Wir riefen Alle: „hoch!“

Während dieses Toastes ließen sich starke, männliche Tritte auf dem

Gange vernehmen.

„Das ist der Baron!“ rief der Küper.

„Der kommt zur rechten Zeit;“ meinte Herr Keball.

„Nun wirds gar toll werden;“ sagte Herr Kannegießer.

„Wer ist der Baron?“ fragte Hippias.

„Kennen sie den nicht?“ antwortete Herrmann Bleicamb „das ist ein

+Genie+.“

Die Thür des Zimmers wurde schnell aufgerissen. Ein junger Mann, dem

Anscheine nach in den dreißiger Jahren von hohem Wuchse; in einem

schwarzen Oberrocke gekleidet; den Hut auf dem Kopfe; eine brennende

Cigarre im Munde trat in das Zimmer. Ein brauner Backenbart, welcher ~à

la jeune France~ rund um das Gesicht des Neuangekommenen lief, wurde

durch einen weißen Hemdkragen, der auf ein schwarzes, seidenes Tuch,

welches nachlässig um den Hals geschlungen war, niederfiel, noch mehr

hervorgehoben. Ein brauner Schnurrbart bedeckte die etwas aufgeworfene

Oberlippe desselben; eine feine Röthe seine Wangen; aus seinen kleinen

blauen Augen strahlte ein feuriger, durchdringender Blick. Eine gelbe

Terrier-Bulldog-Hündin folgte ihm auf dem Fuße, den glühenden Blick

ihrer treuen braunen Augen unablässig auf ihren Herrn gerichtet.

„Guten Morgen, meine Herrn!“ rief der Baron eintretend, „hier geht es

wohl lustig her? ~down Gipsy!~ Timm, ein Glas Portwein! War Niemand

hier, der nach mir fragte? Kein Brief für mich? Schnell den Wein her!

Ich bin durstig! Nun Timm, war Niemand hier?“

„Hier ist ein Brief, Herr Baron,“ erwiederte der Befragte, „und dann

war gestern das kleine Mädchen hier --“

„Welches kleine Mädchen? die im gelben Kleide mit dem grünen Schleier?

Schön! schön! -- Ich habe keine Zeit mehr -- ich komme bald wieder --

entschuldigen Sie meine Herren -- Bleicamb, komm mit -- ich muss mit

dir reden!“

Mit diesen Worten stürzte der Baron das Glas Portwein hinunter;

ergriff Herrn Herrmann Bleicamb beim Arm, machte der Gesellschaft eine

vornehme Verbeugung und eilte mit jenem fort. Die treue Bulldoghündin,

wahrscheinlich einen längern Aufenthalt ihres Herrn vermuthend, hatte

sich unter einen Tisch gelegt, und den plötzlichen Aufbruch nicht

bemerkt. Kaum aber die Entfernung desselben bemerkend, sprang sie wie

rasend auf, sprengte die Thür des Zimmers, und schoß wie eine Bombe ihm

nach.

„Da stürzt er hin! Fort ist er!“ rief Herr Moses Samson.

„Fort sind sie der Herr und sein Hund“! rief Herr Kannegießer.

„Der hat wieder was im Kieker!“ rief Herr Keball.

„Irgend eine schöne Frau,“ sprach Herr Kannegießer, „dazu sind unsere

Frauen und Töchter gut genug, daß ein vornehmer Herr mit ihnen

carressirt und sie zuletzt verführt. Ich hasse den Adel!“

„Ist doch ein guter Kerl,“ meinte Herr Moses Samson, „das genießt das

Leben, weil es noch jung ist. Haben wir es anders gemacht?“

„Ja, ja!“ erwiederte Herr Kannegießer, „aber wat to dull is, dat is to

dull!“

„Nun, was ist es denn Großes, was er thut? Die Weibsleute sehen ihn

gern. Er ist ein schmucker Bursche! Na, thut er denn da Unrecht, Timm?“

„Das meine ich auch so,“ entgegnete der Befragte, eine neue Cigarre

anzündend, „der Baron ist ein guter Mann, er ist leutselig und

freundlich gegen Jedermann. Das muß man ihm lassen.“

„Wenn alle die Vornehmen so dächten wie er, dann sähe es besser in der

Welt aus;“ bemerkte Herr Samson, sein Auge zum Himmel schlagend.

„Das hilft mir Alles nichts“ sagte Herr Kannegießer. „Ich traue

keinem Adeligen. Sie haben immer ihren geheimen Zweck, wenn sie mit

uns gemeinen Bürgern freundlich thun. Entweder wollen sie unser Geld,

unsere Weiber, oder sich einen Anhang unter uns bilden. Ich kenne das.

Dem Baron traue ich am wenigsten. Er ist klug und thut nichts ohne

Absicht. Er glaubt uns durch seine Freundlichkeit einzunehmen und zu

täuschen, aber mich täuscht er nicht. Ich erkenne in ihm den größten

Aristokraten; er will sich unserer versichern, auf den Fall, daß es

losginge. Glaubt mir aber gewiß, so gut er redet und schreibt, er hält

es +nicht mit dem Volke! das thut kein Altadeliger+. Uebrigens treibt

er es zu arg und macht Schulden.“

„Was geht das dich an“ versetzte Herr Keball. „Sollst du vielleicht für

den Baron bezahlen? Laß doch einen jeden thun, was er will, und kehre

vor deiner eigenen Thüre. Wenn du ihn nicht leiden kannst, warum bist

du denn freundlich gegen ihn ins Gesicht, und sprichst schlecht von

ihm, wenn er den Rücken wendet?“

„Ich wollte ihm schon die Meinung sagen, wenn -- wenn -- er den

verdammten Bulldog nicht immer bei sich hätte -- außerdem ist er oder

seine Familie mit dem Oberpräsidenten verwandt -- dat helpt doch to

nix.“

„Das ist das Wenigste -- aber Sie fürchten den Mann,“ bemerkte Herr

Moses Samson. „Sie haben es in den Worten und nicht in der That. Es

schmeichelt Ihnen, wenn Sie mit dem Baron über die Straße gehen, und

hinterher reißen Sie ihn herunter. Ein +populärer+ Mann ist deßhalb

kein +gemeiner+ Mann. Nichts für ungut, aber Sie sind nicht werth, daß

ein Mann, +wie der+, mit Ihnen redet. Adieu!“ Herr Moses Samson legte

zwei Schillinge auf den Tisch und entfernte sich.

Herr Kannegießer lief einige Male das Zimmer auf und nieder; rieb sich

den Kopf und stürzte dann aus dem Zimmer.

Herr Keball sah ihm lachend nach, besah einige seiner Goldmünzen,

drehte sie in der Hand um, und murmelte in sich hinein: „Adel, Verstand

und Politiker, was sind sie Alle gegen Dieses? Das sind Moses und die

Propheten.“

Darauf ging auch er. Hippias, der Küper und ich blieben alleine.

„Nun, wie findest Du diesen Keller, die Gesellschaft, und wie hat Dir

diese Scene gefallen?“ fragte ich nach einer Pause.

„Nun, passabel!“

„Ich finde sie gut, wenn ich bedenke, daß die Gesellschaft nur aus

Handwerkern von Profession bestand. Was sagst du aber zu dem Juden? Ich

sage Dir einen bessern Kerl giebt es in der Welt nicht.“

„Der Jude sprach ganz vernünftig. Es freute mich, daß er die Partei

des Barons nahm. Er steht aber wohl mit ihm oder seiner Familie in

Handelsverbindungen?“

„Durchaus nicht. +Du glaubst also, daß in unseren Zeiten nur dann ein

Mensch den andern in Schutz nähme, wenn er von ihm Vortheil gezogen

oder noch zieht? Leider hast Du im Allgemeinen Recht! Wir leben in

einem rein speculativen Zeitalter. Der ist ein Narr zu nennen, der

seinem Gefühle und nicht seinem Vortheile folgt!+ Es ist mir +leicht+

geworden +diese Wahrheit+ einzusehen, +schwerer+ sie zu befolgen.

Von Jugend aus gewohnt, edlen Gefühlen, großmüthigen Aufwallungen

Gehör zu schenken, ist es mir bisjetzt noch nicht möglich gewesen die

kleinlichen Berechnungen des Egoismus, des pecuniairen Vortheils zu

adoptiren. Man muß dieses aber thun, wenn man in der Welt durchkommen

will. Wer auf Unkosten seiner selbst seinem Mitbruder aus der Noth

hilft, wird ausgelacht. Unser Zeitalter ist ein rein speculatives,

commercielles, financielles. Die großartigen Ansichten des ritterlichen

Zeitalters sind gestürzt -- an die Stelle der Ritter und ihrer Knappen,

sind die Erwerbsmänner mit ihren Fabrikherren und Arbeitern getreten.

Da sie Alles durch sich selbst, ihrer Hände Arbeit und ihren Erwerb

oder ihr Geld wurden, so ist es natürlich, daß nur der Mann jetzt

geachtet wird, der arbeiten läßt, oder arbeiten kann, und daß das Geld

die einzige Schwungfeder ist, die Alles in Bewegung setzt.“

„Eine traurige Wahrheit. Die Gefühlswelt ist zernichtet, und das

practische, reelle Leben an ihre Stelle getreten!“

In diesem Augenblicke stürmte der Baron in das Zimmer. Sein Auge

strahlte Freude, sein Gang war stolz, sein Wesen aufgeregt. Er ließ

sich auf einen Sessel nieder. Gipsy legte sich zu seinen Füßen. Er

streichelte das schöne Thier, dann wandte er sich um und erblickte mich.

„Siehe da, Herr Aristipp!“ rief er aus. „Verzeihen Sie, daß ich

Sie nicht gleich bemerkte und begrüßte. Ich war so mit mir selbst

beschäftigt, daß ich Alles um mich her vergaß. -- Sie führen liebliche

Bilder einer angenehmen Vergangenheit mir wieder vor die Seele. Das

waren noch schöne Zeiten, als wir uns in der kleinen Catharinenstraße

kennen lernten! Das waren noch schöne Abende! Kunst, Literatur, Gesang

und schöne Frauen! Nie werde ich den guten St. Pierre und seine Frau

vergessen! Auch meine Gipsy wird sie nie vergessen, denn sie war dort

ebenso gut aufgehoben, als ich. Wie wurde sie von den weichen Händchen

der schwarzäugigen Wally und der lieblichen Sophie gestreichelt.

Wie glücklich lebten wir zusammen, bis die verdammte Klatscherei

uns trennte! Das Beste, daß kein wahres Wort an der Geschichte war!

Indessen verzeihe ich diesesmal der Verleumdung. Wir gaben in unserer

Unschuld der Medisance zu vielen Stoff. Wally war zu schön -- und

ich -- +ein Mann+! Wer kann überhaupt in unseren Tagen an ein rein

geistiges Verhältniß zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau

glauben? In der Welt kann überhaupt Nichts von langer Dauer sein. Es

muß immer eine Veränderung geben, damit der alte Mechanismus nicht

stille stehe. Vermuthlich ein Freund von Ihnen?“

„Herr Hippias, der heute erst angekommen ist, um sich in Altona und

Hamburg etwas umzusehen, und der das Vergnügen hat, Sie dem Rufe nach

zu kennen!“

„Das thut mir sehr leid. Mein Ruf ist verdammt schlecht, und mit Maria

Stuart könnte ich sagen: ich bin besser, als mein Ruf. Man macht mich

hier zu einer Art von Ungeheuer, da ich den Schein nicht beobachte,

mich frei äußere und die Menschen es nicht begreifen können, daß ich

wie Diogenes mit der Laterne umher renne um +Menschen+ zu finden. Man

sollte mich lieber den Narren des 19ten Jahrhunderts nennen, weil man

aus mir machen kann, was man will, sobald man mein Herz in Anspruch

nimmt. Die erbärmlichen Menschen! Wenn sie Jemanden nicht begreifen

können, so machen sie ihn herunter. Sie machen es ebenso mit ihrer

Gottheit. Sie leihen dem höchsten Wesen alle möglichen menschlichen

Schwächen, um es fassen zu können. Was zu hoch und erhaben ist, muß

heruntergerissen werden, damit die flachen Schädel es begrinsen und

verhunzen können!“

„Ich freue mich recht sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Baron,“

sprach Hippias. „Ich habe mehre Ihrer Schriften mit Vergnügen gelesen!“

„Meine Schriften? Da haben Sie was Rechtes gelesen! Dummes Zeug!

Weiter nichts. Ich wollte, ich hätte nie Etwas geschrieben; weil es

mir unmöglich ist von meinen Schriften erbaut zu sein. Man muß zu

viele Rücksichten auf die Leihbibliotheken nehmen, und der Ladendiener

und Kammermädchen Geschmack! Wer überhaupt einmal, als Schriftsteller

aufgetreten ist, der sitzt auf dem öffentlichen Verwunderungsstuhle und

Hans und Peter und Grete und Liese spielen mit ihm moquiren. Wer heißt

einem auch Perlen vor die Säue werfen, oder besser gesagt, wie kann man

ein solcher Esel sein, sich einzubilden, daß sein eigenes jämmerliches

Geschreibsel der ganzen Welt gefallen, von der ganzen Welt gelesen

werden soll! Es ist rasend, wohin den Menschen die Eitelkeit, die

Einbildung führen können! Noch lächerlicher ist es aber, wenn man wie

ich, immer über sich selbst und von sich selbst schreibt; und es nicht

lassen kann seine Ansichten über Gott, König, Menschheit und Vaterland

zu äußern. Es ist noch ein Glück, daß ich kein Republikaner bin, sonst

säße ich gewiß schon irgendwo fest, und gäbe die „Memoiren eines

Sträflings“ heraus. Das Schlimmste bei der ganzen Schriftstellerei

ist aber die Knickerei der Buchhändler und die leidige Censur! Was

man schreiben wollte, darf man nicht schreiben; was man schreiben

darf, will man nicht schreiben, weil nur Flaches, Fades, Unbedeutendes

geschrieben werden darf -- auf diese Weise wird der Ideenflug gehemmt,

und man bringt nichts als Unsinn hervor. Denn alles Halbe, ist

Stückwerk und alles Stückwerk in der Literatur ist Unsinn! Man muß

jedoch gestehen, daß die Dänische Censur noch sehr lieberal ist. Auch

ist der König der lieberalste Mann im ganzen Lande, in der Welt. Lassen

Sie uns seine Gesundheit trinken, meine Herren! Sie wissen, ich bin

Legitimist.“

Wir stießen an.

Der Baron ging einige Male das Zimmer auf und ab; dann wandte er

sich mit einem freundlichen Lächeln an mich: „Wissen Sie wohl, Herr

Aristipp, daß ich heute außerordentlich glücklich bin! Ich mögte die

ganze Welt umarmen, weil ich einen guten, edlen Mann getroffen habe.

Ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Es thut meinem Herzen so wohl,

so recht aus vollem Herzen eine edle Handlung eines Menschen erzählen

zu können. Hören Sie.

„Ich befand mich noch vor einigen Tagen in der schrecklichsten

Verlegenheit. Ich hatte Schulden gemacht. Meine Gläubiger quälten mich

bis aufs Blut. -- Sie kennen Altona und Hamburg. -- Ich hatte einen

Wechsel geschrieben. Die Zeit nahte, wo er fällig war. Ich hatte keine

Rettung. Ich suchte allerwärts Geld. Die, welche es nicht hatten,

wollten es mir geben, aber konnten nicht. Die, welche es hatten,

konnten es nicht, weil sie den edlen Grundsatz angenommen hatten, nie

mehr Geld ohne Sicherheit auszuleihen. Um ihren Grundsätzen treu zu

bleiben, konnten sie sich nicht überwinden, einem Unglücklichen Leben

und Ehre zu retten! Was würde man zu einem Manne sagen, der +seinen

Grundsätzen ungetreu geworden, um+ seinen leidenden Mitbruder zu

retten! Mein Gott! dachte ich: du hast doch so Vielen in den Zeiten

deines Glückes geholfen und dir hilft Niemand!!? Ich will es Ihnen

gerne gestehen, lieber Aristipp, nachdem alle Versuche bei Menschen

mir fehl geschlagen, wandte ich mich an Gott. Sie lächeln? Nicht wahr?

Ich that es und Er half. Durch eine sonderbare Fügung muß ich in das

Hôtel ~de France~ in Hamburg gerathen. Dort lerne ich einen Mann

kennen, einen Herrn von Pichmeier. Wir trinken zusammen; wir spielen

zusammen; wir reden zusammen. Offen, wie ich es immer bin, entdecke ich

diesem vortrefflichen Manne meine Verlegenheit. Was thut er? Er bezahlt

sogleich die Hälfte jener Summe, und heute, was noch mehr sagen will,

da er +höchst+ unzufrieden mit mir ist, bezahlte er die andere Hälfte,

aus +dem einfachen Grunde, einer achtungswerthen Mutter ihren Sohn zu

erhalten+. Das that ein fremder Mann für mich! Weil er dem Zuge seines

Herzens folgte; weil er dem Bedürfnisse eines edlen Herzens folgte,

dem es eine Wonne ist, seinem Neben-Menschen wohl zu thun. Er stellte

keine Betrachtungen darüber an, ob ich es verdiente, wie die Männer

von Grundsätzen es thun, diese hochherzige christliche Sippschaft! Er

dachte nur: der Mensch ist verloren, wenn ich ihm nicht helfe; seine

Mutter wird dadurch unglücklich -- auch ich hatte eine Mutter, und er

half. -- Daß diese Geschichte wahr ist, kann Timm Ihnen bestätigen.

Denn die Summe schuldete ich theilweise dem Besitzer dieses Kellers,

und hier hat er das Geld bezahlt. Ein solcher Zug der Herzensgüte

verdient der Erwähnung in unserm egoistischen Zeitalter. Daher erzähle

ich Ihnen dieses; darum bitte ich Sie, es weiter zu verbreiten und nun

mit mir auf das Wohl dieses edlen Menschenfreundes zu trinken. Herr von

Pichmeier soll leben!“

„Die Handlung des Herrn von Pichmeier ist brav,“ bemerkte Hippias,

„und verdient die Anerkennung eines jeden Ehrenmannes, aber nicht

minder verdient Ihre Aufrichtigkeit und Ihre Dankbarkeit Anerkennung,

Herr Baron. Die größte Eigenschaft des Don Carlos ist die Anerkennung

der Verdienste des Posa.“

„Was hilft ihm meine Dankbarkeit“, erwiederte der Baron, „beweisen

kann ich sie ihm nie, und auch er nimmt sie nicht an. Daß ich dankbar

bin, ist mir nicht anzurechnen. Die Dankbarkeit ist ein natürliches

Gefühl; selbst der Wilde besitzt sie; den Trieb, den die Natur in uns

legte, können wir uns nicht berechnen. Daß es jetzt so viele undankbare

Menschen giebt, rührt nur daher, weil wir unsere natürlichen Gefühle

immer mehr unterdrücken -- denn von Natur sind alle Menschen +gut+,

folglich: dankbar. -- Gieb mir eine Cigarre, Timm. Auch du gehörst zu

den Menschen, auf die man sich verlassen kann. -- Na was macht denn das

hübsche Mädchen, mit dem Sie neulich im „Englischen Garten“ waren?“

„O, die ist gut zufrieden, Herr Baron,“ antwortete der Küper, die

Cigarre reichend und einen Fidibus dabei. --

„Wenn Sie Zeit und Lust hätten, Herr Baron; so dächte ich Sie schenkten

uns den heutigen Tag, und gingen mit uns.“ Bemerkte ich.

„Gerne! Aber dann müssen wir aus Altona! Ich kann Altona nicht leiden,

und Ihr Freund muß St. Pauli und Hamburg kennen lernen. Geh, Timm,

schicke Jemanden hin, uns eine Droschke zu holen vom Rathhausmarkt. Den

Kutscher mit dem weißen Schimmel. Boysen heißt er. Den nehme ich immer,

weil das Pferd gut, die Droschke reinlich und der Kutscher verschwiegen

ist! Wie manchen angenehmen Augenblick habe ich in der Droschke

verbracht!“ --

„Ich denke, wir machen die Tour, Herr Baron, die wir schon einmal mit

einander machten,“ bemerkte ich. „Zuerst die Erfrischungshalle, dann

Hôtel Petit, Janßen, Kittel, Buck, Carl, den Trichter, die Elbhalle,

Madame Heitmann,“ etc.

„Einverstanden!“ rief der Baron. „Kommen Sie, meine Herren! der Wagen

ist da! Adieu Timm! Behalten Sie Gipsy bei sich! Gipsy! du bleibst bei

Timm!“

„Leben Sie gut und delicat, Herr Baron.“ --

„Nach der Erfrischungshalle!“ rief der Baron dem Kutscher zu. Wir

stiegen ein. Die Droschke rollte schnell dahin. -- Wir hielten vor der

Erfrischungshalle. Wir stiegen aus und gingen hinein. -- --

Als wir in das Zimmer der Erfrischungshalle traten, war außer einem

Knaben, der beim Billard beschäftigt war, zufällig Niemand zugegen. Der

Baron benutzte diesen Augenblick indem er sich mit folgenden Worten an

Hippias wandte:

„Sie befinden Sich diesen Augenblick, mein lieber Hippias, in einem

der anständigsten Locale dieser Gegend. Die Eigenthümer dieser

Wirthschaft, sind alte würdige Leute; der Führung der Geschäfte

und des ganzen Hauswesens steht aber die Tochter vor. Ein höchst

rechtschaffenes Mädchen, mit Sinn für Literatur und Kunst begabt, wie

Sie es auch an dem schönen Gemälde bemerken können, das dort an der

Wand hängt. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, besitzt Geist, Gefühl

und Verstand, und vielleicht ein bischen Schwärmerei, welches wir ihrer

deutschen Natur zu Gute halten müssen. Sie wird in ihren Geschäften

durch ein junges Mädchen unterstützt, die Henriette genannt wird,

und, wie es scheint, gleichfalls anständig und tugendhaft ist. Diese

behauptet hier den Posten einer Schenk-Mamsell.“

„Was ist denn das für ein Posten?“ fragte Hippias.

„Eine Schenk-Mamsell, lieber Hippias,“ bemerkte ich, mich in die

Unterhaltung mischend, „ist eine Art liebenswürdiger Geschöpfe, die

das Amt einer Hebe in den Hallen irdischer Glückseligkeit verrichten.

Mit Grazie Wein und Getränke schenkend, und durch Liebenswürdigkeit,

Zuvorkommenheit und Unterhaltung einem die Stunden angenehm hinbringen

lassen, welche man in den Tempeln des Bachus zubringt. Daß sie hier

eine eigene Classe des weiblichen Geschlechts bilden, ist gewiß, wo

diese aber anfängt und wo sie begrenzt wird, kann ich nicht mit

Gewißheit bestimmen. Sie sind nach meiner Meinung dazu gehalten, alle

Reize des weiblichen Geschlechts anmuthig und anständig zu entfalten,

gegen Jedermann liebenswürdig und artig zu sein, zu kokettiren, zu

lachen, zu scherzen und Guitarre zu spielen, Jedermann die Hoffnung

ihres Besitzes vorzuspiegeln, sie aber nie zu erfüllen. Auf diese

Weise gleichen sie den schönen Früchten, die reizend, rothbackigt

und zum Genusse einladend, über Tantalus Haupte schwebten, und die

entschwanden, wollte er sie greifen, sie genießen.“

„Na! das nenne ich eine poetische Definition einer Schenk-Mamsell,“

rief der Baron lachend, „ich will Ihnen eine einfachere geben. Eine

Schenk-Mamsell ist ein Mädchen, welches engagirt wird, wie jedes

Dienstmädchen, das sich aber fein anziehen muß, einige Bildung

besitzen und den Gästen als angenehmes Spielwerk dienen soll. Kurz

ein Lockvogel, der, sobald er seine schönen Federn ablegt, Kartoffeln

schälen und Krammetsvögel pflücken muß. Daß diese Mädchen nun, so

lange sie in einem anständigen Hause sich befinden, sich anständig

betragen müssen, versteht sich von selbst. Ausnahmen giebt es überall.

-- Sie gehören freilich nicht in die Classe der gänzlich Gesunkenen,

aber sie sind nicht weit davon entfernt, denn dieses ewige Courmachen,

dieses ewige Liebeln um sie her, dieser stete Müssiggang und der Genuß

starker Weine, die sie den Gästen zu Gefallen mit trinken müssen,

bringt sie natürlich dem Falle näher, als jedes andere Mädchen! Sie

sind zu bedauern, zu beklagen! Ihr Leben ist ein glänzendes Elend,

eine fortwährende Reizung, Betäubung. Wo soll das junge Mädchen ohne

Existenz-Mittel enden, das sich an Champagner gewöhnt und in Sammt und

Seide zu gehen? Doch, da kommt unsere angenehme Wirthin, in Begleitung

der lieblichen Hebe, wie Aristipp sie titulirt.“

Zwei weibliche Gestalten traten jetzt in das Zimmer. Die Eine, schwarz

gekleidet, von schlankem Wuchse, trug ihr glänzend schönes schwarzes

Haar gescheitelt, unter schwarzen Augenbrauen glänzten zwei große

blaue Mondscheinaugen, ihr Gesicht war interessant, ihre Haltung edel.

Sie sah mehr einer Ausländerin als einer Deutschen ähnlich. Das war

Fräulein Brettomani.

Die Andere war ein anmuthig lächlendes Geschöpf, ganz blond, Teint

von Lilien und Rosen, Wuchs schlank, Ausdruck freundlich. Das war

Demoiselle Henriette, die Schenk-Mamsell.

Wir standen natürlich alle drei auf, um diese angenehmen Erscheinungen

zu begrüßen. Fräulein Brettomani ließ sich auf einen Sessel nieder;

Mlle Henriette trat hinter den Schenktisch.

„Guten Tag, mein Fräulein,“ rief der Baron, und sich dann an Mlle

Henriette wendend fuhr er fort: „Sie kommen gerade zur rechten

Zeit, mein schönes Kind. Herr Aristipp und ich sind gerade diesen

Augenblick beschäftigt, unserm Freunde, Hippias, die Definition einer

Schenk-Mamsell zu geben. Er behauptet, ein solches Wesen müsse eine

Hebe sein; ich, sie sei nichts weiter, als ein schöner Lockvogel. Wer

von uns Beiden hat Recht?“

„Keiner von Ihnen, meine Herren, sondern ich, wenn ich behaupte, daß

Sie ein loser Vogel sind.“

„Warte Schelmin! das sollst du bereuen! Und nun kommen Sie einmal

hinter Ihrem Tisch hervor; zeigen Sie Sich dem Herren Hippias, damit er

gestehe, daß eine Schenk-Mamsell, wenigstens ein Engel sei.“

„Das ist zu arg, Herr Baron! Lassen Sie mich los!“ versetzte die sich

sanft Sträubende, während der Aufwand der Kräfte, beim Widersetzen, die

Farbe des schönsten Incarnats auf ihre Wangen trieb.

„Verzeihen Sie, mein schönes Kind,“ sprach der Baron, die Schmollende

loslassend, „Sie müssen mir heute schon was zu Gute halten. Prinz Doria

ist heute lustig -- und folglich unbändig!“

„Wie immer!“ versetzte Hebe.

„Was ist Ihnen denn heute Besonderes arrivirt?“ sprach Fräulein

Brettomani, „Haben Sie Nachrichten von Ihrer Geliebten?“

„Sie thun Unrecht mich in einem solchen Augenblicke an meine

Geliebte zu erinnern. Jetzt ist meine Lustigkeit vorüber. Ich werde

melancholisch. Geschwind geben Sie uns drei Gläser Portwein! Aber Geld

habe ich nicht bei mir!“

„Schadet nichts. Henriette!“

Henriette brachte die Gläser.

„Jetzt, Herr Hippias, passen Sie auf! Sehen Sie, +nur+ eine

Schenk-Mamsell kann mit einer solchen Grazie die Gläser präsentiren!

Bemerken Sie diesen schwebenden Gang -- diese Liebe athmenden

Bewegungen --“

„Denken Sie doch an Ihre Geliebte, Herr Baron!“ versetzte Mlle

Henriette schalkhaft drohend. -- „Wenn +die+ das hörte!“

„In Gottes Namen! Wenn sie mich deshalb +weniger+ liebte, wäre +sie

meiner nicht werth+!“

„Haben Sie wirklich einen wahren Begriff von einer reinen Liebe?“

fragte Fräulein Brettomani, den schwärmerischen Blick ernst auf den

Baron richtend.

„Wenn ich das nicht hätte,“ erwiederte der Befragte, „würde ich dann so

viele Empfänglichkeit des Gefühls für das Schöne, das Liebenswürdige

eines weiblichen Wesens besitzen können? Wenn man wirklich liebt, mein

Fräulein, wenn man wahrhaft glücklich ist, dann liebt man die ganze

Welt, wünscht, die ganze Welt zu beglücken.“

„Das nenne ich eine weitumfassende Liebe,“ entgegnete das Fräulein.

„Wenn ich Ihre Braut wäre, würde ich mir eine solche Liebe höflichst

verbitten.“

„Liebe und immer wieder Liebe,“ versetzte der Baron. „Was ist denn

eigentlich Liebe?“

„+Liebe+,“ erwiederte Fräulein Brettomani ernst, „ist das höchste

und das heiligste der Gefühle. Die zarteste Uebereinstimmung zweier

schönen Seelen in allen Puncten zu einem Zwecke. Das Durch-sich,

Durch-einander-Beglücktsein --“

„Nun, bei Gott! Sie nehmen die Liebe zu hochpoetisch. Ich glaubte,

es wäre eine Art von Instinkt, eine Art Trieb, damit das menschliche

Geschlecht nicht aussterbe!“ versetzte der Baron. „Was meinen Sie dazu,

Herr Hippias?“

„Ich bin in diesen Sachen ziemlich unerfahren,“ erwiederte der

Angeredete. „Im Ganzen glaube ich, daß es wohl eine Composition von den

beiden Ansichten sei, die Sie und das Fräulein aussprachen. Was meinst

Du, Aristipp?“

„Ich enthalte mich meines Urtheils. Da aber gerade von der Liebe die

Rede ist, so fallen mir einige Verse ein, die wenigstens beweisen, daß

bei der Liebe immer viel Gefahr und Täuschung obwalten. Soll ich sie

Ihnen sagen?“ Alle baten. Ich begann: Mein Gedicht ist von -- ich habe

den Namen vergessen -- und ist titulirt: Das Geständniß.

1.

Uns Alle lehrt die Liebe Trug und Tücke,

Wer ihr gehorcht, ergiebt dem Bösen sich.

Der Sündenweg ist, ach! der Weg zum Glücke,

Dir zu +gefallen hinterging ich dich+.

2.

Die erste Gunst erkämpften jene Zähren,

Die ich zu deinen Füßen einst vergoß;

Und Thränen mocht’ ein Auge leicht gewähren,

Das +roth von starken Wassern+ überfloß.

3.

Du lehrtest mich der Liebe Taumel singen,

Aus deinen Blicken stahl ich jeden Ton.

Wohl mußten diese Verse mir gelingen,

Ich brauchte sie zum +sechsten+ Male schon.

4.

Louisens Briefe konnt’ ich kalt zerreißen,

Ich brachte treu sie deiner Schönheit dar.

Ein würdig Opfer! Würdig, groß zu heißen,

Nur, daß kein Brief +an mich+ gerichtet war.

5.

Beim letzten Tanz wie brannten meine Sinnen!

Wie lebt’ ich nur vor deinem Angesicht!

Das letzte Mittel Idan zu gewinnen,

Der Neid allein, gab mir bei ihr Gewicht.

6.

Verzweiflend wagt’ ich Hand an mich zu legen,

Da fühltest du, Erhörung werde Pflicht.

Ich bot die Stirn dem Terzerol entgegen,

Es war gespannt -- +geladen war es nicht+.

Aristipp in Hamburg und Altona: Ein Sitten-Gemälde neuester Zeit · 第 4 / 9 题