ABSCHIED

Er öffnete vorsichtig das Gitter und betrat den Park. Unbeweglich

leuchtete das Laubwerk im Mondlicht. Alle Dinge waren in Traum entrückt,

der Wirklichkeit beraubt. Und der Kronlüster des Himmels trug auf seinen

tausend Armen so viele helle Flammen, daß der junge Mann, als er den

Kopf hob, ihn wieder demütig senkte, so sehr überwältigte ihn das Licht.

Nichts gemahnte an die Menschen. Der Weltenraum hatte selbst die

Erinnerung an sie verloren. Sie waren in die Geschichte zurückgesunken,

aber in der Stille spürte man dennoch etwas von ihrem Schlummer, der

nicht grundlos sich durch ihren versiegelten Mund und ihre ruhenden

Körper kundtat.

Der nächtliche Besucher ahnte irgendwie, daß dieser Stunde nichts

Körperliches gestattet war. Seine Gegenwart in ihr hatte etwas

Unerlaubtes, das ihn seltsam wach hielt. Als einziges Lebewesen mit

offenen Augen in solchem Erdenwinkel, fühlte er sich in dieser

unendlichen Nacht hellsichtig und so unruhig, wie wenn man Verrat übt an

einer Versprechung. Er war sicher, irgendeine Majestät zu verletzen und

mit seinen unwürdigen Schritten eine heilige Stätte gestört zu haben,

über der ein Verbot schwebte.

Aber die Bewegung, die sich in ihm regte, hieß ihn alles für das Wunder

dieser Stunde einsetzen.

Er erreichte die ihm so wohlbekannte kleine Allee, die, von Taxus mehr

als mannshoch eingerahmt, ins Dunkel mündete.

Die Erde war weich, und seine Schritte verursachten keinerlei Geräusch.

Durch das Dickicht erblickte er eine Lärche, schwarz gegen den Rasen

gestellt, ihr Wipfel schimmerte silbern im Mondlicht. Sie war

unbeweglich, als hätte sie endlich das vollkommenste Gleichgewicht

erreicht, das sie so lange im Hin- und Herwiegen gesucht.

Das Haus stand wie ein schweres Schiff in die Stille verankert. Rings

kein Mensch. Der ganze Park, die Wälder, die Ebenen in der Ferne, der

leuchtende Himmel, sie alle erschöpften sich in einer unübersteiglichen

Trauer um ein fernes Wesen. Er setzte sich auf die Bank in der

verschatteten Allee. Eine große Rasenfläche trennte ihn von dem

mondbeschienenen Haus. Alle Läden waren geschlossen. Die Glasscheiben

der Türen leuchteten durch die Eisenstäbe. Die Schornsteine gaben keinen

Hauch mehr.

Warum war sie noch nicht da? War sie inmitten ihrer Träume

eingeschlummert? (Eine Redewendung, die ihm lieb war, entstieg dem

Halbdunkel seines Erinnerns.)

»Wie ein Sänger in unsagbarer Schwermut,

Inmitten seiner Lieder, den Tränen erlag.«

Auf dem sehr dunklen Weg, der den See umsäumte, bemerkte er das

Phosphoreszieren eines toten Fisches, und seine Gedanken nahmen eine

andere Richtung.

Die große Stille der Nacht wirkte immer weiter, als gebäre sie sich

endlos aus sich selbst.

Warum, warum kam sie noch nicht? Seit dem Vorabend waffnete er

angesichts des Ereignisses seinen ganzen Wortschatz. Nun begann dieses

Warten seine Vorbereitungen zu zerstören. Durch das häufige Wiederholen

der Worte, die er sich zu sagen vorgenommen, verwirrten sie sich

allmählich, und schon zweifelte er an ihrer Wirksamkeit. Wie um ihr

Kommen herbeizuzwingen, erhob er sich ungeduldig, machte zwei Schritte

und ließ sich auf die Bank zurückfallen. Er litt. So würde er also nicht

mehr genug Zeit haben, um mit Muße diesen letzten Abschied zu genießen,

nicht mehr genug Augenblicke an ihrer Seite verbringen. Es verlangte

ihn, sie noch sehr lange anzusehen. Und wie viel hatten sie einander

noch anzuvertrauen! Wer weiß, was er noch alles hören, welche

einzigartigen Augenblicke er noch erleben würde! Nun wußte er kaum,

warum er sich zu reisen entschlossen hatte. Je mehr die Lösung

herannahte, desto mehr verwunderte er sich, sie erwünscht zu haben und

daß er selbst es gewesen, der mit Geschick ihre Notwendigkeit erwies.

Wie leicht war ihm der Sieg geworden! Nun folterten ihn wirre Wünsche.

Ehe er ging, wollte er wissen, ob denn wirklich im Grunde ihrer Seele

Bedauern war. Ein letztes Mal noch konnten sie einander ihre geheimsten

Gedanken ausliefern. Sie würden beide völliges Reinemachen in ihren

Seelen halten. Natürlich war dies nur eine Genugtuung, die er sich

verschaffen wollte, das Ergebnis einer dunklen Unruhe, die in ihm

wühlte. Denn nichts mehr konnte ihn hindern abzureisen. Das Boot, das

ihn entführen sollte, lag unweit verankert. Der Atem des Meeres flog bis

zu ihm heran, die Seeluft salzte seine Lippen. Wenn die Nacht sich über

einen neuen Tag gesenkt hat, wird er schon weit weg und alles zu Ende

sein. Seine dunkelsten Gedanken werden ihm wiederkehren, und von neuem

wird er diesen großen Ekel empfinden, der ihm so wohlbekannt ist. Er

wird es verwünschen, der Einsame zu sein, der, dem häuslichen Leben

feind, sein höchstes Vergnügen darin findet, immer wieder kaum

genossenen Wonnen zu entfliehen. Wie ein Schleier wird die Traurigkeit

hinter ihm herwehen, dann aber werden erlebnisreiche Tage folgen. Er war

im Vergessen erfahren. Diesmal zwar hatte es ihn tief gepackt. Aber die

Reise forderte ihr Recht. Diese Frau und der Ort hatten alles gegeben,

er selbst alles genommen und selbst alles gegeben. Andere Tage, andere

Geschehnisse warteten nun seiner. Wie in früher Zeit würde er an sich

und die Dinge denken können, frei ohne Bindung, allen Zufällen bereit,

andere Städte, andere Länder, andere Wesen schauen. Er wird den Klang

neuer Stimmen kennen lernen. Da er nirgendwo von irgend jemandem

erwartet wurde und an nichts gefesselt war, durfte er sich

hoffnungsfreudig für alles erwärmen, aller Gemeinsamkeit und allem

Gefühlsüberschwang sich erschließen, grenzenlos sich von neuen Wünschen

treiben lassen.

Und die Vielfalt des Universums kreiste hinter seiner Stirn.

Ein Teil seines Selbst war in diesem Hause gefangen. Er würde es

befreien und singend von dannen ziehen. Er hatte rasch das Sklaventum

der Gewohnheit durchschaut, aber sich feige abgekehrt vor all dem, was

er zerstören mußte, um sich zu befreien. Eines Tages schließlich hatte

er sich gesagt: Was tue ich hier? Wie hat sich dies begeben? Er

verstand, daß er hier die Freude und ihre Hilfsquelle erschöpft hatte.

Er blieb aus Lässigkeit, wie einer, der unbeweglich auf dem Platze

verharrt, zu dem ihn irgendein Antrieb versetzt hat. Da er von den

Renten der Leidenschaft lebte, erwartete er nur mehr Zahltage. »Es ist

gut, daß ich reise,« spottete er. »Ich bin ja frei, ich habe nichts

versprochen, ich habe keine Schwüre getauscht.« Diesen Gedanken hielt er

fest, er erleichterte ihn. »Wahrhaftig, wir haben einander nicht das

geringste Versprechen gegeben.« Vom ersten Tage an mußte sie diese

Lösung vorausgesehen haben. Außerdem hat sie die Notwendigkeit der

Trennung begriffen, sie ohne den geringsten Vorwurf entgegengenommen.

Wenn er an die Zukunft dachte, an all das, was ihm noch bereitet war und

was er noch nicht besessen, litt er vor ungeduldiger Erwartung. Er

dehnte sich ins Unbekannte hin. Diese unausgesetzte Spannung und dunkle

Anziehung war ein Teil seines Wesens. Niemals war er ganz in der

Wirklichkeit der Dinge, aus denen sich sein gegenwärtiges Leben

zusammensetzte. Selbst wenn er mit anderen Menschen sprach oder Taten

vollbrachte, die scheinbar die ganze Aufmerksamkeit seines Geistes

beanspruchten, ließ er den größten Teil seines Wesens anderswo

umherschweifen. Er redete Worte, indes seine Augen sorgsam das Antlitz

des Fragenden musterten, und zu gleicher Zeit entführte sein Geist ihn

zu anderen Visionen.

Zuweilen wurde dies Bedürfnis, seinem inneren Ruf zu folgen, so

unwiderstehlich, daß er sich tatsächlich ganz allmählich von dem Ort

entfernte, den sein Körper eben einnahm. Sein Partner, der gewahrte, daß

ihm nicht mehr zugehört wurde, stellte das Sprechen ein. Erst viel

später bemerkte er selbst das Schweigen.

Er schien nur in der Erinnerung oder Vorausahnung zu leben. Seine

Gegenwärtigkeit, seine lebendige Seele zauberte sich ein lautlos durch

nächtliche Landschaft dahinsegelndes Fahrzeug vor, dessen Fahrgäste alle

in Träumen lagen.

Er wußte, daß er sich niemals irgendwo würde festsetzen können. Sein

Geist hatte eines Tages einen Traum begonnen, den er nicht zu Ende

führen sollte. Von Zeit zu Zeit würde er innehalten, um ihm

nachzusinnen, zu kurzem Ausruhen die Augen aufschlagen und dann wieder

wie von der Strömung eines Flusses erfaßt und hinweggetragen sein.

Mächte seines inneren Menschen hatten ihn immer gehindert, sein ganzes

Wesen hinzugeben. Ein Teil seiner Persönlichkeit blieb der Mitteilung

verschlossen. Niemals würde ihn jemand kennen lernen, wie er war. Ja

selbst neben jener, die er so sehr geliebt, hatte er im Überschwang der

Hingabe, gleichzeitig mit dem großen Wunsch, sich in ein anderes Wesen

zu versenken, in Augenblicken stürmischster Leidenschaft empfunden, daß

ein Teil seines Selbst stumm und kraftlos verharrte und gleichsam seinem

Abenteuer fremd blieb. Kein Mensch, den er gekannt und mit dem er

verkehrt hatte, konnte die Schwelle seiner Seele übertreten. Der

Mittelpunkt seines Wesens lebte geheimnisvoll in dunklen Tiefen. Er

schwor oft jene Zone tätigen Lebens herbei, die er selbst kaum kannte

und in der sich ein wundersames Leben entwickelte.

Er betrachtete das Haus, nichts regte sich. Wieder nahmen ihn seine

Gedanken gefangen.

Vorhin hatte er ein wenig Trauer, ein unbestimmtes Bedauern empfunden.

Jetzt frohlockte er, und Trunkenheit begeisterte ihn. »Dies ganze Leben,

das noch nicht niedergeschrieben ist!« dachte er. Bewegung, Zeit, die

sich verflüchtigt, alle Dinge wandelnd, Glück, ein Mensch zu sein,

rastlos durcharbeitet, ein Mensch, dem jeder Tag etwas nimmt und

beschert! O Baum, der nicht endet im Wachstum, o Buch, in dessen

zahlreichen Kapiteln endlos die Lösung hinausgeschoben ist. Nichts

Abgeschlossenes bin ich, wie ein Kadaver, der zu letzten Grenzen

gelangte. Zwischen meinem lebendigen Sein und den Gefilden, in denen

sich mein eigenes Drama abspielt, hört der Zusammenhang nicht auf. Wie

ein Quell eng von Pflanzen umschlossen, sprudle ich zwischen den

Menschen. Ich setze mich mit jener eigensinnigen Regelmäßigkeit

kraftvoller Meteore fort. Der kommende Tag ist mir immer ein Fenster,

das sich leis auf Täler öffnet, eine Türe, die sich auf- und zutut, um

einen Lichtstrahl einzulassen, den die Augen der Menschen noch nicht

geschaut haben.

Möge der Atem des Weltalls ohne Unterlaß meine Einsamkeit umflügeln.

Peitscht mich, ihr großen Stürme! Nichts wird jemals stark genug sein,

in ein Zimmer mich zu sperren und über mich den Deckel fallen zu lassen.

Ich bin die Spule, die einen Faden nährt, der endlos sich abwickelt.

Selbst mein Schlaf, in dem farbige Lichtbilder kreisen, ist nur Anschein

der Ruhe.

Brenne du mein Leben! Steile und klare Flamme du, sei um sich greifendes

Feuer! Stärke, Kraft du, ganz bereit, sich auszugeben, Ungeduld zu

leben, all die Jugend, all dieser Schwung, für einen Körper, der zu

klein ist, all dies zu fassen!

Wie langsam doch alles hinlebt und wie langmütig die Folgen aller Dinge

sind. Wie doch der Weg zu dem, was verheißen, voll Schlaftrunkenheit

ist! Alles verwirklicht sich so langsam, daß die Bewegung selbst

unsichtbar wird, und das ganze Universum für Augenblicke eine

bewegungslose Ausdehnung zu sein scheint. Hatte er nicht zuweilen das

mächtige Verlangen, den Gesetzen dieses Wachstums zu entrinnen, sich

durch seine Maschen zu winden, die Zeit zu überschreiten, mit einem

Schlage die ganze Wirksamkeit zu erschöpfen, das ganze Kapital zu

realisieren? Oh, nicht mehr von einem Tag zum andern übergehen in

weichlichem Hinausschieben und Hindehnen, sondern plötzlich sein,

aufrecht und bereit, ein Mensch, der neu aus sich selbst hervorsprudelt.

Aus dem Herzen der reglosen Nacht sandte mit einemmal der nächtliche

Sänger, wie zum Vorspiel, einige Rufe.

In der Seele des Menschen, der sich da befand, tat sich eine weite

Stille auf. Das Ohr in das Dunkel gewandt, sich seiner ganz zu erlaben,

horchte er dem wunderbaren Gesang. Der Vogel ließ einige Noten fallen

und hielt inne, bald drängten sich die Töne und reihten sich nun ohne

Unterbrechung aneinander. Sie waren voll und wohlklingend, und der ganze

Park schwelgte mit ihnen. Aus dem Dunkel stieg der Sang gegen die Helle,

und die große Stille der Nacht tauchte ringsum alles in Reinheit. Das

pathetische Schluchzen stieg von den Bäumen, der Erde, von den Wassern

auf. Es wußte um die Märchenträume, die Wassertiefe, die Macht der

Säfte. Alle Blätter zitterten darauf, es zu hören, aus der heißen Erde

strömte es in die Sommernacht, drang längs der verzweigten Äste hinauf,

entriß alle Pflanzen ihrer Schlaftrunkenheit, nährte sich von ihrem

Mark, um dann rasch und stark, wie die großen Wasserfälle, in einem Satz

die kühnen Wipfel der höchsten Pappeln zu überspringen, in den heiteren

Höhen des erleuchteten Himmels sich zu verlieren.

Die Seele des jungen Menschen weitete sich mächtig. Er wuchs in seinen

Tiefen. Mühelos verbreitete er sich in alle niederen Räume seines

Wesens. Sein Herz in der geweiteten Brust nährte sich von einem

strahlenden und herrlichen Leben. Unaufhörlich rieselte die Klage des

verzweifelten Vogels hin. Sie ragte einsam in die Welt. Und der Mann,

feuchten Auges im Dunkel verloren, erlebte sie, als brächte er selbst

sie hervor. Ihm entströmte der Sang, und besser als irgend Worte,

drückte er die Heftigkeit seiner allzu geliebten Trauer aus. Die Töne

quollen bald scharf, bald dumpf, und seine plötzliche Verzweiflung

vereinte sich ganz mit ihrem Wellengang. Er sah nach rückwärts gebogen

die Perlenreihe der Töne endlos gegen die leuchtende Wolke aufsteigen.

»Sang, o Sang, deine unendliche Schwermut erreicht die des traurigen

Mondes und vermählt sich ihr in Tränen. Ich belaste dich mit meinem

unwahrscheinlichen Schmerz, mit meinen unauslöschlichen Wünschen und

jenem unsterblichen Durst, der mich verzehrt. Äußerster Teil meines

Selbst, wie der bebende Stengel eines Kelches bist du, der meine

verzweifelt trunkene Seele der öden Unendlichkeit hinopfert. Steige,

steig an! Höher noch! Verschütte weithin diesen Kelch, und möge dein

bitterer Regen über die ganze Erde fallen. Blähe zornvoll deinen Hals,

du dunkler Sänger, und laß deinen Hauch nicht verklingen. Schon nähern

aus dem Innern der Zimmer sich den Fenstern blasse Gesichter. Männer

kommen, ihre Unruhe in deinem Sang zu kühlen und von ihm Erleichterung

zu erbitten.«

In dem außergewöhnlichen Frieden dieser Stunde ertönten immer wieder die

Triller, und der Gesang erreichte schmerzvolle Fülle und Macht. Der

Mann, der ihm lauschte, fühlte sich durch ihn für Augenblicke wie

emporgehoben, auf Gipfel entführt und sanft in den Höhen gewiegt. Ganz

seiner Verzückung hingegeben, sah er nicht mehr nach dem Hause, bis ein

leises Geräusch ihn erbeben ließ. Die Läden der Tür öffneten sich

langsam, und eine Frau erschien im vollen Licht. Er stand auf, sein Herz

schlug schnell. Es war das letzte Mal! Damit sie ihn sähe, trat er aus

dem Dunkel. Ihn bemerkend, überquerte sie laufend, vorgeschnellt wie ein

Segel, die große Rasenfläche.

Er empfing sie in seinen Armen, die sich unwillkürlich geöffnet hatten.

Auf der Bank sitzend, hielten sie sich in langem Schweigen eng

aneinandergepreßt. Über ihre stummen Lippen hinweg vereinigte sich im

Dunkeln ihr Geist. In der Majestät einer großen Andacht fühlten sie, wie

das gelebte Leben zu ihnen zurückkehrte. Sie erahnten darin selbst den

Augenblick, wo sie wieder zu sprechen beginnen mußten.

Er sog den Duft ihres Haares ein und liebkoste ihren so zarten Hals; sie

aber, an seine Schulter gepreßt, rührte sich nicht. Von fernher hörten

sie das Rollen eines Zuges, den langhingezogenen Schrei einer

Dampfpfeife. Ihre Seelen weiteten sich an der Entfernung, dann

verflüchtigten sich die Geräusche, starben wie ein Röcheln hin, und das

Mondlicht schien noch mit vermehrtem Glanz in die wiedergewonnene Stille

zu gleißen. Lichtpünktchen glitzerten in den Büschen, winzige

Strahlenbündel entstanden und erstarben auf der Wasserfläche des Sees.

Mit kaum wahrnehmbarer Stimme brachte er Worte hervor. Doch wie verloren

in die Bilder des Traumes und Halbschlummers, blieb sie unbeweglich. In

der großen Stille fürchtete er so sehr den Klang seiner eigenen Stimme

zu hören, daß sein Gespräch erstarb. Er machte entfernte Anspielung auf

seine Abreise, unhörbar atmete sie und antwortete nicht. Ein Wort,

deutlich und scharf, stach plötzlich hervor. Beschämt schwieg er, es

ausgesprochen zu haben. Das Schweigen wartete. Sie warf sich zurück und

hob die Augen. Dieser Abend war der letzte Abend. Ganz leise sagte sie:

»Es ist das letzte Mal.« Er antwortete nichts, denn schon quälte ihn der

heuchlerische Gedanke, das Wort in die Stille, aus der es noch

hervorstach, zurückzustoßen. Auch wollte er den Gedanken ersticken, der

sich in ihm zu entwickeln versuchte. Er sprach und sprach, wiederholte

noch einmal die Notwendigkeit seiner Abreise. Man erwarte ihn dort, er

müsse fort, könne sich nicht weichlich in sein eigenes Glück einnisten.

Man durfte nicht alles dem opfern, was nur so neben dem Leben hinging.

Dem Gefühl mußte man widerstehen, dem Verstand die Oberherrschaft

sichern. Wohl verstanden . . . Gewiß . . . Er verlor den Boden und wurde

ungeschickt, weil er ohne Überzeugung sprach.

Und haben wir denn nicht das Beste unserer Selbst getauscht? Was könnten

wir uns mehr noch geben? Sie neigte zum Zeichen der Zustimmung das

Haupt. Man erwartet mich dort. Ja, man wird sich schon über die

Lässigkeit, mit der ich mich in Bewegung setzte, verwundern. Wie rasch

doch die Zeit vergangen ist! Nun sind es schon zwei ganze Monate, seit

ich da bin. Zwei Monate!

Ich werde alle die verlorene Zeit einbringen müssen . . . Verlorene Zeit

. . . O nein, die Worte täten mir unrecht. Ich wollte sagen . . . aber

du verstehst mich ja, du, die feinfühligste der Frauen?

Sie blieb still und schien ihn kaum zu hören. Mit welcher Ruhe nahm sie

diesen Entschluß auf, der ihn jetzt schreckte. Wie wenig schien sie

unter ihm zu leiden. Würde sie ihm auf seiner langen Reise auch nicht im

geringsten nachtrauern? Hatte er die verbrachten Tage einem eitlen

Schein geopfert, so weit sie mißbraucht? Ein bitterer Gedanke prägte

sich in seine Züge ein. Doch nein, sie würde zittern, sich erregen, ihm

in den Arm fallen. Er feuerte sich an, ihre Ruhe zu stören, und begann

von neuem. Weil wir stark sind und es so gewollt haben, zerreißen wir

lächelnd die leisen Bande, die uns vereinen. Wir werden nichts mehr

gemeinsam haben. Du wirst selbst die Erinnerung an mein Gesicht

verlieren. Wenn wir uns eines Tages begegnen, werden wir vorgeben,

einander fremd zu sein. Wir werden uns nicht selbst betrügen und,

allgemeine Gesetze verachtend, es verstehen auseinander zu gehen, wenn

wir das Vergnügen erschöpft haben. Ich weiß nicht, was für ein Mensch

ich später sein werde, und derjenige, der heute mit dir ist, hat

keinerlei Recht auf jenen. Auch werde ich nicht anteilloser Zuschauer

des Verfalles sein, der dem zerbrechlichen Bau deiner Schönheit droht.

Ich trage von dir ein vollkommenes Bild, das die Zeit vergeblich

schwärzen wird, mit mir fort.

Zorn entflammte ihn. Er verausgabte sich vor dieser stillen und

abwesenden Frau. Verzweifelt konnte er aus seinem Kummer keinen Ausgang

finden und verwundete sich an seinen eigenen Worten. Oh, daß sie doch

spräche, daß sie ihm diesen Schrei entgegenschleuderte, den er mit aller

Kraft ersehnte. Dieser Schrei, der aus ihrem auf immer gespendeten Sein

entspränge und sie ihm für immer einen würde! War dies nicht wichtiger

und wünschenswerter als alles andere? Wenn sie es zu wollen verstände,

würde er nicht abreisen. Wenn sie sagte: Mein Freund, geh nicht fort, du

bist ja in meinem Leben solch eine Notwendigkeit, daß ich mir ohne dich

kein Dasein vorstellen kann. Meine Furcht und meine Freuden, all meine

Gedanken und mein zu empfindsames Herz, all das, was ich bin, hat es so

gut vermocht, in dich das Netzwerk zarter Wurzeln zu versenken und sich

von dir zu nähren, daß ich wie eine Pflanze, die man abreißt, sterben

werde, wenn du gehst. Du bist der stets gegenwärtige Gefährte, der

Horizont, hinter dem es mir gleichgültig ist, ob Land ist oder nicht. Du

bist an meiner Seite der Freund ohne Geheimnis, der immer bereit ist,

die Gedanken zu empfangen, die sich eben in mir bilden. Du bist immer

wieder der Beweis, aus dem sich mein Glaube nährt, der mich leben macht,

und der Vorwand für jeden meiner Tage bist du! Mein Leben ist der Vasall

des deinen, und ich lege meinen Kopf an deine Schultern, zum Zeichen

meiner treuen Ergebung. Wie könnte ich ohne dich mich des Übels auf der

Welt, und dem Tode anheimgegeben zu sein, erwehren? Nein, nein, du mein

wachsamer Ritter, du wirst nicht ohne mich ziehen. Ich hänge mich an

dich, ich werde dir durch alle Lande folgen. Ich hefte mich an deine

Fersen, bis ans Ende der Welt.

Er berauschte sich heimlich an diesen Worten, die er so gerne aus ihrem

Munde empfangen hätte. Er bemühte sich, sie hervorzurufen, und ließ

gleichzeitig seinen Entschluß als unerschütterlich erscheinen. Er

wollte, daß sie plötzlich aus unaufhaltsamer Notwendigkeit hervorbrächen

und nicht aus der Fähigkeit, sich seinem Wunsche anzupassen. Aber das

Beben seiner Stimme, das ihm für Augenblicke den Hals zuschnürte,

verriet ihn. Vielleicht kannte sie seinen verzweifelten Wunsch und

erwiderte ihn nicht? und er wiederholte sich: Sprich, sprich, du siehst

ja schon, daß ich die Ketten trage, die du um meinen Körper legen

willst. Soll ich hinknien, soll ich mich demütigen? Sprich, und wenn du

es willst, werde ich geringer sein, als die Erde unter deinem Fuß. Gib

nur ein Wort mir, ein armseliges Wort des Bedauerns vom Saum deiner

Lippen. Durchdringe mein Schweigen, fühle mein Elend, das nicht Ausgang

weiß. Warum habe ich diesen Abschied gewollt? War es nicht mein

eigensinniger Hochmut oder mein geheimer Wunsch, der sie dazu gebracht

hat, sie verführt hat, mich erst das ganze Ausmaß des Glückes erkennen

zu lassen, das ich eben durch diese Handlung verlieren sollte! O du

Spieler, den nichts verhindern kann, das Beste seiner Güter im verhaßten

Spiel zu wagen. Freundin du, lies in meinen Augen! Laß mich nicht gehen!

Ich bin schon jetzt in Verbannung geraten. Über den unendlichen Ozean

trauere ich dir nach! O wie weit bist du, und ich werde dich niemals

wiedersehen. Halte mich zurück, noch ist es Zeit. Eine schmerzvolle

Traurigkeit überkommt mich, wie ich diese Einsamkeit dort drüben mir

bereitet sehe. Liebe, kleine sanfte Freundin, höre mich doch!

Sie verharrt wortlos gesenkten Hauptes, scheinbar in Unkenntnis des

Ortes und des Vorgangs. Kein Zweifel mehr, sie ahnt nicht einmal diesen

Schmerz, der ihr so nahe ist. Er sah ein Zimmer vor sich mit vielen

Tapeten. Eine Lampe verschmolz in warmer Helle die Dinge, Winter war es

und Abend. Es war sehr kalt draußen. Sie las, nahe dem Kamin.

Tränen trübten seine Augen.

Seine Angebetete gab ihn auf. All seine Kraft verließ ihn und schien

sich in die Erde zu verlieren. Schwach und ängstlich war er wie ein

Kind. Er glaubte an nichts mehr. Er wünschte nichts mehr. Das einzige,

was ihm irgend wert gewesen wäre, er hatte es nicht besessen. Er würde

es nie besitzen. Die Welt schien ihm verabscheuungswürdig. Alle

Erinnerungen des Lebens, die ihm wiederkehrten, stießen ihn bis zum

Abscheu ab. Der Ekel malte sich in seinen Zügen. O wie war er der Welt

müde, durch die so viele Menschen gegangen waren, in der so viele noch

sich aufhäufen. O Welt, von aller Befleckung der gebrauchten Dinge

gezeichnet, die du kein Plätzchen hast, das nicht die Spuren irgendeiner

Anwesenheit aufweist, Erde, aus der die Reinheit verbannt ist, Erde,

über und über beschmutzt mit Ungeheuerlichkeiten, Luft selbst, die ich

atme, auch du vergiftet vom Hauch der Menschen und Tiere durch diesen

schrecklichen Geruch des Magens! Azur, der jungfräuliche Azur, wie man

dich nennt, auch du bist nach allen Richtungen durchstreift und

durchnarbt von ihren schmutzigen Gedanken, wie fette Fleischsülze.

Er unterbrach sein Schweigen, um sehr leise zu sagen: »Die Nacht ist

kalt, friert dich nicht?« Der Klang seiner Stimme war so seltsam, daß

sie die Augen hob. Sie blieb lange nachdenklich und sagte, als ob sie

laut weitersänne: »Gewiß, du hattest nicht das Recht, die Vergnügungen

des Augenblicks deinen großen Hoffnungen zu opfern. Ich weiß, daß es

wichtigere Dinge gibt, als die kleinen Fügungen unseres eigenen Lebens,

und ich denke wie du, daß es gut ist, daß ein jeder von uns sich einen

Teil für unbekannte Forderungen der Zukunft vorbehalte.« Wie sie sich

seine Worte gut gemerkt hatte!

Er antwortete: Solch ein Glück, wie es immer wieder neu aus ihm erstand,

forderte eben seinen Preis! »Aber meine Freude konnte nur aus der deinen

entstehen. Die aber mochte spärlich gewesen sein.«

»Freund, o Freund!«

Er fühlte, wie sehr sie noch an ihm hing, und fühlte, wie sich eine

Entspannung in ihm vollzog. Mit diesen süßen Gedanken würde er

hinweggehen.

»Du nimmst mich ganz mit dir. Du läßt von mir nichts, als die Stätte der

Erinnerung. Ich weiß, daß du mich mit jener Heftigkeit geliebt hast, die

man nicht lange empfinden kann. Die Leidenschaft brennt, ohne sich

aufzusparen. Auch ich liebte dich, du mein einziger Freund auf dieser

Welt. Wie oft bin ich abends, ganz angekleidet, nach einer langen

Träumerei, die nur von dir erfüllt war, eingeschlummert, vergaß die

brennende Lampe und erwachte des Morgens durch das Sonnenlicht. Die

ersten Tage werden sehr traurig sein. Kummervoll werde ich mich durch

das Haus schleppen, in den Park gehen, um einem Phantom nachzujagen, und

auf dieser Bank die Augen schließen, um dich zu sehen. O wie qualvoll

die ersten Tage sein werden. Du tatest, was du wolltest. Ich mache dir

keinen Vorwurf. Wenn es dir eines Tages gefällt, hierher zurückzukehren,

wirst du mich so wiederfinden, wie du mich verlassen hast, immer noch

deiner Laune ergeben.«

In langen Zügen erquickte er sich an ihren Worten, aber trotz alledem,

es waren nicht die, welche er gerne gehört hätte. Sie sprach leise

weiter. Er trank den Wohllaut dieser Stimme, die er niemals ohne

Bewegung hatte hören können.

-- »Ich bin deinem Leben nicht unentbehrlich. Wie viele Jahre reicher

Geschehnisse hast du erlebt, ehe du mich trafst. Du wirst ebenso schöne,

ebensolcher Fülle erleben, wenn du mich vergessen hast.«

-- »Niemals werde ich wieder glücklich sein.«

-- »Die Nacht beginnt zu bleichen, und die Frische der Morgendämmerung

durcheist mich. Sieh, die Nacht, die den Raum verläßt, ist das Ebenbild

selbst des notwendig gewordenen Abschieds. Die Dinge müssen hinsterben

oder sich verflüchtigen, damit andere erscheinen können. Der erste Tag,

den ich allein zu leben haben werde, steigt bleich und trauervoll auf.

Mein Gott, womit werde ich diesen ersten Tag erfüllen?«

»Wie werde auch ich ihn hinbringen? Nichts wird mir dies Glück

aufwiegen, das sich durch dich unaufhörlich erneute.«

-- »Süß ist es, dein mitleidvolles Bedauern zu hören.«

-- »Es ist mein selbstsüchtigstes Bedauern.«

-- »Du hattest bisher immer über dich gesiegt!«

-- »Ich bin des Sieges über mich, das heißt gegen mich, müde. Ich

beginne die süße Niederlage zu ersehnen.«

Er wußte, daß er feige das verlangen würde, was man ihm nicht gegeben

hatte, und daß ihn daran nichts hindern konnte.

Trotzdem bemühte er sich, diesen Gedanken zurückzudrängen. Er suchte ihn

zu ersticken, ihm zu entfliehen, aber jedes Wort, das er sagte, brachte

ihn unwillkürlich näher. Er fühlte den Gedanken schwer und lastend

werden in seinem unbeweglichen Körper. Um ihn an diesen Ort zu binden,

fiel er unaufhaltsam langsam abwärts, wie der gewichtige Anker ins Meer

hinabsinkt.

Er sagte:

-- »Ich habe schon an viele Dinge geglaubt und entsinne mich manchen

Irrtums. Bin ich dessen wahrhaftig sicher, anderswo den wahren Weg zu

finden? Kann man etwas vorausbestimmen, und soll man sich nur von der

Vernunft leiten lassen?«

Er zitterte, während er sprach. Niemals war sie ihm so schön, seiner

Liebe so würdig erschienen.

-- »Ich gehe . . . Wohin aber? . . . Ich weiß es nicht und habe nicht

mehr die geringste Sehnsucht darnach.«

Seine Stimme senkte sich nach diesen letzten Worten. Alles war nun

gesagt. Eine wollüstige Müdigkeit bemächtigte sich seines Körpers und

Geistes.

. . . Zwei Wesen, so lange beflissen sich zu kennen, sich zu

verschmelzen, konnten sie daran denken einander zu fliehen, da das

Unermeßliche und unbekannte All sie in einem gemeinsamen Bedürfnis, sich

gegen die öde Verlassenheit zu verteidigen, zueinander drängte?

»Du bist der Meister unserer beiden Schicksale. Ich bin nur das Echo

deiner selbst, ich bin deine Sache. Bestimme denn.«

Sie legte ihren Arm um seinen Hals und lehnte ihr kühles Antlitz gegen

das seine.

Er verleugnete alles, was ihn vordem begeistert hatte. Fortgehen sollte

er? Das Liebste, was er hatte, verlassen und sich ärmer denn je

wiederfinden! Die Welt durchwandern, Erinnerungen häufen, als ob er

nicht schon genug mit sich schleppte! Er spottete der großen Arbeiten,

der Eroberungen, des Ruhmes. Es gab genug Werke zur Befriedigung der

Menschen. Und konnte er nicht überdies neben ihr im glücklichen Frieden

ihres Daseins seine Seele besser als irgendwo von dem befreien, was ihn

bewegte, Tag für Tag ein unvergleichliches Werk verrichtend? Aber von

dem allem abgesehen, wog nichts die höchste menschliche Freude auf, nur

in ihr zu verharren. Die ersten Pflichten, waren es nicht die gegen sich

selbst und dann gegen die, die ein Teil seines Selbst ausmachte, da ihr

Schicksal an das seinige gebunden war. Er würde bleiben.

O keusche Freundin, wie bist du schön in dieser Nacht! Wie konnte ich

daran denken, dich zu fliehen. Seite an Seite werden wir bis zum letzten

Tag verbleiben, wir werden auf unserem Antlitz diese Erleuchtung tragen,

die der Tod nicht auslöschen wird. Ich werde dich an der Hand nehmen und

mit dir die Welt durchlaufen. Wir werden dieselben Seltsamkeiten

erleben, und dieselben Eindrücke sollen uns bewegen. Unter fremden

Rassen werden wir uns noch enger aneinander geschlossen fühlen. Der

nächste Winter wird mit dir verbracht sein und das Frühjahr und all die

kommenden Jahre.

Die Sterne erloschen allmählich. Die wieder erweckten Dinge trugen die

Farbe des Traumes und des Todes. Sie hielten sich umschlungen und sahen

den Tag herandämmern. Sie war beglückt, aber in ihm blieb ein leiser

Geschmack von Niederlage bestehen. Er hatte diesen großen Schrei, der

alle Entschlüsse umwirft, nicht erlebt. Er selbst hatte es nicht

verstanden, dieses Wunder heraufzubeschwören.

So hatte er denn seine Ansprüche vermindern und schüchtern um ein

Almosen betteln müssen. Alle Kosten des Festes hatte er getragen; er

scheuchte diese Gedanken und wiegte sie in zärtliche Worte ein, um sie

zu betäuben. In dieser Schwäche, wie sie ihn zuweilen befiel, sprach er,

über sie gebeugt, unaufhörlich weiter. Sie lächelte und hob von Zeit zu

Zeit ihre Augen zu ihm auf. Seine Stimme wurde leiser. Ein Kamm entfiel

ihr, als ihr Kopf sich ein wenig mehr neigte. Da verstand er, daß sie

eingeschlafen war. Ein langsamer, regelmäßiger Atem hob ihre Brust.

Er betrachtete sie wie eine Unbekannte.

War es wirklich diese hier, gab es nicht anderswo eine Vollkommenere,

eine andere, die ihm diesen unschätzbaren Beweis gegeben hätte.

Die Morgenröte stieg herauf. Ein rosiges Leuchten durchzog die Höhen des

Himmels. Ganz nahe blies die Sirene eines Schiffes.

Der Name des Kontinents, den er zu bereisen sich vorgenommen hatte,

brannte in seiner Stirn. Eine Stadt, die in der Glut des Juli brodelte,

erfüllte sein inneres Auge. Mit allergrößter Vorsicht und Sorgfalt

verließ er seine süße Bürde; sie schlief immer noch. Er lehnte sie an

den Baum, der hinter der Bank stand, und erhob sich langsam ohne

Geräusch. Er setzte einen Fuß vor, dann den andern. Leise streckte er

das Bein, machte einen Schritt. Um seine Arme legten sich Stricke. Sein

ganzer Körper bebte. Eine Schwere wollte ihn unbeweglich machen, aber

eine unbesiegbare Kraft stieß ihn nach vorwärts. Wie ein Blinder

streckte er die Hände vor sich aus.

Jede seiner Bewegungen war ein Losreißen, seine Füße hatten starken

Widerstand niederzudrücken, als ob er durch Wasser ginge . . . der Atem

ging ihm aus. Ein belaubter Ast streifte ihn; er blieb stehen und ging

dann wieder, so kam er durch die ganze Allee, dann durch eine nächste

und schließlich schon mit festem Schritt durch eine dritte. Er öffnete

das Gitter, das schrecklich kreischte, begab sich auf die Straße und

begann, die Hände fest an die Ohren gepreßt, damit er nichts höre, zu

laufen, um das Schiff nicht zu versäumen, das bald abfahren sollte.

Das Gemeinsame · 第 8 / 15 题