„Richtig. Ich folgte der Eingebung meines menschenfreundlichen

Herzens, das keinen Unglücklichen in der Noth läßt, wenn nur irgend

eine Möglichkeit zu helfen vorhanden ist. Bockendahl, der jeder

menschlichen Empfindung Gehör schenkt, gab es auch mir, und so

wurde der Holländische Doctor förmlich bei mir einquartirt. Mein

kleines, erbärmliches Stübchen, in welchem ich kaum Platz hatte,

wurde von zweien bewohnt. Das Bettzeug wurde des Abends auf den

Boden ausgebreitet, das Mittagsessen zwischen mir und dem Doctor

getheilt, der Holländer von mir mit dem Nothwendigsten versehen,

welches soweit ging, daß ich selbst meine Wäsche mit ihm theilte,

er meine Strümpfe und Stiefel trug, da sein hartherziger Wirth von

seinen Kleidungsstücken nichts herausgeben wollte. Diese burschikose

Wirthschaft dauerte einige Monate ununterbrochen fort. Die unglückliche

Lage des Doktors wurde zwar insofern erleichtert, daß ihm von seiner

Familie 6 Mark wöchentlich ausgesetzt wurden, die Herr Bockendahl

für ihn bei dem Consul erhob; eine andere Holländische Familie, die

des Herrn van Andeln, sandte ihm einige Wäsche -- aber die Revenüen,

die erwarteten Revenüen blieben aus. Ihr werdet es sehr natürlich

finden, daß zwei Leute, die, um mich eines seemännischen Ausdrucks

zu bedienen, „Schiffs- und Schüssel-Maate“ waren, bald mit einander

vertraut werden mußten. Ich war damals in einer sehr unglücklichen

Lage in pecuniärer Hinsicht, andere Umstände traten noch hinzu, um

meine Seele mit schwarzen Gedanken zu erfüllen; ich hatte das Mitgefühl

eines Menschen nöthig. Der Holländische Doctor schien mir dieses

Vertrauen zu verdienen, die Verbindlichkeiten, die er gegen mich hatte,

schienen mir jeden Verrath an der Freundschaft unmöglich zu machen,

sein ruhiges, ernstes Wesen sprach mich an, und binnen Kurzem war

der Holländische Doctor-Capitän im Besitze aller meiner Geheimnisse,

auch aller meiner Liebes-Intriguen, die ich in der damaligen Zeit mit

einigen schönen Damen in Altona unterhielt, und die nachher das Ziel

aller Klatschereien in Altona wurden. Ich hatte in dieser Zeit dieselbe

Gelegenheit die Schicksale des Doktors zu erfahren, aber ich war zu

sehr in meine eigenen Verhältnissen verwickelt, um mich um dieselben

zu bekümmern. Wenn ich nun ein unparteiisches Urtheil über diesen

Mann fällen soll, so muß ich sagen, daß er ein gutes Herz hatte, sehr

unterrichtet war und mit einer wahrhaft rührenden Liebe an seinen

Kindern hing. Hierdurch wurde er mir lieb, werth, und ich kann es frei

behaupten, daß mein Betragen von dem ersten Augenblicke, da ich ihn bei

mir aufnahm, bis zu dem letzten Augenblicke gleich freundschaftlich

gegen ihn war. Wenn der Holländer sich meine Freundschaft, selbst meine

Achtung (denn er arbeitete fortwährend), erworben hatte, so war dieses

durchaus nicht der Fall, mit den übrigen Bewohnern unseres Häuschens,

noch mit den Altonaern. Der Doctor hatte zwei große Fehler gegen sich,

die in Altona nie vergeben werden: +er liebte den Genever und war

arm+. Zu diesen Fehlern kam das Unglück, daß er sie nicht verbergen

konnte, denn wenn er zuviel getrunken hatte, so verlor er den Gebrauch

seiner Beine, blieb regungslos sitzen, oder fiel um, wenn er aufstand;

dadurch, daß er arm war, konnte er nicht anders als in „abgerissener

Kleidung“ erscheinen, und machte daher auf alle kleinlich denkende

Leute einen unvortheilhaften Eindruck. +Wer schlecht angezogen ist,

wird verachtet.+ Außerdem hatte der Doctor das Unglück, nicht angenehm

in seinen Manieren zu sein; er verstand es nicht, liebenswürdig zu

sein, und fiel daher auch in Ungnade bei meinem Wirthe und meiner

Wirthin. Bockendahl war und ist noch gewiß ein vortrefflicher Mann, der

das beste Herz von der Welt besitzt; er ist aber so empfindlich, wie

eine ~Mimosa pudica~, und sein Zartgefühl verstand der Doctor nicht

zu schonen. Der unglückliche, verlassene Doctor, zog sich auf eine

mir unerklärliche Weise den Haß und die Wuth aller meiner Bekannten,

die die Seinigen wurden, zu; nie habe ich es in meinem Leben erfahren,

daß ein Mensch auf eine so unbarmherzige Weise heruntergerissen,

zerrissen und allgemein verfolgt worden ist, als dieser Mann! Es konnte

auch Keiner ihn leiden! Selbst der edelsten und liebenswürdigsten

Frau auf der Welt, der Madame Bockendahl, wurde er unerträglich!

Die liebenswürdigen Schönen, zu deren Füßen ich damals lag, selbst

vereinten ihren Abscheu gegen den unglücklichen Mann mit dem

Widerwillen der übrigen Welt, und baten mich inständigst den häßlichen

Menschen aus dem Hause zu werfen. Seine Landsleute und der Wirth, bei

welchem er gewohnt hatte, übertrafen alle Andere durch den Haß und

die Verachtung, welche sie gegen ihn öffentlich äußerten. So hatte

dieser unglückliche Mann nur ein Wesen in der Welt, welches ihn nicht

zurückstieß, und dieses +war ich+! Ich kannte damals, ebenso gut wie

jetzt, die allgemeine Stimme über meinen Holländer; ich wußte, daß ich

selbst in der allgemeinen Achtung durch den Umgang mit ihm bedeutend

verlor, denn ich besaß damals eine Freundin, ein kluges, hochherziges

Weib, das ich nie vergessen werde, die mir im Vertrauen die Augen

öffnete über die Folgen meines Umgangs mit dem Doctor; ich kannte

selbst die Schattenseiten meines Schützlings; meine Vernunft rieth

es mir ihn +aufzugeben+, aber ich that es nicht, weil ich nicht die

öffentliche Stimme über die Stimme des menschlichen Gefühls in meiner

Brust setzte, weil ich einen Menschen nicht in dem jammervollsten

Elende, vielleicht dem Versuche eines Selbstmordes aussetzen wollte,

weil ich die innere Ueberzeugung hatte, daß er wohl schlechter,

als manche Andere, die Meisten vielleicht +erschien, es aber nicht

war+! Außer diesen Gründen bewog mich noch eine eigenthümliche Art

Selbstbetrachtung, die ich einem jeden Menschen anempfehle, der

menschlich handeln will, dazu, den Doctor nicht aufzugeben, sondern

fortzufahren, ihn nach meinen besten Kräften zu unterstützen, was ich

redlich gethan habe, bis er +mich -- verließ+! Diese Selbstbetrachtung

war folgender Art: Der unglückliche Holländische Doctor hat sich

den allgemeinen Abscheu dadurch zugezogen, daß er trinkt, daß er

einige unbedeutende Schulden gemacht, und den äußern Anstand nicht

beobachtet hat! -- Hast du besser gehandelt als er? fragte ich mich

selbst. Trinkst du nicht ebenso viel, als er? Hast du nicht ungleich

bedeutendere Schulden, als er? Hast du dich nicht tausendmal über die

Grenzen des Anstandes hinweggesetzt? Ist es dein Verdienst, daß du

mehr vertragen kannst, als er, und nicht den Gebrauch deiner Beine

verlierst, daß deine Gläubiger nachsichtiger gegen dich sind, weil

sie von deiner Familie es hoffen, daß sie sie bezahlen werde, und,

daß es dir verziehen wird die Grenzen des Anstandes zu überschreiten,

weil du feiner, liebenswürdiger und daher doppelt gefährlicher bist,

als er? Und ich soll einen Menschen verstoßen, um +meinen+ Ruf zu

schonen, dessen Fehler ich nicht nur besitze, ja! sie sogar in einem

weit größern Maaßstabe besitze! Schämen müßtest du dich vor dir selbst,

wenn du das thätest! wenn du, um in den Augen der Welt +besser+ zu

erscheinen einen Unglücklichen verließest, der kein anderes Unrecht

begangen hat, als nicht deine physischen Kräfte, deinen Rang und Namen,

deine Manieren und deinen Weltton zu besitzen? Meine Herren, ich war

Philosoph genug, um dieser +Selbsterkenntniß+, nicht der öffentlichen

Stimme, nicht der Bitte meiner Freundin, zu folgen. Ich blieb des

Holländischen Doctors treuer Freund, bis die Verhältnisse mich von

ihm trennten. Ich verlor durch ihn, durch seine Geschwätzigkeit,

einen großen Theil meines guten Rufes, ich verlor viel, sehr viel

durch ihn, aber +mein Herz feierte einen Triumph über die kalten

Regeln der Lebensklugheit, was ich in den Augen der Welt einbüßte,

gewann ich durch den Gedanken als Mensch menschlich gehandelt, in der

Ueberzeugung einen bedeutenden Schritt in der Kenntniß meiner selbst

gethan zu haben+. Ob ich bei dieser Gelegenheit richtig gehandelt

habe, meine Herren, das ist ein Punct, der, wie der alte Meister in

Göttingen sagte, noch sehr „strittig“ ist. Auf der einen Seite der

moralischen Wagschale liegt nur das menschliche Gefühl, das reine

primitive menschliche Gefühl: das gute Herz; auf der andern Seite

liegen die Achtung gegen die allgemeine Stimme, die Pflichten gegen

sich selbst, sein Fortkommen, seinen guten Ruf, die Pflichten gegen

die Seinigen, gegen einen unbescholtenen, ehrwürdigen Namen, den ich

mit Anderen theile. Ich habe es gethan, bereue es nicht und werde

immer nur dem ersten Gefühle meines Herzens folgen, weil ich dieses

für den richtigsten Leiter im Leben anerkenne und von dem Grundsatze

ausgehe, daß das Herz eines jeden Menschen von Natur gut ist. Das

schönste Gefühl, das der Mensch zu empfinden fähig ist, besteht in

der Begeisterung, mit welcher das Gefühl für eine edle Handlung ihn

entflammt, in der Fortdauer der Begeisterung nach der Vollbringung

einer guten That. Wie schön ist nicht der Ausspruch des Posa in dieser

Anwendung:

„Sagen Sie

Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend

Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,

Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte

Gerühmter besserer Vernunft das Herz

Der zarten Götterblume -- daß er nicht

Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit

Begeisterung, die Himmelstochter, lästert.“

„Ich bin Deiner Meinung,“ sagte ich. „Auch bei mir läuft das Herz mit

dem Kopfe davon.“

„Ich stimme mit ein, jedoch unter gewissen Beschränkungen,“ sagte

Hippias.

„Und ich bin durchaus nicht Eurer Meinung! Der, welcher seinem Herzen

folgt, ist ein Dummkopf und kommt an den Bettelstab, so wahr ich

Herrmann Bleicamb heiße! Das liegt aber klar am Tage. Das beweiset

Deine Geschichte mit diesem Holländischen Doctor. Der Kerl hat Dir

so vielen Schaden gethan, Deine Liebschaften ausgeplaudert, und alle

Menschen gegen Dich aufgehetzt.“

„Das glaube ich nicht. Uebrigens habe ich nie auf seine Dankbarkeit

gerechnet. Hätte ich darauf Anspruch gemacht, so hätte mein Betragen

gegen ihn allen Werth in meinen Augen für mich verloren.“

„Was ist denn aus diesem Doctor geworden?“ fragte Hippias.

„Ich weiß es nicht genau. Einige sagen er befinde sich hier im

Krankenhause; Andere im Armenhause. Ich hege aber die Hoffnung, daß es

ihm +gut+ geht, denn sonst würde er mir gewiß geschrieben haben oder zu

mir gekommen sein. Er weiß, daß mein Haus und mein Beutel, wenn etwas

darinnen ist, ihm immer offen stehen.“

„Das ist wahr! Altona kennt Deine Gutmüthigkeit aber die Menschen

lachen Dich aus. Du stürzest Dich für Andere in Schulden! Das ist mehr,

wie dumm!“

„Was geht das die Altonaer und Dich an, wenn ich sie bezahle? Ich bin

nur meiner Familie in dieser Hinsicht Rechenschaft schuldig; verzeiht

diese mir, so frage ich nach keines andern Menschen Billigung. Wenn

meine Familie sonst keinen Grund auf mich stolz zu sein hat, so weiß

sie doch, daß ich edler Gefühle fähig bin, und das ist ihr genug. --

Es ist aber schon sehr spät. Wenn wir noch nach Altona wollen, so

kostet es jeden von uns eine Mark Thorsperre. Laßt uns daher in Hamburg

bleiben. Ich bin im Könige von Preußen bekannt, dort können wir bequem

und gut logiren.“

„Wir haben nichts dagegen!“

Wir tranken unsern Rheinwein aus und eilten mit schnellen Schritten,

da es regnete, dem Könige von Preußen zu; die Thüren thaten sich auf,

Zimmer und Betten wurden bereitet; wir gingen zu Bette.

3.

Dritte lustige Fahrt.

Der Gasthof zum König von Preußen. Unterredung zwischen dem Baron

und Aristipp. Glockenspiel des Petri-Thurms. Empfindungen. Die

Sternschnuppe. Der belebende Hauch Gottes. Religiöse Ansichten.

Gipsy. Der Keller des Herrn Unbescheiden. Der Doctor Riem aus

dem Hannoverschen. Fanny, ~la Créole~, und der Baron, eine

Provençalische Geschichte. Plötzliche Abrufung des Herrn Herrmann

Bleicamb aus der Gesellschaft. Gespräche über Ehe und Frauen. Der

Hamburger Polizei-Diener und der Brief des armen Lieschen. Hippias

Abschied von seinen Freunden. Allgemeiner Aufbruch. Aristipp allein

am Monumente Klopstocks. Nachgedanken. Entschluß.

Das Gasthaus: „der König von Preußen,“ ist dem Herrn Richter

gehörig und liegt, wie bereits gesagt, auf dem Neuenwall. Man muß

diesem Gasthause das Lob ertheilen, daß Alles, was man dort erhält

vortrefflich ist. Der Wirth ist ein Mann, der seine Sache versteht; an

Wirthschaftlichkeit übertrifft gewiß keine ~Hôtesse~ Madame Richter,

und in ihrer Tochter, der Madame Heller, findet jeder Reisende eine

gebildete Dame. Die Kellner sind aufmerksam und zuvorkommend, sowie der

Lohnbediente Baas, das ~Non plus ultra~ aller Lohnbedienten ist.

Meine Leser wissen aus dem Vorhergehenden, daß Hippias, der Baron, Herr

Herrmann Bleicamb und ich die Nacht im Könige von Preußen zubrachten.

Wir schliefen ganz vortrefflich. Das wunderschöne Glockenspiel des

Petrithurms erweckte mich. Mit steigendem Entzücken hörte ich diesen

bis in die höchste Höhe steigenden Accorden zu. Zufälligerweise wandte

ich meine Blicke nach der Seite, wo das Bett stand, in welchem der

Baron ruhte. Er saß halb aufrecht in demselben, und schien, wie ich,

die Macht dieser reinen, ergreifenden Harmonie zu empfinden. Sein Auge

begegnete dem meinen.

„Es ist mir unmöglich, Aristipp,“ begann er nach einigen Augenblicken,

„dieses Glockenspiel zu hören, ohne von einer süßen, wehmüthigen

Empfindung ergriffen zu werden! Wie rein, wie klar hallen diese Töne

durch die heitere Luft des Morgens bis in die tiefste Tiefe der

Seele hinein! Es ist mir, als ob es die ~vox humana~ wäre, die den

Menschen ermahnte, vom frühen Morgen an, menschlich zu empfinden,

menschlich den Tag über zu handeln. Wenn sie aber in immer steigenden

zitternden Tönen nach und nach unter dem Dome des Himmels sich

klagend verliert, so kommt sie mir vor, wie die klagende Stimme der

betrübten Mutter, die dem geliebten Sohne Vorwürfe über die in unedler

Schwelgerei hingebrachten Stunden des vorigen Abends, der vergangenen

Nacht mit Schonung, Ernst und Liebe zu machen pflegt. Ich kann mir

kein traurigeres Bild denken, als das der +weinenden Mutter+, kein

schöneres, als das +der Mutter des Heilandes mit dem Kinde von

Raphael+, kein schöneres Gedicht, +als die Wallfahrt nach Kevlar von

Heine+. Es ist nicht zu leugnen, Aristipp, daß ein gewisses Gefühl

für das Geheimnißvolle, das Religiöse, bei der geringsten Anregung

von Außen in uns erwacht. O, daß wir dieses Gefühl nicht länger zu

fesseln verstehen, und es in dem rauschenden, nichtigen Tumulte des

Tages verlieren oder betäuben müssen! Es ist mir unbegreiflich,

wie ein denkender Mensch das Dasein eines Gottes, den Glauben an

Unsterblichkeit der Seele leugnen und aufgeben kann; da in unserm

Innern, bei der leisesten Berührung, ein Gefühl rege wird, welches uns

über die Nichtigkeit dieses Lebens erhebt, und mit einer mysteriösen

Ahnung von dem Dasein eines höhern Wesens, mit einer unbegreiflichen

Sehnsucht und Wehmuth nach dem Edlern und Bessern, was wir freilich

noch nicht kennen, erfüllt. Die Wehmuth, die Betrübniß, welche wir in

solchen Augenblicken empfinden, entsteht aus den Vorwürfen, welche

wir uns machen müssen, oder welche unser Gewissen uns macht: daß

wir, trotz dem, daß unsere unsterbliche Seele dem Reinen und Schönen

entgegenstrebt, wir sie stets durch die Gewalt der irdischen und

thierischen Triebe in uns zur Erde niederreißen, und auf diese Weise

ihre göttlichen Schwungfedern hemmen. Hast Du es wohl bemerkt, wie der

Sonnen-Adler, dessen Fittige beschnitten, stets sie prüft, um zu den

lichten Regionen empor zu schweben? wie er mit den strahlenden Augen

die Zonen des Himmels mißt, und stets nach Oben das Haupt wendet? So

ist es mit unserer Seele auch, sie will stets dem Höchsten sich nahen,

und nur der Körper, in welchem sie nach unerklärlicher Vorschrift

eingeengt ist, hält sie zurück die Fesseln zu brechen. Du magst es nun

glauben, Aristipp, oder nicht, es giebt keinen Menschen auf der Welt,

durch dessen wildbewegten Lauf des Lebens sich deutlicher der rothe

Faden der Religiösität, des Glaubens, der Ueberzeugung an das Dasein

eines Gottes, der Unvergänglichkeit der Seele windet, als gerade mich

selbst.“

„Ich habe nie daran gezweifelt, Baron. Aus diesem Grunde geschah es

auch, daß ich, wo ich es konnte, Deine Partei nahm.“

„Ich habe auch mehrere Gründe zu glauben, als andere Menschen,“ fuhr

der Baron fort. „Ich habe Zeichen und geheimnißvolle Einwirkungen

erhalten und empfunden, die diesen Glauben in mir wunderbar bestätigt

haben. Da Hippias und Bleicamb noch schlafen, so werde ich Dir Einiges

darüber mittheilen. Ich verlange nicht, daß Du es glauben sollst, aber

Du wirst gestehen, daß diese Zufälligkeiten merkwürdiger Art waren.

Ich befand mich auf dem Gute meines Oheims in der Provence. Ich hatte

die Absicht nach Spanien zu gehen, um in die Dienste der Königin zu

treten, da ich nicht zu Don Carlos gelangen konnte, ohne meinen Onkel

zu compromittiren. Der Tag der Abreise war da. Um ein Uhr in der Nacht

verließ ich das Landhaus meines Oheims, um mich nach La-Ciotat, der

Poststation, zu begeben. Der Abschied von meinen treuen Wirthen war

mir schmerzlich. Ich wandelte in dem geheimnißvollen Dunkel der Nacht

den Weg meiner Bestimmung zu. Ueber mir thronte der provençalische

Himmel, zu meiner Linken brausete das mittelländische Meer, und rechts

von mir lagen in Olivenfeldern die weißlichen Bastiden der Provence

in Sternen-Beleuchtung. Mein Herz war schwer von Ahnungen. Aus dem

ruhigen Landleben ging ich einem stürmischen, kriegerischen Leben

entgegen. Wer sagte mir, daß ich jemals die Meinen, mein Vaterland,

meine Geliebte wieder erblicken würde! Von solchen Gedanken ergriffen

wandte ich meinen Blick zu den leuchtenden Sternen, mein Gemüth, meine

Seele zu Gott. Wenn es möglich wäre, so sprach ich zu dem höchsten

Wesen, daß ich dereinst meine Mutter, meine Geliebte, meine Schwestern,

mein +Deutsches+ Vaterland wiedersehen könnte! Dann, o großer Gott!

gieb mir ein Zeichen! Ich hatte kaum diese Worte gesprochen, als eine

Sternschnuppe den Himmel durchschnitt und vor mir niederfiel. Ich will

durchaus nicht behaupten, Aristipp, daß diese zufällige Sternschnuppe

eine bejahende Antwort des höchsten Wesens auf meine Frage, meine Bitte

gewesen sei -- aber es war doch sonderbar! +Warum sollen wir aber nicht

eine Theilnahme des allliebenden Vaters, selbst in unseren kleinlichen

Angelegenheiten annehmen? Verlieren können wir durch diesen Glauben

nichts, wohl aber Trost und Stärkung gewinnen!+

Zu den geheimnißvollen Einwirkungen, welche in mir den Glauben und die

Ueberzeugung an Gott und ewiges Leben befestigt haben, gehört folgender

Vorfall, der mir in Algier, im Hospitale Bab-azoun begegnete. Ich hatte

drei Monate an einer der fürchterlichsten Krankheiten gelitten. Mein

Magen war gänzlich verdorben, und nicht im Stande, auch nur flüssige

Lebens-Mittel, Wasser ausgenommen, bei sich zu behalten. Ich war kein

Mensch mehr! Ein elendes Gerippe, in welchem nur der Funke des Lebens

glimmte. Ich hatte einen ~congé de reform~ bekommen, und erwartete mit

Sehnsucht den Augenblick nach Frankreich eingeschifft zu werden, so

krank, so matt ich war. Zwei Tage vor der bestimmten Abreise lag ich,

elender noch als sonst, auf meinem Lager. Ein brennender Durst quälte

mich. Der Infirmier hatte vergessen mein blechernes Trinkgeschirr mit

Wasser zu füllen. Es war Nacht. Die Lampe, welche den Saal erhellte, in

welchem ich mit noch mehren Unglücklichen lag, war ausgegangen. Im Hofe

des viereckigen Gebäudes plätscherte die Fontaine, welche fast in allen

Höfen maurischer Gebäude sich befindet. Ich konnte mich vor Durst nicht

lassen. Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen, stehe auf und wanke

dem Springbrunnen zu. Alles war ruhig, wie im Grabe. Ich schreite

langsam dem Brunnen zu und in dem Zwielichte des Afrikanischen Himmels

sehe ich eine weißliche Gestalt dabei stehen. Der Anblick war mir

grausenhaft, doch schritt ich herzhaft auf den Brunnen und die Gestalt

zu.

„Sie kommen nicht von hier fort,“ redete mich die Gestalt an.

„Warum nicht?“ antwortete ich, „morgen Abend geht das Dampfboot ab, es

sind nur zwei Tage mehr bis dahin.“

„Sie kommen nicht +dahin+,“ antwortete die Gestalt, „man wird Sie

+dorthin+ bringen,“ sie wies mit der Hand auf die Todtenkammer, „die

Schakals werden Sie fressen.“

„Ich glaube Sie sind toll,“ versetzte ich: „wer sind Sie?“

„Das geht Sie nichts an,“ erwiederte die Gestalt, „ich sage es Ihnen

nocheinmal, dort in das Amphitheater wird man Sie bringen, Sie sehen

Frankreich nicht wieder.“

Darauf entfernte sie sich. Ich blieb sprachlos beim Brunnen stehen. Ich

war krank, sehr krank, meine einzige Hoffnung das Verlassen Afrika’s,

außerdem war der kommende Tag ein Freitag, ein Tag, den ich immer

gefürchtet habe. Der Gedanke an die Möglichkeit, so nahe der Rettung

zu unterliegen, bemeisterte sich meiner. Mein ohnedies zerrüttetes

Nervensystem vermogte kaum die Massen widerwärtiger, ängstigender

Gefühle zu ertragen. Maschinenartig füllte ich meinen Becher, und

wankte unter immer stärker werdendem Herzklopfen meinem Lager zu.

Ich sank darauf nieder. Meine Phantasie gewann von Augenblick zu

Augenblick mehr Spielraum. Die Bilder, die geliebten Züge meiner

Mutter, meiner Geliebten, meiner Schwestern schwebten auf und ab vor

meinem Geiste. Ich richtete ein brünstiges Gebet zu Gott, und flehte

ihn an, mich der Geliebten wegen zu erhalten. Plötzlich war es mir,

als ob ein belebender, erfrischender Hauch auf mich sich niedersenkte.

Ich empfand Beruhigung, ein tröstendes Gefühl, ich schlief ein und

war gerettet! +Warum, Aristipp, soll ich nun nicht annehmen, daß ich

wirklich die Gegenwart des Höchsten in diesem lebenbringenden Hauche

empfunden? Warum nicht, daß er durch eine innige, einfache, kindliche

Bitte sich hat rühren lassen, und durch diesen Hauch mich den Meinigen

oder meiner künftigen Bestimmung erhielte?+“

„Es würde wohl schwer sein, lieber Freund,“ entgegnete ich, „hierüber

etwas Bestimmtes zu sagen. Ich sehe es wenigstens nicht ein, warum

man eine nähere Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen in gefahrvollen,

wichtigen Augenblicken ableugnen sollte. Wenn wir annehmen, daß Gott

allmächtig ist, so können wir Alles glauben und für möglich halten. Wir

verlieren uns aber hier in das Reich der Wunder. +Ein sicheres Resultat

können wir nie ziehen.+ Es würde aber sehr thöricht sein, uns +nicht+

mit ganzer Seele +dem+ Glauben hinzugeben, der unserer Seele Trost

und Linderung schafft, in uns die Ueberzeugung an das Dasein eines

allmächtigen, zwar unbegreiflichen, aber liebenden Wesens und an die

Fortdauer unserer Existenz nach diesem Leben bestärkt und befestigt.

Welche Bewandnisse hatte es aber mit der weißlichen Gestalt an dem

Springquell im Hospital Bab-azoun?“

„Das habe ich nachher erst erfahren. Es war einer der Infirmiers, dem

ich zu lange lebte. Ich hatte nämlich einige hundert Franken unter

meinem Kopfkissen, derer er sich bemächtigt haben würde, wenn ich

den Geist in der Nacht aufgegeben hätte. Er wollte dieses dadurch

bezwecken, daß er mich durch einen tödtlichen Schreck um das Leben

bringen wollte. Seinen Namen habe ich vergessen; +ich behalte überhaupt

nur die Namen der Männer, die mir Gutes thaten+.“

„Vortreffliche Moral! Jemehr und je näher ich Dich kennen lerne, jemehr

Dein weiches, kindliches Gemüth sich mir öffnet, jemehr sehe ich ein,

+daß Dein innerer Kern sich rein und gesund erhalten hat, wenngleich

die Außenseite Deines Wesens und Deines Lebens nicht vom Tadel frei

ist+. Doch wer ist tadellos? +Nur der darf es sich erlauben einen

Andern zu richten, der selbst makellos dasteht; und auch dieser nur mit

christlicher Liebe und Nachsicht.+“

„Das ist es gerade, Aristipp, was mich so häufig, im Leben kränkt.

Die Menschen beurtheilen mich falsch und zwar aus dem Grunde, weil

ich den Schein nicht beobachte. Glaube nicht, daß ich die öffentliche

Stimme verachte. +Ich will nicht besser scheinen, als ich bin, das ist

mein Unglück.+ Ich nehme mich der Menschen an, die die Welt verstößt.

Ich folge meinem Gefühle und erkenne die großen Fehler, die ich an mir

habe. +Ich tadle sie selbst, anstatt, wie die Meisten es thun, sie zu

bedecken, sie zu beschönigen.+ +Das+ nennt man aber im gewöhnlichen

Leben „+sich in den Augen der Welt heruntersetzen+,“ +wenn+ man +seine

Fehler+ eingesteht, und die Partei derjenigen nimmt, die +die Welt

verdammt+.“

„Richtig! so denken +die anerkannten Soliditäten+.“

Ein furchtbarer Stoß gegen die Thüre sprengte in diesem Augenblicke

dieselbe. Mit funkelnden Augen und fletschendem Maule stürzte die

Bulldoghündin in das Zimmer und auf ihren Herrn los, den sie durch

Liebkosungen erdrücken zu wollen schien. Ein abgerissener Strick hing

an ihrem eisernen Halsbande.

„Bomben und Granaten!“ rief Herr Herrmann Bleicamb in seinem Bette in

die Höhe fahrend.

„Was giebts?“ schrie Hippias, die Augenlieder aufreißend.

„Nichts, meine Herren,“ versetzte der Baron lachend. „Meine Gipsy,

welche wir bei Timm gelassen, hat es nicht länger ohne ihren Herrn

aushalten können, und sich, ~sans façon~, einen Weg durch die Thüre

gebahnt! Komm, Gipsy! Mein altes treues Thier! Es war schändlich von

mir, dich solange vergessen zu haben!“

„Die verdammte Bestie!“ murmelte Herr Bleicamb. „Es ist doch um toll

zu werden! Wecken die Manichäer einen nicht durch ihr Klopfen an die

Stubenthür auf, so muß man durch dieses Beest gestört werden, wenn man

einmal gut zu Nacht gegessen und lange schlafen will.“

„Es ist wohl Zeit aufzustehen, sich anzukleiden, meine Herren, und dann

sich wieder auf die Wanderung zu begeben,“ bemerkte ich.

„So ist es!“ stimmte der Baron bei.

„Faullenzen taugt nicht!“ rief Herr Bleicamb, sich die Augen reibend

und mit der Hand durch die Haare fahrend. „Ich bin auch dabei. Wo soll

es hingehen?“

Wir waren in einigen Augenblicken gewaschen und angekleidet.

„Ich schlage vor, in der Alsterhalle Cafée zu trinken,“ sagte der Baron.

Wir willigten ein, empfahlen uns dem Wirth zum Könige von Preußen,

berichtigten unsere Schuld für das Nachtlager, und eilten der

Alsterhalle zu.

Es war noch früh am Morgen, und keine andere Gäste zugegen.

Wir ließen uns nieder, bestellten vier Portionen Cafée; wurden servirt

und genossen den bräunlichen Trank der Levante.

„Ihr habt heute einen Beweis der Anhänglichkeit meiner Gipsy zu ihrem

Herrn gehabt. Sie zerriß alle Banden, sie suchte ihn auf,“ bemerkte

der Baron. „Ihr würdet dieses Thier lieben, wie ich es thue, wenn ihr

wüßtet, wie werth und warum es mir werth ist.“

„Du kannst ja die „+Memoiren+ eines +Hundes+“ schreiben,“ versetzte

Herrmann Bleicamb. „Wer weiß ob Du nicht eher einen Verleger und mehr

Anklang fändest, als wenn Du über „Frankreich und seine Revolution in

Beziehung auf Deutschland“ schreibst?“

„Du magst immerhin Recht haben,“ versetzte der Baron lächelnd.

„Politische und religiöse Schriften finden wenig Beifall. Man muß immer

die Leihbibliotheken berücksichtigen.“

„Haben Sie den Hund schon lange?“ fragte Hippias die löwenartige Hündin

streichelnd, welche eben einen ihrer ungeheuren Tatzen auf den Tisch

legte, um anzuzeigen, daß auch sie in der Welt wäre.

„Ich habe dieselbe von einem Engländer geschenkt bekommen, als ich von

Alais, einer Stadt dritten Ranges im südlichen Frankreiche, zu Fuße

durch ganz Frankreich nach Hamburg wanderte.“

„Sie machten also den ganzen Weg zu Fuße?“

„Aufzuwarten. Von Alais bis in den König von Preußen, wo wir diese

Nacht logirten.“

„Du würdest uns ein Vergnügen machen,“ sagte ich, „wenn Du uns etwas

von dieser Reise mittheiltest. Hippias und ich haben die Absicht unsere

Avantüren in Hamburg und Altona herauszugeben, und in einer solchen

Schrift würde eine kurze Relation Deiner Reise nicht unanwendbar sein.“

„Ich werde mit Freuden dazu bereit sein. Wenn Gipsy reden könnte,

so würde sie vielleicht besser, als ich, die verschiedenen Vorfälle

mittheilen können, weil sie eine +Engländerin+ ist, und sich gewiß

alles Sehenswerthe und Merkwürdige notirt hätte, was ihr auf der ~grand

tour~ begegnete. Leider! ist sie aber, trotz ihrer vortrefflichen

Eigenschaften, nur ein Hund, und so muß ich wohl dieses Geschäft für

sie übernehmen. Hört also:

„Ich hatte mich längere Zeit in Pau am Fuße der ~Basses-Pyrénées~

aufgehalten, um wie man es glaubte, in die Dienste der Königin von

Spanien zu treten. Dieses war aber durchaus nicht meine Absicht. Ich

brütete im Stillen über einen ganz andern Plan. Ich wollte selbst

ein Freicorps errichten, und wie die alten Soldaten der Fortuna auf

meine eigene Hand umherkriegen. Dieses konnte ich in den Diensten der

Königin nicht, wohl aber in den Diensten des Don Carlos. Beide Parteien

schienen mir damals gleich erbärmlich; ich hatte nur meinen eigenen

Vortheil, meinen Ehrgeiz vor Augen. Ich hatte aus diesem Grunde so

viele Anhänger, als möglich, unter den Soldaten der ~nouvelle création

de la légion étrangère française~ für meine Sache zu gewinnen gesucht.

Ich hatte Geld, gab ihnen zu trinken, zuweilen auch Geld, und bildete

mir binnen Kurzem einen bedeutenden Anhang unter ihnen. Ich wurde

trefflich von einem Fourier, Namens Rundsdorff, unterstützt, der ein

geborner Preuße war. Es gelang uns, viele der Soldaten zu gewinnen,

zu bereden. Es verging keine Nacht, wo nicht mehre mit Sack und Pack

desertirten und die Französische Observationslinie passirten. Was meine

eigene Person betraf, so wollte ich mich nicht eher selbst nach Spanien

begeben, als bis ich von der Hand des Don Carlos selbst ein Patent

als Compagnie-Chef über die von mir zu errichtende Truppe erhalten

hätte. Um dieses zu erhalten, mußte ich mit einem Agenten Don Carlos

in Unterhandlung treten. Es war sehr gefährlich für mich, weil alle

meine Schritte bewacht wurden. Endlich fand sich einer. Ich beredete

mich mit dem Fourier und dieser bestellte denselben Abends acht Uhr

~au chéval noir~ um mit demselben Abrede zu treffen. Glücklicher Weise

mußte ich an diesem Abend zu einer Hochzeit gebeten sein, die ein

Deutscher Bierbrauer Namens Heit, ein vortrefflicher, reicher Mann

gab, dem ich die größten Verbindlichkeiten habe. Ich kam zu spät nach

dem ~chéval noir~. -- Der Agent des Don Carlos war von den Gensdarmen

~Louis Philippes~ aufgehoben worden, mit ihm mehre Soldaten und

Unterofficiere der Legion, welche um mein Geheimniß wußten. Ich hielt

es jetzt für vernünftiger, mich von Pau zu entfernen! Ich reisete nach

Toulouse, wo ich einen vielvermögenden und liebenswürdigen Bekannten,

den Herrn ~Toussaint~, ~directeur de la société de dictionnaires~

hatte. Bei diesem Manne lebte ich eine zeitlang, versah den Posten

eines ~sousdirecteur~ und hatte dadurch Gelegenheit, mich den Männern

meiner Partei, z. B. dem Herrn ~Dugabé~, ~avocat et député~, zu nähern.

Die Rachsucht eines Polen brachte mich um die Freundschaft meines

~Toussaint~. Ich ging von Toulouse nach dem ~saut du Tarn~, einer

Eisenfabrik, welche dem Marschall Soult theilweise gehört, und hielt

mich einige Zeit bei dem Herrn James Jackson, einem Engländer, auf,

welcher bei dieser Fabrik angestellt war. Es war ein vortrefflicher

Mann. Ich theilte ihm meine Avantüren und meine Besorgnisse mit.

Er billigte die Letztern und gab mir den Rath nach Alais, zu einem

seiner Bekannten zu gehen, dessen Name James Wall war. Dieses that

ich. James Wall behielt mich mehre Wochen bei sich. Ich lebte wie die

gemeinen Eisen-Arbeiter, nur mit dem Unterschiede, daß ich nicht wie

sie arbeitete. Doch auch hier war meines Bleibens nicht. Von einigen

meiner Bekannten erhielt ich die Nachricht, selbst von James Jackson,

daß die Regierung auf mich aufmerksam geworden und die Polizei

~Louis Philippes~ mir nachspüre, um mich festzunehmen. Er beschwor

mich, sobald als möglich das Land zu verlassen. Hier war kein Zaudern

möglich. Wie aber mir einen Paß verschaffen, da die Polizei aufmerksam

auf mich war? Es gehörte Muth dazu, um Frankreich, angefüllt mit

Gensdarmen, ohne Paß zu durchstreifen. Ich that es. Am Tage vor meiner

Abreise schenkte mir James Wall diese Hündin, mit den Worten: „sie ist

so gut, wie zwei Pistolen.“ Allein, ohne irgend eine Waffe, ohne Paß

verließ ich Alais, nur von meiner Gipsy begleitet. Sie folgte mir stets

auf den Fersen, und wenn meine Füße durch das angestrengte Marschiren

wund geworden waren, leckte das treue Thier mir die wunden Stellen. So

kamen wir beide matt und elend nach einem Marsche von 50 Tagen hier

in Hamburg an. Gipsy selbst hatte sich auf der harten Chaussee so die

Nägel an den Pfoten abgelaufen, daß sie zuweilen mitten auf dem Wege

sitzen blieb, weil sie nicht weiter konnte; hier in Hamburg machte

ich dem treuen Thiere, das, trotz der gräßlichsten Schmerzen, halb

hüpfend, halb hinkend mir gefolgt war, +Nägel von Wachs+. Sie war es,

welche durch ihr zorniges, löwenartiges Aeußere, durch ihre funkelnden

Augen Alle zurück hielt, welche während unserer Reise vielleicht die

Absicht hatten sich meiner Börse zu bemächtigen oder mich anzugreifen.

Es wagte keiner die Hand an mich zu legen, denn er war gewiß, von

meiner Gipsy sogleich an die Gurgel gepackt zu werden. Ich will es

Ihnen gerne gestehen: vielleicht ohne dieses edle Thier hätte ich

nicht den Muth gehabt diese weite und gefährliche Reise anzutreten. Es

war eine Reise auf Leben und Tod, denn ich hätte mich um keinen Preis

festnehmen lassen. Da ich Gipsy bei mir hatte, konnte ich es mit dreien

aufnehmen. Auf diese Weise verdanke ich es meinem Hunde, daß ich den

Rhein überschritt und hier unter Euch bin.“

„Du hast uns nur eine kurze Skizze Deiner Reise erzählt. Es scheint

mir, als wenn Du dieselbe recht gut weiter ausarbeiten und sie dann mit

der Fortsetzung Deiner Memoiren dem Publiko mittheilen könntest. Deine

Memoiren haben überhaupt den Fehler, daß man nicht weiß, was aus dem

Helden des Dramas wird.“

„+Ein sehr natürlicher Grund, weil bis jetzt noch nichts aus ihm

wurde!+“

„Etwas, welches mir beinahe unglaublich bei Ihrer Erzählung erscheint,

ist, daß Sie ohne Paß ganz Frankreich durchreisen konnten. Wie fingen

Sie dieses an?“

„Ich schlug die Art und Weise ein, die gewöhnlich politische

Flüchtlinge oder Verbrecher nicht einschlagen. Anstatt bei Nacht und

Nebel, verstohlen und schüchtern zu reisen und aufzutreten, ging ich

nur bei Tage, redete sogar die Gensdarmen an und entfernte dadurch

allen Verdacht von mir. Außerdem bediente ich mich einer Kriegslist.

An dem ersten, großen Ort, den ich passirte, ging ich in ein Cafée-Haus

und fand dort einen Gensdarmen. Ich ließ mich in eine Unterredung mit

ihm ein, proponirte ihm eine Partie Billard um ~deux petits verres~;

verlor, spielte ~quitte à deux~, verlor wieder, und so ging es fort,

bis mein Gensdarme den Kopf durch die Menge der ~petits verres~, welche

er gewonnen und getrunken, verloren hatte. Jetzt redete ich ihn ~en

ancien militaire~, ~en mon brave~ an, bat ihn um einige Empfehlungen

an seine Kameraden von der nächsten ~gensdarmerie départementale~,

empfing sie und ging, sobald ich dort angekommen, in das Gebäude der

Gensdarmerie, wo ich nach dem und dem fragte, den er mir genannt und

dem er mich empfohlen hatte. So trieb ich es weiter, und auf diese

Weise entwischte ich.“

„Das ist nicht übel, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief der

Genannte aus.

„Was mir das Angenehmste bei dieser Parforcetour war,“ bemerkte der

Baron, „besteht darin, daß ich weiß, was ich zu leisten vermag. Ich

glaube, ohne meine Kräfte zu überschätzen, daß, wenn es einmal darauf

ankommen sollte, ich im Stande sein würde, +meiner+ Partei zu nützen.“

„Man weiß eigentlich nicht recht, zu welcher Partei man Sie rechnen

soll.“

„Ich bin ein „adeliges Phaenomen,“ wie Clemens Gerke mich nennt. +Ich

halte es mit dem Regenten, weil ich finde, daß wir nicht reif, nicht

rein, nicht sittlich genug für eine Republik sind; ich liebe und

vertheidige die Rechte des Volkes, weil ich den Menschen schätze, und

ihn nicht zu einer Maschine, zu einem Sclaven herabgewürdigt wissen

will. Vor allem aber bin ich ein Freund der Ordnung. Nur der Staat kann

gedeihen, nur der König kann glücklich sein, auf welche folgende Verse

passen:+

„Wo geschützt in jeder Sphäre

Arbeit, Kunst und Wissenschaft,

Frei, im Segen der Altäre,

Ihm sein Reich zum Eden schafft.“

Diese Verse sind von dem berühmten Reinhard, französischen Gesandten am

Bundestage. Er dichtete sie zu der Krönung Carl X. Er ist todt, lebt

aber in dem Gedächtnisse aller Bieder-Männer und in der Leichenrede

fort, welche der famose Talleyrand ihm hielt, in welcher dieser sagt:

+daß die Basis der Diplomatie Redlichkeit sei+.“

„Sein ganzer diplomatischer Lebenslauf, sein zweideutiger Charakter

widerlegen diesen Ausspruch.“

„Es war eine Phrase!“ bemerkte ich.

„Wahrscheinlich!“ unterbrach mich Hippias. „Es läßt sich aber nicht

leugnen, daß Talleyrand der klügste Mann seiner Zeit war. Selbst

Napoleon wurde von ihm überlistet. Der weiseste von allen +jetzt+

lebenden Staatsmännern ist ohne Frage der Fürst Metternich.“

„Wie kannst Du das zu äußern wagen?“ fuhr ich fort, als Hippias

schwieg. „+Ein Buch, das zu Gunsten des Fürsten Staatskanzlers, von dem

der Deutsche Bund regiert wird, eine Erwähnung enthält, wird von keinem

Republikaner, keinem Anhänger des jungen Deutschlands gelesen werden!+

Ich bemerke nur dieses, weil ich, wie Du weißt, unsere Tour und unsere

Unterhaltungen niederschreiben werde.“

„Das kann mir einerlei sein. Jeder Mann, er gehöre zu welcher Partei

er wolle; er sei Aristokrat, Republikaner, Carlist oder Christinos,

Anhänger des Absolutismus oder der Constitution, ist in meinen Augen

achtungswerth, wenn er consequent in seinen Handlungen bleibt, +wenn

er sein ganzes Leben einer Ansicht widmet, und seine Grundsätze

durchzuführen versteht ohne zu niedrigen Mitteln seine Zuflucht zu

nehmen+.“

„Ihre Ansicht ist die meine,“ versetzte der Baron. „Die meisten

+politischen Ansichten werden durch Geburt, Erziehung, durch die

Umgebung gebildet; meistentheils durch den persönlichen Vortheil

bedingt+. Ein edler Republikaner ist in meinen Augen ebenso

achtungswerth, als ein guter, edler Royalist. Mir ist nur der +Egoist

verächtlich und der Intolerante+. Es ist lächerlich die guten Seiten

eines Mannes nicht anerkennen zu wollen, +weil seine politischen

Farben von den unsrigen abweichen+. Ich liebe Berryer, nicht minder

Odilon-Barrot.“

„Und nun genug Politik, meine Herren!“ rief Herrmann Bleicamb.

„Wie Hippias mir sagte, ist es heute der letzte Tag, den wir

zusammenbleiben. Darum lustig! Wir wollen uns amüsiren! Der alte Cafée

taugt nichts! Wenn man den Abend vorher viel gegessen und getrunken hat

muß man was Warmes genießen. Laßt uns zu Unbescheiden auf dem breiten

Giebel gehen. Da giebt es was um den Magen zu kuranzen! Austern,

frische Häringe, Caviar und alle Sorten Fleisch. Seid Ihr es zufrieden?“

„Warum nicht!“ antworteten wir Alle und erhoben uns.

Wir gingen über den Jungfernstieg. Es war schon sehr lebendig dort.

Unter der Menschenmenge begegnete uns die liebliche Gestalt Fräulein

Adelinens. Wir grüßten sie.

Die Physiognomie des Barons wurde finster. Wir befanden uns einige

Augenblicke darauf im Keller des Herrn Unbescheiden. Wir setzten uns

nieder. Jeder forderte, was ihm angenehm war.

Außer uns, jedoch an einem Tische für sich, saß ein großer langer Mann,

dessen Ausdruck geistreich, wenngleich maliciös war. Sein Auge war

durchbohrend. Seine Nase etwas größer, als die gewöhnlichen. In seinem

Gesichte zeigten sich deutlich die Spuren eines leidenschaftlichen

Lebenslaufes. Er war elegant gekleidet und schien ein Fremder zu sein.

Er las im Telegraphen und hatte eine Bouteille Madeira vor sich stehen.

Als wir in das Zimmer traten, musterte er uns mit einem prüfenden

Blicke, wandte ihn aber schnell von uns und nahm eine vornehme und

unzufriedene Miene an. Man konnte nicht anders, als ihn für einen

Aristokraten halten, oder für einen, der aristokratische Manieren

liebt. Weil er sich nicht um uns bekümmerte, nahmen auch wir keine

Notiz von ihm, nur Gipsy alleine heftete ihre funkelnden Augen auf ihn,

gleichsam, als wollte sie in seinen Bewegungen, in seinen Gesichtszügen

lesen, ob auch etwas Gefahrbringendes für ihren Herrn in der Gegenwart

dieses Fremden liegen könne. Nach einigen Minuten sprang sie auf, ging

auf den Fremden zu und leckte ihm die Hand, welche jener nachlässig auf

das Knie gestützt hielt. Dann kehrte sie zu ihrem Herrn zurück.

Wir ließen uns die Delicatessen des Herrn Unbescheiden vortrefflich

schmecken, mit Ausnahme des Barons, der zerstreut schien.

„Du hast es mir versprochen,“ begann ich, „mir dasjenige mitzutheilen,

was Dich beim Erblicken Fräulein Adelinens so heftig erschütterte, und

wie ich bemerke, auch heute wieder ergriffen hat.“

„Es sei darum, wenngleich die Erinnerung an diese Begebenheit eine sehr

traurige für mich ist:

An der Küste des mittelländischen Meeres liegt im südlichen

Frankreiche, im ~Departement du Var~, eine alte Ruinenstadt, Namens

Taurentum, wie man sagt von den Römern erbaut. Nur einzelne Mauern,

nur einzelne Höhlen oder ~souterrains~ bezeichnen den Platz, wo sie

stand, und die Wogen des Mittelmeers, welche diese Ruinen bespühlen,

sind wohl die einzigen verschwiegenen Zeugen ihrer vormaligen Größe.

Wenn der alterthumforschende Fremde diese Ruinen verlassen, so begiebt

er sich nach dem naheliegenden Kirchhofe St. Cyr, um von dort auf die

Landstraße zu gelangen, welche nach Toulon oder nach La-Ciotat, einem

kleinen Seehafen führt; schlägt er aber den Weg ein, welcher von St.

Cyr gerade ausläuft, so nimmt er seine Richtung durch die Besitzungen

des Grafen von Planicourt, und erreicht, nach dem Verlaufe von zehn

Minuten, das Landhaus, die Villa, oder die Bastide dieses wohlhabenden

Provençalen. Vor diesem Hause steht eine Gruppe wilder Cypressen, es

ist Alles ruhig und stille rings umher; das Haus scheint von Niemandem

bewohnt zu sein. Hier ist der Wohnsitz des Herrn Grigoir, ~Cousin~ und

~homme d’affaires~ des Grafen von Planicourt. Ich muß Euch mit dem

Charakter dieses Mannes und mit seiner Familie bekannt machen, bevor

ich die Erzählung beginne.

Monsieur Grigoir war ein Mann von 69 Jahren, groß und schlank

gebaut. Er hatte früher in der Königlichen Marine gedient, war ein

eingefleischter Carlist, und hatte sich ungefähr 40 Jahre, vor dem

Zeitpuncte, den ich erwähnen werde, in die Dienste des Grafen von

Planicourt begeben, um sich eine ruhige Retraite zu sichern. Sei es

Ueberdruß am Leben, sei es durch Widerwärtigkeiten im Leben bewirkt,

kurz Herr Grigoir war ein Menschenfeind geworden, und, das größte

Unglück, was einem Menschen begegnen kann, er hatte das Vertrauen

zu seinen Mitmenschen verloren. Nur drei Gegenstände hatten noch

Interesse für ihn: die Familie des Grafen Planicourt, die ältere

Linie der Bourbons, und die strengste Beobachtung des katholischen

Ritus. Die beiden Priester des naheliegenden Kirchdorfes St. Cyr

waren die einzigen Fremden, welche sein Haus betraten; die Messe von

St. Cyr, der einzige Ort den er besuchte, und wo er während der Zeit

des Gottesdienstes beständig auf den Knieen lag. In der Woche that

er nichts anders, als auf einem Stuhle vor dem Kamine seines Salons

sitzen und zuweilen ein altes Französisches Werk, das die Thaten der

Französischen Marine schilderte, zu durchblättern. Obgleich hoch in

Jahren, war er noch kräftig und gesund, selbst seine Zähne hatte er

sich erhalten, seine Gesichtsfarbe war röthlich, gesund; sein Anzug

bestand aus einer groben, gelblichen Jacke von schlechtem Tuche;

Pantalons und Weste waren von derselben Farbe, von demselben Stoffe.

Nur zweimal im Jahre wechselte er sein Zeug; Anfang Winters und

Anfang Sommers, wo dann ein blauer Ueberrock die Stelle der gelben

Jacke einnahm. Er trug stets eine weiße Halsbinde, Schuhe und weiße

Strümpfe. Auf dem Kopfe hatte er beständig einen weißen sogenannten

Pflanzerhut, mit ungeheuer breitem Rande, den er auch im Zimmer niemals

abnahm; unter diesem trug er auch eine seidene Mütze, die unter dem

Hute hervorsah, und auf der röthlichen Nase ein Paar silberne Brillen.

Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht zu dechiffriren; sein Blick,

soviel man durch die Brille bemerken konnte, war unstät und falsch. Um

seinen Mund bemerkte man häufig ein freundliches Lächeln. Seine Haltung

war ruhig. Dieses war der Mann, welcher das Glück hatte, der Ehegemahl

der Madame Josephine Grigoir zu sein, einer kleinen, verwachsenen, aber

klugen und lebhaften Frau, die wie er schon hoch bei Jahren war, und

sich durch drei Eigenschaften auszeichnete: sie war bigott, geizig und

von einer so unglaublichen Heftigkeit, daß sie häufig Nervenanfällen

ausgesetzt war, deren Entstehen sie den Vapeurs zuschrieb. Sie theilte

mit ihrem Manne den Haß und das Mißtrauen gegen alle Menschen. Aus der

Umarmung dieses merkwürdigen Ehepaares war ein ebenso merkwürdiges

Geschöpf hervorgegangen: Mademoiselle Fanny Grigoir. Es ist mir

unmöglich eine deutliche Beschreibung oder Charakteristick dieses, in

seiner Art, so einzigen Frauenzimmers zu entwerfen. Sie hatte braune,

glühende Augen, schwarze Augenbrauen, einen ziemlich großen Mund,

aber zwei Reihen der schönsten Zähne. Ihr Busen war voll, üppig und

von blendender Weiße; sie war klein, aber stark. Ihr Gang, ihr Wesen

war ungraciös. Jeder einzelne Zug ihres Gesichtes war schön, das

Ganze häßlich, und doch konnte sie Augenblicke haben, in welchen ein

gewisser Heiligenschein ihr einen eigenthümlichen Reiz verlieh. In

solchen Augenblicken war Mademoiselle Fanny schön. Sie hatte von ihrer

Mutter den heftigen Charakter geerbt. War sie verletzt, so war sie eine

Furie; betete sie sitzend das Pater-Noster, so war sie eine Madonna.

Die geistigen Fähigkeiten der Mademoiselle Grigoir wage ich nicht zu

beurtheilen. Sie hatte Verstand, Scharfsinn, aber zu gewissen Zeiten

erschien sie wie blödsinnig. Ihre Manieren waren die eines Kindes; als

solches wurde das 30jährige Mädchen von ihren Eltern behandelt. Ihre

Sprache war unvollkommen. Sie redete von sich stets in der dritten

Person. Aus diesem Grunde nannte man sie in der Umgegend ~la Créole~.

Sie war, wie ihre Eltern, bigott, das heißt, sie beobachtete den Ritus

der katholischen Religion, ohne die Religion zu verstehen. Mutter und

Tochter communicirten jeden Sonntag; jeden Sonnabend beichteten sie

ihrem ~pére spirituel~. Fanny Grigoir war Mitglied der ~Congrégation

du sacré coeur de Jésus et de Marie~. Jeder Procession wohnte sie bei

im weißen Kleide, mit weißem, fliegendem Schleier. War irgend ein

Wesen würdig, dem Bilde der Hochgebenedeieten zu folgen, so war es

Mademoiselle Grigoir, ~la Créole~, denn sie war unschuldig wie ein

Engel; sie hatte keinen Begriff eines sündigen Gedankens. Mademoiselle

Fanny kannte nicht den Unterschied beider Geschlechter.“

Der Fremde, welcher, wie es schien, der Erzählung zugehört hatte, stieß

ein leises, heiseres Gelächter aus; blickte den Baron scharf an, und

fuhr fort im Telegraphen zu lesen.

„Diese drei Personen waren es,“ setzte der Baron seine Erzählung

fort, „welche das Landhaus des Grafen Planicourt bewohnten. Außer

ihnen befand sich in dem weitläuftigen Gebäude nur Mlle Clairon, das

Hausmädchen, und ein großer, gelber Kater, der Liebling des Herrn

Grigoir. Ihr wißt, daß ich den Krieg in Afrika mitmachte. Ihr wißt,

wie elend ich dort wurde. Der Graf von Planicourt war ein Verwandter

von mir. Um meine Gesundheit herzustellen, bot er mir sein Landhaus in

der Provence zu meinem Aufenthalte in jenem Clima an, welches meinem

Zustande angemessen sein sollte. Herr Grigoir hatte Befehl erhalten,

mich bei sich aufzunehmen. Ich wurde dorthin gebracht. Die sorgfältige

Pflege, welche ich in jenem Hause, durch Herrn und Madame Grigoir

erhielt und meine Jugend überwanden für diesesmal die fürchterliche

Krankheit, an welcher ich litt. Im Verlauf von einem Jahre, war ich

rüstiger, stärker, sah ich wohler aus, als ich je ausgesehen hatte. Es

wird Euch sehr natürlich erscheinen, wenn ich Euch sage, daß ich nach

meiner vollständigen Wiederherstellung mein Möglichstes that, um den

braven Leuten, welchen ich durch ihre Sorgfalt mein Leben verdankte,

durch allerhand Aufmerksamkeiten, meine Dankbarkeit zu beweisen. Ich

spielte mit den Alten des Abends Domino und begleitete sie am Sonntage

in die Messe, woselbst ich ihretwegen, wenn das Glöcklein erschallte,

mit ihnen zugleich, auf meine Kniee niedersank. Ich warf mir dieses

nicht als ein Verbrechen vor. Man kann überhaupt ebensogut knieend,

als stehend, oder sitzend beten. Da Monsieur Grigoir ein weitläuftiger

Verwandter des Grafen war, so nannte ich ihn ~mon Cousin~; seine Frau

und seine Tochter ~ma Cousine~ und wurde von ihnen Allen wiederum

~mon Cousin~ genannt. Ich übersah die Eigenheiten der alten, würdigen

Leute, schickte mich in ihre Launen, und bemühte mich das zu thun,

was ich ihnen nur, wie man es sagt, an den Augen absehen konnte. Auf

diese Weise bildete sich ein wirklich freundschaftliches Verhältniß

unter uns. Es war sehr natürlich, daß meine Artigkeiten sich bis zu

Mlle Fanny erstreckten, welche bei meiner Ankunft so scheu war, daß man

sie nicht bewegen konnte in das Zimmer zu kommen wo ich war. Nach und

nach gewöhnte sie sich aber an meinen Anblick, und versuchte es erst

den lutherischen Ketzer von der Seite anzublicken; später schlug sie

ihr wirklich schönes Auge zu mir auf, wagte es mit mir zu reden und

endlich schien sie mit einer gewissen Herzlichkeit an ~mon Cousin~ zu

hängen. Dieses sonderbare Wesen hatte für mich einen eigenthümlichen

Reiz. Ich hatte nicht die geringste Idee ihr Liebe einflößen zu wollen,

aber es machte mir Vergnügen zu betrachten, wie nach und nach ihre

geistigen Fähigkeiten durch den Umgang mit mir sich entwickelten. Ich

hatte außerdem noch einen andern Zweck vor Augen. Ich wollte nämlich

versuchen, ob es mir gelingen könnte, die furchtbare Heftigkeit,

welche sie sich sogar gegen ihre Eltern erlaubte, durch den Einfluß,

welchen ich auf sie erhalten, zu mildern. Ich sprach häufig mit ihr

über Religion und suchte es ihr verständlich zu machen, daß die erste

Pflicht einer Christin Demuth und Gehorsam gegen ihre Eltern sei,

worauf sie zuletzt antwortete:

„Wenn ~mon Cousin~ das meint, so glaubt Fanny das auch und Fanny wird

es thun.“

Sie wurde wirklich folgsamer und gehorsamer. Sie lauschte jedem meiner

Worte, und war stets bereit auch den kleinsten meiner Wünsche zu

erfüllen. Den Erfolg meiner guten Absicht bemerkend, suchte ich sie

zu belohnen. Ich wurde immer freundlicher gegen sie, ich begleitete

sie, wenn sie zur Messe oder zur Vesper ging, oder brachte, wenn ich

alleine ausgegangen war, ihr eine Blume, einige Bonbons oder sonst

eine unbedeutende Kleinigkeit mit. Fanny veränderte sich ganz. Ihr

Gesicht bekam Ausdruck, sie wurde sorgfältiger in ihrem Anzuge.

Fanny fing an zu empfinden, daß sie eine Jungfrau sei. Sie erhielt

einen undeutlichen Begriff ihrer weiblichen Bestimmung. Ich war der

erste Mensch gewesen, der sie nicht als Kind behandelt hatte. Die

Liebe bemeisterte sich, ihrer selbst unbewußt, ihres Herzens. Die

Unglückliche! Was von meiner Seite nur Theilnahme, Freundschaft war,

senkte in ihr Herz die Flamme der furchtbarsten Leidenschaft. Fanny

liebte! Fanny Grigoir ~la Créole~ liebte mit der rasendsten Gewalt

eines unentweihten Herzens, mit der ganzen Gluth einer Provençale!

Fanny wurde sanft, denn ~mon Cousin~ wünschte es. Fanny wurde

arbeitsam, denn ~mon Cousin~ liebte das. Fanny bat ihre Eltern um

Vergebung, wenn sie sie beleidigt hatte, denn sie wußte es, daß sie

dadurch ~mon Cousin~ gefiel; Fanny wurde ordentlich, reinlich, denn

sie liebte ~mon Cousin~. Fanny lernte einige Wörter, wie Vater,

Mutter, Schwester, Vetter, Geliebte, Geliebter, Braut und Bräutigam

auf Deutsch sagen, denn ~mon Cousin~ war ja ein Deutscher. Wie viel

leichter wurden der armen Creolin die harten Laute der Deutschen

Sprache hervorzubringen, als Französisch zu sprechen! Sie hatte ja die

Töne dieser Sprache aus dem Munde von ~mon Cousin~ gehört! ~Mon Cousin~

war der Erste gewesen, der herzlich mit Fanny gesprochen hatte, dessen

Worte zu Fannys Herzen gedrungen waren. Wie schön, wie herrlich klangen

diese Töne dem Ohre der liebenden Fanny! Wie schön, wie weich war

nicht die Sprache ihres Geliebten, wenn er in einer fremden Sprache

sich ausdrückte, wie himmlisch mußte nicht die Sprache sein, die die

eigenthümliche, angeborne Von ~mon Cousin~ war! O, nur Eins ängstigte

Fanny! ~Mon Cousin~ war ein Ketzer, verdammt, seine Seele auf ewig

verloren, wie der ~curé de village~ ihr es sagte. Was hätte Fanny nicht

darum gegeben, wenn ~mon Cousin~ kein Ketzer gewesen wäre! Aber ~mon

Cousin~ war so gut, er war so freundlich gegen Fanny, er kniete in der

Kirche und ging mit Fanny zur Vesper. Fanny vergaß, daß ~mon Cousin~

ein Ketzer sei, Fanny vergaß Alles; sie hatte nur eine Empfindung mehr,

und diese war ~mon Cousin~...........

Fanny hatte im Vorzimmer gesessen, als ~mon Cousin~ mit ihrer Mutter

über Fanny sprach. Fanny hatte gehört, daß ~mon Cousin~ gesagt

hatte: „Freuen Sie sich nicht, Madame, daß unsere Fanny jetzt soviel

liebenswürdiger wird? Fanny ist ein hübsches Mädchen, sie hat herrliche

Augen, wundervolle Zähne und eine prachtvolle Brust. Ich bin ihr

herzlich gut.“

Fanny hatte dieses gehört. Fanny sah sich zum ersten Male im Spiegel.

Sie betrachtete sich. Sie entblößte ihren Busen, weil ~mon Cousin~

ihn prachtvoll genannt hatte. Sie trat in das Zimmer mit verschämtem

Blicke. Fanny hatte empfunden, daß sie Reize besäße. Das Tuch, welches

ihren Hals bedeckte war verschoben. Sie blickte~ mon Cousin~ unverwandt

an, und lachte, mehr als gewöhnlich, um ihre Zähne zu zeigen, denn

~mon Cousin~ hatte sie herrlich und schön gefunden. Fannys Busen hob

sich schneller als sonst, denn sie wußte, ~mon Cousin~ würde ihn

beachten. ~Mon Cousin~ erhob sich um Schlafen zu gehen. Er drückte

Fanny die Hand. Wie durchzuckte dieser Druck das ganze Sein der armen

Creolin!

Als ~mon Cousin~ fortgegangen war, machte ihre Mutter der armen Fanny

Vorwürfe, daß ihr Tuch sich verschoben habe, und daß Fanny durch die

zur Schautragung ihrer Reize vielleicht ~mon Cousin~ gegeben habe,

sündigen, fleischlichen Gedanken nachzuhängen.

Fanny weinte. Sie beichtete ihr Vergehen dem Priester, erhielt eine

scharfe Ermahnung zur Sittlichkeit und zur Ertödtung der thierischen

Begierden in ihr, und die strenge Weisung: durch Bloßstellung ihrer

körperlichen Reize nicht die Begierden der Männer zu erregen, und

sinnliche Lüste zum Genusse ihres Körpers zu erwecken.

Fanny ahnete jetzt zum ersten Male, daß es Begierden gäbe, daß ein ihr

unbekannter Genuß existire, den sie selbst zu gewähren fähig sei. Sie

machte sich bittere Vorwürfe, daß sie ~mon Cousin~ Anlaß zu sündigen

Gedanken gegeben, und verhüllte ihre Brust mit doppelten Tüchern, aber

sie freute sich innerlich, daß ~mon Cousin~ sie schön gefunden hatte.

Fanny sagte am andern Morgen:

„~Mon Cousin~, ich muß Sie um Vergebung bitten.“

„Warum, Fanny?“

„Fanny ist schuld daran, daß ~mon Cousin~ gesündigt hat, und, daß

irdische Begierden in ihm durch Fanny erregt worden sind.“

„Wie das, ~ma Cousine~?“

„Fanny hat ~mon Cousin~ ihren entblößten Busen gezeigt. Fanny freute

sich, daß er ~mon Cousin~ gefiele. ~Monsieur le Curé~ hat es Fanny

verwiesen. -- Fanny wird am Sonntage nicht die Absolution erhalten,

denn Fanny hat gesündigt und Fanny freut sich, daß sie sündigte, weil

sie ~mon Cousin~ gefallen hat.“

„Heilige Einfalt und Unschuld! Fanny muß sich trösten, denn Fanny wußte

nicht, daß sie Unrecht that.“

„Fanny wußte es nicht, aber jetzt weiß Fanny es, und Fanny wird es

wieder thun, wenn sie weiß, daß ~mon Cousin~ einen Gefallen daran

findet.“

Fanny entfernte sich. Sie ging in den Garten, pflückte eine

Orangen-Blüthe und zerblätterte sie. --

„Eine Gänseblume! Liebt er mich? Liebt er mich nicht?“ Murmelte der

Fremde in sich hinein, indem er einen forschenden Blick auf den Baron

warf, und in einer ungewöhnlichen, scharfen, aber nicht unangenehmen

Tonart folgende Worte an diesen richtete: „Um Vergebung, mein Herr!

Ihre Geschichte fängt an, mich zu interessiren. Eine Unschuld von

dreißig Jahren, Liebe, Leidenschaften, katholische Priester, das ist so

mein Steckenpferd!“ Er schenkte sich ein Glas Madeira ein, schlug den

Telegraphen zu und zündete eine Cigarre an.

Der Baron machte ihm eine leichte Verbeugung und fuhr dann fort:

„Ihr werdet aus diesem Allen den Gemüthszustand der armen Fanny erkannt

haben. In ihrem Herzen war der Kampf der Liebe mit den Vorschriften

ihres Glaubens. Die erstere siegte. Fanny wurde jetzt von Tage zu Tage

ernster; sie saß stundenlang, ohne den schönen Blick von mir zu wenden.

In ihrem Auge drückte sich ein Gefühl aus, was sie empfand, ohne es zu

kennen.

Fanny war mit ~mon Cousin~ nach St. Cyr gegangen. Die Krautkrämerin,

bei welcher Fanny ihren Hut zu lassen pflegte, hatte mit Fanny über

~mon Cousin~ gesprochen. Sie hatte ihr gesagt, daß ~mon Cousin~ vor

einigen Tagen bei ihr gewesen und für Mademoiselle Grigoir einige

Bonbons gefordert, daß er mit ihr über sie gesprochen und gesagt habe:

„Mademoiselle Grigoir ist ein gutes Mädchen, sie ist so unschuldig, daß

man sie lieben muß.“

„~Mon Cousin~ liebt mich?“ dachte Demoiselle Grigoir. Sie war entzückt.

„Wenn ~mon Cousin~ mich liebt,“ antwortete sie der Krautkrämerin, „so

glauben Sie nur, auch Fanny liebt ~mon Cousin~.“

„Die Blödsinnige!“ rief die Krautkrämerin in Gedanken. „Warum sollte er

Sie auch nicht lieben, Mademoiselle,“ fuhr sie laut fort, „wenn man Sie

mit anderen jungen Mädchen vergleicht, so sind Sie noch immer hübsch

zu nennen.“

„Das hat ~mon Cousin~ auch meiner Mutter gesagt,“ versetzte die Creolin.

„So? Ei, ei! So weit ist es schon? Was sagt aber der Herr Pfarrer dazu?

Ihr ~Cousin~ ist ein Ketzer.“

„~Mon Cousin~,“ erwiederte Fanny, „ist ~mon Cousin~, das sei Ihnen

genug, Madame.“

Mademoiselle Fanny Grigoir entfernte sich im heftigsten Zorne von der

Krautkrämerin. Am selbigen Abend wußte ganz St. Cyr, daß Mlle Fanny

Grigoir, oder die Creolin, in den Deutschen Baron verliebt sei, daß er

sie wieder liebe.

An demselben Abend sagte Mlle Fanny ihrer Vertrauten, der Mlle Clairon:

„Clairon! ~mon Cousin~ liebt mich!“

„Sie sind ein Kind,“ versetzte jene. „Was wissen Sie von Liebe?“

„Ich bin ein Kind!“ dachte Fanny bei sich, „aber ich liebe ~mon

Cousin~!“ Die Creolin hatte dieses Mal die erste schlaflose Nacht. Sie

fühlte sich beengt. Sie empfand die Sehnsucht nach einem Gegenstande.

Sie wünschte, ~mon Cousin~ bei sich zu haben. Das Zimmer von ~mon

Cousin~ war dicht bei Fanny ihrem an. Fanny horchte auf. Sie vernahm

die Schritte von ~mon Cousin~, sie hörte ihn singen. Fanny vergaß ihr

Gebet.

„So nah ist ~mon Cousin~ bei mir?“ fragte Fanny sich leise. „Warum ist

er nicht ganz bei mir? Wäre es eine Sünde, wenn er bei mir wäre? Aber

~mon Cousin~ ist ein Mann? Schlafen Vater und Mutter nicht in einem

Zimmer? Ist Fanny ihr Vater nicht auch ein Mann? Ist ein Mann denn

etwas so Fürchterliches? Es kann nicht sein, denn ~mon Cousin~ ist ein

Mann!“

Gegen Morgen schlief Mlle Fanny Grigoir ein. Ihr träumte von ~mon

Cousin~, sie hielt ihn im Traume umfangen.

Am nächsten Sonnabend blieb Madame Grigoir länger, als gewöhnlich in

der Beichte. Endlich kam sie erschöpft und erhitzt zu Hause. Der ~Curé

de village~ hatte ihr das Gewissen geschärft, sie auf den gefährlichen

Umgang ihrer Tochter mit ~mon Cousin~ aufmerksam gemacht, und ihr zu

verstehen gegeben, daß sie Alles aufbieten müsse, um den Ketzer zu

entfernen und die sündige Neigung ihrer Tochter zu ihm zu vernichten.

Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie die Pflichten einer echt

katholischen Mutter nicht befolge. Madame Grigoir war außer sich. Bei

der Krautkrämerin erhielt sie einen Nerven-Anfall, weil diese ihr

sagte, Mademoiselle Fanny habe ihr gesagt, daß sie den Deutschen Ketzer

liebe.

Dieser Abend verging sehr unangenehm. Am andern Morgen war Madame

Grigoir mit ihrer Tochter und dem Mädchen in der Kirche. Herr Grigoir

und ich waren alleine zu Hause.

„Guten Morgen, ~mon Cousin~,“ sagte ich, in das Zimmer tretend.

Herr Grigoir erhob sich von seinem Sitze, und sagte in einem traurigen

Tone:

„Es ist etwas sehr Unangenehmes vorgefallen, ~mon Cousin~.“

„Was? Ist Ihre Frau Gemahlin nicht wohl?“

„Das nicht! Aber wir müssen uns trennen, ~mon Cousin~. Die infame Welt

--“

„Nun, was ist es?“

„Die Leute sagen, Sie liebten meine Tochter, sie liebte Sie. Der

Ruf meiner unglücklichen Tochter ist zernichtet. Sie kennen nicht

dieses Otterngezücht. Ist ein Wort gesprochen, so wird es schneller

weiter getragen, als die Feder vom Winde. ~Mon Cousin~, wir müssen

uns trennen! Wer steht mir dafür, daß man nicht auch sagen würde, Sie

machten meiner Frau die Cour!“

„Ihrer Frau? Wie wäre das möglich?“

„Alles ist möglich in dieser Welt,“ versetzte Herr Grigoir.

„Unglücklicher Vater, der ich bin!“

Nach dieser Unterredung wurde ausgemacht, daß ich mich nach einem

andern Orte begeben solle. Ich willigte gerne ein. Der häusliche Friede

war gestört. Wo Mißtrauen herrscht, da ist kein Glück mehr zu finden.

Herr Grigoir verließ uns denselben Abend, um in Toulon Alles zu meiner

Abreise vorzubereiten. Ich blieb mit Madame Grigoir, ihrer Tochter und

Clairon allein zu Hause. Wir aßen zu Abend. Fanny war ihrer selbst

nicht mächtig. Mit dem Ausdrucke der glühendsten Leidenschaft hing sie

an meinen Blicken. Sie verschlang jedes meiner Worte. Sie war furchtbar

aufgeregt. Mit zitternder Stimme sagte sie mir gute Nacht.

Madame Grigoir, Clairon und ich begaben uns in verschiedenen Zimmern

zur Ruhe. Es war eine mondhelle Nacht; die schwarzen Cypressen vor dem

Hause erschienen in gespenstischer Beleuchtung wirklich unheimlich.

Ich war eben im Begriffe einzuschlafen, als die Thüre aufging und eine

Gestalt in das Zimmer trat.

„Wer ist da?“ rief ich erschreckt.

Die Gestalt nahte sich meinem Lager. Ich erkannte die unglückliche

Fanny! Mit fliegenden Haaren, und in ein leichtes Nachtgewand gehüllt

schritt sie vorwärts. Sie sank auf mein Bett nieder und umschlang mich

in wüthender Umarmung.

„Großer Gott! Fanny!“ rief ich aus. „Was thun Sie? Um Gotteswillen

eilen Sie fort.“

„~Mon Cousin, -- je vous aime!~“ War das Einzige, was die Unglückliche

sprechen konnte. Sie blieb einige Augenblicke an meinem Herzen liegen.

„Fanny, ~ma Cousine~,“ sagte ich, „der Schritt, den Sie thaten ist

unverzeihlich. Gehen Sie! Möge der Gott der Liebe Ihnen verzeihen, was

Liebe Sie wagen ließ.“

„~Dieu!~“ schrie sie auf einmal. „Meine Seele ist verloren! O, heilige

Mutter Gottes, Du verläß’st mich!“

Fanny verließ mich weinend. Sie verließ mich, wie sie gekommen war,

rein, unbefleckt, aber ihre moralische Unschuld war verloren. Fanny

hatte gegen den heiligen Geist gesündigt. --

Die Folgen dieses nächtlichen Besuches konnte ich voraussehen. Fanny

mußte denselben beichten. Ich wußte vorher, daß man mir die Schuld

aufbürden würde, daß man nicht an die Unschuld Fannys mehr glauben

würde. Wie ich es vorausgesehen, traf es ein. Ich reisete nach

Barcelona. Verließ Fanny in Thränen gebadet und betend. In Barcelona

erhielt ich einen Brief meines Verwandten, des Grafen von Planicourt,

in welchem er mir die bittersten Vorwürfe machte, die Familie

des braven Herrn Grigoir entehrt zu haben. Er kündigte mir seine

Freundschaft auf. Umsonst schrieb ich Briefe über Briefe. Ich erhielt

keine Antwort. +Der Schein war gegen mich. Während ich die größte

Selbstüberwindung bewiesen, deren ein junger, kraftvoller Mann fähig

ist, wurde ich des schwärzesten Verbrechens angeklagt!+ --

Was aus der unglücklichen Fanny geworden, weiß ich nicht.

Wahrscheinlich ist sie in ein Kloster gesperrt worden, um +ein Vergehen

zu büßen, das sie nie beging+!

„Ihre Geschichte hat mir eine wahre Freude gemacht,“ nahm der Fremde

das Wort. „Sie haben sie gut eingekleidet. Ich bin ein Freund von

solchen Geschichten. Ich liebe das. So geht es im Leben, man wird immer

verkannt. Freilich! hier war es etwas zu entschuldigen, denn der Schein

ist in der That gegen Sie, und nur einem Arzte würde es möglich sein,

ihre Unschuld zu beweisen. Eine fatale Geschichte! Erlauben Sie mir,

ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken. Ich bin der Doctor Riem aus dem

Königreiche Hannover und habe eine besondere Vorliebe für gebildete

junge Leute mit angenehmen Manieren. Ich liebe das Aristokratische

in denselben. Ich nehme zehntausendmal lieber meinen Hut vor einem

vornehmen Mann ab, als daß ich für einen reichen Geldfilz mein Haupt

entblöße.“

„Sie sind sehr gütig,“ erwiederte der Baron. „Mit Freuden werde ich die

Ehre haben, Ihnen Bescheid zu thun. Haben Sie die Güte, sich etwas bei

uns niederzulassen. Diese Herren, sind meine Freunde. Herr Aristipp,

ein angehender Literat, Herr Hippias desgleichen, und Herr Herrmann

Bleicamb, ein Freund lustiger Gesellschaften. Mein Name --“

„Ist mir schon bekannt. Ich logire auch im Könige von Preußen; hörte

Sie gestern Abend kommen, und fragte den Lohnbedienten, wer die Herren

wären. Ich bin ein Freund aller Literaten, aller Genies, nur bedauere

ich, daß sie +so wenig+ bei uns gelten. Im Allgemeinen fehlt immer der

~nervus rerum gerendarum~, das Geld, bei den Herren. Sie verzeihen

meine Offenheit, aber ich sage immer gerne die Wahrheit, und die

Lüge nur, wenn ich muß. ~Mundus vult decipi.~ Sie sind mir schon

länger bekannt, wenigstens aus der Literatur. Ich habe Ihre Memoiren

gelesen, sie sind auch wahrhaft interessant. Ist nicht auch etwas

Poesie darin! Die Scene im Postwagen mit der Madame ~Mère~ der kleinen

übelgewordenen Brut klingt etwas romantisch, denn von einer Bank auf

die andere unbewußt zu gelangen, setzt einen fürchterlichen Stoß in

einem todtenähnlichen Schlaf voraus. Und man mögte doch wohl annehmen,

daß, was immer geschah, wachend vollbracht wurde; von solchen Stößen

wacht man auf!“

Der Doctor lachte heiser in sich. Man konnte es ihm anmerken, daß er

wußte, daß das, was er sagte, gefallen würde. Er irrte sich auch dieses

Mal nicht.

„Aber nun sagen Sie mir einmal, meine Herren, was ist Ihre Absicht?“

fuhr der Doctor fort. „Schriftstellerei ist recht gut, aber eine

sichere Anstellung ist noch besser. Nehmen Sie mir diese Frage nicht

übel. ~Ventre Saint Gris! je ferais tou pour un homme d’esprit, pour un

gentilhommae comme il faut!~“

„Die Theilnahme eines gescheuten Mannes ist immer sehr schmeichelhaft

für uns,“ bemerkte ich. „Ich glaube aber nicht, daß Sie etwas Anders

für uns thun könnten, als, wenn sie uns einen Verleger verschafften.“

„So. Sie wollen also zusammen etwas herausgeben? Schön! Schön! Worüber

handelt denn dieses neue Werk?“

„Es sind Lebens-Ansichten.“

„Auch über Politik darin?“

„Freilich! Welcher Mann wäre heutigen Tages im Stande, ein Buch zu

schreiben, ohne das politische Capitel zu berühren?“

„Das ist wohl wahr, aber nehmen Sie sich in Acht. Die Censur ist zu

strenge. Romane, Romane, mein Herr, das ist viel besser! Kein Verleger

übernimmt gerne die Verantwortlichkeit der Herausgabe eines politischen

Werkes. Haben Sie wohl die Predigten von Sackmann gelesen? Kennen Sie

wohl Näheres über ihn? Ich wüßte einen Buchhändler, der es gerne sehen

würde, wenn man ihm einige Beiträge zu der fünften Auflage dieses

Werkes liefern würde.“

„Leider nicht. Wir wollen überhaupt gern etwas Eigenes produciren.

Meine Freunde und ich sind jetzt drei Tage in Hamburg; wir haben

Vieles gesehen und beobachtet, über manche Gegenstände geredet, und

diese Tour, welche wir machten, bin ich Willens zu beschreiben und

herauszugeben.“

„Der Teufel! Da muß man sich ja vorsehen! Sie könnten am Ende mich

auch noch mit in Ihrem Werke anführen. Ihr seid gefährliche Leute, Ihr

Literaten.“

„Das könnte wohl der Fall sein.“

„Welchen Titel wollen Sie denn Ihrem Buche geben? denn darauf kommt es

viel an.“

„Aristipp in Altona und Hamburg im Jahre 1839.“

„Steht denn die Zahl 1839 in einer engen Verbindung mit dem Inhalte des

gedachten Werkes?“

„Nein! außer, daß wir im Jahre 1839 hier waren. Hamburg oder etwas über

Hamburg thut immer schon viel.“

Der Doctor lächelte wieder heiser.

Die Unterredung wurde dadurch unterbrochen, daß ein kleiner Knabe in

das Zimmer trat, nach Herrn Herrmann Bleicamb fragte, und demselben ein

Billet mit dem Bemerken, „von seiner Frau“ überreichte.

„Ich muß fort, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief dieser,

nachdem er das Billet gelesen. „Meine Frau ist wüthend, daß ich

drei Tage ausgeblieben bin, und ist aus Aerger darüber zu früh

niedergekommen. Na! da ist auch noch ein Glück dabei! Ich hätte doch

nichts mehr für die Krabbe zu fressen gehabt! Empfehle mich meine

Herren!“

Herr Herrmann Bleicamb rannte zur Thüre hinaus.

„Ein Rabenvater!“ bemerkte der Doctor. „Jedoch hat er nicht ganz

Unrecht. Ein todtes Kind ist besser, als ein lebendes, das man nicht

ernähren kann. Ich warne einen Jeden sich zu verheirathen. Hat der

Priester einmal den Segen gesprochen, so tritt der Unsegen ein. Die

Frau hat Rechte und weiß sie geltend zu machen.“

„Ich bin der entgegengesetzten Meinung,“ nahm der Baron das Wort.

„Ich glaube, daß nur dann der Mensch zur Ruhe kommt, wenn er eine

liebenswürdige, und verständige Gefährtin des Lebens gefunden.“

„Das glauben Sie jetzt -- Sie werden später anders sprechen. Ich bin

froh, daß ich mir ein Paar vom Halse geschafft habe, die mir noch jetzt

Geld genug kosten. So leicht lasse ich mich nicht wieder fangen! Wozu

soll es auch? Ist denn die Ehe etwas anderes, als die privilegirte

Erlaubniß, mit einer Frau sich den irdischen Genüssen hingeben zu

dürfen? Wozu soll der Priester dazu seinen Segen hergeben? Ich lobe

mir ein Serail! Die Monotonie der Ehe langweilt. Ueberdieß trifft man

unter 10000 Frauen, gewiß 1000 Untreue an, während man unter 100000

Maitressen oder Geliebten kaum 1000 Untreue antreffen wird.“

„Kann sein. Ich aber bin der Meinung, daß, wenn die Frau untreu wird,

dieses lediglich die Schuld des Mannes ist, und ebenso umgekehrt.

Ein zartes, inniges, glückliches Verhältniß kann ich mir nur unter

~zwei christlichen~ Eheleuten denken. Ich verabscheue den Gedanken

an Vielweiberei. Es würde mir nicht möglich sein, meine Liebe unter

mehrere Frauen zu theilen; wenn ich es könnte, würde ich mich selbst

verachten.“

„Sie nehmen die Sache sehr ernst,“ meinte der Doctor.

„Alles, was Ordnung, die Gesetze und das Heilige, wie das Religiöse

anbetrifft, nehme ich immer ernst.“

„~Chacun a son gout!~ Verbrennen Sie sich nur erst einmal die Finger,

und sie werden wohl einige andere Ansichten über die Ehe bekommen.

Der Engel, den Sie in der Geliebten anbeten, wird zu einer rasenden,

schnaubenden Megäre. Ihre Freiheit ist verloren. Das Auge der

Eifersucht bewacht Sie schärfer, als alle Bediente der heimlichen

Polizei. Sie werden unschuldig verdammt. Keine Entschuldigungen werden

angenommen, Vernunftgründe und Beweise gelten nichts. Das Weib in

seiner Eifersucht verliert den Verstand und tritt mit geschwungenem

Stahl vor das Bette ihres Mannes, wenn der geringste Schein einer

erträumten Schuld auf ihm haftet.“

„Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben. In der Ehe ist es aber

auch Pflicht selbst den Schein zu meiden, und können wir es den Frauen

verdenken, wenn sie, nur dem Einzigen angehörend, nur für ihn lebend,

athmend, betend, auch von ihm verlangen, daß er ihr nur angehöre, nur

sie liebe, nur ihr treu sei?“

„Mit diesen Ansichten kommen Sie nicht durch. Ich gratulire zum

Pantoffel im Voraus.“

„Meinetwegen!“ versetzte der Baron lachend. „Ich fürchte ihn nicht.

Ich habe bisjetzt nur das Glück gehabt lauter edle und vortreffliche

Frauenzimmer gekannt zu haben, und die ich mir erwähle, wird hiervon

keine Ausnahme machen.“

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig,“ sprach ich. „Wie steht

Fräulein Adeline in Verbindung mit Deiner Avantüre in der Provence?“

„Wie ich sie so stille, so traurig sitzen sahe, dachte ich an die

Unglückliche, die auch durch Liebe unglücklich geworden. Außerdem

erinnerten mich ihr schönes, braunes Auge, ihre schwarzen Augenbrauen

an Fanny. Mögte der, den Adeline liebt, sie beglücken, wie sie es zu

verdienen scheint!“ --

„Ist Herr Hippias, welcher vor drei Tagen bei Madame Grünbein in

Ottensen angekommen, hier?“ fragte die ziemlich rauhe Stimme eines

Hamburger Polizeibeamten.

„Der bin ich. Was soll es?“

„Hier ist ein Brief an Sie. In der Vorstadt St. Pauli hat sich diese

Nacht ein Freuden-Mädchen erhängt. Die Polizei fand diesen Brief unter

Ihrer Adresse bei ihr. Die Direction ersucht den Herrn Hippias ihr

Auskunft über diesen Vorfall zu geben.“

Der Polizeibeamte ging.

Hippias erbleichte. Er ergriff den Brief, erbrach das Siegel, und las

mit zitternder Stimme:

„Du hast mir Ehre, Unschuld, Alles geraubt! Durch Dich kam ich in

dieses verfluchte Haus! Jahrelang habe ich die Stimme des Gewissens

betäubt! Jahrelang habe ich die Neigung zu Dir bekämpft! Ich war

ein öffentliches Mädchen geworden, aber kein gemeines. Ich empfand

nichts bei den Umarmungen der Männer, denen ich mich hingeben

mußte. Dich! Dich! nur liebte ich. Ich hatte nur einen Wunsch, Dich

wiederzusehen; durch Dich aus der Höhle des Grauens befreit zu

werden! Ich sah Dich wieder -- schöner, als je. Alle Erinnerungen

meiner glücklichen Zeit, der paradiesischen Zeit, die ich mit Dir

verlebte, stiegen wieder in mir auf. Ich war Deiner nicht mehr

werth, das wußte ich wohl. Ich hatte Dich angefleht nur einmal am

andern Tage vor meinem Hause vorüberzugehen! Ich traute Deinen

Worten, daß Du kommen würdest, mich zu erlösen! Zwei Tage sind

vorüber, ich sah Dich nicht! Ich stürzte nach Deinem Gasthause.

Man sagte mir, Du seist in drei Nächten nicht zu Hause gewesen.

Man glaubte, Du seist abgereiset. Ich bat um die Erlaubniß, das

Zimmer zu sehen, welches Du bewohnt hättest. Man warf mich zur

Thüre hinaus. Hippias! Einzig, ewig Geliebter meines Herzens!

Scheußlicher, grausamer Mann! Ich sterbe! Ich ende ein Leben, das

Du mir zur Hölle schufst! Von andern Menschen verachtet zu werden,

das konnte ich ertragen! Von Dir so herzlos behandelt zu werden,

bricht mir das Herz! O, die einzige kleine Bitte, nur einmal an

meinem Hause vorüberzugehen, die hättest Du wohl mir erfüllen

können! Wenn Du diesen Brief erhältst, ist es zu spät. Ich bin

todt. Möge Gott Dir verzeihen! Mir wird er und die Welt vergeben!

Was ist an dem Ende eines öffentlichen Mädchens gelegen!“

+Lieschen.+

„Bei Gott, das ist romantisch!“ rief der Doctor. „Das Mädchen hat die

Räuber gelesen und ist von der Großmannssucht ergriffen worden! Das

Ding da ist interessant! Das müssen Sie bearbeiten, Herr Aristipp.

Das ist etwas für die Leihbibliotheken! Die Erhängte auf St. Pauli!

Köstlicher Titel!“

Hippias blieb in stummer Verzweiflung sitzen. Eine Thräne rollte über

seine männlichen Wangen. Endlich sprach er:

„Es ist abscheulich von mir, daß ich den Wunsch des armen Lieschen

nicht erfüllt habe. Ich vergaß sie, trotz meiner Vorsätze, durch die

Zerstreuungen, denen wir uns hingaben. +Man sieht daraus, daß es

nicht darauf ankommt, den Vorsatz zu fassen, eine alte Schuld wieder

gutzumachen; sondern, daß man ihn auch ausführen muß. Man sieht daraus,

daß selbst ein guter Mensch, allein durch seinen Leichtsinn Schuld an

dem grenzenlosen Elende Anderer werden kann!+ Die Freude, mit Euch den

heutigen Tag zubringen zu können, ist mir, wie Ihr es denken könnt,

durch dieses traurige Ereigniß verdorben! Ich werde sogleich auf die

Polizei gehen und den Vorfall anzeigen, und alsdann abreisen. Bleibt

hier, meine Freunde! Ich habe es nöthig, mich etwas zu erholen, mich zu

sammeln, alleine zu sein. Adieu! Wir sehen uns wieder!“

Hippias drückte einem Jeden von uns schweigend die Hand. Dann ging er.

„Jede Handlung in diesem Leben, sei es eine gute, sei es eine

schlechte, trägt ihre Folgen in sich,“ bemerkte der Baron. „Sie würden

es unserm Freunde nicht verargen, Herr Doctor, wenn er diesen Fall

sich zu Herzen nimmt und Sie den Zusammenhang in dieser traurigen

Begebenheit kennten.“

„Da sei Gott für! Ich achte die Gefühle eines jeden Menschen. Ich

selbst könnte über den Tod eines Kanarien-Vogels weinen, wenn er mir

lieb wäre. Dem sei nun, wie ihm sei! Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft

gemacht zu haben, und hoffe, Ihnen nützlich werden zu können. Was haben

Sie für Plane für die Zukunft?“

„Gar keine.“

„Dann reisen Sie mit mir in das Hannoversche, wenn Sie sonst nichts an

Hamburg fesselt.“

„Durchaus nichts. Was soll ich aber dort?“

„Leben, arbeiten, schreiben und nützen.“

„Glauben Sie, daß ich +dort+ es vermögte?“

„Gewiß! Schlagen Sie ein! Mein Wagen ist gepackt. Wir werden sogleich

reisen.“

„Eine Stimme aus meinem Vaterlande ruft mich, Aristipp! Wer wäre der

Mann, der dieser Euphonie widerstehen könnte!“

„Folge diesem unwillkührlichen und richtigen Gefühle. Holstein ist nur

Deine Stiefmutter. +Die ersten Ansprüche an unsere Kräfte, an unsere

Thätigkeit, auf unsern Kopf und Arm hat stets das Vaterland!+“

„Brav gesprochen!“ rief der Doctor. „Verlieren Sie diese Ansicht

nie aus Ihren Gedanken, junger Mann. Schreiben Sie nach diesen

Grundsätzen, wenn anders Sie nicht in einer bürgerlichen Stellung

oder in Staatsdiensten Ihrem Vaterlande nützlicher sein können oder

wollen. +Hüten Sie sich aber wohl mit diesem Gefühle für das Vaterland

vor der lächerlichen Sucht, die innere Ordnung in demselben, die

Staatsmaschine durch Neuerungen oder Reformen, wie man es nennt,

verbessern zu wollen. Die Staatsmaschine mag in Bewegung gesetzt werden

oder in den Händen von wem es wolle sein -- darauf kommt es nicht so

sehr an, als darauf, daß jeder einzelne Staatsbürger nur einen Zweck

vor Augen habe, nämlich: das Bestreben durch Sittlichkeit, Mäßigkeit

und Ordnung in seinem eignen Lebenswandel, durch Gehorsam gegen die

Gesetze sich selbst zu einem würdigen Mitgliede der ungeheuren Kette

auszubilden, welche von dem Ersten des Landes bis zu dem Letzten Alle

zu einem thätigen, patriotischen Ganzen verknüpfen sollte. Die erste

Pflicht des Patrioten ist ein gewissenhafter, moralischer Lebenswandel,

eine richtige Erkenntniß seiner Position, seiner Pflichten gegen die

Menschheit und das Vaterland, und hauptsächlich das stätige Bestreben,

als edler Mann zu handeln, und nie ohne Ueberlegung zu Werke zu gehen.+

Und nun, leben Sie wohl! Sie hatten früher in mir wohl nur den

Mephistopheles erkannt. Die Erbärmlichkeit der meisten Menschen

verleiht uns nach langjähriger Erfahrung eine gewisse Bitterkeit,

eine spöttelnde Ironie, ein unnatürliches Wohlgefallen, den Menschen

schlecht und erbärmlich handeln und schildern zu sehen und zu hören.

Die innere Ansicht jedoch, die innere Stimme erwacht, sobald die

geringste Anregung von außen sie weckt. Das größte Glück, welches einem

Menschen werden kann, ist der +Umgang mit braven, edlen, rechtschaffnen

Männern+. Merken Sie sich das.“

Ich begleitete den Baron und den Doctor bis an den Wagen. Sie stiegen

ein. Der Wagen rollte fort. Gipsy flog bellend voran! -- --

Ich war allein; ich ging nach Ottensen zurück. Ich nahte mich dem

Monumente, welches die Nachwelt dem unsterblichen Dichter der Messiade

setzte. Unwillkührlich fielen mir die Worte ein, welche ich an Hippias

gerichtet, als wir vor drei Tagen unsere lustige Fahrt durch Altona,

St. Pauli und Hamburg begannen: „Klopstocks Grab wollen wir besuchen,

wenn wir zurück kommen und ernster gestimmt sind.“ Ich war ernster

gestimmt. Drei Tage waren seit jenem Augenblicke verflossen. Ich hatte

in diesen drei Tagen viel gesehen, viel angehört und beobachtet.

Ich hatte einsehen lernen, daß das Leben mit allen seinen bunten

Zerstreuungen keinen reinen Genuß, keine vollkommene Befriedigung,

gewähre; daß der Schein im Leben alles bedinge, und, daß der

Leichtsinn, einer der größten Fehler der Menschen, zum wirklichen

Verbrechen werden könne. Ich hatte eingesehen, daß der unmäßige Genuß

starker Getränke zum Wahnsinn führe; daß die Befriedigungen seiner

Leidenschaften den Menschen zum Mörder machen könne; daß Menschen,

ausgestattet mit dem brillantesten Verstande und den glänzendsten

Eigenschaften, unsäglich elend und unglücklich sich fühlten, wenn sie

von der Bahn der Sittlichkeit und Tugend abgewichen waren. Ich hatte

einsehen gelernt, daß nur Solidität und Grundsätze den Menschen achtbar

machen, und, daß es Pflicht sei, selbst den Schein eines lasterhaften

oder zügellosen Lebens zu meiden, weil es nicht möglich ist, in das

Innere des Menschen zu blicken, und der Mensch nur nach seinem äußern

Leben und Treiben beurtheilt werden kann. Ich hatte einsehen gelernt,

daß nur die Religion allein der leidenden, blutenden Seele den wahren

Trost zu spenden vermöge, daß die Verspötter der heiligsten Gefühle

selbst in meinen Augen, in meiner Achtung verlören und, daß nur

moralische Reinheit und Kraft dem Manne den reellen Werth zu verleihen

im Stande wären.

+Eine unrichtige Ansicht des Lebens gegen eine richtigere vertauschen,

sobald man die feste Ueberzeugung gewonnen, daß sie die richtige

sei, ist der Beweis einer richtigen Urtheilskraft; eine falsche

Ansicht gegen überführende Beweise und Vernunftbelege aus Starrsinn

beibehalten wollen, ist das Zeichen einer kindischen Einfalt.+ --

+Ich entsagte meinen frühern falschen Lebensansichten und entwarf mir

einen neuen bessern Plan meines geistigen Wirkens und Strebens. Ich

warf das Narrengewand eines brillanten~ aimable roué~ ab und beschloß

ein solider, thätiger Mann und ein nützlicher und ruhiger Bürger des

Staates zu werden.+

Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit · 第 9 / 9 题