Der Fortschritt war ein enormer! Während Muybridge und Ansch

_Das

lebende Lichtbild_

_Entwicklung

Wesen und Bedeutung

des

Kinematographen_

_Von F. Paul Liesegang_

_Mit 53 Abbildungen, Modellen für Wunderscheibe,

Lebensrad und Malteserkreuz sowie

mit Taschen-Kinematograph_

_Ed. Liesegang, Düsseldorf_

_1910_

Dieses Heft stellt mit den Figuren oben rechts einen

Taschenkinematograph dar.

Um ihn in Betrieb zu setzen, biege man die Blätter mit dem Daumen der

rechten Hand zurück und lasse sie durchgleiten, sodaß sie rasch

nacheinander umschlagen. Das Abblättern geht besser vonstatten, wenn man

die Seiten (ohne Umschlag) mit der linken Hand oben, kurz hinter den

Bildern, zusammenkneift.

[Illustration: Fig. 30. Fig. 31.

Fig. 32. Fig. 33.

Malteserkreuz-Modell zum Ausschneiden. Anweisung Seite 28.]

[Illustration: Fig. 2. Wunderscheibe zum Ausschneiden. Anweisung

Seite 6.]

[Illustration: Fig. 5. Lebensrad zum Ausschneiden. Anweisung Seite 8.]

[Illustration: Rückseite Fig. 2.]

Das lebende Lichtbild

Entwicklung, Wesen und Bedeutung

des Kinematographen

=Von =F. Paul Liesegang=

[Illustration: Dekoration]

ED. LIESEGANG'S VERLAG M. EGER, LEIPZIG

1910

Inhaltsübersicht.

(Die beigefügten Zahlen bezeichnen die Seiten.)

=Vorwort= 3

=Die Entwicklung des Kinematographen= 5

Einleitung (5). -- Die Wunderscheibe und die Geschichte

ihrer Erfindung (6). -- Das Lebensrad (Stroboskop, Phenakistiskop)

(7). -- Die Wundertrommel (9). -- Taschenkinematograph und

Mutoskop (9). -- Verbindung von Lebensrad und Lichtbilderapparat

(10). -- Die Anfänge der Bewegungsphotographie (11). --

Herstellung der ersten Reihenaufnahmen durch Muybridge (12). --

Förderung der Reihenphotographie durch Anschütz (13). -- Marey,

der Begründer der modernen Kinematographie (14). -- Ausbau

der modernen Kinematographie (16). --

=Wesen und Wirkungsweise des Kinematographen= 17

Wirkungsweise des Aufnahme-Apparates (17). -- Das Filmband

und seine Fertigstellung (18). -- Wirkungsweise des

kinematographischen Wiedergabe-Apparates (19). -- Das Flimmern

und die Mittel zur Behebung (23). -- Konstruktion des

Transport-Mechanismus (26). -- Die Malteserkreuz-Einrichtung

(27). -- Andere Bewegungsmechanismen (29). -- Kinematographen

mit gleichmäßig laufendem Filmband (30). -- Ausstattung des

Kinematograph-Mechanismus (31). -- Der Aufnahme-Apparat (32). --

=Das kinematographische Aufnahme-Verfahren= 33

Wie man mit der Aufnahme-Kamera arbeitet (33). --

Aufnahme-Ateliers (34). -- Lebensgeschichte des

Kinematographenfilm (34). -- Wie die Trickfilms hergestellt

werden (39). --

=Die Bedeutung des Kinematographen= 43

Der Kinematograph als Forscher und Lehrer (43). -- Macht

der kinematographischen Darstellung (43). -- Das

Kinematographen-Theater (44). -- Das Tonbild (44). --

Fehlerhafte Erscheinungen (46). -- Das lebende Lichtbild

in Schule und Vortragssaal (47). -- Was es an lehrhaften

Films gibt (48). -- Kinematographische Aufnahmen für

Kunstschulen (49). -- Der Kinematographenfilm als

geschichtliche Urkunde (49). -- Das lebende Lichtbild

im Dienste der Reklame (50). -- Der Kinematograph in der

Wissenschaft (50). -- Wirtschaftliche Bedeutung des

Kinematographen (54). --

Vorwort.

Gelegentlich verschiedener kleinerer und größerer Vorträge, die ich über

die Kinematographie hielt -- auf der 80. Naturforscher-Versammlung in

Cöln, in den Naturwissenschaftlichen Vereinen zu Düsseldorf und Krefeld,

im Gewerbe-Verein zu Essen, auf dem 41. Verbandstag der

Rheinisch-Westfälischen Bildungsvereine zu Wesel, im Künstlerverein

Malkasten und in der Aula der Luisenschule zu Düsseldorf -- machte ich

die Beobachtung, daß in weiten Kreisen ein reges Interesse für dieses

Gebiet herrscht. Und wer auch nur einmal die lebenden Lichtbilder

gesehen hat und etwas Sinn für die »Natur der Dinge« besitzt, wird

fragen: wie kommt die wunderbare Wirkung zustande, wer ist der Erfinder?

Der Gedanke, es möchten ihrer viele sein, die eine kurze Beantwortung

dieser Frage wünschen, veranlaßte mich, den Inhalt meiner Vorträge,

teilweise ergänzt, in vorliegender Schrift niederzulegen. Ich war mir

dabei bewußt, daß hier die Aufgabe, den Gegenstand verständlich zu

machen, ungleich schwieriger war: beim Vortrage konnte ich alles

demonstrieren -- ich konnte Wunderscheibe, Lebensrad, Projektionsmodell

des Malteserkreuzes und Kinematograph selbst vorführen, während ich hier

auf den toten Buchstaben und die flache Buchillustration angewiesen bin.

Meinem Wunsche, wenigstens einiges Anschauungsmaterial beizugeben, kam

nun der glückliche Umstand zu Hilfe, daß sich verschiedenes aus den

Abbildungen selbst leicht herstellen läßt: der Leser braucht nur die

Figuren der Tafel auszuschneiden und mit Schnur zu versehen bezw.

anzuheften, dann hat er Wunderscheibe, Lebensrad und

Malteserkreuz-Modell. Einen Taschenkinematograph stellt das Heft, so wie

es ist, selbst dar. Außerdem ist ein kleines Stückchen Film beigefügt.

Bei dem kleinen Umfange der Schrift konnte nur ein gedrängter Überblick

über das Gesamtgebiet der Kinematographie gegeben werden. Näheres über

die Konstruktions-Anordnungen und über die technische Seite überhaupt

findet man in meinem »Handbuch der praktischen Kinematographie«, während

ich die Geschichte der Kinematographie in einer besonderen Arbeit

eingehend behandele.

Um ein gutes Illustrationsmaterial zu bieten, ließ ich die Klischees mit

einigen Ausnahmen als Holzschnitte neu anfertigen, und zwar zum Teil

nach den Originalabbildungen oder nach besonders entworfenen

Zeichnungen. Verschiedenen Verlegern und Autoren habe ich für die

bereitwillig erteilte Reproduktions-Genehmigung zu danken: Herr Hofrat

Professor Dr. Eder in Wien und der Verlag von Wilh. Knapp in Halle a. S.

gestatteten die Wiedergabe zweier Porträts aus Eder's »Geschichte der

Photographie«, die Firma Léon Gaumont in Paris und die dortige

Zeitschrift L'Illustration die Reproduktion mehrerer Filmbilder, die

Urban-Trading Co. in London die Einfügung eines Bildes aus ihrem

Betriebe, Professor Demeny überließ mir eine Aufnahme, womit ich seine

»Photographie der Sprache« illustrieren konnte.

=Düsseldorf=, Dezember 1909.

=Der Verfasser.=

[Sidenote: Illustration

Dies Bild stellt in Verbindung mit den folgenden einen

»Taschenkinematograph« dar.]

Die Entwicklung des Kinematographen.

_Einleitung._

Die wunderbare Wirkung der kinematographischen Lichtbilder beruht auf

einer Täuschung unseres Auges. Was uns da auf der weißen Wand gezeigt

wird, ist in Wirklichkeit eine große Reihe einzelner Bilder, die den

Gegenstand oder die Szene in immer neuen Momenten einer Bewegung

wiedergeben und die mit sehr großer Geschwindigkeit aufeinander folgen.

Wenn sich nun in unserem Auge die vielen Einzelbilder zu einem einzigen

lebenden Bilde zusammensetzen, so wird das bewirkt durch die »Dauer des

Lichteindruckes«. Unser Auge läßt nämlich einen Eindruck, den es

empfangen hat, nicht sofort wieder fahren, hält ihn vielmehr eine

gewisse Zeit fest, allerdings nur den Bruchteil einer Sekunde.

Infolgedessen werden sehr rasch aufeinander folgende Eindrücke

ineinander verschwimmen.

Diese Eigenschaft des Auges können wir im täglichen Leben beobachten.

Ihnen wird das folgende Experiment bekannt sein; sonst ist es leicht

anzustellen. Wenn man im Dunkeln ein glimmendes Streichholz (also eines

von der schlechten Sorte!) hinreichend rasch umherschwingt, so sieht man

nicht -- wie man annehmen sollte -- einen sich weiter bewegenden

leuchtenden Punkt, sondern einen feurigen Kreis.

[Illustration: Fig. 1. Versuch zur Bestimmung der Dauer des

Lichteindruckes.]

Genauere Untersuchungen hierüber wurden zuerst angestellt von Ritter

d'Arcy im Jahre 1765. Er schwang ein Stück glühender Kohle im Kreise

herum mit zunehmender Geschwindigkeit. Nun kommt ein Moment, wo der

leuchtende Kreis grade geschlossen ist. Dann wissen wir: der

Lichteindruck an einer Stelle, z. B. A in Figur 1, wirkt genau so lange

Zeit nach, als die Kohle für eine Umdrehung braucht. Arcy fand auf diese

Weise, daß die Dauer des Lichteindrucks im Auge ungefähr 1/8 Sekunde

beträgt.

_Die Wunderscheibe und die Geschichte ihrer Erfindung._

Das erste Bildinstrument, das auf dieser Eigenschaft des Auges beruhte

und das sich rühmen kann, der Urahn des Kinematographen zu sein, war die

im Jahre 1825 erfundene Wunderscheibe, auch Thaumatrop genannt. Es ist

eine Pappscheibe, die beiderseits eine Zeichnung hat, vorn z. B. einen

Vogel und hinten einen Käfig, und die man mittels zweier daran

geknüpfter Fäden in Umdrehung versetzt. Bei rascher Umdrehung sieht man

dann den Vogel im Käfig sitzen. Wenn Sie die Figur 2 der vorgehefteten

Tafel ausschneiden, dann haben Sie eine richtige Wunderscheibe. Sie

müssen nur rechts und links, wo die Punkte sind, ein Loch stechen, zwei

Fäden, je etwa 10 bis 15 cm lang, schneiden und durch jedes Loch einen

solchen Faden ziehen. Die beiden Enden eines jeden Fadens werden am

besten verknotet. Nun nimmt man die Fäden in die Hände und läßt sie

zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, wobei dann die Scheibe in rasche

Umdrehung gerät.

[Illustration: Fig. 3. Wie man beide Seiten einer Münze gleichzeitig

sehen kann.]

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Wie es zur Erfindung der Wunderscheibe gekommen ist, davon erzählt der

englische Mathematiker Babbage ein interessantes Stück. Eines Tages

fragte ihn der berühmte Gelehrte John Herschel, mit dem er zu Tisch saß,

wie man es wohl fertig bringen könne, beide Seiten eines Geldstücks

gleichzeitig zu sehen. Und drauf zeigte er ihm die Lösung der scherzhaft

gestellten Aufgabe, indem er das Geldstück auf dem Tisch kreisen ließ:

ein Experiment, das Sie leicht nachmachen können. Der Versuch läßt sich

auch in der Weise anstellen, wie es Figur 3 veranschaulicht, indem man

nämlich das Geldstück mittels zweier Nadeln hebt und durch Dagegenblasen

in Rotation versetzt. -- Babbage nun erzählte davon seinem Freunde Dr.

Fitton, und dieser zeigte ihm ein paar Tage darauf ein kleines

Spielzeug, das er ausgedacht und womit sich der Herschelsche Versuch

vorzüglich demonstrieren ließ: es war die Wunderscheibe.

_Das Lebensrad (Stroboskop, Phenakistiskop)._

Die Wunderscheibe wurde bald ein flotter Handelsartikel und fand weite

Verbreitung. So einfach und unscheinbar dies Spielzeug auch war: es war

doch ein wichtiges Prinzip darin festgelegt und es gab zweifellos

mancherlei Anregung. Nun lag das Problem in der Luft, eine größere

Anzahl von Bildern in ähnlicher Weise zu kombinieren, und tatsächlich

wurde die Lösung bald darauf, im Jahre 1832, fast gleichzeitig an zwei

Stellen gefunden. Sowohl Plateau in Gent, wie Professor Stampfer in

Wien, konstruierten unabhängig voneinander das Lebensrad. Der eine

nannte sein Instrument »Phenakistiskop«, der andere »Stroboskop«.

[Illustration: Fig. 4. Das Lebensrad.]

Das Lebensrad besteht aus einer runden Pappscheibe, die nach dem Rande

zu in gleichmäßigen Abständen Öffnungen besitzt; darunter sind Bilder

eines und desselben Gegenstandes gezeichnet, die ihn in verschiedenen,

aufeinander folgenden Momenten einer Bewegung darstellen. Die Scheibe

ist, wie Fig. 4 zeigt, um eine horizontale Achse drehbar und wird derart

vor einen Spiegel gehalten, daß man durch die Öffnungen hindurch im

Spiegel die Bilder sieht. Bei rascher Umdrehung verschmelzen die Bilder

ineinander und man gewinnt den Eindruck einer sich bewegenden Figur.

Wenn Sie das Lebensrad nicht aus der Anschauung kennen, so schneiden Sie

doch die Figur 5 der Tafel längs der äußeren Kreislinie aus; dann

schneiden Sie noch ringsum auf der Scheibe mit einem scharfen Messer die

neun schraffierten Schlitze aus: das gibt die Schauöffnungen. (Ist Ihnen

diese Arbeit zu mühselig, so wissen Sie sicher einen Jungen, der's gerne

tut, um auch die hübsche Wirkung zu sehen.) Die Scheibe wird in der

Mitte durchbohrt und dann, am besten mit einem Heftzwecken, die

Bildseite nach außen, auf eine Holzleiste (Lineal oder dergl.)

aufgesteckt, derart, daß sie durch Gegenschlagen mit dem Finger leicht

drehbar ist. Nun hält man die Scheibe (möglichst senkrecht, damit sie

gut läuft) vor einen Spiegel und sorgt dafür, daß die dem Spiegel

zugekehrten Bilder gut beleuchtet sind. Wenn man nun die Scheibe in

Umdrehung versetzt und zunächst nebenher direkt in den Spiegel blickt,

so sieht man nichts von den Figuren; denn sie erscheinen bei der raschen

Bewegung völlig verschwommen. Hält man aber das Auge vor die Scheibe und

schaut durch die Schlitze, so gewinnt man den Eindruck einer sich

bewegenden Figur. Das Auge bekommt dann nämlich durch die Schlitze rasch

nacheinander immer auf einen Moment Bild um Bild zu sehen. Infolge der

Trägheit der Netzhaut verschmelzen nun die Bilder ineinander, und das

Resultat ist ein Bild mit Bewegung.

[Illustration: Fig. 6. Andere Form des Lebensrades.]

In der Folge wurden mancherlei Abänderungen von dem Instrument gemacht.

Figur 6 zeigt zunächst eine Ausführung, die Stampfer schon angab. Dabei

werden zwei zusammen rotierende Scheiben benutzt, eine für die

Oeffnungen und die andere für die Bilder. Ein Spiegel ist hier nicht

erforderlich; denn man sieht direkt durch die Schlitze gegen die

Bilder.

_Die Wundertrommel._

[Illustration: Fig. 7. Die Wundertrommel.]

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Die größte Verbreitung fand die Form, welche als Wundertrommel bekannt

ist. Es ist ein Hohlzylinder mit einem Kranz von Schlitzen; darein wird

ein Papierstreifen gebracht, worauf sich die Bilder befinden (Fig. 7).

Die Trommel wird in rasche Umdrehung versetzt, und wenn man nun durch

die Schlitze sieht, empfängt man den Eindruck eines lebenden Bildes.

Dreimal -- das ist eigenartig -- mußte die Wundertrommel erfunden

werden, bis sie Ende der sechziger Jahre von Amerika aus zur Einführung

gelangte. 1833 wurde sie von Horner unter der Bezeichnung »Daedaleum«

genau beschrieben, 1860 von Desvigne und schließlich 1867 nochmals von

Lincoln patentiert.

_Taschenkinematograph und Mutoskop._

[Illustration: Fig. 8. Das Mutoskop.]

Ein ähnliches Schicksal erlebte eine andere Anordnung, der sogenannte

»Taschenkinematograph«, der Ende der neunziger Jahre als Neuheit in den

Handel kam, nachdem er bereits zweimal zuvor, 1868 und 1886, erfunden

worden war. Dieses Heft stellt mit den Bildern in den Ecken oben rechts

-- so wie es ist -- einen Taschen-Kinematograph dar. Um ihn in Betrieb

zu setzen, biege man die Blätter mit dem Daumen der rechten Hand zurück

und lasse sie durchgleiten, so daß sie rasch nacheinander umschlagen.

Auf demselben Prinzip beruht das in Figur 8 wiedergegebene Mutoskop,

ein Apparat, den man vielfach in Bahnhöfen findet. Man muß bei diesem

Instrument nach Einwurf eines Groschens eine Kurbel drehen, worauf

dann die Bilder abblättern; sie werden durch eine Vergrößerungslinse

betrachtet.

_Verbindung von Lebensrad und Lichtbilderapparat._

[Illustration: Fig. 9. Erster Apparat zur Projektion stroboskopischer

Bilder.]

[Illustration: Fig. 10. Uchatius' zweiter, verbesserter Apparat zur

stroboskopischen Projektion.]

Der erste, der das Lebensrad mit dem Projektionsapparat in Verbindung

brachte, um »lebende« Bilder auf die Wand zu werfen und einem größeren

Publikum als Lichtbilder zu zeigen, war der österreichische Offizier

Franz von Uchatius. Es ist derselbe Uchatius, der den nach ihm benannten

Bronzestahl erfand. Bei seinem ersten Apparat, der in Figur 9

schematisch dargestellt ist und der aus dem Jahre 1845 stammt, wurde ein

aus zwei zusammen rotierenden Scheiben bestehendes Lebensrad angewandt,

wovon die eine der Scheiben b mit Schlitzen versehen war, während die

andere a die transparenten Bildchen trug. Ein zweiter leistungsfähigerer

Apparat, den Uchatius anfangs der fünfziger Jahre konstruierte und der

1853 in Wien vorgeführt wurde, besaß eine feststehende Bildscheibe und

davor einen Kranz von Objektiven: für jedes Bild a war ein Objektiv b

vorgesehen (siehe Fig. 10). Lampe und Beleuchtungslinse c konnten

mittels einer Kurbel hinter der Bildscheibe im Kreise umherbewegt

werden, derart, daß die transparenten Bildchen der Reihe nach beleuchtet

und auf die Wand projiziert wurden. Bei raschem Drehen erschienen die

Lichtbilder in so schneller Folge, daß die Zuschauer den Eindruck eines

einzigen lebenden Lichtbildes gewannen.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Das Projektions-Stroboskop, das eine langsam rotierende Bildscheibe und

eine rasch laufende Blendscheibe mit einem Schlitz besitzt -- wie es

heute noch zu Demonstrationen gebraucht wird -- wurde 1871 von dem

Engländer Ross angegeben, nachdem kurz zuvor die Amerikaner Brown und

Heyl sinnreiche Instrumente dieser Art mit ruckweise bewegter

Bildscheibe ausgeführt hatten. In den achtziger Jahren beschäftigte sich

der Franzose Reynaud eifrig mit dem Problem, die Bilder des Lebensrades

in vergrößertem Maßstabe auf der Projektionswand erscheinen zu lassen;

bei seiner eigenartigen, mit einer Spiegeltrommel ausgerüsteten

Einrichtung, die er Praxinoskop-Theater nannte, saßen die transparenten

Bilder auf einer Trommel, später auf einem langen Bande.

_Die Anfänge der Bewegungsphotographie._

[Illustration: Fig. 11. Aufnahmen »gestellter« Bewegungsmomente für das

Lebensrad.]

Die Bilder, die man mit dem Lebensrade vorführte, waren zuerst

naturgemäß gezeichnet. Erst in den fünfziger Jahren kam man dazu, die

Photographie zur Herstellung der Bilder heranzuziehen. Die Aufgabe war

für den damaligen Photographen ja auch nicht so leicht: hieß es doch,

von der sich bewegenden Figur sehr rasch nacheinander eine Anzahl

Momentaufnahmen zu machen. Und dazu reichten die Hilfsmittel jener Zeit

keineswegs aus. Auch die Schnellfeuer-Kameras, die im folgenden

Jahrzehnt von verschiedenen Seiten ausgedacht und zum Teil ausgeführt

wurden -- Coleman Sellers, Dumont, Ducos du Hauron und Mollard machten

sich besonders verdient darum -- waren noch nichts nutze: die

photographischen Verfahren hatten eine zu geringe Empfindlichkeit, als

daß man so schnell damit hätte arbeiten können. Man mußte sich

einstweilen in primitiver Weise behelfen. Wie man verfuhr,

veranschaulicht Figur 11; es ist die Wiedergabe einer mir vorliegenden

Bilderreihe, die aus jener Zeit stammt. Davon ist jedes einzelne Bild

durch eine Zeitbelichtung gewonnen. Die Kaffee trinkende Dame mußte also

neunmal eine sorgfältig vorbereitete Stellung einnehmen und jedesmal für

die Belichtung stille halten. Dies Verfahren war gewiss recht

umständlich und konnte unmöglich eine natürliche Wirkung abgeben.

_Herstellung der ersten Reihenaufnahmen durch Muybridge._

[Illustration: Fig. 12. Eadweard Muybridge.[A]]

Erst dem amerikanischen Photographen Muybridge (Fig. 12) gelang es Ende

der siebziger Jahre unter Aufbietung gewaltiger Hilfsmittel, richtige

Reihenaufnahmen laufender Tiere zu machen. Er benutzte eine Batterie von

24 photographischen Apparaten, die in einer Reihe nebeneinander standen;

parallel dazu lief die Rennbahn für das Tier. Quer über die Bahn waren,

wie Figur 13 andeutet, 24 dünne Fäden gespannt, die das Tier

nacheinander zerreißen mußte; zu jeder Kamera einer, und zwar war die

Anordnung derart getroffen, daß stets beim Reißen eines Fadens der

Momentverschluß der betreffenden Kamera losging. Auf diese Weise wurden

rasch nacheinander 24 Aufnahmen von dem laufenden Tier gemacht. Eine

Reihe der von Muybridge hergestellten Bilder ist auf dem Lebensrade

(Fig. 5) wiedergegeben; dieselben Bilder sind zu dem

Taschenkinematograph dieses Heftes benutzt. Muybridge soll zu seinen

Arbeiten insgesamt über eine halbe Million photographischer Platten

verarbeitet haben.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

[Illustration: Fig. 13. Einrichtung von Muybridge zur

Reihenphotographie.]

_Förderung der Reihenphotographie durch Anschütz._

[Illustration: Fig. 14. Ottomar Anschütz.]

[Illustration: Fig. 15. Teil einer Reihenaufnahme von Anschütz.]

Die Aufnahmen erregten seinerzeit großes und berechtigtes Aufsehen; doch

wurden die Resultate bald überboten durch Anschütz, den Altmeister der

Momentphotographie (Fig. 14). Anschütz begann 1885 nach ähnlicher

Methode seine Arbeiten und nahm sich ihrer mit großer Energie an.

Während Muybridge bei seinen meisten Aufnahmen nicht viel mehr als

Schattenrisse erhielt, zeigten die Bilder seines deutschen Nachfolgers

alle Abstufungen und Einzelheiten. Ja, die Aufnahmen, von denen Figur 15

eine Probe zeigt, waren so scharf, daß sie zur Benutzung in dem von

Anschütz erfundenen Schnellseher vergrößert werden konnten.

[Illustration: Fig. 16. Anschütz' elektr. Schnellseher.]

Anschütz konstruierte zur Demonstration seiner Bilder noch ein

sinnreiches Instrument, den elektrischen Schnellseher (Fig. 16). Die

einzelnen Bilder, auf Glasplatten oder Zelluloid kopiert, sitzen darin

auf dem Umfange einer schnell rotierenden Scheibe von großem

Durchmesser. Jedesmal wenn sich ein Bild genau gegenüber dem Fensterchen

befindet, durch das die Beschauer blicken, wird es momentan durch eine

Geisler'sche Röhre beleuchtet.

_Marey, der Begründer der modernen Kinematographie._

[Illustration: Fig. 17. Etienne Jules Marey.[B]]

Inzwischen fand die Chronophotographie -- so nannte man das Verfahren

zur Herstellung von Reihenbildern -- in Frankreich bedeutende Förderung

durch Professor Marey (Fig. 17). Dieser interessierte sich zunächst für

den Vogelflug, und da die Anordnung von Muybridge hierzu nicht geeignet

erschien, ging er selbst an die Konstruktion zweckmäßiger Apparate. Zu

seinem ersten Modell, der photographischen Flinte aus dem Jahre 1882,

hatte er die Anregung erhalten durch Jansen's photographischen Revolver,

womit dieser berühmte Astronom 1874 den Vorübergang der Venus in einer

Reihe aufeinanderfolgender Momente festgelegt hatte.

[Illustration: Fig. 18. Marey's photogr. Flinte.]

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Die photographische Flinte und die Art ihrer Handhabung ist in Figur 18

dargestellt. Vorne im Lauf sitzt das Objektiv, hinten im Bodenstück die

lichtempfindliche Platte. Wenn man auf den Hahn drückt, so bringt ein

Uhrwerk die Platte in Umdrehung, doch geht die Bewegung sprungweise vor

sich, derart, daß ein Stück der Platte nach dem anderen an die

Belichtungsstelle kommt und dort einen Moment anhält. Die Belichtung

wird durch eine gleichzeitig in Gang versetzte Verschlußscheibe

geregelt. Mit diesem Apparat konnten 12 Aufnahmen in der Sekunde gemacht

werden. Die Bilder waren aber nur ein Zentimeter groß und ohne Detail.

Figur 19 zeigt eine Aufnahmeplatte; sie gibt den Flug einer Möve in 12

Momenten wieder.

[Illustration: Fig. 19. Aufnahme mit der photogr. Flinte: fliegende

Möve in 12 Momenten (etwa auf die Hälfte verkleinert).]

Ermutigt, aber nicht befriedigt durch die Erfolge, arbeitete Marey mit

wissenschaftlicher Gründlichkeit weitere neue Methoden aus, die ihm für

seine Untersuchungen über die Bewegungserscheinungen bei Tieren und

Menschen wertvolle Resultate lieferten. 1888 ging er zur Verwendung von

Negativpapierbändern über, die ruckweise durch die Kamera geführt und

auf die in rascher Folge eine große Zahl von Aufnahmen gemacht wurde.

Damit schuf Marey als erster eine Einrichtung, die unserem heutigen

kinematographischen Aufnahme-Apparat entspricht. Sein damaliges Modell

ist in Figur 20 dargestellt, während Figur 21 ein Stück einer damit

gemachten Aufnahme zeigt.

[Illustration: Fig. 20. Marey's Negativband-Kamera für

Reihenaufnahmen.]

[Illustration: Fig. 21. Teil einer Reihenaufnahme auf Negativpapier,

hergestellt mit Marey's Kamera.]

Der Fortschritt war ein enormer! Während Muybridge und Anschütz, um eine

Reihe von 24 Aufnahmen zu gewinnen, 24 photographische Apparate

brauchten, machte Marey dasselbe mit einer einzigen Kamera. Ja, die Zahl

der Bilder war hier nur begrenzt durch die Länge des Negativbandes.

_Ausbau der modernen Kinematographie._

Von größter Bedeutung für die Entwicklung der Kinematographie wurde die

Einführung des Zelluloid-Filmbandes, die grade in jene Zeit fiel; zwar

war das Material noch weit davon entfernt, so gut zu sein wie heute.

Nunmehr schossen bald an allen Ecken und Enden die Konstruktionen

heraus. Aber den Gebrüdern Lumière blieb es vorbehalten, die lebenden

Lichtbilder populär zu machen. Das war Mitte der neunziger Jahre. An der

Ausarbeitung des modernen Kinematographen sind viele Männer beteiligt;

besonders verdient machten sich darum Skladanowsky und Messter in

Deutschland; Demeny (Marey's Mitarbeiter, vgl. auch Fig. 53) und die

Gebrüder Lumière in Frankreich; Friese Greene (der schon 1889 ins Feld

trat), Birt Acres und Robert Paul in England; Edison, Jenkins, Casler

und Urban in Amerika. Dem einen haben wir dies Teil zu verdanken, dem

anderen jenes. Wir wollen darüber hinweggehen, sonst geraten wir zu sehr

in Einzelheiten.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Die Bezeichnung »Kinematograph«, die aus griechischen Worten hergeleitet

ist: Kinema = die Bewegung (Kinemata = die Bewegungen) und grapho = ich

schreibe, zeichne auf, wurde durch die Gebrüder Lumière eingeführt,

nachdem sie als erster Bouly in einem französischen Patente vom Jahre

1892 angewandt hatte. Von den zahlreichen anderen Namen hat sich

hauptsächlich »Bioskop« (ebenfalls aus dem Griechischen: Bios = das

Leben, und skopeo = ich sehe) erhalten.

Fußnoten:

[A] Nach einer Abbildung aus Eder's »Geschichte der

Photographie«, Verlag von Wilh. Knapp, Halle a. S.

[B] Nach einer in Eder's »Geschichte der Photographie« (Verlag

von Wilhelm Knapp, Halle a. S.) abgebildeten Plaquette.

Wesen und Wirkungsweise des Kinematographen.

_Wirkungsweise des Aufnahmeapparates._

[Illustration: Fig. 22. Schema einer Filmkamera.]

Wie der kinematographische Aufnahmeapparat arbeitet, das können wir uns

am besten klar machen, indem wir einen einfachen Kodak in die Hand

nehmen. Die Anordnung ist in Figur 22 schematisch dargestellt. Auf der

Rolle M sitzt ein lichtempfindliches Filmband; es ist zur Rolle N

geführt, worauf es sich, wenn man die Rolle dreht, aufwickelt. O ist das

Objektiv und S die Verschlußscheibe. Um eine Aufnahme zu machen, gibt

man der Verschlußscheibe eine Umdrehung. Es bewegt sich dann die Öffnung

T am Objektiv vorbei, läßt Licht zu und verursacht damit eine

Belichtung. Nun soll ein zweites Bild gemacht werden. Dazu muß zunächst

der Film durch Drehen der Rolle N um ein Stück, so groß wie das Bildchen

a, weitergezogen werden. Wenn das geschehen ist, wird der

Verschlußscheibe wieder eine Umdrehung gegeben. Ein drittes, viertes,

fünftes Bild usw. erfordert immer wieder dieselben Handgriffe: stets

wird zuerst der Film weitergezogen und dann die Verschlußscheibe

gedreht.

Denken wir uns nun in die Kamera einen Mechanismus eingebaut, der diese

Handgriffe selbsttätig ausführt, so haben wir den kinematographischen

Aufnahmeapparat, wie er in Figur 23 dargestellt ist. Man braucht nur

eine Kurbel zu drehen, dann schießt der Apparat wie ein

Schnellfeuergeschütz los und macht auf das Filmband in rascher Folge

eine große Anzahl von Aufnahmen. Den Mechanismus wollen wir uns nachher

ansehen.

[Illustration: Fig. 23. Kinematographische Aufnahme-Kamera.]

_Das Filmband und seine Fertigstellung._

Der belichtete Film wird in der Dunkelkammer auf einen Rahmen oder eine

Trommel gespannt und wie der Kodakfilm entwickelt, fixiert, ausgewaschen

und getrocknet. Man bekommt dann ein Band mit vielen kleinen

Negativbildern. Von diesem Negativ, von dem Figur 24 ein kleines Stück

in Originalgröße zeigt, gewinnt man durch Kopieren den Positivfilm, wie

er in Figur 25 wiedergegeben ist. Ein Stück Positivfilm ist ferner hier

angeklebt. Die Filmbänder sind an beiden Rändern in regelmäßiger Folge

mit Löchern versehen, und zwar derart, daß auf jedes Bild beiderseits 4

Löcher kommen. Diese Perforation, die von Edison eingeführt wurde, muß

man anwenden, damit der Mechanismus den Film genau transportieren kann.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Das Filmband ist 3-1/2 cm breit, jedes Bildchen darauf 2-1/2 cm breit

und ungefähr 2 cm hoch. _=Ein=_ Bild sieht fast genau so aus wie das

nächste, erst wenn man mehrere Bilder überfliegt, merkt man einen

Unterschied in der Abbildung. Und das ist kein Wunder, kommen doch

normaler Weise auf die Sekunde 15 bis 20 Aufnahmen. Eine so rasche Folge

der Bilder ist nämlich erforderlich, wenn eine ununterbrochene, schöne

Wiedergabe erzielt werden soll. In der Minute haben wir mithin rund 1000

Bilder und das macht, da jedes Bildchen etwa 2 Zentimeter hoch ist, ein

Band von ungefähr 20 Meter Länge. Für eine Szene, die 5 Minuten dauert,

braucht man also 100 Meter Film. Das mag auf den ersten Blick viel

erscheinen, aber selbst Aufnahmen von vielen hundert Metern Länge sind

heute nichts Besonderes mehr.

[Illustration: Fig. 24. Stück eines Film-Negativs in Originalgrösse.]

[Illustration: Fig. 25. Film-Positiv nach dem Negativ Fig. 24.]

_Wirkungsweise des kinematographischen Wiedergabeapparates._

Nun wollen wir verfolgen, wie mit Hilfe des Positivfilm die Szene,

welche bei der Aufnahme sich vor der Kamera abspielte, als lebendes

Lichtbild zur Darstellung gebracht wird. Die Anordnung ist im

allgemeinen dieselbe wie bei jedem Projektionsapparat. Links haben wir

in Figur 26 die Laterne mit der Lichtquelle L, am besten einer

Bogenlampe; in der Vorderwand zwei Beleuchtungslinsen K, welche die

Lichtstrahlen sammeln und in einem Kegel nach vorne in das Objektiv O

leiten. Das Objektiv dirigiert die Strahlen derart weiter, daß von dem

transparenten Bildchen B auf der Projektionswand ein scharfes Lichtbild

erzeugt wird.

[Illustration: Fig. 26. Schema des Lichtbilder-Apparates.]

[Illustration: Fig. 27. Das Filmband im Lichtbilder-Apparat.]

Die Vergrößerung ist dabei eine beträchtliche. Wenn das Bildchen, wie

beim Kinematographenfilm, eine Breite von 2-1/2 cm besitzt und der

Projektionsschirm beispielsweise 2-1/2 m breit ist, so haben wir der

Linie nach eine 100 fache, der Fläche nach eine 10000 fache

Vergrößerung; bei 5 m breitem Schirm ist die Flächenvergrößerung gar

eine 40000 fache. Da wird es erklärlich, daß man eine sehr kräftige

Lichtquelle braucht.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

An Stelle des einzelnen Bildchens B bringen wir nun, wie es Figur 27

veranschaulicht, den Film derart in den Strahlenkegel, daß zunächst das

erste Bildchen a projiziert wird, und jetzt müssen wir, um auf dem

Projektionsschirm die richtige Wiedergabe zu erhalten, das Band in der

gleichen Weise weiter bewegen, wie vorher in unserem Kodak, den wir uns

mechanisch betrieben dachten: der Film bleibt jedesmal einen Augenblick

an der Belichtungsstelle ruhig stehen, dann springt er um ein Bild

weiter, steht wieder ruhig, springt weiter und so fort. Die

Verschlußscheibe brauchen wir auch hier; sie soll nämlich das Objektiv

immer in dem Moment verschließen, wo der Film sich weiterbewegt, damit

wir das Rutschen der Bilder nicht wahrnehmen.

Wir müssen also in unseren Lichtbilderapparat einen Mechanismus

einbauen, der das Filmband ruckweise weiterbewegt und der bei jedem

Bildwechsel das Objektiv verschließt. Nehmen wir an, ein solcher

Kinematographmechanismus wäre beschafft, und nehmen wir ferner an, der

Mechanismus, gleichgültig wie er sonst konstruiert ist und aussieht,

arbeite in gleichmäßigem »Tempo«: jeder Bildstillstand dauere die

gleiche Zeit wie der Bildwechsel. Schematisch ließe sich dann die

Arbeitsweise des Mechanismus folgendermaßen darstellen, wobei die

ausgezogenen Linien jedesmal den Stillstand und die punktierten Linien

den Wechsel andeuten:

[Illustration: BILD 1 BILD 2 BILD 3]

Wenn wir nun zusammen bei dem Apparat säßen, würde ich, um Ihnen die

Wirkung zu zeigen, den Mechanismus zunächst einmal ganz langsam drehen.

Im Apparat würden Sie dann folgenden Vorgang wahrnehmen: Der Film steht

augenblicklich still, trotzdem ich gleichmäßig drehe; nun wandert er um

ein Stückchen weiter; jetzt steht er wieder ruhig, und so geht's immer

ruck, ruck, ruck vorwärts. Dabei bringt jede Bewegung des Filmbandes ein

neues Bild an die Belichtungsstelle, das dann eine gewisse Zeit stehen

bleibt. Blicken wir nun, während ich langsam weiter drehe, auf den

Projektionsschirm, so sehen wir dort in gleichmäßigem Wechsel: Bild --

dunkel -- nächstes Bild -- dunkel -- nächstes Bild -- dunkel usw. Wir

beobachten, wie jedes Lichtbild einen Augenblick stehen bleibt; von der

Weiterbewegung des Filmbandes können wir hier aber nichts merken, denn

während dieser Zeit blendet immer die Verschlußscheibe die Lichtstrahlen

ab: daher das »dunkel«.

Alsdann würde ich, damit Sie auch das Weiterrutschen des Filmbandes

sehen, die Verschlußscheibe abnehmen und wiederum ganz langsam drehen.

Nun gibt's auf der Projektionswand: Bild -- Rutschen des Bildes --

nächstes Bild -- Rutschen -- nächstes Bild -- Rutschen -- usw. So, jetzt

setzen wir die Verschlußscheibe wieder auf und drehen erst langsam, dann

allmählich immer rascher. Da beobachten wir zuerst noch: Bild -- dunkel

-- Bild -- dunkel. -- Bald aber, bei rascherem Drehen, kann unser Auge

die einzelnen Bilder und die dunkeln Zwischenpausen nicht mehr

unterscheiden. Ohne daß wir merken, wie es geschieht, gehen die Bilder

ineinander über; das Lichtbild gewinnt Leben, die Figuren bewegen sich.

Ein kleines Experiment mag Ihnen eine bessere Vorstellung geben von dem,

was ich Ihnen eben gerne praktisch gezeigt hätte. Halten Sie einmal das

linke Auge zu und bewegen Sie die rechte Hand dicht vor dem anderen Auge

hin und her -- zuerst ganz langsam. Da bekommen Sie, genau wie ich es

vom Kinematograph erzählte, Bild -- dunkel -- Bild -- dunkel -- usw.

Fahren Sie nun aber mit der Hand rasch hin und her und blicken dabei

durchs Fenster auf die belebte Straße, so nehmen Sie alles wahr wie

sonst: Sie merken nicht, daß das Auge die Eindrücke nur stoßweise

empfängt, Sie sehen keine Unterbrechungen in den Bewegungen der Menschen

und Wagen, wie Sie doch tatsächlich durch das »Abblenden« mit der Hand

hervorgerufen werden. Genau so ist es beim Kinematograph. Ja, es ist

dieselbe alte Geschichte, wie bei der Wunderscheibe und beim Lebensrad:

unser Auge hält eben jedes einzelne Bild eine kurze Zeit fest, und wenn

die Bilder hinreichend rasch aufeinander folgen, wenn die Lücken

zwischen Bild und Bild hinreichend kurz sind, so füllt das Nachbild

jedesmal die Lücke aus. Die »Dauer des Lichteindruckes«, so nennt man ja

diese Eigenschaft des Auges, schlägt dann gewissermaßen eine Brücke von

Bild zu Bild über die dunkeln Zwischenpausen hinweg.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

_Das Flimmern und die Mittel zur Behebung._

Aber unser Auge, wenn es sich auch täuschen läßt und statt der

sprungweise sich folgenden Einzelbilder ein einziges Bild mit

ununterbrochener Bewegung sieht: es merkt doch, daß da etwas nicht in

Ordnung ist, daß dabei etwas anders ist, als beim Sehen in der Natur; es

nimmt den ewigen Wechsel zwischen Hell und Dunkel wahr und sagt uns:

»das Bild flimmert«.

Dieses Flimmern wird offenbar verursacht durch den steten Wechsel: Hell

-- Dunkel. Wenn auch die »Dauer des Lichteindrucks« über die dunklen

Pausen hinweghilft und gewissermaßen eine Brücke darüber schlägt, so

nimmt doch die Nachwirkung während der Pause an Kraft erheblich ab: die

Brücke geht von der großen Helligkeit des Bildes bergab. Nun kommt

plötzlich ein neues Bild mit großer Helligkeit: da geht es wieder steil

bergauf. Die Verbindung zwischen Bild und Bild ist da; aber es gibt ein

ewiges auf und ab -- und dieses Auf- und Abwogen äußert sich durch das

Flimmern. Schon beim Lebensrade werden Sie das Flimmern bemerkt haben;

aber ist es Ihnen nicht auch bei dem Experiment mit der Hand

aufgefallen? Vielleicht werden Sie dabei schon eine Beobachtung über die

Stärke des Flimmerns gemacht haben. Wenn nicht, dann stellen Sie das

Experiment noch einmal an: linkes Auge zu und rechte Hand vor dem andern

Auge hin und her, zuerst ganz langsam, dann immer rascher; dabei auf

dieses Blatt blicken! Wird nicht das Flimmern um so schwächer, je

rascher Sie die Hand bewegen? -- Nun, man sollte sagen, dies Mittel

müßte auch beim Kinematographen helfen -- könnten Sie es jetzt

probieren, das Experiment würde die Vermutung bestätigen: bei rascherem

Drehen nimmt das störende Flimmern ab. Das wäre also ein einfaches

Aushilfsmittel, diese üble Erscheinung abzuschwächen. Aber man wird bald

erkennen, daß dies Verfahren einen bösen Nachteil hat: die Bewegungen im

lebenden Lichtbilde werden unnatürlich rasch, wirken überstürzt, und

außerdem ist die Vorführung viel schneller zu Ende. Wenn man da abhelfen

wollte, so müßten auch die kinematographischen Aufnahmen entsprechend

schneller gemacht werden, statt 15 bis 20 Bilder müßten wir

beispielsweise 30 bis 40 in der Sekunde aufnehmen. Das geht wohl, doch

dann wird das Filmband doppelt so lang und die Aufnahmen doppelt so

teuer; außerdem werden bei der großen Geschwindigkeit Mechanismus und

Film viel rascher verschleißen.

Weshalb wird nun aber das Flimmern schwächer, wenn wir den Kinematograph

rascher drehen? Offenbar weil dann die dunkle Pause zwischen Bild und

Bild kürzer wird. Wenn uns die normale Geschwindigkeit (z. B. 15 Bilder

in der Sekunde) folgendes Schema[C] gab:

[Illustration: A]

so bekommen wir bei der überstürzten Geschwindigkeit (30 Bilder in der

Sekunde) schematisch folgende Anordnung:

[Illustration: B]

Die (punktiert dargestellte) Pause zwischen den Bildern ist hier nur

halb so groß wie vorher; sie ist leichter zu überbrücken, das Auf- und

Abwogen und damit das Flimmern wird schwächer.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

Nun ist die Frage: läßt sich dies Resultat nicht auch auf andere Weise

erreichen? Die Zahl der Bilder, die in der Sekunde gezeigt wird, soll

die gleiche bleiben wie in A, nämlich 15; dagegen soll die Pause so

kurz oder besser wohl noch kürzer werden wie in B. Das heißt in anderen

Worten: der Kinematograph-Mechanismus soll den Film innerhalb einer

Sekunde 15 mal still stehen lassen und zwischendurch 15 mal weiterziehen

(wechseln), dabei aber den Bildwechsel, der verdunkelt wird, möglichst

rasch ausführen. Die Lösung ist sehr naheliegend; sie wird schon zum

Ausdruck gebracht durch die Aufgabestellung selbst, und zwar lautet sie

schematisch:

[Illustration: C]

Mit anderen Worten: der Kinematograph-Mechanismus muß so arbeiten, daß

er den Film ganz rasch von Bild zu Bild weiterzieht; dafür muß er jedes

einzelne Bild entsprechend länger stehen lassen. Denn wenn 15 Bilder in

der Sekunde gezeigt werden sollen, so kommt immer nach 1/15 Sekunde ein

neues Bild; also müssen ein Bildstillstand und ein Bildwechsel zusammen

1/15 Sekunde einnehmen. Je kürzer mithin der Bildwechsel ist, desto

länger wird der Bildstillstand. Bei der Anordnung, die das Schema C

wiedergibt, nimmt der (punktiert dargestellte) Bildwechsel 1/3 der Zeit

ein, die auf jeden Bildstillstand kommt. Man sagt: wir haben ein Tempo

1: 3, während vorher bei A das Tempo 1: 1 war. Wer Spaß hat am

Bruchrechnen, kann leicht feststellen, wieviel Teilchen einer Sekunde in

beiden Fällen Bildwechsel und Bildstillstand dauern.

Aber weshalb sollen wir nicht weiter gehen und den Bildwechsel noch

kürzer machen als im Schema C? Je kürzer der Bildwechsel, desto kürzer

ist die Pause zwischen Bild und Bild -- desto geringer muß unserer

Überlegung nach das Flimmern werden. Weshalb sollen wir z. B. nicht ein

Tempo 1: 8 nehmen, wie es das folgende Schema D andeutet, wobei die

Lücken den Bildwechsel und die ausgezogenen Linien die Zeit

veranschaulichen, während welcher das einzelne Bild stillsteht.

[Illustration: D]

Wenn wir das Tempo hinreichend stark nehmen -- sollte man sagen -- müßte

das Flimmern schließlich so gut wie ganz verschwinden. Aber einstweilen

haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht: wir arbeiten ganz in

Gedanken und vergessen die Hauptsache, ob sich auch ein

Kinematograph-Mechanismus, der in so starkem Tempo arbeitet, praktisch

ausführen läßt. Da müssen wir schon den Konstrukteur fragen, und der

antwortet: »Gewiß, wir bauen schon seit Jahren unsere Apparate nach

diesem Prinzip und suchen den Wechselvorgang möglichst kurz zu machen.

Indessen können wir dabei nicht beliebig weit gehen. Es gibt praktisch

bald eine Grenze; denn je stärker das Tempo, desto stärker wird die

Beanspruchung des Mechanismus und des Filmbandes, und desto schlimmer

deren Verschleiß. Bedenken Sie doch, daß bei einem Tempo 1: 10 der Film

bei jedem Bildwechsel innerhalb 1/150 Sekunde weitergezogen werden muß,

und das ist ein gehöriger Ruck! Bedenken Sie ferner, daß bei einer

Vorführung, die eine Stunde dauert, der Apparat 60000 mal einen solchen

Ruck auf den Film auszuüben hat. Immerhin können wir mit dem, was heute

praktisch erreicht ist, recht zufrieden sein: bei einem guten

Kinematograph ist das Flimmern doch verhältnismäßig gering.«

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

_Konstruktion des Transport-Mechanismus._

Nachdem wir nun die wesentlichen Anforderungen, die an den

Kinematographen gestellt werden, kennen gelernt haben, wollen wir den

Transport-Mechanismus selbst einmal näher betrachten. Zunächst mag uns

Figur 28 die allgemeine Anordnung vor Augen führen. Der Film sitzt oben

auf einer Spule R und läuft von dort zur Belichtungsstelle T, wo die

Bildchen eines nach dem andern »eingerahmt« und von den Lichtstrahlen

kräftig beleuchtet werden. Darunter kommt der Bewegungsmechanismus, der

dem Film die ruckweise Weiterbewegung gibt; er ist in der Abbildung

durch die Zahntrommel W angedeutet. Unten wickelt sich das Filmband auf

die Spule S wieder auf. Vor dem Objektiv O dreht sich die Blendscheibe

B, die, wie wir wissen, dazu dient, das Weiterrutschen des Filmbandes zu

verdecken. Der Vollständigkeit halber ist die Projektionslaterne nebst

Beleuchtungslinsen C und Lichtquelle L mit eingezeichnet; der

Strahlengang ist durch die punktierten Linien angedeutet.

[Illustration: Fig. 28. Schematische Anordnung des kinematograph.

Projektions-Apparates.]

_Die Malteserkreuz-Einrichtung._

[Illustration: Fig. 29. Ruckweise Weiterbewegung d. Filmbandes durch das

Malteserkreuz.]

Nun der Bewegungsmechanismus! Eine der am meisten benutzten Anordnungen

zur ruckweisen Weiterbewegung des Filmbandes ist das sog. Malteserkreuz,

von dem Figur 29 eine perspektivische Ansicht gibt. Der Film läuft um

die Zahntrommel W, die mit ihren Zähnen in die Löcher des Bandes

eingreift und die es zwingt, alle Bewegungen der Trommel mitzumachen.

Auf der Achse der Zahntrommel sitzt eine Sternscheibe S und dieser wird

durch eine rotierende Stiftscheibe AB periodisch 1/4 Umdrehung erteilt.

Dabei schlägt die Zahntrommel gleichfalls um ein Viertel herum und zieht

den Film immer genau um ein Bild weiter.

Wie diese Anordnung arbeitet, können Sie sich besser klar machen, indem

Sie sich aus den Figuren 30 bis 33 auf der vorgehefteten Tafel ein

kleines Modell herrichten. Dazu werden die Figuren mit einem scharfen

Messer ausgeschnitten, und zwar recht sorgsam (namentlich das Kreuz).

Die kleine Scheibe (Figur 31) klebt man auf das Kreuz; ferner klebt man

die beiden Scheiben, Figuren 32 und 33, aufeinander, wobei zu beachten

ist, daß der Ausschnitt von Figur 33 auf die punktierte Stelle von Figur

32 kommt. Durch die Mitte eines jeden fertig verklebten Teiles wird ein

Loch gebohrt. Nun legt man zunächst das Kreuz auf ein Brettchen oder

einen starken Karton derart, daß die aufgeklebte kleine Scheibe nach

unten kommt, und steckt durch das Loch eine Nadel hindurch. Dicht

dagegen legt man, wie es Figur 34 andeutet, das andere Teil, die

ausgeschnittene Scheibe nach oben, und steckt dieses ebenfalls fest. Der

Ansatz daran wird hochgebogen. Wenn man nun die Scheibe dreht, so greift

sie mit dem Ansatz in das Kreuz ein (vgl. Fig. 35) und gibt diesem eine

Vierteldrehung.

[Illustration: Fig. 34. Fig. 35. Wirkungsweise des aus der Tafel (Fig.

30 bis 33) herzustellenden Malteserkreuz-Modells.]

[Illustration: Fig. 36. Malteserkreuz für starkes »Tempo«.]

Wie man beim Malteserkreuz ein stärkeres Tempo erzielen kann, um dadurch

das Flimmern geringer zu machen, deutet Figur 36 an. Man braucht nur die

Eingriffscheibe recht groß zu nehmen. So lange die Sternscheibe mit dem

schraffierten Teil der Scheibe A in Berührung ist, steht sie still; die

Wechslung wickelt sich in der kurzen Zeit ab, wo der Eingriff bei dem

nicht schraffierten Teile in Tätigkeit tritt. Allerdings kann man

praktisch nicht beliebig weit gehen, da sonst die Beanspruchung von

Mechanismus und Film zu groß wird.

[Sidenote: Illustration »Taschenkinematograph«]

_Andere Bewegungsmechanismen._

[Illustration: Fig. 37. Greifer. Fig. 38. Schläger. Fig. 39. Klemmzug.

Typische Anordnungen zur ruckweisen Weiterbewegung des Filmbandes.]

Es sind nun noch verschiedene andere Vorrichtungen zur ruckweisen

Weiterbewegung des Filmbandes in Gebrauch; man kann sie kurz als

»Greifer«, »Schläger« und »Klemmzug« oder »Nockenapparat« bezeichnen.

Der »Greifer« besteht aus einer auf- und niedergehenden Gabel, wie sie

in Figur 37 schematisch angedeutet ist. Sie greift in ihrer obersten

Stellung in die Löcher des Filmbandes ein und zieht dieses mit herunter;

unten angekommen, läßt die Gabel den Film los und geht dann »leer« hoch,

um oben wieder einzugreifen und so das Spiel in gleichmäßigem Gange zu

wiederholen. Beim »Schläger«, dessen Anordnung in Figur 38 skizziert

ist, schlägt ein auf der rotierenden Scheibe S sitzender Exzenterstift

in regelmäßigen Zwischenräumen auf den Film und zieht ihn dabei immer um

ein Bild aus der Belichtungsstelle B weiter. Der Nockenapparat besteht

im wesentlichen aus 2 Trommeln Ww (Fig. 39), die so dicht beieinander

stehen, daß der Film eben frei dazwischen hängen kann. Die große

Trommel, welche rotiert, hat an ihrem Umfange einen Nocken E, und

jedesmal wenn dieser gegen die zweite Trommel kommt, wird der Film

eingeklemmt und mitgezogen. Die Zahntrommel R oberhalb der

Belichtungsstelle B schiebt nur genau soviel Film vorwärts, als unten

weiter gezogen werden darf.

_Kinematographen mit gleichmässig laufendem Filmband._

[Illustration: Fig. 40. Schematische Anordnung. Fig. 41. Apparat von

Jenkins. Kinematograph mit gleichmässig bewegtem Filmband und einer

Reihe rotierender Objektive.]

Das lebende Lichtbild: Entwicklung, Wesen und Bedeutung des Kinematographen · 第 1 / 4 段