Das Meer ergoß sich in den Himmel. Himmel und Meer waren eins, und das
Fischerboot am Horizont bewegte selig seine Schwingen, als wäre es im
Himmel drin.
»Sie sind nicht intelligent,« sagte Andrée zu Karl, der vor ihr im Sande
lag.
»Wieso?«
»Weil Sie Gott nicht fassen. Sie haben ja keinen Gott.«
»Wie kann ein junger, unerfahrener Mensch einen Gott haben?« meinte er.
Vorläufig glaubte er nur an Engel. Den schönsten hatte er vor sich. Ihr
dunkles Auge verführte, ihr frischer Mund plauderte unschuldig, und ihre
feine Nase schien zu sagen: Gieb acht, denn ich bin klug! Er war berauscht,
ganz Bewunderung und Mitleid.
Was wird dereinst aus dir werden? dachte er voll Angst und Schrecken, aus
deinem Lächeln? deiner Stimme? deiner süßen Natur? Sie aber meinte:
»Kommen Sie, Croquet spielen« und lief zu Toto und Bébé, ihren
Brüdern. Frau Espinas spielte mit. Sie schien die Schwester ihrer Kinder
zu sein.
Hart am Ufer stand ihr Haus, im norwegischen Stile erbaut. Dort wurde
gemalt, musiziert, gedichtet. Der Vater war tot. »Ein Glück für mich,
daß er mein Vater war,« sagte von ihm Andrée, »denn sonst hätt' ich
ihn tödlich geliebt!« Sie waren wohlhabend, fromm, genußsüchtig, und
alles bot ihnen Genuß. Beim geringfügigsten Gespräch gaben sie sich
zärtliche, drollige Namen. Wie liebte Karl seine neuen Freunde! Schon seit
einem Monat weilte er in ihrer Nähe. Ihm war, als wäre er ewig dagewesen.
Er war wie im Paradies, er war unter glücklichen Menschen. Hätte ihm
nur der Schrei des Totenvogels nicht in die Ohren gegällt! Ach, nichts
vermochte ihn zu übertäuben, keine Belustigung, keine Freude, so viele es
deren auch gab. Was waren das für Zeiten!
Wenn man z. B. auf Krabbenfang ging -- wie war das schön! Meilenweit lag
nichts als verlassener Meeresgrund, fern schweifte das Meer. Wo hörte es
auf? Wo fing der Himmel an? Es gab weder Himmel noch Meer, nichts als
Luft, lichtdurchtränkte, goldige Luft, es regnete Sonnenstrahlen. Oder
man wandelte nach dem nahen Hain, um im Schatten dürftiger Bäumchen
Urwäldler zu spielen. Man nannte sich wie die Wilden. Toto, ein
prächtiger Knabe, machte den Häuptling und sagte zu Karl und Andrée:
»Ihr seid Bruder und Schwester und müßt zusammen hausen.« Und Abends
konstatierte Karl: heute bin ich wieder nicht gestorben. Gottlob! Das
Leben war doch schön! Es gab nichts Schöneres als das Leben und nichts
Lustigeres als ihre Ausflüge auf Eselsrücken in großen Kavalkaden: die
Mäntel flogen im Winde, doch kam man nicht vorwärts vor Lachen, und weil
die Tiere nicht fortzubewegen waren. Dann der Abend, wo es so pechschwarz
auf dem Strande war. Im Grab ist's noch dunkler, dachte Karl, und von fern
Stimmen vernehmend, rief er fröhlich:
»Hoho!«