Zur bestimmten Zeit fand ich mich bei Hoyer ein und traf dort den

Branntweinbrenner Tiemer. Dieses waren die beiden ersten Männer,

welche ich in Altona kennen lernte. Wollte Gott! ich hätte nie andere

Bekanntschaften gemacht! Nachdem wir ein vortreffliches Abendessen zu

uns genommen und von dem besten Weine getrunken hatten, sagte Hoyer:

„Sie müssen Altona kennen lernen. Gehen wir.“ Auf diese Weise kamen

wir auch hier in das Joachimsthal. Es war Sonntag, Musik und Ball wie

heute. Ich muß gestehen, daß die rauschende Musik, der Anblick so

vieler Fröhlichen mich traurig machte. Ich hatte in der Zeit viele

Unannehmlichkeiten gehabt, und war arm. Die Musik, die raschen Walzer,

die rasenden Gallopps erinnerten mich an die vergnügten Abende, welche

ich so oft in unserer Residenzstadt genossen hatte. Sie führten manches

liebliche Bild meinem geistigen Auge vor. Ich lehnte mich an eine

der vielen Säulen und blickte traurig in die allgemeine Fröhlichkeit

hinein. Auf meinem Aeußern muß wohl der Zustand meiner innern

Verstimmung sich abgespiegelt haben. Hoyer, der während dieser Zeit mit

vergnügtem Gesichte den Tanzenden zugesehen hatte, näherte sich mir auf

ein Mal.

„Wollen Sie mir eine Bitte nicht abschlagen?“ fragte er.

„Gewiß nicht.“

„Gut. Sie sind ein junger Mann. Sie können in so großen Städten, wie

Hamburg und Altona, nicht ohne Geld sein. Ich bin unverheirathet und

lege gewöhnlich etwas von meinen Ersparnissen zu guten Zwecken zurück.

Hier -- nehmen Sie -- und nun kein Wort mehr davon.“ --

Er drückte mir eine Rolle Geld in die Hand und ließ mich betroffen

stehen.

Meine Geschichte ist aus, meine Herren! Bewundern Sie die Delicatesse,

die Großmuth dieses Mannes mit mir. Aus meinen Mittheilungen war

ihm der beklagenswerthe Zustand meiner Finanzen nicht entgangen. Er

beschloß mir zu helfen, und wartete den rechten Augenblick ab. Wie

zart: in so großen Städten können Sie nicht ohne Geld sein! Meine

Geschichte ist ein Pendant zu der Deinigen mit dem Herrn von Pichmeier

im ~Hôtel de France~. Beide sind uns ein Beweis, daß es noch edle

Männer giebt; Beide müssen uns aber ein Sporn sein, ihre Güte zu

verdienen, und ihnen durch unser Betragen zu beweisen, daß wir einer so

seltenen Großmuth nicht unwerth waren und sind. Das Joachimsthal wird

mir daher ewig unvergeßlich sein, und jedesmal, wenn ich es betrete,

denke ich mit Rührung und den Gefühle des innigsten Dankes an Hoyer

zurück.“

„Du hast sehr Recht gethan, Aristipp,“ sprach der Baron, „uns die

Mittheilung zu machen. Die edlen Thaten der Menschen muß man nie

vergessen, im Gegentheil sie immer wieder uns und Anderen in die

Erinnerung bringen; ebenso wie es Pflicht ist, das Böse, was die

Menschen uns zugefügt haben, zu verzeihen und gänzlich aus dem

Gedächtnisse zu verbannen. Du, Aristipp, hast jetzt hier die Pflicht

welche die Dankbarkeit Dir auferlegte, erfüllt. Wie wäre es, wenn Ihr

mir erlaubtet, Euch an den Ort zu führen, wo ich meinen rettenden

Schutzgeist fand? Wir wollen ohnehin nach Hamburg. Essen wir im ~Hôtel

de France~?“ Wir stimmten bei. Eine Droschke wurde genommen. „~Hôtel de

France!~“ riefen wir dem Kutscher zu.

Ich muß hier wohl einen kleinen Absatz machen und erst etwas über

Hamburg im Allgemeinen sagen, bevor ich den Leser ersuche, mir und

meinen Freunden bei den Besuchen, welche wir einzelnen Localitäten

dieser altergrauen Handelsstadt abstatten werden, zu folgen. Der bloße

Gedanke an Hamburg hat für mich immer etwas Belebendes, Erquickendes,

Erfreuliches. Von allen Städten, die ich in Frankreich, Italien,

Spanien, Deutschland und Afrika gesehen habe, ist mir Hamburg immer

die liebste gewesen, und wohl kann ich es dem reichen Weinhändler

Manke in der Theaterstraße nicht verdenken, wenn +er nur in

Hamburg sich wohl+ befindet. Es ist ja auch in der That Alles in

Hamburg zu finden, was der Geist, das Herz, das Auge, der Magen des

unersättlichsten Menschen sich nur zu wünschen vermag. Literatur und

Kunst werden gehegt, befördert, belohnt und bezahlt. Die Hamburgerinnen

sind hübsch, gebildet, und sittsam. Die schönsten Anlagen in der Stadt

und um dieselbe vergnügen das Auge, und der Magen findet in Hamburg

Alles, was das größte Rafinement eines Wohlschmeckers verlangen

kann. Der Hamburger Bürger ist artig, zuvorkommend gegen Fremde --

ich muß ihm dieses Lob ertheilen, wenn gleich manche Schriftsteller

das Gegentheil behaupten -- hat ein ehrenvestes Aeussere und einen

gewissen Stolz in seinem Auftreten, den ich billige, weil in diesem

Stolze die Liebe zu seiner schönen Vaterstadt, das Bewußtseins ihrer

Größe, ihrer Blüthe und ihrer Kraft liegt. Außerdem kann man es einem

freien Republikaner gerne verzeihen, wenn er etwas härter auftritt, als

ein leichtfüßiger Höfling. Der Hamburger ist sinnig, ordnungsliebend

und wohlthätig. Er wirft nichts weg, aber er ist nicht geizig, noch

filzig. Er ist ehrlich, offen und derb. Er betrachtet bei jedem

Gegenstande, sei es Mensch oder Sache, den Nutzen den er von ihm ziehen

kann. „So viel ist das mir werth! So viel ist der Mann mir werth!“

ist sein Wahlspruch. Er macht aber den Ueberschlag des Werthes eines

Menschen, einer Sache nicht mit kleinlicher Berechnung. Er bezahlt

die volle Kraft, die nützt, mit vollem Geldgewicht. Er hat vollkommen

Recht, denn nur so viel der Mann nützt, nur so viel ist er werth! Der

Hamburger Bürger im Allgemeinen ist religiös und sittlich. Er giebt

nicht leicht ein öffentliches Beispiel allgemeiner Sittenverderbniß.

Der Speculationsgeist führt den Hamburger selten zu weit. Er zieht das

Solide, das Gewisse einer unsichern Speculation vor. +Politischen

Schwindeleien ist er gänzlich fremd. Er haßt aber die Ungerechtigkeiten

in den Welt- und Völker-Händeln. Darum haßt selbst der gemeine

Hamburger Bürger den eigenmächtig handelnden Despoten, ebenso wie er

den König von Dänemark ehrt, weil er ein gerechter Monarch ist.+

Die Zuneigung zu diesem Fürsten hat freilich durch die Einrichtung

der Zolllinie etwas abgenommen. Denn der Hamburger bleibt immer

erst Hamburger. Er kann dem unmöglich gut sein, der seinen Handel

beeinträchtigt. Ist dieser Punct erst beseitigt, dann wird der

Hamburger gerecht und erkennt mit Freuden die guten Seiten fremder

Fürsten und Nationen. Der Hamburger Bürger ist seiner Geburt und der

Verfassung seiner Vaterstadt nach ein Republikaner. Er bekümmert sich

aber nicht weiter darum, und nirgends hört man weniger von Freiheit

und Gleichheit reden, als in Hamburg. Eine Hauptzierde der berühmten

Stadt ist die vorzügliche Ordnung, welche dort herrscht, und die

vortreffliche Polizei. Wenn Tausende und aber Tausende von Menschen

auf einem Platze versammelt sind, hört man nicht den geringsten

Tumult, nicht die allerkleinsten Excesse werden begangen, kein Unglück

geschieht. In dieser Hinsicht kann Hamburg allen großen Städten zum

Muster dienen. Der Hamburger liebt, achtet seine Obrigkeit und ist

ihr gehorsam. Die Hamburger Bürgergarde ist sehr schön uniformirt

und für eine Bürgergarde, noch dazu eine Deutsche, gut einexercirt.

Das Linien-Militär ist gleichfalls vortrefflich uniformirt, und

ausgezeichnet gut einexercirt.

Zwei Sachen finde ich nur in Hamburg auszusetzen: daß die Thorsperre

noch immer besteht und, daß es keine Stiefelputzer (~décrotteurs~) in

einer so großen Stadt giebt.

Die Thorsperre ist für den Fremden sowohl, als den Bewohner der

Vorstädte und dem Hamburger selbst ein unerträglicher Zwang, der ihm

in jeder Beziehung, selbst in der Geschäfts-Beziehung, störend sein

muß, da es ihm nicht immer einerlei sein kann, 4, 8, 12 Schillinge

auszugeben, wenn er durch Geschäfte verhindert wurde, vor der

Thorsperre heimzukehren. Die Thorsperren sind in allen großen Städten

Deutschlands jetzt aufgehoben, weil man das Lästige dieses Zwanges

eingesehen hat, und es steht zu hoffen, daß eine Stadt wie Hamburg,

die sonst gewiß in der Civilisation und Kultur mit jeder Stadt

Deutschlands gleichen Schritt hält, sogar sie überflügelt hat, auch in

diesen barbarischen Absperrungen nicht allein zurück bleiben werde.

Mag das Geld, welches durch die Thorsperre eingeht, zur Verschönerung

Hamburgs angewandt werden, wie ich höre, es wäre besser, Hamburg

weniger zu schmücken und seinen Bürgern, seinen Vorstädten eine freiere

Communication zu gestatten!

Was den zweiten Punct anbetrifft, so wäre es allerdings wünschenswerth,

sogenannte ~décrotteurs~ in Hamburg anzutreffen, da der Schmutz,

welcher in den Gassen einer so volkreichen Handelsstadt nicht

zu vermeiden ist, häufig angenehm erscheinen lassen würde,

einen Stiefelwichser bei der Hand zu haben. Nicht allein, daß

Jedermann, welcher etwas auf Eleganz und Reinlichkeit hält, gerne

in blankgeputzten Stiefeln erscheint, sondern auch, daß eine

gutbereitete Wichse das Schuhzeug conservirt, rechtfertigt diesen

Wunsch. Für Fremde, Franzosen, Engländer und Russen würden die

Stiefelputzer eine schätzbare Erscheinung sein. Es giebt keine, noch

so kleine Stadt in Frankreich, wo man nicht ~décrotteurs~ fände!

Die eleganten Französischen ~Commis voyageurs~ würden überglücklich

sein, wenn sie solche in Hamburg träfen, und die edlen Briten würden

viertelstundenlang auf einer Bank des Jungfernstieges sitzen, und

sich die Stiefel blank putzen lassen. Die jungen Elegants aus Altona,

welche zu Fuße in die Stadt kommen, würden erfreut sein, in glänzendem

Schuhzeuge ihre Visiten machen zu können; und der Hamburger selbst

würde nach und nach an eine Reinigungs-Anstalt sich mit Freuden

gewöhnen, die es ihm möglich machte, den Schmutz seiner schönen

Vaterstadt +nicht+ in die Häuser und Salons zu bringen. Eine solche

Stiefelwichser-Einrichtung würde außerdem ein neuer Erwerbszweig

für alte und gebrechliche Personen beiderlei Geschlechtes sein,

denen der Gebrauch ihrer Hände blieb. Es käme nur darauf an eine

Association zu bilden, welche ihnen das nothwendige Material zu

diesem Geschäfte verabreichte, bestehend: in einem Kasten, in welchem

eine Schmutzbürste, eine Glanzbürste, ein stumpfes Messer und ein

Schächtelchen Stiefelwichse enthalten sein müßten. Ueber diese

Stiefelputzer müßte natürlich ein Aufseher bestellt sein, damit sie

den Gewinn des Ertrages ihrer Arbeit täglich ablieferten, bis sie so

viel gewonnen, daß der Apparat, den die Association ihnen gegeben,

bezahlt sei. Dieses würde nicht lange dauern, wenn man den Preis des

jedesmaligen Reinigens und Putzens eines Paar Stiefel oder Schuhe auf

1½ Schilling setzte. Dann könnten sie auf ihre eigene Hand fortfahren

zu putzen; Hamburg hätte eine Annehmlichkeit mehr, und viele arme Leute

einen ehrlichen Erwerbszweig gewonnen.

Ich muß meine eleganten Leserinnen um Entschuldigung bitten, ihre

Phantasie solange mit einem widrigen Gegenstande beschäftigt zu

haben; ich habe aber die Entbehrung der Stiefelputzer in Hamburg nie

schmerzlicher empfunden, als wenn ich gezwungen war, in schmutzigen

Stiefeln und besprütztem Unterzeuge in einem eleganten Boudoir

oder Salon zu erscheinen, und es bei der bekannten Sittsamkeit des

weiblichen Geschlechtes, welche sich durch das zu-Bodensenken der

schönen Augen beim Erblicken eines Mannes am deutlichsten beurkundet,

nicht verhindern konnte, daß der zweite Blick auf diese schmutzige

Partie meines Anzuges fiel. Aus diesem Grunde darf ich hoffen, daß sie

sich meiner Vorschläge zur Errichtung einer Stiefelputzer-Gesellschaft

nicht widersetzen, sondern sogar dieselben unterstützen werden. Ferner

darf ich mit Gewißheit auf die Billigung aller Haus-Mädchen rechnen,

sei es in Privat- Gast- oder Cafée-Häusern, denen Dreiviertel ihrer

Arbeit beim Auskehren durch einen Stiefelputzer abgenommen würde. Habe

ich +die Damen+ erst auf meiner Seite, dann bin ich gewiß, daß mein

Vorschlag angenommen werde! Ich empfinde jetzt schon den Vorgenuß

jenes erhabenen Gefühls wenn ich, (nachdem dieses Büchlein anonym

gedruckt sein wird, die Stiefelputzer-Gesellschaft schon thätig ist)

nach Hamburg kommen werde und +mir+, dem unsterblichen Einführer dieser

nützlichen und wohlthätigen Reinigungs-Anstalt, incognito, die Stiefel

werde putzen lassen!

„Seit wann“ frage ich dann „werden in Hamburg die Stiefel geputzt?“

„Dat wet ick nich,“ antwortet der Stiefelputzer, indem er die

Glanzbürste aus dem Kasten nimmt, „Se seegt dat disse Mode uht den

Uhtlande kohmen is. Dat is mi nun glieke veel, aberst ick verdeene

mien Brod daby. Se seegt, dat is een Herr Artipp, de hät den Vörschlag

mookt.“

„Sie fragen, seit wann man hier die Stiefel putzt, mein Herr?“ bemerkt

ein reinliches Hamburger Kinder-Mädchen, das auf derselben Bank, auf

welcher ich mich niedergelassen, saß. „Ich will es Ihnen sagen: Vor

einiger Zeit erschien hier ein Buch von einem gewissen Herrn Aristipp,

ich glaube, verlegt von der Buchhandlung von +Hoffmann und Campe,

die ja alle Neuerungen begünstigen, und das ganze junge Deutschland

verlegt haben+! In diesem Buche befand sich eine Abhandlung über

das Stiefelputzen. Der Herr Aristipp soll ein hübscher, junger Mann

sein. Unsere Madams lasen das Buch; nach ihnen die Kammermädchen, und

die erzählten den Hausmädchen, daß auch von ihnen die Rede in diesem

Buche sei. Die Hausmädchen wollten die Stelle sehen, in welcher von

ihnen die Rede sei. Diese handelt nun gerade von Stiefelputzern und von

deren Nutzen. Die Hausmädchen, geschmeichelt durch einige Worte des

Herrn Aristipp, nahmen sich der Sache an. Die Kammermädchen, die es

mit den Hausmädchen nicht verderben dürfen, ihrer Liebschaften wegen,

unterstützten die Sache bei ihren Madams; die Madams, die es nicht

mit den Kammermädchen verderben dürfen, brachten die Sache bei ihren

Männern zur Sprache, und so wurde der Vorschlag des Herrn Aristipp

angenommen. Wir haben jetzt Stiefelputzer in allen Gassen, und das

Buch des Herrn Aristipp wird von allen Menschen gelesen; er selbst zum

Himmel erhoben!“

„Was!“ rief ich aus, mein Incognito vergessend. „In ganz Hamburg

werden jetzt die Stiefel geputzt, und ich in ganz Hamburg gelesen!

Die Stiefelputzer und ich sind der ~Lion du jour~! Der Russische

Thronfolger, der nicht kam, ist vergessen! Die Stiefelputzer in

allen Gassen, und ich in dem Munde aller Madams, Kammermädchen und

Hausmädchen der Stadt! +Folglich populär!+ Mademoiselle! Ihre Stimme

ist für mich die Stimme des Volkes, dieser Stiefelwichser der Beweis

Ihrer Worte. Ich selbst bin dieser Aristipp! Ich selbst empfinde

diesen Augenblick die Wahrheit jenes Satzes: ~Pauca, sed selecta!~ Ein

einziger Satz, +der Hunderttausende beglückt, oder Hunderttausenden

nützt, ist besser, als hundert Bände, die nur Hunderttausende

amüsiren+!“

Glückliche Phantasie eines Schriftstellers! Die sich schon das

vorhanden denkt, was kaum zu Papier gebracht, zu welchem noch kein

Verleger gefunden! Richard Savage! Du bist gedacht, geschrieben, nur

aufgeführt, +durch den Freischütz empfohlen+, während meine Abhandlung

über Stiefelwichser noch verschlossen in meinem Pulte ruht, und

vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird! Du lockst den Leuten

das Geld aus den Taschen, anstatt, daß mein Werk Arme bereichern würde!

Es ist nur ein Unterschied zwischen uns: Du gefällst, und ich nütze!

-- -- -- -- --

Wir kehren jetzt zum ~Hôtel de France~ zurück.

Das ~Hôtel de France~ liegt auf den großen Bleichen und gehört der

Madame ~Guilleaume~, welche, nach dem Tode ihres Gemahls, mit Hülfe

ihres zweiten Sohnes die Gastwirthschaft fortgesetzt hat. Mit den

großen Gasthäusern am Jungfernstiege kann freilich das ~Hôtel de

France~ an äußern Glanz nicht wetteifern, wohl aber dürfte es wegen

einer gewissen Gemüthlichkeit, welche in ihm herrscht, den großen,

weltberühmten Hôtels vorzuziehen sein. Ist man in jenen Gasthäusern

prachtvoll logirt, schnell bedient, so ist man im ~Hôtel de France~,

wie zu Hause und wird +mit Freuden+ bedient; findet man in jenen

einen eleganten, unterthänig zuvorkommenden Wirth, so thut einem

hier die ruhige, würdevolle Weise wohl, mit der Madame ~Guilleaume~

ihre Gäste empfängt, für ihre Bedürfnisse mit mütterlicher Fürsorge

wacht, und gleichsam einen jeden Fremden wie ein Mitglied ihrer

Familie behandelt. Ihr Sohn seinerseits ist unermüdlich, um seine

Gäste zufrieden zu stellen, den ganzen Tag in Bewegung und läßt es

in Aufmerksamkeiten aller Art gewiß nicht fehlen. Die beiden Töchter

der Madame ~Guilleaume~ verleihen durch ihr anständiges, freundliches

Wesen, durch ihre Bildung und eine gute Conversation dem ~Hôtel de

France~ einen eigenthümlichen Reiz. Ein großer Vorzug dieser Familie

besteht für Fremde darin, daß sie vortrefflich Französisch spricht und

auch im Englischen nicht unbewandert ist. Das dienende und aufwartende

Personal dieses Hôtels ist ausgezeichnet; zuvorkommend und gefällig,

ohne Interesse, thut ein Jeder seine Pflicht. Die Küche ist Französisch

und der alte Koch des Hauses bedarf wohl keiner andern Empfehlung,

als, daß er vierzig Jahre zur Zufriedenheit seiner Herrschaft und

ihrer Gäste seinem Amte vorgestanden hat. Die Zimmer des Hôtels

sind geräumig, gut meublirt, die Betten vortrefflich. Der Salon, in

welchem gespeist wird, ist groß, hell und mit zwei außerordentlich

schönen Spiegeln verziert. Madame ~Guilleaume~ nimmt während des

Diners ihren Platz am obern Ende des Tisches, um das Ganze übersehen

zu können und jeder Unaufmerksamkeit der Kellner durch einen Wink

nachzuhelfen. Ihre Familie nimmt an ihrer Seite Platz und dann folgen

~les habitués~ des Hauses, dann die Fremden, nach der Anciennität,

der Dauer ihres Aufenthaltes. Eine große Zierde dieses Hôtels ist ein

sehr hübscher Garten mit einem Pavillon hinter dem Hause. Die Weine,

welche man erhält, besonders der Tischwein und der Rheinwein, sind

vortrefflich. Letzteren bezieht Madame ~Guilleaume~ von Herrn Mappes.

Das ~Hôtel de France~ wird meistens von Russen und Franzosen besucht;

von der letzten Nation logiren dort fast alle ~Commis voyageurs~,

oder ~négocians~, wie sie sich im Auslande gerne nennen hören. Wer

die Französischen ~Commis voyageurs~ kennt, der wird wissen, daß

ein einziger von ihnen hinreichend ist, um eine ganze Gesellschaft

durch seinen Frohsinn, seine Masse von Anecdoten, seine Fertigkeit

in Kunststücken aller Art, zu unterhalten. Der ~Commis voyageur~

hat sämmtliche Departements Frankreichs bereis’t, sich überall das

Merkwürdigste notirt, und repräsentirt auf diese Art ganz Frankreich.

Er ist im eigentlichsten Sinne ~Français avant tout~. Er kennt Alles,

überall ist ihm etwas Auffallendes arrivirt und ist dieses nicht der

Fall, so ersinnt er etwas und erzählt es so oft, bis er es selbst

glaubt. Die meisten ~Commis voyageurs~ sind Republikaner, ~la jeune

France~ und ~la Révolution du Juillet~ sind ihre Steckenpferde, und

ihre Schuld ist es nicht, daß ~Louis Philippe~ noch auf dem Thron

sitzt. Diese eigenthümliche Menschenclasse ist übrigens durchaus

nicht uninteressant, meistens sehr gebildet, witzig und von guten

Manieren. Da im ~Hôtel de France~ fast immer Einige von ihnen bei

Tafel gegenwärtig sind, so wird man sich dort nie langweilen, wenn man

ihnen einige Bravaden und Französischen Eigendünkel nachsehn will. Im

Allgemeinen läßt sich über das „Gasthaus von Frankreich“ das Urtheil

fällen: daß, wenn man auch nicht Alles dort findet, was man wünschen

könnte, man wenigstens mit dem, was man dort findet, vollkommen

zufrieden sein kann.

Die ~Table d’hôte~ hatte schon begonnen, als wir im Hôtel ankamen.

Wir wurden sogleich in den Eßsalon geführt, wo wir eine zahlreiche

Gesellschaft vorfanden, die nach der oben beschriebenen Weise um

den Tisch herum saß; wir erhielten natürlich die untersten Plätze,

weil wir die Letzten waren. Wir setzten uns einander gegenüber; der

Baron und ich an der einen, Herr Bleicamb und Hippias an der andern

Seite der Tafel. Wir wurden sogleich bedient. Da die meisten Gäste

Ausländer waren, so wurde die Unterhaltung meistens auf Französisch

geführt. Zuweilen wurden die harmonischen Laute dieser schönen Sprache

durch einige Russische Gurgeltöne unterbrochen; oder, wenn eine Pause

eingetreten war, vernahm man das zischende Gelispel der Söhne Albions.

Wir waren die Einzigen, welche sich in Deutscher Sprache unterhielten.

Sämmtliche Gäste waren nach der neusten Mode gekleidet, ihre Haare wohl

pomadisirt und von ~Monsieur Eugène~ frisirt. Besonders elegant war ein

junger, hübscher Russe, der an der Tafel den Ton anzugeben schien, und

im Bewußtsein seines Reichthums sich behaglich auf seinem Stuhle hin

und her wiegte. Sein Platz dicht bei der Familie ~Guilleaume~ schien

auf eine lange Anwesenheit zu deuten. Er schien fast sämmtliche Gäste

zu kennen und nahm sich die Freiheit, manche von ihnen scherzhafter

Weise aufzuziehen. Er sprach vortrefflich Französisch. Seinen Manieren

nach hätte man ihn auch für einen Franzosen halten müssen, wenn nicht

die Form seines Kopfes, der Schnitt seiner Augen den Russen verrathen

hätte. Er trank Champagner und bewirthete mit diesem seine Bekannte.

Ihm gegenüber saß ein junges Mädchen in einem schwarzen Kleide,

mit großen dunkeln Augen, braunen Haaren, deren Blick zerstreut

umherschweifte, und die wenig oder gar keinen Antheil an dem, was um

sie vorging, zu nehmen schien. Der junge Russe gab sich alle Mühe sie

zu unterhalten.

„Warum so traurig, mein Fräulein,“ sprach er auf Deutsch in einem

komisch schnarrenden Tone, „Sie sind verliebt bis über die Ohren.

Was soll das? Er wird schon kommen, der Mensch! Trinken Sie ein Glas

Champagner, ich bitte. Man muß nie traurig sein, es hilft nichts und

macht häßlich. Trinken Sie, ich bitte.“

„Na, so trinken Sie doch, Adelinchen,“ sprach Madame ~Guilleaume~, die

neben dem traurigen Kinde mit den schönen Augen saß, „Sie essen auch

gar nicht! Wer wird wohl so melancholisch sein!“

„Du lebst wirklich von der Luft, Adeline,“ sprach die Tochter der

Madame ~Guilleaume~, „Du wirst ganz mager hier bei uns. Das dürfen wir

nicht zugeben.“

„Was wir lieben, Fräulein!“ rief der junge Russe, sein Glas emporhebend.

„Was wir lieben!“ wiederholte Mlle ~Guilleaume~.

Das schöne, blasse Mädchen nahm das Glas und benetzte kaum die Lippen

mit dem flüchtigen Getränke.

„Was ist das!“ rief der Russe. „Das ist kein Trinken! Bei uns, in

Rußland, trinken die Damen aus, wenn sie die Gesundheit ihres Geliebten

trinken! Trinken Sie aus, ich bitte.“

„Ich danke,“ antwortete die schöne Adeline. „Ich trinke selten, fast

nie. Uebrigens bin ich Ihnen für die Güte, mich aufheitern zu wollen,

sehr verbunden, Herr von Jadis; aber Sie wissen, es hilft nichts.“

„Der Teufel hole die verliebten Leute!“ rief der Angeredete. „Sie

verderben alle gute Gesellschaft! bei Ihnen ist Hopfen und Malz

verloren!“

Dem jungen Mädchen entlockten diese kräftigen, komisch hervorgestoßenen

Ausdrücke ein vorübergehendes Lächeln, wobei sie zwei Reihen der

schönsten Zähne zeigte. Sie hatte etwas unbeschreiblich Anziehendes.

Sie erinnerte an Mignon. Man hätte sie fragen können: „Was hat man

Dir, Du armes Kind, gethan?“ Der Baron schien ganz in ihrem Anschauen

verloren. „Bei Gott,“ sagte er mir leise, „eine solche Aehnlichkeit

sah ich nie! Wie dieser plumpe Russe mit seinen rohen Scherzen das

Zartgefühl des holden Kindes beleidigen muß! Das Mädchen ist krank,

sehr krank. Ihre Krankheit ist die des gebrochenen Herzens. Ich kenne

das. Triviale Scherze sind kein heilender Balsam für solche Kranke.

Da hilft nur Mitgefühl! Ich muß erfahren, wer sie ist, Aristipp. Ihr

Anblick erweckt in mir eine traurige, sehr traurige Erinnerung.“

Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß der Kellner vier Gläser

Champagner vor uns hinsetzte und im Begriff war, sie vollzuschenken.

„Wer hat den Champagner bestellt?“ fragte der Baron.

„Der Herr von Jadis, der junge Russe, hat mir befohlen, den Herren

einzuschenken.“

„Ich lasse mir von keinem Unbekannten einschenken!“ erwiederte der

Baron stolz.

„Es ist ein Freund des Herrn von Pichmeier,“ erwiederte der Kellner.

„Des Herrn von Pichmeier! Schnell schenken Sie ein. Wo ist Herr von

Pichmeier?“

„Auf dem Lande.“

„Trinken Sie, meine Herren!“ rief der Russe über den Tisch herüber.

„Der Champagner ist gut! Er ist von Herrn Mappes! Herr Mappes soll

leben!“

Wir tranken.

„Sie kennen Pichmeier?“ fragte der Russe den Baron.

„Gewiß. Er ist einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen,

die es giebt. Ich bin ihm viele Verpflichtungen schuldig. Er ist ein

vortrefflicher Mann.“

„Das ist er gewiß,“ bemerkte Madame ~Guilleaume~.

„Höchst gebildet und angenehm!“ sagte Mlle ~Guilleaume~.

„Er hat Gefühl und Herz!“ flüsterte das traurige Mädchen, indem sie das

schöne Auge zum Himmel erhob.

„Wenn Herr von Pichmeier nicht hier ist, fehlt dem Ganzen der

Geist, und die Seele, nicht wahr, Fräulein?“ sprach ein junger

Mann mit glänzend schwarzen Haaren, schönen blauen Augen und etwas

orientalischer Gesichtsbildung, welcher neben Fräulein Adelinen saß.

„Das ist wahr!“ ergänzte ein großer blonder Mann, dessen Nachbar. „Der

Herr von Pichmeier ist ein edler Mensch!“

Mehre der Tischgesellschaft pflichteten dieser Meinung über den Herrn

von Pichmeier bei.

„Wie glücklich dieser Mann ist!“ rief der Baron aus. „Unter so vielen

Menschen nur +eine+ Stimme des Lobes über ihn und noch dazu hinter

seinem Rücken! Es liegt etwas Bezauberndes in der allgemeinen Achtung,

dem allgemeinen Beifall der Menschen! Was hilft alles Berühmtsein,

aller Verstand, wenn man nicht geachtet und geliebt von seinen

Mitmenschen ist! Gewiß, beneide ich den Herrn von Pichmeier nicht, aber

ich gäbe zwanzig Jahre meines Lebens darum, wenn man von mir spräche,

wie man hier von ihm spricht!“

„Das allgemeine gute Urtheil über einen Menschen hat allerdings

etwas sehr Anziehendes,“ sprach Hippias. „Es ist bei weitem leichter

Bewunderung, als die allgemeine Achtung und Liebe zu erwerben. Daher

möchte ich auch lieber +gut+, als +groß+ sein. Beides zusammen

vereinigen, ist sehr schwierig.“

„Ihr seid wieder auf gutem Wege!“ rief Herr Herrmann Bleicamb. „Ich

habe gehofft, in der Gesellschaft von lustigen, jungen Leuten meinen

Tag hinzubringen, und befinde mich unter lauter Philosophen. Die Welt

beurtheilt Euch ganz falsch, meine jungen Herren. Ich bemerke, daß Ihr

die Weisheit auf dem Grunde eines leeren Champagner-Glases sucht und

findet. Es freut mich und ich werde es gelegentlich zu rühmen wissen.

Wir müssen aber Höflichkeit um Höflichkeit tauschen und jetzt dem

Russen einschenken lassen, wenn wir uns nicht lumpen lassen wollen!“

„Du bist heute außerordentlich höflich!“ sprach der Baron.

„Eine Flasche Champagner!“ rief ich dem Kellner zu.

Das Diner nahte sich jetzt seinem Ende. Madame ~Guilleaume~, ihre

Töchter und die interessante Unbekannte erhoben sich von ihren Sitzen

und verließen den Speisesaal. Einige von den Herren folgten ihnen, die

anderen rückten näher zusammen und der Champagner begann zu kreisen.

Der junge Russe besonders schien sich über die Entfernung der Damen zu

freuen.

„Gut! gut! daß sie fort sind“ rief er aus. Was wollen die Damen an der

~Table d’hôte~? Sie geniren nur. Er trank ein Glas Champagner und sang:

„Drei Ochsen, vier Küh!

Sind sieben Stück Vieh!

Die Ochsen sind gröber,

Und stoßen die Küh!

Tra-La Tra-La Tra-La.“

„Wer war das junge Mädchen, welches mit der Madame ~Guilleaume~ den

Saal verließ?“ fragte der Baron nach einer kleinen Pause den Russen.

„Ein sehr dummes Mädchen! sehr verliebt, wie alle Deutsche Mädchen.

Sie hat keinen Sinn, als für den Geliebten, und weint Tag und Nacht,

daß er nicht bei ihr ist. Schon seit sieben Jahren liebt sie ihn! Das

ist wirklich zu toll, und heirathen kann sie ihn nicht, denn weder er

noch sie haben was zu essen. Und ohne Geld zu sein, das ist der Teufel!

Anstatt vernünftig zu sein, und sich zu amüsiren, sitzt sie immer in

Träumereien versunken, und wenn einen Posttag über ein Brief von ihm

ausbleibt, so ist sie betrübt bis in den Tod. Hä! Hä! Hä! Das ist zu

dumm! Da sind die Französinnen anders und die Russinnen! Die Deutschen

sind sentimental und langweilig. Es ist nichts anzufangen mit ihnen.

Immer verliebt und immer geweint! Ich bitte! Das ist lächerlich!“

„Der Herr von Jadis hat Ihnen eine Erklärung nach seiner Weise über

dieses junge Mädchen gegeben,“ nahm der junge Mann, welcher Fräulein

Adelinens Nachbar gewesen war, das Wort, „da Sie aber mit einigem

Interesse sich nach ihr erkundigen, so will ich Ihnen eine andere

geben. Fräulein Adeline von Lilienthal ist eine sehr gute Bekannte

der ehrenwerthen Familie ~Guilleaume~ und zum Besuche bei ihr hier

anwesend. Es ist wahr, daß sie eine glückliche oder eine unglückliche

Liebe hat, wie man es in der Welt nennt, und daß sie dem Gegenstande

ihrer Neigung sieben volle Jahre treu blieb. Sie scheint in der

That keinen andern Gedanken, als ihn zu haben, welches ihr, nach

meiner Meinung, zur höchsten Ehre gereicht. Ich glaube, daß es das

höchste Glück für einen Mann sein muß, mit dieser hingebenden, Alles

vergessenden, dauernden Liebe geliebt zu werden, mit welcher dieses

interessante Wesen ihrem Geliebten anhängt, und wenn unsere Deutschen

Frauen und Mädchen einen reellen Vorzug vor den Französinnen, Russinnen

etc. besitzen, so besteht er gerade in diesem tiefen Gefühle, in

dieser schönen, reinen Hingebung, in diesem gänzlichen Verlorensein in

dem Gedanken an den Auserwählten ihres Herzens. Diese metaphysische

oder platonische Liebe, welche das ganze Wesen eines so holden und

liebenswürdigen Geschöpfes erfüllt, ist meiner Ansicht nach der höchste

Schmuck eines weiblichen Wesens. Wir Männer sind kaum im Stande, die

Gefühlswelt zu fassen, welche das Herz eines wahrhaft liebenden Weibes

bewegt; ich selbst hatte nur eine schwache Idee von der Möglichkeit

des Vorhandenseins solcher Gefühle. Die nähere Bekanntschaft und die

Beobachtung dieses jungen Mädchens hat mir erst einen klaren Begriff

derselben gegeben. Sie lebt nur für, in und durch den Gegenstand ihrer

Liebe. Alles andere ist ihr gleichgültig. Sie würde sich, ihr Leben,

ihren Ruf, ihre zeitliche und ewige Wohlfahrt dem Geliebten opfern!

Ihr weiches, reines, reiches Herz kennt kein anderes Gefühl als das der

aufopfernden, hingebenden Liebe! Von einer solchen Liebe hat ein Russe,

ein Franzose keinen Begriff.“

„Wollen Sie eine Partie ~Ecartè~ um einen Drittel mit mir spielen, das

ist besser, als dieses Liebes-Geschwätz!“ rief der Russe.

„Ich spiele nicht,“ antwortete Jener etwas zurückhaltend.

„Ah! ha! Sie sind böse auf mich? Warum nicht gar! Man muß sich nie über

ein Mädchen erzürnen. Das ist lächerlich! Wollen Sie?“ fragte er auf

Russisch, seinen Nachbar.

Jener nahm die Partie an. Sie spielten drei Partien. Der Herr von Jadis

gewann zwei. Mit einem triumphirenden Lächeln erhob er sich vom Tische.

„Rudolf!“ rief er, „eine Droschke! Ich habe mein Theater gewonnen!

Adieu! meine Herren!“ Mit diesen Worten hüpfte er zur Thüre hinaus.

„Sie haben mir durch Ihre gefühlvolle Auseinandersetzung der

Verhältnisse des Fräuleins eine wahre Freude gemacht,“ sagte der Baron

sich an Herrn Kriegmann wendend. „Lassen Sie uns ein Glas Champagner

auf die Gesundheit Deutscher Frauen, Deutscher Liebe und Deutscher

Treue trinken!“

„Sehr gerne. Dann können wir diese drei Gesundheiten in einer trinken:

Fräulein Adeline!“

„Wir trinken mit,“ riefen Bleicamb, Hippias und ich.

Die Französischen ~Commis voyageurs~, welche das Deutsche Gespräch

wohl schon lange belästigt haben mogte, fingen jetzt ihr Wesen an, und

Charaden, Calembourgs, Kunststücke aller Art wechselten mit einander ab.

„Ich habe keine Lust diese Französischen Windbeuteleien mit anzuhören,“

sprach Hippias. „Der Uebermuth des Russen hat mich schon genug

gelangweilt.“

„Wollen Sie mir folgen, meine Herren,“ sprach Herr Kriegmann, „so gehen

wir in den Garten, und trinken dort mit den Damen Cafée.“

Wir standen auf, und befanden uns bald in der Gegenwart der Madame

~Guilleaume~, ihrer Tochter und der Fräulein Adeline, welche auf

einer Bank im Garten saßen, vor welcher ein Tisch und das nöthige

Cafée-Service stand.

Die Gesellschaft angenehmer, gebildeter, anständiger Damen macht immer

einen vortheilhaften Eindruck auf das Gemüth eines Mannes, der noch

nicht gänzlich gesunken. Sie zeigt ihm die schöne Seite des Lebens,

und erweckt Erinnerungen in ihm, welche die Nachklänge vergangener

schöner Zeiten sind. Sie führt ihm die Tage vor dem geistigen Auge

vorüber, die er unter dem Schutze einer liebenden Mutter, der Sorgfalt

seiner älteren und unter den Spielen seiner jüngeren Schwestern und

ihrer Freundinnen verlebte, und die Sehnsucht nach dem ~sweet, sweet

home~ bemeistert sich seiner Seele. So wie die Gegenwart würdiger

Frauenzimmer dem Manne eine schöne, nie vergessende Vergangenheit

auffrischt; so erfüllen sie auch sein Herz und seine Phantasie mit

Bildern einer lieblichen Zukunft, mit der Sehnsucht nach der Geliebten

und einer baldigen Vereinigung mit ihr, oder mit dem Wunsche, in dem

gegenwärtigen weiblichen Wesen die zu erkiesende Gefährtin des Lebens

zu finden, wenn Herz und Hand noch frei geblieben. Diese verschiedene

Erinnerungen, Aussichten, Hoffnungen geben den Gedanken eines

unverheiratheten Mannes eine eigene Richtung; sie versetzen ihn in

eine für alles Gute und Schöne empfängliche Stimmung, flößen ihm den

Wunsch zu gefallen ein, und mildern daher die Rohheit seiner Sitten

und lehren ihn, wie Goethe sagt: „was sich schickt, was sich ziemt.“

Wenigstens sollte dieses immer der Fall sein, und ein gebildeter

Mann in der Gegenwart edler Frauen nie die Schranken übertreten,

welche der Anstand, die Achtung gegen das weibliche Geschlecht, das

Zartgefühl vorschreiben. Bei uns Deutschen ist dieses auch, gottlob!

selten der Fall. Mag der Engländer und der Franzose mehr kleinliche

Aufmerksamkeiten, Zuvorkommenheiten gegen das weibliche Geschlecht

mit Ostentation an den Tag legen; er fällt auch häufiger durch. Der

Franzose wird schlüpfrig und der Engländer grob. Dem Deutschen verleiht

der Eindruck, welchen ein wahrhaft hohes Frauenbild auf ihn macht,

eine gewisse Befangenheit in ihrer Gegenwart, in seinen körperlichen

Wesen, weil seine Seele zu mächtig ergriffen wird. Sein Gefühl, seine

Phantasie reißen ihn fort, er versinkt in Gedanken und beobachtet

daher nicht eine Menge kleiner Zuvorkommenheiten, welche die Männer

anderer Nationen den Frauen widmen. Aber er wird nie unanständig

werden, kein zweideutiges Wort wird seinen Lippen entschlüpfen und die

meisten Frauen würden ihm gerne den Mangel an Courtoisie verzeihen,

wenn sie den Thron der Anbetung und Bewunderung sehen könnten, welchen

er in seinem Herzen ihnen erbaut. Nur der Deutsche ist einer wahren

Liebe fähig! Die Leidenschaftlichkeit des Franzosen verfliegt wie der

Schaum des Champagners. Der Engländer ist großer Passionen, tiefer

Eindrücke fähig, aber um lieben zu können, wie ein Deutscher, ist er zu

egoistisch, zu commerziel, zu sehr Staatsbürger. Für einen Deutschen

nur kann die Geliebte ein einziger, ewiger Gedanke sein, weil er Alles

über sie vergessen kann und die ganze Dauer seines Lebens +nur für

sie zu leben+ im Stande ist. Der Deutsche ist der einzige Mann, der

sein Weib dauernd vergöttern kann, weil er fähig ist die Zartheit und

Reinheit des Brautstandes in den Ehestand zu übertragen.

Ich darf hoffen, durch die Erwähnung dieser Ansicht den Deutschen

Mädchen und Frauen die Deutschen Männer noch werther gemacht zu

haben, und Ausländerinnen den Wunsch empfinden zu lassen, sich

auf „gut Deutsch vergöttern zu lassen.“ Sollten einige meiner

ausländischen Leserinnen diesen Wunsch hegen, so ersuche ich sie

nur einige +Vergötterer+ bei mir zu bestellen; vorausgesetzt, daß

die liebenswürdigen Schönen ein reines Vermögen von 50000 Pfund

Sterlinge, 200000 Silber-Rubeln oder 300000 Franken besitzen,

und +versprechen+ sämmtliche Kinder in der allein seligmachenden

lutherisch, evangelischen Religions-Sekte erziehen zu lassen, weil

ihnen sonst nicht die Concession zu einer ehelichen Verbindung mit

einem Andersgläubigen ertheilt wird. Es ist diese Forderung nur als

eine kleine Repressalie gegen die Forderungen anderer, christlicher

Sekten anzusehen, welche aus den Grundsätzen hervorgeht, die wir jetzt

in allen Religions und anderen Händeln befolgen: Erstens: Nehmt Eure

Vernunft gefangen in dem Gehorsame Christi, und zweitens: Giebt Dir

Einer eine Ohrfeige auf den einen Backen, so halte ihm den andern hin.

Dieser letzte Satz wird jetzt bei uns so interpretirt: ist Einer ein

Esel gegen Dich, so sei ein doppelter gegen ihn.

Meine Adresse ist: Monsieur Aristipp, ~Maison de commission~. ~Depôt~

metapysischer, treuer Ehemänner, +St. Pauli+. Ungefähr in derselben

Zeit, daß meine Leser diese absichtslose Abschweifung durchlesen

haben, war die Gesellschaft im Garten des ~Hôtel de France~ einander

vorgestellt worden, hatte sich unter dem Schatten hoher Linden

auf Bänke und Stühle in verschiedenen Positionen niedergelassen,

Cafée getrunken, und war durch einige Besuche aus der Stadt um ein

Bedeutendes vermehrt worden. Die betrübte Stimmung Fräulein Adelinens

war gewichen. Sie hatte einen Brief ihres Geliebten erhalten, der

dessen nahe Ankunft verkündete. Ihr schönes braunes Auge strahlte von

einer innern Glückseligkeit, und mit einem kindlichen Frohsinn mischte

sie sich in das Gespräch der Anwesenden. Welch ein himmlischer Ausdruck

beglückter Liebe, rosiger Hoffnung, jungfräulicher Unschuld und Tugend

lag in ihrem lieblichen, blassen Gesichte!

Der Baron seinerseits schien ganz in dem Anschauen dieses huldvollen

Geschöpfes verloren, und beobachtete sie mit einer unablässigen

Aufmerksamkeit. Er war stille, in sich zurückgezogen und ein hoher

Ernst lagerte auf seiner Stirne. Eine tiefe, gewaltige Bewegung schien

ihn zu beherrschen. Er war mehre Male im Begriffe mit dem interessanten

Wesen eine Unterhaltung zu beginnen, aber dem gewandten Weltmann, dem

Literaten und Schriftsteller, dem Soldaten fehlte dieses Mal der Muth.

Er schwieg, indem er sprechen wollte, und lehnte sich nachdenkend an

einen Sessell, ohne jedoch einen Blick von dem Fräulein zu wenden. Sie

schien aber weder ihn noch irgend einen andern aus der Gesellschaft zu

bemerken.

Herr Herrmann Bleicamb, welcher dem Champagner tüchtig zugesprochen,

und durch ihn in eine heitere Laune versetzt war, Hippias desgleichen,

dem das fröhliche Wesen des alten Knaben gefiel, gaben der allgemeinen

Unterhaltung eine andere Wendung, indem Herr Herrmann Bleicamb begann,

der Gesellschaft ein Räthsel aufzugeben, welches lautete, wie folgt:

„Eine junge Dame sprach eines Abends mit einem jungen Manne vor dem

Gitter eines Klosters. Wie können Sie zu dieser Tageszeit mit einem

jungen Menschen reden? fragte sie eine Kloster-Schwester. -- Warum

sollte ich dieses nicht? antwortete die Dame, denn seine Mutter ist

meiner Mutter einzigstes Kind.“ In welchem Verhältnisse steht nun der

junge Mann zu dieser Dame?

„Er war ihr Sohn, sie seine Mutter,“ bemerkte Hippias.

„Getroffen!“ rief Bleicamb und fuhr dann fort: „Können Sie mir wohl

sagen, welche Aehnlichkeit zwischen einem Courmacher und einer Uhr ist?“

Man bedachte sich; dann sprach Herr Kriegmann: „Beide zieht man auf und

läßt sie laufen.“

„Richtig.“

„In der Mitte des Meeres steht ein Baum,“ nahm Hippias das Wort, „und

auf diesem Baume sind ebensoviele Jungfrauen, als Tropfen im Meere. Wie

fangen diese Jungfrauen es an, um trocken an das Land zu kommen?“

„Jede nimmt einen Tropfen mit,“ errieth der scharfsinnige Bleicamb.

„Es kam einmal ein Fremder nach Frankfurt und logirte im Gasthause

„Zum Schwan.“ Er langweilte sich und bat den Kellner, ihm ein Räthsel

aufzugeben. Der Kellner gehorchte. Es ist weder mein Bruder, noch meine

Schwester und doch ist es meines Vaters Kind, sprach er. Was ist das?

Der Fremde errieth es nicht. Nun, das bin ich selbst! rief der Kellner

zum Schwan. Der Fremde ging in eine Gesellschaft und gab dort dasselbe

Räthsel auf. Natürlich, das sind Sie selbst! antwortete der Andere.

Nein, sprach dieser, das ist der Kellner zum weißen Schwan.“ Herr

Kriegmann erzählte diesen Witz. Man lachte.

„Ich will Ihnen einen Pendant hierzu erzählen,“ sprach Bleicamb.

„Ein Oesterreicher war in einer Gesellschaft, wo man +kluge Räthsel+

aufgab. Ein Bekannter fragte ihn: es ist schwarz, weiß, bunt und läuft

auf allen Vieren. Wenn es bellt macht es: Wau! Wau! -- Was ist das?

Ein Hund, antwortete der Oesterreicher. Nein, entgegnete der Andere,

eine +Hündinn+! Der Oesterreicher war bald darauf wieder in einer

Gesellschaft, wo man +kluge Räthsel+ aufgab. Einer fragte ihn: es ist

halb von Eisen, halb von Porzellan, und wenn man im Winter die Stube

damit heizt, so macht es warm. Was ist das? Sie glauben wohl, versetzte

der bedächtige Oesterreicher, ich würde antworten: ein Ofen! Nein! es

ist eine Oefinn!“

„Als der König, Georg der Vierte, nach Hannover kam,“ begann ein

anderes Mitglied der Gesellschaft, wurde die ganze Stadt illuiminirt.

Vor einem Hause brannte in Transparent folgende Inschrift:

„Lange lebe die-See Krone, „Unter der ich glücklich wohne.“

Der witzige Erfinder dieser genialen Inschrift hatte mit: „die-See

Krone,“ auf die Vereinigung Englands und Hannover hindeuten wollen.

„Ich kenne eine sehr treffende Antwort des Königs von Dänemark,“

bemerkte ein Anderer. „Der König befand sich mit dem Herzoge von

Wellington in einem Zimmer auf der Hofburg zu Wien. Sie gingen in

lebendigem Gespräche begriffen auf und nieder. Die Unterredung wandte

sich auf den Sclavenhandel. Wellington rühmte die außerordentliche

Mühe, welche sich England gegeben, um den Sclavenhandel abzuschaffen,

und die gute Behandlung, welcher die Schwarzen von Seiten seiner

Nation sich zu erfreuen hätten. „Schön!“ rief der König aus: „Wie aber

behandelt Ihr die Weißen?“ --“

Während dieser Wortspiele und Calembourgs hatte sich eine Unterredung

zwischen dem Baron und Fräulein Adeline angesponnen.

„Waren Sie lange nicht in Hannover?“ fragte sie.

„Nein, mein Fräulein, ich war lange Zeit nicht dort.“

„Dann werden Sie es sehr verschönert finden, wenn Sie jetzt einmal

hinkommen würden. Es liegt viel mehr Militär in der Stadt, und ist

Alles schöner und prächtiger durch die Gegenwart des Königs geworden!“

„Mag Hannover so brillant sein, als es sein kann,“ versetzte der Baron

düster; „angenehmer habe ich nie eine Stadt gefunden, als es zu meiner

Zeit war. Gewiß findet man selten +so gute und liebenswürdige Fürsten,

als den Herzog von Cambridge und die Herzogin+!“

„Ihr Andenken lebt in dem Herzen aller Hannoveraner fort!“

„Das schönste Denkmal, das Fürsten sich setzen können! ~Aere

perennius!~“

„Was ich gerne an den Hannoveranern leiden mag,“ nahm Herr Kriegmann

das Wort, „ist, daß sie wirklich eine unbegrenzte Liebe zu ihrem

Vaterlande und unter sich haben. Uns war es heute nicht möglich Ihnen

ein Wort abzugewinnen, mein Fräulein, und mit dem Landsmann geht das

Gespräch munter fort.“

„Meinen Sie das? Nun so schlimm ist es wohl nicht -- aber, in der That,

ich freue mich immer, wenn ich von Hannover sprechen kann. Geht es

Ihnen nicht ebenso?“

„Gewiß,“ antwortete der Baron. „Wenngleich ich lange Zeit nicht in

Hannover war, so interessirt mich doch jedes Wort, das ich über

Hannover höre. Wir Hannoveraner sind einmal ein eigener Schlag Menschen

und kleben an der Scholle, am Alten. Es läßt sich nicht leugnen, daß

man in Hannover ein angenehmes Leben führt. Man scherzt, man lacht,

man tanzt, macht den hübschen Damen die Cour und lebt fröhlich und

wohlgemuth. Pedanterie kennt man nicht, und die langweiligen Geschwätze

über Religion, gemischte Ehen, Kirchenstreitigkeiten, wie hier und im

Holsteinschen, kennt man dort nicht. Ferner ist ein Hauptzug unseres

Vaterlandes, daß fast alle Hannoveranerinnen hübsch, viele schön

sind. Dieses Compliment macht ihnen sogar Lady Montague und meine

liebenswürdige Nachbarin bestätigt durch sich selbst die Wahrheit

unseres Ausspruchs.“

Fräulein Adeline nahm diese Schmeichelei lächlend hin.

„Ich muß Ihnen wohl im Namen meiner Landsmänninnen meinen Dank sagen,“

sprach sie, „übrigens muß ich Sie ersuchen, wenn sie noch einige

Schmeicheleien in Petto haben sollten, mir diese leise in das Ohr zu

flüstern, denn in Hamburg ist das nicht Mode. Ich würde sie auch von

Niemand anhören, als von einem Hannoveraner.“

„Sie sind partheiisch, mein Fräulein!“ bemerkte Herr Kriegmann.

„Durchaus nicht. Wenn mir ein Hannoveraner etwas Schönes sagt, so nehme

ich es an, weil ich weiß, daß es nichts auf sich hat, und zum guten

Tone gehört. Einem Hamburger schenke ich gerne seine Artigkeiten,

erstens, weil sie ihm nicht geläufig sind, und zweitens, weil man mich

für eitel halten würde, wenn ich sie annähme.“

„Ja, mit zu großer Artigkeit belästigen uns unsere Herren nicht,“

sprach Fräulein ~Guilleaume~.

„Das will ich gerade nicht sagen,“ meinte Madame ~Guilleaume~. „Unsere

Herren haben auch mehr zu denken, als den Mädchen was Schönes zu sagen.

Die Geschäfte, die Geschäfte gehen Allem vor.“

„Sehr wahr!“ rief Fräulein Adeline. „Man kann seine Zeit besser

anwenden, als uns durch Schmeicheleien den Kopf zu verdrehen!“

Die Unterhaltung wurde durch den Kellner gehemmt, der meldete, daß der

Wagen da sei, in welchem die Damen zum Theater fahren wollten.

Die Damen erhoben sich von ihren Sitzen und entfernten sich. Mehre der

Herren begleiteten sie. Der Baron sah Fräulein Adelinen lange nach,

dann sprach er:

„Das Mädchen hat eine wunderbare Aehnlichkeit! Es ist eine traurige

Erinnerung für mich! Wohl dem, den solche Erinnerungen nicht quälen!“

„Willst Du uns nicht den Grund sagen, weshalb Dich der Anblick dieses

holden Geschöpfes so in Bewegung gesetzt hat?“ fragte ich.

„Morgen,“ antwortete er. „Die Geschichte ist lang und traurig. Den

heutigen Abend soll sie uns nicht verderben. Laßt uns nach dem

Jungfernstieg gehen!“

Wir nahmen den Vorschlag an und befanden uns bald auf der weltberühmten

Promenade. Wir mischten uns unter die Lustwandelnden und schlenderten

Arm in Arm, die Cigarre im Munde, den Jungfernstieg auf und nieder.

Welch ein Gedränge! Welch eine Masse der verschiedensten Menschen

wandelt hier auf und ab! Der reiche Kaufherr, der zierliche Elegant,

der behende Ladendiener, der stolze Engländer, der lustige Franzose,

der ernste Türke, der berühmte Literat, der glücklich und unglücklich

Liebende, der reiche Russe, der schöne Pole, der blonde Däne, der

regierende Herr und der zerlumpte Bettler -- sie Alle ergehen sich

hier und keiner kümmert sich um den Andern! Die stolze Hamburgerin,

die fremden Prinzessinnen, die schmachtenden Engländerinnen, die

geputzten Dienerinnen der Freude, gehen hier neben einander auf und

nieder. Wahrlich! +Was die Promenade des ausgezeichnetsten Badeorts in

der besuchtesten ~saison~ ist, das ist der Jungfernstieg in Hamburg

für jede ~saison~, jeden Tag!+ Reisewagen, Cabriolets, Omnibus,

Droschken, Couriere, Reuter und Reuterinnen hoch zu Roß fliegen vor den

Blicken der Lustwandelnden vorüber! Die schönsten Harmonien ertönen

aus den umliegenden Cafée-Häusern, und der Glanz und die Pracht der

gegenüberliegenden Putz- und Mode-Handlungen, fesselt die Blicke der

Spatziergänger. Doch schöner, wie alles dieses ist, das liebliche

Bassin der Alster, auf dessen sanften Wogen ein festlich geschmückter

Nachen dahingleitet, und Hunderte von blendweißen Schwänen in stolzer

Majestät die krystallenen Fluthen durchschneiden! in dessen lieblich

spielenden Wellen der Mond sein glanzumflossenes Bild erblickt, oder

die Sonne ihre glänzenden Strahlen in die kühlenden Ringellocken der

Alster taucht! dessen blaulicher Grund wohl manche Klage unglücklicher

Liebe verschlang, oder dessen Oberfläche, in lauer Sommernacht,

glücklich Liebende, in leichten Segelkähnen, fern von dem Geräusche

der Menschen, an das verschwiegene, jenseitige Ufer trug! Schön bist

du stets, Ocean, du Ungeheuer! Doch +lieblicher+ bleibt doch immer das

durch Kunst gebändigte Element in dem schönen Bassin der Alster!

Meine Leser, besonders die Hamburger, werden mir leicht diese kurze

Lobeserhebung des Jungfernstieges und des Alster Bassins vergeben. Wahr

ist es! In den größten Städten der Welt ist nicht ein so lieblicher

Spaziergang zu finden! Um die Annehmlichkeit desselben recht zu

empfinden, setzten wir uns vor dem Alster-Pavillon nieder, ließen uns

einige Glas Arack-Punsch geben und betrachteten die Vorübergehenden.

Jemehr es Abend wurde, jemehr nahm die Menschenmasse zu, und als nun

gar das Theater vorbei war, da war fast kein leerer Punct Erde auf dem

Jungfernstieg zu finden!

„Es ist sonderbar,“ nahm nach einigen Augenblicken der Baron das

Wort, „daß es Tage giebt, an welchen man jeder Sache nur die traurige

Seite abgewinnen kann. Wo selbst die lieblichste Erscheinung das

Gemüth mit wehmüthiger Trauer erfüllt. So ging es mir heute bei

Tische, beim Erblicken des Fräuleins, so geht es mir jetzt, indem

ich hier mit Euch verweile, allen Grund habe fröhlich zu sein, und

doch traurig bin. Wie viele angenehme Bilder regt der Anblick dieser

schönen Promenade, dieser Pavillon nicht in mir auf. Warum muß ich

nun gerade an das denken, was mir jede Freude in der Rückerinnerung

vergangener, an diesem Orte verlebter Stunden, Augenblicke verdirbt!?

Hier war es, wo ich zum ersten Male meinen Namen gedruckt in den

Blättern der Börsenhalle las! Mit welcher inneren Bewegung, mit welcher

Aengstlichkeit, welcher Erwartung verschlang ich die Ankündigung meines

Werkes durch Franz von Florencourt! Mit welchem steigenden Entzücken

durchflog ich sie bis zum befriedigenden Ende! Die Sucht nach Ruhm,

die Eitelkeit zu glänzen, als Literat genannt zu sein, war befriedigt.

Wohl kein siegestrunkener Feldherr, nach gewonnener Schlacht, konnte

ein stolzeres Gefühl empfinden, als ich nach Beendigung des Lesens

dieses Artikels! Der schöne Traum ist vorüber, meine Memoiren sind

gelesen, sie und ich vergessen! -- Hier an diesem Orte war es, wo ich

die ersten Stunden mit Wille, Florencourt und Wienbarg im angenehmen

Austausche unserer Ideen, im geistigen Ringen unserer Kräfte, im

glänzenden Wechsel-Gefechte unserer Kenntnisse, unseres Verstandes,

unserer Lebens-Ansichten, unserer politischen und religiösen Meinungen,

nicht +erlebte+, sondern wirklich erst das Leben verstehen lernte!

Hier war es, wo Wienbarg, aufgeregt durch eingetretene Verhältnisse,

in glänzender Beredsamkeit die Kraft und Gediegenheit seiner geistigen

Facultäten in fließenden Worten entwickelte, den kleinlichen Egoismus

bei Seite warf, sich dem Menschen als großherziger Mensch zeigte, und

mit wohlwollenden Gesinnungen den Novizen der Literatur, wenn gleich

verschiedener Ansicht, freundlich begrüßte! Hier war es, wo Franz von

Florencourt, die Gemüthlichkeit seines Herzens, und in ruhigen, klaren,

überlegten Worten seine Vernunftsbelege ~pro et contra~ entwickelte;

rein und edel in seinen Gedanken, klar und verständlich in seiner

Rede, glühend als Patriot und Republikaner, doch Freund der Ordnung

und Mäßigung. +Hier war es+, wo Wille angenehm in Umgang und Wesen,

~suaviter in modo et fortiter in re~, mit glänzender Beredsamkeit und

stachelndem Witze, die Schärfe seiner Urtheilskraft, das blitzschnelle

Durchdringen und Auffassen des Gegenstandes in bewunderungswürdiger

Gewandtheit, Geläufigkeit der Zunge und wohlklingender Sprache zeigte;

freundlich dem Fremden die hülfreiche Hand bot und sich so gescheut,

als herzlich und gutmüthig erwies. -- Wohl könnt Ihr es Euch denken,

wie wohl ich in der Gesellschaft solcher Männer mich befand, denn

die Empfänglichkeit und Anerkennung großer und guter Eigenschaften

Anderer war von jeher +ein guter+ Zug meines Charakters. Wie schön!

wie herrlich dachte ich mir das Leben mit diesen Männern. Wie groß,

wie belehrend, wie ruhmvoll gestaltete sich meine Zukunft durch ihren

Umgang, ihre Freundschaft, ihre Unterstützung, ihre Schule! Eingeführt

durch Wille, Wienbarg und Florencourt in die literarische Welt öffnete

sich mir ein schönes, weites Feld literarischer Thätigkeit, ein

glänzender, ruhmvoller, nützlicher Erwerbszweig! -- Doch:

„Wildzürnend schleudert selbst der Gott der Freude

Die Fackel in das brennende Gebäude“ -- -- --

Ich stehe jetzt einsam und verlassen in dieser Welt. Kein Freund der

mich liebte! und doch bedarf kein Herz mehr des freundschaftlichen

Umgangs, als das meine! Nur ein Wesen giebt es, das mich liebt, meine

Louise! Nur wenige gute Menschen giebt es, denen ich theuer bin, meine

Mutter, meine Schwestern! und auch der Gedanke an sie ist mir ein

trauriger und vorwurfsvoller Gedanke!

„Es ist fürchterlich,“ fuhr der Baron in erstarrender Kälte fort,

„allein in dieser Welt zu stehen! In seiner eigenen Brust die ganze

Qual eines durch sich selbst zernichteten Lebens zu empfinden, das

so schön, so rosig, so lächelnd vor einem lag! In dem Anblick der

Geliebten, der Seinigen einen ewig nagenden Kummer zu erblicken; vor

dem freundlichen Entgegenkommen, dem liebevollen Lächeln derselben

zurückzubeben, und in dem warmen Handdruck der Liebe die kalte,

eisigkalte Hand des bösen Gewissens zu empfinden! An einen Fremden sich

mit der wahnsinnigen Kraft einer nach Mittheilung und Erguß dürstenden,

lechzenden Seele zu klammern und selbst in dem Entgegenkommen, in den

freundschaftlichen Versicherungen eines elenden Mannes eine Wonne zu

finden, nur, weil es ein +Mensch+ ist! Tod und Teufel, Aristipp! Was

hilft es uns in einer Welt zu leben, die nur nach dem Scheine richtet,

unter Christen zu leben, die nie an die Besserung eines verirrten

Mitbruders glauben.“

„Du bist wohl nicht klug heute!“ bemerkte Bleicamb. „Trink Thee Bruder

und lies den Josephus!“

„Du hast Recht! Ich bin nicht klug, ich bin wahnsinnig, aber gerade

in meinem Wahnsinn habe ich die einzigen ~lucida intervalla~ meines

Lebens. Für mich ist die ganze Welt ein Tollhaus und ich der einzige

Tolle darin!“

„Wissen Sie wohl“ sagte Hippias, „daß man sich nie so weit gehen lassen

darf, wie Sie es thun. Das ist unmännlich. Lassen Sie die Welt richten,

wie sie will; so lange Sie nicht die Achtung vor sich selbst verloren

haben, so lange brauchen Sie nicht zu verzweiflen! Fassen Sie Muth,

arbeiten Sie, schreiben Sie und benutzen Sie die herrlichen Talente,

welche Ihnen die Natur gab.“

„Vortrefflicher Rath! Wer aber giebt mir Arbeit? Wer kauft mir meine

Schriften ab? Wer verschafft mir eine Anstellung? Ich kann nicht

kriechen, ich kann nicht schmeicheln, und dann habe ich immer meinen

Titel, meinen Ruf gegen mich, und, wenn ich es sagen darf, auch meinen

Verstand, meine Kenntnisse. Wer nähme wohl gerne einen gefährlichen

Diener. Man kennt den Grund der zwölf Arbeiten des Herkules. Leider

giebt es jetzt keine lernäische Schlangen mehr zu besiegen! Meine

Grundsätze, meine religiösen und politischen Ansichten stehen in

offenbaren Widerspruch mit dem Geiste, welcher hier zu Lande herrscht.

So bin ich auch für die +Emancipation+ der Juden.“

„Ich auch!“ unterstützte ich den Baron um ihn von seinen

Selbstbetrachtungen weiter abzubringen. „Ich sehe es nicht ein, warum

man den Juden nicht das volle Staatsbürgerrecht ertheilen soll. Ein

in Holstein geborner Jude, ist ebenso gut ein Holsteiner, als ich.

Er bezahlt dieselben Abgaben, was noch mehr ist 13 Mark Schutzgeld

mehr, als jeder Christ, steht unter derselben polizeilichen Aufsicht,

in Criminal-Fällen unter derselben Gerichtsbarkeit; aber er darf

nur in Altona, Friederichsstadt, Rendsburg und Elmshorn Grund und

Boden besitzen; er darf auf der Landes-Universität studieren und

darf Arzeneikunst und Advocatur, +unter Beschränkungen+ treiben!

Aber ihm das volle Staatsbürgerrecht zu ertheilen, das ist gegen

das s. g. +christliche Staatsinteresse+! -- „Wenn wir den Juden

das Staatsbürgerrecht ertheilen wollten,“ sagte neulich ein hoher

Beamter zu mir, „so würden wir gerade so handeln, wie ein Feldherr,

der +seine Feinde+ in die Reihen seiner Soldaten aufnehmen würde. In

ganz Europa herrscht jetzt ein christlicher Staaten-Verband und eine

christliche Gesellschaft; wir würden also gegen unser Gewissen und

unsere Pflicht handeln, wenn wir einem Juden auch nur das allerkleinste

bürgerliche Amt, die allerkleinste Wirksamkeit anvertrauten und

gestatteten, denn er würde feindlich in die bestehende Ordnung der

christlichen Gesellschaft eingreifen. Weil also die Juden die Feinde

der großen christlichen Gesellschaft sind; so dürfen wir sie uns nicht

gleich stellen. Wenn wir nun diese große, christliche Gesellschaft

näher betrachten, so werden wir finden, daß sie gar nicht existirt,

wenigstens nicht im Sinne der Lehre Jesu. Wir haben jetzt Katholiken,

Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Mennoniten, Griechen, Herrnhuter,

Socianer, Wiedertäufer, oder, wie alle jene Sekten heißen mögen.

Jede Seite erkennt in der anderen ihren +Feind+ und +haßt+ sie, jede

hält sich für die +echtchristliche, rechtgläubige+. Die römisch,

katholischen, apostolischen Christen gehen sogar in unsern südlichen

Ländern soweit, alle Nichtkatholiken als Juden anzusehen. Sie sind aber

alle unchristliche Sekten, weil sie sich unter einander hassen und

vor Parteiwuth schäumen. Die Basis der christlichen Lehre ist Liebe,

Eintracht! „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst,“ der Grundpfeiler

des christlichen Glaubens. Alle diese verschiedenen Sekten beweisen die

Wahrheit ihrer Lehrsätze aus demselben Buche, aus denselben Sätzen, aus

welchem und durch welche die anderen den Irrthum beweisen. Die Juden

thun dasselbe. Sie haben sogar den Vorzug, daß sie uns diese Lehren

aufbewahrt und mitgetheilt haben, daß der Stifter unserer Religion

und seine Apostel +Juden+ waren. Schon aus Dankbarkeit für diese

Ueberlieferungen sollte man sie uns gleich stellen. Haben die Juden in

einem unglücklichen Mißverstande den Erlöser und seine Apostel verfolgt

und gekreuzigt, so bedenke man, wie viele Lutheraner und Reformirte

das Opfer des Katholicismus geworden sind! Will man also aus diesem

Grunde, aus vor 1840 Jahren begangenen Feindseligkeiten den Haß der

Juden gegen die Christen herleiten, so blicke man auf die Gräuelscenen

einer Bartholomäus Nacht zurück, und folgere daraus, daß in einem

lutherischen Staate, oder wo die lutherische Religion die überwiegende

oder Staatsreligion ist, auch keinem Katholiken das allerkleinste

Amt anvertraut werden dürfe, weil der Katholik ein erklärter Feind

des Lutheraners ist, und umgekehrt. Das christlich-lutherische

Staatsinteresse ist ebenso sehr gefährdet durch die Ertheilung des

Staatsbürgerrechtes an die Katholiken als an die Juden; und kann es

einem Katholiken ertheilt werden, so mit demselben Rechte können es

die Juden verlangen. Von einer allgemeinen, christlichen Gesellschaft

und Verbrüderung kann überhaupt gar nicht die Rede sein, weil jede

der verschiedenen Sekten der Todfeind der anderen ist, und den

andersglaubenden Christen, ebenso gut, als einen +Nichtchristen+

betrachtet; folglich ihn ebenso gut, als einen Feind ihres Glaubens

anzusehen hat, als den Juden; oder +diesem+ dieselben Rechte ertheilen

kann, als +jenem+. Ein Hauptargument gegen die armen Juden bleibt aber

immer „von dem christlichen theologischen Standpunkte“ aus betrachtet:

„der Finger Gottes, weil sie nach der Weissagung des Messias aufgehört

haben ein eigenes Volk zu sein, und jetzt noch zerstreut unter den

Völkern leben:“ weil ihr Volk einst „den Heiligen des Herrn“ verworfen

hat! Deßhalb sollen sie also nach 1840 Jahren noch büßen! Deßhalb das

unschuldige Kind, das Vergehen seiner vor 1000 Jahren vermoderten

Voreltern noch tragen! Deßhalb sollen sie noch heute zu Tage verdammt

sein! Ein Volk verdammt sein, für das Christus, der sterbende

Christus am Kreuze, +seine letzte Bitte+ an den Gott der Gnade und

Barmherzigkeit mit den Worten richtete: „+Vater! vergieb ihnen, denn

sie wissen nicht, was sie thun!+“ Wenn Christus ihnen vergeben hat,

so hat es Gott ja auch, denn Vater und +Sohn sind ja Eins+! und ist

dieses geschehen, so können auch die, welche sich Christen nennen, auch

ihnen vergeben, da sie ja sonst so außerordentlichen Werth auf das

+Wort+ legen! +Dieses Wort, dieser todte Buchstabe ist es ja gerade,

der alle jene Zwistigkeiten, Gräuelscenen seit undenklichen Zeiten

hervorgerufen hat! der den Bruder zum Mörder des Bruders gemacht hat,

und ganz Europa mit Blut überschwemmte!+ Warum denn, wenn wirklich eine

wohlwollende, christliche Handlung begangen werden kann -- +warum dann

alleine soll das Wort, der todte Buchstabe, nicht in Anwendung gebracht

werden+!!!!! Darin liegt das Unglück der Welt, daß wir nicht den

+Geist+ der christlichen Lehre aus der Bibel schöpfen, sondern, daß wir

durch hunderttausend verschiedene Interpretationen und Auslegungen +des

Wortes+ unsere eigenen, menschlichen Gedanken ihm unterschieben; so wie

es die erbärmliche Parteisucht und der intolerante Kasten-Geist es uns

zweckmäßig erscheinen läßt.“

„Du sprichst meine eigenen Ansichten aus,“ unterbrach mich der Baron.

„Die christliche Lehre und die christliche Kirche sind zwei ganz

verschiedene Größen. In der einen herrscht Toleranz, Vergebung seinen

Feinden, Liebe, Eintracht und Demuth, oder der wahre Geist Christi; in

der andern Intoleranz, Verfolgung seiner Mitmenschen, unerbittliche

Strenge, Stolz, Haß und Egoismus, oder der Geist der Hierarchie der

Priester, sei es welcher Sekte es sei. Wenn wir also eine allgemeine

+christliche+ Gesellschaft oder Gemeinde in Europa annehmen; so irren

wir sehr, weil sie es +nur dem Namen+, nicht aber +ihren Handlungen

nach+ ist. Und ebenso, wie die orthodoxen Katholiken in Frankreich

die reformirte Kirche nie anders benennen, als ~l’église prètendue

reformée~, oder die „+vorgeblich verbesserte christliche Kirche+;“ so

können wir die allgemeine christliche Gemeinde auch wohl nicht anders

benennen, als die allgemeine +„vorgeblich“ verbesserte christliche+

Gemeinde oder Kirche in Europa. Wir glauben außerdem Alle an einen

Gott, und vor dem höchsten Wesen existirt hoffentlich kein Unterschied

zwischen Juden und Christen, denn dieses würde sich nicht mit der

Gerechtigkeit des höchsten Wesens reimen. Wenn die Juden also vor

Gott gleiche Rechte mit den Christen haben, so sehe ich nicht ein,

warum wir ihnen diese nicht mit uns auf der Erde statuiren wollen. Das

Staatsinteresse kann bei dieser Frage gar nicht in Betracht kommen,

weil es dem Staate einerlei sein kann, zu welchem Glauben seine Bürger

gehören, wenn sie fleißig, arbeitsam, ordentlich und ruhig leben; und

+in dieser Hinsicht übertreffen die Juden die Christen+. Geschieht die

Verweigerung des Staatsbürgerrechtes also nur aus dem Grunde, weil man

den +Einfluß des mosaischen Glaubens auf die Gemüther der christlichen

Bürger befürchtet; so ist es wahrlich! sehr zu bedauern, daß die

christliche Kirche nach 1840 Jahren noch solchen Befürchtungen sich

überlassen kann+! Ist es die Pflicht der christlichen Gemeinde für die

Verbreitung des christlichen Glaubens eifrig zu sorgen, so wird sie

weit eher dazu gelangen wenn sie sich liebevoll und tolerant gegen die

Andersgläubigen benimmt, ihnen gleiche Rechte einräumt, als wenn sie

durch den Druck die siegende Gewalt der mächtigern Religions-Partei

dieselben empfinden läßt. Eifern wir doch gegen den Druck und die

Beschränkungen, welchen die christlichen Gemeinden und ihre Mitglieder

in den mohamedanischen Ländern unterworfen sind! Können wir mit Recht

den Muselmännern diesen Vorwurf machen, wenn wir die Juden in einer

gleichen, wenn auch nicht so barbarischen Unterdrückung erhalten? Wir

sehen stets den Splitter in anderer Leute Augen und vergessen darüber

den Balken in unsern eignen. +Ich bin daher für die Emancipation der

Juden+, und wenn ich weder ein Staatsmann, noch ein berühmter Mann

bin; so sagt es mir doch das +menschliche Gefühl in meiner Brust,

daß es Zeit sei, ein ungerechtes Vorurtheil gegen eine unschuldige

Nation abzulegen+. Nicht die Ertheilung des Staatsbürgerrechtes an die

Juden wird den s. g. vorgeblich christlichen Gemeinden den Todesstoß

versetzen, wohl aber +die Intoleranz derselben+. Von Tage zu Tage

tritt die Spannung der verschiedenen christlichen Confessionen greller

hervor; gegenseitige Repressalien erhöhen dieselben, die Streitigkeiten

über die gemischten Ehen säen Feindschaft und Groll unter die Familien;

die Vorfälle in den Niederlanden, in England und in Preussen, das

Auflehnen der Erzbischöfe gegen die Königliche Gewalt; die fanatischen

Rundschreiben beider Parteien beweisen deutlich von welcher liebevollen

Eintracht die Mitglieder der allgemeinen, christlichen Kirche gegen

einander erfüllt sind. Es steht Alles auf dem Spiele, wenn die

verschiedenen Religions-Parteien es nicht endlich einsehen wollen, daß

nur Toleranz und Duldung, Nachsicht und Verzeihen die Basis der Lehre

Jesu sind! Bald wird auch bei uns politische Ansicht mit religiöser

Meinung sich mischen und der Kampf auf Leben und Tod, Religions-

und Glaubens-Krieg, die Anhänger, die s. g. Anhänger Christi wieder

zerfleischen, dessen letzte Worte waren: „vergebt Euren Feinden!“ Das

sind die jammervollen Folgen welche, aus der Intoleranz der Priester

entsprungen sind, und wieder entspringen werden!“

„Nun, bei Gott!“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus. „Ich dachte, wir

wären hier um eine fröhliche Unterhaltung zu führen, und nun wird gar

über Emancipation der Juden, Krieg und Gott weiß was geredet! Ihr seid

ja noch ärger, wie der Dr. Steinheim, und seid doch beide getaufte

Christen. So wahr ich Herrmann Bleicamb heiße, wenn Ihr nicht bald dem

Dinge ein Ende macht, so laß ich Euch peroriren und gehe mit Hippias

anderswo hin. Was soll das? Trinkt Euren Punsch in Ruhe, und macht

nicht solch ein Geschrei, daß alle Vorübergehenden stille stehen und

Euch anglotzen. Paßt sich eine solche Unterredung an einem solchen

Orte? Und nun wieder vorby!“ --

„Wir haben etwas viel und laut gesprochen, das ist wahr,“ sagte ich.

„Thut nichts!“ meinte der Baron. „Meine Ansichten mögen alle Menschen

kennen lernen! Auf die baldige Emancipation der Juden!“ rief er, ein

Glas ergreifend. „Wer die Wahrheit kennt, und von der Wahrheit seiner

Ueberzeugung durchdrungen ist, der ist ein elender Kerl, wenn er

sie nicht offen, laut und deutlich ausspricht! Noch einmal: auf die

Emancipation der Juden!“

Wir stießen an.

„So mögen alle die zerschmettert werden, die dawider sind!“ fuhr er

fort, sein leeres Glas auf den Boden schmetternd.

„Sie predigen Toleranz, Liebe, Friede und Eintracht und hegen einen

solchen Wunsch?“ rief mit einem Male eine fremde Stimme. Wir sahen

uns um. Es war Niemand mehr zu sehen. Der Baron fuhr zusammen, dann

sagte er ernst: „Es ist lächerlich in der That, Aristipp, andere Leute

ihrer Fehler wegen herunterzureißen, und einige Augenblicke darauf in

denselben Fehler zu fallen! Der Mensch ist der Raub des Augenblickes,

die Stimmung in welcher er sich gerade befindet, dictirt ihm seine

Worte. Nur der ist ein Mann zu nennen, der sich nicht von seinen

Gefühlen bemeistern läßt, und der in einer steten, gleichbleibenden,

ruhigen, überlegten Geistes Verfassung sich befindet. Man muß erst ganz

im Reinen mit sich selbst sein, fest und unerschütterlich, gleich in

seinen Handlungen und Worten, ehe man es sich erlauben darf über Andere

zu urtheilen. Lassen Sie uns aufbrechen.“

Wir gingen einige Male den alten und den neuen Jungfernstieg auf

und nieder, besahen die Alsterhalle, die dort anwesenden Schönen und

kehrten, da es schon ziemlich spät geworden, in den Keller des Herrn

Langewisch am Neuenwall ein, um die Elasticität des Magens des Herrn

Bleicamb zu bewundern. Der Baron ergriff die Neue Hamburger Zeitung,

Hippias den Hamburger Beobachter und Bleicamb den Freischütz. Da ich

schon früher viel in diesem Keller gewesen war, und den Wirth sehr gut

kannte, so entspann sich folgendes Gespräch unter uns:

„Nun, wie geht es, Herr Langewisch?“

„Muß gut sein, Herr Aristipp.“

„Sie sehen nicht vergnügt aus?“

„Die Zeiten sind zu schwer. Man muß die ungeheure Miethe bezahlen, hat

die täglichen baaren Auslagen und verliert zu viel, weil man borgt.

Denken Sie sich nur, da ist der große, dicke Herr Mannhart, den Sie

hier öfteres gesehen haben, der ist mir mit 60 Mark durchgegangen, und

der Norton, der in Brasilien und, Gott weiß, wo er gewesen, mit 120.

Außerdem habe ich noch viele kleine Verluste gehabt. Dabei soll man ein

ehrlicher Mann bleiben, die ungeheuren Abgaben bezahlen, das ist nicht

möglich, Herr Aristipp!“

„Es thut mir leid für Sie, Langewisch, denn Sie sind ein

rechtschaffener, guter Mann, und ein aufmerksamer Wirth; aber Sie sind

zu gutmüthig und haben den Fehler der meisten Hamburger: Sie lassen

sich imponiren und zwar durch ein grobes, anmaßendes Wesen, einen

feinen, reichen Anzug, eine goldene Uhr und Kette. Wer auf diese Weise

angethan ist, vielleicht ein oder zweimal bei Ihnen gewesen und bezahlt

hat, +dem+ geben Sie Credit, weil er Alles schlecht findet, was Sie ihm

vorsetzen, mehre Schüsseln durchprobirt, und dann zuletzt gebietrisch

sagt: schreiben Sie es an, Langewisch! Wer Sie auf solche Weise

behandelt, das muß ein reicher Mann sein, außerdem logirt er in der

alten Stadt London, wie er sagt, bezahlt täglich einen Louisd’or für

sein Logis -- das ist ein Mann, eine Kunde, die warm gehalten werden

muß! Der reiche Mann kommt täglich wieder, benutzt den gewonnenen

Credit, und eines schönen Tages ist der reiche Mann zum Teufel und mein

Langewisch um sein Geld! Kommt aber ein schlichter, stiller, ruhiger

Mann zu Ihnen, schlecht gekleidet, der sich mit einiger Aengstlichkeit

bewegt, und Ihnen mit stotternder Stimme sagt: Herr Langewisch --

ich habe kein Geld bei mir -- wollen Sie wohl so gut sein, mir etwas

Credit geben -- ich werde es Ihnen in vierzehn Tagen bis drei Wochen

wiedererstatten -- dem Manne schlagen Sie es ab, denn er imponirt

Ihnen nicht, trägt keine goldene Kette und keine goldene Uhr! und

dieser Mann gerade würde Sie bezahlt haben! Die Aengstlichkeit, mit

der er auftritt, ist der Abscheu gegen das Schuldenmachen; der Grund

der stotternden, schüchternen Bitte liegt darin, daß er bisher nicht

gewohnt war, um Credit anzusprechen, und wenn er um eine längere

Frist bittet; so geschieht es nur, weil er ganz gewiß sein will auf

den Point, wie man es nennt, sie wieder zu bezahlen. Ich habe diese

Betrachtungen häufig in Hamburg und der Umgegend angestellt und sie

fast immer richtig befunden.“

„Glauben Sie mir, Herr Aristipp, es ist keine Kleinigkeit, hier Wirth

zu sein. Ohne Credit zu geben, kann man nicht bestehen, reiche Kunden

darf man nicht ungestüm mahnen, die ärmeren können oft nicht, wenn sie

auch wollten, bezahlen. Die bösen Schuldner, wenn es nicht eine große

Summe ist, verklagen, einsperren lassen, ist Thorheit, denn man muß sie

ernähren. Dabei soll Alles herbeigeschafft werden, der baare Schilling

ausgegeben, Weib und Kind ernährt werden! Ich versichere Sie, es wird

einem oft schwül zu Sinne dabei!“

„Ich will es gerne glauben. Es ist nicht leicht möglich, jedem Fremden

an der Nase anzusehen, was es für ein Vogel ist. Bei der Masse von

Fremden, die in Hamburg und der Umgegend sich aufhalten, ist es

natürlich, Gauner und Spitzbuben unter ihnen zu finden. Der täglich

steigende Luxus vermehrt die Kosten eines jeden Etablissements. Was

Peter hat, will Paul auch haben. Bald muß ein neuer, großer Wandspiegel

die Stelle des kleinern vertreten, die Tische müssen mit Marmorplatten

belegt, und ein Billard muß angeschafft werden. Hat man sich früher

mit dem Hamburger Correspondenten, dem Beobachter, dem Erzähler

begnügt; so müssen jetzt die Hamburger Neue Zeitung, die Hamburger

Nachrichten, der beliebte Freischütz, der Altonaer Merkur, die Zeitung

und die Blätter der Börsenhalle, das Kieler Correspondenz-Blatt, das

vortreffliche Itzehoer Wochenblatt, die Lesefrüchte und der Freihafen,

ja wo möglich noch eine Englische Zeitung gehalten werden! Das kostet

Alles Geld und muß baar bezahlt sein. Ich will es Ihnen gerne glauben,

daß es nicht leicht ist, als Wirth in Hamburg zu bestehen. Sie sind

indessen noch jung, kräftig, haben ein wackeres Weibchen und so wird

die Geschichte wohl gehen.“

„Wir wollen es hoffen. Ich thue mein Möglichstes um meine Gäste

zufrieden zu stellen.“

„Das ist wahr! Ich werde Sie empfehlen, wo ich nur kann, denn Sie

verdienen es.“

„Hier ist etwas für Euch,“ unterbrach Hippias die Unterhaltung. Hört!

der Major von Newport erhielt neulich einen Brief folgenden Inhaltes:

„Feuer! Blut! Heiliger Kampf! Es lebe das neue vollkommene Reich der

Liebe, des Gesetzes und der Freiheit durch Jesum Christum! Ewige

Rache allen, +die der Schrift nicht gehorchen+! Mahershabahashberg

Urtheilsvollstrecker. ~Hora diaboli~, Verdammniß! ~Hora dei~, ewiges

Heil!“

„Das ist denn doch des Unsinns zuviel,“ rief der Baron. „Man sieht es

deutlich, wie weit wir zurück gehen! Das neunzehnte Jahrhundert --“

„Ich bitte Dich, um Gotteswillen,“ schrie Bleicamb: „thut mir nur den

Gefallen und fangt nicht wieder an zu raisonniren, zu philosophiren,

zu politisiren, zu religiosiren und zu reformiren! Laßt uns einige von

den schönen Hummern essen, Rheinwein trinken und einige Döhnchen dabei

erzählen.“

„Wenn Du nur morgen keine Leibschmerzen bekommst?“

„Das ist meine Sache und geht Euch nichts an. Herrmann Bleicamb hat

noch Platz genug in seinem Magen, um mehr zu essen und zu trinken, als

viere von Euch vertragen können. Gelt! ich habe mich für mein Alter

gut conservirt -- habe acht gesunde Kinder am Leben und viere todt und

doch nehme ich es mit Euch auf. -- Versteht Ihr mich? -- Das kommt aber

+von die+ gesunde Lebensart. Seht ich habe noch alle meine 32 gesunden

Zähne!“ Herr Bleicamb riß seinen Mund mit den beiden Zeigefingern auf

und zeigte uns ein Gebiß, das einem Haifisch Ehre gemacht und den Herrn

Calais zur Verzweiflung gebracht haben würde.

„Man muß Ihnen Gerechtigkeit wiederfahren lassen, Ihre Zähne sind

schön,“ bemerkte Hippias. „Es ist ein Glück für uns, daß Sie kein

Kannibale sind. Wunderbar ist es aber in der That, daß die neue

Generation in Deutschland so schlechte Zähne hat.“

„Ich kenne mehre Familien in Altona,“ bemerkte ich, „die für falsche

Zähne bestimmt über 1000 Mark jährlich an den Dentisten bezahlen.“

„Woher die falschen Zähne noch immer kommen mögen?“ fragte Hippias.

„Sie kommen jetzt meistens aus Spanien. Die großen Verkäufer falscher

Zähne haben ordentliche Niederlagen. Sie senden ihre Beauftragten

nach den Kriegsschauplätzen, wo diese wie die Raubvögel den Heeren

nachziehen und den Gefallenen die Zähne ausreißen. So können wir

vielleicht nächstens das Gebiß des Grafen ~d’Espagne~ durch die

geschickte Hand des Herrn Calais in dem Munde eines liebenswürdigen

Dandys erblicken.“

„Mit Don Carlos ist es vorbei!“ rief der Baron. „Der weiße Wolf von

Navarra ist verjagt! Die gute Sache durch Verrätherei erlegen! Sollen

wir nicht eine Subscription zum Besten der flüchtigen Carlisten

in Frankreich eröffnen? Warum sollen wir nicht dasselbe thun, wie

die republikanische Partei? Wie wurde nicht für die flüchtigen

Polen gesammelt? Wie viel ist nicht für die sieben Professoren

zusammengebracht? Wie unterstützen die Republikaner und Freimaurer sich

nicht unter einander! Warum sollen wir Legitimisten dieses nicht auch

thun? Wollen wir eine Subscription eröffnen?“

„Es würde nichts helfen!“ meinte Hippias. „+Niemand würde

subscribiren.+ Die carlistische Partei ist in Europa verloren.

Der Legitimisten sind zu wenige; sie haben keinen Muth, keine

Entschlossenheit, der Zeitgeist ist gegen sie. Die Sache des Volkes und

der Freiheit hat das Spiel gewonnen!“

„+So lange die rechtmäßigen Gesinnungen für König und angestammte

Rechte noch in der Brust eines Mannes leben, der an seine Sache Gut

und Blut, Leben und Sterben setzt, so lange ist die gute Sache nicht

verloren!+“ rief der Baron. „Wenn ich gleich gegen Priesterherrschaft,

Tyrannen und Unterdrückung bin; so +bin ich doch für die salische

Erbfolge, und den legitimen König+. Ein Altadeliger von echtem Schrot

und Korne muß immer wie ein Cherub mit dem Flammenschwerdte vor dem

Throne des angestammten Königs stehen! Dem +Adel traut doch der Bürger

nie ganz+, wenn er auch von Freiheit und Gleichheit schwadronirt.

+Der Adelige, der sich zum Verfechter des Volkes, der Freiheit und

Gleichheit aufwirft, hat nur den gerechten Lohn darin zu finden,

daß er von seiner Partei verachtet, von der andern mißtrauisch und

argwöhnisch behandelt wird.+ Selbst Mirabeau, dieser Koloß aller

verschiedenen, glänzenden Eigenschaften, +hat nie das Vertrauen des

Volkes ganz besessen+! Es ist nichts schöner und angenehmer, als sich

in Träumereien den Gedanken an Freiheit und Gleichheit hinzugeben,

Spartanische, Römische und Platonische Republiken hervorzuzaubern --

ich selbst habe solche Augenblicke gehabt und habe sie noch -- wenn

man aber die Welt und die Menschen mit Ueberlegung betrachtet, so

kommt man zu dem vernünftigen Schlusse: +In Europa ist keine große

Republik möglich. Die Europäer sind nicht zu Republikanern geschaffen;

Freiheit und Gleichheit ist nicht möglich in einem Staate, wo Luxus und

Bedürfnisse aller Art den Menschen stets vom Menschen abhängig machen;

solange wir Menschen Bedürfnisse haben, die unsere Kräfte übersteigen,

solange können wir nicht frei sein. Die monarchische Regierungsform

ist für Europa die zweckmäßigste, die legitime Succession nach

dem salischen Erbfolgerechte die natürlichste, denn sie verhütet

Unordnungen. Gebt jetzt den legitimen Herrschern noch berathende Stände

oder Kammern, und Ihr habt, was sich für Europa paßt!+“

„Sie widersprechen sich zuweilen, habe ich bemerkt, sowohl seitdem ich

in Ihrer Gesellschaft bin, als auch aus dem, was ich früher von Ihnen

gelesen,“ sagte Hippias.

„Sehr wahr! Wer wäre der Mann, der +sich immer consequent bliebe+!

Bei einem leidenschaftlichen, heftigen Charakter ist es schwer seine

Worte immer auf die Wagschale zu legen. Hiezu kommt meine wirklich

eigenthümliche Stellung in der Welt. Ich habe kein Vermögen, keine

Anstellung, keine Aussichten irgend etwas zu erringen; ich sollte

daher nichts mehr wünschen, als Rebellion, Aufruhr, Unordnung, um im

Trüben zu fischen. Da sind aber meine ererbten Grundsätze dawider,

und es giebt keinen größern Conservativen, Tory, wenn Sie wollen, als

mich. Mit meiner eigenen Partei harmonire ich auch nicht, denn +ich

hasse Vorurtheile und liebe das Volk; ich gönne Jedem sein Recht+,

suche und habe keine Protectionen und will nur das werden, was ich

durch mich selbst werden kann. Ich besitze außerdem viele Phantasie.

Ein schöner, großer Gedanke begeistert mich und +wie viele schöne

Gedanken entspringen nicht aus dem Begriffe von Freiheit! Gleichheit!

Völkerglück!+ In solchen Augenblicken schwärme ich und bin ein

Republikaner! Es würde mir unmöglich sein, gegen meinen +angestammten

König das Schwerdt zu ziehen; für ihn zu sterben, würde für mich das

glorreichste Ende sein+! Wenn ich unter ~Louis Philippe~ diente, so

hatte das seine Ursachen. Ich konnte mich aber +nie an den Anblick

der dreifarbigen Fahne gewöhnen+. Ich wäre lieber zu den Arabern

übergegangen, aber mein Schwur hielt mich zurück, den, einmal gethan,

ein Deutscher Ritter nie brechen darf! Nach Spanien konnte ich nur

unter den Auspicien meines Oheims gelangen; die Auszeichnung mit

welcher Mina mich behandelte, schmeichelte meinem Stolze, aber weder

er, noch die Franzosen, mit denen ich umging, konnten mich für die

Sache der Königin einnehmen; ich blieb, was ich immer bleiben werde,

ein guter Royalist. In Frankreich ging es mir nachher ebenso, nur,

daß ich dort laut und öffentlich mich für meine Partei erklärte, und

im Geheimen ihr nützte. Doch ich komme von der Sache ab. Mag ich mir

auch widersprechen, so viel ich will, der Grundton meiner Gesinnungen

schimmert immer durch. Begeisterung, +momentane Begeisterung ist

keine Ueberzeugung, keine Ansicht+. Ich bin Legitimist -- Patriot,

-- +ein echter Deutscher und der größte Franzosenfeind+! -- Doch ich

bemerke, daß wir den Wunsch unseres Freundes nicht beachtet haben. Herr

Langewisch! Hummer und Rheinwein!“

Herr Langewisch ließ nicht lange auf sich warten. Die delicaten

Bewohner des Meeres erschienen im röthlichen Todesgewande auf einer mit

Petersilienkraut bekränzten Schüssel und der köstliche goldene Saft der

vaterländischen Reben perlte in krystallenen Gläsern.

„Ich habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie hier zu sehen, Herr

Baron,“ nahm Herr Langewisch das Wort. „Ich glaube, das letzte Mal

waren Sie hier mit dem Holländischen Doctor. Nicht wahr?“

„Ganz recht.“

„Sind Sie damals noch glücklich zu Hause gekommen?“

„O! vortrefflich! Es gab eine ausgezeichnete Klatschgeschichte.“

„Theilen Sie uns doch dieselbe mit,“ bemerkte Hippias.

„Ich bin neugierig, etwas mehr von diesem Holländischen Doctor zu

erfahren,“ sagte ich. „Wie wir bei Janßen waren, wurdest Du in der

Erzählung unterbrochen. Spinn uns hier den Faden weiter ab. Du warst so

weit gekommen, daß Du dem Doctor die Offerte machtest, in Deine Wohnung

einzuziehen.“

Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit · 第 8 / 9 题