„Hier ist das Tuch. Ich werde es um so lieber tragen, wenn es von so
schönen Händen gesäumt sein wird.“
„Wir müssen jetzt wohl gehen,“ meinte Herr Bleicamb. „Es ist hier zu
petit für uns Alle.“
Wir setzten uns in Bereitschaft zum Abmarsch. Wir nahmen unsere
Direktion, den Weg hinter der Reeperbahn entlang, und befanden uns bald
vor dem Cafée-Hause des Herrn Janßen.
Das Haus des Herrn Janßen, liegt wie bemerkt, hinter der Reeperbahn;
vor demselben ist ein weißes Stacket; das Haus selbst ist weiß
angeworfen, hat eine braune Hausthüre, vor welcher gewöhnlich drei
kleine Pinscher sitzen. An der einen Seite der Thüre ist in schwarzen
Lettern zu lesen: „Janßen Cafée-Haus.“ Auf der andern: „Janßen
Commissionair. Weinhandlung.“ Ich führe dieses nur an, damit jeder
Fremde, von denen es ja in dem schönen Hamburg wimmelt, sogleich
dieses Haus erkennen möge. Denn auf St. Pauli gewesen, ohne bei Janßen
gewesen zu sein, ist ebenso gut, als in Rom gewesen, ohne den Pabst
gesehen zu haben! Worin liegt nun aber dieser Anspruch des Janßenschen
Cafée-Hauses? Liegt er in der Lage des Hauses? in der prachtvollen
Bauart? in der eleganten innern Einrichtung desselben? Zeichnet
sich dieses Cafée-Haus durch bessern Wein, bessern Cafée, bessern
Punsch vor anderen aus? Diese Fragen muß ich mit einem einfachen Nein
beantworten. Wodurch verdient denn aber das Janßensche Cafée-Haus das
Lob, welches ich ihm spende? Ich will es meinen verehrten Lesern sagen:
Das Ausgezeichnete dieses Cafée-Hauses liegt: Erstens in der Person des
Herrn Janßen selbst.
Zweitens, in den hübschen und tugendhaften Schenk-Mamsellen, die man
dort findet.
Drittens, in der außerordentlichen Holländischen Reinlichkeit, die dort
herrscht.
Viertens, weil, (man verzeihe mir diese Arroganz) ich mich dort häufig
befinde, und man daher immer auf eine interessante Unterhaltung dort
rechnen kann. Da man aber in unseren Zeiten nichts anvanciren darf,
ohne die Gründe dazu zu motiviren, weil alles Leichte, Gracieuse,
Angenehme jetzt mißfällt, und nur schwerfällige Beweise gelten; so
werde ich meine Ansichten mit Gründen belegen:
~a~, ~ad~ _N^o_ 1. Herr Janßen. Wer von allen Wirthen, Gasthaltern,
Caféehäuser-Besitzern könnte sich mit Herrn Janßen vergleichen? Wer in
der ganzen Welt kennt Herrn Janßen nicht? London, Paris, Amsterdam,
der Haag, Hamburg waren der Schauplatz seiner schwindlenden Größe,
so wie seines Falles! Millionär unter dem Kaiserreiche, fuhr er mit
Achten durch die Hauptstädte der Welt. Der Sturz des Besiegers der
Welt, begrub in seinem Falle das Glück des Herrn Janßen! Doch er
verlor den Muth nicht. Aus dem Schutte seines Vermögens entstand er,
ein neuer Phönix, und London, Paris und Hamburg sahen mit bebendem
Erstaunen diesen rastlosen, thätigen, klugen, feinen, schlauen,
speculativen Geist, wie einen sengenden Kometen durch ihre Weichbilder
ziehen. Doch kein Glück ist von Bestand. Das Napoleonische seiner
Plane schien kleinlichen Gemüthern zu gewagt. Umsonst versuchte
Janßen mit glänzender Beredsamkeit die Ausführung seiner materiellen,
industriellen Pläne darzustellen, das Gelingen derselben zu versichern.
Der Muth, die Courage fehlte. Das Ungeheure der Janßenschen Plane,
des weit umfassenden, speculativen Geistes schreckte zurück. Noch
mehr, man entzog ihm die ~Fonds~, und wie die Riesen-Eiche, wenn die
Wurzel morsch wird, krachend niederstürzt -- so stürzte Herr Janßen
von seines Glückes Thron. Er verlor Alles -- aber nicht den Muth,
die Lebensphilosophie. Er fing tausenderlei an, nichts glückte. --
Nachdem Alles verloren, zog er sich nach St. Pauli zurück, etablirte
ein Cafée-Haus, wurde Commissionär. Aber der Geist des alten Janßen
ist derselbe; die Manieren des reichen Janßen, der mit Fürsten,
Königen und Kaisern zu Tische saß, der die Herzen von hundert
Prinzessinnen, Gräfinnen und Baroninnen eroberte, sind dieselben.
Da ist noch die stolze, noble Haltung; die bourbonsche Adlernase
verräth die hochstrebende Gesinnung ihres Eigenthümers, und wie in
Ludwig’s des Vierzehnten Ausdruck, Haltung und Auftreten die völlige
königliche Ueberzeugung des ~L’état, c’est moi~ lag -- so steht auf
Janßens königlicher Stirne deutlich geschrieben: „~dans ma maison,
je suis roi!~“ Janßen auf einem Thron, und er wäre der Ausdruck der
personificirten königlichen Gewalt, des Autokraten. Janßen zu Pferde,
auf einem Schimmel-Hengste, würde Frankreich ihn für den Herzog von
Guise, England für den Herzog von Cambridge halten. Janßen in seiner
Jugend muß schön gewesen sein. Noch jetzt in seinem Alter ist er schön;
seine Gegenwart fordert und erzwingt Achtung. Den Mann mögte ich sehen,
der sich an den zürnenden Janßen wagte! dann ist er der donnernde Zeus
Kronion. Mag die Welt, mag Hamburg Janßen tadeln. Mag er Recht oder
Unrecht gehandelt haben. Ich bin nicht zu seinem Richter eingesetzt,
und schließe mein Capitel über Herrn Janßen mit den Worten: +Ein Mann,
der unter allen Verhältnissen des Lebens sich gleich geblieben ist, der
mit den berühmtensten Männern seiner Zeit gelebt hat, der die Sitten
und Charactere seiner Mitmenschen so genau durchstudirt hat, der bleibt
für den denkenden Mann, den Schriftsteller, immer ein lehrreiches und
interessantes Studium des menschlichen Geistes, Herzens und seiner
Zeit.+
~b~, ~ad~ _N^o_ 2. Wenn ich die Schenk-Mamsellen im Janßenschen
Hause „hübsch und tugendhaft,“ ~par excellence~, bezeichnet habe, so
geschieht dieses aus folgenden Gründen: Es läßt sich leicht begreifen,
daß Herr Janßen, dieser Kenner des menschlichen Herzens, keine häßliche
Mädchen in seinem Hause halten werde. Daß diese Mädchen tugendhaft
+sein müssen+, läßt sich leicht aus der Menschenkenntniß des Herrn
Janßen deduciren. Er hält sie nicht für einen Geliebten, und um die
thörichten Wünsche eines Mädchens zu erfüllen, das er gut ernährt und
bezahlt. Nein! sie sollen freundlich, artig und zuvorkommend gegen
Jedermann sein, und auf das Haus des Herrn Janßen muß nichts zu sagen
sein. Er kennt die Welt gut genug, um zu wissen, wie sehr sein Haus
verlieren würde, wenn er Liebes-Intriguen statuirte. Also schon aus der
Janßenschen Politik geht es hervor, daß die Schenk-Mamsellen tugendhaft
sein müssen. Ein zweiter Grund liegt in dem Character der Madame
Janßen, einer wahrhaft edlen Frau, die mit himmlischer Geduld +ihr+
unverdientes Schicksal trägt, und die nie eine Gemeinheit statuiren
würde. Herr Janßen hält ein wachsames Auge auf seine Schenk-Mamsellen.
Jeder Fehler gegen den Anstand, gegen die feine Erziehung, wird von
ihm gerügt. Denn, sagt er: in seinem Holländischen Dialekte: „ick will
dat nich, und ~dans ma maison, je suis roi~.“ Auf diese Weise ist das
Janßensche Cafée-Haus ein empfehlungswerthes Institut für junge Mädchen
vom Lande, die den ~bon ton~, sich fein ausdrücken, graziös gehen,
liebenswürdige Manieren lernen und doch dabei, unter Verführungen aller
Art, ihre ländliche Unschuld conserviren wollen.
~c~, ~ad~ _N^o_ 3. Von einer Holländischen Familie, die in den
glänzendsten Cirkeln gelebt hat, läßt sich wohl Sauberkeit und
Reinlichkeit erwarten. So ist es auch hier. Die Fenster des Salons
des Herrn Janßen (ich kann mich unmöglich +in diesem Hause+ des
Ausdrucks: Schenkstube oder Weinstube, bedienen) glänzen wie Spiegel;
auf dem pferdehaarenen Sopha, der an der Wand der Thüre gegenüber
steht, ist kein Körnchen Staub zu sehen, ebenso wenig, als auf den
Mahagonitischen, von denen einer vor dem Sopha, der andere unter einem
Spiegel steht. Zu jeder Ecke des Sophas steht ein blankgeputzter,
kupferner Spucknapf, gefüllt mit feinem reinen Sande; die Dielen des
Fußbodens schimmern, wie gefallener Schnee und die Gläser, in welchen
servirt wird, strahlen hell, wie Krystall.
~d~, ~ad~ _N^o_ 4. Diesen Punct selbst zu motiviren, würde mich
erröthen lassen. Ich überlasse es daher Allen, die mich dort sahen und
sehen werden, ob ich in meiner Behauptung Recht oder Unrecht habe.
Nachdem ich meine Leser gänzlich von allen Eigenthümlichkeiten des
Janßenschen Cafée-Hauses „~au fait~“ gesetzt habe, so kehre ich zu
uns zurück. +Zu Uns+, d. h. zu mir, Hippias, dem Baron und Herrn
Herrmann Bleicamb. Es war schon dunkel geworden, als wir uns nach
dem Hause begaben; eine argentische Lampe erhellte den „Salon“ des
Herrn Janßen, in welchen wir eintraten. Es waren mehre Gäste dort
versammelt. Auf dem obenerwähnten pferdehaarenen Sopha saß ein
hübscher, blonder, schöngewachsener und höchst elegant gekleideter
Mann, die Guitarre im Arme -- den ich schon öfters dort gesehen,
dessen Name mir aber entfallen ist. Neben ihm saß Mlle Linon, eine
jener tugendhaften Schenk-Mamsellen. Ihr Gesicht war hübsch, die Augen
blau, groß und schön, ihr Haar, das sie gescheitelt und glatt an die
Stirne gedrückt trug, war braun, ihre Physiognomie war kindlich,
heiter, unschuldig. Sie war in einem grünen Kleide gekleidet, in der
Taille durch ein schwarzes Band befestigt; ihr ganzes Aeußere war
reinlich und ordentlich. Ihr zur Seite saß ein anderer junger Mann,
der aber mit seiner Nachbarin zur Rechten beschäftigt schien. Diese
war Mlle Thereson, gleichfalls eine Schenk-Mamsell. Diese war ein
eigenthümliches kleines Geschöpf. Sie war weder schön noch häßlich,
weder gelb noch weiß; aber lebendig, aufgeweckt und hatte etwas an
sich, das nicht zu definiren ist, aber ein unregelmäßiges Gesicht,
eine unscheinbare Person interessant erscheinen läßt. Außerdem ein
allerliebstes Mündchen und eine sanfte, wohlklingende Sprache, wie
allen Hannoveranerinnen, denn sie war eine Solche. Alsdann kamen
noch mehre Herren, die rauchten und tranken; ferner Mlle Jeannetton,
die Nichte des Herrn Janßen, eine anspruchslose, zierlich gewachsene
Holländerin, und endlich Herr Janßen selbst, der ernst mit denkender
Miene am Tische saß, mit einer grünen Mütze auf dem Kopfe, unter deren
Schirm seine Augen mit der Schnelligkeit eines Habichts die ganze
Gesellschaft controlirten; der scheinbar Nichts hörte, an Nichts
Theil nahm, dem aber kein Wörtchen, keine Geberde seiner Gesellschaft
entging. Auf dem Tische standen Gläser mit Wein gefüllt, und eine
angebrochene Champagner-Flasche.
Bei unserer Ankunft erhob sich Herr Janßen und sagte mit lächlender
Miene: „Bäter später, denn gar nicht.“
Es wurden uns Stühle gebracht. Hippias, Herr Bleicamb und ich setzten
uns. Der Baron ging in das angrenzende Zimmer, in welchem Madame Janßen
nebst ihrem Sohn, die Erstere mit weiblicher Arbeit beschäftigt,
saß, und bewillkommte diese würdige Dame. Ich bestellte eine Flasche
Champagner und auf diese Weise bürgerten wir uns in den Cirkel ein, der
sich schon vorher gebildet -- indem wir durch unsere Gläser, welche
auf den Tisch gestellt wurden, bewiesen, daß wir Sitz und Stimme an der
~Table-ronde~ hätten. Es trat natürlich, wie es immer bei der Ankunft
neuer Gäste geschieht, erst eine kleine Pause ein, die aber auch selten
lange dauert, da derselbe Zweck jeden in solche Häuser führt, nämlich:
zu genießen und fröhlich zu sein. Auf die Bitte der unschuldigen Linon,
ergriff der elegante junge Mann die Guitarre und sang im schönsten
Tenor eine allerliebste Romanze. Musik, Champagner, Gesang und
hübsche junge Mädchen stimmten uns Alle bald heiter und fröhlich. Man
stieß an, scherzte, trank und lachte. Während des Gesanges war meine
Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt worden, der mit ziemlich lauter
Stimme sich mit seinem Nachbarn, einem jungen Menschen, unterhielt.
Der Blick dieses Mannes hatte einen schmelzenden, wunderbar schönen
Ausdruck; seine hohe Stirne zeigte auf Verstand hin, und in seinem
ganzen Wesen sprach sich ein unverkennbarer Zug des Wohlwollens, der
liebevollen Gesinnungen seines Herzens aus. Dieser Schluß von dem
Aeußern auf seine innere Gemühtsstimmung wurde durch folgende Worte,
welche er an den jungen Mann richtete, bestätigt:
„Man muß jedem Menschen helfen, Wilhelm, vorausgesetzt, daß er ehrlich
sei. Man muß keinem Menschen sein Vertrauen entziehen, denn, Wilhelm,
glaube es mir, alle Menschen sind gut. Ich kann und will Dir helfen,
Wilhelm, denn ich glaube, Du hast mich lieb. Wenn Du mich nicht lieb
hättest, es wäre abscheulich von Dir! O, ich mag nicht daran denken!
Sieh, Wilhelm, die Hauptsache in diesem Leben ist die Befriedigung
der materiellen Interessen des Menschen. Um den Menschen aber in
den Stand, sie zu befriedigen, zu setzen, muß man ihm Arbeit geben,
damit er durch seine Thätigkeit in den Stand gesetzt werde, sich eine
sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Dieses muß das Hauptaugenmerk
der Regierung sein; sie muß durch Bauten, durch öffentliche Arbeiten,
durch Anlegung von Häfen, von Kanälen, von Brücken, von Eisenbahnen
ihre Unterthanen beschäftigen; denn jeder Mensch im Staate, der keine
angewiesene Thätigkeit, keine Existenz-Mittel hat, ist ein gefährlicher
Mensch. Nicht weil er schlecht von Natur ist, Wilhelm, nein, weil er
leben, essen, trinken, sich kleiden muß. Aber die Regierung allein ist
nicht im Stande, bei der jetzigen Ueberfüllung an Menschen, sie alle
anzustellen, zu beschäftigen. Daher müssen wir, wir reichen Kauf- und
Fabrikherren, ihr zu Hülfe kommen, es auf ein Paar Thaler nicht in
Anschlag bringen, wenn wir zwei oder drei Menschen mehr beschäftigen,
als wir gerade nöthig haben. Sind sie ehrlich und arbeitsam, so hilft
Gott ihnen schon weiter, wenn sie einmal rechtschaffen ins Gleis
gebracht sind. Aber ehrlich müssen sie sein. Sieh, Wilhelm, ich bin
reich; ich habe Alles erworben, aber noch diesen Augenblick, und
wenn ich jetzt sterben sollte, so kann ich sagen: ich habe mir Alles
redlich, ehrlich erworben. An meinem Vermögen klebt nicht die Thräne
eines von mir Betrogenen, eines Uebervortheilten; ich habe weder meine
Mitbrüder, noch mein Vaterland ausgesogen. Ich gewann Alles durch
meiner Hände Arbeit, durch meine Sparsamkeit, durch meine Einsichten,
und wenn Du heute nach Hamburg gehst, bin ich Dir für 100000 Mark Banko
gut, wenn ich auch keinen Pfennig in der Tasche habe. Ja! Wilhelm ich
will Dir helfen. Aber nicht wahr Du bist ehrlich -- Du hast mich lieb?“
Mit diesen Worten schloß der edle Menschenfreund seine Rede, ergriff
die Hand des jungen Mannes und drückte sie innig in die seine. Es lag
etwas unbeschreiblich Ergreifendes in dem Ton der Stimme, mit welchem
dieser Mann sprach. Während er sprach, stieg der Ausdruck seines
Gesichtes beinah zu dem einer himmlischen Verklärung; nachdem er
geendet, blieb er schweigend sitzen, ohne an dem, was um ihn vorging,
Theil zu nehmen.
Ich war neugierig, den Namen dieses Mannes zu erfahren und wandte
mich deshalb an einen Bekannten. Ich erhielt die Antwort: „Es ist ein
reicher Fabrikherr, entweder ist er verrückt, oder wenn er es nicht
ist, wird er es. Er +trinkt+.“
Diese Antwort machte einen fürchterlichen Eindruck auf mich. „Also,“
fragte ich mich selber: „Dieses seelenvolle Auge, das Liebe, Güte
und Wohlwollen strahlt, ist der Blick eines Halbwahnsinnigen? Dieses
gütige, menschenfreundliche Lächeln, das seine Lippen umspielt ist
das bewußtlose Lächeln eines Blödsinnigen? Diese bedeutungsvollen,
herrlichen Worte, die ich hörte, sind leere Phrasen eines Geist- und
Bewußtseinlosen? Unter dieser erhabenen Stirne, die das Gepräge des
tiefen Denkers trägt, kreuzen sich in gräßlicher Verworrenheit die
Reste der Lichtstrahlen einer frühern, gesunden Vernunft mit den leeren
Schattenbildern einer geistlosen Phantasie? Und die ganze geistige
Confirmation dieses Lavaters und Galls würdigen Kopfes stürzt in sich
selbst zusammen durch das Uebermaß des Genusses geistiger Getränke!“
Ich war zu bewegt -- ich ging hinaus, vor die Thüre und weinte, weinte
Thränen über den Fall dieses Mannes.
Ich mogte einige Minuten nachdenkend gestanden haben, als der junge
Mann, den der Unglückliche Wilhelm nannte, zu mir trat, und mich
folgendermaßen anredete:
„Sie haben gehört, was mein Freund mir sagte? Ich habe es wohl
bemerkt. Er hat Sie in Erstaunen gesetzt? Ich glaube es wohl. Es ist
mit dem Menschen nicht mehr auszuhalten. Gestern Abend hat er den
fürchterlichsten Spectakel in seinem Hause gemacht; er hat Alles
entzwei geschlagen. Gerufen, es gebe keinen Gott, und wenn es einen
gebe, so möge er die Treppe herunter kommen und ihn holen. Ist das
nicht lustig? Heute hat er schon wieder zuviel. Ich habe seiner Frau
versprochen, ihn heute Abend früh zu Hause zu bringen, aber es ist hier
zu gute Gesellschaft, ich will nicht gerne fort, und so laß ich ihn
trinken; denn hat er ein Glas vor sich stehen, so geht er nicht vor
Morgen früh zu Hause!“
Mein Unwille gegen den erbärmlichen Menschen war zu groß. Ich brach in
folgende Worte aus:
„Und Sie sind sein Freund? Wilhelm, nicht wahr, Du bist ehrlich? Du
hast mich lieb! Ich will Dir helfen, Wilhelm! Herr! können Sie an diese
Worte zurückdenken, ohne daß Sie vor Scham in die Erde sinken!“
Der junge Mann sah mich mit großen Augen an. Ich drehte ihm den Rücken.
Er ging. Ich hörte ihn die Worte murmeln: „Der ist wohl auch verrückt!“
Ich dachte bei mir: „+Wer ist mehr zu bemitleiden, der, welcher den
Kopf verloren, oder der, dem das Herz fehlt?+“
Ich trat wieder in den Salon. Es waren einige Veränderungen
vorgegangen. Der Baron hatte den Platz Wilhelms neben dem wunderbaren
Mann eingenommen, und unterhielt sich mit Herrn Janßen. Ich hörte
folgende Unterredung:
„Sie wissen also nichts von diesem Manne?“
„Nichts, und will auch nichts von ihm wissen. Er ist zu dumm und
trinkt zuviel. Er ist ein schlechter Kerl! Wie sind Sie zu seiner
Bekanntschaft gekommen?“
„Das will ich Ihnen erzählen. Es sind jetzt ungefähr zwei Jahre, daß
ich nach Altona kam. Ich wohnte damals in der kleinen Catharinen-Straße
bei Herrn Bockendahl, einem Manne, dessen Herz lauter, wie Gold ist,
und dessen Frau ein Engel auf Erden genannt werden kann. Eines Morgens
ging ich spazieren, und kehrte bei Carl ein, um ein Glas Bier zu
trinken. Ich mogte da wohl eine Viertelstunde gesessen haben, als ein
Mann in das Zimmer trat, den ich, an dem Orden, den er im Knopfloche
trug, bald für einen Holländer erkannte. Sie wissen ich bin Legitimist,
Sie kennen meine Vorliebe für die braven Holländer. Ich redete den
Mann auf Französisch an, und erfuhr bald, daß er ein Holländer, ein
Holländischer Hauptmann sei und eine Kugel in das linke Bein erhalten
habe. Zwischen zwei Soldaten ist bald Bekanntschaft gemacht. Der
Capitän war ein braver Legitimist, wie ich. Kein Wunder, daß wir uns
convenirten. In kurzer Zeit wußten wir Beide, wer wir waren. Ich erfuhr
durch ihn, daß er Familien-Verhältnisse wegen Holland verlassen, zu
einer der bedeutendsten Familien seines Landes gehöre, mit derselben
sich aber überworfen und nun sich in Hamburg niedergelassen habe.
Außerdem gab er sich mir, als ~Doctor utriusque juris~ zu erkennen,
und, daß er gesonnen sei, eine Zeitschrift herauszugeben, wenn er
hier Mitwirkung fände. Sie können leicht denken, daß der Mann mir
immer interessanter wurde, denn es war längst mein Wunsch bei der
Redaction einer Zeitschrift als Mitarbeiter angestellt zu werden. Ich
gab ihm dieses zu erkennen. Er schien es mit Freuden aufzunehmen,
und bei einigen Gläsern Genever wurde unsere Zeitung schnell fertig,
welcher er den Titel: „Zeitung von St. Pauli“ geben wollte. Ich muß
Ihnen übrigens gestehen, daß in dem ganzen Wesen des Doctor-Capitäns
ein großer Ernst lag; dazu kam die Holländische Gelassenheit, die
Sicherheit, mit welcher er von dem Erfolg seiner Plane sprach -- daß
ich von jeher ein unüberlegter Mensch war -- und Sie werden leicht
glauben, daß ich wähnte, meinen Mann gefunden zu haben. Wir trennten
uns sehr zufrieden Einer von dem Andern und gaben uns unsere Adressen
und auf den kommenden Tag ein ~Rendez-vous~ auf demselben Platze. Wie
vergnügt kehrte ich zu meinem Bockendahl zurück! Ich sah mich im Geiste
als Redacteur der französischen, englischen und deutschen Artikel der
Zeitung von St. Pauli! Auch Bockendahl wurde sogleich mit angestellt
und Wienbarg, Wille, Florencourt, und Flor sollten gebeten werden,
meine neue Zeitung durch literarische Mittheilungen ihrer beliebten und
glänzenden Talente zu unterstützen, denn, wie natürlich, sollte die
Zeitung ein literarisches Feuilleton haben! Die Tendenz der Zeitung,
die Raisonnements derselben sollten zwar legitimistischer Art sein,
außerdem aber eine vollkommene Toleranz der Meinungen in ihr herrschen,
damit sie sich dem Zeitgeiste anschlösse und viele Leser finden würde.
Am folgenden Tage begab ich mich nach Carl, wo ich meinen Holländer
schon vorfand. Er schien aber sehr verstimmt zu sein und schon einige
Genever genossen zu haben. Als ich erschien, heiterte sich sein Gesicht
etwas auf. Ich ließ mich bei ihm nieder. Nachdem er einige Züge aus
seiner Cigarre gezogen hatte, sagte er mir leise:
„Es ist heute Morgen schon Jemand von der Polizei hier gewesen, der
sich nach Ihnen erkundigte. Haben Sie etwas mit der Polizei zu thun? Es
ist aber einerlei, ich kenne Fischer sehr gut; es hat nichts zu sagen.“
„Ich habe in meinem ganzen Leben nichts mit der Polizei zu thun
gehabt,“ erwiederte ich. Der Holländische Doctor that wiederum einige
Züge aus seiner Cigarre, dann nährte er seinen Mund meinem Ohre und
flüsterte:
„Sie sind hier neulich dem Wirthe Geld schuldig geblieben. -- Das
müssen Sie nicht thun. Ich habe für Sie bezahlt.“
Ich sah den Mann verwundert an; weil aber Gutmüthigkeit und Dankbarkeit
ein Hauptzug in meinem Character ist, so dankte ich ihm herzlich.
„Ich helfe immer gern einem Ehrenmanne!“ war seine Antwort. „Wir
werden bald Geld genug aus Holland bekommen.“ Er rauchte weiter und
trank mit zitternder Hand ein Glas Genever.
Wir blieben noch einige Zeit dort sitzen. Alsdann schlug er mir vor,
etwas spaziren zu gehen, welches ich mit Freuden annahm. Kann man sich
ein größeres Vergnügen denken, als an der Seite eines wohlwollenden
Freundes an einem schönen Sommertage um die wundervollen Anlagen der
Hamburger Wälle zu gehen! Die schöne Natur! Die reizenden Umgebungen!
Die schwellenden Segel der Schiffe! die hohen Kirchthürme der Königin
der Meere! Alles dieses machte einen angenehmen Eindruck auf mich.
Wir gingen wohl mehre Stunden. Mein Doctor wurde immer stiller. Endlich
sprach er:
„Ich muß Ihnen was sagen. Ich bin in der größten Verlegenheit. Mein
Hauswirth hat mich grob behandelt. Ich kann dort nicht wieder zurück.
Ich habe kein Geld. -- Meine Revenüen sind ausgeblieben. Ich weiß
nicht, wo ich hin soll.“
„Aber können Sie nicht von Ihrem Consul, von Ihren Landsleuten
Unterstützung erhalten?“
„Nein, antwortete er -- das kann ich nicht. Alle Holländer, die
hier sind, sind meine Feinde; und den Consul haben sie gegen mich
eingenommen, weil sie wissen, daß ich alle ihre schlechten Streiche
kenne, die sie in Holland machten, und fürchten, ich könnte sie dem
Consul wieder erzählen. Ich war Greffier beim Tribunal in Holland.“
„Dann sind Sie wirklich in einer schlimmen Lage,“ antwortete ich. „Ich
selbst habe kein Geld und kann kaum für mich leben. Sie hatten ja aber
gestern noch so viele Hoffnungen mit der Zeitung von St. Pauli?“ --
„Ich hörte Ihren Namen, hielt Sie für reich und hoffte, durch Sie es zu
bewerkstelligen.“
„Na! dann haben wir uns Beide in einander getäuscht!“ rief ich lachend.
„Aber was soll aus mir werden?“ fragte der Doctor mit klagender Stimme.
„Ich habe kein Geld, kein Obdach, kein Essen, keine Kleidung, keine
Wäsche!“ -- Ich besann mich einen Augenblick. Dann sagte ich: „Herr
Doctor! Ich kenne Sie nicht, aber Sie scheinen ein Mann von Ehre zu
sein, obgleich es mich wundert, daß keiner Ihrer Landsleute sich Ihrer
annimmt. Ich selbst habe fast Nichts, lebe nur von der Güte meiner
Familie; aber wollen Sie das, was ich habe, mit mir theilen, so steht
es Ihnen zu Diensten. Ich kenne das Herz des Herrn Bockendahl; er wird
mir erlauben, Sie bei mir aufzunehmen. -- Ich weiß vorher, daß diese
Handlung mir verdacht wird; aber ich kann keinen Menschen in einem
solchen Elende lassen.“ -- --
„Ich merke was!“ rief mit einem Male der wunderbare Mann. „Sie
sind mein Freund! Ich kann Ihnen helfen! Ich werde Ihnen helfen!
vorausgesetzt, daß Sie ehrlich sind. Sie sind es!“
Der Baron blickte mit Verwunderung auf den wunderbaren Mann. Um die
Lippen des Herrn Janßen spielte ein sonderbares Lächeln.
„Eine Flasche Wein, Janßen!“ sagte der wunderbare Mann. „Zwei Gläser!
für mich und diesen Herrn! Die materiellen Interessen jedes Menschen
müssen befriedigt werden. Wenn man durstig ist, muß man trinken! Komm
her, Wilhelm, Du mußt mittrinken. Wilhelm! Ich habe Dich so lieb! Nicht
wahr, Du hast mich lieb? Ja! Denn Du bist ehrlich!“ -- -- --
Es entstand jetzt eine Veränderung in dem Salon Janßens. Drei englische
Schiffscapitäne nebst ihrem Steuermann traten in das Zimmer, warfen
sich auf die ersten, besten Stühle nieder, und bestellten ein Glas
~Gin and water~. Die Schenk-Mamsellen, ihrer Pflicht, gegen Jedermann
zuvorkommend zu sein, eingedenk, begrüßten die edlen Briten mit einem
Kugelregen ihrer Blicke. Eine anderweitige Unterhaltung war leider
nicht möglich. Denn die hochherzigen Söhne Albions hatten es in der
Verachtung „+alles Fremden+“ so weit getrieben, daß sie sich nie hatten
entschließen können, eine fremde Sprache zu lernen. Die Augensprache
und einige kräftige ~God damns~ oder ~God bless my soul!~ mußten das
Ihrige thun. Die Augen wurden daher in Bewegung gesetzt, und da sie
von dem eigenthümlichen Feuer einiger vorhergenossener Bouteillen
Portwein glühten, so richteten sie ein höllisches Feuer auf die Reize
der liebenswürdigen Schönen, vor welchem jedes andere Mädchen die
Augenlieder gesenkt, und zurückgebebt haben würde. Dieses war aber
keinesweges bei den tugendhaften Schenk-Mamsellen der Fall. Englische
Schiffscapitäne sind gewöhnlich gut mit Geld versehen, trinken gut
und kehren in der Regel immer wieder da ein, wo sie sich einmal gut
gefallen haben. Drei vortreffliche Eigenschaften, die man stets
berücksichtigen muß. Die drei jungen Schönen bereiteten sich daher zum
Angriffe auf die Herzen der tapfern Seemänner vor. Die unschuldige
Linon zog die Flagge jungfräulicher Empfindsamkeit auf, richtete den
schönen Blick auf eine Rose, welche sie in der Hand hielt, und von Zeit
zu Zeit auf den dicksten der drei Seelöwen, welcher mit starrem Auge
dies liebliche Bild betrachtete, und endlich entzückt auf englisch
ausrief: ~God damn!~ Sie sieht gerade aus wie eine Engländerin!“
Die muntere Thereson schritt direkt zum Angriff, den sie auf den
jüngsten und lebendigsten der drei Engländer dirigirte, warf sich mit
liebenswürdiger Nachlässigkeit auf den neben demselben stehenden Stuhl
-- sah ihn lange schalkhaft mit ihren klugen Augen an und sprach dann
auf das Glas zeigend: „Trink Sir! Meine Gesundheit, Sir!“
Mlle Jeannette aber ergriff die Guitarre und sang mit einer angenehmen
Stimme die Liebe des ~vaillant Dunois~ zu der schönen ~Gabrièle~.
Wir waren indessen lange genug dort gewesen; ich gab daher meinen
Freunden ein Zeichen. Wir erhoben uns von unseren Sitzen, sagten Janßen
gute Nacht und entfernten uns.
Auf der Straße blieben wir einige Augenblicke stehen.
„Wohin, jetzt?“ fragte ich.
„Wohin Sie wollen,“ entgegnete der Baron.
„Mir gleich!“ sprach Herrmann Bleicamb.
„Führe uns,“ sagte Hippias. „Vergiß aber nicht, daß ich den Clemens
Gerke sehen will.“
„Es ist nicht mehr ganz früh,“ sprach ich, die Uhr betrachtend. „Wir
könnten freilich einige Häuser von hier bei Kittel einkehren. Wir
würden dort eine sehr schöne Frau, ein gutes Glas Wein und Englische
Zeitungen finden. Wir haben aber schon genug getrunken! Darum vorbei!
-- Einige hundert Schritte weiter, und wir würden die Wahl zwischen
Carl und dem Trichter haben. Es ist freilich Alles recht gut in
diesen Häusern, wir haben aber schon Alles genossen, was wir da
finden können. Der Trichter ist freilich eins der berühmtesten und
besuchtesten Cafée-Häuser, weil er in der Mitte zwischen Altona und
Hamburg liegt. Ich wenigstens kann nichts Anderes finden, wodurch er
sich vor den übrigen Cafée-Häusern auszeichnete. Ich liebe nicht diese
Menschenmassen; am wenigsten hier. Man glaubt in einer solchen Masse
sich zu verlieren, unbemerkt zu sein; spricht frei und offen, und man
wird bemerkt, jedes Wort gehört und weiter getragen. Wir könnten jetzt
noch zu Risch in die Elb-Halle gehen, wo wir eine vortreffliche Musik,
einen aufmerksamen Wirth, gute Kellner finden würden. Schon aus dem
Grunde, weil der Wirth ein braver Schweizer ist, müßten wir hingehen.
Wir würden dort aber zu lange bleiben, weil es dort zu angenehm ist.
Ich schlage daher vor, weil Hippias darauf besteht, den berühmten
Dichter zu sehen, sogleich nach den +Vier Löwen+ zu gehen.“
Der Vorschlag wurde gebilligt. Unser Droschkenkutscher, der sich kluger
Weise in unserer Nähe gehalten hatte, rasselte auf einen Wink von mir
herbei. -- Bald saßen wir im Wagen und nach einigen Minuten hielten
wir vor den Vier Löwen, stiegen aus und traten in den hellerleuchteten
Tanzsaal dieses Locales.
Ich muß es der Einbildungskraft meiner Leser und Leserinnen überlassen,
sich den Tumult, das Leben und Treiben in einem öffentlichen Hause zu
denken. Wir blieben so kurz, als möglich dort, sahen Herrn Clemens
Gerke, und schlugen unseren Pfad nach der Allee ein, welche zum
Trichter führt. Wir wandelten sie mehre Male auf und nieder. Ein sehr
elegant gekleidetes Frauenzimmer schien unsere Schritte zu verfolgen
und wußte es so einzurichten, daß sie endlich Hippias mit dem Arme
berührte. Er bat um Entschuldigung. Das junge Mädchen blieb stehen und
redete ihn folgendermaßen an:
„Sie sind wohl ein Fremder, mein Herr?“
„Ja wohl. Und woher sind Sie?“
„Ich bin allerwärts und nirgends zu Hause, und jetzt in den Vier Löwen.
Waren Sie nie in Hamburg?“
„Ja wohl, mein Kind.“
„Hatten Sie nicht Verwandte in Uetersen?“
„Auch das. Doch warum?“
„Hatten Sie auch eine Tante, die dort wohnte?“
„Die hatte ich und habe sie noch.“
Das Mädchen schwieg einen Augenblick. Sie ließ die Arme an ihre Seiten
niedersinken. Sie zitterte am ganzen Körper. Dann sprach sie mit
bebender Stimme:
„Erinnern Sie Sich der Wiese, welche hinter dem Hause Ihrer Tante lag?“
„Sehr gut.“
„Es waren dort zwei Hügel, auf welchen drei Eichen standen. Erinnern
Sie Sich das?“
„Auch dessen erinnere ich mich.“
„Kommen Sie, Herr Hippias,“ sprach das Mädchen. „Kommen Sie. Ich habe
Ihnen etwas zu sagen.“
Sie ergriff Hippias am Arm und schlug einen Seitengang ein. Wir blieben
verwundert stehen.
„Ich bin neugierig, wie das enden wird,“ sagte ich zu Bleicamb.
„Nichts! eine gewöhnliche List, Fremde an sich zu locken.“
„Wir werden das Ende dieser Aventüre schon erfahren!“ rief der Baron.
„Während dieser sentimentalen Promenade des Herrn Hippias, können wir
hier auf und abpatrouilliren, und uns vom schönen Wetter unterhalten.“
Wir gingen darauf wohl eine halbe Stunde auf und nieder. Endlich
erschienen Hippias und das junge Frauenzimmer wieder.
„Ich überliefere Ihnen hier ihren Freund wieder,“ sprach sie, indem
sie eine leichte Verbeugung machte. Dann ergriff sie Hippias Hand und
sprach mit einem namenlosen Ausdrucke:
„Gehst Du auch Morgen hier vorüber? Gewiß? nicht wahr? Das schlägst Du
mir nicht ab? Ich stürbe, wenn Du es nicht thätest!“ --
„Sei überzeugt davon.“
Das Mädchen entfernte sich.
„Du bist lange ausgeblieben,“ sprach ich.
„Gute Geschäfte gemacht?“ Fragte Herrmann Bleicamb.
„Fragt mich hier nicht,“ antwortete Hippias ernst.
„Laßt uns weiter gehen. Ich bin ermattet und angegriffen,“ sprach er
weiter.
„So laßt uns zu der Heitmann gehen und dort Austern essen und Porter
trinken. Auch können wir dort Mondenschein vom Balcon schlürfen,“
schlug der Baron vor.
„Ich bin dabei! Wir wollen jetzt sentimental werden!“ rief Herrmann
Bleicamb.
Wir richteten unsere Schritte nach der ~London-Tavern~. Der Mond
leuchtete unsern Schritten. Wir waren bald dort; schritten durch die
Billiardsstube, dem großen Saale, dem Balcon zu. Dort angelangt,
setzten wir uns nieder, und bestellten Austern und Porter. Das
Geforderte erhielten wir schnell.
Der sanfte Mondenschein, die dicht vor uns fließende sanft bewegte
Elbe, die vor uns liegenden Inseln derselben, die in Nebel gehüllten
Gestade des Hannoverschen, das Vorbeigleiten einer verspäteten
Barke, das dumpfe Läuten aus den vor Anker liegenden Schiffen, der
melancholische Ton des einförmigen Liedes eines wachthabenden Seemannes
-- Alles dieses machte einen feierlichen Eindruck auf uns. Stiller und
ernster, als wir Alle, war aber Hippias.
„Es muß Dir etwas Außerordentliches mit dem Mädchen begegnet sein,
Hippias, dürfen wir es wissen?“ fragte ich.
„Warum nicht. Wenn gleich es nichts Außerordentliches, und gewiß schon
einem Jeden von uns arrivirt ist, so kann ich nicht leugnen, daß dieser
Vorfall einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat, und ich würde
nicht werth sein, ein Mensch zu sein, wenn dieses nicht der Fall wäre.“
„Du machst mich begierig.“
„Erzählen Sie,“ sagte der Baron. „Wenn es etwas Interessantes ist,
etwas Rührendes, so konnten wir keinen schönern Platz, um es zu
vernehmen, wählen. Die Nacht, welche Alles in unsicheren Conturen
zeigt, regt ohnehin das Gemüth, die Phantasie auf, streift das Grelle,
ich mögte sagen, das Rohe des Tageslichtes ab, und läßt uns selbst das
Gewöhnliche ungewöhnlich, geheimnißvoll erscheinen. Wenn nun auch das,
was Sie uns mittheilen wollen, bei Lichte besehen, etwas Alltägliches
ist, so befinden wir uns jetzt und hier gerade in einer Stimmung,
um demselben die schöne Seite abzugewinnen. Mag man mich für einen
Nachtschwärmer halten; ich halte es mit der Nacht, und gewiß verdanken
wir nur ihr die schönsten Gebilde, welche menschliche Phantasie schuf,
welche ein menschliches Herz durch die Hand und die Feder auf das
Papier hauchte.“
„Und nun wieder vorby!“ rief Herrmann Bleicamb, eine fette Auster
verschlingend. „Wenn Du mit deinen schönen Redensarten fortfährst, so
bekommen wir nichts von der Geschichte zu hören. Nun, Herr Hippias, wie
war denn das so eigentlich?“
„Sie wünschen die Geschichte zu hören, meine Herren, es sei! Ich werde
mich kurz fassen:
Es sind jetzt ungefähr funfzehn Jahre her, daß ich beschloß die Welt
zu sehen, auf Reisen zu gehen. Ich hatte vor meiner Abreise noch
einige Familien-Verhältnisse zu ordnen und begab mich daher zu einer
alten Tante, die auf einem Gute unweit Hamburg wohnte. Die Zeit meines
dortigen Aufenthaltes verlängerte sich durch einige Hindernisse, die
erst beseitigt werden mußten. Die Einförmigkeit des Landlebens fing
an mich zu ennuiren. Meine Tante war alt, ihre Zofen waren alt und
häßlich, aber die Bauermädchen waren hübsch, jung, kernig und frisch.
Einem Bauermädchen hatte ich noch nie die Cour gemacht. Das mußte ein
capitales Mittel gegen die Langeweile sein! Die Sache war aber nicht so
leicht gethan, als gedacht. Auf dem Lande herrscht mehr Religion, mehr
Sittlichkeit, als in der Residenz. Der Einfluß des braven Geistlichen
war zu groß, und überdies hatte jedes Bauermädchen seinen Schatz. Der
Teufel aber, der einem Jeden so gerne die Hand bietet, wenn er eine
Seele für sich gewinnen kann, half auch hier. Bei dem Verwalter meiner
Tante, mit dem ich zuweilen eine Pfeife rauchte, diente ein junges
Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. Sie war rein, unschuldig, wie ein
Engel. Erlassen Sie es mir, meine Herren, Ihnen eine Schilderung jener
niederträchtigen Verführungskünste, die ich anwandte, zu beschreiben.
Das arme Lieschen, so hieß das Mädchen, erlag meinen Bemühungen. Die
drei Eichen, die beiden Hügel auf der Wiese, welche hinter dem Garten
meiner Tante lagen, waren die stummen Zeugen eines falschen Eides,
einer verlorenen Unschuld. Sie blieben mehre Wochen die verschwiegenen
Zeugen einer verbrecherischen Glückseligkeit. Dann fuhr ich mit
Extrapost nach Paris. Lieschen mit Schande bedeckt, ein Kind unter dem
Herzen, lief hinter dem Wagen her und langte fast ohne Besinnung in
Hamburg an. Hier fand sie gütig-teuflische Hülfe. Das Mädchen, welches
mich anredete, war eine öffentliche Person aus den Vier Löwen -- es war
Lieschen!“
„Ich habe Ihnen, meine Herren, die Geschichte des armen Lieschen ganz
ohne alle Ausschmückung erzählt. Ich weiß, daß ihr Loos das Loos von
Tausenden ist. Ich kann es aber nicht leugnen, daß dieses Ereigniß
mich tief ergriffen hat. Nehmen Sie einmal an, was habe ich mir nicht
vorzuwerfen? Wenn wir die Sache ernst betrachten, so stehe ich da: als
ein systematischer Verführer, als ein Meineidiger, als ein Mann, dessen
Schuld es ist, daß ein Geschöpf, dem ich das Leben gab, nie das Licht
der Welt erblickte, also, als der Mörder meines eigenen Kindes; als
ein Mann, dessen Schuld es ist, daß das tugendhafteste, unschuldigste
Mädchen zur verworfensten Creatur wurde, daß er eine Seele dem Himmel
stahl und sie der Hölle überlieferte! Und ein solcher Mann darf es
wagen sein Haupt zu diesem gestirnten Himmel zu erheben? Frei und
stolz und geehrt unter seinen Mitmenschen umherzugehen, während die
Welt mit Fingern auf das unglückliche Geschöpf weist, vor ihr ausspeit,
das er allein in dies Elend gebracht hat! +Wahrlich! wenn es Strafen
in dieser Welt giebt, so sollte die schwerste den Mann treffen, der
der absichtliche Verführer weiblicher Unschuld und Tugend ist, denn
die Folgen einer solchen Verführung sind nicht zu berechnen, weder für
diese, noch für jene Welt!+“ -- -- -- --
„Ich weiß, daß die meisten unserer Weltmenschen mich auslachen werden,
wenn ich einer so ganz gewöhnlichen Geschichte eine so tiefe Bedeutung
gebe. Für mich aber hat sie sie, und mein einziger Trost besteht darin,
daß ich mein Vergehen noch so tief empfinden kann, und es so viel, als
mir möglich, wieder gut zu machen suchen werde.“
„Ich billige ganz Ihre Gefühle,“ sprach der Baron, „denn ich empfinde
sie mit Ihnen. Ich würde Sie für keinen Mann von Ehre halten, wenn
dieser sonderbare Vorfall Sie nicht tief ergriffen hätte. Das
Augenscheinliche in dieser Sache mußte Sie frappiren. Gewiß sind
wir Alle, die wir hier sitzen, nicht minder schuldig, als Sie,
aber die Folgen unserer Vergehen stellten sich nicht auf eine so
unerwartete Weise unsern Blicken dar, als Ihnen. Vielleicht bin ich
ein weit größerer Verbrecher, als Sie, denn ich griff frevlend ein
in das Heiligthum der Ehe und machte auf diese Weise zwei Menschen
unglücklich. Weil mein Opfer aber zu der höheren Gesellschaft gehörte,
so wurde es vermieden, der Welt durch einen Eclat einen Anstoß zu
geben. Man trennte sich auf eine anständige Weise; man hatte genug zu
leben, in ein Bad zu gehen, sich zu pflegen, wiederherzustellen, den
Schein zu retten, und war daher nicht gezwungen, die Lebensweise zu
ergreifen, die Ihr armes Lieschen zu ergreifen gezwungen war.
„Wenn wir nun aber eine wirklich ernste Betrachtung über diesen
heutigen Vorfall anstellen wollen, so können wir uns freuen, daß er
uns Gelegenheit zu Reflexionen giebt, in uns zu gehen, den Vorsatz zu
fassen, uns zu bessern, und, daß es in unseren Zeiten, Gottlob! so
weit gekommen ist, daß man die Solidität eines Mannes jeder anderen
glänzenden Eigenschaft vorzieht. Mit Freuden habe ich diese Bemerkung
gemacht, obgleich ich nicht meinen Vortheil dabei finde; aber gewiß
ist es: +in unseren jetzigen Zeiten wird nur der Mann geachtet, dessen
öffentliches und Privat-Leben frei von Makel ist, und dessen Grundsätze
auf der strengsten Sittlichkeit basirt sind+.“
„Du sprichst vortrefflich,“ unterbrach ich den Baron, „nur Schade, daß
das, was Du von unseren Zeiten sagst, +nicht ist+, sondern nur +so
scheint+. Gerade diese Leute, die jetzt den Ton angeben, und die ich
die anerkannten Soliditäten nenne, sind gerade die größten Heuchler und
Sünder. Ihre Solidität besteht nur +darin: sich den Schein einer Tugend
zu geben, die sie nicht haben+.“
„Thut nichts! Schon dadurch ist viel gewonnen. Der, welcher jahrelang
dem Scheine sich unterwirft, gewöhnt sich nach und nach daran, die
Lebensweise wirklich anzunehmen, welche er zuerst nur des Scheines
willen adoptirte. Es ist dann freilich nur Gewohnheits-Sache bei ihm
geworden und er kann sich es nicht als Verdienst anrechnen; aber er
giebt dem großen Haufen ein gutes Beispiel und wirkt dadurch zum
allgemeinen Besten. Laß es nur eine zehn Jahre hindurch allgemeine Mode
sein, +tugendhaft zu scheinen+ und wir werden in den nächsten zehn
Jahren +tugendhaft sein+. Ebenso wie die jungen Männer jetziger Zeit
den Studien obliegen müssen, um ein gutes Examen zu machen, und nur
+dadurch+ ein Amt zu erhalten im Stande sind; ebenso werden sie es auch
vermeiden, öffentliche Aergernisse zu geben, wenn sie wissen, daß ihnen
durch sie die Häuser des ~bon ton~ verschlossen werden, und ihnen die
Aussicht auf Beförderung genommen wird.“
„Ich höre Dir mit Vergnügen zu,“ sprach Bleicamb. „Du hast eine große
Aehnlichkeit mit einem Wegweiser.“
„Wie das?“
„Nun, Ihr zeigt Beide den rechten Weg und geht ihn nicht.“
„Das ist noch der beste Witz, den Du heute Abend gemacht hast. Er kam
wohl aus Deinem Magen? Denn dem Anscheine der Austerschaalen nach, die
auf Deinem Teller liegen, muß er voller sein, als Dein Kopf.“
„Auch gut! Und nun wieder vorby!“
„Es wird aber wohl jetzt Zeit sein uns zur Ruhe zu begeben,“ sprach
ich. „Wenn Du nichts dagegen hast, Baron, so finde Dich morgenfrüh um
elf Uhr im Trichter ein. Wir wollen uns dort weiter expectoriren, und
dann mit Hippias nach Hamburg gehen. Wollten Sie auch von der Partie
sein, Herr Bleicamb, so würde es mir und meinem Freunde sehr angenehm
sein.“
Mein Vorschlag wurde angenommen. Wir begaben uns nach Hause.
2.
Zweite lustige Fahrt.
Der Trichter. Der Lieutenant Strober und der Capitän Lani.
Frühstück. Der Baron, Hippias, Herr Herrmann Bleicamb und Aristipp.
Physiologische Definitionen. Gespräche über Gretchen, Lieschen,
Faust. Die diabolische Natur und die Erbsünde. Rede des Barons
gegen die Franzosen. Würdigung des deutschen Volkes. Promenade vor
dem Trichter. Volk, Volksgedränge. Parallele zwischen dem Grafen
Blücher-Altona und einem Tyrannen. Das Joachimsthal. Geschichte
des Barons und des Herrn Hoyers. Hamburg und die Hamburger.
Phantasie Aristipps über die Einführung von Stiefelwichsern in
Hamburg. Nutzen derselben und Richard Savage. Das Hôtel ~de
France~. Die Familie ~Guilleaume~ und Fräulein Adeline. Die ~Commis
voyageurs~. Deutsche und Russische Ansichten über Liebe. Gespräche,
Räthsel, Calembourgs. Der Jungfernstieg. Der Alster-Pavillon.
Rückerinnerungen an Fr. Wille, Franz von Florencourt und Dr.
Wienbarg. Vertheidigung der Emancipation der Israeliten, basirt
auf Stellen aus der heiligen Schrift. Der Graf ~d’ Espagne~ und
die falschen Zähne des Herrn Calais. Witz eines Ditmarschers.
Legitimistische Aeusserungen des Barons. Entgegnung von Seiten
Hippias. Keller des Herrn Langewisch. Ein Hamburger Wirth. Ende
der Geschichte des Barons und des Holländischen Doctor-Capitäns.
Betrachtungen. Ansichten, Gefühlswelt.
Der Trichter liegt -- wie alle Menschen wissen, die in Hamburg waren,
-- der Reeperbahn gegenüber, und zwar in der Mitte zwischen dem Wege
von dem Altonaer nach dem Hamburger Thore. Den ungeheuren Zuspruch
den er hat, verdankt er theils dieser Lage, theils seinem geräumigen
Locale und der Güte aller jener Getränke, Speisen etc., welche man
dort erhält. Es ist nichts Seltenes, an einem schönen Sommer-Abende
Tausende von Menschen beiderlei Geschlechts, dort zu finden, die in dem
geschmackvollen Garten, auf der Gallerie um das Gebäude herum, sitzen,
die schöne Luft genießen, dem Spiele einer ausgezeichneten Musikbande
zuhören und die Vorübergehenden, Reitenden und Fahrenden betrachten.
Die gewöhnliche Gesellschaft, die man dort findet, besteht meistens
aus den Schiffs-Capitänen aller Nationen, deren Schiffe in Hamburg und
Altona vor Anker liegen und die durch ihren Besuch die Kameradschaft
mit ihrem ehemaligen Collegen, dem Besitzer des Trichters, aufrecht
erhalten. Gewöhnliche Gäste des Trichters sind außerdem einige
Officiere des Hanseaten-Corps in Hamburg, unter welchen der Lieutenant
Strober einer der interessantesten ist; der mit dem einnehmendsten
Wesen die Gabe besitzt, hinter einem guten Glase Stroberschen Bieres,
d. h. Grog von Cognac, eine angenehme Unterhaltung zu machen. Ihm
zur Seite erscheint gewöhnlich der Capitän Lani, dessen Leben reich
an Aventüren mancher Art war, und dem es bei der Geläufigkeit seiner
Zunge ein Leichtes ist, „einen ergötzlichen Faden abzuspinnen.“ Da
diese beiden erwähnten Herren durchaus keine Menschenfeinde sind,
so rathe ich einem jeden Fremden, der den Trichter besucht, ihre
Bekanntschaft zu suchen, und versichere ihm, daß er, sehr befriedigt
durch die Unterhaltung beider, dieselben verlassen wird. Zwischen den
übrigen Gästen sind diese Herren leicht zu erkennen. Der Lieutenant ist
fast immer in Uniform, sein hoher Wuchs, seine schlanke Taille, seine
römische Adlernase und der stechende Blick seiner Augen, von denen er
gewöhnlich das eine halb schließt, lassen ihn nicht leicht mit einem
Andern verwechslen. Der Capitän ist gewöhnlich in einem schwarzen
Fracke gekleidet, trägt ein Paar dunkelgraue Unaussprechliche, einen
Schnurbart; den übrigen Bart aber wegrasirt, und hat Etwas in seinem
Gesichte das Gutmüthigkeit und Schlauheit ausdrückt. Ein besonders
großer Theil seines Gesichtes bildet die Nase, welche man aber weder
eine römische, noch griechische, sondern nur, die Nase des Capitän Lani
nennen kann.
Daß man im Trichter alle Zeit- und Literatur-Schriften findet, versteht
sich von selbst. Auch ein vortreffliches Billard ist dort, auf welchem
fleißig ~à la poule~ gespielt wird. Wer aber nicht gerade ein
ausgezeichneter Meister, ein ~Monsieur Eugène~, sein sollte, der
wird dort schwerlich eine ~Poule~ gewinnen. Im Trichter findet
man zwar eine Schenke, aber keine Schenk-Mamsellen darin, wenn gleich
das Geforderte durch Personen weiblichen Geschlechtes verabreicht
wird. Diese machen aber keinen Anspruch auf jenen Titel, sondern sind
schlichte, rechtliche Bürger-Mädchen, in Hauben und gewöhnlichem
Anzuge eines ordentlichen Hamburger Dienstmädchens. In der Mitte des
Locales steht ein kupferner Ofen, dessen Röhren durch das ganze Zimmer
laufen. Das Ganze ist einfach, aber elegant meublirt. Man sieht, daß
der Geist des ehemaligen Schiffscapitäns noch nicht verschwunden ist,
denn überall herrscht Ordnung, Reinlichkeit und Sauberkeit.
Nachdem ich meine Leser auf diese Weise eingetrichtert und dem Trichter
die besten Empfehlungen gegeben habe, obgleich ich selbst nicht gerne
dort sein mag, weil ich Menschen und das Menschen-Gewühl hasse, so
ersuche ich sie, sich im Geiste im Trichter einzufinden.
Hippias und ich traten um elf Uhr dort ein. Der Baron und Herr Bleicamb
waren schon dort. Wir begrüßten uns mit den gewöhnlichen Fragen und
Antworten:
„Gut geschlafen?“
„Vortrefflich.“
„Angenehme Träume gehabt?“
„Keinen Katzenjammer?“
„Den habe ich nie.“
„Lieschen nicht im Traume erschienen?“
„Nein. Gottlob nicht!“
„Die Melancholie noch nicht vorby?“ etc.
„Meine Herren,“ sprach der Baron, „das ganze Leben dreht sich
eigentlich nur um Essen, Trinken und Weiber. Für die beiden ersten
Punkte habe ich gesorgt. Im Nebenzimmer erwartet uns ein Frühstück, so
gut es hier zu haben ist: ~Beefstakes aux pommes de terre~. Folgen Sie
mir.“
Wir gingen hinein und setzten uns.
„Es ist mir unbegreiflich, wie man so viel essen kann!“ rief Herr
Bleicamb, ein ungeheures Stück ~Beefstake~ zu Munde führend.
Wir lachten!
„Du hast wohl einen Magen gemiethet, der für Dich verdauet,“ meinte
der Baron. „Wie ich es in irgend einer Zeitschrift gelesen, so hat
man es jetzt ja so weit gebracht, sich mit irgend einem Andern in
einen magnetischen Rapport setzen zu können, dessen Magen dahin zu
bringen, daß er für einen verdauet. Ich glaube, Dein Magen würde sich
vortrefflich zu einem solchen Amte passen. Laß Dich in die Zeitung
rücken, und ein Schild vor Deine Thüre nageln, mit der Inschrift: Hier
sind magnetische Magen zu vermiethen ~à~ Stück zwei Mark ~per~ Tag.“
„Du, mach mich nicht böse! Ich esse für meine ganze Familie.“
„Verzeihe es mir! Du weißt, ich kränke Niemanden absichtlich.“
„Ich habe auch diese Erzählung gelesen,“ bemerkte Hippias, „in welcher
von diesen magnetischen Magen die Rede ist. Der Einfall ist wenigstens
neu, und da schon so viel geschrieben ist und immer geschrieben wird,
so muß man zuletzt auf das Baroqueste kommen.“
„Ich bin hierin nicht Ihrer Meinung. Je mehr wir das Baroque suchen, je
mehr entfernen wir uns von dem Wahren, dem Natürlichen,“ antwortete der
Baron. „Wie viele Dinge oder Gegenstände in, an, um uns her sind uns
unerklärlich, von denen wir uns keine Rechenschaft zu geben wissen; von
denen wir nicht wissen, wie und auf welche Art sie bewirkt werden.
Wir schreiben, wir philosophiren, wir disputiren über die
entferntesten, unerklärlichsten Gegenstände und die gewöhnlichsten
Gegenstände im Leben wissen wir uns nicht zu erklären, nicht richtig
zu definiren. Wir lachen, wir seufzen, wir weinen, wir gähnen etc.
Wenn ich Sie oder die gelehrtesten unserer jungen Literaten nun aber
ersuchte, mir eine physiologische Erklärung oder Definition des
Weinens, des Lachens etc. zu geben, würden Sie dazu im Stande sein?
Definiren Sie mir z. B.: Seufzen! -- Sie schweigen -- Sie können es
nicht. Ich selbst war vor einiger Zeit nicht im Stande dazu, weil
ich mich auch nur „unerklärliche Geheimnisse“ zu erforschen bemühte.
Zufälligerweise machte ich in einem kleinen Flecken die Bekanntschaft
eines jungen interessanten Arztes, welcher mir eines Abends folgende
Definitionen mittheilte:
Erstens. +Was ist Küssen?+ Küssen ist ein Saugen, wobei aber die
Mundöffnung plötzlich von dem Gegenstande, an den sie sich befestigt
hatte, abgezogen und, durch ein gleichzeitiges und schnelles Eindringen
der Luft von Außen her, der gewöhnliche Ton beim Küssen entsteht.
Zweitens. +Was ist Saugen?+ Saugen ist ein Anhalten des
Athems. Weder durch den Mund, noch durch die Nase tritt Luft in die
Lungen. Die Mundhöhle wird gewissermaßen luftleer gemacht; durch
eine eigenthümliche Bewegung der Zunge aber wird der luftleere Raum
vergrößert und dann dringt, durch den Druck der Luft von Außen her, das
Eingesaugte in die Lufthöhle.
Drittens. +Was ist Seufzen?+ Seufzen besteht in einem langsamen,
tiefen Einathmen, mit darauf folgenden langsamen, passiven Ausathmen
mit zitterndem Tone verbunden.
Viertens. +Was ist Weinen?+ Weinen besteht in tiefem Einathmen,
worauf dann abgestoßenes an Heftigkeit immer abnehmendes Ausathmen
entsteht.
Fünftens. +Was ist Schneuzen?+ Hier findet, damit sich viele Luft
ansammle, tiefe Inspiration statt, dann wird Mund und Nase geschlossen,
die Luft mit voller Gewalt in die Nase getrieben, und dann die Nase
plötzlich geöffnet.
Sechstens. +Was ist Lachen?+ Lachen ist die Modification der
Respiration, wobei auf ein tiefes Einathmen kurze, mit einem eigenen
Tone verbundene Exspirationen erfolgen.
Siebtens. +Was ist Schluchzen?+ Schluchzen entsteht durch eine
convulsivische, zugleich mit schneller, abgebrochener Inspiration
vergesellschaftete Contraction des Zwergfelles.
Achtens. +Was ist Niesen?+ Niesen besteht in tiefem Einathmen, worauf
dann eine heftige, abgesetzte, mit besonderem Geräusch verbundenen
Exspiration erfolgt, die durch einen Reiz in der Nase erregt ist.
Neuntens. +Was ist Gähnen?+ Gähnen besteht darin, daß die
Inspirations-Muskeln sich unwillkührlich erweitern; zugleich erweitern
sich auch die Lungen, nehmen viel Luft auf, und nachdem diese angefüllt
sind, treten die Exspirations-Muskeln in besondere Thätigkeit. Bei der
Exspiration und Inspiration öffnet sich der Mund. Dieses Oeffnen rührt
von der angestrengten Thätigkeit der Streck-Muskeln der untern Kinnlade
her.
Zehntens. +Was ist Hauchen?+ Hauchen besteht in einem willkührlichen
Ausathmen bei weiter Stimmritze und offenem Munde. Wird der Mund dabei
meist geschlossen, so wird es +Blasen+. Tritt die Luft durch eine noch
kleinere Oeffnung, so ist es +Pfeifen+; hierbei wird die Luft aber mehr
zusammengepreßt, so, daß sie mit großer Kraft hervortritt.
Ich theile Ihnen diese Definitionen nicht mit, meine Herren, um
mit einer erborgten Gelehrsamkeit zu prahlen. Wie gesagt, ich habe
dieselben von einem jungen Arzte, und wahrscheinlich sind sie jedem
Mediciner bekannt, vielleicht auch schon gedruckt. Ich wollte nur
damit beweisen, daß es so hunderttausend Gegenstände giebt, die uns
so unendlich nahe liegen, von denen wir uns keine Erklärungen geben
können, weil wir sie nicht mit Aufmerksamkeit betrachten, und, daß es
durchaus nicht nothwendig ist zu baroquen Behauptungen, Sätzen oder
Annahmen unsere Zuflucht zu nehmen, um +neu+ und +interessant+ zu sein.“
„Ich bin Deiner Meinung,“ sagte ich. „Wir haben durchaus nicht
nöthig uns das Unerklärliche erklären zu wollen. Es ist genug, nur
das Erklärliche oder Natürliche richtig auffassen und erklären zu
können, um ein großer Geist, ein bedeutender Schriftsteller zu sein.
Das Geheimnißvolle in der Natur durchdringen wollen, ist lächerlich.
~Sunt certique denique fines.~ Die Gegenstände im Leben aber deutlich
aufzufassen, zu durchdringen, die der menschliche Geist zu fassen
im Stande ist, und sich keiner Täuschung oder Illusion, hinzugeben,
das muß das Streben des vernünftigen Mannes sein. Sind wir dahin
gelangt, daß wir keiner Täuschung oder Illusion im gewöhnlichen Leben
Raum geben, so stehen wir auf der rechten Höhe. Wir verlieren zwar
viel dabei, denn so bald keine Täuschung mehr möglich ist, hört die
Phantasie auf, und das Herz verliert, was der Geist oder die Vernunft
gewinnt. Jeder körperliche Gegenstand, von diesem Gesichtspuncte
aufgefaßt, erscheint nur als Skelett, von jeder lebendigen,
freundlichen Bekleidung entblößt.“
„Das ist ein fürchterliches Anmuthen,“ versetzte Hippias. „Auf
diese Weise würde der Mann, wie er nach Deiner Ansicht sein sollte,
Mephistopheles selber sein müssen.“
„Findest Du denn diesen so gar fürchterlich? Glaube mir, es giebt
zehntausendmal ärgere Mensch-Teufel, als diesen interessanten
Goethischen Teufel! Denke Du nur an Deine Geschichte von gestern mit
Lieschen zurück. Thut Mephistopheles etwas Schlechteres, als was Du
gethan? Hattest Du nicht Freude am Bösen? Ja, hattest Du nicht mehr,
als er, den Genuß? Ich will freilich nicht leugnen, daß Mephistopheles
gewiß auch diesen mit Vergnügen sich zueignete -- aber das liegt für
ihn im Bereich der Unmöglichkeit. Die Natur des Goethischen Teufels ist
geschlechtslos.“
„Du scheinst die Teufels-Natur genau studirt zu haben. Das wußte ich
noch nicht.“
„Ich habe diese Betrachtung aus dem Munde eines Hannoverschen
Predigers, der mir die Geschlechtslosigkeit des Teufels durch die
beiden Verse bewies:
„Ja wohl, mein Freund! Ich hab’ euch oft beneidet
Um’s Zwillingspaar, das unter Rosen weidet,“
oder mit anderen Worten, die beiden Verse mir durch die
Geschlechtslosigkeit des Teufels erklärte. Der Goethische
Mephistopheles ist überhaupt weiter nichts, als +der Mensch ohne
Illusion+, der ohne Scheu, oder, wenn Ihr lieber wollt, ohne Schimpf
und Schande, das „vor keuschen Ohren nennt, was keusche Herzen nicht
entbehren können.“
„Und was ist denn Faust?“
„Faust? Das bist Du, der Baron, ich, kurz alle Menschen, denen noch der
Doctor im Leibe steckt, die das wollen, was sie nicht können und +eine
ungeheure Idee von ihrem erbärmlichen ~homo sum~ haben, die sich für
ein wundervolles Ganze halten, wenn der kluge Mephistopheles sich damit
begnügt zu sagen: „ich bin ein Theil von jener Kraft+“....“
„Und Gretchen?“
„Gretchen ist weiter nichts, als Dein Lieschen, nur, daß sie etwas
empfindsamer und katholisch war, und sich ihrer Phantasie zu sehr
überließ. Wenn Du es aber hochtrabender haben willst, so ist Gretchen
das unterdrückte Angstgeschrei der gemordeten Unschuld, der Klagelaut
der geopferten Weiblichkeit!“
„Das sind ja ganz neue Ansichten über den Faust!“ rief der Baron.
„In den beiden letzten Puncten magst Du wohl Recht haben, Aristipp,
was aber den Mephistopheles, anbetrifft so ist Dein Ausdruck: er sei
der Mensch ohne Illusion, eine famose Paradoxe, die dir kein Mensch
vergeben kann. Der Goethische Teufel, ist der wahre Teufel, der erst
den Menschen zur Sünde verlockt, und dann, wie das böse Gewissen,
sich an seine Schritte unablässig und verhöhnend heftet! Uns Menschen
die Phantasie rauben, das Herz nehmen, ist ein abscheulicher Gedanke,
und ich danke dafür, in einer Welt zu leben, die Du mit lauter Teufeln
bevölkerst.“
„Wenn wir aber +die Erbsünde annehmen+, so sind wir in der That eine
kleine Art von Teufeln, die von Grund aus schlecht sind, und +zwar noch
schlechter+, als der Teufel selber, denn er war wenigstens +gut, ein
Engel, ehe er fiel+.“
„Ich bin weit davon entfernt, die Erbsünde anzunehmen. Meiner Ansicht
nach sind alle Menschen gut von Natur. +Es ist ja wirklich wider
alle gesunde Vernunft, anzunehmen, Gott habe die Menschen schlecht
in die Welt gesetzt, um sie nachher für die Schlechtigkeiten zu
bestrafen, deren Keim er selbst in sie legte. Ebenso widersinnig ist
es, anzunehmen, daß Gott nach einigen tausend Jahren sich erst besonnen
habe, es sei jetzt wohl Zeit, die Menschen aus den Klauen des Bösen zu
reißen, seinen Sohn sandte, und durch das Blut der Versöhnung und die
heilige Taufe die Menschheit rettete und die Erbsünde vernichtete.+“
„Wenn Du auf diese Weise redest, so bist Du kein
+lutherisch-evangelischer Christ+!“
„Ich mache einen Unterschied zwischen Gott und Kirche. Mein Gott ist
der Gott aller Geschöpfe, aller Wesen. Ich habe nichts dagegen, daß
man ihn auf verschiedene Weisen zu verehren suche, nur muß ich bitten,
auch mir meine Weise zu erlauben. Glaube mir, Aristipp, dem höchsten
Wesen ist es sehr einerlei, wie man es verehrt, wenn man es nur warm
und ehrlich meint. Ein liebevolles, frommes, gutes Herz ist Gottes
schönster Tempel, und nicht St. Peters Dom mit goldener Kuppel.“
„Ich habe nichts dagegen, Du frommer, liebevoller Mann! Das von der
Erbsünde warf ich nur so hin, und mit meiner Welt von Teufeln war
es auch nicht so bös gemeint. Wir Deutschen können ohnehin nie eine
lebendige Conversation führen! Wir werden gleich so breit! Wird ein
Wort hingeworfen, so schnappt es gleich der Andere auf und predigt
darüber eine Stunde. Ich denke doch, Du wärest lange genug in
Frankreich gewesen, um eine bessere Lebensart zu lernen.“
„Ich verstehe Deinen Vorwurf, aber ich bin +aus Frankreich als
Deutscher+ wieder heimgekehrt: noch mehr, ich habe nie einen größern
Stolz darin gesetzt, +ein Deutscher zu sein+, als nachdem ich die
Franzosen habe kennen lernen. Wahrlich! wir haben es nicht nöthig,
den Witz, die Lebendigkeit der Franzosen zu beneiden! Wir haben das
Gemüth, die Tiefe des Gefühls für uns. Laß den Briten den ganzen
Stolz seines Albions zur Schau tragen -- es ist nur der Stolz einer
engherzigen Krämer-Seele! Wir Deutschen sind und denken edeler, als
er. Der Deutsche ist +von Geburt+ zu allem Großen, Schönen, Erhabenen
geneigt, und nur die uns angeborene Bescheidenheit bewirkt es, daß
unsere großen und herrlichen Eigenschaften verborgen bleiben. Und diese
Bescheidenheit ist wiederum eine +deutsche+ Tugend. Wir prahlen nicht!
Wir sind keine Scharlatane, wie die Franzosen, und wenn wir auch manch
Mal etwas breit und langweilig werden, so geschieht es nur, um sicherer
zu gehen und Alles reiflich zu erwägen. Und welche Eigenschaft ist es
denn, Aristipp, die wir höher, als alle andere schätzen? Es ist +die
Vernunft+! Und welches Volk besäße sie in einem höhern Grade, als das
Deutsche?“
„Und besonders +wir+,“ fiel ich lächelnd ein, „die wir heute Morgen
hier im Trichter Beefstakes essen und Porter trinken, gestern den
ganzen Tag in Saus und Braus gelebt, und heute noch den ganzen Tag zu
unserm Vergnügen bestimmt haben!“
„Persönlichkeiten gehören nicht zur Sache. Vier liederliche Männer
machen nicht das Volk aus, und ist es meine Schuld, daß ich in so
schlechte Gesellschaft gerathen bin?“
„Bravo!“ fiel Bleicamb ein, „so mag ich Dich gern hören. Das
Philosophiren paßt nicht für Dich. Man merkt es doch, daß es nicht aus
voller Ueberzeugung ist. Was nicht vom Herzen kommt, geht nicht zum
Herzen. Erzähle uns von Deinen Fahrten, von schönen Frauen, das läßt
Dir ungleich besser, als wenn Du uns Vernunft predigst, oder von Deinen
edlen deutschen Gesinnungen uns vorschwatzest. Keiner ist weniger
seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als
Du.“
„Meinen Charakter kennst Du nicht. Meine Sitten, meine Handlungen
sind nicht deutsch? Auch gut! Meine Gesinnungen aber und meine
Ansichten sind deutsch. Mein Vaterland braucht sich meiner nicht zu
schämen. Ich bin vor anderen Nationen nicht gekrochen, habe nicht
dem Engländer, noch dem Franzosen geschmeichelt, sondern stets in
ihren Landen stolz und kühn mein Vaterland vertheidigt, und ihnen
gezeigt, wie unendlich viel höher wir Deutsche in tausend Beziehungen
über ihnen stehen. Ich habe nie zu jenen elenden Ueberläufern
gehört, die durch Herunterreißen und Heruntersetzen ihres eigenen
Vaterlandes jenen ichsüchtigen Nationen Weihrauch streuten! Wenn
wir Deutschen die Größe anderer Nationen aus Gerechtigkeitsliebe
anerkennen, so dürfen wir auch mit Recht verlangen, daß +sie unseren
Werth anerkennen+. Ich habe den lächerlichen Anmaßungen der Franzosen
einen ruhigen Ernst entgegengesetzt; an diesem Bollwerk ihr Feuer
und ihren Witz zersplittern lassen und sie dann in ihren eigenen
Behauptungen und Worten gefangen und zu Boden geschlagen. Ich habe
ruhig angehört, wie sie ihren Voltaire, Racine, Corneille etc. über
Goethe, Schiller, Wieland setzten und sie nur zuletzt gefragt: +ob
sie Deutsch verständen+, ob sie Wieland, Schiller, Goethe gelesen
hätten? Sie kannten nur die Namen -- Sie waren besiegt. Ich habe dem
Stolze des Engländer’s einen gleichen Stolz entgegengesetzt, und von
ihm verlangt, daß er in +Deutschland Deutsch+ mit mir reden sollte.
Unsere zu große Bescheidenheit und Gefälligkeit gegen Fremde ist die
Ursache, warum sie uns verächtlich behandeln. Der Deutsche muß kühner,
kecker, stolzer gegen sie auftreten. +Das Gefühl ihres Werthes muß
unseren Deutschen Landsleuten klar, anschaulich gemacht werden. Wir
Literaten müssen dahin streben, ihnen ihren wahren Werth zu zeigen. Nur
dadurch können wir dem Deutschen das richtige Selbstgefühl einflößen,
die Deutsche Nation heben; nicht aber dadurch, wenn wir, im Vergleiche
zu anderen Nationen, unsere eigene Nation als eine erbärmliche,
knechtische schildern, wie einige Schriftsteller es thun, die des
Deutschen Namens unwerth sind!+ Ich ereifere mich, meine Herren!
Aber dieses ist der Punct, wo ich verwundbar bin! In meinen Adern
fließt das reinste deutsche Blut, und durch einen tausendjährigen
Zeitraum ist meiner Familie die Liebe zum Deutschen Vaterlande, zu
dem angestammten Deutschen Fürsten und +der Haß gegen die Franzosen
eingeimpft+! In tausend Schlachten hat sie für diese Gesinnungen
geblutet! Was meine Sitten anbetrifft, so magst Du sie immerhin leicht
und französisch nennen, Bleicamb! Sie sind es! Ich hasse die Formen und
bin leidenschaftlich! Was meine Handlungen aber anbetrifft, so glaube
ich doch, daß sie fast alle den +Stempel deutscher Gutmüthigkeit+ und
eines +deutschen Herzens+ tragen!“ --
Der Baron schwieg, ergriff ein Glas Porter und trank es langsam aus.
Er schien in einer gewaltigen Bewegung zu sein. Seine Augen sprühten
Feuer und schienen in allen Ecken des Zimmers einen Gegner zu suchen;
seine Haltung war stolz, drohend und herausfordernd. Hätte er einer
feindlichen Batterie gegenüber gestanden, er hätte nicht kampflustiger
aussehen können. Nach und nach beruhigte er sich, und nur ein
höhnisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Lächeln, daß so leicht
dem Menschen zur Gewohnheit wird, der sich häufig im Leben verkannt
sieht, und das etwa sagen will: „ich verachte Euch! da Ihr mich falsch
versteht, und da ich die innere Ueberzeugung habe, daß ich besser bin,
als Ihr glaubt.“
„Und nun wieder vorby!“ rief Herr Bleicamb aus, „wozu Dich so erhitzen?
Kann man denn kein Wort mehr sagen, ohne daß Du wüthend wirst? Wir sind
hier, um uns zu amüsiren; keinesweges aber, um uns zu beleidigen und
anzufeinden! Wer will gleich über ein Wort böse werden! Darin liegt
gerade ein großer Fehler der Deutschen, daß sie gleich empfindlich
werden! Wenn wir beisammen sind, wollen wir vergnügt sein und die
Freiheit haben, das zu sagen, was uns gerade einfällt. Wenn man unter
Freunden ist, so muß man immer den Grundsatz annehmen, daß Keiner den
Andern beleidigen will, und ist die Absicht nicht vorhanden, so kann
auch nie eine Beleidigung stattfinden. Und nun wieder vorby!“
„Recht so, Herr Bleicamb,“ sprach Hippias. „Männer wie wir müssen immer
nur eine Unterhaltung führen, die kein Kopfbrechen verursacht und
lehrreich ist, ohne zu langweilen. Die zu große Empfindlichkeit hindert
im allgemeinen stets die Fortsetzung gegenseitiger Mittheilungen
und ist die Folge verletzter Eigenliebe. Je weniger Eigenliebe wir
besitzen, je edler, reiner und schöner stehen wir da, weil eine große
Selbstüberwindung dazu gehört, um die Aufwallungen zu unterdrücken,
welche durch die Verletzung der Eigenliebe in uns rege werden.“
„Wenn ich mich zu sehr über den Vorwurf, welchen Herr Bleicamb mir
machte, ereifert habe,“ nahm der Baron das Wort, „und ich muß es
gestehen, daß ich dieses gethan, so muß ich sehr um Entschuldigung
bitten, lieber Hippias. +Es paßt sich für keinen gebildeten Mann,
hitzig, zornig zu werden, weil, wie Sie richtig bemerkten, dann der
Austausch der Gedanken aufhört. Der zornige und empfindliche Mann ist
nicht mehr Herr seiner Gefühle; die Leidenschaftlichkeit seiner innern
Aufwallung verhindert ihn, klar und deutlich zu denken, ruhig und
besonnen zu urtheilen; er wird ich- und streitsüchtig, persönlich.+ --
Ich habe darin gefehlt. Wenn Sie mich aber genau kennten, so würden Sie
mir gewiß vergeben. Ich habe in der Meinung der Welt, sei es durch mein
Betragen, sei es durch die Verleumdung meiner Feinde, sehr verloren.
Wenn man mir nun also auch das letzte Gute absprechen will, daß ich
nach meiner festen, innern Ueberzeugung wirklich besitze, nämlich:
Deutsche Gesinnungen, Menschenliebe und eine gewisse aufopfernde
Gutmüthigkeit in meinen Handlungen gegen meine Mitbrüder, so muß mich
dieses aufbringen. Besonders aber, wenn ein Mann dieses thut, der mich
so lange kennt, als Bleicamb; der seit zwei Jahren sowohl der Zeuge
meiner Verirrungen, als der Zeuge meiner guten Handlungen war. Es mußte
daher sehr kränkend für mich sein, wenn derselbe in Ihrer Gegenwart, in
der Gegenwart eines Fremden! von mir zu sagen wagt: Keiner ist weniger
seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als
Du!“
„Na ja!“ unterbrach Herr Bleicamb. „Ich habe Unrecht gehabt, aber
nichts Böses dabei gedacht! Du kennst mich ja von alten Zeiten, daß ich
ein lustiger, alter Knabe bin, und Du nimmst es auch nicht immer mit
Deinen Worten so genau. Komm her! Stoß an! Und damit wieder vorby.“
„Wir wollen mit anstoßen!“ bemerkte ich: „Eintracht und Friede! meine
Herren!“
Unser Frühstück, oder vielmehr die Gespräche, welche wir bei unserm
Frühstücke geführt, hatten ziemlich lange gedauert. Die Promenade
vor dem Trichter und der Trichter selbst füllten sich mit Menschen.
Hamburg und Altona schienen ihrer Bewohner sich entledigen zu wollen.
Eine ungeheure, dichtgedrängte Masse von Menschen erfüllte den Raum
zwischen dem Altonaer und Hamburger Thore. Die Reeperbahn, der Platz
vor dem Gebäude, in welchem sich die Menagerie des Herrn van Aken
befand, enthielt mehre Tausende von Menschen, die sich durch einander
drängten. Das Karoussel, die Waffelbude, der Pulcinell-Kasten wurden
von Tausenden umringt und belagert. Glänzende Equipagen, Reuter zu
Pferde, Wochenwagen aus der Umgegend mit ihrem leinenen Ueberzug, die
neuerrichteten Omnibus, Cabriolets aller Art, füllten den Fahrweg
an und die Ohren der Lustwandelnden durch das donnernde Geräusch,
welches sie verursachten. Von Zeit zu Zeit erschien eine Patrouille der
schönen Hamburger Dragoner. Schaaren lustiger Matrosen, die Cigarre
im Munde und singend, zogen beim Trichter vorüber. Die Musik aus den
verschiedenen Gast- und öffentlichen Häusern schmetterte durch die
Luft. Alles athmete Leben, Fröhlichkeit um uns her. Wir konnten aus
dem Trichter dieses Alles beobachten, sehen und hören. -- Wir standen
von unserm Frühstück auf, bezahlten, gingen fort, faßten uns Arm unter
Arm und mischten uns unter die vergnügte, fröhliche Menge. Da gab
es freilich Püffe genug! +Die Masse achtet keiner Persönlichkeit!+
Ordensbänder, feine Anzüge, Cachemir-Shawls, seidene Kleider,
Glacé-Handschuhe, Schnurbärte verschaffen keinen Respect; sie gehen
unter in dem ungeheuren Menschen-Gewühle! +Nur dem Mann weicht man
aus, der Kraft genug besitzt, um sich einen Weg durch das Gedränge zu
bahnen. Nur er kommt vorwärts!+ Der Zierbengel, im eleganten Fracke,
mit der Lorgnette in der Hand, wird, wie eine zu leichte Waare stets
auf den alten Platz zurückgeworfen, wenn er es wagt, in ein solches
Gedränge sich zu mischen. In einem Volks-Gewühle kommt es nur darauf
an, +stärker vorwärts zu schieben, als man geschoben wird+. Dazu gehört
Kraft. +Es ist nichts Fürchterlicheres für einen Schwächling, einen
Feigling, als ein Volks-Gewühl!+ Nur der körperlichen Kraft weicht
die rohe Menschenmasse. Nur +dem+ Hintermanne macht der erschrockene
Vordermann Platz, von dem er einen Puff erhält, den er in gleicher
Stärke und Kraft nicht wieder zu ertheilen sich fähig glaubt und fühlt,
indem er sich etwas zur Seite drängt, um nicht einen zweiten Stoß zu
erhalten. Nur +allgemein anerkannte und geschätzte Persönlichkeiten+
machen hiervon eine Ausnahme. Kein Wesen ist bereitwilliger die
Verdienste eines Mannes anzuerkennen, als der gemeine Mann, +das Volk+.
Wir selbst erlebten hiervon ein Beispiel. Aus dem Altonaer Thore trat
ein hoher Mann, mit einem schlichten, grünen Oberrocke bekleidet. Die
ungeheure Menschen-Masse stand auf einen Augenblick stille. Ein Jeder
machte ihm Platz, und von Munde zu Munde lief das Gemurmel: „+Graf
Blücher von Altona!+“ Wahrlich! Der Elephanten-Orden des Königs von
Dänemark gereicht dem Biedermanne weniger zur Ehre, als dieser Beweis
der Achtung +des Volkes! Ein Mann, der die Liebe und Achtung seines
Königs und seiner Mitbürger besitzt, ist immer ein großer Mann!+
Kein Hamburger und Altonaer Bürger hätte da einen Tyrannen Platz
gemacht! Im Gegentheil, es hätte ihn gefreuet, ihn etwas quetschen
zu können! +Nichts ist gefährlicher für einen ungerechten Regenten
oder Tyrannen, als der Zusammenlauf von Menschen! Die Masse giebt dem
Einzelnen Muth, und das Gefühl der Ueberlegenheit der körperlichen
Kräfte eines Volkshaufen über die Kräfte eines Einzelnen wird in
solchen Augenblicken Jedem klar und anschaulich. Die Stimme des
Einzelnen wird zu der Stimme von Hunderttausenden, weil Jeder es wagt,
das zu schreien, was sein Nebenmann schreit. Das Schlimmste bei der
Sache ist, daß der gemeine Mann, oder das Volk gleich zu Thätlichkeiten
disponirt ist; seinen Unwillen oder Zufriedenheit äussert. Die Stimmung
des Volkes hält in solchen Augenblicken sogleich Gericht. Es giebt
daher, wie erwähnt, nichts Gefährlicheres und Fürchterlicheres für
einen Tyrannen, als die Stimmung eines Volkshaufen; nichts Erhebenderes
aber auch als die anerkennende Ehrerbietung desselben für einen guten
Regenten; nichts Belohnenderes für einen Privat-Mann, als der Beweis
der allgemeinen Achtung des Volkes.+
Während diese Gedanken mich bewegten, waren wir, „schiebend und
fortgeschoben,“ bis an das Joachimsthal gelangt. Das Joachimsthal
ist eins der schönsten Gebäude St. Pauli, nicht weit vom Altonaer
Thore gelegen. Die Façade desselben ruht auf Säulen, welche eine Art
von Arkade bilden. Auch hier wird an Sonntagen getantzt, und ist
einem Jeden gegen die mäßige Entrée von vier Schilling der Eintritt
gestattet. Für diese Entrée erhält man sogar am Büffet Getränke zu
gleichem Preise. Der Tanzsalon selbst ist einer der schönsten, die
man sehen kann. Der Plafond desselben wird von Säulen getragen; das
Orchester ist sehr gut besetzt und hinter dem Hause befindet sich
ein schöner Garten. An den Tanzsalon stößt ein Billardzimmer. Eine
Treppe hoch läuft eine Gallerie um das ganze Lokal, von welcher man
einen Blick auf das bunte Gewühl der unten Tanzenden werfen kann. Im
Winter werden dort Masken-Bälle gegeben. Madame Harten, die Besitzerin
dieses schönen Etablissements, ist eine der schönsten Frauen; gebildet
und geistreich, wenn gleich nicht mehr im jugendlichen Alter. Ihre
Tochter eine allerliebste Brünette. Herr Harten und seine Söhne sind
Weltmänner. Die Letztern vortreffliche Billardspieler.
Hippias, Bleicamb, der Baron und ich, setzten uns auf einige Stühle
unter der Arkade hin, zündeten unsere Cigarren an, und betrachteten die
vor uns wogende Menschenmasse.
„Ich kann dieses Local nie ohne eine angenehme Rückerinnerung
betreten,“ begann ich nach einer Pause. „Dies ist das erste öffentliche
Haus, in welches ich in Altona und Hamburg meinen Fuß setzte. Es
geschah dieses in Begleitung von zwei Ehrenmänner, wie man sie selten
trifft, der Eine ist der Weinhändler Hoyer in der großen Elbstraße,
der Andere der Brannteweinbrenner Tiemer in der Königsstraße in
Altona. Ich weiß von Euch Allen, daß es Euch nicht unangenehm sein
wird, einen Zug von seltener Herzensgüte erzählen zu hören, und daher
will ich mir, unaufgefordert, die Erlaubniß nehmen, Euch diesen
Vorfall zu erzählen, oder, um mich nicht zu wiederholen, Euch diese
Begebenheit vorzutragen: Es sind jetzt ungefähr acht Jahre verflossen,
daß ich mich auf einer Tour durch die beiden Herzogthümer Schleswig
und Holstein befand. Ich reisete zu Fuße und hatte einen Knaben von
etwa vierzehn Jahren mit mir, der in einem kleinen Ranzen mein Zeug
trug. Fritz war sein Name. Auf meiner Wanderung kam ich auch nach
Rendsburg, dieser uneingenommenen aller Festungen. Ich trat dort in
dem besten Gasthofe ab und blieb zwei Tage dort, theils um mich von
meiner Fußwanderung auszuruhen, theils weil ich in Rendsburg eine alte
Bekannte getroffen hatte. Am letzten Tage meines Aufenthaltes aß ich an
der ~Table d’hôte~. Dieselbe war gut besetzt. Mehre Dänische Officiere
hatten ihren Mittagstisch daselbst. Am obern Ende des Tisches, bei
der sehr hübschen Wirthin, saß ein wohlbeleibter, gesund aussehender
Mann, dessen Ausdruck Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen verrieth.
Mir gegenüber saß ein Mann, dessen Gesichtszüge mir nicht unbekannt
schienen, und während der Dauer der Tafel fand es sich, daß wir zu
derselben Zeit in Göttingen studirt hatten. Ihr könnt Euch denken, daß
diese Entdeckung mehre Flaschen Wein auf den Tisch und mehre sogenannte
Studenten-Streiche auf das Tapet, wie man es nennt, brachte. Ich gab
mich in ungebundener Fröhlichkeit den angenehmen Erinnerungen der
schönen Burschenzeit hin, und erzählte in lustiger Laune einige tolle
Geniestreiche. Der dicke Mann, am obern Ende des Tisches schien sehr
vielen Antheil an unseren Gesprächen zu nehmen. Er lächelte in sich und
verwandte kein Auge von mir. Nach aufgehobener Tafel ging ich in mein
Zimmer zurück. Einige von den Dänischen Officieren begleiteten mich,
und wir begannen eine Partie Whist. Nachdem wir einige Zeit gespielt
hatten, ging ich aus dem Zimmer um Etwas zu bestellen. Auf dem Gange,
der von meiner Stube nach dem Wirthszimmer lief, begegne ich dem dicken
Herrn. Der Gang war so schmal, der dicke Herr so stark, daß er ihn fast
ganz ausfüllte. Wir rannten also beinahe gegeneinander und blieben
~nolens, volens~ vor einander stehen. „Ich höre, Sie reisen nach
Altona,“ begann der dicke Herr. „Ich mache dieselbe Tour und habe noch
einen Platz in meinem Wagen frei. Wenn Sie wollen, steht er zu Ihren
Diensten. Ich bin der Weinhändler Hoyer aus Altona.“
Ein wildfremder Mensch, der mir einen Platz in seinem Wagen anbot,
der mir nicht einmal vorgestellt war; ein Kaufmann, der es wagte,
einem Reichsfreiherrn einen Vorschlag zu machen -- das war mir etwas
Unerhörtes! Ich faßte mich aber doch und antwortete ihm sehr höflich:
„Sie sind ungemein gütig; wenn Sie es erlauben, werde ich Ihren
Vorschlag überlegen und Ihnen dann Bescheid sagen lassen.“ „Wie Sie
wollen,“ antwortete Herr Hoyer. Wir trennten uns. Ich ging zu meinen
Officieren zurück und erzählte ihnen diesen Vorfall, indem ich ihnen
nicht undeutlich meine Verwunderung darüber zu erkennen gab, daß ein
ganz fremder Mensch mir diesen Vorschlag gemacht habe. Sie riethen
mir aber Alle ja diese Proposition anzunehmen, und stimmten sammt und
sonders darin überein, daß dieser Hoyer einer der herrlichsten Männer
sei, die es gebe. Ich ging zu Bette und ließ am andern Morgen dem Herrn
Hoyer sagen: „daß, wenn er noch derselben Meinung wie gestern sei, ich
so frei sein würde, sein gütiges Anerbieten zu benutzen.“ Herr Hoyer
ließ mir kurz darauf erwiedern: „wenn er einmal etwas geäussert habe,
so bliebe er dabei. Um elf Uhr führe er ab.“
Diese kurze Antwort frappirte mich etwas. Ich war damals noch sehr von
einem unerträglichen Adelstolze befangen, den ich erst durch Reisen,
Erfahrungen, Schicksale mancher Art verlor. Die Neugierde jedoch diesen
groben dicken Mann, von dem ich so viel Gutes gehört hatte, kennen
zu lernen, die Annehmlichkeiten, welche mir sein nettes Wägelchen
versprach, auch meine ziemlich leere Börse überwogen den angeborenen
Stolz. Um elf Uhr saßen Herr Hoyer und ich im Wagen; mein Fritz auf
dem Bock desselben und so fuhren wir aus dem Thore der niebezwungenen
Festung Rendsburg. Die schöne, frische Luft, das schnelle Vorbeirollen
des Wagens an so manchen, verschiedenen Gegenständen, stimmte mich
bald heiter, und da ich es für meine Pflicht hielt, dem Herrn Hoyer
für seine Güte mich mitzunehmen, wenigstens so viel als mir möglich
angenehm zu unterhalten, so begann ich eine lebhafte Unterredung mit
ihm, zu welcher mir Rendsburg, unser Zusammentreffen etc. reichlichen
Stoff boten. Herr Hoyer ging, wie es schien, mit Vergnügen in diese
Unterhaltung ein und zeigte sich in dieser, als ein ebenso gebildeter,
als gefühlvoller Mann. Wir wurden bald mit einander bekannt.
Vertraulich, und offen, wie ich es von Jugend auf war, hatte ich,
als wir am Abend in Heide, der Hauptstadt von Norder-Dithmarschen,
eintrafen, dem Herrn Hoyer eine vollständige Mittheilung aller
meiner persönlichen- und Familien-Verhältnisse gemacht. Ein frugales
Abendessen und einige Flaschen Wein im Gasthofe zu Heide entfernten
von mir jede Zurückhaltung; bald war für Hoyer keine Falte in meinem
Herzen mehr vorhanden. Ich hatte außerdem ein Buch bei mir, welches ich
selbst geschrieben hatte; ich las Hoyer aus demselben vor. Es hatte
das Glück, ihm zu gefallen, und auf diese Weise blieben wir bis gegen
zwölf Uhr Abends zusammen. Am folgenden Tage fuhren wir über Meldorf
nach Itzehoe. In Meldorf wollte Hoyer den dortigen Landvogt besuchen,
der, wie er mir sagte, ein sehr gescheuter Mann sein sollte, und sich
alle ersinnliche Mühe gebe, aus +den braven, guten Dithmarschen ein
christliches, höfliches, civilisirtes Volk zu bilden+. Der Landvogt
war aber nicht zu Hause und so fuhren wir denn durch die Hauptstadt
von Süder-Dithmarschen, ohne den großen Reformer derselben gesehen zu
haben. Hoyer war an diesem Tage sehr heiter gestimmt, vergalt mein
gestriges Vertrauen mit gleichem Vertrauen, und so kamen wir, als die
besten Freunde, in Itzehoe an. Hier trennte sich eigentlich unser Weg,
denn ich hatte die Absicht, eine Schwester von mir zu besuchen, die
auf dem Lande, nicht weit von Itzehoe lebte. Hoyer aber, nachdem ich
ihm dieses mitgetheilt hatte, bestand darauf, mich dorthinzubringen,
um Zeuge des Wiedersehens zwischen mir und meiner Schwester zu sein.
Ihr könnt denken, daß ich ihm dieses nicht abschlug. Wir fuhren also
zu meiner Schwester und wurden von diesem vortrefflichen Frauenzimmer
mit Freuden empfangen. Hoyer blieb einige Stunden bei uns, dann ließ
er anspannen und fuhr nach Altona. Beim Abschiede mußte ich ihm
versprechen, ihn in Altona zu besuchen. Ich that dieses nach einigen
Tagen. Er empfing mich sehr freundlich in seinem schönen Hause in der
großen Elbstraße und bat mich zum Abendessen, wozu er, wie er sagte,
noch einen Freund eingeladen hätte, den es mich freuen würde kennen zu
lernen.