praktisch angewandt finden. Es gibt nun noch eine große Anzahl anderer
Anordnungen; interessant ist namentlich eine Gruppe von Apparaten, wobei
der Film nicht ruckweise bewegt wird, sondern mit gleichmäßiger
Geschwindigkeit läuft. Ich will davon ein Beispiel geben. Sie sehen in
Figur 40 links den Film, der über zwei Rollen läuft. Davor befindet sich
eine Reihe von Objektiven, die wie ein Kranz auf der Drehscheibe sitzen
und einen Rundlauf machen, um eines nach dem anderen in Tätigkeit zu
treten. Jedes Objektiv läuft eine kleine Strecke in gleicher
Geschwindigkeit mit dem Film zusammen und führt während dieser Zeit die
Belichtung aus. Infolge der gleichmäßigen Mitbewegung hält das Objektiv
das Bild sozusagen auf dem Film fest, und daher bekommen wir eine
vollkommene Schärfe. Bei dieser Anordnung sind ruckweise Bewegungen
vermieden. Sowohl der Film als auch sämtliche Teile des Mechanismus
bewegen sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit. Daher bietet sich hier
die Möglichkeit, den Apparat außerordentlich schnell laufen zu lassen
und eine sehr große Anzahl von Aufnahmen in der Sekunde zu machen, wie
es für bestimmte Zwecke erforderlich ist.
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
Der Amerikaner Jenkins, dem wir die Ausarbeitung dieses Systems
verdanken, das übrigens Ducos du Hauron 1864 schon angab, machte mit der
in Figur 41 dargestellten Kamera, die 15 Objektive besitzt, über 250 gut
exponierte Aufnahmen in der Sekunde. Der Engländer Maskelyne löste die
Aufgabe in der Weise, daß er in das Objektiv des Apparates ein
rotierendes optisches Organ einbaute, das jedes Bildchen immer eine
kleine Strecke mit dem bewegten Filmband mitführt. Auch hier ist die
Zahl der Bilder, die man in der Sekunde aufnehmen kann, nur begrenzt
durch die Lichtempfindlichkeit des Negativfilm. Aber ebenso wie bei
Jenkins ist die Ausführung sehr kostspielig: ein Apparat dieser Art, den
die britische Artillerie-Prüfungskommission zur Photographie fliegender
Geschosse benutzt, stellte sich auf Mk. 10000. Eine noch höhere
Leistungsfähigkeit erzielte Cranz; ihm gelang es, eine Einrichtung zu
konstruieren, womit in der Sekunde auf den mit 90 Meter Geschwindigkeit
laufenden Film 5000 Bilder gemacht wurden. Dieser Apparat dient
erfolgreich dazu, fliegende Geschosse und ihre Wirkung kinematographisch
aufzunehmen.
_Ausstattung des Kinematograph-Mechanismus._
Für die gewöhnlichen Zwecke der Kinematographie werden, abgesehen von
unwesentlichen Abänderungen, nur die zuerst besprochenen Konstruktionen
benutzt, die den Film ruckweise weiterbewegen. Wenn man nun einen
vollständigen Kinematograph-Mechanismus ansieht, so findet man noch
allerlei Räderwerk und verschiedenerlei Vorrichtungen daran; namentlich
die für Kinematographentheater bestimmten Apparate werden sozusagen mit
allen Schikanen ausgerüstet. Da ist z. B. für den Schutz des Films
gegen die heißen Lichtstrahlen gesorgt. Das Zelluloid, woraus das
Filmband besteht, ist ein leicht entflammbares Material, und es tritt
daher bei Stillstand des Mechanismus, wo die Strahlen Zeit haben, auf
den Film zu wirken, die Gefahr auf, daß es entzündet wird. Dies wird nun
verhindert durch eine Sperrklappe, die beim Betriebe durch einen
Regulator geöffnet wird und sich selbsttätig schließt, sobald der
Apparat aufhört zu laufen. In Figur 42 ist ein derartiges Modell
wiedergegeben. Figur 43 zeigt einen einfacheren
Kinematograph-Mechanismus in Verbindung mit einer Projektionslaterne,
wie er in Vereinen und Schulen gebraucht wird. Der Antrieb wird bei den
Theaterapparaten in der Regel durch einen kleinen Elektromotor bewirkt,
während man das Werk sonst mit der Hand dreht.
[Illustration: Fig. 42. Mechanismus eines Theater-Kinematographen.]
[Illustration: Fig. 43. Einfacherer Kinematograph in Verbindung mit
der Projektionslaterne.]
_Der Aufnahmeapparat._
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
Wir wollen uns nun auch den Aufnahmeapparat einmal näher ansehen. Der
lichtempfindliche Film sitzt, wie Figur 44 zeigt, in der oben
angebrachten Kassette, läuft dann um die obere Zahntrommel und wird von
dieser der Belichtungsstelle zugeführt. Vorne im Apparat, hier nicht
sichtbar, befindet sich der Mechanismus, in diesem Falle ein Greifer,
der den Film ruckweise vorwärts bewegt. Der unten stoßweise austretende
Film läuft dann über die zweite Zahntrommel und wird dadurch der unteren
Kassette in gleichmäßiger Bewegung zugeführt. Zu einem vollkommenen
Apparat gehört nun u. U. noch eine Einstellvorrichtung, ein Zähler, der
angibt, wieviel Film belichtet ist, und ein Geschwindigkeits-Anzeiger,
woran der Photograph kontrollieren kann, ob er die Kurbel mit der
richtigen Schnelligkeit dreht.
[Illustration: Fig. 44. Kinematographischer Aufnahme-Apparat mit
eingespanntem Film (geöffnet).]
Fußnoten:
[C] Dieses Schema deutet ebenso wie die folgenden einen Vorgang
an, der sich in 1/5 Sekunde abspielt.
Das kinematographische Aufnahme-Verfahren.
_Wie man mit der Aufnahmekamera arbeitet._
Figur 45 zeigt uns den Photographen bei der Arbeit. Das Photographieren
an sich ist einfach, wenn man einmal mit einer Kamera umzugehen weiß.
Der Apparat sitzt auf einem recht kräftigen Stativ, man richtet ihn auf
den Gegenstand und dreht die Kurbel. Wenn sich aber der Gegenstand, wie
hier der Dampfer, fortbewegt, so muß man mit der Kamera nachfolgen, und
dazu gehört Geschick und Übung. Überhaupt werden kinematographische
Aufnahmen dadurch komplizierter, daß während des Belichtens leicht etwas
Unvorhergesehenes eintreten kann.
_Aufnahmeateliers._
Einstudierte Szenen bieten, wenn sie sich programmäßig abwickeln, bei
der Aufnahme selbst am wenigsten Schwierigkeiten, dagegen schaffen sie
vorher viel Mühe und Arbeit. Die bedeutenderen Filmfabriken haben dazu
riesige Ateliers und beschäftigen ein gut eingeschultes Personal von
Schauspielern, die einem tüchtigen Regisseur unterstellt sind. Viele
tausend Meter Films werden da tagtäglich geschaffen und in alle Welt
hinausgeschickt.
[Illustration: Fig. 45. Herstellung einer kinematographischen
Aufnahme.]
_Lebensgeschichte des Kinematographenfilm._
Wenn man nun die Lebensgeschichte des Kinematographenfilm, wie er
nachher durch den Projektions-Apparat läuft, verfolgen will, so muß man
zunächst in eine der großen Zelluloidfabriken gehen. Da wird das
Zelluloid in breiten Bändern und in Längen bis zu 50 Metern gegossen: es
ist eine schwierige Fabrikation, deren Ausarbeitung sehr große Erfahrung
und jahrelange Versuche erforderte. Nur einige wenige Werke vermögen den
Rohfilm in der richtigen Beschaffenheit: fest und geschmeidig, glasklar
und fehlerlos, herzustellen. Noch schwieriger gestaltet sich die
Bereitung eines tauglichen, unverbrennbaren oder doch schwer brennbaren
Filmmaterials, wie es im Zellit vorliegt, das gegenüber dem leicht
entzündlichen Zelluloid große Vorzüge bietet.
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
In einem anderen Werke oder in einer anderen Abteilung des ersteren wird
beim Lichte roter Lampen auf das breite Zelluloidband die
lichtempfindliche Emulsion aufgetragen, eine Emulsion derart, wie man
sie für photographische Platten anwendet. Dann läuft das Band durch eine
Schneidemaschine, die es mit Tellermessern in schmale Streifen zerteilt,
wie der kinematographische Apparat sie braucht. Diese Streifen wandern
nun, zu Rollen gewickelt, in die Filmfabrik. Deren erste Arbeit besteht
darin, die Streifen mit der Perforation zu versehen. Das geschieht,
ebenfalls in rot beleuchteten Räumen, durch Perforiermaschinen, die
stündlich viele tausend Löcher einstanzen. In größeren Werken sind deren
mehrere Dutzend in rastloser Tätigkeit. Von diesen Maschinen wird größte
Präzisionsarbeit verlangt: die Abstände der Löcher müssen genau
innegehalten werden; denn die geringste Abweichung würde nachher bei der
Projektion ein Tanzen des Lichtbildes verursachen. Nun sind die Films
gebrauchsfertig und werden dem Photographen übergeben, der sie den
Kassetten seiner Kamera einverleibt.
Inzwischen herrscht im Aufnahme-Atelier des Werkes eine fieberhafte
Tätigkeit: viele Köpfe und Hände bereiten die Szene vor. Nachdem die
Idee zu dem Stück, sei es Drama, Tragödie oder Komödie, glücklich heraus
ist, nachdem die literarische Abteilung Band um Band der Bibliothek
gewälzt und die Einzelheiten bearbeitet hat, heißt es, das zur
Aufführung erforderliche Material herbeischaffen. Ein Heer von
Tischlern, Malern, Tapezierern und Dekorateuren stellt fertig, was sich
in der Requisitenkammer nicht vorfindet. Die Szenerien werden möglichst
naturgetreu u. realistisch zusammengesetzt. Der Regisseur wählt die
Schauspieler und verteilt die Rollen; der kundige Garderobenverwalter
gibt die Kostüme aus. Nun wird geprobt und instruiert, bis alles klappt.
Hier wird noch ein Versatzstück zurecht gerückt, dort legt in einem der
Ankleideräume der Friseur die letzte Hand an -- endlich kann die
Vorführung stattfinden.
Kurz, es geht zu wie in einem Theater. Und auch die Ausstattung der
Ateliers ist die wie einer Bühne, aber raffiniert und vollkommen, wie
bei der modernsten Bühne. Ob nun die Szene auf dem Lande oder Wasser
sich abspielt, auf dem Mond oder im Mittelpunkt der Erde; ob es eine
männermordende Schlacht gilt, eine Jagd, ein Schauspiel, Lustspiel oder
ein phantastisches Märchen: für alles ist gesorgt. Aber anders als im
Theater flutet hier durch ein mächtiges Glasdach das Tageslicht hinein,
ergänzt oder, wenn nötig, gar ersetzt durch eine Reihe elektrischer
Lampen von ungeheurer Kraft, deren violettdurchsetzte Strahlen wie
Sonnenbrand in die Haut stechen. Diese Lichtfülle verlangt der
kinematographische Aufnahmeapparat, der als einziger Zuschauer und dabei
als unerbittlich strenger Kritiker der Aufführung beiwohnt: jeder
Fehler, jede falsche Bewegung wird unweigerlich von ihm festgehalten.
Zu gleicher Zeit arbeitet eine andere Gruppe von Schauspielern draußen
in freier Natur, manchmal weit, weit fort, an der Stätte selbst, wo das
dargestellte geschichtliche Drama sich vor soundsoviel Jahren oder
Jahrhunderten abspielte. Keine Kosten werden gescheut, die historische
Treue zu wahren. In noch größerer Ferne, vielleicht schlimmen
Entbehrungen und bösen Abenteuern ausgesetzt, ist der Reisephotograph
tätig, dem es obliegt, wertvolle Aufnahmen von Land und Volk mit nach
Hause zu bringen. Galt es fremde Erdteile und unbekannte Gegenden
aufzusuchen, so mußte, wie zu wissenschaftlichen Forschungsreisen, eine
regelrechte Expedition ausgerüstet werden, die schon viele Tausende
kostet, ehe es losgeht.
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
Die Aufnahmen sind gemacht, die Films belichtet. Nun gilt es, die Bänder
zu entwickeln und die Bilder zum Vorschein zu bringen. Diese Arbeit muß
mit großer, großer Sorgfalt geschehen. Denn ein einziger Fehler, eine
einzige Unachtsamkeit könnte die ganze Vorarbeit mit ihren oft
unsäglichen Kosten zunichte machen. Drum herrscht peinlichste
Sauberkeit; alle Einzelheiten des Betriebes sind geregelt und werden
streng überwacht. Anders sieht es da aus, als in der üblichen
photographischen Dunkelkammer; heißt es doch, die Riesenschlangen von
Films zu bändigen und ständig unter Kontrolle zu halten. Während einige
Fabriken sie auf Rahmen spannen, bedienen sich andere Werke großer
Wickel-Trommeln. Die Bäder sind in Porzellanbecken untergebracht --
Becken so groß wie Badewannen. Zuerst hängt die Trommel über dem
Entwicklerbecken. Sie taucht unten ein und wird durch einen Elektromotor
gedreht, so daß alle Teile gleichmäßig benetzt werden. Sobald die
Entwicklung beendet ist, wandert die Trommel zum nächsten Becken, wo der
Film eine kräftige Wasserspülung erfährt. Das dritte Becken enthält
Fixierbad, dann kommt wieder Wasserspülung, zum Schluß ein Wasserbad mit
Glyzerinzusatz, der dem Film Geschmeidigkeit verleiht. Inzwischen
wandern andere filmbewickelte Trommeln den gleichen Weg von Becken zu
Becken hinterher.
[Illustration: Fig. 46. Trockenraum einer Filmfabrik.[D]]
Nun kommen wir wieder ins Helle, in einen großen Raum, wo die Films auf
riesigen Trommeln getrocknet werden. (Fig. 46). Die durchströmende Luft
ist filtriert, damit nur ja kein Stäubchen darauf kommt. Auf das
Trocknen folgt eine sorgsame Prüfung und Reinigung.
Was wir jetzt haben, ist der fertige Negativfilm, wie ihn Figur 24
zeigte. Diesen Negativfilm begleiten wir weiter zur Kopierabteilung. Da
schafft man als Arbeitsmaterial für die Maschinen viele Rollen
lichtempfindlicher Films hin, die soeben perforiert worden sind; sie
tragen die Bezeichnung »Positivfilm« und haben eine weniger empfindliche
Emulsion als die zur Aufnahme bestimmten Films. Alle Maschinen -- man
hört's am klappern -- scheinen in emsiger Tätigkeit. Doch an einer
Stelle können wir, so gut es bei dem roten Lichte geht, gerade zusehen,
wie ein Arbeiter frisch ladet, wie er Negativ- und Positivfilm
einspannt, wie der Motor anzieht, und wie nun die beiden Films, Schicht
auf Schicht, Schritt um Schritt am Fensterchen vorbei gezogen werden, wo
eine Glühlampe die Belichtung besorgt. Wie im gesamten Betrieb, geht
auch hier die Arbeit glatt und flott vonstatten. Und auf ein rasches
Arbeiten muß man gerichtet sein; kommt es doch manchmal vor, -- bei
aktuellen Aufnahmen ist dieser Fall nicht selten -- daß der Film noch an
demselben Tage fertig herausgebracht werden soll, um abends im Theater
zur Vorführung zu gelangen.
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
Die belichteten Positivrollen kommen in den uns bekannten
Entwicklungsraum, und dort winden sich nun wieder die Filmschlangen
durch die sauren Bäder und Wasserbrausen, bis sie ein prächtiges, klares
Bildergewand zeigen, das in die nächste Stube zum Trocknen gehängt wird.
Es folgt dann noch ein großes Reinemachen, wobei Maschinen helfen, und
eine genaue Besichtigung. Manche der Aufnahmen erfahren noch eine
weitere Bearbeitung: mit Hilfe chemischer Tonbäder werden die dunkeln
Partien gefärbt. -- Sie haben solch einfarbige Darstellungen, z. B.
blaue Seestücke mit schneeweißem Gischt, wohl schon gesehen. Oder die
Bänder werden durch einfache Farblösungen gezogen, wobei die ganze
Schicht einen gleichmäßigen Ton annimmt. Andere Films sollen hinwieder
naturfarbig herausgebracht werden. Da heißt es, künstlich Farbe
auftragen. Während dies sonst mit der Hand geschieht, ersetzen die
großen Fabriken das Heer hunderter Koloristinnen durch sinnreiche
Maschinen. Bei diesem maschinellen Verfahren muß man mehrere der Films,
welche die betreffenden Aufnahmen darstellen, opfern. Aus diesen werden
nämlich Schablonen hergestellt, für jede Farbe eine. Der Arbeiter
schneidet dazu mit großem Geschick zunächst aus einem Film, Bild um
Bild, alle die Stücke aus, die rot werden sollen. Dieser Schablonenfilm
läuft nun mit dem zu kolorierenden Film, wobei sich die Bildteile beider
genau decken, durch die Maschine und diese trägt mechanisch durch die
ausgeschnittenen Stücke rote Farbe auf. Dann erhalten ein zweiter,
dritter und wer weiß wie viele Films mit Hilfe derselben Schablone den
gleichen »Aufdruck« in rot. Inzwischen ist der zweite Schablonen-Film
fertig geworden, bei dem alle blauen Stücke ausgeschnitten sind. Nun
wird die ganze Reihe mit diesem »gedruckt«, worauf in gleicher Weise die
übrigen Farben daran kommen. Diese Methode lohnt sich natürlich nur für
einen Betrieb, der eine große Anzahl Films in kolorierter Ausführung
absetzen kann.
Die fertigen Films, kolorierte, getönte und schwarze, laufen im
Versandraum zusammen. Unterdessen hat die kaufmännische Abteilung die
Reklametrommel gerührt, Filialen in allen Weltteilen haben die ersten
Kopien bekommen und den Interessenten vorgeführt unter der Ankündigung,
daß der Film am soundsovielten verausgabt wird. Die Bestellungen sind
notiert und nun wird geschafft, damit alles zum Termin da ist. Und
gehörig muß geschafft werden, wenn der Film sich als »Schlager« oder
»Kassenmagnet« erwiesen hat.
_Wie die Trickfilms hergestellt werden._
Was in diesen Filmfabriken alles aufgeführt und photographiert wird, ist
staunenswert. Phantasie und Unternehmungsgeist überbieten sich, immer
Neues und Originelles zu schaffen, seien es nun dramatische
Darstellungen oder Tragödien, Märchen oder Geschichten zum Totlachen.
Sie haben vielleicht mancherlei Derartiges in Kinematographen-Theatern
gesehen. Aber vielleicht haben Sie auch einmal Vorführungen gesehen, die
mit ihren zauberhaften Vorgängen verblüffend wirkten und wobei Sie sich
fragten: wie wird das gemacht? -- Da gibt es z. B. ein Stück, worin ein
Mann an den Wänden heraufkriecht und an der Decke hinläuft. Die Lösung
ist ganz einfach. Bei der Aufnahme werden auf den Boden des Ateliers
abwechselnd Dekorationen gelegt, welche die Seitenwände und die Decke
eines Zimmers darstellen; der Mann kriecht oder läuft darüber und wird
von oben her photographiert.
Ein beliebter Trick ist die Verwandlung von Personen; sie läßt sich bei
kinematographischen Aufnahmen leicht ausführen. In der Szene, woraus in
Figur 47 ein paar Bilder wiedergegeben sind, verwandelt sich z. B. die
alte Bettlerin in eine Fee. Dazu wurde einfach zwischen dem zweiten und
dritten Bild die Aufnahme unterbrochen; die Bettlerin wirft ein anderes
Gewand über oder wird durch eine andere Person ersetzt, der Photograph
öffnet wieder das Objektiv und dreht weiter.
[Illustration: Fig. 47. Verwandlungsszene.[E]]
Noch ein Beispiel! Der Kinematograph führt folgende Szene vor, die in
den Figuren 48 bis 51 angedeutet ist. Ein Betrunkener liegt auf der
Straße. Ein Automobil saust heran und fährt ihm beide Beine ab (Fig.
48). Der Mann schreit nach und schwenkt die Beine in der Luft (Fig. 49).
Das Auto hält, der Insasse läuft heran, er flickt ihm die Beine wieder
an (Fig. 50) und beide ziehen zufrieden von dannen (Fig. 51). -- Nun die
Lösung! Auch hier wird die Aufnahme unterbrochen, und zwar zuerst in dem
Moment, wo das Automobil herangekommen ist.
Das Auto hält an. Der Betrunkene wird ersetzt durch einen Krüppel, dem
beide Beine fehlen, und ein Paar künstlicher Beine wird davor gelegt.
Die Auswechslung der Personen ist in Figur 52 wiedergegeben. Dann tritt
der kinematographische Apparat wieder in Tätigkeit; das Auto, dessen Weg
genau vorgezeichnet ist, fährt nochmals heran und saust darüber hinweg.
Nachher wird die Aufnahme abermals unterbrochen und der Krüppel wieder
durch den Betrunkenen ersetzt.
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
[Illustration: Fig. 48. Szenen aus einem Trickfilm. Fig. 49.]
[Illustration: Fig. 50. Szenen aus einem Trickfilm. Fig. 51.]
[Illustration: Fig. 52. Erklärung des Trick: Die Auswechslung der
Personen.]
Von diesem einfachen Hilfsmittel der Aufnahme-Unterbrechung wird häufig
Gebrauch gemacht. Der Film, geduldig wie er ist, reiht Bild an Bild
auf, wie und wann es dem Photographen gefällt. Und das Publikum bekommt
nachher die Bilder in sausender Folge vorgeführt; es merkt nicht, daß
der Kinematograph lügt, daß da zwischen einzelnen Bildern ganze Stücke
fehlen -- kein Wunder, daß ihm die Vorgänge zauberhaft erscheinen. Da
gibt es die unglaublichsten Sachen zu sehen. Leblose Gegenstände führen
einen Tanz auf; Streichhölzer spazieren aus der Dose, die sich selbst
öffnet, und bauen sich zu Figuren auf; Werkzeuge leisten Arbeit, eine
Säge zerschneidet ein Brett ohne Zutun. -- Wie leicht ist das alles zu
machen, wenn man einmal den Kunstgriff kennt, wie einfach ist die
Erklärung, wenn man einmal weiß, daß die Hilfsvorgänge, die dem
Zuschauer verborgen bleiben sollen, nicht mit photographiert werden!
Drollige Wirkungen erzielt man durch Rückwärtsdrehen des Filmbandes.
Alle Bewegungsvorgänge kehren sich um. Pferde rennen rückwärts, Steine
rollen bergauf. Der Schwimmer saust mit den Beinen voran aus dem Wasser
und landet auf dem Sprungbrett, dann fliegen ihm die Kleider an den
Leib. Der Raucher saugt den Rauch aus der Luft auf und seine Zigarre
brennt immer länger -- denken Sie es selbst weiter aus!
Die Hilfsmittel des Photographen sind damit nicht erschöpft. Er schafft
die wunderbarsten Effekte, indem er Aufnahmen kombiniert und
übereinanderdruckt. Dem Träumer erscheinen winzig kleine Feen, die aus
Blumen entsteigen und einen Reigen aufführen; oder es taucht eine
Miniatur-Tänzerin in einem gefüllten Wasserglas auf, um sich dazu zu
bewegen und dann wieder allmählich wie im Nebel zu verschwinden. Kurz,
kein Märchen ist so seltsam, keine Phantasie so erfindungsreich, als daß
nicht der Kinematograph ihr beikäme und die Gedanken in seine
Lichtbilder-Wirklichkeit umzusetzen vermöchte.
Fußnoten:
[D] Mit Genehmigung der Charles Urban Trading Co., London.
[E] Die Figuren 47 bis 52 sind hergestellt nach Aufnahmen der
Firma Léon Gaumont, Paris, und zwar mit Genehmigung der Pariser
Zeitschrift >L'Illustration<, in der sie erschienen.
Die Bedeutung des Kinematographen.
_Der Kinematograph als Forscher und Lehrer._
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]
So bewundernswert nun auch die technischen Leistungen bei solchen
Aufnahmen sein mögen: in diesen Kunststücken darf man nicht den
Hauptwert des Kinematographen suchen. Seine eigentliche Bedeutung liegt
auf anderem Gebiete: In der Hand des Naturfreundes ist der Kinematograph
ein großer Forscher geworden. Er schaut durchs Vergrößerungsglas und
verfolgt das Treiben der kleinen Lebewesen; er belauscht die Vögel in
ihren Nestern; er beobachtet die Pflanzen und Blumen, wie sie wachsen,
verblühen und vergehen; dann wieder sucht er fremde Länder und Völker
auf und studiert ihre Sitten und ihren Sinn, oder er geht mit dem
Techniker in große industrielle Werke. Er sieht alles, schreibt alles
auf seinem Film auf, nichts entgeht ihm. Und so oft man will, erzählt er
alles getreu bis in die kleinsten Einzelheiten wieder.
Dem Gelehrten vermag der Kinematograph unschätzbare Dienste zu leisten,
indem er festhält, was des Menschen Auge nicht mehr verfolgen, nicht
mehr unterscheiden kann. Und uns steht durch den Kinematographen die
ganze Welt mit ihrem Getriebe offen. Was die Natur im Großen und im
Kleinen nur darbietet, was der Mensch nur erschafft, alles bringt dieser
Wunderapparat vor unser Auge. In spielender Unterhaltung zeigt und lehrt
er innerhalb einer Stunde mehr, als mancher nach langem, schwierigem
Studium beobachtet oder auf kostspieliger, weiter Reise gesehen hat.
_Macht der kinematographischen Darstellung._
Wie lebendig und überzeugend ist seine »Sprache«! Wer noch nie am Meere
gewesen ist, erhält wohl von einer Photographie oder einem Gemälde einen
Eindruck der unendlichen Wasserfläche; aber erst der Kinematograph zeigt
ihm, wie die mächtigen Wogen dahingehen, wie sie brandend auf den Sand
rollen oder hoch aufschäumend gegen die Felsküste schlagen, zeigt ihm,
wie ein Ozeandampfer hinausfährt oder ein Kriegsschiff manövriert.
Diese lebendige Sprache verleiht auch dem kinematographischen Drama eine
so mächtige Wirkung. Statt des Phantasiebildes, das wir beim Lesen
gewinnen, drängt sich hier gewissermaßen leibhaftige Wirklichkeit auf.
Ja, da dem »taubstummen« Stücke die Worte fehlen, wird die Handlung
zusammengedrängt: was uns der Roman im Laufe von Stunden erzählt,
wickelt sich hier in Minuten ab -- daher atemlose Spannung von Anfang
bis zu Ende. Kraftvollen Schriftstellern ist das kinematographische
Drama ein vorzügliches Ausdrucksmittel.
_Das Kinematographen-Theater._
Praktische Anwendung hat der Kinematograph in umfangreichem Maße in den
Kinematographen-Theatern gefunden, besitzt doch bei uns jede Stadt von
soundsoviel tausend Einwohnern mindestens ein solches Theater (wenn
nicht, wie heißt der verwaiste Ort? Interessenten bezahlen den
Nachweis). In den Programms herrschen die dramatischen Darstellungen
vor. Man sucht vielfach volle Häuser zu gewinnen, indem man dem
Sensationsgelüste der Menge entgegenkommt und im Übermaße aufregende,
nervenreizende Stücke bringt. Diese Tendenz zahlreicher Unternehmungen:
»Sensationell um jeden Preis« hat dem Kinematograph einen bösen Ruf
eingebracht und Gegenbewegungen ins Leben gerufen. Gewiß ist auch viel
Erfreuliches zu verzeichnen, vielerlei schöne Aufnahmen werden gezeigt,
die hohen Bildungswert besitzen. Diesen möchte ein größerer Platz
eingeräumt werden. Solange indessen das Volk gerade an den garstigen
Stücken seinen Gefallen bekundet, solange Filmfabriken und Theater
sehen, daß sie damit ihre besten Einnahmen machen, ist eine gehörige
Besserung schwerlich zu erwarten.
_Das Tonbild._
[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]