Die Pflanze reckt und streckt sich, um Oberfläche zu gewinnen,

Stickstoff aus dem Boden, Kohlensäure aus der Luft, Wasser aus den

Wolken und Ätherwellen aus dem Lichte aufzufangen, sie ist ein einziger

großer Aufnahmeapparat und Speicher für die Stoffe und Energien der ewig

bewegten Umwelt der Elemente. Der Mensch hingegen ist ein nach innen

gekehrter Baum. Wie die Pflanze nach außen, faltet und spaltet er sich

nach innen und erstrebt bei kleinster Außenfläche die denkbar größte

Innenausbreitung. Was jene aus der Umwelt einheimst, nimmt er in

gedrängtester Form als Nahrungsstoff zu sich und breitet es dann vom

Magen aus in den Röhren und Falten, Buchten, Fächern und Kammern seines

Leibes über tausend innere Flächen wieder aus. Die Pflanze ist lauter

Oberfläche und sammelt ein, der Mensch lauter Innenfläche und nutzt aus.

Was sie mit ausgebreiteten Blätterarmen aus Licht und Tiefe, Wind und

Wolken an sich raffte, das füllt als Lebenskohle die Innenkammern seines

Leibes und durchglüht ihn mit der Glut der Gefühle und der Hitze der

Leidenschaften. Die Pflanze ist das hundert Schaufeln tragende und zum

Himmel ragende Mühlrad, das vom Strom der Welt getrieben wird, um Kraft

zu fangen; der Mensch ist der tausendfach im Innern gekammerte

Akkumulator, in dem sich diese Kräfte speichern und geheimnisvoll

gewandelt wieder erscheinen als Muskelschlag und Kraft des Willens,

Blitz des Gedankens und Wärme der Empfindung.

Die Innenfläche eines Menschen kann — so unglaubhaft es zuerst auch

klingt — mit der Außenfläche einer Pflanze durchaus wetteifern. Ein

Würfel, dessen Kante 1 ^m^ lang ist, besitzt mit seinen sechs Seiten

eine Oberfläche von 6 ^qm^. Halbiert man die Kante und schneidet so den

Würfel in den drei Raumrichtungen durch, so erhält man aus dem einen

Würfel deren acht mit je 1/2 m Kantenmaß. Diese acht Würfel besitzen

zusammen eine Oberfläche von 12 ^qm^. Halbiert man nun wieder die Kante

dieser Würfel, so erhält man 8mal 8 Würfel von je 1/4 ^m^ Seitenlänge

mit der insgesamt 16fachen Oberfläche von 24 ^qm^. Zerlegt man durch

immer erneute Teilung schließlich die Kante des Würfels nach der

Einteilung unseres Zentimetermaßes in 1000 ^mm^ und so den einen

Kubikmeter in Kubikmillimeter, so erhält man aus dem einen großen Würfel

eine Milliarde Millimeterwürfel. Solange diese noch zusammenstehen,

besitzen sie als der eine große Kubikmeter-Würfel 6 ^qm^ Oberfläche.

Läßt man sie nun aber auseinanderfallen, so stehen sie mit einer

Gesamtoberfläche von 6000 ^qm^ mit der Außenwelt in Flächenberührung.

Der Mensch ist solch ein aus kleinsten Würfeln, den Zellen,

zusammengesetzter Block. Er besitzt jedoch nach außen nicht 6, sondern

nur 2 ^qm^ Oberfläche. Dafür ist er aber im Innern nicht in eine

Milliarde, sondern in viele Billionen kleinster Zellenwürfel geteilt.

Diese etwa 30 Billionen Zellenwürfel besitzen zusammen eine Oberfläche

von über 5000 ^qm^. Mit 5000 ^qm^ Oberfläche stehen die 30 Billionen

Zellen des Menschenleibes mit den sie umspülenden Säften und dadurch mit

der Außenwelt in Berührung. Würde man einen Menschen wie einen

Kuchenteig auswalzen, bis seine gesamte Zellenoberfläche frei zutage

läge, so würde dieser Zellenteig einen Marktplatz von über 70 ^m^

Seitenlänge überziehen können. Würde man diese Zellenoberfläche aus

einem Menschen wie einen Teppich herausrollen können, so würde dieser

über eine halbe Stunde Weges 3 ^km^ weit hinreichen. Man denke sich

einen Menschen auf die Berliner Siegessäule vor dem Reichstag gestellt

und auf einem drehbaren Sockel stehend wie die Marmorstatuen in den

Museen. Den Zellen dieses Menschen wird die Oberflächenhaut abgezogen

und zwar so, daß sie in Form eines Zentimeterbandes wie das Garn von

einer Spule abgerollt wird. Ein Flieger kommt geflogen, befestigt den

Anfang des Bandes an seinem Aeroplan und fliegt davon, das Zellenband

nach sich ziehend, den Menschen von der Scheitelhöhe abwärts wie eine

Garnspule abwickelnd. Wie weit muß der Aeroplan wohl fliegen, bis die

letzte Zelle des Mannes ihrer Haut beraubt ist? Vom Königsplatz in

Berlin nach Süden über die Stadtgrenze hinaus, über alle Vororte und

über die Mark Brandenburg bis nach Sachsen, über Dresden und die

Sächsische Schweiz das Elbtal aufwärts bis nach Böhmen hinein, über Prag

hinweg und käme gut bis nach Wien und könnte hier das Zellenband an der

Spitze des Stephanturmes befestigen. Ein ausgespannter Mensch — ein

Zentimeterband von Berlin bis Wien! Zehn Stunden lang kann man mit einem

Schnellzug an dem Zentimeterband der Zellen seines Leibes entlangfahren!

Bedenkt man nun noch, daß durch die Schaumstruktur des Plasmas die

lebende Fläche auch innerhalb jeder Zelle durch jedes Tröpfchen,

Bläschen und Kämmerchen abermals um das Tausendfache vergrößert ist, so

erreicht die wahre Ausdehnung der Lebensfläche eines Menschen ein

unausdenkliches, geradezu phantastisches Maß.

Der Sinn dieser Flächenausbreitung liegt in dem hohen Wert freier

Oberflächen für den Ablauf der Lebensprozesse. Fast alle Lebensvorgänge,

die Aufnahme, Wanderung, und Ausscheidung der Atemgase und

Nahrungsstoffe, der Ausgleich der verschiedenen Lösungen zwischen den

einzelnen Organen und Zellen, die Wirkung und Wanderung der chemisch

wirksamen Teilchen der Lösungen, der Salzionen, und viele andere

Vorgänge des Stoffwechsels vollziehen sich von Fläche zu Fläche und um

so rascher, je mehr Oberfläche zur Verfügung steht. Durch die Teilung

der Körpermasse in Billionen Zellwürfel und die Ausbreitung des Plasmas

in jeder Zelle über ungezählte Schaumwände werden Kraft und

Geschwindigkeit der Lebensvorgänge auf jenes Höchstmaß gesteigert, durch

das sich allein die Erscheinungen des Lebens, wenn auch nicht erklären,

so doch wenigstens als überhaupt möglich begreifen lassen.

Die Zahl der menschlichen Zellen beträgt rund 30 Billionen, wovon allein

22 Billionen auf die in der Blutflüssigkeit schwimmenden Blutzellen

entfallen. Eine unvorstellbare, an kosmische Maße gemahnende Zahl. 30

Billionen! Würde aus einem Menschen wie aus einem Automaten in jeder

Sekunde eine Zelle fallen, so dürfte es gewiß geraume Zeit währen, ehe

der Zellautomat Mensch leer geworden. Ein paar Jahre? Oder ein

Menschenleben lang? Oder gar noch länger? Eine Billion Sekunden dauern

fast 30 000 Jahre, und seit der Geburt Christi ist noch nicht der 15.

Teil dieser Sekundenzahl verflossen. Folglich fielen 30 × 30 000 =

900 000 Jahre lang Sekunde für Sekunde Zelle um Zelle aus einem

Menschenkörper, ehe der Inhalt seines Leibes entleert wäre. Hätte dieser

Vorgang bei einem jener vorgeschichtlichen Menschen begonnen, die noch

vor der letzten Eiszeit in Europa in den Höhlen der Dordogne um ihre

Feuer saßen, während draußen das Mammut in den Sümpfen brüllte, und

sollte dieser Mensch nicht eher sterben, als bis die letzte Zelle seinem

Körper entfallen wäre, so lebte er noch heute. Er hätte die Eiszeiten

kommen und gehen sehen, Renntiere und Bisons über die grünenden

Niederungen Frankreichs springen, die Wanderungen der Urvölker und die

Anfänge des Ackerbaues erlebt; er hätte Hannibal durchziehen und Cäsar

an der Spitze seiner Legionen kommen sehen, an sein Ohr wäre der

Schlachtruf der Araber gedrungen, an seinem Auge wären die Troubadoure

und die Ritter der Kreuzzüge vorbeigezogen. Der Sonnenkönig fährt mit

Mme. Pompadour an ihm im Schlitten vorüber, er hört die Freiheitsreden

Camille Desmoulins’ und sieht das schöne Lockenhaupt der Marie

Antoinette hinrollen in den Staub, Napoleon kommt als General, als

Kaiser und kehrt geschlagen aus Rußland zurück, die junge Kaiserin

Eugenie lustwandelt an ihm vorbei, die deutschen Truppen ziehen 1870

ein, und 1914 hört er den Donner der Kanonen von Soissons und Reims, —

und der Eiszeitmensch ist noch immer nicht gestorben, ja kaum ein

einziges Glied seines Körpers ist abgefallen, trotzdem Sekunde für

Sekunde, 1, 2, 3, 4, ununterbrochen seit jener Eiszeitnacht die Zellen

aus seinem Körper fallen, er lebt noch immer und wird noch weiter leben,

wenn man die Völker Europas nicht einmal mehr mit Namen nennt, noch

100mal länger als von Karl dem Großen bis heute, und in jeder Sekunde

werden wie bisher weiter Tag und Nacht mit der Geschwindigkeit des

rastlosen Uhrzeigers die Zellen aus ihm fallen, und noch immer ist die

letzte Zelle dieses einen einzigen Menschenkörpers nicht erschienen...

„der Mensch ist ein Mikrokosmos, ein kleines Universum, das aus einer

Unzahl sich selbst fortpflanzender Organismen zusammengesetzt ist, die

unbegreiflich klein sind und so zahlreich wie die Sterne am Himmel”

(Darwin).

Im Durchschnitt besitzt jede Zelle eine Kantenlänge von 0,02 ^mm^, so

daß also auf diesem 1 ^cm^ langen Strich ―― 500 und auf diesem ^qcm^ ⬜

250 000 Zellen nebeneinander liegen könnten und in einem Kasten von

dieser Seitengröße über 100 Millionen Zellen verpackt werden könnten. In

einem Stück Würfelzucker fänden 250 Millionen Zellen genugsam Raum, um

ungestört nebeneinander zu leben.

Die Abweichungen von diesem Mittelwert erreichen im menschlichen Körper

ungefähr das Zehnfache nach beiden Seiten. Die kleinsten Zellen sind die

Blutplättchen, winzige, in ihrem Wesen noch wenig erforschte

Bestandteile des Blutes, die 0,0002 ^mm^ im Durchmesser besitzen, die

größte Körperzelle ist die Eizelle mit 0,3 ^mm^ Durchmesser, so daß sie

dem unbewaffneten Auge eben als ein graues Pünktchen sichtbar ist. Ihre

Größe verdankt sie genau wie das Hühnerei der gewaltigen Anhäufung von

Nährmaterial in ihrem Innern für das keimende Kind.

Trotz ihrer Winzigkeit ist jede höhere Zelle und in erster Linie die

menschliche ein feinorganisiertes Lebewesen. Die Zelle ist nicht, wie

man allerorten flachsinnig hört und liest, „ein Plasmaklümpchen mit

einem Kern in der Mitte”; ebenso gut könnte man Paris aus der Höhe eines

Aeroplans als einen Steinhaufen mit einer Wasserrinne in der Mitte

bezeichnen. Die Zelle ist, wie sie der Anatom ~Brücke~ schon vor vielen

Jahren trefflich benannt hat: ein Elementarorganismus.

Plasma, Kern und Zentralkörper sind seine Hauptbestandteile. Wie es in

einem echten Organismus nicht anders zu erwarten ist, liegen diese in

genau bestimmter Lage zueinander. Zellmittelpunkt, Kernmittelpunkt und

Zentralkörper liegen in einer Achse. Nur bei dieser Lage herrscht in der

Zelle Gleichgewicht (Abb. 10, Tafel ^III^).

Den weitaus meisten Raum nimmt das ~Plasma~ ein. Dieses zeigt nicht nur

im Dämmer seines Grau jene fabelhaften Feinheiten, die Fayod und

Künstler in ihm entdeckt haben wollen, nicht nur die Schaumstruktur

Bütschlis, die Fäden Flemmings und die Körner Altmanns, sondern ist

infolge der seit Jahrhunderttausenden durchgeführten Arbeitsteilung in

fast jeder Zellgattung in besonderer Weise durchgebildet, in den

Drüsenzellen wie lagerndes Korn gehäuft, in den Empfindungszellen in

Telegraphennetzen ausgespannt, in den Muskelzellen zu Zugseilen

ausgezogen, in den Fettzellen zu Ölballons gerundet, in den Nierenzellen

zu feinen Kanälen gegossen und in den Hornzellen zu ehernen Platten

ausgewalzt und führt uns so jenen unbeschreiblichen und noch längst

nicht völlig erforschten Reichtum der Plasmagestaltung vor das entzückte

Auge, dessen Studium einen so breiten Raum in der Menschenkunde

einnimmt.

In seiner Grundform zeigt das Plasma zumeist Wabenbau. Das Wabwerk wird

gewöhnlich von einem Fadennetz durchzogen, das an den Wänden der Zelle

weiterverzweigt seinen Anfang nimmt und sich in der Zellmitte in der

Nähe des Kerns um den Zentralkörper verdichtet. In den Knotenpunkten des

Wabwerks und Fadennetzes liegen im Plasma verstreut jene winzigen

Körnchen, die nach Altmanns Theorie die eigentlichen Träger des Lebens

sein sollen und nach seiner Ansicht in der Nährmasse des Plasmas wie

Bakterien in ihrer Gelatine ein selbständiges Leben in freier Bewegung,

Empfindung, Ernährung und Fortpflanzung führen. Am deutlichsten sieht

man diese Körnchen an geeigneten Pflanzenzellen. Die Pflanzenzelle ist

eine Zigarrenkiste, Plasma ihr Inhalt. In der Jugend ist diese

Zigarrenkiste klein und von Plasma völlig erfüllt. Später wächst sie

allseitig und wird geräumiger, aber ihr Inhalt mehrt sich nicht

entsprechend. Folglich kann das Plasma nicht mehr die ganze Kiste

füllen, sondern zeigt zuerst Löcher wie ein Schweizerkäse und reißt

später bei weiterem Wachstum der Kiste völlig auseinander, um

schließlich nur noch wie Honig in einem ausgeleerten Honigglas als

dünner Belag den Wänden anzuhaften und in einzelnen Fäden die leere

Zellhöhle zu durchziehen.

In diesem Wandbelag der Pflanzenzellen sieht man große, rundliche Körner

liegen, die bekannten ~Chlorophyllkörner~, die nur den Pflanzenzellen

zukommen, ihnen ihre grüne Farbe verleihen und unter dem Einfluß des

Sonnenlichts aus Kohlensäure und Wasser die Stärke bauen. Sie liegen an

den Wänden der Zellen, um hier das einfallende Sonnenlicht aufzufangen,

mit dessen Kraft sie ihr chemisches Lebenswerk vollführen. Das

Chlorophyllkorn ist ein chemischer Sonnenmotor.

Im Innern der Zelle dagegen gewahrt man längs der feinen Plasmastränge

die kleineren eigentlichen Plasmakörner, die an den zarten Silberfäden

wie Segelschiffe auf schimmernden Flüssen lautlos dahingleiten, ohne

Stillstand, solange ein Strahl Sonne das Leben dieses kleinen Alls

erhält, — ein so unwirklich zartes, duftdurchhauchtes Bild, daß man wie

durch ein Wunderglas ein Feenreich zu schauen meint, in dem wir zwischen

Mondenglanz und Silbergespinsten einen Elfenzauber belauschen (s.

Umschlagzeichnung, Abbildung einer Kürbiszelle). Ein Bild derart mag

Faust in Nostradamus’ Wunderbuch gefesselt haben, als er entzückt die

Worte rief:

„Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt,

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen

Und sich die goldenen Eimer reichen!”

Über die Bedeutung der Körner herrscht noch große Unklarheit. Während

man früher, ganz gefangen von der wunderbaren Gesamterscheinung der

Zelle, ihnen geringe Beachtung schenkte, widmet man ihnen neuerdings

größere Aufmerksamkeit und betrachtet sie, wenn auch nicht wie Altmann

in seiner erwähnten Körnertheorie als die Elemente des Lebens, so doch

als die Träger und Zentralpunkte der einzelnen Zellfähigkeiten und

unterscheidet demgemäß mehrere Arten.

In allen Zellen verbreitet sind die ~Atemkörner~. Diese sollen einen

Stoff in sich hegen, der ähnlich wie der eisenhaltige Blutfarbstoff der

Blutzellen große Anziehungskraft auf den Sauerstoff der Atemluft ausübt,

diesen aus der Zellumgebung begierig an sich reißt, das

Sauerstoffmolekül spaltet und die einzelnen Sauerstoffatome den

verschiedenen Bezirken der Zelle zuführt. Die Atemkörner spielen demnach

für die Zelle dieselbe Rolle wie die Blutzellen für den

Gesamtorganismus, sie sind die Atemgasbinder und -verbreiter.

Ebenso allgemein wie die Atemkörner findet man die ~Speicherkörner~,

die, wie jene die Atemgase, die aufgenommenen Nährstoffe der Zelle

chemisch an sich binden, aufspeichern und zu gegebener Zeit wieder

abspalten. Je nach ihrer Sondertätigkeit bezeichnet man sie als

Fettkörner, wenn sie Fett speichern, als Muskelkörner, wenn sie in den

Muskeln die Stärke als den Betriebsstoff der Muskelzellmotoren sammeln,

als Nervenkörner in den Nervenzellen und als Dotterkörner in den

Eizellen. In größter Zahl angehäuft finden sie sich in den

Ausscheidungs- oder Drüsenzellen, wo sie als ~Drüsenkörner~ in engster

Beziehung zu den Ausscheidungstätigkeiten der Zelle stehen. Zu Beginn

der Drüsentätigkeit sieht man die Drüsenkörner anschwellen und dunkler

werden, auf der Höhe der chemischen Fabrikation des Drüsensaftes sind

sie so gequollen und saftgefüllt, daß einzelne von ihnen als kleine

Bläschen erkennbar sind; nach der Ausscheidung schrumpfen sie und

verschwinden zum größten Teil unter die Grenze der Sichtbarkeit (Abb.

11, Tafel ^IV^).

Die Körner, die man in so auffallender Zahl in den Nierenzellen sieht,

sollen die Gifte des Blutes an sich reißen und in Harnverbindungen

überführen, die Talgkörner in den Talgzellen das Talgfett herstellen,

die Hornkörner in den Hornzellen das Horn der Haut bereiten, die

Leimkörner den Leim, die Knorpelkörner Knorpelstoff zusammensetzen.

Besonders auffallend wegen ihrer leichten Färbbarkeit und daher früh

erkannt und benannt sind die ~Nervenkörner~ in den Zellen des

Rückenmarks und Hirns, die ganz offensichtlich die für die Maschinerie

der Nervenzellen notwendigen Betriebsstoffe in sich sammeln. Denn in

Ruhe und nach Schlaf, wenn die Tätigkeit der Nervenzellen eine geringe

ist, sieht man sie sich mehren und schließlich die Zelle dicht und dick

erfüllen. Unterwirft man nun das Versuchstier schwerer Arbeit oder

starken seelischen Erregungen, so verblassen die Körnchen und schwinden

schließlich ganz. Aus der Anzahl der Körner in den Nervenzellen kann man

ohne Kenntnis des Vorlebens auf die Vergangenheit und den Nervenzustand

ihrer Träger schließen. Die Nervenzellen eines gesunden Kindes oder

kräftigen Mannes sind reich an Körnern; die des Erschöpften und

Gealterten sind körnerleer, er hat, sagt ahnungsvoll treffend der

Volksmund, seine Nervenkraft verbraucht (Abb. 12, Tafel ^IV^). Der

Mensch, der hinausstürmt ins Leben, hoffnungsvoll, tatenfreudig,

kraftgeschwellt, und der dann als Greis zurückkehrt in den Hafen seiner

Träume, abgehetzt, des Jagens müde und zufrieden, sich selbst noch zu

besitzen, er hat auf seiner Fahrt nicht nur Hoffnungen verloren und

Heimat und Jahre, sondern auch den Inhalt seiner Nervenzellen:

Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,

Waren Kisten und Kasten schwer,

Als ich wiederkam, als ich wiederkam,

War alles leer.

Eine andere, eigenartige und noch durchaus nicht aufgeklärte Rolle

spielen in den Zellen die ~Pigmentkörner~, die Träger jenes braunen

Farbstoffs Pigment, dem der Körper seine dunklen Farben verdankt, den

gelblichen Ton der Haut, das Negerschwarz, Indianerrot, Mongolengelb,

ferner das Braun der Haare und das Dunkel der Augen. Die Pigmentkörner

sind Schutzorgane der Zelle gegen die Einwirkungen des Lichtes, sie sind

die Fensterläden an dem lebenerfüllten Glashaus der Zelle. Von höchster

Wichtigkeit sind sie daher für die Sehzellen des Augenhintergrundes,

die das Sonnenlicht unmittelbar und noch verstärkt durch die

Brennglaswirkung der Augenlinse auffangen, weshalb man die Pigmentkörner

in ihnen in sonst ungekannter Zahl und Geschäftigkeit am Werke sieht. In

dichten Massen liegen sie an den Wänden der Stäbchen- und Zapfenzellen

des Augenhintergrundes. Befindet sich das Auge in Schatten oder mildem

Licht, so wandern die Pigmentkörner an den Grund der Zelle, um es

ungehindert eintreten zu lassen: der Fensterladen der kleinen

Lichtkammer ist aufgezogen. Läßt man nun grelles Sonnenlicht in das Auge

fallen, so rollen die Körner längs der Zellwand herab wie die Leisten

eines heruntergelassenen Fensterladens: das Zellfenster ist verhangen

und das Glashaus geschützt gegen die sengende Glut. Sonnenschirme und

Jalousien sind keine Erfindungen der Kultur, sie sind kein Luxus unserer

Schönen, ihren zarten Teint zu schonen, und kein „Komfort” für die

Terrasse des Hotels, damit die Gäste unbelastigt ihren Mokka schlürfen,

— schon der Glaspalast im Mikrokosmos hat vor seinen Fenstern auf der

Sonnenseite seine Jalousien, und vor den Plasmascheiben, durch die das

Licht der Welt ins Zellenhaus des Menschen scheint, rollen die gelben

Läden sinnvoll auf und nieder... (Abb. 13, Tafel ^IV^).

In gleicher, wenn auch nicht so augenfälliger Weise schützen sich die

Zellen der übrigen Körperoberfläche gegen die Wirkungen des Lichtes und

der Wärme, weshalb das dunkle Pigment in so reichlichem Maße bei den die

Tropen bewohnenden Völkern als das Negerschwarz der Haut vorhanden ist.

Neben der Lichtschutzwirkung müssen die Pigmentkörner andere uns noch

unbekannte Funktionen erfüllen. Irgendwelche geheime Beziehungen

herrschen zwischen ihnen und der allgemeinen Lebenstüchtigkeit des

Plasmas. Geschöpfe, deren Plasma verhältnismäßig reich an Pigmentkörnern

ist, sind lebenskräftiger als ihre pigmentarmen Genossen. Pigmentmangel

ist ein Zeichen der Lebensschwäche. Manchen Wesen fehlt das Pigment

überhaupt, auch in Haaren und Augen. Sie sind daher nicht nur

hellhäutig, sondern auch weißhaarig und infolge des aus dem

Augenhintergrunde durchschimmernden Blutes rotäugig. Diese Albinos,

Weißlinge oder Kakerlaken, diese weißen Raben stehen ihren dunklen

Brüdern an Gesundheit, Widerstandskraft und Fortpflanzungsfähigkeit —

bemerkenswerterweise oft auch an Charakterbildung — wesentlich nach. So

ist die Tuberkulose unter den blonden und hellhäutigen Menschen

verbreiteter als unter den dunkelfarbigen der gleichen Rasse. Ein

auffallendes Beispiel bieten die Schweine Virginiens. Die hellen unter

ihnen gehen nach dem Genuß der giftigen Wurzel Lachnanthes zugrunde,

während die schwarzen Schweine sie ohne Schaden genießen. Die inneren

Beziehungen zwischen Pigmentreichtum und Gesundheit sind noch unbekannt.

Neben den Atem-, Speicher- und Pigmentkörnern besitzen alle Zellen als

eine weitere Art die ~Reizkörner~, Körnchen, die im Gegensatz zu der

allgemeinen Empfindungsfähigkeit des Plasmas eine erhöhte Reizbarkeit

und vor allem die Fähigkeit besitzen, Reize aufzuhalten, zu sammeln,

dadurch zu erhöhen und sie dann umzuschalten. Die Reizkörner sind die

Sammler und Umschalter, die Akkumulatoren und Transformatoren der Zelle.

Als solche liegen sie vornehmlich an jenen Punkten, wo Reizsammlung,

-verstärkung und -umschaltung erforderlich sind, z. B. bei Wimperzellen

an den Wurzeln der Flimmerhaare, die sich unter ihrem Einfluß rhythmisch

bewegen. Zerstört man diese Reizkörner, so kann die Zelle ihren

Wimperhaaren keine gesammelten und geordneten Reize mehr zusenden, und

sie stellen ihre harmonischen Bewegungen ein, um nur noch ungeordnet

durcheinander zu schlagen.

In den Wimperzellen mancher Tiere findet man nicht nur einzelne

Reizkörner, sondern ein ganzes kunstvoll ausgebildetes

Reizleitungssystem von größeren und kleineren Körnern, die durch

Leitungsfäden miteinander verbunden sind (Abb. 14, Tafel ^V^). Solch

eine Zelle mutet an wie ein elektrischer Apparat. Ob sie sich vielleicht

dereinst als ein solcher enthüllt?

Als ein Reizkorn erster Ordnung ist der ~Zentralkörper~ der Zelle

aufzufassen. Er ist zwar größer als die übrigen Plasmakörner, aber noch

immer unvorstellbar klein. Denkt man sich nach dem Vorschlag Reinkes

eine Zelle eine Billion mal vergrößert, so wäre sie eine Kiste von 1/2

^m^ Kantenlänge. In dieser Kiste läge der Kern so groß wie eine

Kokosnuß, neben ihm der Zentralkörper wie eine Erbse. In Wahrheit fänden

also eine Billion Zentralkörper in einer Erbse Raum, so viele, daß man

20 000 Jahre zählen müßte, um den Inhalt der einen Erbse aufzuzählen.

Dennoch besitzt der Zentralkörper, wie durch eingehende Forschungen

festgestellt wurde, einen mathematisch abgezirkelten, man möchte sagen

astronomischen Bau (Abb. 15, Tafel ^V^).

Er liegt fast immer dicht neben dem Kern der Zelle und steht zu ihm in

so nahen Beziehungen, daß manche Forscher ihn als einen außerhalb des

Kerns liegenden Kernteil auffassen.

Im Zentralkörper lauft das gesamte Faden- und Wabennetz des Zellplasmas

zusammen. Wie eine Spinne in ihrem Netz liegt er im Knotenpunkt aller

Fäden und beherrscht sie als das zentrale Reizkorn. Da die im

Zentralkörper zusammenlaufenden Fäden sich in seiner Nähe aufs engste

nähern müssen und wahrscheinlich auch gegenseitig abplatten, kann man

sie in seiner Umgebung kaum mehr wahrnehmen, so daß der Zentralkörper

von einem hellen faden- und wabenfreien Hof umgeben scheint wie die

Sonne, deren Strahlen man in ihrer Umgebung der Fülle wegen nicht

erkennen kann. Der Zentralkörper ist als Sammelpunkt und Schaltstelle

der Bewegungsreize der Motor der Zellmaschine, in die Ausdrucksweise der

Wissenschaft übersetzt, das motorische Zentrum der Zelle. Daher findet

man ihn in den Zellen immer an jenen Punkten, an denen die lebhafteste

Bewegung stattfindet. Bei Zellen mit peitschendem Schwanz sitzt er an

der Ansatzstelle der Geißel, bei Wimperzellen an der Wurzel der bewegten

Haare, bei den Drüsenzellen inmitten der ausfließenden Massen und

bewirkt hier die feinen Zuckungen des Plasmas, durch die der Drüsenstoff

ausgeschieden wird. Am prächtigsten jedoch tritt er bei dem gewaltigsten

Bewegungsprozeß im Leben der Zelle hervor, bei ihrer Teilung.

Die höheren Pflanzenzellen, in denen die Bewegung gegenüber den

chemischen Vorgängen völlig in den Hintergrund getreten ist, haben

keinen Zentralkörper mehr entwickelt. Das Fehlen des Zentralkörpers ist

neben dem Besitz einer festen Wand das zweite Unterscheidungsmerkmal der

Pflanzenzelle von der Tierzelle.

Die Zelle · 第 2 / 6 段