„Das Gedicht ist sehr hübsch;“ sprach Fräulein Brettomani. „Es zeigt
uns die Gefahren der Liebe und die Schlechtigkeit der Männer. Arme,
arme Frauen!“
„Sie sind noch nicht so sehr zu beklagen,“ versetzte der Baron. Um
Ihnen einen Beweis von der Treue eines Mannes und einer edlen Liebe von
beiden Seiten zu geben, will ich mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen „Des
Schotten Abschied“ vor zu declamiren. Ich bemerke übrigens, daß mir der
Verfasser unbekannt ist, daß ich nicht weiß, ob das Versmaß richtig
sei, denn ich verstehe mich nicht auf Poesie. Bei mir kommt es nur
darauf an, daß es sich reimt und klappt. Hören Sie:
1.
Mac-Duncan stand, ein Götterbild,
An nebelgrauer See;
Da nahte Mary, sanft und mild,
Wie eine Hochlands-Fee.
2.
Der Schotte nahm sie in den Arm
Und preßt’ sie an sein Herz;
Das wechselnd nagt der Liebe Harm
Und naher Trennungs-Schmerz.
3.
Da ruft der Trommel-Wirbel-Schlag
Und reißt ihn von ihr fort.
Und immer tönt es, Schlag auf Schlag,
Durch Wald und Thal und Ort. --
4.
Mac-Duncan stand in Reih’ und Glied;
Der Morgen graute kaum.
Es zuckte trüb sein Augenlied,
Wie Nachts, bei schwerem Traum.
5.
Da plötzlich wird’s bekannt gemacht:
Die weißen Segel weh’n.
Von allen Frauen sind’s nur acht,
Die mit nach Frankreich gehn.
6.
Und Mary naht, und Mary zieht
Vertrauend dem Geschick.
Ihr zartes Leben schnell entflieht,
Sie lies’t: Du bleibst zurück.
7.
Es knirscht der rechte Flügelmann
Im übergroßen Schmerz.
Noch einmal sieht er Mary an
Und blickt dann himmelwärts. --
8.
Mac-Duncan zog von Ort zu Ort
Und schlug der Schlachten viel --
Doch lacht’ er nie, und sprach kein Wort,
Als: „Mary!“ da er fiel. --
Fräulein Brettomani hatte während der ganzen Zeit des Vortrages des
Barons ernst dagesessen; ihr Gemüth schien tief bewegt, denn ihre
großen blauen Augen füllten sich mit Thränen. Mlle Henriette bemühte
sich, bewegt zu scheinen. Sie schlug die Augen nieder und faltete die
Hände.
„Sie machen meinem unbekannten Dichter ein großes Compliment, mein
Fräulein“, sagte der Baron. „Eine einzige Thräne aus Ihrem Auge wiegt
hundert schlechte Rezensionen auf.“
„Jetzt kommt meine Tour!“ rief Hippias. „Mein Gedicht heißt: „Der
abgedankte Bräutigam.“ Es ist gleichfalls von einem unbekannten
Verfasser und sieht nicht auf Rhythmus noch auf Versmaß; aber auch von
Liebe ist darin die Rede. Er begann:
1.
Ich war einmal ein Bräutigam
Und ging gar stolz einher.
Als bald darauf ein And’rer kam,
Da war ich’s bald nicht mehr.
2.
Doch weint’ ich nicht, und zürnte nicht,
Und macht’ kein bös Gesicht --
Doch leise klagt’ ich’s im Gedicht,
Was mir das Herze bricht.
3.
Du armes Kind! du hast nicht Schuld,
Du hast es nicht gewollt.
Du fügtest dich, nur in Geduld,
Du hast es ja! +gesollt+.
4.
Doch sollen ist ein schweres Muß
Und bricht manch’ Herz entzwei. --
Du zittertest beim ersten Kuß
Und giebst jetzt deren +zwei+. --
5.
Gottlob! daß du die Kräfte hast!
Geliebtes Kind, lebwohl!
Die Treue reißt, so leicht, wie Bast,
Die Herzen sind so hohl!
6.
Jetzt geh’ ich fort, so wie ich kam,
Doch hab’ ich deinen Schwur!
Ich war einmal ein Bräutigam,
+Die Braut mir Treue schwur+! --
„Nun, das ist eine poetische Unterhaltung geworden! rief der Baron,
nachdem Hippias geredet hatte. Wir müssen Ihnen dankbar sein, Fräulein
Brettomani, daß Ihre Gegenwart diese Gedichte ins Leben gerufen hat.
-- Wenn wir nur die Verfasser kennten! fuhr er lachend fort. Ich
glaube wir müssen wohl deren Gesundheit trinken. Wein! Henriette! Es
leben die drei großen Unbekannten! Vivant, floreant, crescant! Die
Erfrischungshalle soll jetzt die Dichtungshalle heißen! Wir wollen hier
alle Tage zusammen kommen und dichten! Nicht wahr, meine Herren? Drei
Männer und drei Literaten! Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn
wir nicht irgend eine Flugschrift, oder ein Zeitblatt hervorbringen
könnten. Das Blatt soll „die Dichterhalle“ heißen!“
„Herr Baron!“ unterbrach ihn Mlle Henriette. „Da Sie heute so gut
gelaunt sind, so schreiben Sie mir doch ein Gedicht für eine meiner
Freundinnen ins Stammbuch, die nach Amerika geht.“
„Von Herzen gern, mein schönes Kind. Versteht Ihre Freundin Englisch?“
„Ja.“
„Gut. Dann geben Sie Papier, Tinte und Feder. Mir fällt gerade ein
schöner englischer Stammbuch-Vers ein. Den sollen Sie haben.“
Der Baron setzte sich; schrieb und las uns dann das Gedicht vor. Es
lautete so:
„~Oh! had we never, never met
Or could this heart you now forget.
How blessed, how happy we had been,
Had fate not frowned so dark between.
Hadst thou been born a Scottish Maid,
In neighbouring valleys we dwellt,
Through the same fields in childhood played,
In the same church together knelt.~“
Da haben Sie das Ding! Uebersetzen können Sie es sich lassen. Ich
übersetze nie. In unseren Zeiten muß Jeder und Jede Englisch und
Französisch verstehen. -- Doch was sehe ich? Der Ueterser Wochen-Wagen!
-- Entschuldigen Sie. -- Ich muß fort -- Dieterich! Dieterich! hast du
einen Brief für mich?