihn hebt und in ihr

unverwelklich Antlitz schaut? Und wenn, wird er dann nicht hinter ihrem

Mona-Lisa-Lächeln ein neues, tieferes Geheimnis seines menschlichen

Aberwitzes spotten sehen?

Durch seinen feingegliederten Bau erweist sich der Kern schon äußerlich

als der Sammelpunkt der edelsten Teile des Plasmas, als das Hauptorgan

in dem Elementarorganismus Zelle. Halbiert man eine kernhaltige Amöbe,

so daß nur die eine Hälfte den Kern behält, so lebt dieser Teil fort und

ergänzt sich bald wieder durch Wachstum zu einer vollständigen Zelle.

Die kernlose Hälfte dagegen zeigt ein merkwürdiges Verhalten. Sie bewegt

sich noch und empfindet noch, sie frißt auch, denn dies sind ja die

Tätigkeiten der Außenteile der Zelle. Aber sie vermag die aufgenommene

Nahrung nicht zu verdauen, kann sich folglich nicht mehr nähren, nicht

wachsen und nicht fortpflanzen, sie verhungert und stirbt nach einigen

Tagen, ein Opfer jener Arbeitsteilung, die die Fähigkeiten der Bewegung,

Empfindung und Nahrungsaufnahme an die Grenze, die Fähigkeiten des

Stoffwechsels und der Fortpflanzung in die Zellmitte, den Kern,

verlegte. Außerdem zeigt die kernberaubte Hälfte noch „nervöse”

Störungen. Verwundet man sie, so kann sie nicht mehr die übliche

Wundhaut ausscheiden, ebenso wie kernberaubte Pflanzenzellen ihre

Zellwand und Kieselzellen ihre zerbrochene Schale nicht mehr ergänzen

können ohne Kern. Die kernhaltige Amöbe haftet an ihrer Unterfläche, die

kernberaubte vermag dies nicht mehr und gleitet ab. Diese offenbare

Beziehung des Kerns zu den Ausscheidungen der Zelle tritt in voller

Deutlichkeit bei den Drüsenzellen in Erscheinung. In vielen Drüsenzellen

niederer Tiere ergießt der Kern während der Absonderung seine Farbmasse

in das Zellplasma, um ihm gewisse Drüsenstoffe zuzuführen. In den

menschlichen Zellen schwillt er vor der Ausscheidung bis auf das

Fünffache an, um danach erschöpft zusammenzuschrumpfen. Der Kern ist im

Gegensatz zum Zentralkörper, dem motorischen Zentrum, das chemische

Zentrum der Zelle. Da weitaus die meisten chemischen Umsetzungen im

Plasma unter Sauerstoffbindung einhergehen — aus diesem Grunde müssen

wir ja beständig Luft, Sauerstoff schöpfen —, besitzt der Kern eine hohe

Aufnahmefähigkeit für Sauerstoff. Diese kann man an lebenden Zellen

unmittelbar nachweisen. Führt man einer Zelle einen Stoff zu, der durch

seine Verbindung mit dem Sauerstoff seine Farbe verändert,

beispielsweise wie das schwarze Eisen durch Sauerstoffaufnahme rostrot

wird, so tritt diese Verfärbung am ehesten und stärksten in der Umgebung

des Zellkerns auf. Hat man den Zentralkörper wegen seiner

Reizempfindlichkeit das zentrale Reizkorn genannt, so kann man den Kern

wegen seiner Sauerstoffbegier als das zentrale Atemkorn bezeichnen. Der

Kern ist die Lunge der Zelle. Organe, die infolge ihrer angestrengten

Tätigkeit viel Sauerstoff verbrauchen wie die Leber, die Niere, das

Gehirn, sind reich an großen kräftigen Kernen. Größe und

Dunkelfarbigkeit sind die Zeichen der Kernkraft und Zellgesundheit,

Schrumpfen und Blassen des Kerns die Merkmale der Zellerschöpfung und

-erkrankung, und Kernlosigkeit das sichtbare Zeichen des Zelltodes.

Schabt man sich von der Zunge Zellen ab, so reißt man lebende Zellen

herunter, in denen man deutlich Kerne sieht. Reibt man sich dagegen von

der Haut Zellen ab, so findet man unter dem Mikroskop verhornte kernlose

Zellplatten, die Leichen jener längst gestorbenen Deckzellen, von denen

unsere Körperhaut wie mit einer Schicht von Schutzschilden umpanzert

ist.

In seiner höchsten Wesenheit offenbart sich der Zellkern in seiner

letzten und bedeutendsten Eigenschaft als Fortpflanzungs- und

Vererbungsorgan der Zelle bei der Teilung. Jede Zelle pflanzt sich fort

durch Teilung. Eine andere Art von Zellentstehung als Zelle aus Zelle

gibt es nicht, kann es nicht geben, sowenig Menschen anders als aus

Menschen geboren werden können. ^Omnis cellula e cellula^ ist einer der

klassischen Grundsätze der Lebenslehre.

Die einfachste Form der Zellteilung sehen wir bei der niederen Zellform,

der Amöbe. Die Plasmamassen fließen nach rechts und links auseinander,

der Kern, sofern er schon ausgebildet ist, zieht sich in die Länge,

zerfällt in zwei Hälften, das Plasma ebenfalls, und aus einer Zelle

werden deren zwei (s. Abb. 6, Tafel ^II^).

Diese Teilungsart ist roh und nur möglich auf einer Stufe, auf der das

Plasma noch nicht eine so feine Organisation angenommen hat wie in den

höheren Tier- und Pflanzenzellen. Man kann sich vorstellen, daß eine

Tonschüssel erweicht und sich nach Art einer Amöbe in zwei Schüsseln

teilt, bei einer Taschenuhr ist eine solche Halbierung undenkbar. Um

trotzdem eine genaue Teilung bis in die kleinsten Einheiten zu

ermöglichen, hat sich die Fortpflanzung der Zelle im Lauf der

Entwicklung zu einem Naturspiel herausgebildet, von dem man ohne

Übertreibung sagen kann, daß es in der ganzen uns bekannten Welt nicht

seinesgleichen hat. Vergebens wird man das All nach Raum und Zeit

durchschweifen, um eine Naturerscheinung zu entdecken, die in ähnlicher

Art Schönheit und Geheimnis, Gesetzmäßigkeit und bewegte Dramatik

vereinigt. Der Astronom sucht ihresgleichen vergebens in den fernsten

Sonnenzügen seiner Himmel, der Physiker findet sie nicht im Reich seiner

strengen Gesetze, der Geologe gräbt nach ihr vergebens in Granit und

Gneis und der Erforscher der Atmosphäre nimmt ihrer nicht wahr zwischen

Kumulus und Zirrus. Mit ihren pompösesten Bühneneffekten, mit

Wellenrauschen und Alpenglühen, Gewitter, Regenbogen und Vulkanen kann

die leblose Natur ein Schauspiel ihrer Art nicht inszenieren. Die

Teilung der Zelle ist das Mysterienspiel des Lebens, das nun vor unseren

Augen anhebt. Das Meer glättet sich, und die Wellen kauern in den Ecken,

der Mond steht still wie einst zu Gideon, der Regenbogen sinkt in sich

zusammen, die Vögel kommen zwitschernd und sammeln sich im Rankenwerk

der Säulen, und die Jahreszeiten treten in die Logen, — die Sterne am

Deckengewölbe erlöschen, der Wolkenvorhang hebt sich, und unter Blitz

und Donner beginnt auf der Bühne des Welttheaters vor dem Parterre der

atemlos lauschenden Natur das Weihespiel des Lebens: die Teilung der

Zelle (Abb. 17, Tafel ^VI^).

Groß, klar und gläsern steht sie da. In der Mitte der Kern, neben ihm

der Zentralkörper, beide in der Gleichgewichtsachse, die durch den

Mittelpunkt der Zelle geht. Mit einer Störung dieser Ruhelage beginnt

das Schauspiel. Der Zentralkörper, der Motor der Zelle, läuft an. Er

rückt aus der Gleichgewichtsachse heraus und bringt damit eine Kette von

Veränderungen in Bewegung. Er selbst schwillt, breitet seine

Streifenkrone aus und durchstrahlt sonnenhaft das Plasma, dessen Fäden

und Waben sich um den strahlenden Punkt im Kreise ordnen. Unter

zunehmender Strahlenstärke teilt sich der Zentralkörper in zwei Hälften,

die, jede von ihrer Krone umgeben, aus der Äquatorgegend der Zelle den

beiden Polen des kleinen Alls entgegeneilen. Währenddes begann auch der

Kern zu quellen, sein Rand wird verwaschen, die Körner in ihm sammeln

sich. Sind sie, wie in vielen Zellen, zweigförmig in ihm ausgebreitet,

so wandern die Seitenäste der Blitzfigur in die Hauptäste, wodurch diese

dunkler und dicker erscheinen, die Hauptäste verkürzen sich, trennen

sich dadurch völlig voneinander und bilden nun einzelne haarnadelförmig

sich biegende Schleifen. War das Chromatin dagegen in verstreuten

Körnchen ausgebreitet, so reihen sich diese aneinander und bilden ein

Band, das sich wie ein Knäuel durch den engen Raum des Kernes windet.

Das Band verkürzt sich und zerfällt ebenfalls in einzelne sich

haarnadelförmig biegende Stücke, die Chromatinschleifen. Das

Kernkörperchen, der Kernkörper, das Fadennetz und alle übrigen

Nebenteile des Kerns verschwinden in der allgemeinen Wirrnis. Wohin,

wozu? hat noch kein sterblich Aug’ gesehen.

Dieweil sind die Zentralkörper so weit auseinandergerückt, daß sie sich

nun an den beiden Zellenden wie Nord- und Südpol gegenüberstehen. Aber

sie haben den Zusammenhang nicht verloren. Zwischen ihnen laufen wie die

Längsgrade zwischen den Polen des Erdglobus die Plasmafäden in Form

einer Spindel durch die Zelle. In der Mitte dieser Spindel, wo sie sich

im Äquator am weitesten ausbaucht, liegt oder vielmehr lag der Kern.

Denn alles ist an ihm verschwunden, nur die stark hervortretenden

haarnadelförmigen Chromatinschleifen sind geblieben und ordnen sich nun

wie unter dem Geheiß eines Künstlers zu einer harmonischen Figur. Sie

treten alle in die Äquatorebene der Zelle und bilden hier einen Stern,

indem sie sich im Kreise stellen, mit ihren Winkeln gegen den

Mittelpunkt, mit ihren freien Enden gegen die Oberfläche der Zelle

weisend. Man lege sechs Haarnadeln auf den Tisch kreisförmig um einen

Punkt, so daß ihre Kurven alle gegen diesen Punkt gerichtet sind, und

man erhält das genaue Abbild dieses Teilungssterns. Jeder Apfel, jede

Apfelsine und Zitrone sind Kolossalmodelle der sich teilenden Zelle.

Schneidet man eine dieser Früchte zwischen ihren Nadelpunkten durch, so

trifft man die Obstkerne im Äquator sternförmig um den Mittelpunkt

geordnet und im Fachwerk der Frucht liegend wie die Schleifen des

Teilungssterns in den Spindelfasern der sich teilenden Zelle.

Aber das Wunder steht nicht still. Alle bisherigen Wandlungen sind nur

die Vorbereitungen für die jetzt beginnende Teilung. Die Schleifen des

Teilungssternes spalten sich der Länge nach, so daß aus je einer dicken

Haarnadel zwei dünne werden und so sich ihre Zahl verdoppelt.

Mit dieser Spaltung der Schleifen beginnt die Teilung und ist sie

vollendet. War alles Vorangegangene nur Vorspiel, so ist alles Folgende

nur Nachspiel dieser Spaltung. Sie ist der große Höhe- und Wendepunkt,

dem alles zustrebt in diesem Drama, und der das Geschick entscheidet;

sie ist der große Augenblick der Offenbarung in diesem Mysterienspiel,

in dem, umstrahlt vom Doppelglanz der Sonnen, die Krone des Lebens

erscheint und sich teilt zur Verjüngung und zwiefachen Neugeburt des

Daseins auf Erden.

Die beiden Hälften der längsgespaltenen Schleifen trennen sich. Während

sie bisher alle in einer Ebene, der Mittelebene der Zelle, nebeneinander

lagen, biegen sie sich nun wie Drähte in der Hitze des Feuers, die eine

Hälfte jeder Schleife dem einen, die andere Hälfte dem andern Pol der

Zelle zu und wandern, von den Zentralkörpern angezogen, längs der

Spindelfasern den strahlenden Zentralkörpern zu, wie Kometen mit ihren

spitzen Winkeln den Sonnen ihres Plasmaalls entgegenfliegend. Auf dieser

Polfahrt nähern sie sich, werden wieder länger, senden wieder Äste aus,

schlängeln und verwirren sich wieder und bilden bei ihrer Ankunft am

Zentralkörper genau ein Netz wie vordem. Um sie verdichtet sich die

Kernmasse zum Kern, Kernkörper und Kernhaut erscheinen wieder, das

rosafarbene Unternetz schimmert aus der Tiefe hervor. Während dieser

Trennungsfahrt der Schleifenhälften schnürt sich hinter ihnen das Plasma

ein und ab, aus der einen Zelle sind zwei geworden, die Teilung ist

vollendet.

Der Sinn dieses vielverschränkten Schauspiels liegt offen zutage. Im

„Kernpunkt” aller Szenen steht die Längsspaltung der Schleifen, die sich

aus der Farbmasse des Kerns, dem Chromatin, gebildet haben. Die

Farbmasse Chromatin ist die wichtigste Substanz der Zelle. Sie ist durch

die Sammlung aller edlen Stoffe des Plasmas in der geschützten Zellmitte

entstanden, sie ist die Trägerin der höchsten Zelleigenschaften und

Zellfähigkeiten, der Atmung und Verdauung, der Umwandlung der

aufgenommenen Nahrungsstoffe in Plasma, des Wachstums und der

Fortpflanzung. Das Chromatin ist die Erbmasse des Zellorganismus. Dieses

Chromatin genau zu halbieren und so die Eigenschaften und Fähigkeiten

der Mutterzelle auf die beiden Tochterzellen gleichmäßig zu vererben,

ist der Zweck des ganzen Teilungsmechanismus. Der verwickelte Ablauf der

Zellteilung ist nichts anderes als ein Akt der Gerechtigkeit. Der Titel

des Schauspiels, das sich zugetragen, heißt „Die gerechte Erbschaft”.

Mit jener Umständlichkeit, die allen gerechten Teilungen einer reichen

und vielgestaltigen Erbschaft anhaften muß, werden die Chromatinkörner

gesammelt, aneinandergereiht, so daß ein langes Band aus ihnen entsteht,

wird dieses Band zu einem Knäuel geschlungen, gleichsam gemischt, und

dann in einzelne gleich lange Bandstücke geschnitten; diese sondern sich

voneinander, indem sie sich umbiegen und Schleifen bilden, die sich in

einem geordneten Kreis ausbreiten. Und nun, es könnte sich ja doch ein

Fehler eingeschlichen haben, werden die einzelnen Bänder nochmals

zerschnitten, aber diesesmal nicht wie das erste quer in zwei halb so

lange Stücke, sondern der Länge nach in zwei halb so breite Streifen, so

daß nun jede Tochterzelle nicht die Hälfte der Schleifen, sondern von

jeder Schleife die Hälfte erhält, — kann eine Erbschaft gerechter unter

zwei Kinder verteilt werden als das Chromatin der Mutter auf die beiden

Töchter bei der Teilung der Zelle?

Strenge Erbschaftsgesetze beherrschen die Teilung. Jede Tier- und

Pflanzenart bildet in ihren Zellen eine bestimmte Zahl von Schleifen. Es

bilden:

Pferdespulwurm 4 Libelle 24

Heuschrecke 12 Forelle 24

Zwiebel 16 Frosch 24

Weizen 16 Maus 24

Schnecke 16 Mensch 24

Eidechse 16 Regenwurm 32

Meerschweinchen 16 Haifisch 36

Ameise 20 Krebs Artemia 168

Sieht man eine Eizelle mit vier Schleifen, so kann man schwören, daß aus

ihr ein Spulwurm wird und kein Regenwurm, und beobachten wir eine

Zellteilung im Menschen, so kann man, sei es eine Hirn-, Haut- oder

Nierenzelle, mit Bestimmtheit voraussagen, daß 24 Schleifen und nicht 36

erscheinen werden. Warum die Zahl der Schleifen bei den einzelnen

Geschöpfen verschieden ist, ob und welchen Zusammenhang die

Schleifenzahl mit der betreffenden Tierart besitzt, in welcher Weise die

Eigenschaften auf die Schleifen verteilt sind, wie die Verknüpfung von

Eigenschaften mit dem Stoff der Schleifen zu denken ist, was die Bildung

der Schleifen, ihre Anordnung, ihre Quer- und Längsteilung veranlaßt,

wie und warum sich dieser Mechanismus der Schleifenteilung in den Zellen

im Lauf der Erdgeschichte entwickelt hat, diese und alle anderen Fragen,

die sich sofort dem denkenden Betrachter aufdrängen, harren noch der

Antwort. Die Teilung der Zelle — ein Mysterienspiel.

Die Dauer einer Zellteilung beträgt im Menschen ungefähr eine halbe

Stunde und kann demgemäß bei reger Fortführung nach dem berühmten Muster

der Weizenkörner auf dem Schachbrett zu ungeheuren Zahlen führen. Man

lege abends eine Bohne in laues Wasser. Bis zum Morgen haben sich viele

tausend Zellteilungen in ihr vollzogen. Die Teilung eines Bazillus währt

20 Minuten. Eine Milliarde von ihnen findet in dem millionstel Teil

eines Litergefäßes Platz. Gäbe man den Nachkommen eines Bazillus Raum

und Nahrung zu ungehemmter Fortpflanzung, so flösse in zwei Tagen das

Gefäß über, und in fünf Tagen füllten die Bazillen den Atlantischen

Ozean. Die Eier aus den Nachkommen eines sich ungehemmt entwickelnden

Störweibchens füllten in vier Jahren die Erdkugel mit Kaviar. Solch

schrankenloser Fortpflanzung wird durch den Mangel an Raum und Nährstoff

und durch die brutale Vernichtung der weitaus meisten aller Keime eine

natürliche Grenze gesetzt. Millionen sind berufen, einer wird

auserwählt.

Die Zellteilung ist die Ursache des Wachstums. Wenn der abgeschnittene

Nagel in Tagen wieder nachwächst, so geschieht es, weil sich die Zellen

an seinem Boden in jeder Minute zu Hunderten teilen. Wächst das

geschorene Barthaar in wenigen Stunden merklich nach, so haben an seinem

Grunde in dieser Zeit zahllose Zellteilungen stattgefunden, wodurch es

aus der Tiefe herausgedrängt wird. Wächst das Kind zum Mann oder zur

Frau heran, so wird es hoch und breit durch die dauernde Teilung und

Vermehrung der Zellen in allen Bezirken seines Leibes. Außerdem dienen

die Zellteilungen dem Ersatz der abgebrauchten und ständig sterbenden

Zellen in allen Organen. Die Zellen des Körpers leben zum allergrößten

Teil nicht von der Geburt bis zum Tode des Menschen, sondern besitzen

meist eine kurze Lebensdauer, sterben und werden durch ihre Nachkommen

ersetzt — wie die Menschen im Leben der Völker. Hirn-, Muskel- und

Knochenzellen teilen sich nur in der Jugend, solange der Mensch wächst,

und leben dann das ganze Leben hindurch unverändert. Die übrigen Zellen

dagegen leben nur wenige Jahre, ja nur Monate oder gar Wochen. Zwei

Drittel aller Körperzellen, über 22 Billionen, sind Blutzellen, jene

winzig kleinen Kügelchen, die im Blut des Menschen schwimmen, ihm seine

rote Farbe verleihen und vermöge ihres eisenhaltigen Farbstoffes das

Sauerstoffgas der Luft aus der Lunge in den Körper führen. Jede dieser

Blutzellen lebt nur 20 Tage. Um in 20 Tagen 22 Billionen Blutzellen zu

ersetzen, müssen also täglich eine Billion Blutzellen geboren werden und

hierfür 500 Milliarden Zellteilungen stattfinden. Das sind in jeder

Sekunde fünf Millionen. Da jede Zellteilung eine halbe Stunde währt, so

sind allein für den Blutzellenersatz im Knochenmark beständig 10

Milliarden Zellteilungen im Gange. Für ein Menschenleben von 70 Jahren

ergibt das die phantastische, selbst für astronomische Angaben

ungeheuerliche Zahl von 10 000 Billionen Zellteilungen in einem einzigen

Menschenleib allein für den Ersatz des Blutes. Hierzu kommen noch die

ununterbrochenen Teilungen in allen übrigen Geweben. Zum Nachwuchs der

ausfallenden Haare vollziehen sich täglich annähernd eine Million

Zellteilungen in der Kopfhaut. Ein Vielfaches hiervon schuppt die übrige

Haut ab, von der täglich unberechenbare Mengen Zellen abfallen, die man

beispielsweise im Waschwasser nachweisen kann und für deren Ersatz

dauernd Milliarden von Teilungen vor sich gehen. Die Geschlechtsdrüse

des Mannes erzeugt jahrzehntelang täglich bis zu 100 Millionen

Fortpflanzungszellen, — der Schöpfung ist kein Ende im Mikrokosmos des

Lebens.

In diesem ewigen Sterben und Neugeborenwerden der Zellen liegt das

Geheimnis unsrer steten Jugend. Das Alte, Abgenutzte stirbt in uns, und

neues, frisches Leben wird von Tag zu Tag geboren. Die Todesstunde einer

Milliarde verbrauchter Zellen ist die Geburtsstunde von zwei Milliarden

neuer. Mit hunderttausend alten, lebensmüden Zellen legen wir uns

schlafen und wachen des Morgens „neugeboren” mit zehnmalhunderttausend

jungen auf. Wir sterben täglich, um täglich neugeboren zu werden, und

leben so durch Tod und Auferstehung wie der Phönix in ewiger

Verjüngung, ein durch die Jahre wandelndes Stirb und Werde!

Man überdenke rasch noch einmal das Schauspiel der Zellteilung. Der

Zentralkörper erscheint, teilt sich und wird zum Doppelgestirn, das

auseinander strebt und sonnenhaft das Plasma-All durchstrahlt. Die

Sonnen ziehen geheimnisvolle Sphären durch die Welt der Eiweißmoleküle

und ordnen sie zwischen zwei Polen. Der Zellkern schmilzt, sein

Chromatin verdunkelt sich, ballt sich zusammen, bildet ein Band, das

sich in Bänder teilt, diese krümmen sich zu Schleifen und ordnen sich

unter dem Bann der geheimen Macht, die das Ganze durchwebt, im Äquator

der kleinen Plasmawelt zu einem prächtigen Stern. Stern und Schleifen

spalten sich, streben in sanften Bögen wie Kometen aufwärts und abwärts

den beiden Polen zu, und hinter ihnen, indes sie sich wieder zum Kern

verflechten, furcht sich wie das Wasser hinter dem Kiel des fahrenden

Schiffes das Plasma der Zelle und schnürt sich durch, — dieses

entzückende Schauspiel, das mit dem bunten Wechsel seiner Szenen, der

sinnvollen Verteilung der Rollen, dem bewegten und doch innerlich so

folgerichtigen Ablauf seiner Handlung, der Schürzung und Lösung des

Knotens und seinem befreienden Ende ein echtes Schauspiel ist, spielt

sich auf einer Bühne ab, die kleiner ist als ein Staubkorn im

Sonnenlicht, deren 100 Millionen in einem Stückchen Zucker Unterkommen

fänden, spielt sich stündlich, in jeder Minute und jeder Sekunde, ohne

daß wir es wollen oder wissen, ohne daß wir es fühlen oder sehen, in

unserem Innern ab, ist unser Wachsen, ist unser Sein. Man zähle mit der

Uhr die Sekunden 1, 2, 3, 4, 60 die Minute, über 3000 die Stunde, fast

100 000 den Tag, mit jeder Zahl, die man spricht, begleitet man über

fünf Millionen Bühnenspiele dieser Teilung in dem Riesenzelltheater

seines Leibes.

Die Zelle · 第 3 / 6 段