ÜBER DEN TOD EINES KINDES

Ein großer Schrei erschreckte das Kind inmitten seiner Träume. Es

horcht. Nichts . . . Dämmerung und Stille und der Pulsschlag der Uhr.

Wie spät kann es sein? Zwei Uhr? Drei Uhr? Es hört im Nachbarzimmer

umhergehen und denkt an seinen kranken Bruder, der seit acht Tagen dort

liegt, denkt an das unterbrochene Spielen, an das veränderte Leben im

Haus.

»O, mein Gott! Ich flehe zu dir, nicht dies! Nur dies nicht!« Er erkennt

die Stimme seiner Mutter, aber ihr verzweifelter Ausdruck erschreckt

ihn. Was ist geschehen? Von Angst durchschauert springt er aus seinem

Bett. Er horcht, das Ohr an die Mauer gepreßt. Nichts mehr? Sein Auge

gewöhnt sich an die Dunkelheit, er erkennt die Dinge. Er geht ans

Fenster und hebt den Vorhang. Es sind einige Sterne am Himmel, und die

wandernden Wolken verbergen sie für Augenblicke. Grau ist die

Landschaft. Alle Gärten schlafen. Der weiche, leise Wind wiegt die

entblätterten Bäume.

Ihn friert, er kehrt ins Bett zurück, bleibt aber aufrecht sitzen, weil

er jenseits der Wand Wimmern und Schluchzen hört. Das Geräusch eines

fallenden Stuhls und das Öffnen einer Tür läßt sein Herz sehr rasch

schlagen; die Klinke bewegt sich, die Tür seines Zimmers öffnet sich nun

auch. Seine Mutter erscheint. Sie nimmt ihn in ihre Arme und drückt ihn

fest an sich. »Mein Kleiner! Mein Kleiner!« Dann hüllt sie ihn in einen

Schal und trägt ihn ins andere Zimmer. Das Kind versucht zu sehen. Das

Lampenlicht schmerzt ihn in den Augen. Von Schluchzen durch und durch

geschüttelt, neigt ihn seine Mutter seinem Bruder zu, dessen Augen

blicklos geworden sind. Ein rasches Röcheln kommt aus seinem

halbgeöffneten Mund: »Küß ihn, und sag ihm adieu; er geht von uns, du

wirst ihn nicht mehr sehen.« Das Kind bricht in Schluchzen aus und weint

so, wie es noch nie geweint hat. Ohne viel zu begreifen, schreit es aus

Angst, indem es bald seine im Schmerz gebrochene Mutter, bald den im

Bett hingestreckten Körper, dessen aufgequollener Leib die Decke wölbt,

anblickt.

* * * * *

Bleich färben sich die Fensterscheiben. Nachdem er im Fauteuil

geschlafen hat, öffnet er plötzlich die Augen. Wo ist seine Mutter? Hat

sie ihn mit dem Toten allein gelassen? Das Kind hat solche Angst, daß es

sich keine Bewegung zu machen getraut. Es könnte ihn sehen, wenn es ein

wenig den Kopf wendete, aber dieser bloße Gedanke erfüllt es mit Furcht.

Eine Kerze, deren unbewegliche Flamme wie der Stahl einer Lanze aufragt,

vergoldet das Antlitz des Leichnams. Er schaut auf das Fenster, der Ast

eines Kastanienbaumes bewegt sich vor den Scheiben. Alle Menschen

schlafen noch, und kein Geräusch kommt aus dem Hause. Er hört auf das

Zinkdach Tropfen fallen. Der Regen beginnt von neuem. Seit acht Tagen

hat er kaum aufgehört. Gestern hat seine Mutter gesagt: »Wir haben einen

verregneten März.« Sie hat es gestern gesagt, und es ist ihm, als wäre

es lange schon her, daß er diese Worte gehört. Diese Nacht, in der er

mit offenen Augen denkt, ist nicht wirklich wie andere Nächte. Sie ist

einzig in seinem Kinderleben. Jäh ist er erwacht, die Nacht hatte keinen

Anfang und kein Ende.

Das Kind horcht in die Stille; es ist ihm, als werde es sowohl vermöge

seiner Augen als seiner Ohren durch ein Raunen von Erinnerungen

überflutet. Dann läßt es seine Blicke schweifen. Der Schatten, der die

Winkel des Plafonds einhüllt und sich unter den Möbeln anhäuft, ist

nicht von dieser Art Schatten, die es bisher gekannt hat. Er weiß von

allerlei, vergrößert die Stille, lebt sein Leben. Es ist, als ob die

Dinge mit Gewalt ruhig gehalten würden, sie scheinen von einer innern

Kraft besessen, die sie verzerrt. Der Regen fällt zur Erde, und die

Nacht blaut mehr und mehr. Das Kind hört Pfiffe und fernes Rollen. Was

werden die andern zu dieser Nachricht sagen? Die in der Schule? Wie man

ihn ansehen wird! Auf der Stiege hat man eine Tür geschlossen; mit aller

Kraft horcht er hin. Wo ist denn seine Mutter? Wird sie nicht kommen,

ihn zu befreien? Oh, wie würde er aufatmen, wenn er plötzlich an die

Eingangstür gelangen könnte! Aber da müßte er sich bewegen, Lärm machen,

Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er müßte das ganze Zimmer

durchschreiten, dann noch das unbeleuchtete Speisezimmer, und »er« würde

hinter seinem Rücken sein. Er könnte sich vielleicht an ein Möbel

stoßen, weiße Gestalten in der Küche erblicken. Wenn er da blieb,

beherrschte er sie, beobachtete sie, ohne sich den Anschein zu geben.

Wenn er aufstünde, würde nicht der Bann gebrochen werden und er in seine

Macht fallen?

So denkt er eifrig, ohne sich zu regen. Allmählich nimmt ihn wieder der

Schlummer gefangen. Sein Bewußtsein geht leise unter zwischen

Erinnerungsbildern aus der Geschichtsstunde. Doch, o welche

Erleichterung, er hört einen Schlüssel umdrehen. Stimmen, Schritte.

Seine Mutter ist es mit Leuten . . .

* * * * *

Es ist nicht spät, sieben oder acht Uhr vielleicht. Den ganzen Tag über

ist es dunkel gewesen, und nun ist schon völlig Nacht. Zerstreut hüpft

das Kind über die Stufen und ist, über das Gitter sich vorbeugend, an

das Ende der Treppe gelangt, die von Wasser und Kot beschmutzt ist. An

der Loge des Hausmeisters ist es auf den Knien vorbeigerutscht, um nicht

gesehen zu werden, dann war es laufend auf die Straße gelangt.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die feuchte, duftbeladene Luft führt die

Botschaft entfernter Wälder mit sich. Ein mäßiger Wind bewegt zuweilen

die Gasflammen und gibt dem Dunkel der Straße Leben. Die Lichter des

großen Krämerladens leuchten in allen Wasserlachen. Das Kind gelangt auf

den verlassenen Boulevard, der es anzieht und ihm zugleich Furcht

einflößt. Bei jedem Windstoß vermengen sich die langen Schatten und

beschreiben große Gebärden. Das Kind wagt nicht auf dem Fußsteig zu

gehen, wo der Efeu des Gitters allzu geheimnisvoll Park und Garten

verbirgt. Es schreitet auf der kotigen Straße und wendet sich

unaufhörlich um. Der schwarze und blaue Himmel ist in dunkle Inseln

zerrissen und düster gleich einem großen Moorland. Die Luft ist lau wie

menschlicher Atem. Ein leiser Brodem steigt von der Erde auf. Jenseits

des Schmutzes und der Öde des Jahres ist der Frühling schon in Humus und

heißer Fäulnis bereit. Das Fieber der Säfte teilt sich dem weiten Raum

mit, irrende Winde, die schon grünende Wiesen durchquert haben, flechten

sich um die feuchten Stämme der Bäume. Die Landschaft ist noch wie eine

alte Frau in Lumpen, aber unter dem Boden lächeln bereits Gesichter mit

geschlossenen Augen; bald werden tausend Stimmen am Saum der Erde

hinsummen, ungezählte Augen im Grase sich öffnen. Die Sonne wird die

Erde zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben, Pflanzen werden wie

Geständnisse aufsprießen und gleich großen Worten hervorstrahlen. Das

Kind geht nun an dem schönsten Besitz des Boulevards entlang. Es bleibt

stehen, um durch den kleinen freien Raum, wo das Gitter sich an die

Mauer schließt, in den Park des Kommandanten zu blicken. Es sieht in

unerklärliche Verwirrung, in die mit faulem Laub bedeckten Alleen, den

Weg zum Haus, wo die Erde gelblich leuchtet, und das Wasserbassin, in

dem sich der Mond und die Wolken spiegeln. Sicherlich ist das Gehölz

voll toter Vögel, es weiß bestimmt, daß die Kinder mit ihren bebänderten

Kinderfrauen niemals mehr auf dem Rasen spielen und umherspringen

werden. Es sieht auf die beiden Löwen aus Stein, die die Pfeiler des

Eingangstores zieren. Vor kurzem hat er mit seinem Bruder Schneeballen

auf sie geworfen. Das wird er nie mehr tun. Wenn man einen Bruder hat,

der gestorben ist, darf und kann man nicht mehr dergleichen tun.

Plötzlich fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht sucht. »O Mütterchen,

ich sehe dich in deine Hände weinen.« Er sagt sich, daß er heimkehren

muß. »Ich werde den Weg nehmen, den ich so gerne gehe.« Da ist das

Waisenhaus, seine fahlen Säulen sehen durch das Gitter, Goldlettern

leuchten im Dunkeln. Eine Glocke läßt Tropfen klingender Töne fallen,

die der Wind der Nacht vermengt. Hier ist das Kloster zur Heimsuchung

Mariä. Als er einmal mit seinem Bruder aus der Schule kam, hat hier aus

diesem vergitterten Fenster eine sehr schöne Dame in Trauer mit ihnen

gesprochen. Sie hatte gefragt, ob sie Zwillinge wären und ob sie ihre

Mutter auch recht liebten. Er, der Kühnere, hatte geantwortet, den Blick

gesenkt; denn diese Dame war nicht so wie andere. Hier ist das

Türschild, auf das sie auch Schneehallen geworfen hatten. Eine andere

Glocke tönt. Er erkennt sie; es ist die des Klosters der englischen

Fräuleins. Dann begannen andere Glocken, alle Klöster des Neullyer Parks

läuten zum Segen.

Das Kind ist am Rand des Baches stehen geblieben, der sein Schmutzwasser

dem Kanal entgegenführt, in den es mit dem zauberhaften Klang reiner

Quellen abstürzt. Er geht jetzt rasch. Auf den Bänken blicken ihn

Erinnerungen an.

Dort am Ende der Straße, durch diese Lichtung, dem Himmelstor, wird er

eines Tages wie ein Engel davonfliegen. Er weiß sehr gut, daß sich

später _etwas_ ereignen wird.

Er ist bereit und wird nicht zittern, wenn man ihm sagen wird, daß die

Stunde geschlagen hat. Die Hände wird er falten und sich in die Wolken

erheben. Seine Mutter wird auf der Erde knien und vor Stolz weinen. Er

hebt den Kopf und geht festen Schrittes: »Gallien, Carolus Magnus, die

alten Reiche Neustra und Australia.« Wenn plötzlich dort aus dem Dunkel

ein Auerochs spränge, würde er auf einen Baum steigen und ins Hifthorn

blasen, die Gefährten herbeizurufen, die in den Wäldern umherjagen.

* * * * *

Die arme Mutter geht aus einem Zimmer ins andere und hört nicht auf zu

weinen. Sie läßt sich in einen Sessel fallen und weint, weint!

»Viel Kummer hatte ich und kannte manche traurige Stunde, aber ich

vergaß alle Kümmernis, wenn ich in das lächelnde Antlitz meiner Kinder

sah. Dieser Gewohnheit habe ich mich hingegeben. Ich war ganz Vertrauen.

Niemals habe ich an die Möglichkeit eines solchen Erwachens gedacht. Wie

sorglos war ich und wie schuldig fühle ich mich. Der Arzt, der mein

armes Kind behandelt hat, ist ein Dummkopf. Man hätte es retten können.

Der Kleine von Benoit hat dieselbe Krankheit gehabt, und man hat ihn

geheilt. Ich hätte mich wehren sollen.

Meine Lebenskraft ist erstarrt, und meine Augen haben sich in mein

Innerstes gewendet. Ich hatte die Wunder vergessen, und nun bin ich wie

einer, der tastend in der Nacht in einem großen fremden Hause

umhersucht, in dem niemand ist. Nein, mein Gott, das ist nicht der

gewohnte Gang der Dinge; es durfte nicht vor mir dahingehen. Mein Gott!

Mein Gott! Warum hast du mir mein Kind genommen? Es scheint, daß sich

ein fremdes Leben dem meinen zugesellt hat. Wenn ich an mich denke, so

ist es nicht wie früher. Viele Dinge, die ich vergessen hatte, kommen

mir fast täglich ins Gedächtnis. Ich sehe die Pension, in der ich die

schönen Jahre meiner Jugend verbrachte, mein Zopf fliegt mir auf dem

Rücken. Ich hatte seit meiner Verheiratung keine Erinnerungen mehr. Ich

habe diesen Mann geheiratet, ohne ihn recht zu kennen. Er ist fort. Er

hat mich mit seinen beiden Kindern verlassen. Wird er wenigstens zum

Begräbnis kommen? Tot ist mein kleines Kind, tot. Ist es denn möglich?

Einmal, ich war gerade nervös, da hab ich ihm einen Schlag gegeben, und

es hat lange geweint. Seine Verzweiflung war darüber so groß, daß ich

darob ganz bestürzt war. Ich habe es nicht genug umarmt und an mein Herz

gedrückt.

Niemals werde ich mehr glücklich sein. Nur mit Mühe kann ich meine

Gedanken sammeln. Wo ist es jetzt? Gibt es etwas nach dem Tode? Ja oder

nein? Wie traurig wäre es, wenn es nichts gäbe. Die Welt ist so groß,

daß sie mir Furcht einflößt. Hier in der Nähe sind Bäume, die sich

bewegen, und gleichzeitig sind, sehr weit in den Tiefen des Meeres,

Ungeheuer, die sich geräuschlos durch die gelben Algen schlängeln. Hier

ist ein Kind gestorben und drei Häuser weiter eines geboren. Wer kümmert

sich um meinen Schmerz, und was bedeutet er in dieser großen Welt? Wie

doch alles dunkel und schwierig ist! Ich bemühe mich zu verstehen, in

mich aufzunehmen; ich beuge mich in Demut, aber mein Kopf ist zu

schwach, daß ich verstehen könnte. Weinen ist leichter, o weinen! Nur

weinen kann ich. Unerschöpflicher Kummer! Kummer, der du mit vollen

Eimern aus allen Brunnen des Lebens steigst.

Ich kann dem Schlaf, der mich hindern wird, an ihn zu denken, nicht mehr

widerstehen. Mehrere Nächte habe ich fast nicht mehr geschlafen. Ich

darf mich nicht mehr unterwerfen. Ich habe noch ein zweites Kind

aufzuziehen. Was täte es ohne mich? Oh, wie bin ich doch müde!

Wie lange habe ich doch geschlafen? Ich werde mir ein wenig Kaffee, sehr

starken Kaffee machen, und dann werde ich die ganze Nacht bei ihm Wache

halten können. Frau Benoit wird dann gleich kommen. Es ist nicht gerade

warm. Ich glaube, das Feuer geht aus. Nun ist es schon einen Tag her,

daß es gestorben ist! Ich kann mich nicht besinnen, wohin ich das Paket

Kerzen gelegt habe, das ich gestern gekauft habe. Ich werde noch eines

kaufen müssen. Ich weiß nicht mehr, was ich tue. Ich würde ein wenig

lüften, um frische Luft einzulassen, aber mir ist, als könnte es mir die

Nacht entführen, und es stürbe noch mehr. Seine Nase wird spitzer. O

Entsetzen, mein Kind, mein Kindchen! Was suchen wir hier auf Erden? Was

tu ich hier, worauf warte ich? Wie können wir in dieser Wohnung leben,

mit dieser Gewißheit über uns? Und doch, es gibt in diesem Augenblick

Gegenden, wo die Leute jetzt lustig sind und singen. Es gibt welche, die

sich verheiraten, und manche bauen sich eben Häuser. Einige spielen

Karten, und andere schreiben ihr Testament.

Ich glaube, das Wasser kocht, ich höre die Pfanne singen. Wohin habe ich

denn nur die Kaffeebüchse gestellt? Mein Kopf versagt. Ah, da ist sie!

Bei allem, was ich sehe, höre oder berühre, finde ich seine Gegenwart

wieder. Jedes Ding ruft mir wieder eine seiner Gesten wach, eine seiner

Mienen. Warum hast du, o Gott, den man den Allgütigen nennt, mir ihn

gegeben, um ihn mir so rasch wieder zu nehmen? Diese Treppe, die ich

tagtäglich mehrmals herunterging, ohne nur an sie zu denken, die ich mit

geschlossenen Augen hätte hinaufsteigen können, ist mir vorhin wie ohne

Rampe erschienen, und mein Fuß hat eine Stufe verfehlt.

Nichts ist mehr auf seinem Platz, und jedes Ding hat eine neue Bedeutung

für mich. Ich bin ganz von meinem Schmerz umschlossen, ich bin nur

Schmerz. Die Welt dehnt sich um mich her, und ich fühle sie wie einen

Ozean von Gleichgültigkeit um meine kleine Trauerinsel.

Ich kann mich nicht sattsam genug der Stille anvertrauen.

Ich verliere mich in den Tiefen, und alles erschreckt mich. Jedesmal,

wenn ich die Augen hebe, trägt mir die Mauer, die Decke, der Rücken des

Fauteuils, gleich dem Schweißtuch der Veronika, sein Antlitz zu. Das

Licht meiner Lampe ist nicht das gleiche mehr. Etwas ist in ihre Flamme

übergegangen und ist darin geblieben. Auf dem Parkettboden ist ein

dunkles Feld, das an eine lichtere Zone stößt und unter dem Bett so

schrecklich wird, daß meine Augen, wenn ich daran denke, ihm nicht zu

begegnen trauen.

Teurer Kleiner! Ich werde nicht mehr für dich zu sorgen haben. Ich werde

nicht mehr die tausend Fragen hören, die er an mich richtete, wenn ich

ihn des Morgens anzog. Seine kleinen Hände werden mein Antlitz nicht

mehr liebkosen. Er nannte mich »Mutter«. Er schlang die Arme um meinen

Hals und sagte mir ins Ohr: Mutter! Du bist mein kleines Mutti, du. Und

nun liegt er so da.

Noch ist er da und ist nicht mehr da. Es scheint, daß er seinen Leib für

einige Zeit verlassen hat und wiederkommen wird. Er sieht sich nicht

mehr ähnlich. Er hat das Lächeln, wie man es auf den Malereien der

Museen sieht. Morgen werde ich sagen müssen: Zur Zeit, als mein kleiner

Raymond lebte . . . Als ich noch meine beiden Kinder hatte . . . Der,

der gestorben ist!

Es ist ein Datum mehr in meinem Leben. Wie er so auf dem Rücken daliegt,

scheint es, als würde er wie ein Boot, mit seinen Rudern von der Flut

getrieben, hinweggleiten.

Wenn ich auf der Straße stehen blieb, um den Leichenzug eines prächtigen

Begräbnisses zu betrachten, dachte ich nicht, daß ich eines Tages den

ersten Platz hinter dem traurigen Karren einnehmen würde.

Morgen werde ich hinter ihm in die Kirche eintreten. Die Kerzen werden

durch die Schleier der Weihrauchdämpfe erstrahlen, und die große Stimme

der Orgel wird seinen Einzug in das Reich Gottes verkünden. O Kleiner,

mein Kleiner!

Wie ist doch das Schweigen, das von dir aufsteigt, beredt. Ein Schweigen

der ganzen Menschheit, die mit all ihren Königen und all den lauten

Begebnissen wie unterirdisch sich hindehnt.

Mein Gott, antworte mir, wo bist du? Ich stehe vor dir demütig in

gläubigem Eifer, bereit, dein strengstes Gesetz anzunehmen, aber gib mir

nur ein Wort, irgend etwas für meinen Schmerz, der nicht vergeblich sein

kann.«

* * * * *

Das Kind geht nicht in die Schule, und man zieht ihm tagtäglich das neue

Kleid an. Man hat den Tisch verlängert, weil sein Onkel und seine Tante

jeden Tag zum Essen da sind. Bei Tisch spricht seine Mutter nicht drei

Worte und läßt alles auf ihrem Teller stehen. Manchmal erhebt sie sich

so plötzlich und bleibt so lange im Nebenzimmer, daß seine Tante

aufsteht, um sie zu holen. Jeden Nachmittag geht er mit seinem Onkel und

seiner Tante spazieren. Alle Tage sind Sonntage geworden. Mit großer

Sanftmut spricht man zu ihm, und er wird niemals mehr ausgezankt. Zwar

ist er viel vernünftiger geworden. Die Stirn an die Scheibe gelehnt,

sieht er auf der Straße seine von der Schule heimkehrenden Kameraden. Er

fühlt, daß er von nun an ihnen sehr überlegen ist.

Er sagt zu seiner Mutter: »Ich habe seine Spielsachen genommen und mir

sein kleines Federmesser ausgeborgt. Wirklich, Mama, es ist nicht

dasselbe, selbst wenn ich sein schönes Pferd nehme, das im Wandkasten

steht, wird es nicht das gleiche sein. O Mütterchen, ich bitte dich!

Nein, nein, nicht seine Schuhe, sie gehören ihm.«

Und er sagt auch: »Wird Papa niemals wiederkommen? Warum ist er fort,

warum kommt er jetzt nicht wieder?«

Und seine Mutter antwortet ihm, daß sie einen Brief erhalten habe. Sein

Vater sei weit, sehr weit am anderen Ufer des Meeres. Vielleicht wird er

eines Tages wiederkommen . . .

Der Vater kam eines Abends, viele Tage nach dem Ereignis. Das Kind

schlummerte eben in seinem kleinen Bettchen ein, und seine Mutter saß

neben ihm. Beide hörten einen Schritt auf der Stiege und sahen einander

an. »Horch, Mütterchen,« und sie antwortete: »Ja, gewiß, er ist es!«

Der Schritt hielt vor der Tür an. Er war es!

Die Mutter sagte zu ihrem kleinen Jungen, indem sie einen Finger auf den

Mund legte: »Rühr dich nicht, ich werde gleich wiederkommen.« Sie trug

die Lampe weg und schloß die Tür seines Zimmers.

* * * * *

Der verlassenen Gattin ward das Dunkel, aus dem sie ihre Träume

schöpfte, plötzlich wahrnehmbar, und ein Antlitz erschien in ihm. Der

Mann trat ein, alle Stille lastete nun auf ihm. Das traumhafte Schweigen

der Gegenstände wurde nun augenblicklich unterbrochen. Dann setzte es

wieder ein, als fliehe es den Tiefen zu.

Die Lampe, die vor einem Bilde des Gekreuzigten mit seinem geöffneten

Herzen flammte, verbreitete den Schein alten Elfenbeins, und er senkte

den Kopf und sagte nicht ein Wort, überließ dem Pendel der Uhr die

Unterhaltung. Die schweren Fenstervorhänge mit den tiefen Schatten waren

wie das weit geöffnete Memorial ihres Lebens. Der Zweig eines

Buchsbaumes schien sich über das Bild zu neigen, und es war als regte

sich die Ewigkeit in seinen Blättern. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür

durch den Wind geschüttelt, und das Fenster krachte.

Sie hielten den Kopf geneigt, denn ihre Blicke konnten das Schwere, das

aus ihrer Seele kam, nicht emporheben.

Da plötzlich fesselte ein Gegenstand ihre Augen. Ein Leuchter aus

Kupfer, der auf dem Tisch stand, nahm eine seltsame Bedeutung an. Sie

schienen mit Aufmerksamkeit den Konturen und Verzweigungen zu folgen,

und sie gewöhnten so ihren Blick, sich anderswo als in ihren Augen zu

begegnen.

Und ihre Blicke stiegen zusammen längs des Leuchters auf, blieben einen

Augenblick an seiner Spitze unbeweglich, dann, als ihre Gesichter sich

zueinander aufhoben, verschmolz ihr Blick . . .

Im Nebenzimmer zitterte das Kind vor Unruhe. Mit weit geöffneten Augen

versuchte es das Mysterium der Dunkelheit zu durchdringen.

Was ging hier nebenan vor? Es hörte nichts. Sein Vater war

zurückgekehrt. Bedeutet das Glück? Unglück? Auf den Fußspitzen näherte

es sich der Tür und floh, als es Geräusch hörte.

Seine Eltern betraten das Zimmer. Sein Vater hob es von der Erde auf und

drückte es so stark gegen seine Brust, daß das Kind sein Herz gegen das

seine schlagen fühlte.

Das Gemeinsame · 第 9 / 15 题