Und eine weibliche Stimme hallte zurück: »Hoho!«

Worauf sich das Gespräch entspann: »Guten Abend, Madame, ich hab' doch

die Ehre, mit Frau Durand zu sprechen?«

»Ganz recht, mein Herr.«

»Ich bin entzückt, Sie nicht zu sehen.«

»Das Vergnügen ist ganz meinerseits« u. s. w. und am anderen Tag

stellte sich heraus, daß die nächtliche Schöne keine andere als Andrée

gewesen. Wie er da lachte! Er lachte und dachte: Lange währt's ja doch

nicht!

Ja, er konnte noch lachen. Am Jahrmarktstag bei der großen Vorstellung

im Zirkus kugelte er sich. Es war aber auch zum Totlachen. Die Öllampen

rochen so schlecht, und der Zirkusdirektor ersuchte die Herrschaften,

tüchtig zu applaudieren. Eine Ziege war das einzige Pferd, das sich

produzierte, doch damit hatte es auch seine Schwierigkeiten, und ungehalten

rief der Direktor: »Applaudieren! applaudieren! Ohne Applaus giebt's

keine Kunst!« Und unter losbrechendem Beifallssturm produzierte sich das

Zieglein, produzierte sich in jeder Beziehung!

Und ihre wilde Jagd über die Dünen! Hügelauf gings, hügelab. Ein Zug

Möwen folgte ihnen, und Blanche, Andrées prüdes Cousinchen, fiel, den

Kopf nach unten, die Beine nach oben, wo die übrige Gesellschaft sich

befand. Allein Karl dachte: Alles Lüge, es giebt einen unfreiwilligen Tod.

An hellen Abenden, wenn die Dünen gleich Schneehügeln traumhaft dalagen,

Strand und Meer silberweiß erglänzte, und Frau Espinas in seliger

Verzweiflung ausrief: »Das ist zu schön! das kann kein Mensch

aushalten!« oder wenn die Schwärmerin ihn sonst auch zu Hilfe rief, um in

Bewunderung zu schwelgen, indem sie zum Beispiel sagte: »Sehen Sie nur

das Hälmchen im Sand, ich bitte Sie! Und dort die Dünenkette, sehen Sie

doch!« Wie drehte sie ihm das Messer in der Wunde! Die Natur, vor der sein

Herz im Staube gelegen hatte, erschien ihm verächtlich, doch wie man an

einer Verlorenen hängt, hing er an ihr voll Gram über die eigene Treue.

Einmal auf dürrer Heide um sich blickend, geriet er selbst in Ekstase: Ein

Stück Land und ein Stück Himmel darüber, es gab nichts Schöneres auf

der Welt! Doch Schmerz und Bitterkeit übermannten ihn: Bin ich verurteilt?

Muß ich ins Grab steigen? Seine heimatlose Seele klammerte sich an die

Erde, um als ihr Richter und Märtyrer im Pfuhl ihrer Schande zu wühlen.

Am Namensfest der Mutter gab es ein Feuerwerk im Garten. Die Raketen

blitzten auf und rieselten hernieder in blauen, grünen und roten

Feuertropfen. Andrée hielt ihr Brüderchen empor, ihr Gesicht strahlte

lichtübergossen, und sie fragte ihren Liebling:

»Ist das nicht schön? Ist das nicht wunderbar?«

Was wird aus dir werden, was wird aus dir werden? dachte Karl gemartert.

Morgens beim Erwachen betastete er sich, um zu sehen, ob er noch am Leben

war. Ja, er war noch warm, er glühte! ...

Auf dem Marktplatz raste unter Musikgebraus ein Riesenringelspiel im Kreise

dahin. Zum Spaß bestiegen sie manchmal die hölzernen Rosse. Wie im Winde

ritt Karl, sein Roß schien Flügel zu haben, er jagte durch die Lüfte,

doch im fliegenden Gewand schwebte vor ihm Andrée wie das Glück, wie ein

Traum, wie etwas Unerreichbares! ...

Zur Flutzeit badete Alt und Jung. In ihrem roten Schwimmkleid entstieg sie,

eine kleine Schaumgeborene, den Fluten. Er sah die Muttergottesbrüstchen,

die herrliche Rückenlinie, den zarten, rosigen Fuß, ihre zierliche,

himmlische Schönheit --

Dem Gott, der dich schuf, glaube ich alles! dachte er überwältigt, es

muß ein Jenseits geben! Deinetwillen! Ich glaube es, glaub' es wenigstens,

zu glauben! Gott, ich glaub' an Dich! Was willst Du noch mehr?

Und es war eine glühende Mondscheinnacht. Wie in lichten Rauch gehüllt

lag der Himmel, unter jeder Wolke glimmte es, das Meer war entzündet, die

Wellen hatten Feuerränder. Andrée, Karl und die anderen ergingen sich

am Strand. Wohin sie den Fuß setzten, schlugen Funken empor, ein jedes

Sandkörnchen erglänzte, als wäre die Welt in Brand gesteckt, stand alles

in Feuer und Flammen. In Karl brannte es lichterloh. Da fragte ihn Andrée,

was sein Herz bedrückte.

»Es ist die Furcht,« rief er kühn, »sterben zu müssen, eh' ich Sie zur

Frau gewann!«

»Davor bewahr' uns Gott!« entfuhr es ihren Lippen.

Ein Jubelschrei war sein Dankgebet. In später Nachteinsamkeit irrte er

noch berauscht am Ufer umher. Erbebe, Erde, ein Liebender schreitet über

dich hin! Glühe, Himmel, Meer erschauere, ein großes Glück kehrt ein in

die Welt! Reuig, gerührt hätte er sich Gott, wie einem Vater, in die Arme

werfen mögen, als ein Klagelaut die Luft durchschwirrte.

Es wird wohl eine Möwe sein, dachte er: Hier giebt's keine Totenvögel.

Tausend neue Kräfte überkamen ihn, die ihn zum Leben bestimmten und

drängten, seiner Bestimmung zu leben. Er dünkte sich ein gar gewaltiger

Herr, es war keine Ader in ihm, die nicht königlich gewesen wäre ... Da

plötzlich durchzuckte es ihn:

Vielleicht sterbe ich an meinem Hochzeitstag! ...

Doch mußte er lachen. Der Tod hatte kein Recht mehr über ihn. Die Seele

war ja unverwüstlich, und jede Faser in ihm war Seele, Liebe, jauchzendes

Verlangen!

Glitzernd rauschte die Flut heran, purpurn brannte es in der Höhe. In ihm,

um ihn Leben, Feuer, Erdenglut. Nur sein Schattenbild zitterte häßlich

wie ein dunkler Fleck auf all der Pracht.

Kann man nie allein sein, Tod? dachte er; kann man nicht einmal in Ruhe an

sein Mädchen denken? ...

Umsonst, sein Herz war angefressen; was Gram und Angst begonnen, das Glück

vollendete es. Im Glück ereilte ihn die Wut. Denn wie bald konnte seine

Stunde schlagen!

Hilfeflehend klammerte er sich an das Lichtbild der Geliebten: »Rette

mich! Ist das deine ganze Liebe?« ...

Schon sah er sich verloren. Ja, ihm war, als erhöbe sich das Meer und

wollte ihm ans Leben. Also jetzt? jetzt? ... Es packte ihn wie Wahnsinn.

»Mörder!« schrie er und stürzte dem Feinde entgegen ...

Zurück! Zurück! warnten die Wellen. Doch der Rasende stürmte vorwärts,

seinen Angreifer zu fassen. Sie schleuderten ihn ans Land: Wir kämpfen

nur mit Männern, Wahnsinnige sind vor uns gefeit! Er brauchte nur Grund zu

fassen, und Luft und Leben waren wieder sein. Doch um sich seiner Haut zu

wehren, warf er sich wieder ins Wellengewühl. Ein fürchterlicher Kampf

begann. Er glaubte mit Gott zu ringen. »Wer ist der Stärkere, das wollen

wir sehen!« Wild schlug er drein, als wollte er das Meer zermalmen. »Ich

will nicht sterben, nie und nimmer!« schrie er und ertrank.

[Illustration: Decoration]

Die Erbschaft.

[Illustration: Decoration]

Als junger Bursch ging Johann Muck nach Wien, sein Glück zu suchen. Auf

Schusters Rappen und in der Glühhitze des Sommers. Wie lechzte er danach,

im Schatten auszuruhen, als sich ein Wald vor ihm auftürmte, Baum an Baum,

ein Riesendickicht.

»Wo gehts da in den Wald hinein?« fragte er einen Bauer, der des Weges

kam.

»Dumme Frage«, war die Antwort, »der Wald steht einem überall offen.«

»Ach ja,« seufzte Johann Muck, »auch die Welt steht mir offen, aber ich

weiß doch nicht aus, nicht ein.« Und er warf sich am Waldrand nieder,

halbtot vor Müdigkeit. Zwei Tage war er unterwegs gewesen, ohne nur einen

Wanderstab zu haben. Nun hob er einen gebrochenen Ast auf und begann ihn

zuzuschnitzen, wobei er nicht aufhörte zu seufzen.

Der arme Teufel stand da ohne Arbeit, ohne Geld. Nichts hatte er als ein

rechtschaffenes Herz. Zwar einen reichen Onkel hatte er auch, der aber von

ihm nichts wollte, der Geizhals! Auf seinem schönen Gute hausend beklagte

sich der Knauser und that, als ob man ihm noch etwas schenken sollte. Es

galt denn ohne den filzigen Alten fertig zu werden, aber wie?

Von Kindesbeinen auf hatte er sich allein durchbringen müssen, denn seine

Mutter war eine böhmische Köchin gewesen, und seinen Vater kannte man

nicht. Arbeiten und nichts lernen! hatte seine Schicksalsparole gelautet.

Wenn er wenigstens eine Profession gehabt hätte! Aber nichts konnte er,

als höchstens Stöcke machen. Da schwang er sein Fabrikat, einen festen,

elastischen Stock. Gut, so will ich Stöcke machen, dachte er, aber dich,

meinen ersten, behalte ich zum eigenen Gebrauch!

Zehn Jahre später war er Inhaber einer Stockfabrik. Am Diamantengrund

hatte er sich etabliert, das Geschäft florierte. Nicht umsonst hatte er

sich abgerackert. Gestützt auf seine Stöcke sah er dem Leben froh ins

Gesicht. Wer hätte gedacht, daß er so groß dastehen würde ohne einen

Kreuzer Schulden. Der Zündhölzchenfabrikant Mayer, ein Hausbesitzer,

war sein Freund. So weit hatte er es gebracht. Und aus eigener Kraft! Kein

Wunder, daß er in die Breite ging. Ja, er konnte sich sehen lassen mit

seinem stattlichen Bauch, je einen Büschel Bart auf den glänzenden Wangen

und den bewußten Stock stets in der Hand. Der war sein stiller Kompagnon.

Es war eine Passion zu leben! Nur das verflixte Herz! Frau Bradl hatte es

ihm angethan, die blühende Witwe eines reichen Cafetiers. Es gab keine

feschere, herzigere Frau! Also eine Hoffnung mehr im Leben, ein Grund mehr,

Gott zu danken. Das konnte er in jeder Beziehung, denn wenn man so dastand,

wie er -- Nun brauchte er nicht mehr den Schmuzian vom reichen Onkel, und

zum Beweis, daß er ihm nichts nachtrug, machte er ihm einen prächtigen

Stock zum Geschenk.

Doch da kam er gut an bei dem alten Griesgram. Der empfindliche Herr

betrachtete den Stock als Symbol und schrieb dem Spender einen Brief voll

Gift und Galle. Dieser bekam Dinge zu lesen, daß ihm Hören und Sehen

verging, aber auch die Geduld. O der Giftzahn! Aber alles brauchte sich

der Mensch nicht gefallen zu lassen. Na warte! Er mußte ihm seine Meinung

sagen. Übrigens schrieb er ganz höflich: »Verzeihen Sie, lieber Onkel,

ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, aber Sie sind ein Esel.«

Das war zu viel für den Wüterich. Er barst schier vor Zorn. Die

Todfeindschaft war besiegelt. Das bleibt dir nicht geschenkt, Herr Neffe!

dachte er. Alles Böse hätte er ihm anthun mögen. Darin war er groß. Ja,

er sollte an ihn denken! Denn als er bald darauf als ein verhältnismäßig

armer Mann starb, hieß es in seinem Testament:

»Mein Gut vermach' ich meinem lieben Neffen Johann Muck.«

Dieser verkaufte Stöcke und tauschte mit keinem König, als man ihm die

Trauer- resp. Freudenbotschaft überbrachte: »Ihr Onkel ist tot, und Sie

sind Gutsbesitzer.« Fast wäre er vor Freude gestorben, doch hielt er sich

zurück.

»Mein armer Onkel!« klagte er vielmehr. »Das Gut gehört mir? Ist er

sanft entschlafen? Welch' ein Glück! Wann wird er denn begraben? Das freut

mich herzlich! Wie viel Joch beträgt es?«

Langsam faßte er sich. Sein Glück konnte er noch immer nicht fassen.

Er freute sich, als hätte er sich sein Leben lang zu freuen. Umsonst

versuchte er an der Bahre zu jammern:

»Hab' Dank! O daß du gestorben bist!« es klang wie ein Jubelruf: »O

hab' Dank, daß du gestorben bist!«

Ist denn die Freude eine gar so anstrengende geistige Arbeit? Fast wäre

er närrisch geworden. Aber es war auch keine Kleinigkeit. Er war froh

gewesen, daß er lebte, und nun das Glück! Er war froh und zufrieden

gewesen und nun das großmächtige Glück, das Glück aus heiterem Himmel!

Kein Wunder, wenn man da gefühlvoll wird.

»Begraben Sie ihn gut, Hochwürden,« bat er gerührt den Geistlichen. Wie

weinte er! Vollends am Grabe -- wie weinte der lachende Erbe:

»Mein armer, armer Onkel!«

Zu seinen Lebzeiten hatte er nie anders von ihm gesprochen, als: »mein

reicher Onkel« und kein gutes Haar an ihm gelassen. Aber die Toten haben

es gut. Nun sagte er: »Mein armer Onkel« und hob ihn in den Himmel.

»Mein armer Onkel! Gott, gieb ihm a Ruh'!« eine Redensart, die er

offenbar von seiner Mutter hatte, die, wie gesagt, eine böhmische Köchin

gewesen.

Nun aber kaltes Blut bewahrt! Und Courage! Und sich ins Glück gestürzt

über Hals und Kopf!

Sein Geschäft hatte für ihn ausgelebt. Man bricht mit der Vergangenheit

beim Erstehen eines neuen Glücks, da giebts keinen Pardon, nicht mit

der schönsten Vergangenheit. Das Gut war seine Hoffnung, ihm galt seine

Pietät. Verschleudern wollte er sein blühendes Geschäft. Zum Glück

fand sich kein Abnehmer sogleich. Wie würde es ihm vollends ergangen sein

mitsamt seinem Gut!

»Schade, daß es verwahrlost ist,« hieß es bei der Erbschaftsübergabe.

»Verwahrlost?« staunte er, »aber das steht ja nicht im Testament!«

Aber als er an einem Maitag an Ort und Stelle fuhr, um Besitz von seinem

Besitz zu ergreifen, und nachdem er an der Bahnstation gefragt hatte, wo

Himmelshof lag, sein Gut, seine Welt, und auf dem Weg dahin immer wieder

gefragt hatte: »Wo liegt Himmelshof?« bis man ihm die Auskunft gegeben:

»Na, vor Ihrer Nase!« wäre er vor Entzücken fast in die Kniee gesunken.

Das wollte ein verwahrlostes Stück Erde sein, dieses Paradies? Mit dem

Blumenmeer von Feldern, den Blumensträußen von Bäumen, der kristallnen

Luft voll Duft und Schmetterlingen? Luftig, gewaltig erhoben sich die

Berge, ihr Atem berührte das Thal. Und was war das für ein Himmel! Wie

schien dort oben die Sonne und streute Strahlen hernieder wie Gold.

Auf goldiger Erde, unter goldigem Himmel stand das Haus. Das Thor war

aufgethan. Juchhe! Ihm war, als hätte er eine Welt, als hätte er die Welt

entdeckt. Was hatte er gewußt, daß es eine Erde gab, einen Himmel und

einen Himmel auf Erden?

Und diesen schönen Fleck Erde hatte der Onkel wie die Pest geflohen,

davon schließlich nichts hören wollen, so daß die Felder in schlechten

Pächtershänden waren und die Waldungen verwildert. Aber man richtet sich

eben ein, daß man alles selbst bewirtschaftet; hat man aber keinen blauen

Dunst davon, so nimmt man sich einen tüchtigen Verwalter.

Muck nahm sich einen Verwalter, einen zu Grunde gegangenen Gutsbesitzer.

Der mußte doch zu wirtschaften verstehen. Es war ein gar unternehmender

Herr mit hochfliegenden Plänen, die vorläufig freilich nur in

Anschaffungen bestanden. »In eine ordentliche Wirtschaft gehört dies, in

eine ordentliche Wirtschaft gehört das --« und dabei hatte er eine Art,

sich den langen Bart zu streichen, daß ihm Muck recht gab und Geld -- Geld

ohne Ende. Entweder man hat ein Gut oder man hat keins, rechtfertigte er

sich vor sich selbst. Wagte er aber doch zu seufzen, so hieß es: »Das

ist bloß der Anfang!« Doch der Anfang nahm kein Ende, hingegen seine

Barschaft, denn Steuern mußten ja auch entrichtet werden. Gleich stellte

sich der Staat ein mit der Rechnung: Ein Gut erben kostet so und so viel.

Was nur das Bauen verschlang! Vom Viehkauf gar nicht zu reden. O mit deiner

ordentlichen Wirtschaft! dachte Muck, bin ich denn ein Millionär? Hätte

er wenigstens mehr davon verstanden! Schade, daß das Gut kein Zinshaus

ist! bedauerte er oft, freute sich aber doch, daß das Gut ein Gut war.

Machte es ihm auch Kummer und Sorgen, so war es doch sein Glück! Seine

Sparkasse, dahin sein letzter Kreuzer spazierte, sein Stolz, für das er

sich gern zu Grund richtete, von dessen Gnaden er nicht leben wollte.

In der That stand im nächsten Frühjahr ein schönes Haus da -- er hatte

sich kein neues gebaut, weil das zu hoch gekommen wäre, nur das alte

umbauen lassen, was freilich so hoch gekommen war, wie ein neues -- und

Ställe und Scheunen lagen daneben. Wohl waren diese noch leer, doch

auf den Feldern blühte die Saat. Ja, nun hieß es ernten, die Zinsen

einheimsen. Was setzte er für Hoffnungen auf sein Gut, wie hatte er seine

Freude dran!

Sonntags wenn er vor seinem Hause stand -- wie dufteten die Nelken und

Rosen! So schön hatten sie die ganze Woche nicht geduftet. Auf den

Dächern girrten die Tauben, und im Hof trieben sich still die Hühner

umher, der Hahn hochbeinig, den Schnabel in der Luft, die Henne gesetzt

und bekümmert. Zwischen ihnen stolzierte der Verwalter mit einer Miene so

sicher und gelangweilt und strich sich den wehenden Bart. Der Hahn hatte

etwas Männliches und der Verwalter etwas Hahnenartiges -- eigentlich

konnte ihn Muck nicht recht leiden. Er war eine militärisch vornehme

Erscheinung und stand mit der Mutter Natur auf Du und Du -- man kam sich

neben ihm vor wie Parvenü. Kinder liefen einem zwischen den Beinen, lauter

Sprößlinge von ihm. All die Mäuler mußte er füttern. Ja, hier war

er Herr, das fühlte selbst Schnapsl. Wie er ihm schön that, wie er ihn

verwöhnte! Es gab keinen spaßigeren Dackel. Dick wie eine Walze, mit

geringeltem Schweif -- es war kein echter, nur ein »imitierter«, wie sein

Herr ihn neckte. Der Kopf war groß wie von einem Flußpferd, dabei war er

munter und verspielt wie ein Kind. Der liebte ihn auch nicht wenig. Endlich

ein Hund, den er liebte. Er hatte noch nie einen besessen. Wie kann man

Hunde fremder Leute lieben? Ihm war, als hätte er auch die Welt noch

nie geliebt. Wie kann man die Welt fremder Leute lieben? Doch sich sagen

können: Das ist mein Haus, mein Hund, das sind meine Schweine, meine

Kühe!

Auch bei ihnen kehrte er ein und fand sie bei ihrem Tagewerk. Selbst an

einem Sonntag rasteten sie nicht. Für die Kuh hatte er eine ganz spezielle

Verehrung. Wie prächtig sie das frische Gras zum Dünger verarbeitete! An

dem starren Körper hob und senkte sich der dünne, rege Schweif, es war

wie eine Riesenmaschine.

Hie und da gingen Leute vorbei und grüßten mit trägem Respekt. Der

neue Gutsherr erfreute sich keiner Beliebtheit. Dafür sorgten schon die

gekündigten Pächter, die ihn ausrichteten. Ach ja, die Bauern! Bellend

lief Schnapsl auf die Straße und bellte noch, wenn die Leute schon längst

vorbei passiert waren. »Kusch dich, Schnapsl!« Aber er bellte beim

bloßen Gedanken dran, daß es jemand gewagt. Er war ganz nervös und

wollte seinen Spaß haben auch an einem Sonntag. Wie gern hätte er

Händel angefangen! Doch mit wem? Heute durften die Kinder ihre Hosen nicht

zerreißen. So lange zu ruhen! Man war ganz erschöpft, und der Tag nahm

kein Ende. Wie wurde es eintönig im Hof! Man sah nichts als Hühner,

Gänse und Tauben. Wer bemerkte sie an Wochentagen? Der Knecht lag vor der

Stallthüre wie krank. Sechs Tage arbeiten und am siebenten vor Langeweile

sterben -- war das nicht zu viel verlangt vom lieben Gott und christlich?

Das Haus stand noch am selben Fleck, und der Garten wurde immer kleiner.

Man hatte die Rosenstöcke gezählt und man hatte die Hühner gezählt. Man

wußte alles auswendig, und der Sonntag schien hundert Jahre alt mit seinen

Rosen, Hühnern und Tauben, als man einen hohen Flügelschlag vernahm. Ein

Laut aus höheren Regionen. Die Luft erbebte, ein Adler kreiste über Haus

und Hof. Alles schauerte zusammen, fühlte sich geschmeichelt -- welch ein

Sonntag!

Und welch ein Sonntag war das für Muck, als die schöne Witwe, seine alte

Flamme, ihn in die Versuchung brachte, oder vielmehr ihr Schwager, der

pensionierte Hauptmann Bradl. -- Das war so:

Muck stand wieder vor seinem Haus. Wenn er drin war, sah er es nicht und

er wollte es immer vor Augen haben. Wie sich eine Frau unter Rosen schön

ausnimmt! dachte er, die Verwalterin im Garten erblickend. In ihrem

Sonntagsnachmittagsausgehkleid sah sie gar sanft und vornehm aus und putzte

ihren Kindern die Nasen. Die ganze Naturgeschichte spielte sich ab vor

seinen Augen, nur er hatte gar keine Rolle drin. Plötzlich hätte er auch

Weib und Kinder haben mögen. Sein Hof war eine Arche Noah, darin alles

gepaart war bis auf ihn. Daß ihm Frau Bradl einen Korb gegeben! Er hatte

ihr nämlich einmal durch die Blume einen Heiratsantrag gemacht, aber

sie war halt zu reich gewesen für ihn. Leider! Alleinsein ist doch kein

Geschäft! dachte er, wo nimmt man schnell Weib und Kinder her? als der

Hauptmann in den Hof trat.

»Meiner Seel und Gott, der Herr Hauptmann!«

Er war's mit seinem Kaiserbart und der eleganten Tournüre. »Der Herr

Hauptmann! Welche Ehre!«

Der aber rief mit dröhnender Stimme:

»Gratuliere! gratuliere! Na, hören Sie, Sie haben ein Glück, Herr Muck,

daß es schon nimmer schön ist.«

Muck erschrak nicht wenig.

»Ja, denken Sie sich nur, was Ihnen passiert ist,« lachte der joviale

Herr, »ein Schatz ist gefunden worden auf Ihrem Grund und Boden.

Natürlich gehört er Ihnen. Wollen Sie ihn nicht beheben?«

»Ein Schatz?«

»Da ist er!« Und lachend zeigte der Spaßvogel auf seine Schwägerin,

die errötend und siegesbewußt hinter dem Zaun stand, ganz erhitzt von der

Sonnenglut. Wie war sie hübsch, zum Dreinbeißen! An jeder Hand führte

sie einen Buben, ja, Familie hatte sie auch, und man wäre gleich zum

Fertigen gekommen. Doch statt das Glück beim Schopf zu fassen und mit

tausend Händen danach zu greifen, dachte Muck abgeschreckt: Jetzt bin ich

ihr gut genug, weil ich ein Gut hab', natürlich! und lachte nur bescheiden

über den freundlichen Scherz. Doch that sie, als wüßte sie von nichts,

und wollte gleich um ein Häuschen weiter. Verwandte von ihr wohnten in der

Nähe. Sie war aus der Gegend -- dieser Zufall! Nein, nicht um alle Welt

wäre sie eingekehrt. Erst nach vielem Zureden ließ sie sich herbei, den

Hof zu besichtigen. Sie schien etwas von der Landwirtschaft zu verstehen

und machte Bemerkungen, wie:

»Recht schön, aber -- Schade nur --« so daß Muck beleidigt auffuhr:

»Was aber? Was schade nur?«

»Gehen Sie!« lachte sie. »Haben Sie vielleicht kein Kreuz mit Ihrem

Gut?«

»Freilich!« gab er zu.

Freilich gehört es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, beim

Jahresabschluß eine Ziffer zu sehen, daß es einem schwindelte, aber

nicht bei den Einnahmen, nein, bei den Ausgaben. Einnahmen! Das existierte

überhaupt nicht. Ein Gut ist keine Melkkuh, sondern ein Säugling,

der trinken will aus tausend Brüsten. Freilich gehört es nicht zu

den Annehmlichkeiten des Lebens, mit offenem Säckel dazustehen. Das

Stockgeschäft konnte nicht alles bestreiten. Es versagte einfach: Bis

hieher und nicht weiter! Aber das Gut wollte leben. Ein kostspieliges

Vergnügen das, ein Gut zu besitzen. »Gott, wie hab' ich das verdient?«

seufzte er und konnte vor Sorgen nicht mehr schlafen, vor blutigen Sorgen!

Der vielfachste Familienvater hatte es besser. Woher nur das viele Geld

nehmen? Alles eins, wenn er es nur auftrieb, galt es auch, es aus der Erde

zu kratzen. Na, ich leg' mein Geld gut an, dachte er, so gut, daß ich es

nimmer angreifen kann.

Freilich hatte er die Butter umsonst. Umsonst? Du lieber Gott! »Was kostet

Sie die Butter?« fragte er seine Kunden. »Neunzig Kreuzer das Pfund«,

hieß es. Weiß Gott, dachte er, mich kostet es die Tausende und die

Tausende!

Sein Gut war eben ein Land, wo Milch und Honig nur in geringer Quantität

floß. Eine Kuh gäbe täglich nur vier Liter Milch, berichtete ihm

erst neulich der Verwalter. Verdammtes Vieh! Es wurde gewartet wie eine

Prinzessin und gab doch nicht mehr wie vier Liter pro Tag!

Ach ja, die Berichte! Schöne Neuigkeiten das! Der Ochsenstall müsse

vergrößert werden, hieß es z. B., der Jäger habe gekündigt und sich

bei den Leuten beklagt, zu wenig zu essen zu bekommen, die Dachrinne

sei beschädigt, und Schnapsl hingeworden am Gift, das man den Füchsen

gestreut -- sein Schnapsl!

Und da staunten noch die Leute und fragten: »Was treiben Sie? Sie werden

ja ganz grau?«

Sogar Hypothek hatte er aufnehmen müssen, sein Gut verpfänden!

Doch die Ernte sollte alles wieder einbringen.

Ei jawohl!

Tags vorher -- die Lerche badete zum letztenmal in der goldigen Kornflut --

zogen Wolken heran, ein ganzes Regiment. Auf dunklen Rossen kamen sie durch

die Luft geflogen. Sie umschlangen sich mit rabenschwarzen Armen, und nun

begann das Bombardement. Der Gutsherr zitterte, doch nicht für sein Leben.

Das war ihm früher erlaubt gewesen. »Mein Haus!« jammerte er, »meine

Ställe, meine Bäume!« Wie hätte er sie mit dem Leibe schützen

mögen! Die Blitze zuckten wie tanzende Feuerstrahlen -- welch herrliches

Schauspiel! Doch hatte er andere Sorgen: Wenn es einschlüge! Es donnerte

und dröhnte, als bräche der Himmel in Scherben. Krach! es hatte

eingeschlagen! Großer Gott! Nun prasselte es hernieder, ein Wasserfall

aus Himmelshöhe, der fürchterlichste Niagara. Hätte er doch einen Schirm

halten können über Wald und Feld! Allmächtiger Gott! Er schmeichelte

Gott, kam ihm grob, als ein kalter Kugelregen herabrieselte, das schwere

Geschütz. Barmherziger Gott, und die Felder! Und der Assekuranztermin, der

neulich abgelaufen und noch nicht erneuert worden war! Es war um wahnsinnig

zu werden! Aber da lachte der Himmel, als sei nur alles Spaß gewesen. Dem

Gutsherrn war nicht zum Lachen. Rasend vor Angst stürzte er hinaus:

»Wo, wo hat es eingeschlagen?«

»Auf dem Nachbargut.«

»Welch ein Glück!«

Aber man kam nicht aus der Aufregung heraus und hatte keine Ruhe. Weder vor

dem lieben Gott, der die Ernte zerstörte, noch vor den bösen Buben, die

die jungen Bäume beschädigten. Die Kerle fraßen ihm alles grüne Obst

weg. Hätten sie nicht warten können, bis es reif geworden? Aber das

war noch gar nichts. Ärger als die Obstdiebe waren die Holzdiebe, die

Wilddiebe und die Tagediebe!

Die Frau fehlte an allen Ecken und Enden. Wie hätte er sich den Kopf

abreißen mögen, Frau Bradl verschmäht zu haben, eine so tüchtige Frau,

die abgesehen davon, daß er bis über die Ohren verliebt in sie war,

für eine Gutsfrau wie geschaffen schien. Die würde Ordnung gehalten, den

Knechten und Mägden auf die Finger gesehen haben, und das Vieh wäre nicht

ewig krank geworden.

Jeden Moment gab es einen Patienten. Wenn er den Verwalter zur

Verantwortung zog, indem er ihm zaghaft vorhielt: »Aber lieber Herr

Stephani« -- dann strich sich dieser den Bart so unschuldig und

sanguinisch -- es war um aus der Haut zu fahren! Welch eine Mißwirtschaft!

In Geschäft und Werkstatt wußte er schon Ordnung zu machen, da nahm er

sich kein Blatt vor den Mund, doch hier traute er sich nichts zu sagen aus

Furcht, daß ihn jener anfuhr: Was verstehst du Stockfabrikant! Er konnte

doch nicht überall sein, mußte ja beim Geschäft bleiben und arbeiten,

arbeiten, daß ihm der Buckel krachte. Für wen? Für den Herrn Verwalter,

die Knechte und Mägde, das Gesindel -- Wie verwünschte er sein Gut in den

tiefsten Grund der Hölle! Es schied ihn auch von seinen Freunden.

»Ein Gut erben, auch eine Idee!« spottete der Galanteriewarenhändler

Fuchs, und der Hotelier Nagel erklärte ihn einfach für übergeschnappt.

Freund Mayer konnte ihm nur das eine raten: »Verkauf dein Gut!« Um den

kleinsten Haupttreffer hätten sie ihn eher beneidet. Er wurde lächerlich

in ihren Augen. Armer Muck!

Nein, mit dem Gute wollte es durchaus nicht gehen. Zwar verlor er noch

nicht alle Hoffnung, und die Zukunft erschien trostreich, aber bis dahin --

Eine Freude oder ich vergehe! dachte er eines Tags und fuhr zu sich hinaus.

Es war gerade Kirchtag. Heissa! Es ging her wie im ewigen Leben. Bis vor

der Wirtshausthür stand das Volk, so überfüllt war der Tanzsaal. Der

Dudelsack brummte so rührend gemütvoll wie ein lebendiger Bauch, und die

Burschen waren so fröhlich und die Dirnen so schön. So schön kann

man nur einmal im Jahre sein, so fröhlich nie mehr wieder. Selbst der

Dorftrottel freute sich, so viel Verstand hatte er noch.

»O ihr Glücklichen!« rief Muck laut aus. Doch ein Betrunkener meinte:

»Glücklich? Geh weiter! Lustig sind wir, das ist mehr wert! Gescheit

sein, Kinder!« Sie trieben's wie toll.

Was hieß lustig sein? Wenn man sich die Köpfe einschlug. Die Fäuste

begannen ihr Werk, die Messer wurden gezückt. Wie das anheimelte! Nur

scheinbar trennte man die Kampfhähne. »Loslassen! loslassen!« was so

viel hieß, als: Nur zu! faßt euch! Bravo! Zumal als man Blut rinnen

sah -- wie die Alten die Hälse reckten -- o Jugenderinnerung! -- wie

die Jugend gierige Mienen machte und etwas wie von einem großen Moment

verspürte, ja, wie selbst die so arg Zugerichteten Stolz empfanden, die

Helden des Tages! Allerseits Freude und Zufriedenheit, als man plötzlich

des Gutsherrn gewahr wurde. Man schämte, ärgerte sich -- was wollte der

Störenfried? Konnte man sich nicht einmal friedlich unterhalten? »Hier

ist kein Platz für Herrenleute!« riefen die Frechsten, und Muck machte,

daß er fortkam.

So hab' ich mich denn unmöglich gemacht bei allen Menschenklassen? dachte

er bitter. Soll ich unter Schweine gehen? ...

Auf dem Stoppelfeld grasten sie, und wie man plötzlich ein Kunstwerk

entdeckt, daran man stets achtlos vorbeigegangen, sah er sie und sah, wie

die alten Schweine etwas Tyrannisches an sich hatten, aber wie den Jungen

die Unschuld aus den Äuglein blickte, gleich Idealisten, die im Sumpfe

waten, weil dem Reinen alles rein ist. So sahen also die Schweine aus?

Wie eine Wurst mit Augen und Ohren, mit Schnauze und Schweif. Das Tier in

seiner einfachsten Form. Ein zweijähriges Kind konnte sie zeichnen. Und

diese blasse Farblosigkeit, die roten Äuglein! Die reinen Albinos. Wie

sie nur grunzten! Was giebts? Was beliebt? dachte Muck, aber die Chinesen

würde ich ja auch nicht verstehen, sind die Chinesen trotzdem nicht

Menschen? und blieb bei den Schweinen.

Er kam sich so verlassen vor! Sein Herz war voll tausend Ängsten.

Wehmütig dachte er an die schöne Zeit, da er noch kein Gut besessen ...

Herbstzeitlosen bedeckten das Feld mit stillen, lauen Farben. Ein kühler

Hauch entstieg der Erde. Er schlürfte ihn ein mit tierischer Gier, mit der

Gier von Menschen, die den Kalk von den Mauern kratzen, weil ihr Körper

weiß: das brauche ich! Wollüstig wühlte er im Erdreich, daß die

schwarze, feuchte Erde sich ihm in die Poren drang, als wollte der Staub

zum Fleische werden. Doch der Wurm, der über seine Hand kroch, nahm

schnell Reißaus wie aus Ekel vor allem Lebendigen. Wer sich in Erde

einhüllen dürfte! dachte Muck. Doch dazu wirds auch noch kommen. Schade,

daß ich dann tot sein muß! Ihn erfaßte Müdigkeit und Sehnsucht, und

eine Stimme tönte aus der Tiefe -- was war dagegen Nixengesang? --: Komm

in meinen Schoß, armer Mann, bist du nicht mein Kind?

Kopfüber hätte er sich ins Grab stürzen mögen, aber da kam ein

Platzregen herniedergeprasselt. Heute war ja Kirchtag, da mußte er

dabei sein. Das brachte Muck auf andere Gedanken: Mein neuer Hut! Und die

Schweine! Schöne Geschichte das!

Mit seinem Stock trieb er sie heim. Die alten Schweine brummten in

würdigem Baß:

»Würd' ich das geahnet haben,

Mantel hätt' ich umgenommen.«

Und die Jungen grunzten fein und hell:

»Auch ich! auch ich! auch ich!«

Aus war's mit der Lustbarkeit. Die Tanzenden stoben auseinander. Man rannte

in den Regen hinaus. Die Buben mit Freudengejohle, die ausgezogenen

Stiefel schwenkend, die Weiber mit über den Kopf geschlagenen Röcken. Sie

lachten, kreischten und liefen, was sie laufen konnten. Der Regen war ihnen

in die Beine gefahren, alles wollte naß werden. Als man heimkam, hatte es

richtig aufgehört.

Doch wurde es Abend, und die Natur lag noch in Thränen aufgelöst. Muck

aber wollte sich die Kleider am Leibe trocknen. In der Küche ging alles

aus und ein. Dort setzte er sich hinter den Herd. Man brauchte nicht erst

zu sterben, um ein warmes Plätzchen zu haben. So gemütlich war's in

dieser Allerweltsküche, dem Bereich der Verwalterin. Das Feuer prasselte,

Kaninchen huschten über die Fliesen, es duftete nach frischem Holz und

Rauch, das Hühnervolk verlief sich her, und die Kinder machten Spektakel.

Doch währte die Freude nicht lang. »Fort mit euch!« schrie die

Verwalterin. Vorbei war's mit dem Sonntag, vorbei auch mit der Vornehmheit,

sie war wie eine Wetterhexe. »Hinaus!« und jagte die ganze Gesellschaft

auseinander. Die Hühner flogen auf, die Kinder weinten, und sie schrie:

»Still, still, der Herr ist da!« Umsonst versuchte dieser, der Scene ein

Ende zu machen: »Aber Frau Stephani« -- Sie that sich noch etwas zu gute

drauf, als wäre es eine Huldigung für ihn. Nun, er bedankte sich. Das

Trommelfell sprang ihm schier entzwei vor all dem Gekreische, Geweine und

Gekrächze -- es war ein Hochgenuß!

Im Hof kommandierte der Verwalter und schrie mit den Leuten herum. Er

nannte die Kuhmagd »Kuh«, den Ochsenknecht »Ochs« und nicht etwa aus

Verwechslung. Dachte sich auch Muck im Stillen: Ich jage dich ja doch zum

Teufel, er imponierte ihm. Wer so anschaffen könnte! dachte er. Es war

eine Freude, ihm zuzuhören, wie er z. B. dem Jäger Ordre gab: »Sepp!

Anstalten treffen für die Pirsch!« Daß der Wald mir gehört und nicht

dir, was weiter? dachte Muck, ich hab' die Sorgen, du das Vergnügen.

Ja, er hatte einen großen Herrn in seinem Dienst, und das war das Malheur.

Zwar ihm gegenüber war er der Respekt selber, wahrscheinlich um ihm weiß

zu machen: Wenn ich auch befehle, drum bleibst du doch der Herr!

So kam er wieder mit der Frage, ob für das Gesinde ein Ochs geschlagen

werden sollte.

»Schon wieder ein Ochs?« platzte Muck heraus. »Alles in euren Magen?«

und vor lauter Ärger ging er hungrig zu Bett.

Sie schlachten mein Vieh und stellen mein Wild! dachte er voll Empörung.

Ihm war, als sollte er den Ochsen von Knecht aus dem Ochsenstall, die Kuh

von Magd aus dem Kuhstall, den Hund von Verwalter vom Hofe jagen, um sein

eigener Knecht, sein eigener Herr zu sein.

»Heda, Stephani!« Er wollte nicht nur Gutsherr heißen, sondern auch den

Gutsherrn spielen. War denn das eine gar so große Kunst?

»Sie, Stephani!« befahl er und zitterte nur so vor Anstrengung, »diesmal

geh' ich mit auf die Pirsch!«

Es wurde ihm sauer, um 3 Uhr früh aufzustehen, aber er wollte auch

einmal ein Vergnügen haben. In gelber Dämmerung lag das Thal. Die

Pirschgesellschaft begann schon den Aufstieg zu nehmen, als Sepp plötzlich

ausrief: »O Salami! Der Herr hat sein G'wirr vergessen!«

Mit dem Stock in der Hand wollte Johann Muck auf die Pirsch.

Als man eine Büchse herbeigeschafft und sie ihm umgehängt hatte, verging

ihm alle Jagdlust. Er konnte keiner Fliege etwas zu Leide thun, und nun

galt es, Hirsche über den Haufen zu schießen, wie er sich das nämlich

so vorstellte. Aber entweder hat der Mensch Waldungen oder er hat keine,

räsonnierte er und kletterte drauf los, daß ihm der Atem ausging. Jeden

Moment blieb er keuchend stehen und wäre am liebsten umgekehrt. Wie

schreckte er zurück! Ihm wurde angst und bange. Er fühlte: nun geht's in

eine neue Welt!

Vom Himmel umgeben stand er an einem Abhang. Hie und da blinkte ein Stern

wie ein Licht aus einem fremden, nächtlichen Dorf, von dem der Wanderer

nicht wußte, woher es kam, wohin es führte, nur daß es ein Licht war,

und das war genug.

In Schweiß gebadet erreichte er die Höhe. Es war seine größte Reise. So

weit vom Leben war er noch nie gewesen. War sein Besitz so groß, daß er

bis ans Zauberland stieß? Wo bin ich? dachte er, als er sich vom Hochwald

umgeben sah mit seiner Stille, die melodischer war wie Musik, mit seinem

Atem, der ihn wie eine unsichtbare Kraft umrauschte, und mit seiner

Dunkelheit, die mit ihren weichen Fittigen alles umhüllte wie ein guter

Geist.

Er bebte. Die Angst vor dem Schönen, die Furcht vor der Freiheit erfaßte

seine Seele, die bisher in Gefangenschaft gelebt. Nur kein Erlebnis, um

Gotteswillen! dachte er. Gieb dem Verhungernden Speise, und er stirbt

am ersten Bissen. Als ihn der Verwalter am Wechsel ansetzte mit der

Versicherung: »Der Hirsch kommt Ihnen, verlassen Sie sich drauf!« rief er

zitternd: »Jesus, Maria und Joseph!«

Bewußtlos fand ihn dann jener, wie zermalmt von einem großen, großen

Eindrucke, viel zu groß für einen Menschen. »Was ist passiert?« fragte

er. In einer Art Furcht vor dem Erwachen faßte ihn Muck am Arm. Jede Fiber

in ihm redete, sein Mund kam gar nicht zu Worte.

»Der Hirsch!« stammelte er endlich, »der Hirsch!« und erzählte, wie er

vor Kälte und Müdigkeit eingeschlafen sei und sich dann, jäh erwachend,

ihm gegenüber gesehen habe, einem Riesen von Anmut und Majestät. Welche

Überraschung! Welche Lage! Wie habe er am ganzen Leibe gezittert! Die

Büchse habe er fortgeworfen. »Ich hab' mich gefürchtet,« gestand er,

als sei seine Furcht eine Furcht gewesen, derer sich kein Mann zu schämen

brauchte. Sein Gesicht strahlte. Wie war ihm beim bloßen Gedanken daran,

wie ihm gewesen!

»So 'was hab' ich noch nicht erlebt!« versicherte er. »Nein! nein ...«

Seine Seele wuchs und wuchs. Nun hatte das Schönste, Größte darin Platz.

Aber mit dieser Seele im Leibe zurückzumüssen in das kleine Getriebe der

Großstadt, in den engen Laden, wo es keinen Hochwald gab, keinen Sturm,

keinen Sonnenstrahl. Wie er anfangs in der neuen Welt der Alte geblieben,

so wurde er in der alten Welt ein Neuer. »Gott«, seufzte er, »ich bin

aus meiner Sphäre herausgekommen. Gott, wie komm' ich in meine Sphäre

wieder hinein? ...«

»Verkauf das Gut!« riet ihm Mayer, und der wußte, was er sprach. Dem

redete niemand 'was ein oder aus. Man brauchte nur seinen Kopf zu sehen,

diesen Koloß. Die glänzende Haut spannte nur über der massiven Schläfe.

Sein Hirn war eine feste Burg, gar schwer zu erstürmen, doch drang

ein Gedanke einmal hinein, saß er auch für ewig fest -- es gab keinen

größeren Dickkopf. »Verkauf das Gut! Verkauf das Gut!«

Als wären die Käufer vor der Thür gestanden! Auch wollte Muck ausharren.

Nur abwarten, es wird schon gehen! vertröstete er sich. In der That

schrieb ihm der Verwalter, die neue Kuh sei ein Prachtexemplar, das Schwein

habe Junge geworfen und sonstige freudige Familiennachrichten noch mehr.

Der Himmel war wieder voller Baßgeigen, und der Freund kam ihm gerade

recht mit seinem: »Verkauf dein Gut!«

»Aus dir spricht der Neid!« rief er. Aber er wollte ja beneidet werden,

er hatte das nötig wie einen Bissen Brot. »Komm!« sagte er. »Schau dir

mein Gut an und dann rede!« Und er führte ihn hinaus. Wie wollte er mit

seiner Habe paradieren!

Daß doch alles schief gehen mußte!

Er hatte hinaustelegraphiert: »Wagen zur Bahn schicken, gutes Nachtmahl

bereiten, seltener Gast.«

Doch statt der Kalesche stand ein schweres Fuhrwerk vor der Station. Muck

war wüthend.

»Aber Flurl,« schrie er den Knecht an, »mit was für einem Kraxen kommst

du denn daher?«

»Ja, gnä' Herr, der Wagen ist gebrochen.«

Wie zwei Ballons saßen die beiden auf dem Leiterwagen. Der beutelte sie so

zusammen, daß Mayer schließlich vorzog, zu Fuß zu gehen.

»Das ist ja 'was für uns korpulente Leute,« meinte er. »Freilich, du

hast das nicht nötig. Ein Gut haben ist die beste Abmagerungskur.«

Unterwegs fragte er:

»Wem gehört das schöne Schloß?«

»Dem Ritter von Klein.«

»Und die Eisenwerke?«

»Dem Grafen Hardenberg.« Aber die Auskunft lautete so verstimmt.

»Auf deine Nachbarn bist du nicht gut zu sprechen,« meinte Mayer. Nach

dem Grund fragte er gar nicht. Das lag ja auf der Hand. »Sind wir schon

da?«

»Freilich!« rief Muck.

Wie der Bach zu rauschen begann, wie die Berge sich reckten! Man mochte

glauben, das seien Berge und Bäume wie andere Berge und Bäume -- warum

nicht gar! Das war seine Scholle! Zwar hafteten Lasten drauf, gleichviel,

vierhundert Joch Erdboden waren sein, und ebensoviel Joch Himmel waren

gratis. Am liebsten hätte er die Welt assekuriert. Nur jetzt sollte sie

nicht untergehen!

»Nun, Mayer, machst Augen, was?« Er hätte es ihm auch nicht anders

geraten. War er ja doch selbst überrascht. Herbst lag wieder auf der

Gegend, so farbenprächtig hatte er sie noch nie gesehen. Das war ein Rot,

ein Gelb und ein Braun wie Gold und Purpur. »Mayer, ist das nicht schön,

sag'! Du verstehst ja nichts, ich weiß es, aber ein jeder Dummkopf muß

doch sagen: Das ist schön!«

Die Sonne saß auf einer Bergspitze, um jählings zu versinken hinter roten

Flammen. Dieser Sonnenuntergang war sein! Glückstrahlend rief er:

»Grüß' dich Gott auf meinem Grund und Boden!« Ja, ich will dich auf

Händen tragen, dachte er, dir das Beste vorsetzen, was ich hab', nur

beneide mich!

Aber nicht einmal das kann man von seinen Freunden haben.

Wenn er z. B., auf die Felder zeigend, rief:

»Das sind meine Felder!« fragte Mayer:

»Wie war denn die Ernte?«

Oder wenn er frohlockte:

»Schau meine Obstbäume!« bemerkte jener:

»Heuer war kein Obstjahr, was? -- Gehört der schöne Wald da dir?«

»Nein, der daneben.«

»Aber der ist ja ganz abgeforstet.«

»Wird schon anwachsen!«

»Jawohl, in hundert Jahren!«

Und als Muck diese Worte überhörend, rief:

»Eine prachtvolle Gegend, was?« wollte jener vollends wissen:

»Wie hoch kommt dich jährlich die Bestreitung des Guts?«

Aber Muck wollte an nichts denken. Es gab ja soviel Dinge, um sich daran zu

betäuben.

»Hörst du den Bach?« rief er. »Das musiziert dir wie ein aufgezogenes

Spielalbum.« Doch Mayer erkundigte sich wieder:

»Ist die Mühle einträglich?«

Der Müller schuldete den Pacht.

»Schau, das Wirtshaus!« sagte Muck ablenkend. Es war ein Neubau, ein

Heidengeld steckte drin, wenn er aber trotzdem schimpfte, so geschah es nur

aus einer Art Bescheidenheit.

»Richtig, es soll ja einen guten Apfelwein bei euch geben,« sagte Mayer.

»Also das ist das Wirtshaus? Gar nicht übel!« Ja, das Wirtshaus gefiel

ihm. Gottlob, daß ihm doch etwas gefiel. »Saperlot!« rief er.

Muck wußte ihm dafür Dank.

»Du mein einziger Freund!« sagte er gerührt. »Bist mir treu geblieben

im Unglück, will sagen im Glück« -- manchmal wußte er selbst nicht

recht, war er unglücklich oder glücklich -- »Aber wir wollen auch

zusammenhalten!«

Er mußte stolz sein können, um glücklich zu sein und indem er

einerseits sagte: »Das ist mein Wald, mein Bach, meine Mühle,« dachte er

andererseits: Und das ist mein Freund, der Hausbesitzer Mayer.

»Ah!« rief dieser überrascht. Da lag ein Haus mit grünen Fensterläden,

mit Hof und Garten davor, hart an der Straße, nah am Bach, ein buntes

Beieinander -- »Das also ist dein Haus?«

»Freilich! Das heißt -- es ist doch?« Muck schien sein Haus nicht mehr

zu erkennen. Ihm fehlte etwas. Hatte nicht ein Baum davor gestanden?

»Ja, sagen Sie mir, Stephani,« fragte er den Verwalter, der, sein

Jüngstes auf dem Arm, aus der Thüre trat: »Wo ist denn nur der

Apfelbaum?«

Dieser deutete auf den Rain jenseits des Baches.

»Aber wie in aller Welt kommt der Baum dorthin?«

Er hatte ihn umsetzen lassen, ganz einfach. So etwas! Gleich gab es Ärger,

kaum daß man die Schwelle betrat. Hundskerl von Verwalter! Wie er nur die

Honneurs machte, ihn umherführte in seinem Eigentum. Und schöne

Dinge mußte er erfahren. Die jungen Schweine waren in den Mutterleib

zurückgekehrt, das Mutterschwein hatte sie gefressen, die neue Kuh war

krank, das Heu mißraten. So geh' ich langsam zu Grunde und muß dafür

noch Steuer entrichten! dachte er.

Doch verschluckte er seinen Ärger, damit der Gast nichts merke, das hätte

er nicht um alles wollen aus purer Eitelkeit, Gott bewahre! Aber wo steckte

nur der Gast? Vor dem Haus saß er auf der Bank, um sich auszuschnaufen.

Warum nicht gar! Und Hof und Ställe? Er hatte ja Hof und Ställe noch

nicht gesehen. Es half nichts, er mußte das edle Mutterschwein bewundern,

die kranke Kuh und die Perlhühner. Aber wo waren diese nur?

»Sie, Stephani, wo sind unsere Perlhühner?« fragte Muck.

»Die Perlhühner? He, Poldl, Lini, Hansl!« wandte sich dieser an die

Kinder, die sich da herumtrieben. »Wo sind die Perlhühner?«

»Mutter!« riefen die Kinder ins Haus hinein. »Wo sind die Perlhühner?

Der Vater fragt, wo die Perlhühner sind.«

»Wo sollen denn die Perlhühner sein?« gab die Verwalterin zurück,

indem sie mit dem Kochlöffel in der Thür erschien. »Stasi! Wo sind die

Perlhühner?« schrie sie die Magd an, die, am Brunnen stehend, ihre breite

Rückansicht darbot. »Ich frag', wo die Perlhühner sind.«

»Die Perlhühner?« brummte Stasi, »die Perlhühner?«

Da sollte der Blitz dreinschlagen! Muck mußte an sich halten, der Stock in

seiner Hand schien unruhig zu werden, zumal als die Verwalterin aufschrie:

»Jesus! Jetzt ist mir der Braten verbrannt!«

Schöne Aussichten für den Gast! Muck war außer sich. So gern hätte

er ihm imponiert mit seinen Gottesgaben! Wieder mußte er an seine Witwe

denken, d. h. an die von ihm verschmähte Witwe, der das gewiß nicht

passiert wäre.

Ganz bitter schmeckte der Schweinsbraten. Nein, die Verwalterin hatte

sich nicht ausgezeichnet. Aber mit Rücksicht auf ihren Mann, der am

Mahle teilnahm, ließ Muck nichts verlauten. Hingegen fühlte sich dieser

verpflichtet, aufzubegehren, so daß es den Anschein hatte, als wäre man

bei ihm zu Gast.

Wenn wenigstens der Apfelwein besser geraten wäre! Aber Mayer hatte

recht, es war der reine Essig. Diese Blamage! Nun dafür schmeckten die

Kartoffeln. Sie waren aus eigener Ernte. Ausgezeichnet schmeckten sie; als

sich Stephani auch schon beeilte, mitzuteilen, daß die Knollen aufgezehrt

waren und neue beschafft werden mußten. Der Mensch gönnte einem keinen

ruhigen Moment! Auch gingen Muck die Perlhühner im Kopf herum. --

»Warum machst du so ein trübseliges Gesicht?« fragte Mayer und auf ein

Bild zeigend, das über dem Sofa hing: »Wer ist der lächelnde Patron?«

»Mein seliger Onkel,« sagte Muck, »Gott, gieb ihm a Ruh'!«

Er selbst hatte das nötiger. Zum letztenmal hatte er sich aufgerafft zur

Freude. Er war zu Ende mit seinen Kräften. Das Gut wuchs ihm schon zum

Halse heraus. Und doch als ihn Mayer wieder beschwor:

»Verkauf's! Schau, daß du's los wirst!« fuhr er wild auf, als ginge es

ihm ans Leben. Er konnte das Wort nicht hören, es machte ihn rabiat.

»Das werdet Ihr nicht erleben!« brach er los. »Mein Gut geb' ich nicht

her! Schneidet es aus der Erde heraus, wenn Ihr könnt!«

»Aber ich will ja nur dein Gutes, Kreuzdonnerwetter!« schrie Mayer,

»dein Onkel ist zu Grund gegangen, und du wirst zu Grunde gehen wie noch

viele andere nach dir, denn auf einem Gut müssen erst so und soviele zu

Grunde gehen, wenn es Segen bringen soll!«

»Du wirst zu Grunde gehen! Du wirst zu Grunde gehen!« ahmte ihn Muck

wütend nach. Umsonst versicherte ihm Mayer:

»Aber ich will dich ja nicht beleidigen!«

»Was hab' ich gethan, daß du mich nicht beleidigen willst?« rief Muck

schmerzlich und zu guter letzt wurde er noch grob. Aber Mayer sagte nichts.

»Was sagst du?« rief Muck. Mayer hatte, wie gesagt, nichts gesagt,

Muck aber schrie: »Was? ich bin ein Dummkopf? Das ist eine Infamie! Das

brauchst du mir doch nicht zu sagen!«

Soviel Verstand hatte er noch, um zu wissen, daß er ein Dummkopf war. Wozu

einem noch vorhalten:

»Willst du ganz an den Bettelstab kommen?« Da mußte man doch zornig

werden.

»Freilich möchtest du das, mein lieber Freund, ich weiß es!«

»Ich sollte das wünschen, ich?« rief Mayer weinend. »Siehst du denn

nicht, wie leid du mir thust?«

Das war zu viel! Muck geriet außer Rand und Band.

»Geh,« schrie er. »Geh!« Und als Mayer gehen wollte: »Du gehst? Du

gehst?«

»Ja, ich gehe,« sagte Mayer und ging.

Wie verfluchte Muck alle Freunde, alle Menschen, die ganze Welt! Und wie

ihm das allen Lebensmut wiedergab! Ich werde nicht zu Grunde gehen, nein,

meine lieben Freunde, dachte er, daraus wird nichts! und schrie:

»Die Wirtschaftsbücher her!«

Aber die Haare standen ihm zu Berge, als er Einblick genommen. Der Schweiß

rann ihm von der Stirne. Und doch war alles in schönster Ordnung. Ja, es

war klar: er _war_ zu Grund gegangen! Um Mitternacht saß er noch über die

Bücher gebeugt, als sich die Gespenster einfanden: die Schulden. Er war

der Verzweiflung nah. Das hätte er doch nicht gedacht. O die Schande! Er

wußte, der Morgen würde kommen, aber die Gespenster würden bleiben und

sich gleich Furien an seine Fersen heften. Händeringend betete er:

»Gott, bin ich denn ein Schuft? Gott, sag' Nein!«

Allein Gott sagte nicht Nein.

Wie um vor sich selbst zu fliehen, floh er in die Nacht hinaus.

Leuchtende Wolken beschienen das Thal. Der Mond glich einer matten

Feuerwolke. Still schwebte er über den Bergen. Wie durchgeistigt standen

sie da, ein jeder für sich eine Größe und zum Himmel gehörig, wie der

Himmel zur Erde, da lag sie, wie ein Stück von ihm.

Muck faßte sich am Kopf. Wie eine Erscheinung lag vor ihm die Gegend. Ein

großes Schweigen sprach aus ihr. Sie wußte nichts von Schweinezucht und

Wirtschaftsnöten. Wie fühlte er sich vollends als ein armer Teufel, dem

die Erde so wenig gehörte, wie das Leben. Wo war sein Gut hin? Es war wie

versunken. Vor ihm lag nur ein Stück überirdisch schöne Erde.

Im Grase liegend fand ihn der Morgen. Die Gicht steckte ihm in allen

Gliedern. Ja, auch die Gicht hatte er sich auf seinem Gut geholt.

Unter Glockengeläute erhob er sich. Es läutete zur Frühmesse. Der Mensch

muß eine Zuflucht haben, und so ging er in die Kirche, in dieses Spital

für kranke Herzen.

Es war ein nüchternes Kirchlein. Ein Bauerssohn von Priester stand am

Altar. Wie der Diener, so der Herr. Hier wohnte nicht der ehrwürdige,

großartige Gott, der in mittelalterlichen Palästen wohnt, dessen Geist

unter Ornamenten und Spitzbögen schwebt, der einen Hofstaat hält von

Bischöfen und Prälaten, nein, ein bäuerischer Gott, ein armer Mann von

einem Gott, der Gott aus seiner Kindheit. Es war lange her, daß sie sich

gesehen. Er glaubte eine Stimme zu hören: »Wie du dich verändert hast,

Johann!« Und du dich erst, lieber Gott! dachte er. »Wie groß du geworden

bist!« -- Und du so klein! -- --

Eigentlich hatte er große Momente auf seinem Gut erlebt: den Freund

verloren und seinen Gott. Aber alles holt der Teufel!

Nur eins war ihm geblieben: sein Stock.

Und den brauchte er!

Heimkehrend sah er ein Wägelein daherrattern. Flurl saß auf dem

Kutschbock. Er hatte einen Kropf, das war seinem Herrn nichts Neues mehr,

dennoch mußte er sich bei seinem Anblick stets sagen: Er hat einen Kropf.

»Wohin? wohin?« hielt er ihn an.

»Zur Bahn.«

Nun erst bemerkte er den toten Rehbock, der steif im Wagen lag.

»Und der Rehbock?«

»Wird an den Wildprethändler expediert,« und Flurl ratterte davon, um

den Zug nicht zu versäumen. Muck sah ihm nach.

Famos! dachte er, und ich beklag' mich noch, daß der Wald nichts

einträgt!

Es war ganz früh. So früh hatte er noch nie den Hof betreten. Reges

Treiben herrschte dort. Schon von ferne sah er Milch aufladen und die in

nasse Tücher eingewickelte Butter. Gar so schlechte Leute hab' ich doch

nicht! meinte er, und der Verwalter scheint auch nicht so untüchtig zu

sein. Eigenhändig hob er einen Korb auf den Wagen, der, wie Muck entnehmen

konnte, mit Eier gefüllt war. Er bekam ordentlich Respekt vor sich.

Eierhandel treib' ich auch! Das wußte ich gar nicht, dachte er, aber wie

kommt es, daß im Wirtschaftsbuch nichts von alledem steht, oder nur in

kleinen, ganz selten auftretenden Posten?

Er lief ins Haus, schlug die Bücher auf, um sich zu überzeugen. Dann rief

er nach dem Verwalter.

»Sie, Stephani,« sagte er, »wissen Sie, daß Sie ein Dieb sind?«

»Das nehmen Sie zurück!« rief dieser entrüstet.

»Was?« schrie Muck. »Na, warte!«

Knüttel aus dem Sack!

Er haute ihn durch, daß es eine Freude war. Das Stöcklein, froh, seinem

Berufe leben zu können, machte lustige Sprünge. »Mich bestehlen!

ruinieren!« tobte Muck, »aber ich will auch 'was davon haben!« Er

traktierte ihn so, daß er sich zu wehren vergaß und, sich nur die

schmerzenden Stellen haltend, rief:

»Das nehmen Sie zurück! Das nehmen Sie zurück!«

Aber einmal im Zug wollte Muck alles krumm- und kleinschlagen. »Ich war

ein Dummkopf, und das sollt Ihr mir büßen!« schrie er, indem er mit dem

Stock zwischen die Knechte fuhr. »Glaubt Ihr, ich lass' mich von hinten

und von vorn betrügen? Von hinten meinetwegen, doch von vorn nicht!«

Wo es einen Rücken gab, gab's Schläge. Nun erst erschien ihm das Leben

wieder schön. Klips klaps! Klips klaps! Das Stöcklein schrie vor Freude,

seine Stunde war gekommen -- höchste Zeit! Sogar die Kühe und Schweine

bekamen ihren Teil. Er behandelte sie wie Menschen. »Ich will auch 'was

davon haben! ich will auch 'was davon haben!« Ein Huhn schlug er tot, mit

einem Hieb. Ja, das Leben war schön, eine Pracht. Dennoch seufzte er:

»Ich möcht' ein bißchen sterben!«

Sofort wollte er sich im Teich ertränken. Im eigenen Teich sich ertränken

können! Es ging nichts darüber, wohlhabend zu sein. Um sich aber vollends

einen guten Tag zu machen, wollte er sich lieber aufhängen. Aber wo? Im

Garten, im Wald oder am Rain an seinem geliebten Apfelbaum? Die Wahl that

ihm weh, als ein Brief eintraf mit einer Neuigkeit, die ihm alle Lust zum

Leben wiedergab. Wenn er seinen Verpflichtungen bis dann und dann nicht

nachkomme, schrieb der Advokat, käme sein Gut unter den Hammer. Das Gut,

das er mit seinem Blut gedüngt!

»Da muß ich dabei sein!« rief er.

Und er war dabei.

Es war Winter. Über die Felder strich der Wind. Die Bäume waren die

reinen Skelette. Krähen saßen auf den Telegraphendrähten, und diese

glänzten in der Sonne wie Stricke aus Brillanten. Hie und da guckte

aus dem Schnee ein Stück nackte Erde hervor, es sah aus, als trüge sie

zerrissene Kleider.

Im Haus war die Versteigerung. Es prasselte im Kachelofen, doch war die

Stube nicht zu durchheizen. Man behielt die Pelze an, der Auktionator hatte

sogar die Mütze auf. Er stieß mit dem Kopf an das Bild des Onkels, daß

der Nagel sich lockerte, an dem dasselbe hing. Unter den Kauflustigen

befand sich auch Frau Bradl in einer mit Bisam verbrämten Jacke.

Doch Muck sah sie kaum. Alle Liebe war beim Teufel. Sein großer Kummer

kurierte ihn von allen andern Kummern dieser Welt.

Die Freunde bildeten das Publikum. Der Hotelier Mayer, der

Schuhwarenfabrikant Horak, der Galanteriewarenhändler Fuchs -- sie hatten

die Landpartie trotz Schnee und Kälte nicht gescheut und schienen sich

für die Prozedur sehr zu interessieren. Letzterer fragte Muck, ob er

auch das Stockgeschäft zu verkaufen gedenke, er wolle das Geld dafür bar

niederlegen, als der Versteigerungskommissär den Schätzungspreis ausrief

für das zu versteigernde Gut: »Zwanzigtausend Gulden!«

Muck sprang in die Höhe.

»Nichts da!« rief er, »für mich ist es eine Million wert! So viel kann

ich nicht verlieren!«

»Zwanzigtausendfünfhundert!« bot einer an.

»Einundzwanzigtausend!« ein anderer.

»Einundzwanzigtausendfünfhundert!« rief Frau Bradl.

»Zweiundzwanzigtausend!« hieß es.

»Dreiundzwanzigtausend!« rief Frau Bradl wieder.

Muck stand zitternd da. Er war nur noch Haut und Knochen, kaum zu erkennen,

so alt und grau hatte ihn sein Gut gemacht. Nun aber sollte es in fremde

Hände gehen! Nie und nimmer! Lieber geb' ich das Geschäft her, diese

Goldgrube! Was mir noch fehlt, werden mir meine Freunde leihen. Nicht

umsonst sind sie hergekommen. Gott wird ja auch helfen, er muß! Und

schließlich bin ich auch noch da! dachte er und rief:

»Vierundzwanzigtausend!« als das Bild des Onkels schmetternd zu Boden

fiel und in tausend Stücke brach. Zugleich ertönte es aus allen Kehlen,

daß es klang wie ein Ausruf der Enttäuschung aus dem Mund des Toten:

»Er will es wieder haben!«

Doch bekam er es nicht wieder. Frau Bradl wußte es zu erschwingen. Aber

hatte er nicht immer gesagt, sie habe es auf das Gut abgesehen?

Vernichtet stand er da und wie tot vor Schmerz. Er glaubte, nun sei alles

aus. Doch irrte er sich. Denn nun fing das Glück für ihn erst an. Auf

dem gutmütigen Gesicht der Frau Bradl stand es verkündigt. Vor Mitleid

weinend begann sie, als sie mit ihm allein blieb:

»Ja, ja, Herr von Muck, so geht's, wenn man einen Schatz fahren läßt.

Da bin ich ganz anders,« meinte sie resolut. »Wenn ich einen Schatz finde

auf meinem Grund und Boden, so behalt' ich ihn!«

Er sah sie mit offenem Munde an, sie aber lachte und rief:

»Mit Ihnen muß man deutlicher reden!« und umarmte und küßte ihn. Drei

Wochen drauf war Hochzeit.

Das Glück hielt Einzug auf dem alten Gut. Das war nun eine andere

Wirtschaft! Muck erlebte Freude über Freude. Nun wußte er, was die

schönste Erbschaft ist: man nimmt sich eine brave, reiche Frau, ganz

einfach.

[Illustration: Decoration]

[Illustration: Decoration]

Rußland in Paris.

[Illustration: Decoration]

Katastrophen: Neue Novellen · 第 10 / 18 题