Mitten in der Nacht war er aufgestanden, die Stirne schweißbedeckt, im
ganzen Körper schwere Müdigkeit. Mit offenen Augen starrte er ins
Dämmern der entsetzlichen Vision nach. Er hatte mit aller Kraft
versucht, seine Blicke auf die Gegenstände zu heften, die das Dunkel
mehr ahnen als sehen ließ, dann hatte er sich bis über den Hals in die
Wärme des Bettes zurückgeflüchtet, doch der hartnäckige Traum hatte ihn
von neuem ergriffen.
Er war kein Dutzendmensch, er glaubte an so manches, und um flüchtigste
Dinge stritt er mit Leidenschaft. Es gab Worte, die ihn berauschten; er
lächelte mit Behagen, wenn er sie aussprach. Man wußte, daß er sich mit
Ausdauer Arbeiten hingab, aber das Ziel seiner Bestrebungen und die
Ursache seiner Unruhe war den meisten Menschen unbekannt. Da ihm die
Gesetze der Ökonomie fremd waren, verausgabte er sich ohne Rücksicht auf
Nutzen. Sein Leben verbrannte um nichts, aber es glich einer Kerze vor
heiligem Bildnis in nächtlicher Kirche, denn ein heimliches Feuer wohnte
in ihm.
Wie alltäglich war er aufgestanden und hatte sich angekleidet. Er war
den gewohnten Gefährten seines Lebens begegnet, und sein Mund war stumm,
seine Blicke waren nirgends haften geblieben. Er hatte ein Buch und dann
noch eines durchgeblättert, sich gesetzt und wieder erhoben. Zwanzigmal
hatte er vom Fenster die Straße oder den Himmel nach geheimem Rat
befragt. Immer noch beherrschten ihn beängstigende Bilder.
O Mutter! Welche dunkle verhängnisvolle Macht hat es gewollt, daß du,
die du sanft, und ich, der so voll kindlicher Zärtlichkeit war, daß wir
niemals Seite an Seite leben konnten. Oh, du weißt nicht, wie groß meine
Verzweiflung war, wenn ich nach unseren beklagenswerten Zwistigkeiten
durch die Wand des Zimmers dein Weinen vernahm. Geliebte Mutter, schon
die Erinnerung an dein Antlitz läßt mich Tränen vergießen. Ach, wenn du
doch um die Zähigkeit meiner Reue wüßtest, die Heftigkeit meines
Schmerzes, wenn ich deiner gedenke! Du bist auf Erden das einzige Wesen,
das ich liebte. Und niemals sagte ich es dir, vielleicht auch wirst du
es niemals wissen. Ach, warum? Warum nur! Oft denke ich daran, daß ich
dich eines Tages verlieren muß. Ich sehe mich hinter deinen sterblichen
Resten schreiten, und solch eine Fülle von Trauer drückt auf mich
nieder, daß ich ganz mutlos werde. Wenn du gingest, ehe die letzten
Worte, die wir einander sagten, in der Wärme des Verzeihens auslöschten,
würde mein Schmerz zur Unerträglichkeit.
Aus unabweisbarem Verlangen, seine Unruhe zu überrennen, war er nach dem
Frühstück abgereist.
»Ist Ihnen eine schlechte Nachricht zugekommen?« hatte man ihn gefragt.
»Nein, ich muß meine Mutter aufsuchen, es ist weiter nichts . . . eine
Familienangelegenheit.«
* * * * *
Der Zug fuhr durch die Spätherbstlandschaft dahin, mitten durch tiefen
Schlaf, den er nicht aufstörte.
Es war schon lange her, daß er im Vielerlei der Geräusche und Bewegungen
den Bahnhof verlassen hatte. Seine Aufregung hatte die Blicke der
Zurückbleibenden auf sich gelenkt. Doch ohne Eile und mit aller Kraft
hatte er sie mit sich gezogen, bis sie den Körper dem Zuge nachbogen und
sogar Tränen aus ihren Augen traten. Die Blicke waren pfeilgleich, wie
lange Fäden aus gespanntem Bogen, durch die Luft gefolgt, bis sie einer
nach dem anderen zerrissen.
Ein wenig später hatte das Lokomotivenungeheuer, fröhlich pfeifend, die
offenen Felder erreicht.
Die Reisenden drängten die schon ferne Traurigkeit der Abfahrt in ihr
Gedächtnis zurück und musterten sich gegenseitig. Irgendwelche
Betrachtungen, Dank und Entschuldigung wechselnd, streckten sie ihre
Worte wie Hände einander entgegen. Die Reisenden, die noch eine weite
Fahrt vor sich hatten und die ganze Nacht im Abteil verbringen mußten,
nisteten sich sorgsam ein, standen auf, öffneten Taschen und veränderten
unaufhörlich ihre Lage.
Die Gespräche waren rasch verflattert, hatten sich schließlich auf zwei
oder drei Reisende beschränkt, einige Worte waren noch durch die Tür
entflogen, dann war nichts mehr hörbar, als das Hineilen des Zuges,
Pfeifen, der Lärm der Räder, des Puffers, der Achsen und Bremsen.
Männer und Frauen schlummerten in der drückenden Schwüle des Abteils.
* * * * *
Er war es, der seine Worte sparte und seine ganze Aufmerksamkeit der
Landschaft zuwandte, wie sie ihm der dahineilende, in den Stationen nur
atemholende Zug aufrollte.
Der Strahl des Sonnenunterganges veränderte alle Dinge, als sein Auge
wieder die kleine Haltestelle wahrnahm, die in der Landschaft verloren
dalag. Gewöhnlich kam man nicht mit diesem Zuge, man zog den rascheren
Abendzug vor.
Niemand außer ihm stieg aus, niemand stieg ein. Aus den Türen beugten
sich neugierig einige Köpfe vor, wenige Schritte weit trug er noch die
Erinnerung der Gesichter mit, denen sein Blick begegnet war.
Keinerlei Gefährt wartete am Ausgang. So hatte er denn eine gute
Wegstunde vor sich. Er schloß die Augen und sog diese reine Luft ein,
die ihm nun wiedergegeben war. »Vorwärts also!« Er machte sich auf den
Weg.
Die letzte Abendröte des Himmels kämpfte gegen große Massen violetten
Dunkels. Ein rosiges, hinsterbendes Licht färbte die Straßen, die
Wiesen, die aufgepflügten Äcker und die abgemähten Felder. Die
Landstraße ging bergab, bergan.
Er war bisher gegangen, ohne rings etwas zu sehen, bis die Abendfrische
ihn frösteln machte und er seine Augen hob, um sie selbsttätig
umherschweifen zu lassen. Rasch gab er ihrer Neugier nach. Er stand an
der Flanke eines Hügels, der ein Tal überragte. In der Ebene unten sah
er am Rande eines gelbgoldigen Flußbettes einen Maierhof mit seinen
Nebengebäuden. Ein fast unsichtbarer Rauch stieg langsam gegen den
Himmel, der nun in blassem Blau schimmerte; eine kaum fühlbare Brise
hatte die Wolken hinweggefegt.
Er war ergriffen. Soweit Auge und Ohr reichen konnten, stieg etwas
Lächelndes und Friedliches mit dem durchsichtigen Rauch hinan -- stieg
-- denn es war nichts Bewegungsloses, wie etwa eine lastende Ruhe auf
der Erde, sondern ein Lebendiges, ein Lebhaftes und Strahlendes, das an
eine sehr langsame und feiervolle Himmelfahrt gemahnte. Das ganze
Weltall war nur mehr ein wohl angemessener Rahmen um dieses Schauspiel,
und die Bäume, die in ihre Blätter eingenistet waren, schienen eine
Freude, uralt und unergründlich wie die Welt selbst, in sich zu wahren.
Er setzte sich auf die Böschung, pflückte ein Gras und kaute daran. Dann
glaubte er das Geräusch eines Wagens zu vernehmen und erhob sich.
Er durchquerte einen kleinen Fichtenwald, der so dunkel war, daß er
unwillkürlich seine Hände aus der Tasche zog. Er drehte den Kopf nach
rechts und nach links. Er lebte mit einemmal in einer Art Exzeß im
Innersten seines Ichs. Einmal wandte er sich aufmerksam, horchte auf und
ward lebhaft bewegt. Er hatte schon den Wald verlassen, als er, die
Augen aufschlagend, auf dem Gipfel einer kahlen Erhöhung einen Baum
entdeckte, einsam und riesenhaft, der sich sehr stark von jenem Teil des
Himmels abhob, wo die letzten Strahlen der Sonne verdämmerten, und der
wie in tragischer Geste seine Zweige in alle Richtungen warf. Ein
unangenehmer Eindruck machte sich ihm fühlbar, und er sah die
nächtlichen Bilder wieder. Gelesenes, das von Vorahnungen handelte, die
später die Tatsachen bestätigten und die ihm nichtssagend erschienen
waren, gingen ihm aufs neue durch den Kopf. Sein Urteilsvermögen
beschäftigte sich nicht mit diesen Geschichten, sein Verstand hatte
nichts übrig für sie. Wenn sie auch plötzlich an der Oberfläche seiner
Erinnerungen erschienen, er schenkte ihnen deshalb nicht mehr
Aufmerksamkeit. Aber hinter den Gedanken, die in seiner Stirn lebten,
nahe den Augen oder ferner, vielleicht viel ferner, meinte er unklar das
Vorhandensein einer drückenden Erinnerung zu spüren.
Die Nacht war herabgesunken. Er schritt hin und dachte dabei, daß der
Mensch im Dämmern beseelter sei. Ein Gefühl voll Ernst und Tiefe erregte
ihn. Er fühlte sich einer Majestät zugehörig, die er sich fortan zu
wahren versprach. Er bedauerte, so oft knabenhaft, ja selbst frivol
gewesen zu sein. Wie hatte er sich doch diesen schalen Vergnügungen
hingeben können! Er dachte mit Verachtung und Unbehagen an diese
fraglichen Gefährten seiner Zerstreuungen.
Nun näherte er sich. Hier war es, wo er im dichten Gras, unweit des
Grenzsteines, auf den er sich, um zu lesen, gesetzt, eine kleine Schere
verloren hatte, ein Andenken, das ihm lieb war, und während er so
hinging, forschte er das Dunkel ab. Das Glockengeläute kam bis zu ihm
heran. Er erbebte: schon so nahe war er! Da hatte er Angst, und seine
Brust schnürte sich zusammen. Er horchte erschrocken. Ein Begräbnis oder
eine Hochzeit? Wer kann das unterscheiden! Als er klein war, hatte er,
zum Fenster hinausgelehnt, oft diesen Glocken gelauscht. Er war nur Kind
gewesen, und schon hatte Unzufriedenheit in seinem Gemüt gewohnt. Die
Stirn an die Scheiben gepreßt, hatte er bei Einbruch der Nacht die
Bäume, hauptsächlich jene Akazie betrachtet, die sie alle überragte. Die
Gärten waren voller Schatten gewesen, und wenn er die Augen hob, hatte
er die Unendlichkeit grenzenlos vor sich herfliehen gefühlt. Anders als
mit dem Gedanken hätte er diesen Raum füllen wollen, über den Hügeln
schweben mögen, um für immer sein Leben jenem Zentrum des Weltalls zu
verschwistern, das seine Augen und sein Instinkt da oben im funkelnden
Himmel errichtet hatten. Er hatte vor Traurigkeit gefroren, ein so
Geringes gegenüber dem Großen zu sein, das er ahnte. Seine Mutter hatte
ihn dann gerufen: diese gütige Lampe, die willkommenbietende, der
Anblick der vertrauten Möbel beschwichtigten bald in ihm die Bedrückung,
die die Weite und der Abend ausgeströmt.
Seither hatte er den Vorsatz und dann die Gewohnheit angenommen, sich
zwecklose Betrachtungen zu untersagen. Die Stadtglocken beunruhigten ihn
längst nicht mehr, und er verhöhnte böse jede romantische Schwermut.
Wenn es ihm dennoch manches Abends widerfuhr, unbeweglich im Dunkel am
Fenster zu sitzen, bis er allmählich alle Erdenschwere verlor, so
geschah dies in einer fortgesetzten Steigerung seiner Seele nach oben,
in einem Aufschwellen seines ganzen Wesens, das nach jeder Rückkehr in
sich selbst die Fülle der Gegenwart wieder entdeckte.
Vor ihm strahlten Lichter auf. Dies war der Marktflecken, den seine
Mutter bewohnte. Von seiner Höhe überragte er ein ganzes Gebiet von
Ebenen, Flüssen und weißen Landstraßen. Die Häuser wuchsen mit dem
Felsen zusammen, der sie trug. Die Kirche war ganz oben, Gott so nahe
als möglich.
Er kam durch einen Garten, wo Wäsche aufgehängt war. Die Unzahl der
Sterne machte den Schatten durchscheinend, und man sah, wie die
Grashalme sich regten. Er vernahm ein Geräusch. Ein ihm unbekannter Hund
sprang aus seiner Hütte, schnupperte an ihm, ohne zu bellen. Eine große
Angst übermannte ihn. Mit jedem Blick in diesen Garten, der ihm so
vertraut gewesen, lächelte ihm eine Erinnerung, die in seinem Gedächtnis
schlummerte. Die Dinge schienen ihm da so voll von einem verborgenen,
fremdartigen Leben, das er nie vermutet hatte. Er hielt inne, und
sogleich ward er der unendlichen Stille der Nacht in all ihrer Größe
bewußt. Ja, vielleicht war es die Gewalt dieser Ruhe gewesen, die seinen
Schritten Einhalt geboten. Lange sog er den Duft ein, dem die Kühle der
Stunde eine unirdische Reinheit verlieh.
Als er die Hand auf die Türklinke legte, kam wieder alle Angst über ihn.
Irgend etwas ging für ihn von dieser Tür aus, eine Art feindseliger
Gegenwart. Er öffnete die Tür, durchschritt den von einer Petroleumlampe
erhellten Gang und stieg die Treppe hinan. Der staubige Althäusergeruch
erweckte manche Erinnerung in ihm. Vom ersten Stock vernahm er
Kinderlachen, und er blieb stehen, weniger um zu horchen, als um einen
Augenblick noch zu zögern. Sein Herz schlug sehr stark, und eine
plötzliche Müdigkeit machte seine Knie zittern. Aus Furcht, überrascht
zu werden, schritt er weiter. Die zweite und letzte Lampe des
Stiegenhauses ward sichtbar. Da sie qualmte, drehte er sie herunter. Bei
jedem Schritt wurden ihm die Schuhe schwerer. Er blieb oft stehen und
sah, die Hand auf dem Gitter, in den Schacht der Treppe oder in sich
selbst hinab. Wieder durchlebte er seinen nächtlichen Traum, der gewiß
tragischer war als alle Wirklichkeit. Sicherlich hatte er noch große
Angst vor dem, was er gesehen hatte, aber bald hatte er sich wieder in
der Gewalt; und wenn er es ersehnt hatte, seine Mutter zu sehen, so
geschah das aus Gründen, die schließlich mit jener nächtlichen Episode
nichts zu tun hatten. Eine Gewißheit würgte ihn jetzt. Er würde eine
bedrückende Nachricht vernehmen. Aber was? . . . Was? . . . Oh, was denn
nur?
Aber dies geruhsame Haus, in dem gelacht wurde, schien kein solches
Drama erlebt zu haben. War indes dieser Friede, einzig von der
Unterhaltung der Kinder unterbrochen, nicht ein neuer Beweis? Er stellte
sich in diesem Augenblick die Wohnung seiner Mutter vor. Fremde gingen
von einem Zimmer ins andere und sprachen mit gedämpften Stimmen. Von
neuem erschien ihm ein quälendes Bild. Auf den Fußspitzen stieg er die
letzten Stufen empor. Er horchte, an die Tür gedrängt; unten ging wieder
das Lachen an. Seine Brust war ihm wie in zu enger Kleidung
eingeschnürt, sein Hals, wie umdrosselt, tat ihm weh. Er strich über die
Tür hin, denn es war eher ein Streichen als ein Klopfen und ein so
leises, daß kaum die ängstliche Schwinge eines Vögelchens davor
erschrocken wäre. Er wartete. Nichts. Er war darüber froh, bedeutete es
doch eine Gnadenfrist. Da er nun alles erfahren würde, hatte er keine
Eile. Er atmete leise, mit Methode und besonderem Genuß, so wie man
etwas kostet, das man liebt. Es war finster, aber wenn er den Blick hob,
sah er durch eine Scheibe ein großes Stück gestirnten Himmels und
erkannte das Sternbild der Kassiopeia. Wie Wasser vom Springbrunnen fiel
die unendliche Stille von den vier Türen des Flures, und er blieb
unbeweglich stehen, über sich das Raunen nächtlicher Mächte. Er wußte
wohl, daß man sein Klopfen nicht gehört haben konnte, aber er wartete
noch, um die Zeit, da noch Zweifel gestattet war, auszudehnen. Dies
dauerte kaum einige Sekunden. Nun klopfte er entschlossen und erschrak
über das Geräusch. Da rührte es sich, man kam. Die Tür wurde geöffnet,
und ein großes Viereck von Licht fiel in das Dunkel. Seine Mutter stand
vor ihm. Er zitterte vor Staunen und konnte kein Wort hervorbringen.
»Du bist es!« sagte sie mit leisem Zurückweichen. Und als er mit
gesenktem Kopf verharrte: »So tritt doch ein.«
Sie hatten kaum zwanzig Worte miteinander gewechselt.
Seine Mutter hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und nähte unter der
Lampe. Sie beobachtete eine scheue Zurückhaltung und wartete auf die
Worte, die er hartnäckig unterdrückte, wie man auf einen Chok wartet.
Und sie sammelte ihre Gedanken zum Widerstand.
Er saß abseits vom Tische. Die Lampe, deren tütenförmiger Schirm das
Licht dämpfte, beleuchtete nur seine Hände und Knie. Sein ganzer
Oberkörper verlor sich im Dunkel, das der unsichtbare Plafond nicht
aufhielt. Und für Augenblicke floh er in dies Dunkel so tief und lange
hinein, daß das Zurückfinden in dies Zimmer, in dem er saß, und vor
diese Dinge, in die Wirklichkeit dieser Lampe, für ihn das Erlebnis
einer tatsächlichen Rückkehr bedeutete. Seine Mutter war da. Er konnte
ihr stilles Antlitz betrachten, ihre schönen grauen Haare, ihre hellen
Augen, die unmittelbar ihre ganze Seele ausdrückten. Von der Lampe
strahlte eine stille Glückseligkeit aus, und wenn er den Blick ihr
zuwandte, war er von einem unvergleichlichen Wohlsein umfangen. Er
rekelte sich vor Zufriedenheit. Im Geist sah er die Gesichter seiner
Freunde. Nie hatte er sie so geliebt. Er lächelte ihnen zu, als ob sie
gegenwärtig wären. Wie freudig hätte er jenem, der ihm so viel Übles
angetan, jetzt einen festen verzeihenden Händedruck gespendet. Sein
ganzes Wesen zerschmolz im Verlangen, gut zu sein.
Er hatte einen lächerlichen Traum gehabt. Seine Mutter! Seine gute
Mutter, die er so sehr liebte! Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.
Selbstsüchtig genoß er seine unbegründete Angst. Er schob den Augenblick
des Gefühlsergusses hinaus, ja, er bedurfte nicht mehr dieser Entladung.
Nur mit den Lippen antwortete er auf die Fragen, die ihm seine Mutter
stellte, ohne daß hinter seinen Worten sein heimlicher Gedankengang
unterbrochen wurde.
Aber einen Augenblick schwieg er so andauernd, daß seine Mutter ihn
ansah. Und da er seiner Tränen sich nicht mehr enthalten konnte, da ein
unüberwindliches Schluchzen seinen Hals aufschwellte, streckte seine
Mutter ihm die Arme entgegen: »Lieber Junge! Dir ist vergeben, weil du
heimgekehrt bist.«
Und er verschwieg seinen Traum.