SPAZIERGANG UND BEGEGNUNG

Das Wetter war schön und die Luft sehr milde. An einem Sonntag war es.

Der Nachmittag rückte vorwärts, und seit Stunden wälzte sich

unaufhörlich die Menge über den Hauptboulevard der Stadt. Ein

Menschenstrom flutete abwärts, ein anderer wieder zurück. Wie im Meere

eilige Strömungen die bewegte Flut durchqueren, ohne sich in ihr zu

verlieren. -- Junge Leute folgten einander und drängten durch die

widerstrebende Masse. Von Zeit zu Zeit blieben Spaziergänger stehen, und

ihr Rücken zerteilte wie ein Fels die menschliche Flut. Sie wurden

heftig gestoßen und bald wieder vom Wirbel erfaßt. Da und dort öffnete

ein Geschäftsladen seine Höhlung und nahm etwas von diesen Wellen in

sich auf. Bei jeder Straßenüberquerung, wo der Sturzbach der Wagen sich

gewaltsam staute, rückte der Menschenstrom zurück, schwoll an, wurde

lebhafter und brandete dann in die freigelegte Hauptstraße. Die Fassaden

der Häuser stießen farbige Schreie aus, und gewaltsam prägte sich die

Lichtreklame, die von den Dächern in den Himmel hinaufgeschleudert

wurde, den aufwärts gerichteten Blicken ein. Die Spaziergänger waren

zahlreicher als die Buchstaben einer Zeitungsspalte. Fadenartig

umwickelten sie Plakatkioske. Vor den Auslagen bildete sich eine Wand

von Menschen. Wie Adler, die sich auf eine Herde stürzen, kreisten Wagen

umher, schienen ihre Beute zu suchen, stürzten an die Masse heran und

flohen mit ihrem Fang. Immer noch ging der Strom hin. Er floß über und

schwoll durch den unablässigen Zuwachs seiner Nebenflüsse, der Straßen

und Durchgänge; ohne sich sonderlich auszubreiten, kam er durch die Seen

der Plätze, um sich dann an seinem Ziele, in dem Fächer einiger Vororte,

zu verströmen.

Über all dies unterhielt sich unter diesen vielen Menschen ein junger

Mann. Schon seit dem Morgen begeisterte ihn eine außergewöhnliche

Freudigkeit. Sein Herz saß, wie er sich gern ausdrückte, am Ende einer

Rakete, bereit loszugehen. Das Ereignis dieses schönen Tages, nach einer

langen Reihe trauriger Tage, hatte ihm Vertrauen und Freude am Leben

wiedergegeben. Aus dem fröhlichen Windhauch, der die grünen Blätter der

Bäume bewegte, und von dem Geruch der eben frisch besprengten Alleen

flog ihn ein Zauber an. Alles schien ihm verändert. Die Frauen waren

fast alle begehrenswert, und die streitsüchtigen Männchen, die

Gottesfriede beschlossen hatten, begegneten einander mit ungewohntem

Wohlwollen. Schon am Morgen hatte er in einer kleinen Bar den

allgemeinen Optimismus auf dem lachenden Antlitz eines guten, dicken

Kerls leuchten sehen. Sogar der Werkelmann, dem er an seiner Straßenecke

begegnet war, war ihm nicht so elend erschienen; lächelnd leierte er mit

himmelwärts aufgeschlagenen Augen; er dachte nicht mehr daran, die Hände

auszustrecken, und spielte sichtlich nur zum Vergnügen. Er sah noch

immer den Mann dort neben der Haustüre mit seinem geröteten und dabei

sanften Schnapsgesicht und bedauerte es, ihm nichts gegeben zu haben.

Zerstreut ging er dahin, ließ unbesorgt und ziellos seine Blicke

umherschweifen und lockerte die Trense seiner Gedanken. Er wurde nicht

böse, wenn man ihn anstieß. Alles interessierte ihn und schien ihm

zuzurufen: die Farbe eines Kleides, der Klang einer Stimme, die Klarheit

eines Antlitzes, die Spur eines Parfüms. Er blieb oft stehen und wandte

den Kopf, ohne der Gewalttätigkeiten zu achten, denen er sich dadurch in

jedem Augenblicke aussetzte. Er glich dem sorglosen Kinde, das während

der Schlacht unter dem Kugelregen der Kämpfenden Blumen pflückt. Wenn

ein Ellbogen in seine Rippen drang, ein ungeschickter Fuß auf den seinen

trat, sagte er sich: »Geschieht dir schon recht, warum gibst du auch

nicht acht, eben wärst du beinahe wieder unter diesen Autobus geraten,

als du über den Boulevard gingst, aber schon hast du es wieder

vergessen; eine ganz gelungene Quetschung mit krachenden Knochen und

verspritzten Eingeweiden steht dir ja auf der Nase geschrieben und ist

dir ganz sicher.« Aber er war seinen Leidenschaften gegenüber wehrlos

und setzte seinen Weg fort, indem er, abenteuerlich gelaunt, voll wirrer

Ideen die Augen rechts und links umherschweifen ließ.

Es gab hier um ihn her so viele Dinge zu sehen, daß er mit seinen

Blicken den Himmel, das Jagdgebiet der Götter, verschonte.

Leute nähern sich ihm. Alle denken sichtbar an etwas Bestimmtes. Aber

ihre Gedanken vermengen sich nicht. Jeder Vorübergehende schlägt seinen

Weg ein und trägt die kleine geschlossene Welt seiner ihm allein

vertrauten Gedanken, sein undurchdringbares Geheimnis in sich verborgen.

Jeder ist ein geschlossenes Buch, das eine Geschichte enthält, die

niemand lesen kann. So gehen sie auf dem wohlbekannten Boulevard mit der

Sicherheit blind Geborener dahin. Was könnte sie in Erstaunen versetzen?

Alles befindet sich an seinem Platz, und der gewohnte Anblick

verschleiert mitleidig die tiefern Dinge. Wozu auch sich immer um den

Anfang und das Ende sorgen, wenn der gegenwärtige Augenblick so

freundlich ist. Jeder fühlt sehr stark, daß schönes Wetter und er frei

ist. Sonntags läßt es sich gut leben. Die Erde gehört jedem, und keiner

vermag ihr etwas zu rauben. Man existiert ohne jede Mühe. Der Hauch der

Lungen, die Maschinerie der Beine funktioniert, ohne daß man sich darum

bekümmern muß. Man braucht sich nur laufen zu lassen. Jeder

Vorübergehende weiß, daß er den ganzen Tag um seiner selbst willen leben

wird, daß er Herr eines Körpers ist und ihn zu seinem eigenen Gebrauch,

zu seinem eigenen Vergnügen verwenden kann. Bis zum Morgen werden die

Minuten sich aneinanderreihen und mit vollen Händen eine der andern

Freiheit spenden. Auch ist es nicht nötig, eine neue Art des Fühlens und

des Schauens zu erfinden. Die Freude ist allüberall, und man braucht

sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Wir haben ein für allemal die

Dinge bei ihrem Namen genannt, und das Weltall mag sein Geheimnis, das

uns nicht interessiert, für sich behalten; wir werden uns nicht mehr

verfolgen lassen. Der Tod? -- laßt uns lachen! --: eine Erfindung der

Pfaffen. Und wenn es ihn schon wirklich gibt, so ist er ein Verhängnis,

das so entfernt und unwahrscheinlich ist, daß man es nicht nötig hat,

daran zu denken, und dann . . . bis dahin kann so mancherlei passieren;

weiß man es denn?

Großer Gott, diese Menschenmassen! Woher kommen sie denn alle, diese

Köpfe, dies wandelnde Gewirr von Globussen.

Er wurde nicht müde, alle diese Unbekannten zu betrachten, die plötzlich

vor seinen Augen erschienen und sich in einer gänzlich von Menschen

erfundenen Dekoration hin und her drängten. Nichts, rein gar nichts war

hier von der primitiven Natur übrig, und doch hatte ohne Zweifel an

dieser Stelle früher einmal ein Wald in seinem Dämmerzustand gestanden.

Das wilde Tier hatte hier, gewiß oft von Jägern verfolgt, mit seinem

Schrei das finstere Echo geweckt, und er dachte an einen alten Stich,

der eine Auerochsenjagd darstellt. Eine ängstliche Hirschkuh hatte

vielleicht hier mit ihren Jungen geschlafen, während der Mond die Wipfel

der Bäume beleuchtete. Täglich sangen tausend Vögel, wenn der Hauch der

Morgenröte sich erhob, und nachts war die wundersame Stille nur gestört

durch das Brechen von Ästen, das die behaarten Ohren des Wildes und die

traumschweren Schwingen der Vögel aufschrecken ließ. Nun aber sind da

Steinpflaster und Häuser und der Horizont geradliniger Fassaden. Selbst

der zwischen den Dächern sichtbare Himmel hat sein Geheimnis verloren,

er ist geordnet, gleichsam gezähmt.

Mit neuem Blick betrachtete er ein glänzendes Automobil, das am Rande

des Fußsteigs stehen geblieben war, er betrachtet es so, als wenn es,

ganz ausgestattet und geputzt, eben aus den Tiefen der Erde

herausgekommen wäre. Seine glänzenden Kupferbestandteile, seine

Laternen, die an riesige Juwelen erinnern, seine wie ein geschmeidiges

Tier gewundene Sirene, alles, woraus es sich zusammensetzte, hatte lange

in der unterirdischen Nacht als ungeformte, aufgehäufte Materie

geschlummert, und die Menschen waren vorbei gekommen, ohne ihren Schlaf

zu stören. Heute knatterte es am Rande eines Fußsteigs. Die geduldige

Arbeit vieler tausend Jahre hatte eines Tages eine Vereinigung von

Zusammenhängen geschaffen, aus denen dieses Wunder erstanden war; und

doch würde, Stück für Stück zerlegt, diese merkwürdige Maschine

unfehlbar in ihren primitiven Zustand zurückkehren. Er gewährte sich den

Zauber, sie mit den aufgerissenen Augen eines Steinzeitmenschen zu

betrachten, und sah, wie sie losfahrend ihre Kraft unter dem Befehl

eines Chauffeurs bändigte. Dann nahm er wieder seinen Weg auf, die Leute

musternd, die ihm begegneten. Er traf seine Wahl unter den Gesichtern

und interessierte sich hauptsächlich für einige Vorübergehende. Auf

deinem Gesicht, mein Lieber, kann ich ohne Brille dein ganzes Register

ablesen. Zylinder, Zigarre, Gewohnheitsraucher könnte man sagen, üppige

Lippe, volle Wangen, stubenhockerisches Gesicht, ein großer

wohlgenährter Körper, der sich nichts versagt. Ich weiß, daß du Sklaven

hältst und daß du in der Tasche den Schlüssel zu deinem Geldschrank

trägst. Und nun wieder dieser dort? Begrenzter Blick, Gutmütigkeit des

gebrannten Kindes, der Gewohnheit des Gehorsams unterworfen; ausgelaugte

Hautfarbe, tägliche Haft in irgendeinem obskuren Büro. Dieser da hatte

es schwerer, vielleicht ist er ein Dilettant irgendeiner Art, ein

Müßiger, der sich die Illusion einer Tätigkeit zu schaffen verstand. Und

wohin geht diese Frau? Wird sie irgendwo erwartet? Ruft sie Pflicht oder

Vergnügen? Dieser Austräger, eben auf einem Geschäftsweg, der da am Band

des Fußsteigs hingeht? Regelmäßiger und ruhiger Schritt, rhythmisch,

fast wie ein Tänzer, keinerlei Anzeichen von Sorgen im Gesichte, also

festes Gehalt Ende jedes Monats. Ein Kenner des Kartenspiels und des

Weines. Ich sehe seine Frau in einer Portierloge. Vollständige

Sicherheit, eine gewisse Leichtigkeit, sich zu verändern! Seine

Prinzipien: sich um nichts zu sorgen und weit vom Schuß sein, wenn die

Bombe platzt.

Eine Modedame in hellen Farben entflattert einem Geschäftsladen und

entflieht den Blicken der Männchen, die ihre Nase nach ihr heben.

Er spaziert immer weiter. Seine namenlosen Zeitgenossen umkreisen ihn

und streifen ihn wie Erscheinungen. Wohl hört er manchmal Worte durch

diese halbgeöffneten Türen, unter denen sich Geheimnisse dieser

Lebewesen auftun, aber sogleich verschlingt der Raum um ihn die Menge

mit ihren Beschwernissen, die ihm ewig weiter unbekannt bleiben werden.

Dieser ist heute morgen in der Stadt angekommen, und jener wird sich

heute abend einschiffen, um niemals wiederzukehren. Dieser Ingenieur

trägt hinter seiner Stirn das Bild einer merkwürdigen Maschine, über

deren Bau er nachsinnt. Die Frau dort bemüht sich, nicht an die noch

unbezahlten Rechnungen der Lieferanten zu denken. Von all diesen

Boulevardspaziergängern werden, wenn auch keiner eine unabsehbare Zeit

überleben wird, mehrere, dafür kann er einstehen, schon vor Ende des

Monats tot sein. Jeder in Bewegung begriffene Körper, und auch der

seine, wird endlich nach langem Hin- und Herschwanken das vollkommenste

Gleichgewicht erlangen. Viele haben schon ein kleines Zimmer aus Stein,

das sie irgendwo geduldig erwartet . . . Und alles spaziert am Ende

einer Leine, die eine gewisse Hand nicht losläßt. Aber glücklicherweise

schwebt ihnen die Zukunft als ein herrlicher Golf vor, in dem sich der

eingeengte Strom ihres gegenwärtigen Lebens schön ausbreiten wird. Einer

von ihnen träumt: noch zehn Jahre guter Arbeit, und wenn mir nichts

Böses zustößt, werde ich mein Geschäft verkaufen und mich aufs Land

zurückziehen können. Ein anderer: ach, wenn ich im Ruhestand sein werde,

dann sollen sie erfahren, was ich über sie denke. Wie einen das

erleichtert! Und ein dritter: wenn ich eine bessere Stellung ausfindig

gemacht haben werde, will ich mich verheiraten und ein Heim gründen, das

muß doch endlich so kommen. Und ein vierter noch, der über seine eigenen

Gedanken lächelt: sobald meine Geschäfte besser gehen werden . . . usw

. . . .

Sie kommen vorbei und verschwinden wieder, damit ist es zu Ende, und er

wird sie nicht wiedersehen.

Plötzlich denkt er an diese Frau, die an einem der letzten Abende in

einem Zug ihm gegenüber gesessen hatte. Wenn er sich in diesem Gewühle

plötzlich wieder ihr gegenüber fände. In dem Maße, als er sich das

Abenteuer neuerdings vergegenwärtigte, vergnügte er sich, diesen

unmöglichen Zufall herbeizusehnen. Er erinnerte sich, daß sie recht

hübsch und ihr Blick keineswegs der einer dummen Person gewesen war. Mit

einer neuen Zähigkeit machte er sich wieder Vorwürfe. Ich hätte es doch

wagen sollen. Jeder Tag hat so seine Launen; wenn ich ihr heute begegnen

würde, spräche ich sie gewiß an. Warum habe ich damals gar nichts

versucht? Wer weiß, welch glückliche Möglichkeiten ich mir an jenem

Abend entgehen ließ? Es war eine seiner großen Versuchungen und zugleich

seiner großen Befürchtungen, die Ereignisse vorwegzunehmen, um ihnen zu

ihrer Verwirklichung zu verhelfen. Neue Wesen aus einer unbekannten Welt

anzusprechen, hatte immer eine besondere Erregung in ihm hervorgerufen.

Vor wieviel Türen hatte er nicht, die Hand an der Klingel, gezögert und

war schließlich gegangen, um am nächsten Tag mit einem verspäteten Sieg

über sich selbst wiederzukommen. Wer konnte die vielleicht seltsamen

Folgen der geringsten Begegnung voraussehen? Dies hieße schließlich sein

Leben in zu kleiner Münze verausgaben, wenn man so wenig Herr über sich

selbst war, daß man es zur Beute des erstbesten Zufalls machte, der um

die Ecke bog. Es gab so viele Menschen, die er nach seinem Willen kennen

lernen konnte oder nicht. Eine einzige Begegnung mochte seinem Leben

eine neue Richtung geben. Denn jedes Ereignis ist reich an

unvorhergesehenen Verknüpfungen. Wie sollte man unter den unzähligen

Erwägungen jedes Tages wählen? Durfte er leichthin Freundschaft und dann

Haß in Blicken erwecken, die heute zum erstenmal auf sein Antlitz

gerichtet waren? Sollte er diese lange Folge von Enttäuschungen

herbeilocken, die ihn bei jener Frau erwarteten, die zu rasch ihm sein

Lächeln erwidert hatte?

Zögern des Spielers vor der Wahl des Wagnisses!

Begegnungen, neue Beziehungen über ihn verhängt oder von ihm gesucht, o

all dieser Aufbau der Zukunft, der zwischen Gebundensein und Freiheit

schwankt! Begegnung! Ist sie nicht stets für den immer fortbestehenden

Menschen wie eine feierliche Geburt? O schöpferische Begebenheiten! Als

ich jenem Unbekannten die Hand drückte, entstand plötzlich in mir der

Mensch, der ich erst später einmal sein werde.

Werde ich also kraft einer unbescheidenen Sicherheit mich ohne Furcht

und Demut den tausend Abenteuern entgegenwagen, die jeden meiner

Schritte belauern? Werde ich nicht zumindest die Erregung des Jägers

erleben, der auf den Fußspitzen in den geheimnisvoll belebten Wald

dringt, in dem ich gegen mich selbst vorschreite, der ich mir in eigener

Person vielfach und doch einzigartig begegne?!

Er ließ sich von anderen Gedanken entführen und wechselte das Spiel.

Er musterte jetzt die Augen der Vorübergehenden. Dies war, wenn er durch

die Straßen spazierte, eine seiner alltäglichen Vergnügungen, die Augen

der Frauen und Männer zu befragen. Er trug aus der Antwort, die er

erhielt, immer irgendein Wunder davon.

Man geht in einer wenig belebten Straße hin. Vor uns ist nichts als der

unbekannte und seelenlose Raum, Bewegungen überflüssig wie vergebliche

Axtschläge, und dann Häuser mit ihren Fenstern und die leuchtenden

Auslagen der Geschäfte. Da plötzlich nähert sich uns jemand auf dem

Fußsteig, z. B. eine Frau. Von weitem ist sie vorerst nur ein Körper,

der sich bewegt. Im Hintergrund der Straße, viel weiter, regen sich ja

noch viele andere Wesen. Aber die Frau nähert sich, ihr Gesicht wird

deutlicher. Unter den Bogen der Brauen lugt ein fremdes Leben hervor,

die Augen. Selbst kommt man gleichfalls heran. Der äußerste Punkt der

Blicke beginnt nun an uns zu rühren. Irgend etwas leuchtet aus diesem

nahenden Antlitz. Die Linien des Körpers halten das Wesen nicht mehr

versperrt. Das Leben der Augen ist größer als das sie einschließende

Antlitz. Die Vorübergehende wird uns erreichen, wir suchen ihren Blick,

und plötzlich findet die übliche Verschmelzung statt. Aus den Tiefen des

Alls kommt uns durch diese Augen eine flüchtige Botschaft, und wir

vereinigen uns in ihnen mit dem ganzen fremden Leben.

Die zwei Vorübergehenden deren Blicke sich begegnen, haben beide das

Gefühl einer Besitzergreifung. Aber weder der eine noch der andere

könnte sagen, wer besitzt und wer besessen wird. Wie viel zärtliche,

ironische und hochmütige Worte habt ihr für den müßigen Spaziergänger,

der euch in aller Unschuld sucht, ihr Blicke, die ihr zahlreicher als

die Kiesel des Meeres, zahlreicher als die raschen Strahlen der großen,

sich drehenden Leuchttürme aus dem Antlitz der Vorübergehenden

hervorzielt!

Alle Blicke gewähren sich nicht dem ihnen auflauernden Blick. Es gibt

Blicke, die überrascht sich sogleich abwenden. Es gibt auch solche, die

uns durchdringen, als ob sie uns nicht zu sehen scheinen, und andere,

die sich mit solcher Zähigkeit an uns anlehnen, daß wir Mühe haben sie

zu ertragen. Wenn sie vorbei sind, fühlt man sich verarmt, und manchmal

hat man nach ihnen zurück schauen müssen.

Die Menschenmenge war ihm jetzt nichts mehr als Tausende von Augen, die

er unermüdlich befragte. Er war manchmal so stark betroffen, daß er als

erster den Kopf wenden mußte. Die Seele jedes Vorübergehenden erfloß aus

dieser Doppelquelle, und er fühlte sich bald mit Höflichkeit empfangen,

bald verächtlich in ein unwiderrufliches Nichts verwiesen. Es gab da

auch Augen, die auf das Antlitz nur gemalt waren, und es war fast

unmöglich, in ihnen die geringste Spur eines Innenlebens zu entdecken.

Das ist ein Antlitz, ein Antlitz . . . das ihm nicht unbekannt ist. Und

dieser Gang! Nur den Körper erkennt er nicht, der muß sich verändert

haben. Wer mag es doch sein? Der Blick des Vorübergehenden prüft ihn mit

Dringlichkeit. Er ist voll Leidenschaft und scheint eine Frage zu

enthalten. Worte stehen hinter ihm bereit. Es ist offenbar, daß man ihn

nicht wie einen Fremden anblickt. Auch er zögert vielleicht, ihn zu

erkennen. Er selbst schaut mit der ganzen Kraft, mit dem inneren Auge

seines Gedächtnisses. Wenn er sich nicht sehr eilt, wird es in wenigen

Sekunden zu spät sein. Er leidet vor Ungeduld. Aber da er nichts findet,

bleibt ihm keine andere Möglichkeit, als seinen Weg fortzusetzen. Der

Fremde ist vorübergegangen und hat nicht einmal seinen Schritt

verlangsamt. Er aber, der seinen Blick nicht von dem Manne abwenden

kann, bleibt stehen. Ohne Zweifel irre ich mich; wer könnte es denn

sein? Nun entfernt er sich, aber der Zusammenprall war so stark gewesen,

daß er noch immer sein Gedächtnis durchforscht. Einige Gesichter, auf

die er den passenden Namen finden könnte, schaltet er aus. Dieser ist es

nicht, jener auch nicht, wer denn also? Wer war dieser Mensch? Solange

er seine Persönlichkeit nicht festgestellt hat, wird ihm ein

unangenehmer Eindruck den Spaziergang verleiden. Irgendwie fühlt er, daß

es für ihn wichtig sein würde, diese Spur aufzufinden. Der Mann ist

jetzt in der Menge verschwunden. Vielleicht könnte er ihn noch laufend

erreichen, unwillkürlich beugt sich sein Körper vor. Er wird immer

ungeduldiger, und sein Gesicht verändert sich. Wer ist es, wer mag es

nur sein? Es ist ihm unmöglich, sich zu erinnern. Er forscht in die

Vergangenheit, von dem nicht geklärten Wunsche beeinflußt, diesen Mann

wiederzusehen. Wie er so seine Nachforschungen pflegt, fühlt er, daß es

»brandelt«. Er muß sehr weit in seinem Leben zurücksuchen, und plötzlich

ist kein Zweifel mehr, er fühlt in sich einen starken Chok, und er

erkennt endlich den, der eben an ihm vorübergestreift ist. Er hat sich

allerdings verändert. Aber ein Irrtum ist ausgeschlossen, er war es

sicher. Daß er ihn hat vorübergehen lassen! Einen seiner liebsten

Menschen, der einmal sein täglicher Vertrauter gewesen war. Er eilt

seiner Spur nach, stößt an jedermann an, aber die Menge ist plötzlich

feindlich geworden und richtet sich hart vor ihm auf. Hat er denn mehr

Eile als die andern? Nun sitzt er ganz fest in einem Knäuel von Leuten.

Er will sie abschütteln, heimst aber nur ärgerliche Bemerkungen ein. Da

er einen Streit voraussieht, schweigt er. Schließlich entkommt er, und

es gelingt ihm, sich durch die Gruppen durchzudrängen. Die Hoffnung, den

Mann noch zu entdecken, erscheint ihm plötzlich so märchenhaft, daß er

die Suche aufgibt. Wie sollte er ihn in dieser zahllosen Menge wieder

auffinden? Eine leichte Trauer befällt ihn, wie Ermattung. Er ist es

müde, zwischen den Leuten so hinzugeben, er möchte sich auf eine Bank

fallen lassen und lange nachdenken.

So nahe ist er an mir vorübergegangen, daß ich ihn hätte berühren

können! Wird er ihn jemals wiedersehen? Schmerzliche Umstände hatten

diesen Freund seinerzeit gezwungen, auszuwandern. Er erinnerte sich des

Abends, wo er fortgegangen. Viele Menschen waren auf dem Bahnhof

gewesen. Während die Abteiltüren zuklappten und die Angestellten hin und

her liefen, hatten sie einander umarmt, dann war der Zug abgefahren.

Einige Monate hindurch hatten sie einander geschrieben, dann waren sie

beide lange ohne Nachricht gewesen, bis eines Tages ein Brief

unbeantwortet geblieben, und da der letzte Verbindungsfaden auf diese

Art zerriß, war einer für den andern nicht mehr gewesen als eine

Erinnerung, die auf einer stummen Insel hinstarb. Jahre waren darüber

hinweggegangen.

Und doch, welchen Kummer hatte er zur Zeit jener Trennung empfunden. Die

neuen Freundschaften hatten ihn nicht hindern können, oft an den zu

denken, der ihm verloren war. Im Geheimen seines Herzens bewahrte er ihm

eine von Schwermut genährte Zärtlichkeit. Sie hatten den gleichen

Enthusiasmus gefühlt, sie hatten wie Brüder gelebt, während einiger Zeit

dieselbe Wohnung geteilt. Und heute hatten sie sich nicht wiedererkannt.

Wo würde er ihn wiedersehen können? An welche Tür sollte er pochen? Er

kannte weder seine Familie noch irgendeine seiner Beziehungen. Er sah

keinerlei Ort, wo er ihm begegnen könnte. Niemand konnte ihm helfen,

seine Spur zu verfolgen. Und dabei hatten seine Augen auf ihm geruht.

Diesen Mann wiederzufinden, koste es was immer, war ihm die wichtigste

und dringendste Sorge geworden. Aber wie, wie nur? Er wird ihn nicht

wiedersehen. Das ist ganz sicher. Und dieser Gedanke war ihm

unerträglich.

Die Menschen fluteten noch immer vorbei. Aber ganz in seine Gedanken

verloren, sah er sie nicht mehr. Ja, die Berührung mit dieser Masse war

ihm sogar unangenehm. Er bog um eine Ecke und schlug die Richtung nach

seiner Wohnung ein. Mit gesenktem Kopf und unzufrieden mit sich selbst,

schritt er hin. Wie konnte er auf den Zufall hoffen, ihm wieder zu

begegnen? Sein früheres Leben erschien ihm wieder, kalt und wie dem

Geschmack der erloschenen Zigarre vermengt, an der er zerstreut kaute.

Sein Herz empörte sich.

Er erblickte den Mann wieder, wie er an ihm vorübergekommen war. Ganz

deutlich sah er sein Gesicht, seine Krawatte und die Art, wie er ihn

angeblickt hatte. Ein Staunen begann sich in ihm zu regen. Seltsam, er

selbst hatte sich kaum im Lauf dieser Jahre verändert. Darüber waren

alle Leute einig, und seine Porträts bewiesen es. Hatte sein alter

Freund ihn wirklich nicht wiedererkannt? Ein Zweifel, der sich mehr und

mehr bestärkte, setzte sich in ihm fest. Aber ja, ganz sicher hatte er

mich erkannt. Ich sehe ja noch das Erstaunen in seinem Blick, aber ohne

mit mir zu sprechen, ist er vorübergegangen. Er hat mich erkannt, aber

mit Gleichgültigkeit, das ist die Wahrheit. Ob er denn auch in meinem

Zögern die Absicht vermutet hat, ihn nicht erkennen zu wollen? Immerhin

hätte ihn die Freude unserer Begegnung in meine Arme drängen müssen. Er

hat Zeit gehabt, zu überlegen, aber er hat die Sachlage ganz kalt

beurteilt. Er hat sich vielleicht gesagt: die zehn Jahre haben aus

diesem früheren Freund einen Fremden gemacht, den ich nicht mehr

anzusprechen wage. Was für ein Mensch mag er geworden sein? Welche

Sorgen beschäftigen, was für Ziele locken ihn? Ich selbst habe ja nicht

mehr die Wünsche von damals, und ich lächle, wenn ich an die Ideen

denke, die ich früher verteidigte. Ich habe mich sehr verändert. Und er?

Wenn er derselbe geblieben ist wie vor zehn Jahren, haben wir nichts

Gemeinsames mehr. Und wenn er sich so sehr verändert hat, daß er ein

ganz neuer Mensch geworden ist, ist er auch nur mehr ein Fremder für

mich.

Er ist vorübergegangen, ohne stehen zu bleiben. Ohne Freude hat er mich

wiedergesehen. Zweifellos hätte er mich angesprochen, aber meine Haltung

entmutigte ihn. Er hat wohl einen Augenblick des peinlichsten Zögerns

gehabt, als sich sein Schritt dem meinen näherte. Sollte er mich

ansprechen, sollte er sich den Anschein geben, mich nicht zu erkennen?

Er hat vielleicht meine Augen gierig belauert. Zwei Ströme haben sich

berührt, ohne ihre Wasser zu vermengen. Zwei lebendige Menschen haben

sich angeblickt, und jeder von ihnen hatte hinter sich einen toten Mann.

Wie zwei Phantome haben sie sich einander genähert, um sich dann wieder

in ihrer Nacht zu verlieren.

O Trauer, Trauer! Du alter Freund, der du, mich erkennend, nicht

gedrängt warst, deinen Arm um den meinen zu schlingen, nie wirst du die

Bitternis ahnen, die dein Vorübergehen in mir zurückgelassen hat. Und

dennoch hätten wir vielleicht nicht lange gebraucht, um wieder die alten

Gefährten von einst zu werden! Mit einigen guten Gesprächen und

gegenseitigen Retouchen hätten unsere Seelen sich wieder gefunden. Du

hast es nicht gewollt. Und diese Gewißheit ist mir jetzt so eingeprägt,

daß vielleicht ich jetzt derjenige sein werde, der als erster den Blick

senken würde, um dich nicht zu sehen, wenn ich dir an einem der nächsten

Tage begegnen würde.

Als er die Straße erreichte, in der er wohnte, kehrte er nochmals um, um

den Augenblick, wo er sich in seinem Zimmer mit seiner Traurigkeit

allein befinden würde, hinauszuschieben. Er schlenderte noch einige Zeit

in der Gegend seines Hauses umher, dann kam ihn die Lust an, alte Briefe

zu lesen, gewisse Reliquien hervorzunehmen, die er fromm bewahrte.

Er schritt über die Schwelle seiner Wohnung mit der Absicht, demjenigen

seinen einsamen Abend zu widmen, der beladen mit einem früheren Leben

aus dem Vergessen und dem All herausgetreten war und sich dies eine Mal

sogleich wieder, diesmal aber wohl für immer, darin verloren hatte.

Das Gemeinsame · 第 10 / 15 题