Es war nichts Sonderliches an ihm, nichts unterschied ihn von anderen
Menschen; sein Leben glich in allem dem der anderen. Er hatte eine
schlechte Wohnung, deren Fenster auf einen Hof gingen. Auf der Straße
war er ein Passant unter vielen, und niemand achtete seiner. Um sein
Äußeres war er wenig besorgt, und selbst am Sonntag kleidete er sich
ohne irgendwelche Phantasie. Seine Heiterkeitsausbrüche blieben diskret,
er lächelte wohl manchmal, lachte aber niemals wirklich so recht
herzlich.
Wie so viele Menschen verdingte er sich an einen Dienstgeber. Jeden
Morgen stellte er sich ihm zur Verfügung und erhielt dafür ein wenig
Geld, das ihm ermöglichte, sich ihm weiterhin zu verdingen. Im Grunde
genommen war das zwar eine Art Fopperei, aber das Beispiel der anderen
und auch die Gewohnheit ließen ihn darüber gar nicht nachdenken. So
lebte er mit seiner Frau seit Jahren. War er glücklich? Er wußte es
nicht und fragte sich niemals darüber. Er lebte einfach deshalb, weil er
eines Tages geboren war, und beklagte sich nicht.
Aber seit einiger Zeit war er derselbe nicht mehr. Seinerzeit, vor
vielen Jahren schon, hatte er sich hinreißen lassen, eine gemeine Tat zu
begehen, deren er sich immer schämte, wenn er ihrer gedachte. Noch heute
war es ihm unerklärlich, daß er so verächtlich hatte handeln können, war
er doch ein anständiger Mensch, dem jeder niedrige Gedanke fremd war.
Lange hatte ihm das Kummer bereitet, und eine Art traurige und erquälte
Ernsthaftigkeit blieb davon in ihm zurück.
Zwei Personen hatten von der Sache gewußt. Die eine war verstorben, die
andere hatte das Land verlassen und man hatte sie nie wieder erblickt.
Eine dritte . . . aber wußte die wirklich etwas? Kürzlich hatte diese
dritte Person allerlei seltsame Anspielungen gemacht. Zuerst hatte er an
einen Irrtum geglaubt. Sie wußte sicher nichts, und hätte sie etwas
gewußt, so würde sie es doch bei sich behalten haben. Was für ein
Interesse konnte sie daran haben, ihn zu quälen? Diese Geschichte war
begraben. Alle, die sie möglicherweise angehen mochte, waren
verschwunden. Man konnte sie ihm vorwerfen, doch niemand besaß den
geringsten Beweis, er brauchte bloß zu leugnen. Außerdem war er imstande
gewesen, den verursachten Schaden teilweise wieder gutzumachen, und sein
Opfer hatte ihm selbst vor dem Tode vergeben.
Aber diese Frau war schlecht und ließ es sich angelegen sein, Böses zu
tun. Wozu wäre sie nicht imstande, wenn sie das Geheimnis besaß und sich
daran berauschte, es mit ihm allein zu besitzen! Eines Tages war er fast
sicher, daß sie es wußte. Wie hatte sie die Sache erfahren können?
Vielleicht durch denjenigen, der ins Ausland gegangen war, und den sie,
wie er glaubte, gekannt hatte.
Sie wußte es, und sie würde es seiner Frau sagen, seiner Frau, die er so
sehr liebte und die ihn ohne Zweifel verstoßen würde, wenn sie seine
Missetat erkundete. Vor allem würde sie es ihm nicht verzeihen, das
Vertrauen verletzt zu haben, ihr nichts gesagt zu haben. Und sie besaß
genügend Stolz, sich von ihm zu trennen. Jeden Tag beobachtete er sie
sorgsam, ob sie noch nichts ahnte, ob die andere nicht schon Andeutungen
gewagt hatte. Oh, er wußte sehr gut, daß die schreckliche Frau nicht auf
diese Art sein Geheimnis preisgeben würde. Mit einem Schlage würde sie
sich gewiß nicht dessen entäußern, was ihr wochenlanges Vergnügen
bereiten konnte. Sie würde eines Tages so leichthin einige ausgesuchte
Worte fallen lassen, einen Satz mit alltäglichem Tonfall, aber mit
vieldeutigem Nachhall. Nachher würde sie über die Wichtigkeit erstaunt
tun, welche die Angeredete ihren Worten beilegte. »Nein, sie hatte
wirklich nichts sagen wollen, ach, welcher Einfall!« Und die von ihr
aufgestörte Seele würde sich wieder ganz und gar beruhigen. Dann, an
einem anderen Tage, würde sie zwischen zwei süßliche Phrasen neuerdings
einige Gifttropfen träufeln. Eines Tages dann würde entweder seine Frau
sie zwingen, alles zu sagen, oder sie würde selbst, unfähig länger zu
schweigen, die ganze Sache dummerweise viel früher erzählen, als sie es
beabsichtigt hatte.
Seine Frau würde es wissen!
Täte er nicht besser daran, es ihr noch heute zu sagen. Seine Vergehung
war nicht solcher Art, daß man sie nicht vergeben konnte. Sie würde ihm
sicher Absolution erteilen. Doch nein, er hatte zu lange geschwiegen, er
hatte zu sehr gezögert. Ja, er hatte es an Ehrlichkeit fehlen lassen,
denn der Mann, den sie geheiratet hatte, war ihrer Ansicht nach kein
Mensch, der dieses Unrecht hätte begehen können. Hätte sie, wenn sie es
gekannt hätte, ebenso gehandelt? Er hätte es ihr gestehen sollen. Er
erinnerte sich nicht mehr, daß eine sehr lebhafte Liebe und große Angst
ihn davon zurückgehalten. Wie hatte er denn nicht daran denken können?
Wie es vermocht, diese andere Unehrlichkeit zu begehen? Er hatte sich
statt seiner einen neuen Menschen unterschoben. Niemals würde er den Mut
haben, mit ihr zu sprechen. Aber er mochte auch nicht, wenn es eines
Tages notwendig wäre, den Mut finden, zu leugnen oder zu lügen.
Die Dinge, die er liebte, verloren ihre Köstlichkeit. In ihm wuchs Leid.
Abends bei Tisch, seiner Frau gegenüber, nach langem Tag, an dem er
unaufhörlich sich gesagt hatte: Vielleicht heute abend -- erlebte er
alle Phasen der Beängstigung, der Beichte. Würde sie etwas sagen?
Jedesmal wenn ihre Lippen nach einem Augenblick der Stille sich
bewegten, griff Angst ihm ans Herz. Der Abend dehnte sich hin. Er sprach
mit seiner Frau über die kleinen Ereignisse seines Lebens. Dinge, die
ihre Wirtschaft betrafen, und plötzlich sagte sie, daß jene Nachbarin,
die er so sehr fürchtete, sie besucht hatte und am nächsten Tag
wiederkommen würde.
Manchmal brauchte er tausenderlei Vorwände, damit sie früher schlafen
gehe als er. Er sagte, daß er ein wenig lesen, Ordnung in seine Papiere
bringen wolle, einen Brief suchen müsse, auf den er zu antworten hätte.
Sie hatte Ruhe nötig. Er riet ihr dringend, nicht auf ihn zu warten. Er
bestand darauf, er sei nicht schläfrig und würde ziemlich lange
aufbleiben. Er blieb dann stundenlang allein in seine Gedanken
versunken. Die Lampe brannte auf einer Etagere, von der aus sie das
ganze Zimmer beleuchtete. Der Herbst rückte vor. Es war noch nicht sehr
kalt, aber in den Häusern war es feucht und abends heizte man ein. »Nur
ein kleines Feuerchen«, sagte seine Frau. »Um das Blut ein wenig in Gang
zu bringen.«
Er kauerte sich neben dem Ofen in eine Ecke und ließ von der Wärme
eingelullt seine Gedanken schweifen. Der Wecker auf der Kommode schien
irgendeinem Ziele zuzueilen. Im Hause war keinerlei Geräusch. Es war von
Leuten bewohnt, die früh schlafen gingen und früh aufstanden.
Ohne seinen Traum zu unterbrechen, betrachtete er die Dinge, die ihn
umgaben. Die unbeweglichen Stühle, den Tisch, die Nähschatulle seiner
Frau, einen Fingerhut, die Zwirnspule. Sie hatte ihm heute nach dem
Frühstück auf dem Flur gesagt: »Bring mir eine Spule von D. M. C. mit.«
(Dies war die Marke, die sie benützte.) Sie hatte ihm so herzlich
zugelächelt, als sie um diese geringfügige Sache bat, daß er inmitten
der dunklen Tage, die er jetzt durchlitt, eines der stärksten
Glücksgefühle seines Lebens empfand. Er hatte ihr dann auch, als er sie
verließ, um seiner Arbeit nachzugehen, den leidenschaftlichsten Kuß
gegeben, den sie jemals von ihm empfangen hatte. Diesen Abend war es ihm
auch wieder gelungen, allein zu bleiben. Es war spät, und er sann in der
Stille des Hauses vor sich hin. Im Ofen erstarb das Feuer.
Seine Blicke fielen auf einen eingerahmten Stich, der an der Mauer hing.
Peinlicherweise sah er ihn immer wieder, weil er sich an einem Platz
befand, wo er ihn schwerlich vermeiden konnte. Er hatte immer
dagehangen. Er sah ihn täglich, und vielleicht war dies der Grund,
weshalb er ihn niemals gesehen hatte. Woher kam er eigentlich? Er
erinnerte sich dessen nicht mehr. Immer war er ein Bestandteil ihres
Hausrates gewesen. Wenn sie umgezogen waren, hatten sie ihn mitgenommen
und neuerdings an die Mauer gehängt, ohne ihn eingehender zu betrachten,
als eben nötig, um ihn nicht verkehrt anzubringen. Seit einigen Tagen
betrachtete er ihn hartnäckig. Auf einem Hügel befand sich da eine
Hündin von mehreren Jungen umgeben, zwei andere junge Hunde versuchten
ihr zuzuschwimmen, kämpften im dunklen Wasser, das den Hügel umgab.
_Überschwemmung_ war der Titel. Er wurde nicht müde, den Stich zu
betrachten. Die Verzweiflung der Hündin, die gegen den fahlen Himmel
anschlug, wurde ihm für Augenblicke unerträglich.
Seine Frau erwachte, bemerkte durch die halbgeöffnete Tür das Licht und
rief ihm aus dem Nachbarzimmer zu:
»Komm doch schlafen, du wirst morgen müde sein.«
»Ja, ich komme schon, ich bin bald fertig.«
Und er blieb sitzen, unfähig, seinen Gedanken zu entfliehen. Nach
längerer Zeit erwachte seine Frau von neuem und rief ihm in ärgerlichem
Ton zu: »Du bist wirklich unvernünftig.«
Er legte sich schlafen, ohne zu einem Entschluß gekommen zu sein.
Ein Leben umfing ihn, in dem der Traum die Wirklichkeit beherrschte. Die
Leute, die mit ihm verkehrten, sahen, wie sein Blick sich mit neuen
Dingen füllte.
Eines Tages, in der Dämmerung, kehrte er aus seinem Bureau heim. Er ging
einen Boulevard entlang, der von Privatbesitzungen gesäumt war. Ein
Straßenräumer fegte den dicken Teppich der Blätter und sammelte sie zu
einem rauschenden Haufen. Er blieb stehen, um ihm zuzuschauen, empfand
wieder eine aufrichtige Freude, die Erde, die so lange unter den
Blättern begraben gewesen war, zu erblicken. Der Boulevard würde bald in
seiner ganzen Länge so rein aufgekehrt sein, wie auf diesem Platz. Die
wieder aufgedeckte Erde war feucht und wie zernagt von den unzähligen
Insekten, die er umherlaufen sah. Er verfolgte den Kampf einer Ameise
mit einem ungeheuren Gegenstand. Er blieb so lange unbeweglich, daß der
beunruhigte Straßenkehrer sich näherte, um zu sehen, was er mit so viel
Aufmerksamkeit betrachtete. Aber schon seit einigen Minuten sah er weder
die Tiere noch die Erde mehr. Das Antlitz, das er dem Manne zuwandte,
war so leidvoll, daß dieser sprachlos stehen blieb.
Er dachte daran, zu verschwinden, sich zu töten.
Das Antlitz seiner Frau blieb so friedlich, wie er es immer gekannt
hatte. Sie widmete sich mit derselben Sorgfalt dem Haushalt und schien
nichts von ihrer früheren Fröhlichkeit eingebüßt zu haben. Wenn er
abends heimkehrte, sah er sie unter der Lampe nähen. Sie tauschten den
Begrüßungskuß. Sie erhob sich, stellte wieder die Lampe auf die Etagere
und deckte den Tisch. Während sie das tat, sprach sie mit ihm, blieb
zuweilen einen Augenblick still und erwartete mit aufmerksamem und
lächelndem Blick seine Antwort. In ihrer Haltung war ganz und gar
nichts, woraus man hätte schließen können, daß sie das Geheimnis kannte.
Ja, vielleicht bewies sie ihm mehr Zärtlichkeit als früher.
Und dennoch hatte die andere gesprochen, dennoch wußte sie!
Es war anfangs sehr hart für sie gewesen, diese Sache zu tragen.
Plötzlich war ihr das Wesen, mit dem sie seit Jahren lebte, wie ein
Fremdes erschienen. Als sie ihn so plötzlich für verächtlich und niedrig
gehalten, hatte sie sich gesagt: ich werde morgen von ihm gehen. Er
hatte kein Vertrauen gehabt! Er hatte ihr nichts gesagt, und doch mit
welcher Freude hätte sie ihm verziehen. Warum hatte er geschwiegen?
Warum sie getäuscht? Dann hatte sie die Überlegung zu einer richtigeren
Auffassung seines Benehmens geführt. Er hatte nichts gesagt, weil er sie
so sehr liebte und Furcht gehabt hatte. Daran konnte sie nicht mehr
zweifeln. Zweimal war er schwach gewesen, nichts als schwach. Und wenn
sie an die liebevolle Feigheit dachte, die er ihr bewies, stieg
Freudenröte ihr ins Antlitz. O teurer Freund, sei ohne Angst. Sie, die
du erwählt hast, mit ihr ein Leben zu verbringen, sie verdammt dich
nicht. Sie zürnt dir kaum, daß du an dem Reichtum ihres Herzens
gezweifelt hast. Du kennst sie so wenig, und doch hast du sie erwählt.
Ich erinnere mich, mit welch rührender Schüchternheit du in den ersten
Tagen unserer Begegnung mit mir gesprochen hast. Und ich habe das Beben
nicht vergessen, das dich durch und durch bewegte, als du mich um das
batest, was mein Herz dir längst geschenkt hatte.
Wenn sie sich ihm gegenüber befand, dachte sie: Du magst mich ansehen
soviel du willst, du wirst nicht die mindeste Spur meiner
Mitwisserschaft entdecken. Drücke meine Hände, schließe mich in deine
Arme, du wirst nichts in mir finden, was dir fremd geworden ist und dir
entfliehen will. Diese dumme Person hat ihre Zeit verloren, als sie
versuchte, dich in meinen Augen herabzusetzen. Damit du nicht aufmerksam
wirst, werde ich sie nicht hinauswerfen. Einige Zeit werde ich sie noch
herkommen lassen, dann werde ich sie nach und nach entfernen, und es
wird von all dem nichts mehr übrigbleiben. Freund, treuer Freund, du
mein unentbehrlicher Gefährte, erkenne deine Frau besser. Noch ganz
andere Dinge hätte sie dir verziehen. Sei denn beruhigt. Du wirst es
nicht erfahren, daß dein Geheimnis in mir begraben ist. Niemals wird
zwischen uns davon die Rede sein.
* * * * *
Tage vergingen, ohne daß der Friede des Haushaltes durch irgend etwas
gestört wurde. Er entfernte sich morgens, um ins Bureau zu gehen, kam
zum Mittagessen nach Hause und blieb dann wieder bis zum Abend aus. Sie
räumte die Wohnung auf und ging dann einkaufen. Sie nähte, bügelte, las
ein wenig. Zu den Mahlzeiten fand er sie sorgsam frisiert, mit bloßen
Armen und Hals und in einem immer reinlichen, hübschen Schlafrock.
Die »Andere« kam von Zeit zu Zeit, um den Gang der Dinge auszuspüren.
Sie hoffte immer, daß auf dieses glückliche Paar die Endkatastrophe
hereinbräche, die ihr eine Freude bedeuten würde. Aber sie wurde mit
demselben Lächeln empfangen wie früher und verstand nicht. In dem Maße,
als ihr selbst dieses Unternehmen langweilig wurde, verringerten sich
ihre Besuche.
Aber er! Er!
Er verlebte düstere Tage. Der Verurteilte in seiner dumpfen Zelle, nicht
endenwollende Stunden damit verbringend, in Gedanken seine eigene Gruft
zu bauen, war weniger unglücklich als er. Das konnte so nicht andauern.
Alles war einem solchen Leben vorzuziehen.
Jeden Morgen sagte er sich: ich lasse mir noch einen Tag Zeit zu
überlegen, um einen Entschluß zu fassen. Wenn ich morgen, nach dem
Nachtessen, nichts gesagt haben werde, wenn ich nicht den Mut gehabt
habe zu gestehen, werde ich fortgehen und mich ins Wasser stürzen. Der
nächste Tag kam. Er dachte von neuem wie am Abend zuvor. Da sie nichts
weiß, wird sie vielleicht nie etwas wissen. Ist es also nötig, zu
versuchen? Zweifellos nein. Überdies bin ich es nicht mehr imstande. Oh!
Elend. Wie aus dieser Situation herauskommen? Wäre denn nicht seine
einzige Rettung die Selbstvernichtung? Eine banale Zeitungsphrase, die
ihm beim Lesen der vermischten Anzeigen aufgefallen war, kam ihm
unaufhörlich in Erinnerung:
»_Er hatte ein Unrecht begangen, aber er hat es bezahlt._ Breitet den
Mantel des Schweigens über ihn.«
Ich werde mich ins Wasser stürzen, und damit wird es ein Ende haben. Der
Abend kam. In Augenblicken, wo sie beide still blieben, sagte er zu sich
selbst: nun so fang doch an, jetzt ist der Augenblick. (Die Stille
dehnte sich hin.) Beginn doch, Feigling. Auf was wartest du? Seine Frau
hob den Kopf und sprach irgend etwas. Er antwortete eilig und leichthin,
glücklich, einen Vorwand gefunden zu haben, um den Augenblick seines
Geständnisses verzögern zu können. Und er sagte zu seinem Gewissen:
dieses Mal ist es nicht meine Schuld. Du bist mein Zeuge, daß ich den
Mund soeben öffnete, als sie zu mir zu sprechen begann. Ich mußte ihr ja
doch antworten. Ein neues Schweigen setzte ein. Er sagte immer noch
nichts. Und er blieb so bis zu dem Augenblick, wo er aufstand, von
Verzweiflung übermannt. Sie ganz in ihrer Rolle aufgehend, ihn nur ja
recht gut zu behandeln, ja innerlich glücklich, daß ihr das so gut
gelang, so glücklich, daß sie zuweilen wie ein Kind in die Hände
klatschte, sobald er gegangen war. Sie ahnte nichts von dem Drama, das
sich in ihm abspielte. Sie sagte sich: wie leicht fällt es mir, dieses
Geheimnis zu bewahren. Ach, er wird niemals etwas erfahren! Der arme
Schatz!
Und sie sagte ihm Worte der Zärtlichkeit, die sie noch niemals gesagt
hatte.
Diesen Abend wird er sprechen oder sich töten. Er wußte, daß ihn diesmal
nichts mehr verhindern konnte. In seiner Westentasche befand sich ein
Brief, den er nachmittags in seinem Bureau geschrieben hatte. Er setzte
darin seiner Frau die Gründe seines Selbstmordes auseinander. Er hatte
geweint, als er ihr schrieb. Den ganzen Tag über hatte er sich am Rande
des Wassers gesehen. Wie würde er es anstellen? Wird er sich nach
vorwärts, seiner ganzen Länge nach, mit großem Lärm ins Wasser werfen,
oder wird er sich über die Böschung lehnen, um mit geschlossenen Augen
sanft hinunterzurollen? Er könnte auch hinknien . . . Wie schwer mußte
es einem werden, sich in dieses Wasser zu werfen. Er empfand das Gefühl
der ersten Berührung mit dem Wasser. Würde er bis zum letzten Augenblick
an seine Frau denken können? Würde er die letzte Klarheit seines
Bewußtseins ihrem Gedächtnis widmen? All dies beunruhigte ihn sehr.
Er hatte sich eine Taktik ausgedacht, um zu erfahren, was sie über eine
Verfehlung wie die seine denken mochte. Er würde ihr ungefähr seine
eigene Geschichte erzählen, jedoch so, daß er sie einem seiner
Bureaukollegen zuschrieb. Er würde ihre Meinung mit einer
vorgespiegelten Teilnahmslosigkeit einholen. So würde er erfahren, ob er
die Maske fallen lassen könnte, oder ob er sterben müsse.
Sie saßen einander am Tisch gegenüber. Er hatte darauf bestanden, daß
die Lampe zwischen ihnen stehen blieb. (In dem Schatten, der über dem
Lampenschirm herrschte, würde er mehr Mut haben zu sprechen.) Seine Frau
aß langsam ihre Suppe, indem sie gemächlich über jeden Löffel hinblies.
Er blieb unbeweglich, den Hals wie zugeschnürt, er streckte sich, und
wie man gewaltsam ein Tier am Halse nimmt, überwand er sich und zwang
sich den Mund zu öffnen. Irgend etwas stach ihm über das ganze Gesicht.
»Weißt du, dieser Mensch, der da neben mir im Bureau arbeitet und von
dem ich dir so oft erzählt habe?«
»-- Nun? Nun?«
»Schöne Sachen hat man über ihn gehört. Eine unglaubliche Geschichte!«
»Ach!« Sie sah ihn an, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er sprach
mit gesenktem Haupte.
»Seine Frau wird ihn verlassen. Sie hat recht. Denk dir nur, bevor er
sich verheiratete . . . dieser Elende.« (Er zitterte so sehr, daß er
kaum sprechen konnte.) . . . »wie kann man nur so seine Frau
hintergehen! . . . hat dieser unanständige Mensch eine Niedrigkeit
begangen, von der ich dir jetzt erzählen werde --«
Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Der Schweiß perlte ihm schon aus der
Stirne. Die große Stille ließ ihn den Kopf emporheben. Er sah, wie sich
seine Frau vom Sessel erhoben hatte und, beide Hände auf den Tisch
gestützt, ihn betrachtete. Die Lampe erhellte ihr Gesicht von unten nach
oben her. Auf ihren Wangen lagen Schatten und Ränder roten Lichtes um
ihre Augen, aus denen seltsame Blicke fielen. Diese Blicke flehten ihn
an, inne zu halten.
Er verstand augenblicklich. Sie wußte es und hatte nichts gesprochen.
Nun? So hatte sie ihm denn verziehen! Er stand auf, sie trat einen
Schritt zu ihm und umarmte ihn mit aller Kraft.
Nach einem langen Schweigen flüsterte sie ihm ins Ohr.
»Wir werden niemals mehr darüber sprechen.«