Freiherrn Eugen v. Hammerstein,
Verfasser des „Eduard,“ der „Memoiren,“ „Frankreich
und seine Revolution“ u. s. w.
Motto:
+Faust.+ „Wohin soll es nun gehn?“
+Mephist.+ „Wohin es dir gefällt.“
„Wir sehn die kleine, dann die große Welt,
„Mit welcher Freude, welchem Nutzen,
„Wirst du den Cursum durchschmarutzen.“
Goethe.
Celle.
Verlag von E. H. C. Schulze.
1840.
1.
Erste lustige Fahrt.
Aristipp und Hippias. Das Hôtel der Madame Grünbein in Ottensen.
Altona. Die Königsstraße. Hammerich und Lesser. Fr. Clemens. Die
kleine Catharinenstraße. Der Keller des Herrn Ahl. Gespräche
zwischen Aristipp und Hippias über Journale, Zeitungen, Literatur
und Literaten. Die Buchhandlung des Herrn Georg Blatt. Unterredung
zwischen Hippias, Aristipp und Herrn Georg Blatt. Der Keller
des Herrn Kerkhoven. Unterredung zwischen Aristipp und Herrn
Moses Samson über die Israeliten. Der Baron und Gipsy. Altonaer
Klatscherei. Der Baron, Aristipp und Hippias. Geschichte des
Barons und des Herrn von Pichmeier. Die Erfrischungshalle. Die
Schenkmamsellen. Fräulein Brettomani und Demoiselle Henriette.
Gedichte des Barons, Hippias und Aristipps. Das Hôtel Petit
und Herr Herrmann Bleicamb. Gespräche über Clemens Gercke. Das
Holländische Caféehaus. ~Mynheer Ianssen.~ Mlle Jeanneton, Thereson
und Linon. Der wunderbare Mann. Der Baron und der Holländische
Doctor-Capitän. Die englischen Schiffscapitäne. Promenade.
Lieschen. ~London-Tavern~ bei Heitmann. Geschichte des armen
Lieschen und Hippias. Raisonnements.
Eines Morgens befand ich mich in meinem Zimmer in Altona, als ich
die Bothschaft erhielt, sogleich nach Ottensen zu Madame Grünbein zu
kommen, weil mein Freund Hippias dort angelangt sei. Ich eilte hin und
trat mit folgenden Worten, lachend, in seine Stube:
„Aber sage mir, wie kommst du dazu in diesem Nonnenkloster abzusteigen?“
„Aus dem einfachen Grunde, weil mir dieses Gasthaus durch eine
Holsteinsche Klosterdame empfohlen worden. Uebrigens bereue ich es
nicht hier abgestiegen zu sein, denn es schläft sich hier vortrefflich;
Alles ist ruhig, der Garten hinter dem Hause schön und die Wirthinnen
unterrichtet, zuvorkommend und hübsch. Genug hiervon. Und nun, Freund
Aristipp, ist es deine Sache die wenigen Tage, welche ich in Altona
bleiben werde, mich auf eine angenehme Weise hinbringen zu lassen. Ich
bin gekommen um mich hier zu amüsiren.“
„Dich in Altona zu amüsiren? Nun, bei Gott, der Gedanke ist nicht übel!
Glaubst du denn, daß irgend ein Menschenkind von Stande sich je in
Altona amüsirt hätte? Unter uns Hippias, du bist zu vornehm um dich
amüsiren zu dürfen, du hast hier Verwandte und Bekannte die es dir nie
vergeben würden, +wenn+ du dich hier amüsirtest. Dein Name wird schon
in der Fremden-Liste stehen, und so kannst du gewiß sein, daß jeder
deiner Schritte hier bemerkt, bekrittelt und beklatscht werden wird.“
„Gut. Wie beginnst du es denn aber um deine Zeit hier angenehm
hinzubringen, da du in gleichen Verhältnissen mit mir stehst?“
„Ich setze mich über alle Nachreden hinweg; frequentire nicht die
gute Gesellschaft; mache keine Visiten; lebe auf meine eigene Hand
und suche meinen Trost in meiner Freiheit, bei meinen Büchern und
meine Erholung in Bachus und in der Freude Armen. Ich bin ein Mann
des Volkes. Ich besuche alle öffentliche Oerter, die Hütte des Armen.
Ich spreche mit Jedermann; genieße das Leben und studiere bei meinen
Orgien und Bachanalien den menschlichen Verstand; das menschliche
Herz; Lebensweisheit. Jeder Mensch ist für mich ein Blatt aus dem
ungeheuren Lehrbuche der Schöpfung; daher mir interessant, wichtig.
Deßhalb mische ich mich unter das +Volk+ und beobachte die Handlungen,
den Gemüthszustand, die Ansichten und die Stufe der Bildung des
gemeinen Mannes. Es läßt sich nicht läugnen, daß ein kluger Minister
viel Verstand und Kenntnisse besitzen muß; daß ein Justizrath, ein
Regierungsrath, ein Advocat, ein Professor, ein Polizeiminister
Kenntnisse, Einsichten und Verstand besitzen muß. Häufig trifft es
sich aber, daß der gemeine Mann, oder das +Volk+ in seiner einfachen
Art Gegenstände aufzufassen, eine schärfere Urtheilskraft beweist als
alle jene Gelehrte und Studierte. Aus diesem Grunde bin ich ein Mann
des +Volkes+ geworden. Nicht aber, weil ich ein Republikaner, oder ein
junger Deutscher bin, wie man es glauben könnte. Das war ich nie und
werde es nie! Die vornehme Sippschaft, obgleich ich zu ihr gehöre,
hasse ich, weil sie nie und nimmer veraltete Vorurtheile ablegen wird,
und nimmer dem Menschen oder dem gemeinen Manne oder dem Volke gleiche
Rechte mit den privilegirten Ständen zugestehen wird.“ -- --
„Verzeihe es mir, Aristipp, wenn ich dich unterbreche. Deine Suade ist
mir zu bekannt, als, daß ich nicht befürchten müßte, ließe ich dich zu
reden fortfahren, wir würden den ganzen Tag hier in Ottensen versitzen.
Das ist nicht meine Meinung. -- Du kennst mich überhaupt gut genug um
davon überzeugt zu sein, daß deine Gesellschaft mir lieber ist, als
jede andere. Dich zu sehen; mit dir zu sein bin ich hieher gekommen. Wo
du mich hinführest, da gehe ich hin. Du weißt, daß wir Jugendbekannte,
Verwandte, Universitätsfreunde, Militärs und Schriftsteller waren und
sind; was dem Einen gefällt, gefällt folglich dem Andern. Und nun
entwirf den Plan unseres Taglaufes.“ --
„Wenn du so willst, so ist er schon fertig. Ich werde dich überall
hinführen wo guter Wein, gutes Essen zu haben ist, und dir manche
hübsche Mädchen und Frauen zeigen. Wir werden Gelegenheit haben einige
gleichgesinnte Bekannte zu treffen, und wollen uns bemühen jeder Sache
oder jedem Gegenstande, die oder der uns auf unserer Fahrt aufstoßen
sollte, die +wahre+ Seite abzugewinnen. Hier in Ottensen wüßte ich
dir nichts zu zeigen. Klopstocks Grab wollen wir betrachten, wenn wir
zurück kommen und ernster gestimmt sind. Rainvilles Garten kennst du.
Das Gebäude, die Anlagen und die Aussicht sind dort wunderschön; aber
da ist kein Leben, kein Treiben! Wir wollen den Menschen studieren.
Gehen wir.“
Nach diesen Worten ergriffen Hippias und ich Hut und Stock; traten
aus dem Grünbeinschen Hôtel; schritten quer über den großen Platz die
Allee nach Altona hinunter und befanden uns bald in der Königsstraße
der friedlichen Stadt zweiten Ranges des Königreiches Dänemark, oder,
um mich besser auszudrücken, in der +ersten+ Stadt des +Herzogthums
Holstein+. Ich erlaube mir dieses hervorzuheben, weil es ein
anmaßender Gedanke des Dänen ist, Holstein als eine dänische Provinz
zu betrachten, da Holstein mit Dänemark in +keiner andern Beziehung
und Gemeinschaft steht+, als daß der Herzog von Holstein, König von
Dänemark ist. Die Holsteiner als Dänen zu betrachten, würde ebenso
falsch und lächerlich sein, als wenn man unter der Regierung Wilhelms
des Vierten die Hannoveraner Engländer genannt, und Hannover als ein
von England abhängiges Königreich hätte betrachten wollen. --
Hippias und ich gingen bei der Buchhandlung von Karl Aue, der
Buchdruckerei und Verlagshandlung von Hammerich und Lesser, der
Leihbibliothek von Lesser vorüber.
„Hier wohnt Karl Aue und Hammerich und Lesser,“ bemerkte
ich. „Schriftsteller, wie wir, empfinden immer ein gewisses
Hochachtungs-Gefühl, wenn wir vor einer großen Buchhandlung
vorbeigehen. Es müßte ganz angenehm sein dort verlegt zu werden, nicht
wahr? Die Hammerichsche Verlagshandlung hat einen bedeutenden Ruf in
Europa. Hammerich ist ein thätiger Mann und weiß die Verlags-Artickel
richtig zu beurtheilen. Auch der Freihafen erscheint dort.“
„Eine Empfehlung für beide. Der Name des Verlegers thut oft soviel, als
der Name des Schriftstellers. Ein Werk, das bei Hammerich und Lesser,
oder bei Hoffmann und Campe verlegt worden, bedarf keiner weitern
Empfehlung.“
„Du machst den Herrn ein großes Compliment; jedoch pflichte ich dir
bei. Die Lessersche Leihbibliothek ist außerdem im ganzen Lande
berühmt, und hat den Vorzug, daß man in ihr fast täglich Fr. Clemens
antrifft, welcher dort die neuesten Werke liest.“
„Wer ist das?“
„Fr. Clemens! Clemens Gerke! da fragst du noch? Hast du denn nicht
seinen „Spatziergang durch Hamburg;“ sein „Bei Nacht und Nebel;“
seinen „Jacob Stainer“ gelesen!? Du bist weit zurück. Ich rathe dir,
auf alle Fälle, diese Bücher zu lesen. Du wirst in ihnen eine starke,
männliche, wilde Phantasie finden, richtige Ansichten des Lebens und
ein hochherziges Gemüth.“
„Ich werde deine Empfehlungen gewiß beachten, du scheinst sehr von
diesem Manne eingenommen zu sein?“
„Du wirst es auch sein, wenn du seine Schriften gelesen, noch mehr
aber, wenn du ihn selbst persönlich kennst und seine Ansichten und
Grundsätze von ihm selber aussprechen hörst. Sie sind zeitgemäß,
richtig und edel. Ueberhaupt, lieber Freund, obgleich ich ein ~aimable
roué~ bin; so hat sich doch bei mir nie das Gefühl, die Empfänglichkeit
für das Große, das Schöne, das Heilige, die Tugend und das +Achtbare+
verloren. Wie hoch muß ich daher einen Mann schätzen, der von dem
Grundsatze ausgeht: +jeder Schriftsteller muß sich als Lehrer des
Volkes betrachten, und wie sein Wort, das er an das Volk richtet, rein
und edel sein muß; so muß auch sein bürgerlicher Lebenswandel rein und
makellos sein+.“
„Dein Clemens hat Recht, Aristipp. Das köstlichste Getränk aus einem
schmutzigen, unreinen Gefäße angeboten, widert an. Du erregst meine
ganze Neugierde diesen Mann kennen zu lernen, weil es so selten ist, in
dem genialen Schriftsteller auch den sittlichen, moralischen Menschen
achten und lieben zu können! Wir werden den Clemens wohl in den
geselligen Cirkeln antreffen können.“
„Clemens Gerke! Du hast gut sprechen! Er ist nicht hochgeboren; nicht
reich; kein graduirter Doctor! Er ist nur ein simpler Musikant, der
noch dazu in einem öffentlichen Locale in St. Pauli spielt! Wie
könnten die +anerkannten Soliditäten+, aus denen die hiesige, höhere
Gesellschaft besteht, einen Mann in ihren Kreisen sehen, dessen Amati
zum Tanze der Mädchen und lustiger Matrosen spielt!!! Guter Freund! Auf
die +Schaale+ kommt es hier an, nicht auf den +Kern+! Der Mann, seine
Talente, gelten nicht, nur sein Titel; seine Firma oder sein Reichthum!“
„Was verstehst du unter dem Ausdrucke: +anerkannte Soliditäten+?“
„Das sind erstens alle Leute, welche Geld genug haben um „insgeheim“
ihre menschlichen Schwächen zu befriedigen; ihre Fehler und Lüste mit
silbernem oder goldenen Mantel zu bedecken, und daher vor der Welt als
moralische, sittliche Männer auftreten.
Zweitens Alle jene Leute, welche den Schein beobachten; die durch
fleißiges Kirchengehen, Armen- und Krankenhäuser Besuchen; dadurch, daß
sie Gott, Christum, Tugend, Thätigkeit und Grundsätze stets im Munde
führen, ihren Ruf als heilige und christliche Menschen begründet haben.
Drittens die ganze Masse von ältlichen Frauenzimmern, heirathet oder
nicht, die, weil sie nicht mehr sündigen können, weil Niemand sie zu
verführen strebt, nichts anders thun, als ihre +wohlfeile+ Ehrbarkeit
und Tugend hervorzustreichen und über ihre Mitmenschen herzufallen.
Zu dieser Classe gehören noch ausgemergelte Junggesellen, und
diejenigen Ehemänner, welche in ihrer Jugend die leichtsinnigsten und
ausschweifendsten waren, und es den jungen Männern nicht verzeihen, daß
sie Fehler begehen, welche sie selbst begingen. Ein ander Mal mehr
hiervon.“
„Wir sind grade vor einer Colonial-Waaren-Handlung, wo es gute Cigarren
giebt. Laß uns hineingehen.“
Wir traten in das Haus des Kaufmanns, wo ein reinlich gekleidetes,
rothbackiges Ladenmädchen uns ein Dutzend Cigarren und für einen
Doppelschilling Schnupftaback verabreichte. Während ich bezahlte
betrachtete Hippias ein Päckchen Taback, welches auf dem Ladentische
lag und zeigte es mir. Das Päckchen war in ein Papier gehüllt, auf
welchem vier rauchende Männer abgebildet waren, die um einen Tisch
herum saßen und folgende sinnreiche Bemerkungen machten, die über ihren
Köpfen zu lesen waren:
Der Eine sagte mit zufriedener Miene: „De Taback“ -- Der Andere: „is
got von Schmack“ -- Der Dritte fragt neugierig: „wo köpt ji de?“ --
worauf der Vierte erwiederte: „bi Sauké.“
Wir kauften der Merkwürdigkeit wegen dieses Päckchen; verließen das
Haus, nachdem wir einige Blicke auf die schöne Besitzerin desselben
geworfen hatten, welche in einem Nebenzimmer, in dessen Thüre ein
Glasfenster angebracht war, mit weiblicher Arbeit beschäftigt saß.
„Eine wunderschöne Frau,“ bemerkte Hippias weggehend.
„Was noch mehr zu bewundern ist“ antwortete ich, „ist, daß sie ebenso
tugendhaft, als schön ist. Sie hat zwei Schwestern von denen man
dasselbe sagen kann. Das schöne Geschlecht in Altona ist überhaupt
solide.“
Als wir noch einige Minuten stehen blieben, fragte Hippias: „Wie heißt
die Straße, welche hier von der Königsstraße abgeht?“
„Die kleine Catharinenstraße. Eine für mich merkwürdige Straße. Alle
jene Häuser, die du an der rechten Seite erblickest, gehören einem
Herrn Bettac, der eine englische Grammatik herausgegeben hat. Ferner
wohnt in dieser Straße ein ebenso edler, als genialer, gescheuter als
unterrichteter, eben so glücklich gewesener, als jetzt unglücklicher
Mann; der Tausenden geholfen und dem Niemand mehr hilft; für den ich
die ganze Welt um Hülfe anflehen mögte, weil er mir selbst in meinem
Unglücke geholfen!“
„Und warum hilft man ihm denn nicht?“
„Weil er nicht zu den +anerkannten Soliditäten+ gehört.“
„Die Catharinenstraße ist mir auch noch dadurch angenehm, daß in dem
vierten Hause von hier ein Lehrer der englischen und französischen
Sprache wohnte, dessen Frau sehr liebenswürdig war. Ich hatte in
diesem Hause Zutritt und habe da manchen genußreichen Abend in der
Gesellschaft der feurigen Wally; der niedlichen Sophie und der
koquetten Marie verbracht. Außerdem lernte ich in diesem Hause
den Herrn von Hammerstein kennen, der damals durch die Herausgabe
seiner Memoiren viel Aufsehen erregte und nachher Alles durch seine
Liebeshändel und tollen Streiche wieder verdarb. Ich habe dir manches
Interessante über ihn und jene Damen mitzutheilen, was zu seiner Zeit
geschehen soll.“
„Du kennst also diesen Menschen genauer? Was denkst du über ihn?“
„Es ist nicht leicht, lieber Hippias, über einen Menschen ein
+entschiedenes+ Urtheil zu fällen. Um Jemanden, dessen Leben, Thaten
und Treiben richtig beurtheilen zu können, muß man die Vergangenheit,
den gegenwärtigen Zustand desselben, seine Hoffnungen für die Zukunft
genau kennen. Erziehung, Geburt, Temperament des Menschen sind
außerdem wohl zu beachten. Ich denke von diesem Manne, wie von allen
ungewöhnlichen Männern, das Beste und das Schlimmste. Der Herr von
Hammerstein hat zwei große Fehler: Die Liebe zum Wein und zu dem
schönen Geschlechte. Was ihm aber noch mehr schadet, das ist, daß er
keine Mördergrube aus seinem Herzen macht, und nicht zu den anerkannten
Soliditäten gehört.“
Wir gingen weiter.
„Bemerkst du wohl jenes Haus, Hippias,“ sprach ich, „dessen Façade
gänzlich mit Weinlaub umzogen ist?“
„Ja wohl.“
„Gut. In diesem wohnt ein braver Mann. Ein Mann, der fähig ist sein
Leben tausendmal zur Rettung seines Mitmenschen in die Schanze zu
schlagen; dessen Manieren und Sprache aber nicht die des ~bon ton~
sind. Ich mache dich auf diesen Mann aufmerksam, weil es mir immer
wohlthut in unserm entarteten Zeitalter einem Kraftmenschen, einem
Urmenschen zu begegnen, der, wie ein Granitblock unter den ihn
umgebenen Sandhügeln, unerschütterlich feststeht.“
„Du bist ein vortrefflicher Cicerone, Aristipp. Du kennst beinahe die
Bewohner eines jeden Hauses. Was mich aber am meisten freuet, ist, daß
du die guten Seiten der Menschen hervorhebst. Eine seltene Tugend in
unsern Zeiten.“
„Von mir wollen wir einandermal sprechen. Betrachte hier die
Hutfabrik des Herrn Dubbers, dessen Filze ebenso dauernd, als er
selbst betriebsam und wohlthätig ist. Es ist sonderbar, daß in einer
Stadt, wie Altona, die die größten Privilegien hat, so wenig Fabriken
anzutreffen sind! Die Regierung läßt es nicht an Aufmunterungen fehlen
-- aber wohl fehlt der Unternehmungs-Geist den Bewohnern. Und nun, mein
lieber Hippias, nahen wir einem Orte oder einem Hause, wo ich nicht
vorübergehen kann. Ich bringe dich jetzt in einen +Keller+. Fürchte
dich nicht vor diesem Souterrain. Man ist dort gut aufgehoben. Sieh nur
hin! Vor dem Keller siehst du schon den hübschen, blondgelockten Küper
stehen. Bemerke nur wie die Blicke der vorübereilenden Mädchen auf dem
schmucken Burschen verweilen. Wahrlich! nicht Alle holen dort den Wein
um des Weines wegen. -- Doch wir sind da!“
Noch einige Schritte und wir befanden uns in dem Keller des Herrn Ahl.
Ein reinliches Zimmer empfing uns. Vier Tische standen in demselben. An
drei Wänden des Zimmers liefen mit Leder beschlagene Bänke einher. An
der vierten Wand stand ein Ofen. Kein Körnchen Staub war auf Tischen
und Bänken zu bemerken; auf den Tischen keine Spur gestandener Gläser
zu sehen. Alles war einfach, reinlich und nett. Auf dem ersten Tische,
rechts, wenn man in das Zimmer tritt, lagen eine Menge Zeitungen,
Journale geordnet in einer Reihe; der Titel eines jeden derselben war
auf dem obern Blatte zu lesen. An diesen Tisch setzten wir uns.
„Und nun zwei Gläser feiner Röthe! Eduard!“
„Zwei Durchschnitte oder einen Pohlschen?“ fragte der Küper.
„Zwei Durchschnitte.“
Einige Minuten später und das Geforderte stand vor uns. In den schönen,
blanken Gläsern strahlte uns der köstliche ~Bordeaux~ purpurroth
entgegen.
„Komm, Hippias! koste diesen vortrefflichen Wein. In ganz Hamburg und
Altona giebt es keinen bessern! Welch ein Bouquet! Ist es doch grade,
als ob Einem ein seidenes Tuch durch die Kehle gezogen würde! -- Nun,
Eduard, wie geht es?“
„Immer beim Alten, Herr Aristipp. Aber Ihnen? Man hat sie ja in einer
Ewigkeit nicht gesehen! Wir glaubten Sie wären krank.“
„Nein, Eduard, ich war auf dem Lande.“
„Sie ruhten sich wohl etwas von den Strapatzen der Stadt aus. Es haben
sich mehre Leute nach Ihnen recht angelegentlich hier erkundigt.“
„So? Also die Leute beschäftigen sich noch mit mir? Das ist mir lieb.
Was würde auch aus Altona werden, wenn es nichts zu schnacken hätte!“
„Sie sollen in Wandsbeck gewesen sein, beim Wettrennen und dort viel
Geld verloren haben, wurde neulich Abend hier erzählt!“
„Vortrefflich! Ich habe nie einen Fuß nach Wandsbeck gesetzt, und
kenne von dem ganzen Dinge nur den Wandsbecker Boten. Es ist mir
übrigens sehr einerlei, was die Menschen von mir reden. Die Stimme des
Publikums, die öffentliche Stimme, geht in unsern Tagen nicht mehr
vom +Volke+ aus. Im allgemeinen ist es nur eine +gewisse Kaste+, die
die öffentliche Meinung beherrscht. Neid, Verläumdung, Klatscherei,
Bigotterie gehen immer Hand in Hand, und wer kein Betbruder, Mystiker
oder Harmsianer ist, der kommt schlecht weg. Sie würden wohl thun,
Eduard, uns noch zwei Durchschnitte zu geben.“
Der Küper ging; brachte die Gläser; stellte sie vor uns hin und zog
sich alsdann bescheiden zurück.
Hippias hatte unterdessen eine Zeitung genommen und durchblätterte sie.
„Du findest hier alle mögliche Journale und Zeitschriften sprach ich
nach einigen Augenblicken. Man könnte diesen Keller ein Lese-Cabinet
nennen. Hier hast du die „Hamburger Neue Zeitung.“ Ein vortreffliches
Blatt, das täglich älter wird, und doch immer neu bleibt. Wenn ich
nicht irre, so werden die französischen und englischen Artikel von dem
Doctor Fr. Wille redigirt. Ein gescheuter, kraftvoller, freisinniger
Mann, eben so treffend, als richtig in seinem Urtheile. Ferner hast du
hier den „Altonaer Mercur,“ der seinen ~morning-dress~ abgelegt hat,
weil er nicht mehr haltbar war, und nun im ~evening-dress~ erscheint,
nachdem er sich unter das mächtige Gestirn des freidenkenden Wienbarg
begeben, und durch diese literarische Notbalität mehr populär und
gelesen wird. Weiter findest du hier die „Hamburger Nachrichten.“
Brav und kurz geschrieben; ihrem gemeinnützigen Zwecke entsprechend.
Das „Itzehoer Wochenblatt“ setzt dich von den innern holsteinschen
Streitigkeiten und theologischen Fehden ~au fait~. An seiner Vignette
erkennst du gleich den populären „Freischütz.“ Die Braunschweigsche
National-Zeitung mit ihrem Motto: ~Nunquam retrorsum~, beweist
dir, daß das Motto allein nichts hilft, wenn der Inhalt nicht mit
demselben harmonieren darf. Schade, daß dem kräftigen Hermes so sehr
die mächtigen Schwingen seines Geistes beschnitten werden! Jetzt
findest du noch hier den aufmerksamen „Hamburger Beobachter;“ „den
Freihafen,“ berühmt durch Beiträge von König und Varnhagen von Ense,
und außerdem eine Menge von Modeblättern und Zeitungen für gebildete
Stände. Nur zwei Zeitschriften vermisse ich hier ungerne: den Hamburger
Unpartheiischen Correspondenten, und die kritischen und literarischen
Blätter der Börsenhalle, in welchen Franz v. Florencourts treffliche
Feder einem jeden deutschen Recensenten lehrt, wie man recensiren
+sollte+.“
„Meiner Meinung nach, Aristipp, ist Wolfgang Menzel der erste deutsche
Kritiker; wenn er auch zuweilen etwas zu persönlich wird. Es ist
leider bei den jungen Literaten häufig der Fall, daß sie nicht das
Werk, sondern die Person des Schriftstellers kritisiren; in diesen
Fehler verfällt auch zuweilen dein Florencourt, wenn gleich ich sonst
ganz deiner Meinung über ihn bin. Ich finde nichts Unpassenderes als
dem ganzen lesenden Publiko die Schwächen, oder die Fehler eines
Schriftstellers herzuzählen und ihn dadurch in den Augen desselben
herunter zu setzen. Ich habe mich deßhalb heute sehr über dich gefreut,
Aristipp, weil du, bis jetzt nur Gutes von allen Leuten, die du mir
nanntest, geredet hast. Um so mehr hat es mich erfreut, weil ich weiß,
daß du meistens von allen Menschen heruntergerissen und getadelt wirst.
Wie bist du zu dieser Selbstüberwindung, zu dieser weisen Mäßigung
gekommen?“
„Gerade, weil ich vielfach angegriffen und getadelt worden bin. Ich
fand, daß der meiste Tadel, welcher mich traf, nur auf Hörensagen
beruhte; ungerecht war. Ich sah ferner ein, daß es nichts Leichteres
gäbe, als Fehler an seinen Mitmenschen zu entdecken; sie tausendfach zu
vergrößern und zu entstellen; ich fand ferner, daß nichts kleinlicher
sei, als sich zu rächen, und, daß es dem edlen Manne bei weitem eher
zieme die +guten Seiten+ seiner Mitbrüder zu erforschen und an das
Tageslicht zu fördern, als sich durch beißende Bemerkungen in den Ruf
eines klugen Mannes zu setzen. Aus diesem Grunde spreche ich über
Niemanden schlecht. Werde ich aber aufgefordert in einer Sache von
Wichtigkeit mein Urtheil über Jemanden zu fällen, so thue ich es kurz;
der reinen Wahrheit gemäß.“
„Du sprichst wie ein Buch, Aristipp. Bei einem so guten Glase Wein, wie
dieses, hört sich gern ein gutes Wort. Du hast Recht. Wenn die Menschen
ebensoviel thäten um sich das Leben angenehm zu machen, als sie thun um
es sich zur Hölle zu schaffen und sich gegenseitig zu zerfleischen und
zu erniedrigen, so würden sie zehntausendmal glücklicher sein. Woher
aber kommt es, daß dieser Keller so wenig besucht ist? Wir sitzen hier
schon eine geraume Zeit und bisjetzt kam noch Niemand.“
„Die Ursache deiner Befremdung will ich dir erklären. Sie liegt in
der Persönlichkeit und in der Stellung des Besitzers unter seinen
Mitbürgern. Herr Ahl ist ein äußerst rechtschaffener Mann, sehr klug
aber eigen. Er besitzt Kenntnisse; ist Meister seiner Muttersprache
und spricht das Französische in seltener Vollendung. Er hört sich
daher gern in dieser Zunge reden. Außerdem hat er die gute Eigenschaft,
daß er gerne mit gebildeten Männern umgeht, um sich selbst noch mehr
auszubilden. Eine Eigenschaft, die man nicht oft bei Männern findet,
die eine halbe Million im Vermögen haben. Ein anderer guter Zug dieses
feinen Weinhändlers ist, daß er unglückliche Genies unterstützt,
wenn sie es verdienen. Bei den Gesinnungen des Herrn Ahl ist es ihm
nun durchaus nicht einerlei +wer+ seinen Keller frequentirt. Da er
selbst durch sein Vermögen und seine moralischen Eigenschaften eine
höchst achtbare Stellung unter seinen Mitbürgern einnimmt, so ist es
natürlich, daß sein Keller nur von solchen Männern besucht wird, die
ihm conveniren, und, daß unter den Stammgästen seines Kellers, die
sich gewöhnlich nur des Abends einfinden, Verstand und +Kopf+ nie
fehlen dürfen. Ich selbst bin während einer geraumen Zeit fast täglich
hier gewesen; habe manche angenehme Stunde mit Herrn Ahl zugebracht;
demselben meine literarischen Producte mitgetheilt, und viele treffende
Bemerkungen von ihm entgegen genommen. Nie habe ich in diesem Keller
einen Streit gehört; nie einen Betrunkenen gesehen! Man kann daher, mit
Recht, denselben einem jeden Fremden empfehlen, denn man findet hier:
guten Wein, eine gute Gesellschaft und einen höchst ehrenwerthen Wirth.“
„Es ist gewiß, daß der moralische Werth eines Mannes einen großen
Einfluß auf seine Umgebung hat. Der gemeine, rohe, unsittliche Mann
wird sich immer durch die Gegenwart eines Ehrenmannes belästigt
finden, weil ein innerer Zwang ihm verbietet seine Gemeinplätze, seine
Zweideutigkeiten vor einem solchen Manne laut werden zu lassen. Es ist
daher sehr natürlich, daß ein gemeiner Mensch es nicht wagen wird einen
Keller zu besuchen, wo ein Mann, wie du den Herrn Ahl mir schilderst,
den Ton angiebt.“
„Wenn ich diesen Augenblick darüber nachdenke, lieber Hippias, wie
wir hier in diesem Keller zusammen sitzen, und über jeden Gegenstand
eine ernste Betrachtung uns gegenseitig mittheilen; so kann ich nicht
umhin zu gestehen, daß es wohl wenige Menschen giebt, die unter unsern
Keller-Gesprächen eine so tiefe Bedeutung versteckt glauben würden. Ich
bin fest davon überzeugt, daß unser heutiger Cursus uns noch manche
lehrreiche und unterhaltende Gegenstände vorüber führen wird, und da
ich ein sehr gutes Gedächtniß habe, so werde ich mir Alles gehörig
notiren, und dann weiter ausarbeiten. Die größte Schwierigkeit würde
wohl für uns sein einen Verleger zu finden, da so unendlich viel in
Deutschland geschrieben wird. Außerdem stehe ich mit sehr wenigen
Literaten in Verbindung, die ich auffordern könnte die Verleger für
mich zu bearbeiten oder mein Werk „im Voraus“ lobhudelnd anzupreisen.“
„So müssen wir wohl unser Glück selbst versuchen und dem richtigen
Urtheile der Verleger vertrauen.“
„Das ist auch meine Ansicht. Ich finde, daß nichts natürlicher ist,
als, daß junge angehende Schriftsteller eine große Achtung vor älteren,
berühmten, literarischen Autoritäten haben müssen, aber sie müssen
auch Zutrauen zu sich selbst haben. Glaube mir Hippias, wenn ich
Etwas geschrieben habe; so sagt mein eigenes Gefühl es mir, ob es gut
oder schlecht sei, und ich bedarf des Urtheils eines andern Literaten
nicht. Bei den Buchhändlern helfen auch die Empfehlungen literarischer
Notabilitäten wenig. Ich mögte auch von keinem Verleger verlegt werden,
der durchaus kein eigenes Urtheil über mein Werk hätte. In frühern
Zeiten war das etwas Anderes. Jetzt ist aber der Buchhändler selbst
eine literarische Person und bedarf nicht eines fremden Urtheils. Wir
haben hier gleich eine Buchhandlung in der Nähe, wo wir unser Glück
probiren können.“
Nachdem unsere Gläser geleert waren, begaben wir uns auf die
Wanderschaft. Einige Schritte von dem Keller des Herrn Ahl
entfernt, sahen wir in die Mörkenstraße hinein, aus welcher uns das
Aushängeschild der Königlich privilegirten Buchhandlung von Georg
Blatt entgegenstrahlte. -- Wir begaben uns in diese Buchhandlung. Ein
junger, wohlgewachsener, blondhaariger, sehr elegant gekleideter Mann,
die Feder hinter dem Ohre, empfing uns unter vielen Bücklingen und
erwiederte auf unsere Frage: „ist Herr Blatt zu Hause?“ mit lispelnder
Stimme: „zu dienen, der bin ich selber. Was wäre Ihnen gefällig?“
Wir sahen uns jetzt gegenseitig verlegen an; errötheten, wie alle
junge Schriftsteller, wenn sie vor dem Manne stehen, der ihnen die
Unsterblichkeit zu sichern im Stande ist, und ihre, meistens leere
Börsen wieder anfüllen kann.
Endlich faßte ich Muth und sagte: „Wir sind gekommen, Herr Blatt, um
Sie zu fragen, ob Sie nicht Lust hätten ein kleines Werk über Altona
und Hamburg in Verlag zu nehmen?“
Die heitere Miene, mit welcher Herr Blatt uns empfangen, wich einer
ernstern. Einige Falten zogen sich auf seiner Stirne zusammen. Er
trat einige Schritte zurück und bewegte unwillkührlich seinen rechten
Arm indem er seinen Oberkörper von einer Seite zur andern balancirte.
Darauf sprach er: „Muß recht sehr bedauern, meine Herren, -- ich bin
nur ein junger Anfänger -- habe mit meinen ersten Verlagsartikeln
vielen Schaden gelitten -- darf mich nicht vom Gelde entblößen. --
Ich würde den Herren rathen nach Hoffmann und Campe zu gehen. Die
würden wohl die Einzigen seien, welche auf etwas Belletristisches sich
einlassen könnten.“
„Aber, Herr Blatt, das Werk würde gewiß in Altona und Hamburg vielen
Abgang finden, denn es ist sehr frei, beißend geschrieben und wimmelt
von Persönlichkeiten.“ Versetzte Hippias.
„Um so weniger darf ich mich darauf einlassen. -- Ich bin ein
Altonaer Bürger und darf es nicht mit meinen Mitbürgern, noch mit dem
Polizeimeister verderben. Ja wäre es ein statisches Werk, ein Buch über
Agricultur, Schaaf- und Viehzucht, dann allerdings, meine Herren. Aber
so -- eine Satyre vielleicht? -- muß recht sehr bedauern.“
Herr Blatt lächelte. Hippias und ich lächelten auch. Wir lächelten alle
drei und lächelten uns zur Thüre hinaus.
Auf der Straße sahen wir uns noch einmal unwillig nach dem Schilde der
privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt um, dann gingen wir weiter.
„Er hat seinen Vortheil nicht verstanden“ sprach ich. „Mein Name thut
Alles.“
„Tröste dich mit Georges Sand, die drei Jahre umherlief ohne ihr
Manuscript anbringen zu können.“
„Das ist was Anderes. Hier in Deutschland kommt es nur auf den Namen
und den Rang eines Schriftstellers an. Ich bin überzeugt, daß der
vorsichtige Blatt die Memoiren des Freiherrn v. Hammerstein nicht
verlegt haben würde, wenn er nicht auf den Einfluß des Namens speculirt
hätte.“
„Du magst Recht haben. Ein alter, ehrwürdiger, historischer Name
ist immer ein gutes Panier; zu diesem kommen die Alliancen und
Connaissancen eines Mannes von großer Familie.“
„Das ist es gerade, was mich ärgert, wenn gleich ich dieselben
Ansprüche machen könnte! Doch was hilft es sich den Kopf über Dinge
zu zerbrechen, die wir nicht ändern können. Ein andermal mehr Glück!
-- Sieh her, Hippias, da ist ein Putzladen! Ich mag nichts lieber als
diese eleganten Hütchen und Häubchen besehen, unter jedem denke ich
mir ein niedliches Gesicht. Im zweiten Stocke dieses Hauses wohnt ein
sehr geschickter Lithograph. Wenn du einst berühmt geworden, kannst du
dich von ihm lithographiren lassen. Er ist ein braver Baier und trifft
vortrefflich. Seine Frau --“
„Nun, und seine Frau?“
„Ist seine Frau. Die Frauen lasse ich gerne aus meinem Vortrage weg.
Sie haben mir zu viel Gutes erwiesen, um sie partheilos behandeln zu
können. Ich will es lieber mit der Polizei und dem ganzen Männervolke
verderben, als mit einer einzigen Frau, und am wenigsten mit meiner
eigenen, wenn ich einmal eine bekommen sollte!“
Unter diesem Gespräche gelangten wir bis zu dem Keller des Herrn
Kerkhoven.
„Hier müssen wir wieder einkehren,“ sprach ich. „Hier wohnt einer
meiner besten Freunde und Bekannten.“
„Wahrscheinlich +noch ein braver Mann+! Ein Kraftmensch! ein Urmensch!
nicht wahr? Wenn es so fortgeht, so giebt es in Altona nur lauter
brave Männer und +du+ lebst, wenn nicht in der +guten+, jedoch in der
+besten+ Gesellschaft!“
„Ganz gewiß, wenn man ohne +Vorurtheil+ mich beurtheilt.“
Wir stiegen in den Keller hinab, und gelangten, nachdem wir eine
schmale Flur passirt hatten, in die Weinstube. Hier waren mehre Gäste
versammelt. Wir wurden von ihnen mit einem Jubel-Geschrei empfangen.
Ich kannte sämmtliche Herren.
„Mein Freund Hippias, meine Herren,“ sprach ich denselben präsentirend;
und fuhr mich gegen Hippias wendend fort:
„Dieser Herr,“ ich zeigte auf einen ziemlich starken Mann, mit vollen,
rothen Wangen, der in einem braunen Oberrocke gekleidet war; aus einer
kurzen, thöneren Pfeife rauchte und einen „Bittern“ vor sich stehen
hatte, „ist mein Freund Moses Samson. Ein Biedermann, zwar mosaischer
Religion, aber mit einem Herzen des wahren Christen würdig. Mein Freund
Moses Samson; mein Freund Hippias.“
„Dieser Herr,“ sprach ich weiter, und reichte einem Manne die Hand,
welcher in einem schwarzen, weiten Frack; einer weißen Weste, einer
Unaussprechlichen von hellgrüner Farbe gekleidet, in einer Ecke des
Zimmers saß, die Hände auf ein Bambusrohr gestützt und gleichfalls
„einen Bittern“ vor sich stehen hatte, „ist mein Freund Herrmann
Bleicamb. Ein Mann der früher Alles ins Große trieb; sich jetzt in
das Hôtel Petit zurückgezogen hat, wo Alles Petit ist, und jetzt ein
großer Mann im Kleinen genannt werden kann; weil er nie seinen Kopf
verliert, und mit dem zufrieden und heiter ist, was er hat. Herr
Herrmann Bleicamb; Herr Hippias.“
„Dieser Herr,“ bemerkte ich darauf Hippias einen Mann vorstellend,
dessen hohe Stirne von wenigen blonden Haaren umflattert war, dessen
große blaue Augen unruhig in ihren Höhlen umherrollten, und welcher
das Itzehoer Wochenblatt in der Hand hielt, „ist Herr Kannegießer. Ein
Mann, dem das Wohl des Vaterlandes sehr am Herzen liegt; der sich viel
um die Dithmarschen Unruhen bekümmert; gerne über die Unzweckmäßigkeit
der Dänischen Zolllinie redet, und überhaupt sehr viel zu raisonniren
sucht. Herr Kannegießer; Herr Hippias.“
„Dieser Herr,“ sprach ich auf einen kleinen untersetzten Mann zeigend,
dessen Ausdruck ebenso unternehmend, als lebendig war; der mit einigen
Goldmünzen spielend vor sich einen Durchschnitt rothen Weines stehen
hatte, „ist mein Freund Keball. Herr Keball; Herr Hippias.“
„Und endlich dieser hier,“ fuhr ich fort, einem vierschrötigen Manne
mit krausen, schwarzen Haaren, schwarzen Augenbrauen und gelblichem
Gesichte, die Hand reichend, „ist mein Freund Timm. Ein Mann, der meine
vollkommenste Achtung verdient; der mir und Anderen hundertmal aus der
Noth geholfen, und der schweigen kann.“
Nachdem die üblichen Verbeugungen gemacht waren, nahmen wir Platz.
„Und nun, Herr Aristipp,“ unterbrach Herr Moses Samson, mit einer
freundlichen Miene die eingetretene Pause, „wo sind Sie so lange
gewesen?“
„Auf dem Lande, mein Bester.“
„Waren Sie auch im Dithmarschen?“ fragte Herr Kannegießer. „Mir däucht,
es sieht dort schlimm aus. Was glauben Sie sonst von den politischen
Begebenheiten? Bekommen wir Krieg oder Frieden?“
„Krieg bekommen wir wohl nicht so leicht,“ bemerkte Herr Moses Samson,
seine thönerne Pfeife am Tische ausklopfend. „Krieg kostet Geld, und
die großen Herren haben kein Geld.“
„Das ist Recht,“ meinte Herr Kannegießer, „das ist ein großes
Impediment. Ohnehin kann jetzt nicht leicht einer von den großen
Mächten Krieg anfangen, wenn die anderen nicht consentiren. Die großen
Herrn haben zu viel in ihren eigenen Ländern zu thun. Außerdem fürchtet
der Engländer den Franzosen, und der Franzos ist selbst nicht sicher
in seinem Lande. Rußland und Preußen fürchten die vereinte Macht
Frankreichs und Englands, und Oesterreich liebt die Ruhe. Was sagen Sie
aber zu Mehemet Ali? Das ist ein braver und kluger Kerl. Sie sollen
sehen es geht doch wieder los! Der Ibrahim ist ein tapferer Soldat!“
„Ach was soll das viele Schwatzen!“ rief Herr Keball, einen
Doppellouisd’or in die Höhe werfend und wieder fangend. „Was gehen
uns Türken und Paschas an, wenn wir nur genug zu leben haben? Der
Kannegießer da, will immer mehr wissen, als andere Leute, studirt
immer die Zeitungen, und bleibt doch nicht mehr und minder, als ein
armseliger Stellmacher. Schuster bleib bei deinem Leisten!“
Durch diese Unterbrechung ließ Herr Kannegießer sich aber nicht irre
machen, sondern fuhr fort:
„Haben Sie das Itzehoer Wochenblatt gelesen, Herr Aristipp? Im
Dithmarschen geht es los. Sie reißen die Häuser der Polizeibedienten
nieder, und prügeln die Controleure. Uebrigens ist es auch eine
Ungerechtigkeit den Dithmarschen die Zollfreiheit zu nehmen: sie haben
ihre Documente darüber, und mit ihrem Blute sie erobert. Glauben Sie,
daß sie sich gutwillig geben werden, Herr Aristipp?“
„Ich denke ja. Sie haben weise und tüchtige Oberbeamte, die sie durch
vernünftige Vorstellungen beruhigen werden. Nach meiner Meinung kann
überhaupt in +einem+ Staate keine Landschaft, noch irgend eine Classe
von Menschen ein Privilegium vor der andern voraus haben. Jeder
Bürger eines Staates muß gleiche Rechte haben. Dieselben Gesetze,
Verordnungen, dieselbe Verfassung muß in einem Staate Anwendung finden.
Und wenn aus alten Zeiten her datirende Vorrechte oder Privilegia dem
einen oder dem andern Herzogthume oder Fürstenthume, oder Landschaft,
oder irgend einer Kaste von Menschen zugestanden waren, so +müssen+ sie
dieselben aufgeben, nachdem sie mit minder bevorrechteten Ländertheilen
unter einem Scepter vereint worden sind. Einheit und Gleichheit vor dem
Gesetze müssen in einem Königreiche herrschen, und nur +eine allgemeine
Verfassung+ kann für alle Ländertheile, aus welchem eine Monarchie
besteht, +gültig+ sein.“
„Sehr gut, mein bester Herr,“ unterbrach mich Herr Samson, „warum
schließt man uns von dieser Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze aus?
Warum erkennt man uns nicht das Bürgerrecht zu? Sind wir nicht eben so
gut Kinder eines Staates, wie Sie? Bürger einer Stadt, wie Sie?“
„Das liegt wohl nicht so sehr an der Staats-Regierung, als in der
Staats-Religion, mein guter Moses. Kein Beweis spricht deutlicher für
die Göttlichkeit des +christlichen+ Glaubens und seines Stifters, als,
daß das jüdische Volk, bis auf den heutigen Tag, unter alle Völker
zerstreut ist.“
„Finden Sie das aber gerecht? Ist Ihr Gott nicht unser Gott? Haben Sie
nicht Ihren Gott von uns? War Christus nicht ein Jude?“
„Sehr richtig; aber sie kreuzigten ihn. Ich finde übrigens, daß der
Gott der Liebe und der Barmherzigkeit längst Ihrem Volke vergeben haben
müßte, und glaube, daß er es hat. Ich nehme nur einen allliebenden
Vater, einen vergebenden Gott an. Diese Ansicht theilen aber nicht
die orthodoxen Consistorien oder Bischöfe, die mehr das Wort, als den
Geist der christlichen Lehre anwenden. Die immer weiter fortschreitende
Civilisation oder die wahre Aufklärung wird aber bald, wie ich es
hoffe, den Unterschied der Religionen gänzlich verschwinden lassen,
und in dem rechtschaffnen Israeliten nicht den Juden sondern nur den
rechtlichen Bürger betrachten. Eine Frucht dieser Aufklärung sehen Sie
schon an Sich selbst, lieber Samson. Wer, in diesem Keller, dächte
jemals daran, daß Sie ein Jude wären, wenn Sie nicht selbst die Rede
darauf brächten? Sie sehen: die Aufklärung bahnt sich überall einen
Weg und kann sie nicht von Oben durchdringen, so steigt sie aus einem
Keller hervor. Die Wege der Vorsehung sind sonderbar!“
„Schön, schön!“ meinte Herr Kannegießer. „Aber mit den Juden, das geht
doch nicht. Die sind nur immer auf das Betrügen aus. Geben wir ihnen
das Bürgerrecht, dann sind wir Christen ganz unterdurch.“
„Wer ist daran Schuld, als wir? Warum sperren wir ihnen die Wege
sich als gute Bürger zu nähren? Warum schließen wir sie von allen
bürgerlichen Gerechtsamen aus? Was bleibt den guten Juden anders, als
durch Handel und Wandel, wie man es nennt, zu leben, zu gewinnen? Wenn
die Juden betrügen, so sind wir allein Schuld daran.“
„Was sind das für Gespräche,“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus, der
bisjetzt mit Aufmerksamkeit der Unterredung gefolgt war und mit seinen
kleinen listigen Augen bald Beifall, bald Unwillen den Redenden
zugeblinzelt hatte; „habt Ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen und
wollt uns hier mit diesem einfältigen Geschwätze die Ohren vollbrummen?
Ist das ein Keller-Gespräch? Es ist nichts Lächerlichers, als über
Politik und Religion zu sprechen! Die eine bringt einen meistens ins
Gefängniß und die andere ins Tollhaus. Du da, dicker, alter Säufer! Was
geht dich die Religion an? Jud’ ist Jud’ und Christ ist Christ, und nun
wieder vorby! Timm! Wein her! Juden und Christen sollen leben!“