Ein großer Schrei erschreckte das Kind inmitten seiner Träume. Es
horcht. Nichts . . . Dämmerung und Stille und der Pulsschlag der Uhr.
Wie spät kann es sein? Zwei Uhr? Drei Uhr? Es hört im Nachbarzimmer
umhergehen und denkt an seinen kranken Bruder, der seit acht Tagen dort
liegt, denkt an das unterbrochene Spielen, an das veränderte Leben im
Haus.
»O, mein Gott! Ich flehe zu dir, nicht dies! Nur dies nicht!« Er erkennt
die Stimme seiner Mutter, aber ihr verzweifelter Ausdruck erschreckt
ihn. Was ist geschehen? Von Angst durchschauert springt er aus seinem
Bett. Er horcht, das Ohr an die Mauer gepreßt. Nichts mehr? Sein Auge
gewöhnt sich an die Dunkelheit, er erkennt die Dinge. Er geht ans
Fenster und hebt den Vorhang. Es sind einige Sterne am Himmel, und die
wandernden Wolken verbergen sie für Augenblicke. Grau ist die
Landschaft. Alle Gärten schlafen. Der weiche, leise Wind wiegt die
entblätterten Bäume.
Ihn friert, er kehrt ins Bett zurück, bleibt aber aufrecht sitzen, weil
er jenseits der Wand Wimmern und Schluchzen hört. Das Geräusch eines
fallenden Stuhls und das Öffnen einer Tür läßt sein Herz sehr rasch
schlagen; die Klinke bewegt sich, die Tür seines Zimmers öffnet sich nun
auch. Seine Mutter erscheint. Sie nimmt ihn in ihre Arme und drückt ihn
fest an sich. »Mein Kleiner! Mein Kleiner!« Dann hüllt sie ihn in einen
Schal und trägt ihn ins andere Zimmer. Das Kind versucht zu sehen. Das
Lampenlicht schmerzt ihn in den Augen. Von Schluchzen durch und durch
geschüttelt, neigt ihn seine Mutter seinem Bruder zu, dessen Augen
blicklos geworden sind. Ein rasches Röcheln kommt aus seinem
halbgeöffneten Mund: »Küß ihn, und sag ihm adieu; er geht von uns, du
wirst ihn nicht mehr sehen.« Das Kind bricht in Schluchzen aus und weint
so, wie es noch nie geweint hat. Ohne viel zu begreifen, schreit es aus
Angst, indem es bald seine im Schmerz gebrochene Mutter, bald den im
Bett hingestreckten Körper, dessen aufgequollener Leib die Decke wölbt,
anblickt.
* * * * *
Bleich färben sich die Fensterscheiben. Nachdem er im Fauteuil
geschlafen hat, öffnet er plötzlich die Augen. Wo ist seine Mutter? Hat
sie ihn mit dem Toten allein gelassen? Das Kind hat solche Angst, daß es
sich keine Bewegung zu machen getraut. Es könnte ihn sehen, wenn es ein
wenig den Kopf wendete, aber dieser bloße Gedanke erfüllt es mit Furcht.
Eine Kerze, deren unbewegliche Flamme wie der Stahl einer Lanze aufragt,
vergoldet das Antlitz des Leichnams. Er schaut auf das Fenster, der Ast
eines Kastanienbaumes bewegt sich vor den Scheiben. Alle Menschen
schlafen noch, und kein Geräusch kommt aus dem Hause. Er hört auf das
Zinkdach Tropfen fallen. Der Regen beginnt von neuem. Seit acht Tagen
hat er kaum aufgehört. Gestern hat seine Mutter gesagt: »Wir haben einen
verregneten März.« Sie hat es gestern gesagt, und es ist ihm, als wäre
es lange schon her, daß er diese Worte gehört. Diese Nacht, in der er
mit offenen Augen denkt, ist nicht wirklich wie andere Nächte. Sie ist
einzig in seinem Kinderleben. Jäh ist er erwacht, die Nacht hatte keinen
Anfang und kein Ende.
Das Kind horcht in die Stille; es ist ihm, als werde es sowohl vermöge
seiner Augen als seiner Ohren durch ein Raunen von Erinnerungen
überflutet. Dann läßt es seine Blicke schweifen. Der Schatten, der die
Winkel des Plafonds einhüllt und sich unter den Möbeln anhäuft, ist
nicht von dieser Art Schatten, die es bisher gekannt hat. Er weiß von
allerlei, vergrößert die Stille, lebt sein Leben. Es ist, als ob die
Dinge mit Gewalt ruhig gehalten würden, sie scheinen von einer innern
Kraft besessen, die sie verzerrt. Der Regen fällt zur Erde, und die
Nacht blaut mehr und mehr. Das Kind hört Pfiffe und fernes Rollen. Was
werden die andern zu dieser Nachricht sagen? Die in der Schule? Wie man
ihn ansehen wird! Auf der Stiege hat man eine Tür geschlossen; mit aller
Kraft horcht er hin. Wo ist denn seine Mutter? Wird sie nicht kommen,
ihn zu befreien? Oh, wie würde er aufatmen, wenn er plötzlich an die
Eingangstür gelangen könnte! Aber da müßte er sich bewegen, Lärm machen,
Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er müßte das ganze Zimmer
durchschreiten, dann noch das unbeleuchtete Speisezimmer, und »er« würde
hinter seinem Rücken sein. Er könnte sich vielleicht an ein Möbel
stoßen, weiße Gestalten in der Küche erblicken. Wenn er da blieb,
beherrschte er sie, beobachtete sie, ohne sich den Anschein zu geben.
Wenn er aufstünde, würde nicht der Bann gebrochen werden und er in seine
Macht fallen?
So denkt er eifrig, ohne sich zu regen. Allmählich nimmt ihn wieder der
Schlummer gefangen. Sein Bewußtsein geht leise unter zwischen
Erinnerungsbildern aus der Geschichtsstunde. Doch, o welche
Erleichterung, er hört einen Schlüssel umdrehen. Stimmen, Schritte.
Seine Mutter ist es mit Leuten . . .
* * * * *
Es ist nicht spät, sieben oder acht Uhr vielleicht. Den ganzen Tag über
ist es dunkel gewesen, und nun ist schon völlig Nacht. Zerstreut hüpft
das Kind über die Stufen und ist, über das Gitter sich vorbeugend, an
das Ende der Treppe gelangt, die von Wasser und Kot beschmutzt ist. An
der Loge des Hausmeisters ist es auf den Knien vorbeigerutscht, um nicht
gesehen zu werden, dann war es laufend auf die Straße gelangt.
Es hatte aufgehört zu regnen. Die feuchte, duftbeladene Luft führt die
Botschaft entfernter Wälder mit sich. Ein mäßiger Wind bewegt zuweilen
die Gasflammen und gibt dem Dunkel der Straße Leben. Die Lichter des
großen Krämerladens leuchten in allen Wasserlachen. Das Kind gelangt auf
den verlassenen Boulevard, der es anzieht und ihm zugleich Furcht
einflößt. Bei jedem Windstoß vermengen sich die langen Schatten und
beschreiben große Gebärden. Das Kind wagt nicht auf dem Fußsteig zu
gehen, wo der Efeu des Gitters allzu geheimnisvoll Park und Garten
verbirgt. Es schreitet auf der kotigen Straße und wendet sich
unaufhörlich um. Der schwarze und blaue Himmel ist in dunkle Inseln
zerrissen und düster gleich einem großen Moorland. Die Luft ist lau wie
menschlicher Atem. Ein leiser Brodem steigt von der Erde auf. Jenseits
des Schmutzes und der Öde des Jahres ist der Frühling schon in Humus und
heißer Fäulnis bereit. Das Fieber der Säfte teilt sich dem weiten Raum
mit, irrende Winde, die schon grünende Wiesen durchquert haben, flechten
sich um die feuchten Stämme der Bäume. Die Landschaft ist noch wie eine
alte Frau in Lumpen, aber unter dem Boden lächeln bereits Gesichter mit
geschlossenen Augen; bald werden tausend Stimmen am Saum der Erde
hinsummen, ungezählte Augen im Grase sich öffnen. Die Sonne wird die
Erde zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben, Pflanzen werden wie
Geständnisse aufsprießen und gleich großen Worten hervorstrahlen. Das
Kind geht nun an dem schönsten Besitz des Boulevards entlang. Es bleibt
stehen, um durch den kleinen freien Raum, wo das Gitter sich an die
Mauer schließt, in den Park des Kommandanten zu blicken. Es sieht in
unerklärliche Verwirrung, in die mit faulem Laub bedeckten Alleen, den
Weg zum Haus, wo die Erde gelblich leuchtet, und das Wasserbassin, in
dem sich der Mond und die Wolken spiegeln. Sicherlich ist das Gehölz
voll toter Vögel, es weiß bestimmt, daß die Kinder mit ihren bebänderten
Kinderfrauen niemals mehr auf dem Rasen spielen und umherspringen
werden. Es sieht auf die beiden Löwen aus Stein, die die Pfeiler des
Eingangstores zieren. Vor kurzem hat er mit seinem Bruder Schneeballen
auf sie geworfen. Das wird er nie mehr tun. Wenn man einen Bruder hat,
der gestorben ist, darf und kann man nicht mehr dergleichen tun.
Plötzlich fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht sucht. »O Mütterchen,
ich sehe dich in deine Hände weinen.« Er sagt sich, daß er heimkehren
muß. »Ich werde den Weg nehmen, den ich so gerne gehe.« Da ist das
Waisenhaus, seine fahlen Säulen sehen durch das Gitter, Goldlettern
leuchten im Dunkeln. Eine Glocke läßt Tropfen klingender Töne fallen,
die der Wind der Nacht vermengt. Hier ist das Kloster zur Heimsuchung
Mariä. Als er einmal mit seinem Bruder aus der Schule kam, hat hier aus
diesem vergitterten Fenster eine sehr schöne Dame in Trauer mit ihnen
gesprochen. Sie hatte gefragt, ob sie Zwillinge wären und ob sie ihre
Mutter auch recht liebten. Er, der Kühnere, hatte geantwortet, den Blick
gesenkt; denn diese Dame war nicht so wie andere. Hier ist das
Türschild, auf das sie auch Schneehallen geworfen hatten. Eine andere
Glocke tönt. Er erkennt sie; es ist die des Klosters der englischen
Fräuleins. Dann begannen andere Glocken, alle Klöster des Neullyer Parks
läuten zum Segen.
Das Kind ist am Rand des Baches stehen geblieben, der sein Schmutzwasser
dem Kanal entgegenführt, in den es mit dem zauberhaften Klang reiner
Quellen abstürzt. Er geht jetzt rasch. Auf den Bänken blicken ihn
Erinnerungen an.
Dort am Ende der Straße, durch diese Lichtung, dem Himmelstor, wird er
eines Tages wie ein Engel davonfliegen. Er weiß sehr gut, daß sich
später _etwas_ ereignen wird.
Er ist bereit und wird nicht zittern, wenn man ihm sagen wird, daß die
Stunde geschlagen hat. Die Hände wird er falten und sich in die Wolken
erheben. Seine Mutter wird auf der Erde knien und vor Stolz weinen. Er
hebt den Kopf und geht festen Schrittes: »Gallien, Carolus Magnus, die
alten Reiche Neustra und Australia.« Wenn plötzlich dort aus dem Dunkel
ein Auerochs spränge, würde er auf einen Baum steigen und ins Hifthorn
blasen, die Gefährten herbeizurufen, die in den Wäldern umherjagen.
* * * * *
Die arme Mutter geht aus einem Zimmer ins andere und hört nicht auf zu
weinen. Sie läßt sich in einen Sessel fallen und weint, weint!
»Viel Kummer hatte ich und kannte manche traurige Stunde, aber ich
vergaß alle Kümmernis, wenn ich in das lächelnde Antlitz meiner Kinder
sah. Dieser Gewohnheit habe ich mich hingegeben. Ich war ganz Vertrauen.
Niemals habe ich an die Möglichkeit eines solchen Erwachens gedacht. Wie
sorglos war ich und wie schuldig fühle ich mich. Der Arzt, der mein
armes Kind behandelt hat, ist ein Dummkopf. Man hätte es retten können.
Der Kleine von Benoit hat dieselbe Krankheit gehabt, und man hat ihn
geheilt. Ich hätte mich wehren sollen.
Meine Lebenskraft ist erstarrt, und meine Augen haben sich in mein
Innerstes gewendet. Ich hatte die Wunder vergessen, und nun bin ich wie
einer, der tastend in der Nacht in einem großen fremden Hause
umhersucht, in dem niemand ist. Nein, mein Gott, das ist nicht der
gewohnte Gang der Dinge; es durfte nicht vor mir dahingehen. Mein Gott!
Mein Gott! Warum hast du mir mein Kind genommen? Es scheint, daß sich
ein fremdes Leben dem meinen zugesellt hat. Wenn ich an mich denke, so
ist es nicht wie früher. Viele Dinge, die ich vergessen hatte, kommen
mir fast täglich ins Gedächtnis. Ich sehe die Pension, in der ich die
schönen Jahre meiner Jugend verbrachte, mein Zopf fliegt mir auf dem
Rücken. Ich hatte seit meiner Verheiratung keine Erinnerungen mehr. Ich
habe diesen Mann geheiratet, ohne ihn recht zu kennen. Er ist fort. Er
hat mich mit seinen beiden Kindern verlassen. Wird er wenigstens zum
Begräbnis kommen? Tot ist mein kleines Kind, tot. Ist es denn möglich?
Einmal, ich war gerade nervös, da hab ich ihm einen Schlag gegeben, und
es hat lange geweint. Seine Verzweiflung war darüber so groß, daß ich
darob ganz bestürzt war. Ich habe es nicht genug umarmt und an mein Herz
gedrückt.
Niemals werde ich mehr glücklich sein. Nur mit Mühe kann ich meine
Gedanken sammeln. Wo ist es jetzt? Gibt es etwas nach dem Tode? Ja oder
nein? Wie traurig wäre es, wenn es nichts gäbe. Die Welt ist so groß,
daß sie mir Furcht einflößt. Hier in der Nähe sind Bäume, die sich
bewegen, und gleichzeitig sind, sehr weit in den Tiefen des Meeres,
Ungeheuer, die sich geräuschlos durch die gelben Algen schlängeln. Hier
ist ein Kind gestorben und drei Häuser weiter eines geboren. Wer kümmert
sich um meinen Schmerz, und was bedeutet er in dieser großen Welt? Wie
doch alles dunkel und schwierig ist! Ich bemühe mich zu verstehen, in
mich aufzunehmen; ich beuge mich in Demut, aber mein Kopf ist zu
schwach, daß ich verstehen könnte. Weinen ist leichter, o weinen! Nur
weinen kann ich. Unerschöpflicher Kummer! Kummer, der du mit vollen
Eimern aus allen Brunnen des Lebens steigst.
Ich kann dem Schlaf, der mich hindern wird, an ihn zu denken, nicht mehr
widerstehen. Mehrere Nächte habe ich fast nicht mehr geschlafen. Ich
darf mich nicht mehr unterwerfen. Ich habe noch ein zweites Kind
aufzuziehen. Was täte es ohne mich? Oh, wie bin ich doch müde!
Wie lange habe ich doch geschlafen? Ich werde mir ein wenig Kaffee, sehr
starken Kaffee machen, und dann werde ich die ganze Nacht bei ihm Wache
halten können. Frau Benoit wird dann gleich kommen. Es ist nicht gerade
warm. Ich glaube, das Feuer geht aus. Nun ist es schon einen Tag her,
daß es gestorben ist! Ich kann mich nicht besinnen, wohin ich das Paket
Kerzen gelegt habe, das ich gestern gekauft habe. Ich werde noch eines
kaufen müssen. Ich weiß nicht mehr, was ich tue. Ich würde ein wenig
lüften, um frische Luft einzulassen, aber mir ist, als könnte es mir die
Nacht entführen, und es stürbe noch mehr. Seine Nase wird spitzer. O
Entsetzen, mein Kind, mein Kindchen! Was suchen wir hier auf Erden? Was
tu ich hier, worauf warte ich? Wie können wir in dieser Wohnung leben,
mit dieser Gewißheit über uns? Und doch, es gibt in diesem Augenblick
Gegenden, wo die Leute jetzt lustig sind und singen. Es gibt welche, die
sich verheiraten, und manche bauen sich eben Häuser. Einige spielen
Karten, und andere schreiben ihr Testament.
Ich glaube, das Wasser kocht, ich höre die Pfanne singen. Wohin habe ich
denn nur die Kaffeebüchse gestellt? Mein Kopf versagt. Ah, da ist sie!
Bei allem, was ich sehe, höre oder berühre, finde ich seine Gegenwart
wieder. Jedes Ding ruft mir wieder eine seiner Gesten wach, eine seiner
Mienen. Warum hast du, o Gott, den man den Allgütigen nennt, mir ihn
gegeben, um ihn mir so rasch wieder zu nehmen? Diese Treppe, die ich
tagtäglich mehrmals herunterging, ohne nur an sie zu denken, die ich mit
geschlossenen Augen hätte hinaufsteigen können, ist mir vorhin wie ohne
Rampe erschienen, und mein Fuß hat eine Stufe verfehlt.
Nichts ist mehr auf seinem Platz, und jedes Ding hat eine neue Bedeutung
für mich. Ich bin ganz von meinem Schmerz umschlossen, ich bin nur
Schmerz. Die Welt dehnt sich um mich her, und ich fühle sie wie einen
Ozean von Gleichgültigkeit um meine kleine Trauerinsel.
Ich kann mich nicht sattsam genug der Stille anvertrauen.
Ich verliere mich in den Tiefen, und alles erschreckt mich. Jedesmal,
wenn ich die Augen hebe, trägt mir die Mauer, die Decke, der Rücken des
Fauteuils, gleich dem Schweißtuch der Veronika, sein Antlitz zu. Das
Licht meiner Lampe ist nicht das gleiche mehr. Etwas ist in ihre Flamme
übergegangen und ist darin geblieben. Auf dem Parkettboden ist ein
dunkles Feld, das an eine lichtere Zone stößt und unter dem Bett so
schrecklich wird, daß meine Augen, wenn ich daran denke, ihm nicht zu
begegnen trauen.
Teurer Kleiner! Ich werde nicht mehr für dich zu sorgen haben. Ich werde
nicht mehr die tausend Fragen hören, die er an mich richtete, wenn ich
ihn des Morgens anzog. Seine kleinen Hände werden mein Antlitz nicht
mehr liebkosen. Er nannte mich »Mutter«. Er schlang die Arme um meinen
Hals und sagte mir ins Ohr: Mutter! Du bist mein kleines Mutti, du. Und
nun liegt er so da.
Noch ist er da und ist nicht mehr da. Es scheint, daß er seinen Leib für
einige Zeit verlassen hat und wiederkommen wird. Er sieht sich nicht
mehr ähnlich. Er hat das Lächeln, wie man es auf den Malereien der
Museen sieht. Morgen werde ich sagen müssen: Zur Zeit, als mein kleiner
Raymond lebte . . . Als ich noch meine beiden Kinder hatte . . . Der,
der gestorben ist!
Es ist ein Datum mehr in meinem Leben. Wie er so auf dem Rücken daliegt,
scheint es, als würde er wie ein Boot, mit seinen Rudern von der Flut
getrieben, hinweggleiten.
Wenn ich auf der Straße stehen blieb, um den Leichenzug eines prächtigen
Begräbnisses zu betrachten, dachte ich nicht, daß ich eines Tages den
ersten Platz hinter dem traurigen Karren einnehmen würde.
Morgen werde ich hinter ihm in die Kirche eintreten. Die Kerzen werden
durch die Schleier der Weihrauchdämpfe erstrahlen, und die große Stimme
der Orgel wird seinen Einzug in das Reich Gottes verkünden. O Kleiner,
mein Kleiner!
Wie ist doch das Schweigen, das von dir aufsteigt, beredt. Ein Schweigen
der ganzen Menschheit, die mit all ihren Königen und all den lauten
Begebnissen wie unterirdisch sich hindehnt.
Mein Gott, antworte mir, wo bist du? Ich stehe vor dir demütig in
gläubigem Eifer, bereit, dein strengstes Gesetz anzunehmen, aber gib mir
nur ein Wort, irgend etwas für meinen Schmerz, der nicht vergeblich sein
kann.«
* * * * *
Das Kind geht nicht in die Schule, und man zieht ihm tagtäglich das neue
Kleid an. Man hat den Tisch verlängert, weil sein Onkel und seine Tante
jeden Tag zum Essen da sind. Bei Tisch spricht seine Mutter nicht drei
Worte und läßt alles auf ihrem Teller stehen. Manchmal erhebt sie sich
so plötzlich und bleibt so lange im Nebenzimmer, daß seine Tante
aufsteht, um sie zu holen. Jeden Nachmittag geht er mit seinem Onkel und
seiner Tante spazieren. Alle Tage sind Sonntage geworden. Mit großer
Sanftmut spricht man zu ihm, und er wird niemals mehr ausgezankt. Zwar
ist er viel vernünftiger geworden. Die Stirn an die Scheibe gelehnt,
sieht er auf der Straße seine von der Schule heimkehrenden Kameraden. Er
fühlt, daß er von nun an ihnen sehr überlegen ist.
Er sagt zu seiner Mutter: »Ich habe seine Spielsachen genommen und mir
sein kleines Federmesser ausgeborgt. Wirklich, Mama, es ist nicht
dasselbe, selbst wenn ich sein schönes Pferd nehme, das im Wandkasten
steht, wird es nicht das gleiche sein. O Mütterchen, ich bitte dich!
Nein, nein, nicht seine Schuhe, sie gehören ihm.«
Und er sagt auch: »Wird Papa niemals wiederkommen? Warum ist er fort,
warum kommt er jetzt nicht wieder?«
Und seine Mutter antwortet ihm, daß sie einen Brief erhalten habe. Sein
Vater sei weit, sehr weit am anderen Ufer des Meeres. Vielleicht wird er
eines Tages wiederkommen . . .
Der Vater kam eines Abends, viele Tage nach dem Ereignis. Das Kind
schlummerte eben in seinem kleinen Bettchen ein, und seine Mutter saß
neben ihm. Beide hörten einen Schritt auf der Stiege und sahen einander
an. »Horch, Mütterchen,« und sie antwortete: »Ja, gewiß, er ist es!«
Der Schritt hielt vor der Tür an. Er war es!
Die Mutter sagte zu ihrem kleinen Jungen, indem sie einen Finger auf den
Mund legte: »Rühr dich nicht, ich werde gleich wiederkommen.« Sie trug
die Lampe weg und schloß die Tür seines Zimmers.
* * * * *
Der verlassenen Gattin ward das Dunkel, aus dem sie ihre Träume
schöpfte, plötzlich wahrnehmbar, und ein Antlitz erschien in ihm. Der
Mann trat ein, alle Stille lastete nun auf ihm. Das traumhafte Schweigen
der Gegenstände wurde nun augenblicklich unterbrochen. Dann setzte es
wieder ein, als fliehe es den Tiefen zu.
Die Lampe, die vor einem Bilde des Gekreuzigten mit seinem geöffneten
Herzen flammte, verbreitete den Schein alten Elfenbeins, und er senkte
den Kopf und sagte nicht ein Wort, überließ dem Pendel der Uhr die
Unterhaltung. Die schweren Fenstervorhänge mit den tiefen Schatten waren
wie das weit geöffnete Memorial ihres Lebens. Der Zweig eines
Buchsbaumes schien sich über das Bild zu neigen, und es war als regte
sich die Ewigkeit in seinen Blättern. Von Zeit zu Zeit wurde die Tür
durch den Wind geschüttelt, und das Fenster krachte.
Sie hielten den Kopf geneigt, denn ihre Blicke konnten das Schwere, das
aus ihrer Seele kam, nicht emporheben.
Da plötzlich fesselte ein Gegenstand ihre Augen. Ein Leuchter aus
Kupfer, der auf dem Tisch stand, nahm eine seltsame Bedeutung an. Sie
schienen mit Aufmerksamkeit den Konturen und Verzweigungen zu folgen,
und sie gewöhnten so ihren Blick, sich anderswo als in ihren Augen zu
begegnen.
Und ihre Blicke stiegen zusammen längs des Leuchters auf, blieben einen
Augenblick an seiner Spitze unbeweglich, dann, als ihre Gesichter sich
zueinander aufhoben, verschmolz ihr Blick . . .
Im Nebenzimmer zitterte das Kind vor Unruhe. Mit weit geöffneten Augen
versuchte es das Mysterium der Dunkelheit zu durchdringen.
Was ging hier nebenan vor? Es hörte nichts. Sein Vater war
zurückgekehrt. Bedeutet das Glück? Unglück? Auf den Fußspitzen näherte
es sich der Tür und floh, als es Geräusch hörte.
Seine Eltern betraten das Zimmer. Sein Vater hob es von der Erde auf und
drückte es so stark gegen seine Brust, daß das Kind sein Herz gegen das
seine schlagen fühlte.