TRÄUME

Du bleicher Nachtwandler, gefoltertes Phantom, fern deinem Bette, wo

dein schlummernder Körper, wie von dir selbst losgelöst, ausgestreckt

liegt, irrst du um Mitternacht durch die Räume der schlichten Behausung.

Die Mauern, die Decke, die Möbel, sie alle schlafen, aber du? Du hast

dein Lager verlassen, um bis zum Morgenrot im Schattenreich des

Schlummers und der Toten ein unruhevolles und wirres Leben zu führen.

Unter deinen Füßen hat sich der Boden aufgetan, um tief in die Traumwelt

zu sinken, und welch alte Dinge, -- o wie alt sind sie -- rauschen und

weben in deinen Ohren. Wie ängstigst du dich doch, das Nebenzimmer zu

betreten, wo das Dunkel mächtig ist wie ein Geist. Unter dem Teppich des

Tisches ist es so stark und lebendig, daß du ein Unbekanntes nahen

fühlst.

Wie spät mag es sein? In welches Jahr deiner Jugend bist du

zurückgerückt? In Nebeln blitzt eine Klinge auf, und du denkst an

Menschenmord. Aber du liebst deine Furcht und machst einen Schritt vor,

um noch besser in sie einzudringen. Hier ist der Schlupfwinkel. Die Türe

weitet sich, als könnte sie nicht länger mehr das geheime Schrecknis

bewahren. Dort ist das Vorzimmer, das ganz mit Kleidern angefüllt ist.

Ist denn die Türe geschlossen? Keineswegs, sie ist gegen die Stiege weit

geöffnet, und zögernd steht dort eine gequälte Gestalt. Wie konnte die

Tür sich öffnen? Unter welcher Blicke Macht? O wie gerne möchtest du

imstande sein, sie zu schließen, es wagen hinzugehen, den Riegel

vorzuschieben, um dann, an den Türrahmen gelehnt, tief Atem zu holen. Du

weichst gegen die Küche zurück, läßt den Eingang nicht aus dem Auge. Nun

schließt du die Türe und schiebst den Riegel vor. Aber die Küche ist von

dem anderen Raum nur durch ein schwaches Eisengitter getrennt, und du

fühlst dich nicht in Sicherheit. Du spürst, daß man dich nebenan

belauert. So öffnest du denn das Fenster und suchst zu deiner

Verteidigung im Freien einen Verbündeten.

Da draußen aber liegt nur ein armseliger Hof, und es ist tiefe Nacht.

Zwischen zwei Mauern sieht man allerdings die dunklen Gärten und

Schatten dort, die du zu erkennen versuchst. Am Fensterrand, den man mit

einem Brett verbreitert hat, steckt ein Pinsel in einem mit Wasser

angefüllten Gefäß und ein Blumentopf mit kärglichem Gartenkerbel, den

der gefühllose Wind hin und her bewegt. Schnüre sind von der

Schutzstange eines Fensters zu der eines andern gespannt; an Waschtagen

hängt man daran Wäsche auf. Du erinnerst dich des Geruches nasser

Leinentücher. An einem solchen Tag, abends, hatte sich die Frau aus dem

Fenster gebeugt, um ihre Wäsche dort auszubreiten. Der Wind bewegte

hinter ihr eine Kerzenflamme, und im Dunkeln hörte man sprechen. Etwa:

»Das Wasser war so kalt, daß mir die Nägel zum Weinen weh taten.« Oder:

»Diese schmutzigen Schornsteine werden mir noch alles verrußen.« Und

dazu klatschte die feuchte Wäsche im Winde.

Da plötzlich streifte nun wie eine Hand ein Hauch deine Wange; eine

zerbrochene Fensterscheibe war durch ein Stück Zeitungspapier ersetzt

worden und wurde nun zeitweise vom Winde bewegt. Zwischen der Mauer und

dem Büfett sitzest du, von irgendeiner Angst festgenagelt. Deine Beine

sind nackt und du frierst. Der steinerne Ausguß ist sehr schmutzig,

seine Quadern sind so ausgelaugt, daß sie einem alten Schwamm gleichen.

Dem Wandkasten, wo Zwiebeln, Kartoffeln und Gewürze in Tüten aufbewahrt

sind, entströmen Gerüche. Mit dem Blick biegst du den verbeulten Boden

der Kasserolle gerade und besserst die abgeschabte Malerei der Mauer

aus. Wenn du das Auge hebst, bemerkst du auch, daß die Blechschachteln

auf ihrem Gestell nicht nach der Reihenfolge aufgestellt sind, und

leidest an dieser Unordnung. Auch entsinnst du dich, daß eben noch auf

der Straße das Gaslicht brannte; so wird denn die Nacht noch lange

währen.

Von der sandsteinernen Wasserleitung, mit dem Relief eines

Wasserträgers, fällt von Zeit zu Zeit ein Tropfen. Jetzt schüttelt der

Wind, nahen Regen kündend, dir Tränen ins Gesicht.

Und du verharrst in deiner kindlichen Hilflosigkeit.

Die Stille hat alles eingefroren, und es ist dir, als wären in ihr die

Menschen wie in einem Eisblocke und blickten nun daraus hervor. Du

würdest alles, was du besitzt, dafür geben, diese Prüfung, die dein Herz

grausigen Mächten in die Hände spielt, überstanden zu haben. Vor

Tagesanbruch aber wirst du ihnen nicht entkommen. Vergeblich versuchst

du, auf deinem Sessel einzuschlummern. Aber die Stille ist zu groß, als

daß du dich dem Schlafe anvertrauen könntest: denn es ist eine Stille,

in deren Inneres du wie in eine ausgestorbene Wüste schaust, in der sich

keiner der Götter findet, die Furcht und Eitelkeit der Menschen erfunden

haben. Du erschrickst über die Wichtigkeit deiner Entdeckung. Dies ist

nun die Wahrheit, die so sehr gesuchte. Nichts ist da! Nichts! Was

werden die Leute morgen dazu sagen, wenn du ihnen diese Nachricht

entgegenschreien wirst? Welche Umwälzungen in der Welt! Es gibt nichts

als das Nichts! Der Beweis ist erbracht. Der unwiderlegbare Beweis!

Die Schatten haben sich bewegt. Der bleiche Vorhang ist zurückgeschoben.

Wie verbringst du jetzt deine Zeit? Den Schritt vorauszuspüren, der

plötzlich die Stiege streifen, die genaue Stelle zu erraten, die das

Papier am Fenster, wenn der Wind es in die Höhe hebt, berühren wird?

Wie? Mache du vor allem keine Bewegung! Lenke die Aufmerksamkeit nur

nicht auf dich! Verringere das Gewicht deiner Anwesenheit durch

Unbeweglichkeit. Zieh dich im Raum zusammen! Schrumpfe in dich zurück!

An der Wurzel schon schneide deine Blicke ab! Verschwinde in

vollkommener Starrheit! Nun bist du nicht mehr und bist dir dessen

bewußt. Oh, warum hast du mit diesem kleinen Geräusch deine Lippen

genetzt? Der Zauber ist gebrochen; tausendfach läuft Furcht über deine

Haut hin. Überall finden deine Blicke Nahrung der Angst. Du bist

verloren. Das Ereignis wird eintreffen. Durch einen Windstoß hat sich

das Fenster fast gänzlich geschlossen. Nie wirst du den Mut finden, es

wieder zu öffnen. Jetzt klammern sich Finger an die Klinke der Tür

. . . sie öffnet sich!

* * * * *

Erwachen! Es ist schon hellichter Tag. Reich an Verheißungen ist dieser

Frühlingsmorgen. Unzählige Vögel zwitschern in den Bäumen. Flinke Räder

geben den Wünschen eine Art Aufschwung. Die Glockentürme ragen auf, die

Dome wölben sich, und die ganze Stadt wächst sichtlich unter dem Himmel

empor. Was ist denn geschehen? Warum diese übernatürliche Freudigkeit in

den Lüften?

Ich denke an den trüben Niederschlag, den die Nacht in mir

zurückgelassen hat.

O du meine Seele, die ich nicht kenne und die mir kaum angehört, wohin

hast du mich diese Nacht gezerrt? Viele dieser Erinnerungen, die du mir

in den Nebeln des Traumes gezeigt, hatten vergessen in meinem Gedächtnis

geschlummert; es gab solche, die mir seit vielen Jahren nicht mehr

erschienen waren. Andere schließlich waren so verstümmelt, daß ich mich

jetzt am Morgen frage, durch welchen bösen Zauber ich sie des Nachts so

gut zu erkennen glaubte. Warum hast du den von Bildern bevölkerten

Schlamm aufgestört, der sich wie ein tiefes Bett unter meinem

Lebensstrom ausbreitet, warum hast du diese Dinge und nicht lieber

andere an die Oberfläche aufsteigen lassen? Du, Herrin meines Körpers,

nun bin ich voll schwerer Unruhe. Ich vermag fast nichts über dich. Du

hast über meine Hellsichtigkeit ein tragisches Übergewicht. So entführst

du mich oft in unbekannte Kellerräume, die aber immerhin noch Räume

meines Wesens sind. Ja, ja, ich erkenne jetzt sehr gut diese armselige

Wohnung mit ihrer Dunkelheit und diesen Hof, ich erkenne auch diese

Frau, aber ihre Augen waren nicht so traurig und ihre Kleider verrieten

nicht so viel Elend. Ich erinnere mich ihrer Worte, jene aber, die sie

sprach, hatte nicht diese schmerzvolle Stimme. Du Unbekannte, die du

hinter meiner Stirn eine Welt zu errichten vermagst, die nicht des

Raumes bedarf, um zu bestehen, ich fürchte dich, da ich dich größer weiß

als mich selbst. Wenn ich mich bezeichnen will, wenn ich, auf mich

zeigend, _ich_ sage, krampft sich meine Hand sogleich an meine Brust,

und niemals berührt sie eine andere Stelle meines Körpers, niemals

greift sie an die Stirne, die dein Sitz ist. Aus dieser Stelle, die

meine Hand bezeichnet, aus diesem Mittelpunkt meines greifbarsten Ichs,

fühle ich dich so seltsam fremd. Aber werde ich jemals wissen, was ich

bin und wie weit mein Wesen reicht, was in mir mit sich selbst identisch

bleibt, zwischen all dem täglichen Werden und Vergehen? Hier sind meine

Hände, die Dinge greifen können, meine Augen sie zu umfangen, dies ist

meine Stimme, die eine Folge von Tönen ist, in denen ich mich erkenne,

aber du, wer bist du denn, die ich nicht in eine Form zu kleiden vermag,

die sowohl ins Ungewisse mich hinstreuen, als auch in die zwiefache

Vision des tiefsten Abgrundes oder des fernsten Sternes mich entsenden

kann!?

Das Gemeinsame · 第 11 / 15 题