Im Kinematographen-Theater findet man auch das Tonbild, die Verbindung

von Kinematograph und Sprechmaschine. Der eine Apparat stellt die

bildliche Szene dar, während der andere die Figuren sprechen, singen und

musizieren läßt. Die Aufnahmen dazu mit kinematographischer Kamera und

Grammophon werden getrennt vorgenommen, und zwar erfolgt die eine an

Hand der anderen. Damit sich nun bei der Wiedergabe Bild und Ton genau

decken, damit also nicht die Bewegungen den Worten vorauseilen oder

dahinter zurückbleiben, müssen beide Apparate Hand in Hand -- man sagt

»synchron« -- laufen. Diese Forderung zu erfüllen, werden Sie denken,

ist eine einfache Aufgabe -- gewiß: man braucht nur die Räderwerke von

Kinematograph und Sprechmaschine durch eine geeignete Übersetzung

»zwangläufig« miteinander zu verbinden; dann muß der eine genau mit dem

anderen gehen, er kann nicht vorstreben oder zurückbleiben. Indessen

bietet die praktische Ausführung insofern eine Schwierigkeit, als man

das Grammophon, um die richtige Wirkung zu erzielen, beim

Projektionsschirm, also weit vom Kinematograph entfernt, aufstellt. Aber

auch eine andere Forderung ist schwer mit dieser Lösung in Einklang zu

bringen: die Sprechmaschine muß nämlich mit einer bestimmten

Geschwindigkeit laufen, damit der Ton die richtige Höhe erhält, und sie

ist darin sehr empfindlich -- jede Abweichung bringt einen Mißton. Nun

ist der Kinematograph ein unruhiger Bruder; er läuft nicht so

gleichmäßig: da kommt z. B. einmal eine Klebstelle im Filmband, die

momentan eine geringe Verzögerung der Geschwindigkeit herbeiführt -- in

diesem Augenblick schreit die Sprechmaschine, der Ton geht herunter, um

sofort wieder in die Höhe zu schnellen. Um diesen Übelstand zu

vermeiden, läßt man das Grammophon, so wie es soll, ruhig für sich

laufen und reguliert nun nach seinem Gang mittels einer

Anzeigevorrichtung die Geschwindigkeit des Kinematographen. Derartige

Vorrichtungen -- man nennt sie »Synchronismen« -- gibt es verschiedene.

Hier sind es optische Signale, wonach der Operateur den Gleichlauf

kontrolliert, dort auf elektrischem Wege übertragene Zeichen; bei

anderen hinwieder geschieht die Regelung automatisch: der Motor des

Kinematographen wird selbsttätig in seiner Geschwindigkeit korrigiert,

wenn die Übereinstimmung aussetzt.

_Fehlerhafte Erscheinungen._

Da wir grade im Kinematographen-Theater sind, höre ich Sie die Frage

stellen: woher kommt es, daß man zuweilen auf dem lebenden Lichtbilde

vorwärts fahrende Wagen mit schleifenden oder gar rückwärts laufenden

Rädern sieht? Nun, suchen wir einmal die Erklärung! Bei der Aufnahme der

Szene machte die kinematographische Kamera etwa 15 Belichtungen in der

Sekunde, also wurde auch das Rad 15 mal in der Sekunde photographiert.

Nun hat sich das Rad zwischen den einzelnen Aufnahmen stets um ein Stück

gedreht, und wenn es der Zufall will, so ist in dieser Zeit immer eine

Speiche genau an die Stelle der nächsten getreten. Da eine Speiche

aussieht wie die andere, bietet dann das Rad auf allen Bildern das

gleiche Aussehen; unser Auge nimmt also keine Bewegung in den Speichen

wahr und wir meinen, das Rad stände still. Nehmen wir nun an, das Rad

laufe etwas langsamer wie vorher. Dann bleibt die Speiche, welche bisher

-- in der Zeit von Aufnahme zu Aufnahme -- immer genau an Stelle der

Nachbarspeiche getreten war, etwas gegen diese zurück. Unser Auge

verwechselt nun diese Speichen, die in den aufeinanderfolgenden Bildern

so nahe beieinander sind, und wir nehmen eine langsame Rückwärtsdrehung

wahr. Es brauchte nur eine einzige der Speichen eine abweichende Form zu

besitzen, so fiele die Ursache zu dieser optischen Täuschung fort und

wir würden sehen, wie diese Speichen sich richtig drehen und wie das Rad

vorwärts rollt.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Ferner fragen Sie: manchmal sieht man in den kinematographischen

Darstellungen überhastete Bewegungen! -- Diese Erscheinung tritt ein,

wenn der Vorführer den Apparat zu rasch laufen läßt. Es ist leicht

verständlich: je rascher man den Film durchlaufen läßt, desto schneller

spielt sich die Szene ab. Die Bewegungen können nur dann natürlich

wirken, wenn die Wiedergabe mit der gleichen Geschwindigkeit, also mit

der gleichen Bilderzahl in der Sekunde, erfolgt wie die Aufnahme.

Endlich: woher kommt es, daß man zuweilen im lebenden Lichtbilde ein

unangenehmes Flickern wahrnimmt? -- In solchem Falle wird zur Vorführung

ein alter oder schlecht behandelter Film benutzt, der, wie man sagt,

»verregnet« ist. Mit jedem neuen Bilde, also 15 mal in der Sekunde,

erscheinen immer wieder andere Flecken und Kratzen, die bald hier, bald

dort sitzen und daher auf unser Auge wie ein Gewirre tanzender Mücken

wirken.

_Das lebende Lichtbild in Schule und Vortragssaal._

Ein großes Anwendungsgebiet steht dem Kinematographen noch offen: die

Schule; sie hat sich des lebenden Lichtbildes bisher noch wenig

angenommen. Und doch stellt der kinematographische Apparat ein

ausgezeichnetes Anschauungsmittel dar, das dem Lehrer große Hilfe bietet

und gleichzeitig eine Erweiterung des Lehrplanes ermöglicht. Praktische

Vorschläge, die auf die Einführung des Kinematographen in die Schule

hinzielen, sind schon ausgearbeitet worden. Das Gleiche gilt vom Hörsaal

der Hochschulen und Universitäten, sowie vom Unterricht in Kunstschulen,

der auch durch geeignete Aufnahmen gewinnen wird.

In Vereinen und bei öffentlichen Vorträgen, wo die Benutzung des

Lichtbilderapparates fast zur Regel geworden ist, findet man den

Kinematographen schon häufiger. Mag der Vortragsredner auch sprechen

über Länder und Völker, über Tiere und Pflanzen, über technische

Betriebe oder über Luftschiffe und Flugmaschinen -- wenn er nicht das

Objekt selbst demonstrieren kann: gibt es für ihn ein besseres

Anschauungsmittel als das lebende Lichtbild?

Einer ausgedehnteren Verwendung des Kinematographen in Schule und Verein

steht heute weniger im Wege wie ehedem, wo ein solcher Apparat sehr

kostspielig war. Für einige hundert Mark kann man jetzt schon eine

leistungsfähige praktische Einrichtung erhalten; ist bereits ein

Lichtbilderapparat vorhanden, so kommt man wesentlich billiger weg,

weil dann nur der Mechanismus zu beschaffen ist. Ferner liegt ein

umfangreiches Material an guten, lehrhaften kinematographischen

Aufnahmen vor, deren Zahl ständig vermehrt wird, und es gibt viele

Anstalten, die Films verleihen.

_Was es an lehrhaften Films gibt._

Alle Weltteile, aller Herren Länder sind in kinematographischen

Darstellungen vertreten. Da gibt es Films von Rom, Pompeji, Venedig, von

Konstantinopel, Moskau und Tiflis; nicht minder solche, die uns Berlin,

London, Paris zeigen. Die berühmten Stätten Palästinas und Egyptens sind

ebenso im lebenden Bilde festgehalten, wie die interessantesten Plätze

aus Indien, China und Japan. Der Rheinfall bei Schaffhausen, die Strudel

des Zambesi und der Niagara haben dem Photographen und seiner

Kurbelkamera »Modell gestanden«; selbst der Südpol ist kinematographisch

erobert, nachdem Shackleton in seiner Nähe erfolgreich Aufnahmen gemacht

hat. Ein gleichfalls großes Kapitel der Filmaufnahmen betrifft die

verschiedenen Völker in ihren Sitten, Gebräuchen und in ihrer

Gewerbetätigkeit, sowie anschließend daran die moderne Technik.

Arabische Töpferei, indische Seilerei, Kriegstänze der Südseeinsulaner,

chinesische Hochzeit, Walfischfang, Krokodiljagd, Straußenzucht,

Gewinnung und Verarbeitung des Tees und der Baumwolle -- vom Felde bis

zum Versand des fertigen Produktes, Betrieb in den Diamantminen

Südafrikas und den Goldgruben Australiens; dann bei uns: Eisengießerei,

Herstellung von Eisenbahnschienen und von Lokomotiven, Wagenbau,

Werkzeugmaschinen in Tätigkeit, Stapellauf eines Dampfers, Herstellung

von Luftballons, die verschiedenen Systeme der Flugmaschinen, -- das

sind lauter Titel von Films, die für Lehranstalten und Vorträge von

großem Wert sind. Für den naturkundlichen Unterricht gibt es Aufnahmen,

wie: die Ameise, die Biene, von der Raupe zum Schmetterling, das Leben

im Sumpfwasser, das Leben im Ei, wilde Vögel in ihren Nestern. Die

medizinische Fakultät findet Anschauungsmaterial in kinematographischen

Aufnahmen von Operationen, wie solche verschiedentlich hergestellt

worden sind.

_Kinematographische Aufnahmen für Kunstschulen._

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Für Kunstschulen werden Bewegungsstudien der Art von Wert sein, wie sie

Muybridge und Anschütz schon vor 20 bis 30 Jahren schufen (vergl. die

Darstellungen auf dem Lebensrad und in Fig. 15). Aufnahmen von

schreitenden und laufenden Menschen und Tieren, von bewegten Gewändern,

von der wogenden und brandenden See mögen die Beobachtung in der Natur

trefflich ergänzen. Ja, während die wiederholte Beobachtung einer

Bewegung in der Natur dadurch erschwert wird, daß beim zweiten und

dritten Mal die Bewegung nicht die gleiche ist wie zuerst, indem

Zufälligkeiten andere Formen hineinbringen, zeigt der Kinematograph, so

oft man will, immer wieder genau denselben Vorgang ohne die geringste

Abweichung. Ungestört kann der Künstler -- Bildhauer oder Maler -- sein

Augenmerk auf einen bestimmten Moment konzentrieren, der ihn besonders

interessiert: er weiß, daß dieser jedesmal gleichmäßig wiederkehrt.

Schließlich steht es ihm frei, die Einzelbilder zu studieren und zu

vergleichen.

Auch die Schauspielkunst sollte sich der Kinematographie bemächtigen,

sollte sie zur Belehrung, namentlich angehender Bühnenkünstler,

heranziehen und durch geeignete Aufnahmen -- bedeutende Schauspieler in

wichtigen Rollen sowie vorbildliche Aufführungen -- Studienmaterial

schaffen.

_Der Kinematographenfilm als geschichtliche Urkunde._

Wiederholt hat man angeregt, kinematographische Archive anzulegen, und

Anfänge dazu sind auch wohl schon gemacht worden. Denn manche der

Aufnahmen, die wir heute als aktuell bezeichnen, werden als urkundliches

Material von großem Werte für unsere Nachkommen sein: sie werden

geschichtliche Begebenheiten in der richtigen Anschauung überliefern.

Was würden wir darum geben, wenn wir berühmte Männer der Vergangenheit,

wichtige historische Ereignisse im Lichtbilde aufleben lassen könnten!

Vielleicht wird gar einmal das Wort des Witzblattes wahr, wonach der

General vor der Schlacht ausruft: »Soldaten, seid tapfer, die

Kinematographen der ganzen Welt blicken auf euch!«

_Das lebende Lichtbild im Dienste der Reklame._

Erfolgreich hat man den Kinematograph -- wenn auch einstweilen noch in

geringem Maßstabe -- in den Dienst der Reklame gestellt: der

Geschäftsreisende zeigt den Interessenten im lebenden Lichtbild, wie

eine neue Maschine arbeitet; Verkehrsgesellschaften lassen Ansichten der

von ihnen befahrenen Gegenden vorführen. So konnte man einen schönen

Film sehen, der die Reise eines Lloyddampfers von Bremen nach New York

wiedergibt und der einem gar sehr den Mund wässerig macht, einmal

mitzufahren. Die Southern Pacific Railway Company drüben benutzt

kinematographische Bilder, die dort allenthalben gezeigt werden, um ihr

Unternehmen bekannt zu machen. In Australien läßt man zahlreiche

Aufnahmen herstellen, durch deren Vorführung Ansiedler aus Europa

»geworben« werden sollen. -- Es ist das ein Gebiet, das sich noch weit

ausbauen läßt.

_Der Kinematograph in der Wissenschaft._

Als Hilfsmittel bei wissenschaftlichen Forschungen wurde der

Kinematograph bisher nur vereinzelt angewandt. Aber was der Apparat auf

diesem Felde bereits geleistet hat, ist so beachtenswert, daß die

Gelehrten ihn im Laufe der Zeit ohne Zweifel immer mehr heranziehen

werden. So hat der französische Physiologe Marey, dessen grundlegender

Arbeiten wir eingangs gedachten, schon vor mehr denn 20 Jahren die

Kinematographie zum Studium der Bewegungsvorgänge bei Menschen und

Tieren benutzt. Auch Professor Fischer gründete seine eingehenden

Untersuchungen des Ganges und der dabei wirksamen Kräfte auf die

Ergebnisse, welche die photographische Registrierung ihm geliefert

hatte.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

[Illustration: Fig. 53. »Photographie der Sprache«, Reihenaufnahme

von Demeny.]

Demeny, der verdienstvolle Mitarbeiter Marey's, machte Aufnahmen der

Mundbewegungen sprechender Personen und wies darauf hin, daß derartige

Bilderreihen für die Physiologie der Sprache von Wert seien und daß sie

ferner brauchbares Lehrmaterial für Sänger und Taubstumme darböten.

Figur 53 zeigt die Reihenaufnahme eines Mannes, der die Worte

ausspricht: »Je vous aime«. Tatsächlich konnten Schüler einer

Taubstummenanstalt, die gelernt hatten, von den Lippen zu lesen, diese

Worte aus der Aufnahme verstehen, wenn sie als lebendes Bild mit dem

Lebensrade oder auf dem Projektionsschirm gezeigt wurde. Die Abbildung

ist auch historisch interessant, insofern als sie aus dem Anfangsstadium

der Kinematographie stammt: sie wurde von Demeny im Jahre 1891 mit

seiner gegen heute verhältnismäßig noch primitiven Apparateinrichtung

unter großen Mühen hergestellt.

Ein anderes Anwendungsgebiet der Kinematographie beschritt Londe

(ebenfalls zur Zeit Marey's), indem er krankhafte Bewegungen nervöser

Personen in einer Anzahl von Bildern festhielt; es konnte dadurch eine

sichere Unterlage für genaue Studien gewonnen werden.

Mit Hilfe kinematographischer Aufnahmen gelang es ferner, den

Flügelschlag der Insekten zu erforschen. Die Fliege bewegt ihre Flügel

so rasch, daß man nichts als ein Flimmern wahrnimmt; auch der beste

Beobachter ist machtlos dagegen. Der Kinematograph indessen, mit großer

Geschwindigkeit laufend, so daß er bis zu 1500 Bilder in der Sekunde

aufnimmt, hält alle Phasen der Bewegung fest. Und wenn dann die

gewonnenen Bilder mit normaler Geschwindigkeit -- 15 in der Sekunde --

auf den Projektionsschirm geworfen werden, so spielt sich dort der

Vorgang hundertmal langsamer ab: mit Ruhe kann man nun das Auf- und

Abgehen der Flügel und das Arbeiten des Flugmechanismus verfolgen.

Umgekehrt hat man mit Hilfe des Apparates Bewegungen, die zu langsam vor

sich gehen, als daß man sie zu übersehen vermöchte, künstlich

beschleunigt. Auf diese Weise kann man das Wachstum der Pflanze mit dem

Auge verfolgen. So wurde z. B. eine aufblühende Victoria Regia mit

überaus geringer Geschwindigkeit -- etwa alle 2 Minuten ein Bild --

aufgenommen. In der Projektion der Aufnahme, die mit normaler

Geschwindigkeit: 15 Bilder in der Sekunde -- also 1800 mal rascher,

erfolgt, sieht man dann den Vorgang, der in der Natur Stunden in

Anspruch nimmt, innerhalb weniger Minuten sich abwickeln. Man verfolgt

deutlich, wie die Knospenhüllen sinken, wie sich ein Blütenblatt vom

anderen hebt, bis die herrliche Blume voll entfaltet ist, und wie sie

alsbald wieder vergeht.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

In gleicher Weise hat der französische Astronom Flammarion die Vorgänge

am Sternhimmel, die sich während einer fast 16 stündigen Nacht

abspielten, in 2 bis 3 Minuten zur Darstellung gebracht: es wurden, wie

bei den Pflanzen, mit dem Kinematograph in gewissen Zeitabständen

Aufnahmen gemacht, insgesamt 2000 bis 3000, und diese dann mit der

normalen Geschwindigkeit projiziert. Da sieht man vom Sonnenuntergang an

alle Bewegungen der Gestirne in etwa 400 facher Beschleunigung; man

verfolgt, wie die Milchstraße erscheint, wie der Mond aufgeht und vor

den übrigen Himmelskörpern vorbei zieht, wie der ganze Sternhimmel sich

von Ost nach West dreht und wie endlich das Tagesgestirn aufsteigt.

Erfolgreich hat man den Kinematograph in Verbindung mit dem Mikroskop,

ja sogar mit dem Ultramikroskop gebracht, das uns die feinsten

Partikelchen zeigt. So wurden auf dem Film die Bewegungen der

Blutkörperchen und ihr Kampf mit den ins Blut eingebrachten Bazillen in

außerordentlich starker Vergrößerung festgehalten. Man sieht, wie die

Krankheitserreger über die roten Blutkörperchen herstürzen, um sie zu

verzehren. Der Forscher kann hier mit Ruhe die Vorgänge verfolgen; aus

den einzelnen Bildern solcher Aufnahmen vermag er die Zahl gewisser

Blutteilchen, die sich mit der Art der Ernährung ändert, festzustellen.

Wellenbewegungen im Wasser, die ein Schiffskiel oder ein Propeller

erzeugt, werden mit dem Kinematograph studiert. Daß man Spezialapparate

zur kinematographischen Aufnahme fliegender Geschosse hergestellt hat,

wurde schon erwähnt. Geheimrat Cranz konnte mit seinem Apparat, der 5000

Belichtungen in der Sekunde macht, die Vorgänge beim Abschießen einer

Kugel aus einer Selbstladepistole untersuchen; er konnte damit ferner

die Wirkung von Schüssen auf Knochen, Metallplatten, wassergefüllte

Gummiblasen und Kugeln aus feuchtem Ton in einer Reihe von Bildern

festlegen. Diese Bilder, von denen die Dresdener photographische

Ausstellung 1909 interessante Proben zeigte, brachten wichtige

Ereignisse: man sieht, daß eine beschossene, dünne Messingplatte schon

durch den Druck der mitgerissenen Luft zerstört wird, ehe die Kugel

selbst auftrifft; daß die Zersplitterung eines durchschossenen Knochen

nach dem Durchschlagen des Geschosses weiter vor sich geht.

In neuerer Zeit ist es auch gelungen, kinematographische

Röntgenaufnahmen zu machen; darunter hat namentlich eine Reihenaufnahme

des Magens dem Mediziner neue wichtige Aufschlüsse über die Arbeitsweise

dieses Organs gegeben. Mit Hilfe einer solchen Aufnahme hat man auch bei

einem Magenkranken den Ort der Störung feststellen können.

Die Kinematographie in natürlichen Farben, dies schwierige Problem, ist

neuerdings ebenfalls, wenn nicht vollkommen, so doch in praktisch recht

zufriedenstellender Weise gelöst worden. Es harrt noch die

stereoskopische Kinematographie der Lösung; sie wird uns dereinst,

hoffentlich in nicht zu ferner Zeit, das lebende Lichtbild in greifbarer

Plastik vor Augen führen.

_Wirtschaftliche Bedeutung des Kinematographen._

Was die Kinematographie heute vorstellt, davon bekommt man einen

Begriff, wenn man die Unternehmungen überschaut, die in ihrem Dienste

stehen. Da sind zunächst -- soviel man schätzen kann -- 20000

Kinematographentheater, deren Besucherzahl täglich mehrere Millionen

beträgt. Um diese Theater mit Bildmaterial zu versorgen, schaffen in die

hundert Fabriken Tag für Tag gegen 500000 Meter Film mit einem

Verkaufswert von einer Million Mark. Dazu kommen noch zahlreiche Werke,

welche die mechanischen und optischen Bestandteile der Apparate

herstellen. Kapitalien von vielen hundert Millionen sind in all den

verschiedenen Unternehmungen festgelegt, viel' Hunderttausende finden

darin ihr Auskommen. Wenn man bedenkt, daß die Kinematographie vor 15

Jahren als bescheidenes Kind an die Öffentlichkeit trat, so haben wir

hier eine Entwicklung vor uns, wie sie wohl selten eine Industrie

erlebt.

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Das lebende Lichtbild: Entwicklung, Wesen und Bedeutung des Kinematographen · 第 3 / 4 段