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Dr. Fritz Kahn
Die Zelle
Kosmos. Gesellschaft der Naturfreunde
=^M^ 1.50=
Franckh’sche Verlagshandlung·Stuttgart
Die Zelle
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der
Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das
Verständnis ihrer Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres
Volkes zu verbreiten. — Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch
Verbreitung guter naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
=Kosmos,= Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen. Preis halbjährl. M 4.80.
Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im
guten Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen
Inhalts. Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1920 festgelegt
(Änderungen und Reihenfolge vorbehalten):
=Dr. Fischer-Defoy, Gesundheitliche Gefahren im Hause.=
=R. H. Francé, Biotechnik.=
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=Dr. Kurt Floericke, Schnecken und Muscheln.=
Jedes Bändchen reich illustriert.
Geh. M 1.50.
Gebd. M 2.50
Diese Veröffentlichungen sind durch ~alle Buchhandlungen~ zu
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Auch die früher erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.
(Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen Werke sowie
Preise usw. siehe am Schluß.) Der Kosmos kann auch =halbjährlich=
zum Preise von M 4.80 mit Buchbeilagen bezogen werden.
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh’sche Verlagshandlung,
Stuttgart.
Die Zelle
Von
Dr. Fritz Kahn
Mit zahlreichen Abbildungen im Text
und 8 Tafeln nach Zeichnungen von
~Georg Helbig~
[Illustration]
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung
1919
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in den Vereinigten Staaten
von Amerika:
^Copyright by^
^Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart^
1919
STUTTGARTER SETZMASCHINEN DRUCKEREI
HOLZINGER & Co., STUTTGART
[Illustration]
[Illustration: Abb. 1. Mikroskop von Hooke, mit dem dieser Forscher die
ersten Zellen beobachtete.]
An einem sommerhellen Nachmittag des Jahres 1667 saß der englische
Gelehrte Robert ~Hooke~ vor seinem selbstverfertigten Mikroskop und
betrachtete durch dieses neu erfundene Instrument allerlei Gegenstände,
die er um sich ausgebreitet hatte: kleine Steine, Kiesel und
Sandkörnchen, Moose und Flechten, Fliegen, Spinnen und Käfer, und was er
unter den Lupen des Wunderapparates ins Riesenhafte vergrößert sah, das
malte er getreulich ab, um die Bilder für ein großes Werk zu sammeln,
die „Micrographia”, die später zu London erschienen ist. Nachdem er
etliche Pflänzchen, darunter ein Moosfäserchen und eine zierliche
Flechte, beschaut und fein säuberlich gezeichnet hatte, nahm er ein
Stück Flaschenkork, schnitt ein dünnes, fast durchsichtiges Scheibchen
davon ab und legte es unter die Spitze der langen Lupenröhre in den
Lichtpunkt, den die große gläserne Kugel aus den Strahlen der
Mittagssonne auf seinen Beobachtungstisch zusammentrug (Abb. 1). Da sah
er, daß der Kork sich aus kleinen Fächern zusammensetzte, die wie
Bienenwaben nebeneinanderlagen und die er darum Kämmerchen oder ~Zellen~
benannte (Abb. 2).
Der spielerisch forschende Mann des 17. Jahrhunderts ahnte nicht, daß er
mit diesem Wort Zelle einen Namen schuf, der die Jahrhunderte nach ihm
mit seinem Klang durchhallen sollte, Losungswort für die Wissenschaft,
Offenbarung für den Schüler — — Orakel für den Weisen. So wenig wie
Kolumbus erkannte Hooke die Größe seiner Entdeckung. Doch nicht weniger
war es, was er entdeckte. Es war eine Amerikafahrt des Geistes, und der
durchsonnte Mittag, an dem Hooke im Mikroskop das erste Zellsystem
erblickte, ist jenes Morgens würdig, da Kolumbus aus dämmernden
Meeresnebeln Westindiens Inseln tauchen sah, und jener Nacht
verschwistert, in der Galilei in seinem Fernrohr die Welt des Jupiters
entdeckte. Ein Morgen, ein Mittag und ein Abend........
[Illustration: Abb. 2. Erste Darstellung von Zellen, Korkzellen aus
Hookes „Micrographia” 1667.]
Von allen drei Entdeckungen blieb die der Zelle, die nächste und
greifbarste, am längsten ungewürdigt. Es liegt in der Natur des
Menschen, das Nahe zu übersehen und das Ferne zu überschätzen. In einem
rührend edlen Mischgefühl von Schmerz und Demut ruft Kepler, der
Zeitgenosse Hookes und Jünger Galileis, in seinem Kummer über die
Verständnislosigkeit der Mitwelt gegenüber seinen großen Entdeckungen in
der Planetenwelt: „Darf es mir schwer ankommen, daß die Menschen von
meiner Entdeckung nichts wissen wollen? Wenn der allmächtige Gott 6000
Jahre auf einen Menschen gewartet hat, der sieht, was er geschaffen, so
kann wohl ich 200 Jahre warten auf den, der versteht, was ich gesehen.”
Nicht Kepler hätte diese Klage anzustimmen brauchen, wohl aber Hooke.
Denn genau 200 Jahre, indes die Keplerschen Entdeckungen längst
Gemeingut der gebildeten Welt geworden waren und in Kants
„Naturgeschichte des Himmels” ihren idealen Abschluß gefunden hatten,
mußte Hooke „warten auf den, der verstand, was er gesehen”. Ein
deutsches Forscherpaar war es um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nachdem
im Jahre 1838 der Botaniker Matthias ~Schleiden~ die Zelle als den
lebenden Baustein der Pflanze beschrieben hatte, bewies, von ihm
angeregt, ein Jahr später der Anatom Theodor ~Schwann~ in seiner
Abhandlung „Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in
der Struktur und dem Wachstum der Tiere und Pflanzen”, daß sich alle
Lebewesen ohne Unterschied von der niedersten Pflanze bis zum höchsten
Tierkörper aus einzelnen Zellen zusammensetzen, daß jede dieser Zellen
ihr eigenes Leben führt und daß diese Zellen als die Lebenseinheiten auf
Erden zu betrachten seien. Diese Schrift ist eine der bedeutendsten
Erscheinungen des 19. Jahrhunderts. Sie verdient neben Goethes Faust,
Humboldts Kosmos, Robert Mayers Mechanik der Wärme, Schopenhauers Welt
als Wille und Darwins Ursprung der Arten genannt zu werden. Durch sie
war die Zelle, die Robert Hooke vor 200 Jahren zuerst gesehen hatte,
wahrhaft entdeckt und als Baustein des Lebens erkannt. Mit ihr bricht
für die Lebensforschung das Kopernikanische Zeitalter unserer Tage an.
Die Zelle ist der Baustein des Lebens. Wenn wir ins Tümpelwasser greifen
und ein Tröpfchen davon unter dem Mikroskop betrachten, so sehen wir es
erfüllt von kleinsten Lebewesen, die wie Mücken in der Sonne
umhertanzen, den Aufgußtierchen oder Infusorien. Jedes Tierchen ist eine
Zelle. Wir sehen kleine Algen in ihm schwimmen, gepanzert und schimmernd
wie Schiffe, erfüllt von grünen Körnern, der köstlichen Sonnenfracht des
Lebens, dem Chlorophyll; jede dieser Kieselalgen ist eine Zelle. Daneben
sehen wir Kugeln liegen und Keulen, Rechtecke treiben und Fäden, grün
und braun und rot, und jedes ist ein Pflänzchen für sich und jedes eine
Zelle. Größere Fäden ziehen durch das Feld, Perlschnurketten aus
einzelnen Kugeln, grüne Gehänge aus zierlichen Plättchen, Rosetten aus
Dutzenden von Fächern, Bälle aus tausend Mosaiksteinchen, große
Zellgemeinschaften, Kolonien und Organismen, die das bloße Auge schon
erkennt, und jedes Kügelchen und jedes Fach aus ihnen ist ein lebendes
Teilchen, ist eine Zelle. Als Schwämme wuchern diese Kolonien über den
Boden des Meeres, als Algen treiben sie dahin im Tang der Hochsee, als
Korallen steigen sie auf vom Grunde und bilden Bäume und Riffe, Inseln
und ganze Gebirge, die zum Himmel steigen, bis sie Gletscher tragen und
in ewigem Eise funkeln wie die Dolomiten, die solch aufgetauchte
Korallenbänke versiegter Meere sind, Zelle auf Zelle, gehäusebauend,
Stein auf Stein, eine Pyramidenstadt des Lebens, von ~dessen Reichtum~
nur der tote Stein als schweigendes Denkmal übrig blieb. Der Polyp, der
sich auf diesen Korallen festsetzt, der Wurm, der sich durch ihre Äste
schlängelt, die Qualle, die über sie hintreibt, sind Röhren und Glocken,
zusammengesetzt aus einzelnen Zellen. Der Fisch ist ein Riesenschiff aus
Zellen, der Grashalm ein Eiffelturm von Zellen, der Schmetterling ein
Zellenaeroplan, der, mit feinsten Apparaten ausgestattet, durch die
Lüfte segelt, die Schwalbe ein Luftschiff, der Elefant ein gewaltiger
romanischer Dom, dessen Gigantenbau aus Milliarden Zellensteinen
zusammengesetzt ist.
Solch ein Riesengebäude aus Zellen ist auch der Mensch. Wenn man auf die
Haut seines Handrückens schaut, so sieht man auf eine Decke von Zellen,
wie man aus einem Luftschiff auf das Straßenpflaster einer Stadt
hinabsieht. So wenig der Luftschiffer die einzelnen Steine erkennt, weil
die Entfernung im Verhältnis zur Größe der Steine zu groß ist,
ebensowenig kann man aus der Höhe des Angesichts die winzigen
Einzelzellen wahrnehmen. Um sie zu erkennen, muß sie das Auge aus
nächster Nähe betrachten. Ein Apparat, kleinste Gegenstände aus
allernächster Nähe zu betrachten, ist das Mikroskop. Mit seinen Linsen,
unseren Augenlinsen entsprechend, kann man sich den Dingen bis auf
Bruchteile eines Millimeters nähern, ohne daß der Blick sich trübt, und
sieht sie dann 100- und 1000mal größer als aus der Meterferne des
unbewaffneten Auges. Mit einem solchen Apparat aus nächster Nähe
betrachtet, gewinnt der Körper ein wunderliches Aussehen (Abb. 3, Tafel
^I^).
Wir schauen auf die Haut und sehen, daß sie aus Zellen zusammengesetzt
ist, genau wie das Straßenpflaster unserer Städte aus einzelnen Steinen,
100 Zellen in jedem der kleinen Drei- und Vierecke der zierlichen
Zeichnung. Die Haare, die aus ihr hervorstehen, sind Türme, aus Zellen
aufgerichtet wie die Schornsteine aus Steinen, und in die Haut gemauert
wie diese ins Erdreich. Der Nagel vorn auf dem Finger ist eine
Schutzplatte, aus Tausenden von Zellen zusammengesetzt wie der Boden
einer Fliesenhalle aus Schieferplatten. Bauen wir die Haartürme ab und
reißen das Straßenpflaster der Haut auf, so sehen wir darunter das Fett,
mit dem Mikroskop beschaut, ein Lager von Millionen glänzender Kugeln,
wie die ausgebreiteten Perlenhaufen in den Wunderhöhlen aus 1001 Nacht,
und jede Perle ist ein Fettkügelchen, eine Fettzelle. Wir räumen sie
hinweg, und unter dem Perlenlager leuchtet uns das Scharlach des
Fleisches entgegen. Faser reiht sich an Faser. Wir zupfen sie
auseinander, bis wir sie in feinste Fäserchen, zarter als Spinnenwebe,
zerzaust haben, und erkennen jedes Fäserchen als eine langgestreckte
Zelle. Unter dem leuchtenden Rot des Fleisches schimmert das Marmorweiß
des Beines. Wir brechen den steinernen Knochen auf und erkennen ihn als
ein Mauerwerk aus unzähligen Kalksteinen, und jeder Stein ist das
verkalkte Gehäuse einer in ihm lebenden Zelle. Dann schälen wir das
feuchte Mark aus ihm und untersuchen es unter dem Mikroskop. Zellen
liegen am Grund seiner Flüssigkeit, rund und grau und gelb und zahllos
wie die Steine im Bett eines Flusses.
Nun lassen wir das Blut aus den Adern fließen und finden in ihm Myriaden
von Kügelchen, die in ihm dahinschwimmen wie Erbsen in einem Bach, die
roten Blutkörperchen, jedes eine Zelle. Die Adern selbst erweisen sich
als Röhren, die wie unsere Gartenschläuche aus Gummifasern gewoben sind,
und diese Fasern sind Zellen. Der Darmkanal ist ein gewaltiges
unterirdisches Stadtrohr, dessen Wände wie die unserer städtischen
Kanäle aus einzelnen Backsteinen, den Darmzellen, zusammengemauert sind.
Die Leber enthüllt sich unter den Lupen als eine Zellpyramide,
durchbohrt von Gängen und aus Zellquadern gebaut wie die steinernen
Pyramiden der Pharaonen. Das Auge ist eine ^Camera obscura^, deren Wände
tapeziert und prachtvoll gemustert sind, und jedes Muster ist
zusammengestellt aus einem Mosaik von Zellen. Das Ohr ist ein Klavier
mit Saiten, Tasten und Klöppeln, und jede Saite, jede Taste, jeder
Klöppel ist eine Zelle. So nehmen wir den ganzen Menschen auseinander,
und schließlich bleibt nichts übrig als das Gehirn, dieses feine Gewebe
aus Nervenfasern und Nervenknoten, und wir verzupfen es vorsichtig.
Jedes Knötchen ist eine Zelle, und jedes Fädchen eine Zellenfaser, und
wir knüpfen das Gewebe auf und legen die Hirnzellen zu den übrigen, und
siehe da, nun ist unter unseren Händen nichts mehr übrig vom ganzen
Menschen, drüben aber liegt ein großer Haufen von Millionen kleiner
Bausteine und Fäden, und jeder von ihnen ist eine Zelle. Der Mensch ist,
wie jedes Lebewesen, ein Zellengebäude.
Kein Forschungsergebnis hat das Wesen der Geschöpfe so enthüllt und
vereinfacht wie die Entdeckung der Zelle. Wie hilflos steht man vor dem
verworrenen Gebäude des Tier- und Pflanzenkörpers, wenn man ihn ohne
Kenntnis seines Zellenbaues mit Menschenaugen als eine Maschinerie von
Knochen, Muskeln, Adern, Nerven und Gedärmen betrachtet, ein Labyrinth,
in dem keines Forschers Fuß den Weg der Wahrheit finden konnte, und wie
wunderbar entwirkt sich diese Wirrnis unter den Linsen des Mikroskops
als eine Zusammenstellung aus einzelnen gleichen Lebenseinheiten,
einzelnen Zellen. Wie verschieden mußten doch unseren Vorfahren die
Geschöpfe erscheinen, die sie nur als ein Ganzes betrachten konnten, der
Wurm, die Rose, der Fisch, die Schwalbe, der Mensch, und wie gleich
erscheinen sie uns, die wir sie alle aus den gleichen Zellen, nur in
verschiedener Bauart, wie die Gebäude einer Stadt, zusammengesetzt
finden, nicht verschiedener im Wesen als die Kathedrale vom Bahnhof, das
Theater vom Wohnhaus, die Brücke vom Stadttor, — — Gebäude ~einer~
Technik und ~einer~ Gemeinschaft, die Wohnstätten des Lebens in der
hochgebauten Stadt der Schöpfung.
Um die Zelle als Naturerscheinung zu verstehen, muß man weit
zurückgreifen in die Vergangenheit der Erdgeschichte, bis in jene
unerforschlichen Urzeiten, in denen sich aus dem Chaos der niederen
Elemente das erste Leben schüchtern regte. Nie wird eines Sterblichen
Auge, auch mit kühnstem Geistesblicke nicht, die Wirklichkeit jener
Geburtsstunde unseres Daseins klar vor Augen sehen. Nur träumen kann sie
sich die Phantasie des Forschers.
Im Anfang war die Erde wüst und leer. Wahrscheinlich befand sie sich
zuerst in einem feuergasigen Zustande, wie heute die Sonne, und kühlte
sich allmählich ab. Hierdurch sammelten sich, ihrer Schwere folgend, die
gasigen Elemente immer dichter um den Mittelpunkt des Planeten, zuerst
die schwersten, die wahrscheinlich heute einen festen Kern
zusammengepreßten Gases bilden, um sie die leichteren, die sich der
Reihe nach aus dem Gaszustand in den dampfförmigen, aus diesem in den
flüssigen und aus dem flüssigen in den festen niederschlugen. So mag das
Eisen in der Urzeit in glühenden Nebeln sich gesenkt und dann Meere
flüssigen Erzes gebildet haben; Inseln leichterer Metalle schwammen in
ihm, bis sie im Magma der schweren Flut haften blieben. Eisberge von
Silizium mögen in Kristallgebirgen gegen den Himmel geragt haben; Kalium
und Natrium lohten in Vulkanen durch die Nacht; glühende Wolken
grünlichten Phosphors schwebten phantastisch über die Horizonte der
Dämmerung. Schließlich senkten auch diese leichteren Elemente sich als
Nebel und Reif über die erstarrten Meere und metallenen Seen. Kalium und
Natrium, Magnesium und Kalzium, Phosphor und Schwefel, Silizium und
Aluminium schichteten sich über die erkalteten Riffe von Erz und decken
sie heute als Granit und Gneis, Basalt und Schiefer, Porphyr, Sand und
Ackererde. Über ihnen schweben noch jetzt als Gase die letzten leichten
Elemente, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Auch sie
sind im Begriff, sich niederzuschlagen und so den millionenjährigen
Prozeß der Erderstarrung zu vollenden. Schon ist ein beträchtlicher Teil
ihrer Masse von den niedergegangenen Metallen gebunden und im Boden zu
Stein geworden; Wasserstoff und Sauerstoff haben sich vereint zu Wasser,
das durch die verschiedenen gasigen, flüssigen und festen Zustände
dahinschwingt als Wasserdampf und Wolke, Regen, Schnee und Eis und uns
so in Wandel und Verwandlung das imposante Schauspiel des Niederschlags
der Elemente vorführt, ein tägliches ^memento mori^ des Planetenlebens.
Das Schauspiel nähert sich seinem tragischen Ende. Aber gerade der 4.
Akt ist der Höhepunkt der Handlung. Je tiefere Temperaturen nämlich die
Elemente bei diesem Abkühlungsprozeß erreicht haben, um so zahlreichere
und innigere Verbindungen gehen sie untereinander ein, und gerade die
gemäßigte Temperatur der Gegenwart ist die goldene Zeit der
Verschwisterung und Entbindung, des Wandels und der Verwandlung der
Stoffe und Kräfte. Während in den glühenden Gasen die Atome einzeln hin
und her schwingen, verketten sie sich bei Abkühlung in Dämpfen und
Flüssigkeiten zu Atomverbänden, den Molekülen, und die Moleküle
verbinden sich bei weiterem Temperaturabfall zu chemischen Verbindungen.
Und gerade jene vier Elemente, die heute, im Begriff sich
niederzuschlagen, die Oberfläche des Planeten als Ackerkrume, Wasser und
Luft bedecken, der Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff
besitzen in höchstem Maß Fähigkeit und Neigung, Verbindungen unter sich
und mit anderen Elementen einzugehen. Der Kohlenstoff vor allem hat
durch seine einzigartige Fähigkeit, nicht nur einzelne chemische Körper
zu bilden, sondern diese wiederum zu verketten und so im lebendigen
Einmaleins ganze Reihen von immer höheren chemischen Verbindungen
zusammenzustellen, eine derartige Fülle neuartiger und beweglicher
Stoffe hervorgebracht, daß man die heutige irdische Welt geradezu als
eine Kohlenstoffwelt bezeichnet hat. In dieser sind drei große Reihen
von chemischen Körpern für die Entstehung des Lebens bedeutsam
geworden. Aus dem Grubengas Methan bildeten sich durch Verkettung der
Moleküle auf der einen Seite die Alkohole (Spiritus, Glyzerin), auf
der anderen die Säuren (Fettsäuren); durch die Verkettung des
Glyzerins mit den Fettsäuren entstanden die ~Fette~. Durch Anschluß
von Phosphorverbindungen an diese traten die hochbedeutsamen
~Phosphorfette~, wie das Lezithin, auf. Aus den Fettsäuren bildeten sich
durch Aufnahme von Ammoniak die Ammoniak- oder kurzweg Aminosäuren und
durch Verkettung dieser als zweite Gruppe die ~Eiweißkörper~. Als dritte
Gruppe gingen aus der Kohlensäure die Zucker- und Stärkestoffe, die
~Kohlenhydrate~, hervor, zuerst die niederen, Zucker, dann die höheren,
wie der Traubenzucker, und aus diesen durch Verkettung als höchste
Kohlenhydrate, die Dextrine, Stärken und Zellulosen.
Heute bilden sich diese höheren Kohlenstoffverbindungen, die Fette,
Eiweißkörper und Kohlenhydrate, unseres Wissens nicht mehr frei in der
toten Natur, sondern nur noch im Leib der lebenden Geschöpfe: die
Bedingungen auf Erden haben sich völlig verändert. Aber wir müssen mit
Bestimmtheit annehmen, daß sich einst unter ganz anderen Umständen der
Wärme- und Stoffverhältnisse diese hohen Verbindungen im Lauf
unvorstellbarer Zeiträume und unausdenklicher Geschehnisse stufenweise
aus niederen Verbindungen gebildet haben. Wir müssen diese Entwicklung,
deren Einzelheiten wir uns heute nicht mehr auszumalen vermögen, auf
Grund aller Erfahrungen und Vernunftschlüsse ebenso notwendig als ein
historisches Geschehnis voraussetzen wie die mechanische Entstehung des
Sonnensystems oder der Wasserfälle, Gewitter und Vulkane.
Nachdem sich so aus den Gasen die Dämpfe, aus den Dämpfen die
Flüssigkeiten und aus diesen die festen Körper und damit aus den
Elementen die Verbindungen, aus den niederen Verbindungen die höheren
und aus den Kohlenstoffverbindungen als höchste, die Fette, Eiweißstoffe
und Kohlenhydrate gebildet hatten, was war nun natürlicher, als daß die
Weltentwicklung auf diesem Weg der Sammlung folgerichtig weiterschritt?
Daß nun auch diese höchsten chemischen Stoffe, die Fette und die
Phosphorfette, die Eiweißkörper, die Zucker und Stärkestoffe, sich
wieder zusammensetzten und eine noch größere, noch höhere, feinere und
fähigere Organisation von Molekülen aufbauten? Diese Organisation der
höchsten Kohlenstoffverbindungen, der Eiweißkörper, Fette und
Kohlenhydrate mit dem salzhaltigen Meerwasser und einer Reihe niederer
Verbindungen ergab ein ganz neues Gebilde mit Eigenschaften und
Fähigkeiten, wie sie bisher in der Natur kein anderer Stoff vereinigt
hatte; es entstand das ~Plasma~, ein Stoffgebilde, das lebte. Das
~Leben~ auf Erden war geboren.
Das Plasma ist keine chemische Verbindung wie Schwefelsäure, Fett oder
Eiweiß, es ist auch kein Gemisch von Stoffen, sondern ein ~System~
höchster chemischer Verbindungen mit einer Reihe von niederen Körpern.
Das Wort Stoff, schon viel zu grob für das feingegliederte Molekülsystem
eines Phosphorfettes oder höheren Eiweißkörpers, ist für das Plasma so
unangebracht, als wollte man das Sonnensystem einen Stoff benennen. Das
Plasma ist ein System, eine Organisation. Da es ein Gebilde ist, das
gleich dem Sonnensystem durch Verkettung bewegter Teile entstanden ist
und sich genau wie dieses in dauernder innerer Bewegung befindet, so
kann man es als einen Mechanismus bezeichnen. Das Plasma ist ein dauernd
bewegter chemischer Mechanismus. Die Gesamtheit seiner Bewegungen
bezeichnen wir als Leben.
Atome und Moleküle sind zu klein, als daß wir ihre Organisation erkennen
könnten. Die Organisation der Moleküle zu Plasma dagegen ist so groß,
daß wir sie unter dem Mikroskop wahrnehmen können. ~Diese äußerlich
sichtbare Gestalt der Organisation Plasma ist die Zelle.~ Die Zelle ist
eine Plasmamaschinerie, deren Lauf das Leben ist. So wenig man andere
Maschinerien, etwa Taschenuhren oder Lokomotiven, pfundweise oder nach
Metern berechnet, so wenig kann man Plasma in beliebigen Mengen, wie
etwa Schwefelsäure oder Eiweiß, finden, sondern, wo Plasma auftaucht,
sehen wir es, wie alle Maschinerien, in fest umgrenzten einzelnen
Gebilden. Diese Gebilde sind die Zellen. Nur Plasma kann leben; und da
alles Plasma nur als Zelle auftritt, so ist alles Leben an einzelne
kleine, abgegrenzte Zellen gebunden. Alles Leben ist Zellleben. Alle
größeren lebenden Gebilde müssen sich aus einzelnen kleinen, für sich
lebenden Zellen zusammensetzen.
Die einfachste und niederste Form der Zellen sehen wir in der heutigen
Welt als Urtiere oder Amöben leben. In jeder Straßengosse, jedem
Tümpelgrund, in der feuchten Gartenerde, im trüb gewordenen Wasser der
Blumenvase findet man mühelos diese Amöben. Sie sind so groß, daß man
sie mit unbewaffnetem Auge in günstiger Belichtung eben als kleinste
Pünktchen wahrnehmen kann. Unter gewissen Umständen fließen manche Arten
von Amöben zusammen und bilden dann greifbare Massen einfachsten
Plasmas, die für Untersuchungszwecke ein dankbares Material darstellen.
So entwickeln sich auf der braunen Lohe, die beim Gerben des Leders
abfällt, namentlich zur Frühlingszeit gewisse Amöbenarten, die
zusammenfließen und dann in buttergelben Massen als Lohblüte sich
dahinwälzen. Diese Lohblüte kann man in einem Glase zwischen faulenden
Blättern wochenlang am Leben erhalten und beobachten. Der bekannte
Botaniker Reinke stellte an dieser Lohblüte seine Untersuchungen über
die chemische Natur des Plasmas an, und es gelang ihm, aus dem
eingetrockneten Plasma dieses einfachsten Lebewesens der Welt folgende
Verbindungen herauszulesen:
Wasser
Kochsalz
Kohlensaurer Kalk
Kohlensaures Ammonium
Phosphorsaures Kalium
Phosphorsaures Kalzium
Phosphorsaures Eisen
Phosphorsaure Ammoniakmagnesia
Glyzerin
Freie Kohlenstoffsäuren
Kalzium gebund. an niedere Kohlenstoffsäuren
Kalzium gebund. an höhere Kohlenstoffsäuren
Lezithin
Xanthin
Cholesterin
Harze
Farbstoffe
Traubenzucker
Aminosäuren
Verkettete Aminosäuren
Muskeleiweiß
Dottereiweiß
Kerneiweiß
Unbestimmbare Substanzen 5%.
Welch eine Fülle kompliziertester Stoffe! Welch eine Welt chemischer
Verbindungen im Leib des einfachsten aller Lebewesen! Wer nur einmal
diese Reihe der Plasmastoffe an seinem Auge vorüberziehen ließ, wird für
alle Zeit befreit sein von dem Irrtum, daß das Plasma eine chemische
Verbindung sei, er wird es nie mehr, wie es fast allgemein geschieht,
mit Eiweiß verwechseln und der eingewurzelten Irrlehre huldigen, Eiweiß
könne leben. Es gibt kein „lebendes Eiweiß”! Mit demselben Recht könnte
man behaupten, das Eisen könne laufen, weil man aus Eisen Maschinen
baut. Eiweiß ist einer der Rohstoffe für das Plasma, wie das Eisen der
unserer Maschinen ist. Eiweiß verhält sich zu Plasma wie ein Stahlblock
zu einer Schnellzugslokomotive.
Trotz ihrer imposanten Zahl sind die aufgeführten Stoffe nur die
kümmerlichen Bruchstücke der zerstörten Maschinerie. Ihre wahren
Verbindungen im Innern des Plasmas, ihre gegenseitigen Verknüpfungen und
Beziehungen zum Ablauf des Lebens sind uns fast völlig unbekannt. Durch
die chemische Untersuchung ist das Wesen des Plasmas überhaupt nicht zu
ergründen, denn nicht in seinen Stoffen, sondern in seinem Gefüge liegen
Macht und Geheimnis des Plasmas verborgen. Das Plasma ist eine
Organisation, eine Maschinerie, und indem man bei der chemischen
Zerstückelung das Gefüge des Plasmas zerstört, vernichtet man auch das
Geheimnis seines Wesens. Das lebende unversehrte und das vom Chemiker
gewaltsam abgetötete Plasma sind so verschieden, wie ein sprühendes und
glühendes Feuerwerk und die Pulverasche und Papierfetzen, die nach
seinem Abbrennen übrig bleiben, wie ein bunt bewegtes Theaterstück und
die Kulissen und Kostüme, die nach der Vorstellung auf der Bühne
herumliegen. Wer aus Tiegeln und Retorten das Geheimnis des Lebens
ergründen will, gleicht einem Wilden, der das Rätsel der daherfauchenden
Lokomotive zu lösen sucht und sie einschmilzt, um aus den Schlacken die
Mechanik ihres Laufes zu lesen. Gäbe es die Geisterwelt der Dichter, so
müßte dem Forscher, der im Kolben dieses Plasma zerkocht, um das
Lebensrätsel zu lösen, wie weiland Faust der Lebensgeist erscheinen und
sich von neuem das unsterbliche Zwiegespräch entspinnen:
Geist: In Lebensfluten, in Tatensturm,
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewig Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Forscher: Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäft’ger Geist, wie nah’ fühl’ ich mich dir!
Geist: Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! (Verschwindet.)
Nicht mit rauher Barbarenhand dürfen wir einbrechen in die heilige
Maschinerie des Lebens. In achtungsvoller Ferne müssen wir vor dem
Plasma stehen bleiben und es wie eine Feinmechanik betrachten, die man
unter einer Glasglocke laufen sieht.
Dem unbewaffneten Auge bietet das Plasma keine Besonderheiten. Es gibt
kein zweites Ding auf Erden, das mit solchem Recht auf Stolz so
bescheiden auftritt wie das Plasma. Eine gelblichgraue, zuweilen
feinkörnige Schleimmasse ohne bestimmten Charakter der Form und Farbe —
mehr sieht das grobe Menschenauge nicht vom edelsten Gefüge der Welt.
Durch seinen überwiegenden Gehalt an schwerflüssigen Eiweißstoffen,
Fetten, Zucker- und Stärkelösungen ist das Plasma halbflüssig,
festflüssig; es ist weder fest noch flüssig, es ist beides. Es ist
gerade so fest, daß es seine jeweilige Form behalten, und ebenso
flüssig, daß es sie jeweils verändern kann. Es ist „plastisch”; und
dieser Eigenschaft, alle Formen anzunehmen, zu bewahren oder zu
verändern, verdankt es seinen Namen Plasma, Bildungsstoff, oder
Protoplasma, Urbildungsstoff.
* * * * *
Untersuchen wir in der Hoffnung, näheres über seinen Bau zu erfahren,
Plasma unter dem Mikroskop, so wird unsere Enttäuschung in keiner Weise
gemindert. Auch hier sehen wir selbst bei tausendfacher Vergrößerung
kaum mehr als eine trübe, bald mit Körnchen, bald mit Fäserchen oder
Bläschen durchsetzte Gallerte. Unendlich viel ist über den feineren Bau
des Plasmas geforscht worden. Generationen von Gelehrten haben,
bewaffnet mit allen Mitteln der modernen Optik und Beleuchtungstechnik,
in Rieseninstituten ihr Leben über Mikroskopen feinster Konstruktion
zugebracht, haben wahre Leuchtturmscheine in die Tiefe dieses grauen
Meeres gerichtet und sich die Augen trüb gesehen, haben es, als dies
nichts fruchtete, mit den feinsten Farben der Welt nach allen Methoden
gefärbt, mit den schärfsten Messern bis zu Scheiben von 1/100 Millimeter
Feinheit geschnitten, es mit allen Säuren, Laugen und Lösungen zersetzt,
im Ultramikroskop bei 5000facher Vergrößerung beobachtet, mit den besten
photographischen Apparaten photographiert und die Photographien
vergrößert, mit Stereoskopen betrachtet und kinematographisch verfolgt —
und haben sein Geheimnis nicht an den Tag gezogen.
„Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Blick nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.”
Niemand weiß Genaues über den Bau des Plasmas. Da aber jeder sich von
ihm ein Bild zu machen sucht und dieses je nach seiner Augenschärfe,
seinen zufälligen Erfahrungen, seiner Phantasie und seinen allgemeinen
wissenschaftlichen Anschauungen verschieden ausfällt, so vertritt fast
jeder Forscher eine eigene Plasmatheorie.
Nach der ältesten Ansicht, die in den 80er Jahren von ~Altmann~
vorgetragen wurde, soll das Plasma aus einer schleimigen Grundsubstanz
bestehen, in der als die eigentlich lebenden Teile winzige Körnchen
eingebettet liegen, die wie Bakterien in ihrer nährenden Grundmasse
leben und sich vermehren (Körner- oder Granulatheorie) (Abb. 4^a^, Tafel
^II^).
Fast zur selben Zeit trat der bahnbrechende Plasmaforscher ~Flemming~
mit der Fadentheorie auf den Plan, in der er an Stelle der Körnchen
Fäden als die eigentlichen Grundteile des Plasmas annahm (Abb. 4^b^,
Tafel ^II^).
An die Fadentheorie knüpfte der berühmte Forscher ~Pflüger~ an, der sich
das Plasma als ein Gewebe von kettenartig aneinandergereihten Molekülen
vorstellte, zwischen denen Flüssigkeiten kreisen. Ähnlich dachte es sich
der Botaniker ~Naegeli~ als ein Mosaik von kristallartig angeordneten
Molekülgruppen. Der französische Forscher ~Künstler~ wollte sogar bei
stärkster Vergrößerung diese Ketten und Mosaiken gesehen haben und
beschrieb das Plasma als ein Wundergewebe der herrlichsten Ornamente,
als einen Teppich des Lebens, dessen lebendige Bilder bald aus der Tiefe
steigen, bald in die Tiefe versinken, ineinanderfließen und sich
verstricken, wieder entwirken und so wie die Farbenbuntheit eines
Kaleidoskops an dem gebannten Auge des Bewunderers vorüberziehen (Abb.
4^c^, Tafel ^II^).
Künstler wurde in seinen Schilderungen noch übertrumpft von seinem
Landsmann ~Fayod~. Künstler sah hinab in eine still fließende Pracht,
Fayod schaute in die Tiefe eines Leben gebärenden Chaos. Er sah im
Plasma Wirbel und Spiralen, Bänder und Fäden, Schrauben und Kreise, die
sich wie Würmer, wie Schlangen durcheinanderwanden, und je tiefer er
hinabsah, um so mehr Ringe und Spiralen tauchten aus der Tiefe hervor,
und jedes einzelne Band war geflochten aus gesponnenen Fäden, und jeder
Faden war wieder gewunden aus einzelnen Schnüren, und im Halbdunkel der
Lichtgrenze lösten sich diese Schnüre auf in Punkte, Pünktchen an der
Grenze des Unsichtbaren, wie die Sonnenwelten der Milchstraße im grauen
Dämmerkreis des weltalldurchdringenden Fernrohrs. Wie die Arabesken an
den Wänden der Zauberschlösser aus 1001 Nacht muten diese Bilder aus den
Tiefen des Lebens an. Sind sie Wahrheit oder Märchen? Wundergebilde aus
dem Formenschatz der Natur oder Ausgeburten romanischer
Forscherphantasie? (Abb. 4^d^, Tafel ^II^).
Über all diese Augen- und Hirngespinste hat in den neunziger Jahren die
auf eingehende Untersuchungen fußende Waben- oder Schaumtheorie
~Bütschlis~ den Sieg davongetragen. Nach Bütschlis Ansicht ist das
Plasma ein mikroskopischer Schaum, der sich, wie der Bierschaum aus Luft
und Bier, aus zwei verschiedenen Gruppen von Stoffen zusammensetzt: aus
den schwerflüssigen Eiweiß-, Stärke- und Fettverbindungen, die die Wände
der Schaumkammern bilden (entsprechend dem Bier), und den
leichtflüssigen Säure-, Zucker-, Salz- und Seifenlösungen, die diese
Schaumkammern ausfüllen (entsprechend der Luft). Bütschli erzeugte mit
Olivenöl und Seifenwasser mikroskopisch feine Schäume, die mit dem
Plasma vieler Zellen eine solche Ähnlichkeit besitzen, daß man sie nicht
voneinander unterscheiden kann (Abb. 5).
Das Plasma ein Schaum! Der große, stolze Mensch — ein Schaumgebilde!
Die Schaumtheorie Bütschlis ist nicht nur theoretisch und durch den
Augenschein gut begründet, sondern vermag auch, wie keine andere, die
zahlreichen, so wechselnden Erscheinungen im Anblick des Plasmas zu
erklären. Entsprechend der Unzahl der chemischen Verbindungen des
Plasmas sind die Tröpfchen und Waben mit verschiedenen Stoffen erfüllt,
gibt es im Plasma Säure-, Alkohol-, Fett-, Phosphorfett-, Aminosäure-,
Eiweiß-, Zucker-, Stärke-, Salz- und Seifentröpfchen und -waben, die
durch die wechselnde Zahl und Zusammenstellung die unendliche Artenfülle
des Plasmas in den einzelnen Pflanzen und Tieren, Geweben und Organen
hervorrufen und das jeweilige Auftreten von feinen oder gröberen
Punkten, von Linien, Schollen, Mosaiken, Fäden und die oft entzückend
harmonischen Felderungen im Innern des Plasmas bewirken (Abb. 4^e^,
Tafel ^II^).
[Illustration: Abb. 5. Ölseifenschaum und Plasma (nach Bütschli).]
Dieser chemische Reichtum kommt aber erst durch die physikalischen
Eigenschaften des Schaums zu lebendiger Entfaltung. Als chemisches
Gemenge wäre er ein Hexensabbat von Chemikalien. Durch die physikalische
Anordnung zu Schaum wird die Fülle zum planvoll wirkenden Getriebe.
Jedes Kügelchen und jede Kammer im Innern des Plasmas bildet eine kleine
Werkstatt des Lebens, die, von der Außenwelt abgeschlossen, in sich und
für sich lebt und wirkt. Wie Planeten mit ihren Wolken, Meeren und
Bewohnern ungestört umeinanderkreisen und alle gemeinsam das bewegte
Sonnensystem bilden, so schweben die Fett-, Eiweiß-, Zucker-, Stärke-,
Salz- und Seifenkügelchen im Plasma als die Planetenwelt des Lebens
ungehindert im Verein. Wo sie sich berühren, schließen sie sich durch
ihre Kammerwände streng voneinander ab. Zwischen ihnen fließen die
Lösungen der niederen Stoffe, und jede Kammer und jedes Tröpfchen nimmt
aus ihnen diejenigen Stoffe in sich auf, die seinem Inhalt chemisch
verwandt sind. Die eine Wabenwand ist für Salzlösungen durchlässig und
häuft die Salze in sich an. Eine andere läßt Zuckermoleküle ein und
setzt aus ihnen Stärke zusammen. Eine dritte baut aus Aminosäuren
Eiweiß, eine vierte aus Fettsäuren und Natrium Seife. So führt jedes
Kämmerchen im Schaumpalast des Lebens unbekümmert um den Wechsel und
Wandel umher ein durch seinen Bau vorgeschriebenes, zwar beschränktes,
aber harmonisch abgestimmtes Dasein, jedes ein schaffendes Glied in der
lebendigen Kette des Lebens. Nur wer sich so im Rahmen der Wabentheorie
das Innenleben des Plasmas in einer einzigen Zelle als das Zusammen- und
Nebenspiel von vieltausend chemisch-physikalischen Vorgängen in einem
Miniaturwabwerk von vielleicht 20 000 Kügelchen und Kämmerchen zur
Vorstellung zu bringen sucht, jede Zelle vor sich sieht als eine
chemische Fabrik mit tausend abgeschlossenen geschäftigen Laboratorien,
nur der naht sich dem Problem des Lebens mit jenem Bewußtsein seiner
Tiefe und Verschränktheit, das diese in des Wortes wahrstem Sinne
wundervollste Naturerscheinung von jedem verlangt, der nicht vergeblich
an den Pforten seines Geheimnisses klopfen will.
Die äußere Form, in der das Plasma auftritt, ist die Zelle. Die
einfachste Zelle der heutigen Lebewelt ist die Amöbe, nichts anderes als
ein mikroskopisch kleines Tröpfchen grau gekörnten Plasmas. Sie besitzt
noch keine feste Gestalt, sondern wälzt sich unter dauernder Veränderung
ihrer Form wie ein hinfließender Teig über den feuchten Grund.
Hinwälzende Bewegung, Empfindung, Nahrungsaufnahme, Wachstum und
Fortpflanzung durch Teilung ihrer Masse sind die auffallendsten
Äußerungen ihres primitiven Lebens (Abb. 6, Tafel ^II^).
Als eine Art Amöbe müssen wir uns auch das Urtier der Vorzeit, die
Stammform aller späteren Zellen und Geschöpfe, denken. Aus ihr
entwickelten sich die höheren Formen durch das Prinzip der
Arbeitsteilung. Wälzt sich der Plasmatropfen hin, so bewegen sich die
Außenteile der Kugel stärker als die der Mitte, so wie der Umfang eines
bewegten Rades sich rascher dreht als seine Achse. Trifft das Urtier ein
Reiz der Außenwelt, etwa der Anstoß eines Steines oder die Kälte einer
Strömung, so empfinden wieder die Außenteile die Wirkung stärker als die
der Mitte. Demgemäß mußten nach dem bekannten Lebensgesetz, daß durch
Gebrauch die Organe erstarken, wie die Muskeln des Turners, durch
Nichtgebrauch dagegen verkümmern, wie die Zehen des Kulturmenschen, von
Urbeginn an sich im Plasma der Zelle Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit
in den Randteilen stärker entwickeln als in den Innenbezirken. In diese
ruhende Mitte dagegen wandern die aufgenommenen Nahrungsstoffe und
werden hier durch chemische Säfte verdaut, so daß die Mitte der Zelle
zum chemischen Zentrum wird, während die bewegten und empfindenden
Außenteile nur wenig zur Entfaltung ihrer Verdauungskräfte gelangen und
diese folglich in ihnen allmählich verkümmern. Ebenso sammeln sich alle
übrigen der Bewegung hinderlichen Bestandteile aus den Außenbezirken der
Zelle in ihrer Mitte an, so vor allem die kostbaren Stoffe der
Vererbung, und bilden hier eine Anhäufung, einen Kern.
Durch diese verschiedene Ausbildung der einzelnen Bezirke und die
Ansammlung gewisser Stoffe an bestimmten Stellen gliedert sich die
Amöbenzelle, organisiert sich der Zellenleib. An manchen niederen
Zellarten kann man diesen Vorgang der Organisation, der sich in der
Vorzeit im Lauf von vielen Jahrmillionen allmählich vollzogen haben
wird, unmittelbar beobachten. Die meisten Bakterien besitzen, wie die
Uramöbe, ein durch die ganze Zelle gleichförmig gestaltetes Plasma. Bei
manchen von ihnen sieht man nun, wie sich in Zeiten höchster
Lebensentfaltung, namentlich zur Zeit der Fortpflanzung, die bis dahin
durch das ganze Plasma gleichmäßig verstreuten Körnermassen in der
Zellmitte sammeln und hier eine dunkle Anhäufung, einen Zellkern, bilden
(Abb. 7). Diese Kernbildung bleibt bei allen höheren Zellen eine
ständige Einrichtung und wird als fester Besitz von Zelle zu Zelle
vererbt. Jede höhere Zelle besitzt in der Mitte ihres Plasmas einen
Kern, der durch die Anhäufung bestimmter Plasmateile entstanden ist.
[Illustration: Abb. 7. Kernbildung bei Bakterien (nach Schaudinn).]
In vielen Zellen kann man diesen Kern ohne jede Vorbereitung sehen.
Betrachtet man eine Spur Speichel unter dem Mikroskop, so erblickt man
in ihm große vier- und fünfeckige Plasmaplatten, abgestoßene Deckzellen
der Zunge, die in der Mitte einen Kern tragen. Tropft man zu dem
Speichel etwas Essig, so gerinnt das Eiweiß des Plasmas und wird hart
und dicht wie das Eiweiß des gekochten Eies, und zwar gerinnt es um so
leichter und stärker, je feiner das Eiweiß ist, und da nun der Kern der
Zelle aus den edelsten Eiweißarten besteht, ist er gegen Säuren
empfindlicher als die übrigen Zellbezirke, schrumpft stärker, wird
dadurch dichter und dunkler und tritt nun als schattiger Punkt kräftig
hervor. Noch sinnenfälliger wirkt die Färbung. Man kaufe sich für wenige
Pfennige in der Apotheke ein Fläschchen mikroskopischer Färbemittel,
Alaunkarmin oder Hämatoxylin, nehme eine Zwiebel und schäle von einer
der inneren Lagen ein feines Häutchen ab. Betrachtet man es zuerst ohne
Zubereitung bei 50-100facher Vergrößerung, so erkennt man, daß die
Zwiebelhaut aus schönen, rechteckigen Zellen wie eine Hausmauer aus
Ziegelsteinen zusammengesetzt ist. Kerne erblickt man in den Zellen
nicht. Tropft man auf das Häutchen eine Spur Essig, so erscheinen die
Zellkerne als Punkte. Nimmt man nun ein neues Häutchen, tropft eine
Farbe darauf, läßt sie einige Minuten wirken und spült sie dann mit
Wasser ab, so erblickt man die Zellkerne je nach der Art und Dauer der
Färbung als rosenrote bis scharlachfarbene Punkte in den Zellen.
Mit Hilfe derartiger mikroskopischer Färbemethoden, die zu einer
vielseitigen, zum Teil höchst geistreichen Technik ausgebaut sind, hat
man in der tierischen Zelle neben dem Kern als niemals fehlenden
Bestandteil noch einen anderen winzig kleinen, aber wichtigen Körper
gefunden, den man den Zentralkörper genannt hat. Plasma, Kern und
Zentralkörper sind die drei Hauptteile der tierischen Zelle.
Um sich von der Größe und Lage dieser drei Zellteile ein Bild zu
machen, gehe man in die Küche und nehme ein Ei. Wer sah noch nie ein
Ei? Schaut es euch an! Ihr lächelt? Niemals saht ihr es so: das Ei
ist eine Zelle. Das Hühnerei ist eine Riesenzelle. Nicht in dem streng
wissenschaftlichen Sinn einer Plasmaorganisation, wohl aber eine echte
Einzelzelle, bepackt mit Kisten und Kasten für die Fahrt ins Leben, eine
Eizelle, ausgestattet mit dem ganzen Kinderstaat für das noch ungeborene
junge Hühnchen. Diese Riesenzelle Ei bietet nun — rein anschaulich,
nicht dem innern Wesen nach — genau das Bild der Zellorganisation. Das
Hühnerei besteht aus der Schale, dem Eiweiß, der Dotterkugel und dem
Keimfleck, der neben der Dotterkugel im Eiweiß schwimmt. Das Eiweiß
entspricht dem Plasma, die Dotterkugel dem Kern, der Keimfleck dem
Zentralkörper der Zelle. Genau wie das Hühnerei sähe eine Zelle aus,
wenn wir sie eine Milliarde mal vergrößert auf den Tisch legten. Zellen
sind keine leeren „Zellen”, etwa Hohlkammern wie ein Bienenwaben,
sondern Körper mit Ausdehnung, Masse und Gewicht wie das Ei. Man schlage
das Ei auf und lasse seinen Inhalt auf einen Teller fließen. So flösse
das Plasma der Zelle hin, gelb und schleimig, so triebe in ihm der etwas
festere und dunkelfarbigere Kern, so hinge an diesem der kleine
Zentralkörper.
Die Schale des Eies werfen wir fort. Sie ist als Schutzschale von
nebensächlichem Wert. Nur wo sie ihrer dringend bedarf, wie hier als
Hühnerei, bildet die tierische Zelle eine Schale. Die Zellen, die im
Innern des tierischen Körpers geschützt sind, bauen sich keine festen
Wände. Die Pflanzenzellen hingegen, die schutzlos Wetter und Feinden
preisgegeben sind, umpanzern sich. Der Besitz einer festen Zellwand ist
das Unterscheidungsmerkmal der Pflanzenzelle von der Tierzelle. Die
Pflanzenzelle ist eine Zigarrenkiste, mit Plasma gefüllt, das durch die
Poren des Holzes mit der Außenwelt in Austausch steht; die Tierzelle
dagegen ist ein Stück Butter, eine wandlos weiche, plastische Masse. Man
nehme zwei Eier. Das eine lasse man roh in seiner Schale, das andere
kocht man halbhart und schält es ab. Das rohe flüssige Ei in harter
Schale ist die Pflanzenzelle, das gekochte abgeschälte, im Innern noch
weiche, außen erhärtete Ei ist die Zelle des Tieres, die Zelle des
menschlichen Körpers (Abb. 8 und 9, Tafel ^III^).
Jedes Modell hat seinen Vorzug. Die Tierzelle ist ein Baustein aus
plastischem Ton. Frei von beengender Wand, ist sie jeden Wachstums,
jeder Wandlung, jeder Bewegung fähig, gestaltet sie sich, in ihrer
Urform wie die Amöbe eine Kugel, durch allseitigen Druck zum Vieleck,
das Vieleck streckt sich und wird zur Säule, die Säule flacht sich ab
und wird zur Platte, diese krümmt sich und wird zur Röhre, die Röhre
zieht sich in die Länge und wird zum Faden. So bildet sie Baustein und
Bodenbelag, Säule, Balken, Seil und Röhre im Zellenpalaste Mensch. Wenn
je mit einem alles und mit allem eines und dieses eine so groß und
vielgestaltig geschaffen wurde, wie nur ein Palast des Lebens
aufgerichtet werden kann, so ist dieses alles der Mensch und dieses eine
sein Universalbaustein, die wandungslose tierische Zelle.
Die kistenartige Pflanzenzelle ist solchen Wandlungen nicht so leicht
zugänglich, dafür ist sie kräftig und widerstandsfähig, und da ihre
Zellwand nicht starr ist, sondern aus Zellulose (Zellwandstoff), Kork
und Gummi besteht, so ist sie als elastisches Röhrenstück die ideale
Grundeinheit für die federnden Riesentürme und die geometrischen
Gigantengebäude der Flora. Zu welchen Leistungen sie die Pflanze
befähigt, entgeht zwar dem oberflächlichen Alltagsauge, muß aber jedes
denkende Gemüt mit tiefster Bewunderung erfüllen. Ein Roggenhalm hat
einen Durchmesser von 3 und eine Höhe von 1500 ^mm^, ist also 500mal
höher als die Breite seines Fundaments. Dementsprechend mußte der Kölner
Dom mit seinem heutigen Unterbau statt 160 ^m^ ihrer 5000 ^m^ Höhe
besitzen. Und dieser Riesenturm des Roggenhalms läuft nicht spitz aus,
sondern trägt an seinem oberen Ende einen Aufbau, der das Gewicht des
Turmes um das 30fache übertrifft, und steht nun nicht steif wie ein
Kirchturm, sondern schwingt mit seinem Turmaufsatz, seinen Erkern und
Glocken lustig im Winde umher und richtet sich, wird er herabgebogen,
mit seiner Last wieder auf! Man stelle sich unter einen schöngewachsenen
Baum und betrachte ihn mit dem Blick des Baumeisters. Man umspanne
seinen schmalen Stamm und lasse dann das Auge hinaufwandern und
verfolge, wie sich die Pappel schmal und steil haushoch über den Boden
erhebt und wie die Kastanie sich in tausend Flächen, Spitzen, Kanten
über einen ganzen Hof verästelt und vom Stamm bis zu den höchsten
Zweigen sich im Winde wiegt, und man wird durch diese andachtsvolle
Naturbetrachtung vom Wesen, Wert und Wirken der wandbekleideten
elastischen Pflanzenzelle einen tieferen Eindruck erhalten als durch
alle Berechnungen des Verstandes und lobende Worte aus Menschenmund.