I.

Alle Welt war sich einig, Jacques Laurent sei ein wahres

Schriftstellergenie, würde es aber doch nie zu etwas bringen. Von Zeit

zu Zeit besaß er einen guten Freund, dem er das Haus einlief, ohne den er

keinen Moment leben konnte, bis er ihm eines Tages den Rücken kehrte und

ihn wie die Sünde mied. Verliebte er sich unversehens, so legte er

seinen Gefühlen keinen Zwang an und selbst in Gegenwart des Gatten

kompromittierte er seine Flamme. Nur mochte er das Pulver nicht riechen.

Er ohrfeigte seine Beleidiger, schlug sich aber nicht. Dazu hatte er

sein Leben viel zu lieb, einen Greuel vor der Polizei und die grimmigste

Verachtung für die Sache selbst. Ob als Gegner oder Zeuge, nicht um die

Welt hätte er sich in eine Duellaffaire eingelassen.

Nun war er mit Iwan Wocykow, dem Pariser Korrespondenten russischer

Blätter, ein Herz und eine Seele. »Führen Sie mich doch zu Ihren

Landsleuten!« bat er ihn eines Abends, »mich interessiert der Schmerz der

Slaven, und ich möchte wissen, wie das ist, wenn die Seele eines Franzosen

ein russischer Hauch berührt.«

»Wenn Sie keinen andern Wunsch haben,« meinte jener, »so kommen Sie

auf den Ball, den wir heute zur Feier des 13. März*) geben. Der Eintritt

beträgt einen Franken, und Sie können hin, wie Sie stehen und gehen.«

*) 13. März 1881, Attentat auf Kaiser Alexander II. und dessen Tod.

Sofort machten sie sich nach der Ballstätte auf, unterwegs bemerkte

Wocykow: »Es leben in Paris zwei Arten von Russen: solche, welche mit der

Botschaft gut Freund, und solche, welche ihr ein Greuel sind. Zu letzteren

gehen wir.«

Zwanzig bis dreißig Paare drehten sich tanzend im Saale, am Büffet

kredenzten Studenten Thee und Glühwein für wenige Sous, an kleinen

runden Tischen saßen rauchend einzelne Gruppen, die meisten der Ballgäste

standen oder gingen umher.

Laurent fiel die muskulöse Gestalt eines etwa sechzigjährigen Mannes auf

mit starken Backenknochen, einem grauen Wald von Bart und Haar. Er sah

aus wie ein Wilder, ein geistsprühender, in edlem Weltschmerz entflammter

Wilder, mit dem sich ein gelehrter Wortstreit gelohnt haben würde. Es

war Oberst Pokuroff, Chef der revolutionären Partei im Ausland. Die

leidenschaftlichen Worte, die er an ein junges Mädchen richtete,

malten sich ihm nervös und gewaltig in die großen Züge, als redete

er geschliffene Beile oder blutige Thränen. Seine Zuhörerin schien

hingerissen. Ihr gelbliches Gesicht mit der flachen Nase der Kalmückin

lächelte entzückt, während ihre wunderbaren Augen den Redner anstrahlten

voll Inbrunst und Schwärmerei, als müßte sie vor ihm in den Staub

sinken. Die mongolische Maria Magdalena, dachte Laurent und lud sie später

zum Tanz.

Madja -- so hieß sie -- schien kaum siebzehn Jahre alt, so zart und

biegsam war ihre Kindesgestalt. Nicht minder unentwickelt war Olga, eine

Blondine mit goldgepudertem Haar, und all diese schmächtigen Mädchen

mit mächtigen Augen, die lächelten wie vielumworbene Frauen, deren matte

Grazie zu frohlocken schien: Bin ich nicht bezaubernd? So schmal und eckig

sie in ihren ärmlichen Kleidern erschienen, wollüstig wiegten sie sich in

den Hüften wie unter der süßen Last üppiger Reize.

Die Tänzer in reichen Nationalkostümen sahen weit weniger russisch aus

als die bleichen Bettelstudenten, wie Goltschmann, ein junger Mediziner von

feiner Gestalt, die Blut und Rasse, und einem ideal schönen Gesicht, das

tiefste Hoffnungslosigkeit verriet. Seine beste Kraft schien er in der

Sehnsucht zu verprassen. Er tanzte, ging und stand umher, alles wie im

Traum, und sah einen an, als hätte ihn jedermann auf dem Gewissen.

Ein bitterer Denker schien Klein, ein engbrüstiges Männchen mit zarten,

verzwickten Zügen. So kränklich und unsauber sein ganzes Wesen auch war,

verklärte dasselbe eine Art schmerzliche Intelligenz. Er lächelte, als

lächle er zum erstenmal im Leben.

Der scheinbar am wenigsten hierher gehörte und sich doch am besten hier

ausnahm, war Adler, ein gesunder Bursche mit blanken Zähnen. Seine Augen

blitzten, wie Sammetstreifen lagen die Brauen unter der schneeweißen

Stirne, die Nase strebte in die Weite, die dunklen Haare lockten sich, die

vollen Wangen glühten -- ein üppiger Orientale mit dem leichtwallenden

Blut des Abendländers. Er war ein flotter Tänzer, Hofmacher und Witzbold,

und beim Absingen der Chöre, was eine Nummer des Ballprogramms bildete,

übertönte sein schmetternder Tenor das ganze Stimmengewühl.

Diese üppigweichen Klagelaute berauschten Laurent. Sie höhnten einander

und wimmerten gemeinsam. Ihr Jammer klang wie Liebesrasererei, so

leidenschaftlich hoffnungsvoll und krankhaft verzückt, wie angesichts

himmlischer Visionen. »Wirf ab das Leid, das Schmerzenskreuz!« war ihr

Schlachtruf, triumphierend erhoben sich die Klänge in ein phantastisches

Schmerzensreich, und die weichsten Herzen mußten jauchzend einstimmen in

dies Halleluja eines unglücklichen Volkes.

Sieh da, Raskolnikow! dachte Laurent beim Anblick eines jungen Mannes, der

spöttisch in einer Ecke lehnte. Hunger und Hochmut blickten aus seinem

Gesicht, das selbst auf die eigenen Leidensbrüder zornig herniedersah.

Major Abaza, der Säufer, saß melancholisch da und trank Absinth. Sein

rundes, alle Farben spielendes =Plein-air=-Gesicht sah aufopfernd drein,

als leere er jedes Glas auf das Wohl des Vaterlandes.

Mit kalter, kritischer Miene blickte Wocykow ins Balltreiben, als

Berichterstatter sah er sich zu keinem persönlichen Gefühl verpflichtet.

Der dicke Slave Zedekoff hockte schläfrig in einer Ecke. »Auf, Zedekoff,

auf zur Mazurka!« rief Adler, der rührige Ballarrangeur, und tanzte

die Mazurka mit derselben Verve, wie er soeben den Walzer getanzt hatte.

Goltschmann und Madja, die ein Paar bildeten, schienen weniger bei der

Sache zu sein. Klein führte eine stattliche Brünette mit großem,

blassem, männlichem Gesicht. Ihre schwarzen Augen glühten. Ein Typus!

eine Individualität! frohlockte Laurent und konnte kaum erwarten, ihre

Bekanntschaft zu machen, doch sah er sich getäuscht. Die interessante

Fremde war nur ein gutes, lebensfrohes Mädchen.

Doch Madja hatte es ihm angethan. Sie an einem, Olga am andern Arm betrat

er die Straße. Der erste Morgenstrahl ging auf, in leisem Halbschlaf

lag Paris. Unterwegs schloß sich ihnen Adler an, Mascha, seine Braut,

führend; Sascha, deren Zwillingsschwester, hing am Arm des Mediziners

Federscher, mit dem sie ihrerseits verlobt war.

Ein bedeutsames Wortgefecht auf den Boulevards zwischen 3--4 Uhr morgens

gehörte zu Laurents Lieblingsgewohnheiten, doch mit Adler war nichts

anzufangen. Fortwährend witzelte er. Sein Lachen klang keck und kraftvoll

wie ein energischer Naturlaut. Oberflächlicher Patron! dachte Laurent,

mußte ihm aber doch gut sein.

»Sie interessieren mich, es ist großartig, wie Sie mich interessieren,«

murmelte er, ihn, Madja und die andern mit Blicken verschlingend.

»Weil Sie zu uns gehören,« sagte Olga kokett. Nun aber war Laurent

nichts weniger als revolutionär.

»Warum nicht gar! da muß ich bitten! Ich bin liberal, streng liberal!«

wehrte er sich.

Schließlich rühmte ihm Adler die schmackhafte Küche seines künftigen

Schwiegervaters, des Restaurateurs Trebatsch in der Rue Pont Royal.

»Sie müssen kommen!« bat er, »kommen Sie bald, noch im Laufe des

Tages!«

»Ich schau' schon einmal hin,« versprach Laurent.

Im Laufe des Tages ging er zu Madja.

Sie wohnte und schlief mit ihrer Freundin zusammen. Die Hände im Schoße,

saß sie träumend da in ihrer ganzen eigenartigen Schönheit. Fast wäre

er vor ihr niedergesunken. »Olga, wo ist unser zweiter Sessel?« fragte

sie und war aus ihren Träumen erwacht.

Da wärst du nun, schien ihr Blick zu sagen, mit dem sie die knabenhafte

Gestalt des Franzosen maß, sein kühnes Gesicht voll ewiggährendem

Verlangen nach etwas, um es zu bewundern oder zu verhöhnen. Was willst du?

Ich fiebere, erwiderte seine heiße Miene, fieberst du doch auch.

Aber wir haben nicht dieselbe Krankheit, sagte ihr Blick.

Er war verliebt, wahnsinnig verliebt wie immer, wahnsinnig verliebt wie

noch nie. Ein Bild der Jugend und der Freiheit, der Schönheit und des

Elends erschien sie ihm. Wenn ihm nur ihr mysteriöses Lächeln, dieses

Lächeln der Schönen Leonardo da Vincis nicht Angst eingeflößt hätte!

Die Qual war nur auf seiner Seite. Das war ihm noch nicht vorgekommen! Du

spielst die Spröde, freudloses Bettelkind, hergelaufene Studentin! rief es

in ihm, doch vollends verzweiflungsvoll hätte er ausrufen mögen: Du

bist das achtbarste Wesen, das mir je begegnet, vornehmer als alle

großen Damen, reiner als alle Himmelsbräute, gefährlicher als die

gefährlichsten Koketten! ... Allein ihr Lächeln sagte: Was willst du?

Rußlands ganzer Jammer liegt auf mir!

Marx' Theorieen waren ihre Richtschnur. Die Politik war ihr gleichgültig,

der ökonomische Krieg ihr Ideal. Keiner politischen Partei, einer

religiösen Sekte schien sie anzugehören, so tiefgläubig egoistisch war

ihr Streben und so recht um des eigenen Seelenheils willen.

»Fräulein Madja!« rief er mitleidsvoll. »Sie wollten Freiheit und haben

Freiheit in Hülle und Fülle! Was kümmert Sie Rußland?«

»Ich sehne mich dahin zurück,« sagte sie einfach. Eine Erinnerung

blitzte in ihr auf, und sie erzählte, um sich über sich selbst lustig zu

machen.

»In Sebastopol war einmal Judenverfolgung. Ich bin aus Sebastopol

und Jüdin. Wie alt war ich damals? Dreizehn Jahre. Mein Vater war ein

kreuzbraver Mensch, und ich hatte ihn natürlich sehr lieb, und meine

Mutter -- ach, meine schöne Mutter war mir die ganze Welt! Nun aber waren

sie in Gefahr, meine süße Mutter und mein Vater. Sie rangen die Hände,

rauften das Haar, und ich starb fast vor Mitleid. Aber Stenko, der kleine

Nachbarsohn, sagte: »Deine Eltern müssen sterben, denn sie sind Rußlands

Ruin.« Ich war in Verzweiflung! Weh mir, meine angebeteten Eltern, weinte

ich. Ich kann euch nicht helfen, ihr mein Glück und Leben! Denn seht, wenn

ihr Rußlands Ruin seid ... Vater und Mutter hätt' ich hingeopfert für

Rußland!« Mit glühender Bestimmtheit rief sie: »Der Patriotismus muß

aufhören! Der Patriotismus ist mit das faulste Gift, daran wir elend

zu Grunde gehen!« Über Jahrhunderte schien ihr Geist zu jagen, das

Himmelsziel erreicht zu haben, und in gedämpftem Siegeston phantasierte

sie: »Die Grenzen werden fallen, und die Altäre stürzen. Es wird weder

Russen noch Franzosen geben, weder Christen noch Juden -- keine Juden, man

denke! -- weder König noch Unterthan. Alles wird gleich sein, alles wird

reich sein, frei sein und keinen Gott brauchen und keinen Himmel brauchen

und nicht sterben wollen. Kein Vaterland und keinen Krieg wird es geben,

nur ein Riesenreich: die Welt, und der Weltgeist wird das Steuerruder

sein!«

»Niemals! Frankreich darf nicht aufgehn in der Allgemeinheit!«

protestierte der Franzose. Ahasvers Enkelkind lachte aber und rief, indem

sie sich in dem Stübchen umsah, das so winzig klein war und doch so

ungeheuer öde, das so wenig Möbel aufwies und doch so viel Unordnung:

»Kann man diesen Kerker lieben? Aber meine Tante, die hier ein

Juweliergeschäft hat, bewohnt ein reizendes Appartement. Welch ein

köstliches Gefühl, zu denken: hinter jener Thür ist noch ein Zimmer,

das deiner harrt, eine ganze Flucht von Zimmern -- ja, und sich sagen zu

können: hinter jener Grenze blüht dir eine zweite Heimat, und hast du sie

passiert, gelangst du in eine dritte -- und so fort und fort! Durchstreifst

du die Welt die Kreuz und die Quere, dein Fuß betritt nicht die

Fremde! ... Vor zwei Jahren war ich verlobt,« schwatzte sie, »mit einem

Kaufmann aus Odessa. Er war wohlhabend, eine wundervolle Partie, und ich

war furchtbar verliebt in ihn. Schließlich wollte ich doch nicht heiraten

aus Angst, Kinder zu bekommen. Nur das nicht! Denn stellen Sie sich vor,

mein Kind käme zur Welt, blickte um sich weit und breit und fragte:

Mutter, wo ist meine Heimat? ...«

Doch das Leben ist kurz, und ein ewiger Gesinnungsaustausch mit einem

reizenden Mädchen, für das man glüht, kein Hochgenuß, zumal in einem

ungeheizten Zimmer. -- Fahr wohl, dachte Laurent, bist für die Liebe

verloren, dich plagt ein anderer Dämon. Behalte dein Rußland!

Aber das russische Gasthaus besuchte er und wurde dort Stammgast.

Trebatsch, der Wirt, ein Rotbart mit wahrhaft königlichen Händen, war ein

zu Grunde gegangener Wechsler aus Odessa. Aus seinem Pharisäergesicht, von

dessen markiger Schönheit er keine Ahnung hatte, guckten tausend schlaue

Teufelchen, doch war er die Demut und der Geschäftseifer selbst. Sein

Kindersegen war groß. Sascha und Mascha, die Zwillingstöchter, bedienten.

Sascha oder Mascha? -- das war hier die Frage. Gleichrunde, schwerfällige

Gestalten, gleichrunde Wangen wie Milch und Blut, gleichrunde Kirschenaugen

-- nur Adler und Federscher, die beiden Auserwählten, konnten sie kraft

ihrer Liebe unterscheiden, was nicht einmal das Vaterauge vermochte. Wie

oft hörte man z. B. den Alten draufloswettern. »Mascha, nimm dich in

acht! Was sind denn das für Sachen, Mascha? Mascha, ich sag' dir ins

Gesicht« u. s. w., bis ihm der Ausruf das Wort abschnitt: »Aber ich bin

ja gar nicht die Mascha!«

Das Lokal war eng, trüb und dumpfig, dafür wurden aber die Gäste, die

Ernährer der Familie, auf Händen getragen. Gerstensuppe, haschiertes

Beefsteak, Thee samt Citronenschnitte -- alles kostete nur einen Franken.

Lustig ging's gerade nicht zu. Man unterhielt sich im Murmelton, als läse

man Gebete. Slaven kehrten wenig ein, zumeist Juden wie Adler, Goltschmann,

Klein und Federscher, aber dem Herzen nach waren sie Russen und liebten

Rußland wie ihre Muttererde.

Wie sie existieren konnten, war ihnen selbst ein Rätsel, trotz der

Stipendien, die ihnen von reichen Glaubensgenossen zuflossen. Adler

besorgte Abschriften für die russische Botschaft, die ihm sein Gönner,

der Botschaftskanzler, verschaffte. Die meisten lagen auf der faulen

Haut und darbten. Nicht immer hatten sie eine ständige Wohnung, manchmal

überhaupt keine, bei Kameraden flogen sie wie Tauben aus und ein.

Fragte man z. B. den Concierge neben der Kirche St. Etienne du Mont, wo

Goltschmann zur Zeit eine Mansarde inne hatte: »Wohnt Herr Adler

hier?« so hieß es etwa: »Nein, aber er ist soeben fortgegangen.« Oder

erkundigte man sich nach Klein: »Heute war er noch nicht hier, muß aber

jeden Augenblick kommen.« Sie steckten die Köpfe zusammen und klatschten

-- wer dachte an Dynamit und Sturz der Tyrannen! -- richteten die Freunde

aus und sprachen -- sie gehörten zur südlichen Kolonie -- von Odessa und

wiederum von Odessa.

Sie waren hilflos, ohne Halt, lächerlich, aber sympathisch. So ordinär

sie von Manieren auch waren, ihr Freiheitsdurst bürgte für ihre

Seelengröße. Sie spielten nicht die Freiheitskämpfer. Sie schrieen nicht

Feuer und Mordio, sie schwiegen und verbrannten. Gleich einer geheimen

Sekte schlossen sie sich ab. Es war ein verzagtes Traumleben, das sie

führten, ein Lagerleben, darin man zu keiner neuen Schlacht rüstete, der

Ruhe geweiht, einer Ruhe, die entnervt und tötet.

Diese Unglücklichen, die mit ihrem Gott und nicht mit der Menschheit

rechteten, konnten Rußlands Mißstände unmöglich gefährden. Nihilist

sein galt bei ihnen nicht als Gesinnungssache, sondern als ein Stand, ein

Fluch. Der dumpfe Drang nach geordneten Verhältnissen war ihre Triebfeder,

und wie Wohlthätige die Bettler aus der Welt schaffen möchten, so

trachteten diese Menschenfreunde sich selbst auszurotten.

»Wir sind schlechte Rebellen,« klagte oft Klein. »Der Russe macht in uns

den Juden mutig, doch dieser den ganzen Menschen zu schanden.«

Das Gnadenbrot Europa zu Füßen werfend, wollte er sich später als Arzt

in Palästina ansiedeln. Dahin gehen und sich den Bauch aufschlitzen, galt

ihm eins -- sein Heldenmut der Selbstvernichtung war mitleiderregend;

ein Streber von Haus aus, betrachtete er seine Leidensgenossen als seine

Verderber, und der Gedanke, Proselyt zu werden, umgaukelte ihn wie ein

verführerischer Traum.

»Desertier, aber bleib im Land!« riet ihm Adler, der als ein glühender

Verehrer Frankreichs die stolze Hoffnung hegte -- und das kennzeichnete

wiederum den Standpunkt dieser Aufständischen -- als russischer

Botschaftsarzt in Paris Karrière zu machen. »Mein Vater war Jude, ich bin

Russe, und mein Sohn wird Franzose sein,« spottete der Tausendsassa,

der immer bei guter Laune und bei Geld war. Wie oft half er seinem

Schwiegervater mit 5--10 Franken aus der Verlegenheit. Mochten

alle zusammenknicken, er trug das Haupt hoch und frei, nicht aus

Selbstüberhebung -- es fiel ihm nicht ein, über sich nachzudenken --

Frohsinn war seine ganze Frechheit. Laurent blieb es unbegreiflich, daß

der geckenhafte Geselle, den Eigensinn der Lebensfreudigkeit in jeder

Fiber, sich in die Kutte des Nihilisten zwängen und mit einem Goltschmann

in dicker Freundschaft leben konnte.

Wie im Opiumrausch taumelte dieser durchs Leben. Glühende Augen und ein

mattes Lächeln -- welch ein feuriges, todkrankes Gesicht, welch eine

gesegnete, klägliche Natur! Stolz und schwach, hochtrabend und feige --

ein Halbgott, der unter Menschen eine jämmerliche Rolle spielte. Vergebens

beschwor ihn Laurent, der in ihm einen mächtigen Poeten erkannte, ja,

einen gottbegnadeten, bizarren Poeten: »Schreiben Sie! Erleichtern Sie

ihre Seele!« Vergebens wollte er ihm zu einer Existenz verhelfen und ihn

berühmten Kollegen als Übersetzer empfehlen. »Die Goltschmanns thun

nichts,« hätte Turgenjew sagen können. »Ich weiß es, das sind ja meine

Helden!«

Bald verschwand er aus Paris, um in Wien aufzutauchen, oder kehrte

plötzlich dahin zurück, geradewegs aus Madrid kommend. Stipendien waren

sein Zehrgeld. Als einmal die Rede auf seine Wanderungen kam, und Laurent

den Ausruf that: »Sind Sie aber beneidenswert! Ein Stück Welt gesehen zu

haben, das lass' ich mir gefallen!« sagte er urplötzlich in einem Ton so

grenzenlosen Kummers, daß selbst Laurent, dem harten Mann, Thränen in die

Augen traten:

»Ist das auch 'was? Bin ja doch nur ein Fremdling im Leben. Trotz meiner

achtundzwanzig Jahre hab' ich noch nie geliebt!«

Katastrophen: Neue Novellen · 第 11 / 18 题