Mit diesen Worten stürmte der Baron zur Thür hinaus. --

„Das ist ein sonderbarer Mensch!“ rief Hippias, dem Baron nachsehend.

„Ein wahrer Ausbund!“ meinte Mlle Henriette.

„Pfui Henriette,“ nahm Fräulein Brettomani das Wort, „wie magst du

das sagen! Glauben Sie es nicht, Herr Hippias. Der Baron ist ein

interessanter Mensch, der ein vortreffliches Herz besitzt. Es ist wahr,

er nimmt nicht Rücksichten genug auf seinen Stand und auf die Menschen,

mit denen er umgeht. Er ist zu offen und frei. Doch weiß ich selbst,

daß, wenn er Jemand helfen kann, er es gewiß thut, und sich seinen

eigenen Rock auszieht, um einen Frierenden zu wärmen.“

„Es ist brav von Ihnen, daß Sie einen Abwesenden vertheidigen,“ sagte

ich. „Mir ist der Baron lieb, wie Allen, die ihn verstehen und näher

kennen. Er hat aber den Schein gegen sich und gehört nicht zu den

anerkannten Soliditäten. Ich bin gewiß, daß wenn er einst zur Ruhe

kommt, er gewiß etwas Tüchtiges leisten wird. Es ist Schade, daß solche

Köpfe feiern, weil man sie scheut, fürchtet und nicht -- +anstellt+.“

„Wir müssen uns Ihnen aber wohl empfehlen, mein Fräulein,“ sprach

Hippias. „Mein Magen erinnert mich, daß es Zeit sei, Etwas zu genießen.

Gehen wir Aristipp?“

„Schön. Wir gehen zum Hôtel-Petit. Adieu, mein Fräulein.“

Nach diesen Worten, nach einigen Verbeugungen, verließen wir die

„Erfrischungshalle“ und begaben uns nach der Behausung des Herrn

Herrmann Bleicamb, dem Hôtel-Petit im Klütjenstieg. Herr Bleicamb stand

in der Hausthüre, umringt von drei bis vier rothbackigen Knaben, und

empfing uns mit lächlender Miene und folgenden Worten:

„Treten Sie näher meine Herren. Sie sind schon angemeldet. Die

Beefstakes stehen schon auf dem Tische. Aber es ist Alles petit hier.

-- Sie müssen vorlieb nehmen.“ --

Herr Bleicamb führte uns durch eine schmale Flur, in welchem sich die

Küche und seine Frau befand, in ein kleines Zimmer, wo ein gedeckter

Tisch und vier Couverts standen. Am Fenster saß ein wunderschönes,

junges Mädchen mit weiblicher Arbeit beschäftigt.

„Meine Tochter,“ sprach Herr Bleicamb, uns in das Zimmer führend.

Das junge Mädchen verbeugte sich, erröthete und wurde noch schöner.

„Platz genommen, meine Herren,“ sprach Herr Bleicamb. „Hier genirt

man sich nicht. Hier sind Beefstakes, Brodt, Kartoffeln und ein Glas

Kümmel. Nancy! du kannst hinaus gehen und deiner Mutter helfen.“ --

Das junge Mädchen gehorchte. Im Gehen zeigte sich ihr schöner Wuchs.

Wir setzten uns, aßen und tranken.

„Für wen ist denn das vierte Couvert?“ fragte ich Herrn Bleicamb.

„Für den Baron. Wenn er nur kommt, der Windbeutel. Ist er einmal im

Schuß, dann geht es immer zu. Er läuft wahrscheinlich wieder hinter

eine Schürze her, oder ist sonst wo hängen geblieben. Aber greifen Sie

zu. Ich gebe, was ich habe, mehr kann ich nicht geben. Ich bin hier

klein logirt, darum nenne ich mein Haus das Hôtel-Petit. Uebrigens hat

ein großer Geist hier gewohnt: Herr Clemens Gerke.“

„Alle Achtung vor dem Manne,“ erwiederte ich. „Hier in diesem kleinen

Raume entfaltete sich also das Genie des großen Mannes?“

„Ja! Hier brütete er seine Eier aus. Jetzt wohnt er in dem großen,

weißen Hause da gegenüber. Das hat er sich ergeigt und erschrieben.“

„Ich bin neugierig den Mann zu sehen,“ bemerkte Hippias.

„Das können Sie leicht haben. Sie brauchen nur heute Abend in die Vier

Löwen zu gehen. Dort sitzt er und spielt.“

„Wollen wir das thun, Aristipp?“

„Warum nicht? Die Gegenwart dieses Mannes macht das ganze Local

berühmt. Und wir gehören hoffentlich nicht zu den anerkannten

Soliditäten.“

„Dein ewiger Spruch.“

„Nun ja! Ich mag die Leute nicht, die einen Menschen +nicht anerkennen

wollen, weil er nicht reich, nicht hochgeboren oder hochgestellt ist.

Das Handwerk schändet keinen Mann!+ Im Gegentheil finde ich, daß jeder

große Mann noch größer ist, je kleinlicher und unscheinbarer seine

Verhältnisse sind. Und keinen Mann achte ich höher als +den, der Alles

durch sich selbst wurde, der Alles aus sich selbst bildete+!

In dieser Hinsicht stelle ich diesen +Clemens Gerke+ über alle jene

Doctoren und studirten Schriftsteller. Er ist ein geistiger Bildhauer,

der aus eigenem rohen Stoffe sich selbst zur schönsten Statue meißelte!

Gott setzte ihn in diese Welt, arm, hülflos, niedriggestellt -- er

schwang sich durch rastlose Thätigkeit bis auf jenen Standpunkt, den

er diesen Augenblick in der literarischen Welt einnimmt. Des Nachts

spielte er in jenem Locale, um sich, Weib und Kinder zu ernähren, und

vom Morgen bis zum kommenden Abend arbeitete er seine Schriften aus.

Noch mehr! er selbst setzte, druckte sie. Kann man mehr von einem Manne

verlangen?“

„Nichts mehr! Nichts mehr!“ rief der Baron, der eben zur Thüre

hereintrat, die letzten Worte gehört hatte; und sich schnell auf den

leerstehenden Stuhl niederließ. „Von wem ist die Rede?“

„Von Clemens Gerke, deinem Freunde!“ versetzte Bleicamb.

„Ach! so?“ sprach der Baron langsam. „Das ist ein verdammter Kerl!

Aber ein +Kraftmensch+! Wollte Gott ich wäre, wie er!“ Die Stirn des

Barons überflog ein dunkler Schatten. Man sah es auf seinem Gesichte,

daß etwas unangenehm in seinem Innern berührt war.

„Der Baron mag den Gerke nicht.“ Bemerkte Herr Bleicamb!

„Ich ihn nicht mögen!“ fuhr der Baron auf. „Wer sagte das? Was weißt

du altes Plappermaul davon! Es ist ein kreuzbraver Kerl, aber er mag

den Adel nicht; er mag die Doctoren nicht; er ist ein Republicaner und

hat sich einst nicht ganz unsanft über mich geäußert. Das ist längst

vergessen! +Ueberdem hatte er Recht!+ Wenn kein Anderer schlechter über

mich dächte und spräche, dann wäre ich zu beneiden.“ --

„Du hast wohl heute deinen Traurigen, Baron? Hat der Doctor Dir wieder

was geplappert? Laß doch die Leute reden, Du kannst Ihnen ja doch nicht

das Maul verbieten!“ --

„Es ist etwas Schönes um einen unbescholtenen Ruf, Aristipp!“ fuhr der

Baron ernst fort. „Wie hoch steht dieser gemeine Mann, dieser simple

Musikant über mir! Sein Name wird überall mit Achtung genannt und der

meinige? -- O des Unglücks! Ein leichter Gedanke; ein Glas Schnaps

zuviel und das Kostbarste der Güter ist verloren -- der gute Ruf!

Gewiß, gewiß! Zwei Seelen wohnen in unserer Brust, wie Goethe sagt.

Die eine, die uns dem Himmel näher bringt, die andere, die uns zur Erde

niederreißt. Daß wir auch das Thierische in unserer Natur nie vertilgen

können! ~Et si naturam.~ -- Es ist um wahnsinnig zu werden! Schenke

mir ein, Bleicamb! Ich muß trinken! Ich glaube, ich könnte das Meer

austrinken, wenn es voll Weines wäre, und würde doch nicht berauscht,

sobald mich ein schwarzer Gedanke verfolgt! ~Sed post equitem sedet

atra cura!~“ --

„Da, Baron, trinke! Und nun wieder vorby.“ --

„Sie sollten nicht mehr trinken, Herr Baron! Sie sind zu aufgeregt!“

bemerkte Hippias.

Um die Lippen des Barons spielte ein höhnisches Lächeln, mit der Hand

fuhr er über seine hohe Stirne; seine Augen sprühten Feuer.

„Nicht trinken! guter Mensch? Fürchten Sie etwa, daß ich zuviel trinken

könnte! O nein! o nein! ich werde nicht mehr betrunken. -- Aber wüthend

bin ich! Wüthend, daß die erbärmlichsten Lästerzungen meinen Namen

zerreißen, während ich selbst ganz unschuldig bin!“

„Was ist denn nun wieder los?“ fragte Herr Bleicamb.

„Denke Dir. Neulich komme ich vom Lande. Mein Weg führt mich über

das Schulterblatt. Vor einem Wirthshause ist eine Schlägerei. Zwei

Männer fallen über einen her, und lassen ihn nachdem sie ihn zur Erde

geworfen, blutig dort liegen. Ich gehe auf den Mann zu; hebe ihn auf;

fasse ihn beim Arm und bringe ihn zu Tiedemann in das Wirthshaus, wo

ich ihm ein Glas Bier geben lasse. Darauf gehe ich weiter. War das eine

schlechte Handlung? Und nun, hören Sie, meine Herren, heute wird mir

erzählt: +ich habe mich geprügelt+! Ist es nicht um rasend zu werden?“

--

„Weiter nix? Na, das geht wieder vorby! -- Kümmere Dich doch nicht

um das, was die Leute reden! Das hilft doch zu nichts,“ meinte Herr

Bleicamb.

„Das weiß ich wohl! Ich bin weit davon entfernt, den Menschen das

Reden über mich verbieten zu wollen; aber es ärgert mich, daß sie die

Unwahrheit sprechen, noch mehr, daß es möglich ist, daß man so etwas

von mir glauben kann. Stände ich rein, unbescholten in den Augen der

Welt da -- Niemand würde einen solchen Gedanken von mir fassen. Das ist

die Folge davon, wenn man sich zu dem Lumpengesindel herabläßt. Wer

Pech anfaßt, besudelt sich! Man muß jede Berührung mit dem gemeinen

Packe vermeiden! Seinen Mitbruder im Kothe liegen lassen; die Nase

hoch tragen; keinen Menschen ansehen; Gott, Christus und seinen

Titel beständig im Munde führen -- dann ist man ein Mann ~comme il

faut~. -- Nun es soll mir nicht wieder passiren!“

„Und thust es Morgen wieder, Baron; ich kenne Dich zu gut. Und nun ist

es wieder vorby.“

„Lassen Sie sich die Sache nicht anfechten,“ sprach ich. „Sie haben

mehr gute Freunde als Sie glauben. Wenigstens bitte ich Sie, mich zu

diesen zu zählen.“

„Mich auch!“ fiel Hippias ein.

„Und mich auch,“ rief Herr Bleicamb. „Was willst Du mehr? Ist das nicht

genug, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“

Des Barons Züge erheiterten sich. Ein spöttisches Lächeln, das sich

aber bald zu einem anmuthigen verlor, umspielte seine Lippen. Darauf

sprach er mit Pathos: „Mein ungeheuerster Wunsch ist befriedigt:

Genua kennt mich in Euch. Retten Sie meine Ehre. -- Verzeihen Sie

diese Periode Aristipp und Sie Hippias -- sie galt nicht Ihnen,“

fuhr der Baron mit einer eigenthümlichen Grazie fort. „Ich weiß Ihre

Freundschaft zu schätzen, und wollte Sie nicht gerne durch einen

übelangebrachten Scherz verlieren. Sie, Aristipp, kenne ich. Ich

glaube, wir haben manche Aehnlichkeit mit einander, wenigstens trafen

wir häufig an denselben Orten zusammen, und thaten es auch ja heute,

wie ~ad oculos~ zu demonstriren. Der alte Satz: die Freundschaft zweier

edlen Seelen beweist sich am besten durch die Anhänglichkeit, die sie

zu einer dritten empfinden; bestätigt sich durch uns und Bleicamb von

Neuem.“

„Mach es nicht zu arg, Baron!“ rief der Bezeichnete; „sonst, so wahr

ich Herrmann Bleicamb heiße, ist es mit uns vorby.“

„Na, sei nicht böse, alter Kerl! Komm! stoße an! -- Wo ist aber deine

Frau, und deine schöne Tochter, alter Cerberus? Laß sie doch einmal

kommen.“ --

„Mutter, komm in!“

„Ich kann nicht kommen. Bin gewesen den ganzen Tag in der Küche,“ --

erwiederte eine weibliche Stimme.

„Thut nichts, Mutter -- Du bist ja alt, -- komm nur.“

Madame Bleicamb, eine würdige Matrone, der man es wohl ansehen konnte,

daß sie in ihrer Jugend schön gewesen sein mußte, trat mit ihrer

schöneren Tochter in das Zimmer. Wir standen auf und begrüßten sie.

„Ihre Beefstakes waren vortrefflich, Madame,“ sagte der Baron. --

„Freut mich, wenn sie geschmeckt haben der Herr Baron und die anderen

Herren. Das Fleisch ist gut in Ohltona.“

„Sie sind mir wohl böse, daß ich Ihren Mann neulich so lange bei mir

hatte? Auch heute muß ich Sie um Erlaubniß bitten, ihn mitnehmen zu

dürfen.“

„Mein Mann ist sein eigener Herr und alt genug, um zu wissen, was sie

thun müssen. Ich gehe zu Bette und sie hat der Hausschlüssel.“

„Du hast eine vortreffliche Frau, Bleicamb! Aber ich habe noch eine

Bitte an Sie, Madame, wollen Sie es wohl erlauben, daß Ihre Tochter

mir ein neues, seidenes Halstuch säumt?“

„Warum nicht, Herr Baron? Meiner Tochter wird sein ein groß Vergnugen

zu nähen der Halstuch für Ihnen. Nicht Nancy?“

Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit · 第 6 / 9 题