ER LEHNT SICH AUF

Er war des Morgens viel früher erwacht als gewöhnlich, hatte in seinem

Bette lange gesonnen, sich hin und her gedreht und sich nicht

entschließen können, aufzustehen.

»Elende Schindmähre, wie widerlich ist doch dein Leben! Jahr um Jahr

rackere ich mich nun zu Tod für andere, ohne nur einen Schritt weiter

gekommen zu sein als am ersten Tage. Jeden Morgen setze ich mich gezäunt

und aufgetakelt, mit gut geöltem Kopf und Gliedern für mein Tagewerk in

Bewegung. Dieses Kalb von einem Hausmeister wirft mir im Vorübergehen

(er vergißt es nie) die wenigen Worte zu, die er mir schuldig zu sein

glaubt: >Der Herr ist heute spät daran<, oder auch: >Der Wind hat sich

gedreht, wir werden wieder Regen bekommen<. Mit welchem Hochgenuß würde

ich ihn mit meinem genagelten Absatz zerquetschen, diesen kriechenden

Hund! Jeden Tag durchquere ich dieselben Straßen und begegne denselben

Dummköpfen. O Schrecken, mehr Schilder, als mir lieb ist, kenne ich

auswendig. Ich setze mich auf den Stuhl, der mich an meinem Schreibtisch

erwartet, und ärgere mich, wenn man ihn mir ausgetauscht hat. Ich hasse

denjenigen, der mich angestellt hat, weil meine Armut ihm Macht über

mich gibt, und er seinerseits verachtet mich, weil ich von ihm abhänge.

Nur abends lerne ich ein wenig Vergnügen kennen, wenn ich für einige

Stunden meine Fron verlasse. Ich schleppe mich durch die Straßen, bleibe

vor den Auslagen stehen, dränge mich hinzu, wenn Menschen sich irgendwo

ansammeln. Ich gestehe, daß ich zuweilen ein angenehmes Kitzeln

empfinde, sobald ich allein in meinem Zimmer bin. In meinen vier Mauern

bin ich Buddhist, Herr eines Besitzes, der nur mir gehört. Ich lese. Ich

kann nachdenken. Endlich fühle ich, daß ich lebe, für kurze Zeit zwar

nur und beinahe wie durch Betrug, aber doch lange genug, um diese

Annehmlichkeit zu genießen. Der Kaffee, den ich mir selbst zubereitet

habe, hat einen besonderen Geschmack. Er hat das Aroma meiner Freiheit.

Aber bald flutet mir wieder die unendliche Traurigkeit meines Lebens zu.

Wird es sich denn niemals wandeln? Werde ich immer Sklave sein? Ich

verzögere den Augenblick, mich schlafen zu legen, um die Zeit meiner

Freiheit vor der Sklaverei des kommenden Tages zu verlängern. Wenn ich

in mein Bett gehe, habe ich den Eindruck, daß dieser verhaßte kommende

Tag bereits da ist. Wird es mein Los sein, zu krepieren, ohne gelebt zu

haben? Ich war für Abenteuer geboren, für kühne Unternehmungen, und ich

verkomme allmählich in verelendender Geruhsamkeit. Als ich jung war,

erwartete ich dumpf etwas. Nun sind es bald vierzig Jahre her, daß ich

mich um tägliches Brot mühe. Wofür? Nichts Gutes ist gekommen und wird

jemals kommen. Ich langweile mich. Ich langweile mich bis zum äußersten.

Immer allein, allein, allein. Kein Frauenzimmer, keinen Trinkkumpan.

Vorzeiten habe ich eine Freundin gehabt; als ich ihr das letztemal

begegnete, fühlte ich, daß sie mir ebenso fremd geworden war wie jener

Stern, dessen Licht noch nicht bis zu uns gedrungen ist. Diese Tausende

von Lebewesen, die sich um mich her bewegen, vermehren nur meine

Einsamkeit. Ich bin und bleibe für jeden von ihnen isoliert. Es gab

Monate, wo ich auch nicht einen Brief bekommen habe. Nicht einmal

irgendeinen kleinen Prospekt hatte man den Einfall, mir zu senden. Es

würde mir wohlgetan haben zu wissen, daß mein Name irgendwo bekannt ist.

Jedesmal, wenn jemand auf dem Gang geht, halte ich den Atem zurück, denn

ich glaube immer, daß man zu mir kommt. Ah, da bin ich aber schön

hineingefallen! Hundedasein! Ich habe es satt. Das muß anders werden.

Koste es was immer. Und zuvörderst, um damit zu beginnen, bleibe ich im

Bett. Ich werde zu spät kommen, und sie werden mir Geschichten machen;

meinetwegen, pfeife drauf. Versteht ihr: Ich pfeif auf euch!« Er machte

es sich noch bequemer im Bett. »Schließlich und endlich bin ich ja frei.

Wenn sie mich während fünfzehn Jahren gehabt haben, geschah es mit

meinem guten Willen. Heute verweigert der Narr den Dienst und wird

widerspenstig. Bréhaigne & Lecoultres, Maschinenwerkzeugfabrik? Kenn ich

nicht. Kenn ich nicht, sage ich und pfeife darauf. Ich verantwortlich?

In dieser Gott-sei-bei-uns-Fabrik? Ihr irrt euch, meine Freunde. Ich bin

freier Mensch; um es euch zu beweisen, werde ich den ganzen Tag

spazierengehen. Gestern war erst Sonntag, sagt ihr? Nun, heute wird

wieder Sonntag sein. Und wenn einer unter ihnen ist, der sich räuspert,

trotz des Respektes, den ich euch schulde, wird man ihn, wohlverstanden,

von der Höhe des Eiffelturmes von oben bis unten begießen.«

Er hatte vormittags blauen Montag gemacht, sich dann sorgfältig

angekleidet, nachdem er zuvor mit den Fingern jedes Stäubchen auf seinem

Rock wegschnippte.

Nach einer Tramwayfahrt, die ihm schier endlos erschien, war er an die

äußerste Stadtlinie gelangt und hatte an der Straßenkreuzung nach

einigem Zögern schließlich jenen Weg gewählt, den bereits andere

Personen eingeschlagen hatten.

* * * * *

Am Rande des Dorfes, fast schon am Eingang des Waldes, liegt eine kleine

Herberge mit braun geziegeltem Dache, wo man zu Fuß oder zu Pferd

absteigt. Sie ist fast nur von den Fuhrleuten der Ostgegend besucht.

Während der Woche ist selten jemand im großen Saale, denn die Stammgäste

essen im Schankzimmer, wo es mehr Leben und Heiterkeit gibt.

Er hatte in diesem Saal gefrühstückt und schien nicht mehr weggehen zu

können. Er blieb da vor seiner geleerten Kaffeetasse in seine Gedanken

vertieft. Auf dem Wachstuch des Tisches sammelte er sorgfältig

Brotkrümchen zu Formen und Buchstaben, zerstreute sie dann mit dem

Finger und begann dieses kindliche Spiel von neuem. Er hob den Kopf.

Seine Blicke liefen über die Fläche der Mauer, senkten sich aber rasch

wieder, denn er kannte schon alles, was dort hing. In einer Ecke des

Raumes lagen auf einer Nähmaschine einige Zeitungen. Er stand auf, nahm

eine, dann eine andere und legte sie zurück, kaum bemerkte er, daß sie

ein altes Datum trugen.

Schließlich verlangte er die Rechnung, zahlte und ging fort.

Bei schönstem Sonnenschein hatte er die Herberge betreten. Nun war der

Himmel mit Wolken bedeckt. Alles hatte seine Farben verändert. Ein

Unbehagen lastete auf der Landschaft. Er schlug den Weg zum Wald ein.

Über kleine Pfade ging er, drang ins Dickicht, wo die Blätter des

vergangenen Herbstes faulten, umging kleine Teiche, fand Pfade wieder,

als ihm plötzlich der Weg durch einen Fluß gesperrt war. Er sah klares

Wasser fließen und ging weiter seinem Lauf entlang.

»Ich werde ihnen sagen, daß ich krank gewesen bin.«

Er war gewiß der einzige Spaziergänger in diesen öden Wäldern und fühlte

sich von Einsamkeit und Stille bewegt. Mit vollen Zügen atmete er den

Waldesduft und freute sich an dem Geräusch seiner Schritte, die trockene

Blätter aufrauschen machten und Zweige zerknackten. Das Wasser wurde

bald dunkler, da der Fluß hier schon viel tiefer war.

»Wenn ich es wollte, wäre es bald vorüber.«

Ein Teppich frischen Grases breitete sich vor ihm aus, er setzte sich.

Bäume wölbten sich über seinem Haupte, und Äste streiften die Wellen.

Ein irdisches Geheimnis schien an diesem Orte zu wohnen. Hier war das

Leben nicht eine Folge verschiedener Zustände, die Dinge schienen in

Unbeweglichkeit versteinert, die sich bis ins Unendliche dehnte.

Allerdings empfand er, seitdem er seine Wohnung verlassen hatte, sein

Leben gleichsam zurückgedrängt und von Träumen niedergehalten. Die Luft

war milde und ohne jegliche Regung, der Himmel grau. Alle Bewegungen

waren von einer gewissen Müde erfaßt. Die Menschen, denen er begegnete,

zeigten düstere und resignierte Gesichter; keinerlei Schwung, keinerlei

Plötzlichkeit war in ihren Gesten. Das war wirklich so ein Tag, wo alles

sinnlos wird und die Zuversicht so tief gesunken ist, daß niemand mehr

an seinen Beruf glaubt. Das Leben scheint an seine Grenze gelangt und

nur aus Gewohnheit fortzudauern.

Der Montag allerdings ist ein trauriger Tag. Er ist wie die Bahre, auf

die man den Leichnam des schönen Sonntags hinbettet. Er ist der erste

der sechs Tage, die man Stunde für Stunde hinzubringen hat, der sechs

Stahlblocke, die man mit der Feile in Staub verwandeln soll. Endlos sind

die Minuten, aus denen er sich zusammensetzt. All jenen, die für andere

arbeiten, ist der Montag ein Tag, an dem Freude fast ausgeschlossen.

Selbst freie Menschen können sich diesem Eindruck nicht entziehen.

Er lag auf dem Rücken ausgestreckt und sah durch das Blätterwerk die

lässigen Wolken vorüberziehen. Um ihn war ein großer Kreis von Stille,

dessen Grenzen von Zeit zu Zeit durch entfernten Lärm getrübt wurden.

Frische hüllte ihn ein, und der schwere Duft des Humus berauschte ihn.

»Seltsam. Seltsam. Ich bin doch so oft Sonntags spazieren gewesen, ohne

diese Wirkung zu verspüren. Ich glaube, ich bin ein anderer Mensch

geworden. Bei Gott, ich weiß warum. Der Sonntag ist ein Tag unbestimmter

Freiheit und ohne besondere Köstlichkeit. Ein öffentliches Glück. Ich

gehe noch weiter: der Sonntag ist nichts weiter als eine dicke

Allerweltsdirne. Ein Vergnügen, das jedermann zugänglich ist, hat mich

immer abgestoßen. An einem Wochentag spazierenzugehen, während die

anderen Sklaven an der Arbeit sind, dies allein ist ein Zeichen der

wahren Freiheit, der Freiheit des Luxus, der Freiheit des Reichen, des

selbständigen Menschen.«

Aber man ist nicht ungestraft während fünfzehn Jahren ein pünktlicher

und untergebener Beamter gewesen. Und ohne daß er es wußte, begann ein

Vorwurf sich in ihm zu rühren. Er hatte einen Gewaltstreich gemacht, den

er ohne Zweifel zu bereuen haben würde. Gerade an diesem Tag erwartete

ihn heikle Arbeit in seinem Bureau, eine Arbeit, die niemand so gut

verrichten konnte als er.

»Und das Aktenstück Dumas«, rief er aus, und schnellte auf. »Mein Gott!

Sie werden sicher vergessen, es abzusenden. Das wird eine schöne

Geschichte geben. Ich hätte vielleicht meinen Streich auf morgen

verschieben sollen. Dumm, daß ich nicht daran gedacht habe. Dieses

leidige Schriftstück wird mir meinen Tag verderben.«

Da ließ sich weiter nichts mehr tun. Diese Dummheit war nicht mehr

gutzumachen.

»Na, und wenn schon, ich wette, sie werden einen Ausweg finden. Schade

darum. Warum denn schade? Ich scher mich nicht darum. Ich scher mich

einen Schmarren darum.«

Er fühlte sein wohl bestelltes Portemonnaie in der Tasche und hatte den

Einfall, sich irgendwo, einerlei wo, ein wenig zu amüsieren. Er trat aus

dem Walde, überquerte den Fluß und ging an seinem Ufer hin. Eine

unglaubliche Anzahl von Anglern sah er dort und eine noch viel größere

Zahl müßiger Zuschauer, die längs der Böschungen im Grase lagen und

aufmerksamen Auges die von der Strömung mitgeführten Schwimmer an den

Angelschnuren verfolgten. All diese Leute arbeiteten gleich ihm nicht

und widmeten sich nur ihrem Lieblingsvergnügen. Er hatte niemals

gedacht, daß es deren so viele gab.

»Der Montag ist also doch nicht für jedermann ein trauriger Tag, es ist

so wie in allem und jedem, es gibt auch hier Ausnahmen. Ich bin bis

heute immer ein richtiger Idiot gewesen.«

Die Töne eines Orchesters zogen ihn an.

Er befand sich schließlich vor einer großen Gastwirtschaft, die sich

längs des Flusses hinzog. In schönen gelben Lettern auf grünem Grunde

las er:

Ball der Artilleristen.

Und dann darunter:

Weinfisch und gebackene Seinefische.

Möblierte Zimmer.

Auf einem Wandbild war ein prächtiger Artillerist in Gala aufgemalt.

Seine weiß behandschuhten Hände waren über dem Säbel gekreuzt, den er

zwischen den Beinen hielt. Er trat ein und durchquerte einen großen

Garten, der durch Lauben geteilt war, unter denen ein glückliches

Völkchen lachte, trank und aß.

»Hier gibt es doch noch mehr, als man glauben würde, von solchen, die

sich nichts daraus machen!« Vor ihm war eine lange Bretterbaracke, an

den Seiten gegen den Garten geöffnet, auf einer Estrade ein Orchester,

Paare, die sich heftig nach dem Rhythmus der Polka der kleinen

»Pierrots«, die er wiedererkannte, bewegten, und der Ballsaal. Dirnen

minderer Gattung, junge Arbeiter mit Mützen und einige Soldaten bildeten

die Gesellschaft. Die müde waren, Polka zu tanzen, tranken an den

Tischen längs des mit Wappen und Fahnen geschmückten Saales. Er sah den

Tänzern zu, die wie in Spiralen ineinander gewunden waren. Die Beine der

Männer keilten sich frech in die Frauen, die, den Kopf nach rückwärts

geworfen, die Augenlider hoben und senkten. Die runden Brüste bebten.

Die Röcke flogen weit hin, entblößten die Strümpfe, und zuweilen blitzte

ein weißes Stück Fleisch unter einem Gewirr von Spitzen hervor. Er stieg

wieder in den Garten hinab und suchte sich eine abgelegene Laube. Eben

wurde eine frei, die ein Liebespaar auf dem Wege nach dem möblierten

Zimmer verließ. Sie stellte eine Champagnerflasche im großen dar. Das

Gitter, woran die Schlingpflanzen hinaufkletterten, ahmte recht deutlich

ihre Form nach, und die Spitze, die in einem Holzpfropfen auslief, der

aus einer Blechmanschette hervorkam, täuschte die Flasche ausreichend

vor. Er ließ sich nun eine Flasche Wein und einen Backfisch geben.

Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, zündete er sich einen Stumpen

an und zog die Uhr. Erst drei Uhr! Er war erstaunt, wahrzunehmen, daß

die Zeit im ganzen weniger schnell verging als im Bureau.

»Da schau her, da wird nach Schweizer Art getrunken? So gehört sich's ja

gar nicht!«

Ein Soldat, ein Artillerist, steht, noch vom Tanze schwitzend, vor ihm.

Recht sympathisch sah er aus, und so freute er sich denn seiner

Vertraulichkeit.

»Allein trinken schlägt nicht an, da geht das Beste verloren.«

»Ich kenne niemand hier.«

»Stimmt, ich habe Sie noch niemals gesehen. Wir sind hier im

Artilleristen fast alle Stammgäste, man kennt sich untereinander, wissen

Sie! Ist es erlaubt?«

Und der Soldat setzte sich zu ihm an den Tisch.

»Ein Glas Wein gefällig?«

»Nein, ich danke, ich setze mich nur hierher, weil ich mir hier in der

>Flasche< Rendezvous gegeben habe; sie wird gleich da sein.«

»Ist wohl Ihre Liebe?«

»Ah, nein, nur so zum Amüsieren, fürs Herz habe ich eine vom Land, die

mir jede Woche schreibt. Wenn man Dreijähriger ist, darf man sich nicht

unterkriegen lassen. Ich bin Magazinwärter, das ganze Bataillon ist

heute auf Felddienst, und weil ich nicht mittun muß, benützte ich gleich

die Gelegenheit, davonzusegeln. Ich muß auf der Hut sein, daß ich nicht

abgefaßt werde.«

»Einen Schluck können Sie doch mit mir trinken.«

»Wenn Sie darauf bestehen!«

»Was sind Sie im Zivil?«

»Rechnungsführer!«

»Rechnungsführer? Das ist stark, ich auch! Ich bin bei Bréhaigne &

Lecoultres.«

»Maschinenwerkzeuge? Das ist mein Fall«

»Sie kennen sie? Feine Sache! Das ist einmal ein Zusammentreffen!«

»Ich habe einen Spezi, der dort sitzt, Charles Courolle, Karlchen, ein

kleiner Brünetter mit unruhigen Augen. Wissen Sie, welchen ich meine?«

»Was arbeitet er?«

»Aufsteller!«

»Wie Sie wissen, sind bei Bréhaigne & Lecoultres 600 Arbeiter, da kann

ich nicht alle kennen!«

»Das tut mir für Karlchen leid. Ein verbitterter und grindiger Kerl!

Wenn er es auf jemand abgesehen hat, steigt's ihm gleich in den Schädel.

Wie ein Halunke sieht er aus, trotzdem aber ist er ein guter Kamerad.

Ihn geht man bestimmt nicht vergeblich um einen Freundschaftsdienst an,

er läßt einen nicht im Trockenen.«

»Noch ein Glas, aber die Flasche ist ja leer! Kellner!«

»Jetzt bin ich dran!«

»Aber nein, lassen Sie doch.«

»Nicht zu machen, Kellner, eine Flasche Rotwein, Bouteillenwein vom

feinsten, an jeden kommt die Reihe, ich bin für Gleichheit. Na, ist es

also das erstemal heute, daß Sie in den >Artilleristen< kommen?«

»Mein Gott, ja.«

»Und Sie ergeben sich da dem stillen Suff. Haben Sie denn kein Mädel?

Nein so etwas! Da staune ich. Armer Kerl! Da muß Ihnen geholfen werden.

So etwas braucht ja der Mensch, man muß doch auch etwas Tröstliches

haben im Leben, man kann nicht immer wie ein Wilder allein in seinem

Winkel sitzen. Und dann auch aus Gesundheitsrücksichten! Auf die Ihre!

Trinkkumpan, was! Wir sind jetzt Trinkkumpane -- da ist schon meine

kleine Kröte. Ein gutes Ding und nicht zu derb, sie kommt da mit zwei

Kommißknöpfen.«

Das Mädel näherte sich, von zwei Soldaten begleitet. Nach der üblichen

Vorstellung ließ man für die neu Hinzugekommenen Gläser bringen, stieß

miteinander an und machte ein Höllengelächter. Eine Flasche für vier

Personen war bald nicht genug, zwei andere rückten nacheinander auf.

»Backfisch,« rief das Mädchen dem Kellner zu, »aber recht resch.«

»Auf Ihr Wohl, mein Herr, und auf die Dreijährigen.«

»Die Erde ist kugelrund«, sagte mit Ernst einer der Soldaten, der

plötzlich von seltsamen Gedankenfolgerungen heimgesucht wurde.

»So rund ist sie denn doch nicht.«

»So bist es also du, der so rund ist!«

»Wieso, zum Teufel! Der Herr ist nicht sehr liebenswürdig!«

Allgemeine Zufriedenheit. Das Mädel lachte laut und stemmte die Brust,

die sich unter der leichten Seidenbluse bauschte. Wohl tauchte der Akt

Dumas zuweilen auf, aber man schob ihn gewaltsam in Vergessenheit mit

einem daraufgeschütteten großen Schluck Wein.

»Adolf, sag ihnen dein Rätsel!«

»Ah, ja, also raten Sie nun, Sie Gescheiter! Mein Erstes sieht zum

Verwechseln meiner Hose gleich, mein Zweites ist ein Getränk für den

Abend, und mein Ganzes bin ich, wenn ich mein Erstes angezogen habe, was

ist das nun?«

»Na, was denn nur?«

»Keine Ahnung!«

»Nun, ist euch die Zunge angewachsen?«

»Ich habe nichts verstanden!«

»Also, Brüder, das heißt: Culotté, Culotte, das ist Hose, té -- Getränk.

Wenn ich die Hose anziehe, bin ich Culotté, verstanden?«

»Nein, aber das macht nichts.«

»He, Getränke her, hier gibts Durst. Ich habe Sand im Hals.«

Die Gesichter begannen wie Rosenkohl oder gar wie Pfingstrosen

aufzublühen.

»Ich pfeife auf sie, sie haben mich fünfzehn Jahre zum Narren gehabt,

jetzt ist an mir die Reihe, sie zum Narren zu halten.«

»Heda Sie, ärgern Sie sich nicht!«

Ein Soldat begann zu summen, und ein anderer begleitete ihn sogleich,

man stand auf, das Glas in der Hand.

»Trinken wir auf das Wohl

Der, die schon drei Jahre dienen,

Daß es bald vorbei,

Liest man in ihren Mienen.

Bald sind wie zuvor

Sie im gewohnten Loch,

Drum singen wir im Chor:

Die Freiheit lebe hoch!«

»Sag, Väterchen, bist du nicht etwas angeheitert?«

»Ich, angeheitert? Ihr wißt nicht, was ich vertragen kann. Es hat mich

nur diese elende Zigarre etwas müde gemacht. Angetrunken? Glaubt ihr

das? Nun, ihr werdet ja sehen, Kellner, noch zwei Flaschen. Das nenne

ich Glück, daß wir einander getroffen haben. Ihr seid alle fesche

Kerle.«

»So gibt es also noch welche, was?«

Seit einigen Augenblicken tuschelten das Mädchen und ihr Freund

miteinander.

»Was denn nicht gar! Du brauchst ihn doch nur selbst darum anzugehen,

für mich gehört sich das nicht.«

»Spiel nicht das Täubchen, du weißt sehr gut, daß eine Frau sich besser

auszudrücken versteht; er wird es begreifen, weil er ja auch

Dreijähriger war, wie er selbst gesagt hat.«

»Du kannst deine Geschäfte selbst ausrichten.«

»Dann frage ich dich vielleicht, ob deine Mutter . . .«

»Na, wie gehts?«

»Auf zur Masurka!«

Das Orchester ließ mit einemmal all sein Blech erschallen. Die

Militaristen fühlten den Geist der Musik und des Tanzes in ihre Glieder

fahren und begannen sich hin und her zu wiegen.

»Na, wollen wir eins runterwalzen, Bertha bleibt bei dem Herrn zurück,

wir finden uns dann alle wieder ein.«

»Gehen wir.«

Die drei Soldaten entfernten sich durch den Garten. Adolf steckte, bevor

er ging, dem Mädel ein Portemonnaie zu.

»Er ist drinnen«, flüsterte er ihr zu.

* * * * *

Die Wellen fluteten zurück und gaben den Sand frei, diesen traurigen

Sand, auf dem in schwarzen Buchstaben geschrieben stand: »Sie werden

gewiß nicht daran gedacht haben, den Akt Dumas wegzuschicken«, aber

hinter einem häßlichen Felsen kam ein hübsches Segelschiff hervor und

tauchte ganz nahe auf.

Das schöne Mädchen saß da und pickte auf dem fettigen Teller nach den

Krumen des genossenen Backfisches.

»Sie würden vielleicht noch eine Portion nehmen?«

»Wenn ich aufrichtig sein soll, so sage ich nicht nein.« Man aß, man

trank, man plauderte.

»Ihr Freund sieht ja recht nett aus, Sie haben ihn gewiß gern?«

»O ja, den da schon, der sitzt mir im Blut, aber Sie können halt nicht

beurteilen, wie er sonst mit mir umgeht, weil er jetzt eben Sorgen hat.«

»Sorgen, was für Sorgen denn?«

»Er ist ein bißchen beengt, was das Geld betrifft.«

»Das ist leicht begreiflich, ein Soldat! Was wollen sie auch mit einem

Sou per Tag anfangen.«

»Sein Vater, der sitzt im Vollen, er hat ein gutes Geschäft, ist geizig

wie eine Kirchenratte; wenn er aus einem Rettich drei machen könnte,

würde er es sich nicht überlegen. Mein armer Adolf ist es schon müde, er

lehnt sich schließlich auf. Er hat doch Bedürfnisse, ist doch kein Kind

mehr, er ist ein ausgewachsener Mann und braucht Geld.«

»Er hat allen Grund, sich zu beklagen.«

»Nicht wahr? Sie finden auch! Ich wußte, daß Sie es begreifen würden.

Adolf hat es mehr als satt, immer zu seinem Alten betteln zu gehen. Er

möchte sich selbst aus der Affäre ziehen. Eben jetzt hat er einen Ausweg

gefunden. Er hat einen goldenen Ring in der Tombola gewonnen, einen

herrlichen Ring mit einem Diamanten, einen echten, ich wollte, Sie

würden ihn sehen! Man hat ihn auf mindestens 400 Franken geschätzt, --

da sehen Sie, da ist er, sagen Sie einmal, ob der nicht schön ist. Sie

können sich denken, daß er den nicht beim Regiment braucht -- er würde

damit auffallen. Für ein Butterbrot gibt er ihn weg, für 150 Franken.

Wenn man aber darauf bestehen würde, möchte er ihn für 100 Franken

lassen, 100 Franken! Der ist schön dumm, was? Das ist eine Sache, auf

die man nur so hinspringen müßte, aber er will seinen Ring natürlich

nicht dem ersten besten verkaufen, er hat so seine Gedanken darüber und

hat recht. Aber ich wette, daß er froh wäre, Sie daraus Nutzen ziehen zu

lassen. Das ist also eine gute Gelegenheit, die Sie nicht auslassen

sollten. Unter uns gesagt, da sehen Sie nur, wie der glänzt! Ein wahrer

Sonnenschein! Sie haben doch Vertrauen zu mir, nicht wahr; ich stelle

mich eher auf Ihre Seite, mit Freunden muß man ein offenes Spiel führen,

und andererseits bin ich Adolfs so sicher wie meiner selbst. Sollten Sie

die 100 Franken nicht bei sich haben, können Sie ihm ja einen

Schuldschein ausstellen und ihm das übrige nach und nach bezahlen. Man

setzt Ihnen ja nicht dabei das Messer an die Kehle, wenn Sie ihm nur

etwas daraufhin borgen könnten, würden Sie ihm sicher eine Freude

bereiten.«

* * * * *

Gewölk! Finsteres Gewölk, das die Sonne verbirgt und gleichzeitig die

ganze Landschaft entfärbt. Du armer Einfaltspinsel, du hast nicht

bemerkt, wohin dich die Leute haben wollten. Ein Vierzigjähriger, der

allein lebt, der muß wohl Ersparnisse haben. Du siehst übrigens auch

recht wohlbestallt aus mit deinem neuen Anzug und deiner goldenen Uhr

und verdienst die freundliche Aufmerksamkeit Adolfs; der Lump hat eine

gute Nase! Man muß schon sagen, die Hälfte der Menschheit verbringt ihre

Zeit, die andere Hälfte zu verschlucken und auszuplündern. Deshalb also

schlug er mich so herzlich auf den Rücken. Einen Wein hat er mir sogar

bezahlt, der Lump. Schau, daß du so rasch als du kannst nach Hause

kommst, du alter Dummkopf -- hättest besser getan, gar nicht fortzugehen

. . .

»Haben Sie ihn gut angesehen? Wie denken Sie darüber?«

»Ich habe Schmuck nicht gern, Sie sehen, ich trage keinen, das ist einer

meiner Grundsätze!«

»Sie könnten jemand ein Geschenk damit machen oder ihn mit großem Nutzen

verkaufen.«

Er schüttelt den Kopf. Sehr angeheitert kamen die drei Artilleristen

zurück.

»Nun?«

»Ihr seid zu früh zurückgekommen. Aber ich glaube, es wird sich nichts

machen lassen.«

»Das ist stier!«

Das Wort wurde gehört und schlug überall ein.

»Hast du nicht einmal zwanzig aus ihm herausgezogen? du Eselin du?«

»Wie wäre es, wenn wir zahlen würden und eine Kahnpartie machten?«

»Sie werden mich entschuldigen, meine Herren, ich muß fort . . .«

»Aber was denn -- wir wollten doch zusammen nachtmahlen?«

»Ja, ja, alle zusammen!«

»Bitte entschuldigen Sie mich, ich muß unbedingt fort, ich habe eine

wichtige Verabredung«, und sich zu dem Mädchen wendend, sagte er ihr:

»Was Ihre Sache betrifft, kann ich wirklich nicht, ich besitze diese

Summe nicht, bedaure . . .«

»Bringen Sie auf, was Sie können, man wird sich schon einigen, wir sind

hier jeden Abend zwischen fünf und sechs Uhr.« Der Kellner zählte die

Flaschen. Die Soldaten begannen Gebärden zu vollführen, deren

Überflüssigkeit sehr deutlich war; einer von ihnen rückte mühevoll

seinen Gürtel zurecht, der vollständig an seinem Platze saß, und Adolf,

der sein leeres Glas gegen das Licht gehoben hatte, sagte mit

hochgezogenen Augenbrauen: »Dieser Wein ist sehr tanninhaltig, er hat

einen Satz.«

Die Rechnung war bezahlt, man fühlte sich wieder sehr wohl. Die Blicke

senkten sich zur Erde, Adolf tat sehr böse.

»Ja, was haben Sie denn da eben gemacht, Sie haben ja alles bezahlt.

Zwei Flaschen kamen mir zu, wieviel macht das nun für mich aus?«

»Lassen Sie das, gehen Sie doch, beunruhigen Sie sich nicht.«

Adolf zog seine Hände, die auf nichts anderes gewartet, aus seiner

Tasche und beharrte nicht weiter.

»Sie geben ihm zwei Franken Trinkgeld? Das ist viel zuviel, das ist

Verschwendung.«

»Hat keine Bedeutung, lassen Sie, das macht mir Vergnügen. Meine Herren,

ich verschwinde, entschuldigen Sie mich, ich muß mich beeilen.«

Er sah, wie das Mädchen Adolf eines der Zwanzigsoustücke, die er auf dem

Tische zurückgelassen hatte, zuschob.

»Vergessen Sie nicht unsere Angelegenheit, wir sind jeden Tag nach dem

Abendessen hier, wir würden uns gern mit Ihnen darüber einigen.«

»Grüß Gott, alles Schöne zu Hause, auf Wiedersehen!«

Adolf, der nicht nachträgerisch war, preßte herzlich die Hand in der

seinen.

»Also auf baldiges . . .« und er fügte einen kleinen Scherz hinzu, der

ihm geläufig war. »Wenn du den kleinen Buckligen triffst, so sage ihm,

daß er sich strecken soll.«

* * * * *

Die Tramway raste von einer Station zur andern, die Fahrgäste

schüttelnd, wie Korn im Sieb. Ein plötzliches Halt, und die Körper

stießen aneinander, ein Hut rutschte auf eine Nase herunter. Der

durchdringende Schrei einer Pfeife ließ sich hören, und die teuflische

Maschine nahm wieder ihren Lauf. Wie sie so blitzeschleudernd, klirrend

mit den Scheiben und dem Eisenwerk daherkam, schien sie einer großen Wut

anheimgegeben. Sie sprang über die Nieten der Schienen, zeigte sich bei

den Biegungen widerspenstig und bewies bei jeder Gelegenheit einen

lebhaften Hang zur Unabhängigkeit. Für Augenblicke bemächtigte sich

ihrer ein solcher Zorn, daß sie von epileptischen Zuckungen geschüttelt

schien. Aber trotz allen ihren Bemühungen ward sie dennoch in den Bahnen

der Ordnung festgehalten, ihre Räder gehorchten den Schienen, die ihr

nicht das geringste an Extravaganz gestatteten. Ein temperamentvoller

Ruck, und die Bremse ließ sie sofort ihren eisernen Willen verspüren.

»Spiel doch nicht den Dummkopf«, sagte der kleine stählerne Hebel, »es

nützt dir ja doch nichts.«

Die Tramway war nichts als eine fanatische Begierde, von einer Disziplin

niedergehalten, die immer das letzte Wort behielt.

»Da ist nichts zu machen, meine Liebe, da heißt es gerade hinfahren wie

jedermann.«

Die Tramway wird ihr Leben aufbrauchen, indem sie so jeden Tag zwischen

zwei Endpunkten hin und her läuft. Gelb bemalt, fast in Uniform, genau

in eine Liste eingetragen, einem Stundenplan unterworfen, wird sie trotz

ihres zornigen Aufbegehrens dennoch ihrem Schicksal nicht entlaufen. Wie

alle ihresgleichen, ist sie für einen bestimmten Weg geschaffen, und

alle Wege kreuzen sich, ohne sich zu verwirren; so ist es auch mit den

menschlichen Wesen.

Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Joppen, Taillen, darüber ein

Kopf, ein wenig nacktes Fleisch in Form von Händen am Ende der Ärmel,

manchmal eine Faust, ein Hals, ein Schimmer von Büsten.

Stoffiguren, Zierpuppen aus Seide mit schönen Augen! Diese einander

fremden Wesen, aus allen Winkeln des Alls herbeigelaufen, saßen da,

Schulter an Schulter, auf Bänken, einander gegenüber und stellten wie in

einem Spiel so eine Art vorübergehender und überflüssiger Symmetrie dar.

Jede Haltestelle schied einige Stücke, die rasch wieder von anderen

ersetzt wurden, aus dem Spiele aus, so mir nichts dir nichts, nur gerade

um die Zeit totzuschlagen. Die lebendige Welt ist immer im Kommen und

Gehen begriffen. Unzählige Bewegungen, die sich seit langem zu suchen

scheinen, treffen sich endlich, um sich aber sogleich wieder zu

zerteilen. Hände schlagen auf das einzige Kartenspiel, verteilen nach

einer scheinbaren Ordnung die Figuren und vermengen sie von neuem.

* * * * *

Und die Unterhaltung setzt sich so endlos fort. Komisch!

An alles dies dachte der Mann. Der Schaffner verteilte an die Fahrgäste

Scheine.

»Schon um 5 Uhr morgens beginnen diese Leute ihr Tagwerk, was für ein

Leben! Da habe ich mich nicht zu beklagen. Allein bin ich zwar, das ist

ja wahr, aber zum mindesten lebe ich ruhig und habe keine

Verpflichtungen. Ich kann tun, was ich will, und bin niemandem

Rechenschaft schuldig. Wenn ich meinen Tag verlor und dreißig Franken

mit dieser elenden Bande ausgegeben habe, so bin nur ich es, der darum

weiß, und niemand anderem als mir ist damit etwas geschehen.«

Als ein Soldat aufstieg, zuckte er ein wenig zusammen.

»Ich hatte schon Angst, ich glaubte, es sei einer von ihnen dort. Diese

Flegel!«

Die Sonne ging unter, wie sie es jeden Tag zu tun verpflichtet ist.

Sogleich werden die Sterne zu strahlen beginnen, indes sich zur selben

Stunde alle Gaslichter der Stadt entzünden. Das war gewiß: Auch von

dieser Seite war keine Überraschung zu erwarten.

Ich sage mir oft: »O Freiheit! Hätte ich doch meine Freiheit! Und was

dann? Man sagt, es gäbe Rentner, die sich langweilen wie tote Ratten.

Die Welt ist wohlgeordnet, und es handelt sich bloß darum, sie

bürgerlich zu bewohnen und bemüht zu bleiben, die anderen Mieter nicht

allzusehr zu stören. >Weder Hund noch Katze<, wie es in Pachtverträgen

heißt. Bei mir stimmt alles, nicht einmal einen Vogel verdränge ich. Da

fällt mir ein, daß ich einen Schlauch für den Wasserhahn in meiner Küche

kaufen muß.«

Er zog seine Uhr. »Ein Viertel vor sieben. Hoffentlich komme ich

zurecht, ich werde an der Straßenecke, bei der kleinen Kneipe, Lemoine

abpassen. Der wird mir sagen, ob sie nicht vergessen haben, den Akt

Dumas abzusenden.«

Das Gemeinsame · 第 13 / 15 题