II.

Eines Abends saß Karl, um auch seiner Pflicht als Gast zu genügen, mit

dem Alten daheim beim Kartenspiel. Aus der Bucht strahlte der rote Mond zu

den offenen Fenstern empor, hier und da zog eine Barbe glänzende Streifen

in die sprühenden Wellen, und zwischen dem bläulichen Himmel und der

bläulichen Erde schien alle Luft zu glühen. Raben kreisten wie am

helllichten Tag krächzend in den Fichtenkronen. Bravo, Natur, bravo!

dachte Karl. Indessen erzählte der Alte von seiner früheren Laufbahn als

Zolleinnehmer und Züge aus seinem Einsiedlerleben. Neidisch streifte sein

Blick die blühende Gestalt des Gastes, als wollte er sagen: Dir gehört

die Welt! In einer Anwandlung frohen Selbstgefühls warf dieser die Karten

hin und rief:

»Sie sind ein Hexenmeister, heißt es weit und breit und können

wahrsagen. Frisch, lassen Sie mich die Zukunft wissen!«

»Verlangen Sie das nicht. Ich bin ein Unglücksprophet, und meine

Prophezeiungen pflegen sich zu erfüllen,« warnte der Alte. Doch als

Karl unter stürmischem Lachen auf seinem Einfall bestand, mischte er die

Karten, ließ abheben, zählte, ordnete, verglich sie und versank in tiefes

Nachsinnen, wie in Geisterbeschwörung. Mit seinem silberweißen Bart und

dem frischen Antlitz sah er aus wie der liebe Gott.

»Ich sag' ja, das heißt die Hölle versuchen!« rief er

zusammenschauernd. »Nichts mehr davon! Gehen Sie schlafen und träumen Sie

süß, heute ist ja Vollmond, da träumt man die Wahrheit.«

Ein lustiges Lied aus der Heimat summend, ging Karl zur Ruhe, um bald

in einen kräftigen Schlaf zu fallen. Plötzlich vernahm er einen

ohrzerreißenden Schrei. Ein Käuzchen, groß wie ein Mensch, kam

herangetrippelt, nach Art alter Mütterchen mit einem Umhängtuch

bekleidet, bewegte wie diese rührig seine dünnen Beine, wackelte mit

dem hohläugigen Kopf und ließ noch einmal seinen abscheulichen Lockruf

ertönen und noch einmal. Karl fuhr auf. In den grauenden Tag erscholl der

laute Ruf seines Namens.

»Was giebt's? wer ruft?« fragte er.

»Wenn Sie den Sardinenfang mitmachen wollen,« rief Guillot von unten,

»die Fischer auf der Insel schiffen sich ein, es ist die höchste Zeit.«

»Ich komme!« rief Karl, fuhr rasch in die Kleider und ruderte zu den

Harrenden.

Nach zwei Tagen kehrte er wieder, um einem ländlichen Fest beizuwohnen,

das Herr Coëtlogon, der Besitzer des roten Schlosses, seinen Nachbarn

gab. Karl, der alles, nur kein Grillenfänger war und sich besonders aus

Träumen nichts machte, tanzte mit den Bauerndirnen die Gavotte, als

wäre er dabei aufgewachsen. Die pausbackigen Schönen mit den stillen

Duldermienen waren keine leichte Bürde. Bei Tafel, wo man zufällig zu

Dreizehn saß, und wo dieselben Gerichte aufgetragen wurden wie kürzlich

beim Diner des Herrn Quinot, des Nachbars und Wetteiferers Herrn

Coëtlogons, unterhielt man sich lebhaft über die Fragen: Wie teuer der

Hausherr seine Kredenz bezahlt? Ob Frau Cosmao ihre Baumschule verkaufen

wollte? Und über die Beschaffenheit eines Seegelbootes, das jüngst in

Guimper versteigert worden war.

Doch Karl brachte das Gespräch in würzigeren Fluß, machte dem Fräulein

Coëtlogon auf Tod und Leben den Hof, desgleichen Fräulein Quinot, ließ

sich von Frau Cosmao auszeichnen und ging in lauter Scherz und Freude

auf. Tags darauf war Sonntag, und auf dem Kirchplatz gab's einen großen

Preiswettlauf in Säcken. So oft die Bauernburschen, Prachtgestalten mit

ihren spanischen Beinkleidern und dem goldgestickten Brustlatze, in Säcke

krochen und wie lebende Säcke mit Menschenköpfen fortkollerten, bis sie

sich überschlugen und der Länge nach hinfielen, lachte er wie ein Riese;

der Strand hatte noch nie ein so inniges Lachen vernommen.

Doch ein trüber Morgen folgte jenem Sonntag, und während er mit dem

Frühesten ins Meer hinausfuhr, um die am Abend ausgeworfenen Netze

einzuziehen, besann er sich, daß ihm nachts von den Seinen geträumt,

von Zwist und Hader, und daß er feierlich ausgerufen habe: Ich werde Eure

Schwelle nie mehr übertreten!

Und wie an etwas Zusammenhängendes dachte er plötzlich an das entsetzte

Gesicht, das der Alte beim Kartenaufschlagen gemacht, und wie diesem vor

Schrecken das Wort auf den Lippen erstarrt war. Warum? Dichter Nebel deckte

das Meer. Zum erstenmal wollte er den Fischfang allein einheimsen. Lange

suchte er nach dem Ankerflott. Den Fuß auf die Spitze des schaukelnden

Kahns gestellt, beugte er sich vor, den schweren Stein emporzuziehen. Ein

Ausgleiten, die leiseste Bewegung, und er stürzte in die Tiefe. Was hatte

in den Karten gestanden? Der Nachen füllte sich mit triefenden Tauen, Tang

und Moos, daß er sich beugte, und das Brett, worauf sein Fuß stand,

wurde naß und glatt. So zog er Netz für Netz ein, die außer einem roten

Knurrfisch nichts als Meerspinnen und Krabben enthielten, und kehrte heim

mit seinem armseligen Fang. Besorgt harrte der Alte am Ufer.

»Was Sie aus den Karten gelesen, war mein baldiger Tod?« fragte Karl.

»Ja,« lautete die Antwort.

»Ausgezeichnet!« lachte Karl. Die liebenswürdigste Stimmung überkam ihn

scheinbar, und als hätte er jenen vollends ins Herz geschlossen, wich er

ihm nicht von der Seite und wurde nicht satt, von der Zukunft zu reden.

Nächstes Jahr wolle er ins Gebirge, aber im zweitnächsten Sommer

wiederkommen, vielleicht in Begleitung seiner jungen Frau, wenn er das

Heiraten nicht lieber werde sein lassen, um mit freien Schwingen seinem

Ziele zuzustreben, das er bestimmt erreichen werde kraft des Gesetzes, laut

dessen die Alten den Jungen weichen mußten. Gespannt beobachtete er dabei

die Miene des Alten und war ihm in tiefster Seele gram.

Kürzlich war ihm der Einfall gekommen, die »rote Fliege« frisch zu

überstreichen, er war eigens zu Wagen nach Pont l'Abbé gefahren, um

Zinnober zu kaufen, und die Arbeit hatte ihn sehr interessiert. Doch nun

wollte er nichts mehr davon wissen, indem er dachte: Ich seh' nicht ein,

warum ich dieses Gerümpel vor meinem Ende noch in neuen Stand setzen soll.

Als der junge Coëtlogon ihn zu einer Segelpartie für den nächsten Tag

einzuladen kam, antwortete er überlegend: »Ja, ich weiß nicht, ob ich

morgen noch am Leben sein werde, aber ich will trachten. --« Das Meer

lockte ihn nicht mehr. Was hör' ich? Du willst mich verschlingen? So! so!

dachte er. Lebhaft stellte er sich vor, wie ihn Carabine auf der nächsten

Fahrt auf einen Steinhaufen hinschleudern, oder wie ihm die schwarze

Zwergkuh, die im Farrenkraut vor dem Hause graste, einen Stoß in den Leib

versetzen würde, machte sich mit dem Gedanken vertraut, daß sein Leben

von der Laune einer elenden Schindmähre oder einer zahmen Kuh abhing,

wunderte sich nur, daß die Bäume so ruhig dastanden, statt über ihn zu

fallen und ihm den Kopf zu zerschmettern, und wenn er bei Tisch den Zweifel

hegte, daß Guillot, der Schmutzfink, die kupfernen Töpfe vor dem Gebrauch

gereinigt hatte, beeinträchtigte die Aussicht, vergiftet zu werden, seinen

Appetit durchaus nicht.

»Daß der Teufel einem doch immer ein Ei in die Wirtschaft legt!« klagte

einmal der Alte. »Louis Carjou liegt im Sterben. Es nützt nichts, ich

muß ins Dorf zu ihm, eh' er den Geist aufgiebt, sonst nimmt er's mir

übel!«

»Da halt' ich mit!« rief Karl. Trotz der Mittagsglut drang er darauf,

aufzubrechen. »Ich will mir das ansehn!« murmelte er unterwegs. Schon

hörte er im Geiste Louis Carjou ein Wehgeschrei erheben, die Nachbarn

umringten ihn, nun fuhr er im Bette auf, ihn erfaßte die Verzweiflung:

»Der Tod! Zu Hilfe, zu Hilfe!« Die Weiber beteten und weinten, den

Männern war feierlich zu Mute, und ein Schulknabe rief gelehrt: »Du mußt

atmen, Vater Carjou, atmen, atmen!« ... Karl hatte aus den Trümmern

eines abgebrannten Theaters Hunderte von Leichen hinaustragen sehen, er war

erschüttert, nicht erstaunt gewesen, Verwandte und Bekannte von ihm waren

gestorben, warum nicht? Hatte er sich doch selbst dem Tod, einem Abenteuer

so gut wie einem andern, willig in die Arme werfen wollen, aber jetzt hatte

er über ihn nachgedacht, ihn gewissermaßen entdeckt: er bäumte sich

auf, es ging ihm nicht in den Kopf, und er verachtete sich und alle, die da

sterben mußten.

Der Alte erriet seine Gedanken und bemerkte schuldbewußt: »Carjou ist

ein hoher Siebziger. So ein Bauer, der jahraus jahrein kein Fleisch sieht,

stirbt hin wie eine Fliege. Wenn man alt und schwach ist, soll Gott einen

vor Krankheiten bewahren.«

Endlich erreichten sie Carjous Haus. Kinder spielten vor der Thür, ein

paar junge Schweine mit rosigen Mäulern und Ohren sprangen im Flur auf und

davon, allein die Stube mit den messingbeschlagenen Eichschränken und den

schrankartigen Betten war leer.

»He, Carjou! Carjou!« rief der Alte und fragte die herbeigeeilte

Bäuerin, wo der Sterbende denn steckte.

»Nicht zu Hause,« sagte das Weib. »Der Großvater arbeitet auf dem

Kartoffelfeld.«

Und um mich sollte es geschehen sein! dachte Karl. Ihn floh der Schlaf.

Zum Teufel mit den Gedanken! dachte er eines Nachts, und um die Geister zu

bannen, suchte er, so wie er aus dem Bette stieg, den Alten in seiner Stube

auf. Der erschrak nicht wenig.

»Bei Gott, ich glaubte ein Phantom zu sehen,« stammelte er.

Man hält mich schon für ein Gespenst, die Sache macht sich! meinte Karl

und ballte die Fäuste. Also von der Bretagne ging es ins Totenreich? Jener

Bahnunfall wäre nichts als die Mahnung gewesen: Geh nicht ans Meer, dort

gähnt dein Grab!

Da erblickte er sich im Spiegel. Das Licht in seiner Hand beschien seine

Züge. Sie waren bleich und fahl. Ich zieh' einen Wahnsinn in mir groß,

bring' mich selbst ins Grab, und da beklag' ich mich noch! brauste er im

stillen auf und sagte selbstbespöttelnd und um den Alten zu versuchen:

»Ich will mein Testament machen. Wer weiß, was einem zustoßen kann!

Nicht wahr?«

Ein Wort des Tadels, des Zuspruchs hätte ihn wieder aufgerichtet, allein

so recht als ein abgespannter, im Schlummer gestörter Greis sagte jener,

sich und alle Welt beklagend:

»Gewiß sollte man sich bereit halten. Die Alten müssen, die Jungen

können. Glauben Sie mir, je eher desto besser!« und solche Redensarten

mehr, die für Karl ebenso viele Behauptungen waren: Du mußt aus der Welt!

Friede deiner Asche! In seinem Hirn sauste es, und er hatte nicht übel

Lust, sich an dem Alten zu rächen. Ich muß doch noch bei Kräften sein,

ich kann ja noch morden! beruhigte er sich. Dieses Eulennest in Brand

stecken, mir eine Kugel durch den Kopf jagen! Was alles könnt' ich

nicht? Ängstlich horchte er auf, als müßte es eine Stimme von außen

bekräftigen, daß er allerdings sein eigener Herr und Gebieter war, sich

keineswegs ein solch jähes, unwürdiges Ende mußte gefallen lassen und

in Erbitterung gegen seine Angehörigen, schuldbeladen gegen den Freund, in

der Fremde umkommen wie ein Hund.

Auf dem Nachttisch lag staubbedeckt eine alte Bibel. Seine Schwester

pflegte die Bibel um ihr Schicksal zu befragen. Was hatte sie stets für

ein drollig banges Gesicht gemacht bei der Frage: Werd' ich bald heiraten?

bis die Antwort auf Ja gelautet hatte, und sie unter die Haube gekommen

war. Glühend vor Erregung griff er nach dem Buch, schlug es auf und las

die Stelle, wo es heißt: »Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind

wir tot.«

»Ich will nicht!« schrie er und warf das heilige Buch zu Boden.

Er war zu markig, zu willensstark, um den Atem auszuhauchen. Was war der

Tod? Wenn man im Meer ertrank, oder wenn einen der Blitz erschlug. Wohlan,

er wollte das Meer meiden, sich nicht ins Gewitter begeben und sterben,

wann's ihm beliebte!

Mit wüstem Kopf streifte er andern Morgens am Strand umher. Er sah den

brennenden Felsengrund der Insel, den englischen Dreimaster, der zum

Einkauf von Hummern nachts eingelaufen war, die schöne, in Luft und Meer

getauchte Landschaft, indem er sich zweifelnd fragte: Ist das Schauspiel

vor meinen Augen nicht bloß Einbildung? Ich war nicht und werde nicht

sein, bin ich denn?

Unweit vom Ufer stieg Guillot am Bord des »Druid« umher, bemüht, das

Regenwasser aus dem Schiffsraum zu entfernen. Heute noch sollte Karl mit

ihm nach Concarnot fahren, um dort bei der großen Wettsegelfahrt den

ersten Preis davonzutragen.

»Ich will mich waschen,« versprach Guillot freudig, »und mein

Matrosengewand anziehen. Sie sollen mit mir Staat machen!«

»Ich fahre nicht!« rief Karl. Jener warf den Kübel hin, sprang mit

seinen nackten Beinen in das niedrig stehende Meer und watete zu Karl, um

ihm den Bauernspruch ins Gesicht zu sagen:

»Es scheint, Sie wollen sterben? Nur im Tod verändert der Mensch seinen

Charakter.«

»Hunde!« knirschte Karl, der sich von der ganzen Menschheit angegriffen

sah, und packte den Vorwitzigen beim Kragen. Der kannte derlei schlechte

Späße; er hatte früher beim Herrn Coëtlogon gedient.

»Na, Sie profitieren ja bei uns!« meinte er.

»Hast recht,« meinte Karl. Ich muß das Gift los und wieder der Alte

werden! dachte er verzweiflungsvoll. Instinktgemäß verlangte er nach

Frauengesellschaft, nach müßigem Geplauder, und so spannte er denn

Carabine vor das Gefährte, um Frau Cosmao einen Besuch abzustatten.

Sein Weg führte an der »großen Mühle« vorbei. Der Müller und sein

Sohn hatten vor Jahr und Tag mit ihren Nachbarinnen, Mutter und Tochter,

Hochzeit gemacht und führten in der einzigen Stube der Mühle gemeinsamen

Haushalt. Das Mühlrad ruhte jetzt, und vor der Thür lag der junge

Müller, das aufgedunsene Gesicht der Sonne zugekehrt, starr und leblos

im Staub. Karl hielt ihn für tot. Ihn schauderte. Gab es etwas

Widerwärtigeres, als eine Leiche? Wilder Schmerz erfaßte ihn, die schöne

Erde so geschändet zu sehen, er hätte sich niederwerfen und bitterlich

weinen mögen. Da trat die junge Müllerin aus dem Haus, ein blühendes

Geschöpf von kaum sechzehn Jahren mit gerader Nase und strahlenden,

weitgeschlitzten Augen. Sie drückte ihren Säugling an sich, und als ob

sich ihr Elend von selbst verstünde, sagte sie einfach, fast würdevoll:

»Das ist mein Mann, er ist betrunken, der schlechte, schlechte Geselle!«

»Ha, ha, ha!« Karl lachte auf, und in der Überzeugung, daß der Mensch

nicht wert war, daß er lebte, nahm er für den Tod Partei und lobte ihn in

gönnerhafter Weise: Du hältst die Jugend heilig, Meister aller Meister!

Ja, der bist du, Tod, doch ich bin auch etwas: ein Mann, ein leichtes Blut,

ein Unkraut, das nicht verdirbt!

In heiterster Laune kam er bei Frau Cosmao an. Vor nicht langer Zeit

hatte diese ein kleines Bauerngut um einen Spottpreis gekauft, drauf

ein Schlößchen bauen lassen und Haus und Garten mit dem schönen Namen

Kergazon bedacht, dem Land und Leute, ja selbst die Post, Rechnung tragen

mußten. In ihrem Salon hing eine Sparbüchse mit der Inschrift: »Heiliger

Joseph, zahle meine Schulden.« Sie war schrecklich angezogen, aber noch

frisch, eine gesunde Brünette und Witwe war sie auch. Gern ging Karl auf

ihre mutwilligen Scherze ein, er allein sei der Mann, ihr Sohn und Gatten

zu ersetzen.

»Sie haben viel von meinem Sohn,« versicherte sie lebhaft, »er war in

Ihrem Alter und das Leben selbst, wie Sie.«

»Und ob er mir ähnlich war!« rief er, als er das Bild des stattlichen

Schiffsfähnrichs zu sehen bekam. »Sogar die zusammengewachsenen Brauen

hatte er mit mir gemein.«

»Was ein Zeichen frühen Todes sein soll,« fiel sie ein. »Sollten Sie

glauben: Wie gestern schrieb er mir um Geld, ich antwortete ihm wie heute:

Aber mein Sohn, man muß doch auch an die Zukunft denken! Und wie morgen

war er tot. Er durchtanzte die Nacht, that einen Trunk, und aus war's.«

Da stand der Teufel wieder an die Wand gemalt! Vollends die Besorgnisse der

liebenswürdigen Frau, mit denen sie ihm in den Ohren lag:

»Was ist Ihnen? Sie müssen krank sein! Schicken Sie doch nach dem Arzt.

Wir haben hier miserable Ärzte. -- Wollen Sie nicht unseren Friedhof

sehen?«

Auf ihren Wanderungen durch das Dorf waren sie hingeraten. Feierlich

trat sie an ein reichbepflanztes Grab und die Palmenblätter liebkosend,

flüsterte sie zärtlich: »Mein Sohn! mein Sohn!«

Er faßte sich am Kopf. Starr lagen die Gräber da. Voll Schauder gewahrte

er die Ruhe über ihnen. Wie geht's, Herr Schiffsfähnrich? höhnte er.

Sieh, deine Mutter weint gerührt und hat ein hohes Kreuz aufrichten

lassen, damit die Leute schon von weitem sehen, wo ihr Herzblatt

fault! ...

»Sie können recht haben, Madame,« sagte er gepreßt. »Auch unser Freund

prophezeit mir ein baldiges Ende.«

»Der Unglückliche!« rief sie schreckensbleich, »er hat es auch meinem

Sohn geweissagt!«

Dummes Geschöpf, alte Närrin! dachte er und machte, daß er fortkam.

Jugendneider! Verruchter Hellseher! fluchte er. Ihm war heiß und kalt,

und als hätte der Himmel ein Loch bekommen, verspürte er einen scharfen

Luftzug auf Erden. Wie waren in ihm alle Lebensgeister aufgeschreckt, als

er wieder die Mühle passierte.

Der junge Müller hatte seinen Rausch ausgeschlafen und lud nun schwere

Säcke auf einen hochrädrigen Karren.

»Was würdest du dazu sagen,« redete ihn Karl an, »wenn du in einer

Stunde sterben müßtest?«

»Ich werde nicht in einer Stunde sterben.«

»Wie kannst du das wissen, du Narr?«

Schmunzelnd zeigte der Bursche seine flache Hand.

»Ist Ihnen eine längere Lebenslinie schon vorgekommen?«

»Seid ihr doch kundige Leute hier zu Lande!« spottete Karl, doch

hochklopfenden Herzens beugte er sich herab und hielt die offene Rechte

hin. Ein Blick darauf genügte dem Kenner.

»Mitten in der ersten Hälfte durchschnitten,« sagte dieser.

»Das stimmt!« rief Karl, dankte für die Auskunft und hieb auf Carabine

los, daß das alte Rößlein junge Beine bekam.

Sein einziges Gefühl war: mich bringt Ihr nicht in Verzweiflung! Euer

Gefasel geht mir bei einem Ohr herein, beim andern hinaus. Die Natur weiß

nichts von eurer Hexenweisheit! Jener Felsen bei Benodet, an dem mein Boot

hängen blieb, wollte mich vor Gefahr bewahren, und obwohl ich ihr doch in

die Arme rannte, wurde mir kein Haar gekrümmt! ... In der Ferne sah er

das Meer erglänzen. Ihm schlug das Herz vor trotziger Freude. Seine Pulse

flogen. Der Wille zu leben erfaßte ihn wie Fieber. Wie das Meer lockte!

Wie der Himmel strahlte und die Luft berauschte! Er war wieder ganz

Vertrauen, Sehnsucht.

Endlich daheim, eilte er an den Strand, hißte auf dem ersten besten Boot

die Segel auf und fuhr ins Meer hinaus. Was war das wieder für ein Meer!

Was waren das wieder für Farben! Wie schweres Gold rollte die Sonne

nieder, netzte sich und tauchte in die Wellen. Je tiefer sie versank,

umsomehr wuchs und glühte sie. In der Ferne bewegte ein Segelboot anmutig

seine weißen Wipfel, hüllte damit die Sonne ein und schwamm dann sieghaft

weiter. Noch einmal erhob sie ihr strahlendes Haupt. Bleib! verweile! bat

Karl. Allein die Sonne schied.

Da erfaßte ihn die Angst. Zum erstenmal in seinem Leben. Ja, der Waghals

zitterte vor dem Meer jetzt, da es wie ein schlafendes Kind sanft zu seinen

Füßen lag. Kein Lufthauch regte sich, wie angewurzelt stand das Schiff,

dem Sinnverwirrten war es aber, als ob ihn tausend Wasserarme emporhielten,

schaukelten, mit ihm ihr Spiel trieben, um Rache an ihm zu nehmen. Jetzt

unterzugehen war sein Schicksal, er fühlte es; doch wollte er seinem

Schicksal entrinnen. Fort! Fort! Er pfiff nach Seemannsart, den Wind

herbeizulocken, vergebens. Ihm war zum Ersticken, einem Schwindel nahe,

ergriff er die Ruder, um uferwärts zu streben. Mit schweißbedeckter

Stirne erreichte er die Insel, die näher als die Küste lag, und drängte

sich dort durch alle die Männer, Weiber, Kinder und Gänse nach dem

Gäßchen, an dessen Ende das Kirchlein mit dem sternförmigen First

sich erhob. Aufgebracht, rechthaberisch trat er ein. Weihrauchduft und

Fischgeruch strömten ihm entgegen. Eine Öllampe glimmte am Altar. Wie

gebannt näherte er sich der Flamme.

»Erbarme Dich, Gott, ich will nicht sterben!« betete er. »Bin ja gesund

wie ein Stein, gemacht wie für hundert Jahre, und das Leben gefällt mir.

Ich kann es nicht im besten Zuge lassen, ich will es auskosten bis zum

letzten Tropfen!«

Doch vergebens harrte er auf ein Zeichen der Gnade, vergebens rang er nach

dem Gefühl der Berechtigung, zu sein. Da vernahm er ein Geräusch. Eine

alte Nonne mit großer, weißer Flügelhaube hantierte da mit Besen und

Federwisch. Die umgestürzten Betstühle steckten die Beine von sich,

Staubwolken flogen auf, und wie in einer Stube bei gründlicher Reinigung,

so irdisch und hausbacken sah es in dem Kirchlein aus. Den Tod im Herzen,

floh er.

Fort! dachte er: Fort aus diesem verfluchten Land, wo es zu sterben gilt!

»Ich muß fort!« erklärte er dem Alten daheim. »Augenblicklich muß ich

fort!«

»Weil Sie sich einen Wahnsinn in den Kopf gesetzt haben!« zürnte dieser,

»weil Sie eine Höllenangst vor dem Sterben haben!«

»Warum nicht gar!« leugnete Karl, »ich habe Gott geschaut,« sagte er

bitter, »mit ihm gesprochen, wie ich jetzt mit Ihnen spreche und mich

den Teufel um den Tod geschert. Warum denn einem ins Gesicht sagen: Ihre

Stunden sind gezählt. Ich vertrage so 'was nicht!«

Da riß dem Alten die Geduld. So rasch ihn die Füße trugen, hinkte er ins

Nebenzimmer, die Karten herbeizuholen, zog nach langem Suchen drei hervor

und hielt dieselben eine nach der anderen Karl vor die Nase, indem er

in grobem Ton zu verstehen gab, daß diese und keine anderen den Tod

bedeuteten. Hoch und teuer schwor er, sie seien ihm damals gar nicht in die

Hand geraten und er habe ihn nur zum besten gehabt: »Schimpf und Schande

für einen Mann!« knirschte er und warf schließlich die Karten auf den

Tisch, daß sie bunt durcheinander flogen. Voll Scham und Widerwillen, in

höchster Ratlosigkeit, wühlte Karl in denselben und behielt drei in der

Hand: jene, welche den Tod bedeuteten. Da stand er nun wie ein Gerichteter,

für den es keine Begnadigung gab. Zerknirscht sah der Alte drein, als

wollte er sagen: Vergieb, daß der Ruf dir gilt und nicht mir!

»Da ist nichts zu machen,« meinte Karl, nur noch von der Sorge erfaßt,

mit Anstand aus der Welt zu gehen. Vor allem wollte er an seine Leute

daheim und an den gekränkten Freund ein Wort des Abschieds richten; doch

zerriß er seinen Brief an jene und unterließ auch diesem zu schreiben,

indem er meinte: Ich war undankbar, du verdenkst es mir, so sind wir quitt!

Hingegen beeilte er sich, seinen letzten Willen aufzusetzen, besann sich

aber, daß er ein armer Teufel war, und machte nur ein Verzeichnis seiner

Schulden. Er war ganz Ordnungssinn, die Wichtigkeit des Moments hielt ihn

außer Atem, er wäre einer Heldenthat fähig gewesen. Doch wie demütigte

ihn der Gedanke, man könnte seinem frühen Grab übliches Mitleid weihen.

Ein Grab haben! er glaubte rasend zu werden. Wie er weinte und tobte!

Er hätte die Welt zerreißen mögen. Doch erfaßte ihn ein heftiges

Verlangen, schnell noch jemand zu lieben. Da fiel ihm Herr Laland in Paris

ein. Den Gelehrten wiedersehen und geborgen sein erschien ihm eins. So

schnürte er denn sein Ränzchen und machte sich bei Tagesanbruch auf. Ohne

Abschied, das Herz voll bitterem Groll.

Atemlos erreichte er die Station, den Zug und dankte Gott. Ihm war, als

erwachte er aus einem Wahnsinn. Er schlug die Hände zusammen über seine

Thorheit. Still jubelnd fuhr er durch das sonnige Land, wie durch sein

rechtmäßiges Erbe, daraus ihn keine Macht der Erde verdrängen konnte.

Er mußte an sich halten, um den guten Bretagnern, die mit ihm im Coupé

saßen, nicht lachend um den Hals zu fallen.

Erst als an allen Stationen hunderte und hunderte von Passanten

herbeigeströmt kamen, bemerkte er, in einen Vergnügungszug geraten zu

sein, was weiter? Doch es erschreckte ihn. Er zitterte. Was war aus ihm

geworden? Überzeugt, mit diesem Vergnügungszug schnurstracks in den

Himmel zu fahren, dachte er: Schon beim ersten Schritt ereilt mich das

Verhängnis! Tausendmal wäre er ausgestiegen, doch schämte er sich und

war auch kampfesmüde. Es mußte ja sein. Es gab kein Entrinnen! Da half

kein Gott! Das Rollen der Räder tönte ihm gleich Choralgesang in den

Ohren. An Leib und Seele zerschlagen traf er bei Herrn Laland ein.

»Nun kann ich Sie nicht brauchen! Ich arbeite!« lautete der Empfang.

»Wie, im Hochsommer kehren Sie zurück und mit solchen hohlen Wangen?

Zurück ans Meer mit Ihnen, nach Berck, dort finden Sie meine Schwägerin

mit Familie. Sie kennen sie doch? Und meine Nichte Andrée kennen Sie

doch auch? Ich stecke bis über den Hals in einer Abhandlung über die

Lebenskraft der Menschen und Wirbeltiere -- stören Sie mich nicht!«

Sofort kündigte er der Schwägerin an, daß sein Schützling einige Zeit

in Berck verbringen werde, worauf ein freundliches Willkommen als Antwort

erfolgt war. Ich werde im Meer bei Berck umkommen, sagte sich Karl und

fragte den berühmten Mann:

»Also handelt Ihr neues Werk von der Lebensstärke bei Mensch und Tier,

offenbar wie sich diese in Krankheitsfällen, Hungersnot und in Gefahren

bekundet. Wohlan, was halten Sie von jemand, dem von Freunden, Traumbildern

und allerlei Zeichen sein nahes Ende verkündet worden ist?«

»Lassen Sie mich mit solchen Narrenspossen!« rief der Gelehrte

entrüstet. »Hirnverbranntes Zeug! Altweibergefasel!«

»Vielleicht doch nicht!« sagte Karl feierlich, und es klang fast wie ein

Wunsch. Gebrochen und gefaßt zugleich sagte er sich: Umso besser! Mag denn

alles zum Teufel fahren!

Auf jener kurzen Fahrt nach Berck besann er sich erst, daß er jede Stunde

seines Lebens bemitleidenswert gewesen. Gleich einer fürchterlichen

Anklage rief er im Geiste den Seinen zu: Ich liebe euch nicht! Er verdammte

den Freund, weil er sich keine ungebührliche Behandlung hatte gefallen

lassen, machte es den Frauen zum Vorwurf, aus ihm keinen Mustermenschen

gemacht zu haben, und verzweifelte bei dem Gedanken, daß ihm das

wunderthätige Feuerbad einer großen Liebe versagt geblieben war. Dazu

seine Aussichtslosigkeit nach jeder Richtung! Am liebsten hätte er sich

aus dem Waggon gestürzt, um Tod und Leben los zu werden.

Katastrophen: Neue Novellen · 第 8 / 18 题