Drew jemals gehen oder auch nur aufrecht stehen konnte, er konnte
sich vielmehr während seines ganzen Lebens nur auf der Erde liegend
fortbewegen. Trotz dieser furchtbaren Situation erfreute er sich aber
einer guten Gesundheit und eines recht urwüchsigen Humors, der ihm über
seine körperliche Misère hinaushalf.
Durch eine besondere Vorrichtung an den Füssen ermöglichte er es,
zwei Trommelstöcke zu halten und sich zu einem Trommel-Virtuosen
herauszubilden (daher auch das Prädicat »Drum«-Major, gleich Trommel-
oder Tambour-Major). Auch schrieb er mit den Füssen und war ein
tüchtiger Zeichner. Für viele Jahre war er gezwungen, sich seinen
Lebensunterhalt durch öffentliche Schaustellung zu erwerben, und waren
auch für ihn die Museen etc. die Rettungs-Anstalten, die ihn vor dem
Armenhause bewahrten.
[Illustration]
Miss Bella Carter
das Mädchen mit der Pferdemähne.
Welch fabelhafte Blüthen der Speculationsgeist der Amerikaner zu
treiben vermag, beweist das »Mädchen mit der Pferdemähne«.
Bella Carter, ein recht hübsches Mädchen von etwa 22 bis 23 Jahren,
ist in Port Huron, Michigan (Amerika) geboren, wo sie bis zum Jahre
1889 »unentdeckt« bei ihrer Mutter lebte. Da hörte ein »findiger«
Impresario von ihr und -- dass sie ein behaartes _Muttermal_ von
ausserordentlicher Grösse auf dem Rücken habe. (Muttermale sind fast
ohne Ausnahme bald mehr, bald weniger behaart. Im Volksmunde werden
sie nicht selten »Mäuse« genannt und ihre Entstehung dem »Versehen«
an einer Maus zugeschrieben, über die sich die Mutter während der
Schwangerschaft mit dem Kinde erschreckt habe. Während aber die
Behaarung dieser Mäuse meistens plüschartig und weich ist, sind die
Haare auf Bella Carter's Muttermal drahtartig-hart und ca. 12-14 Zoll
lang.)
Sofort stattete der Impresario Mutter und Tochter eine
Recognoscirungs-Visite ab und nachdem er das Muttermal mit der
allerdings ungewöhnlich üppigen Behaarung gesehen hatte, machte
er Beiden den Vorschlag, Miss Bella gegen ein wöchentliches Fixum
öffentlich zeigen zu wollen, ein Vorschlag, der von Mutter und Tochter
sofort acceptirt wurde, da sie in nur ärmlichen Verhältnissen lebten.
Das »Mädchen mit der Pferdemähne« war entdeckt, und war die
Uebertreibung auch eine geradezu »phänomenale«, so war der Erfolg doch
ein so guter, dass Miss Bella heute noch für eine bewährte Zug-Nummer
gilt, die in Amerika überall gerne engagirt wird.
[Illustration]
Auch nach Europa wurde das »Mädchen mit der Pferdemähne« überführt,
da aber ihre Ausstellung im Berliner Passage-Panopticum _absolut
erfolglos_ war, so stand der Impresario von jeder weiteren Ausstellung
ab und kehrte mit seinem »star« nach Amerika zurück. (Das Cliché zeigt
Miss Carter während der Vorführung.)
[Illustration]
Der Hindu »Laloo«
ist eines der grössten Phänomen, die jemals existirt haben. Aus seiner
Brust ist nämlich der vollständig entwickelte Körper eines Mädchens,
dem jedoch der Kopf fehlt, herausgewachsen und von sämmtlichen Aerzten,
die Untersuchungen anstellten, wird behauptet, dass der Kopf sich _in
der Brust_ Laloo's befinde. Er wurde 1882 zur indischen Ausstellung
nach London gebracht und nach Beendigung derselben in sämmtlichen
Universitäten, Museen etc. Gross-Britanniens mit ganz colossalem Erfolg
ausgestellt.
[Illustration]
Nach dieser neunjährigen Tournée wurde Laloo von der Direction des
Berliner Passage-Panopticums für einen Monat engagirt, das Engagement
wurde jedoch des colossalen Erfolges wegen um weitere fünf Monate
verlängert und wäre noch weiter verlängert worden, hätte der
Impresario bereits früher eingegangene Verpflichtungen in Amerika noch
länger verschieben können.
In Berlin erhielt der Impresario eine _Monats_-Gage von 2000 Mark,
vom Prof. E. M. Worth, dem Besitzer des Palace-Museums in New York
(des grössten und elegantesten Panopticums und Variété-Theaters der
Welt) bezog derselbe jedoch während sechs Monate ab 1. October 1891
eine _Wochen_-Gage von 700 Dollars (etwa 2950 Mark) ausser dem Verkauf
der Photos und Biographieen, der ihm auch noch einen wöchentlichen
Reingewinn -- nach seiner eigenen Aussage -- von etwa 125 Dollars
eintrug.
[Illustration]
Laloo ist in ganz Amerika gezeigt worden, denn das Phänomen war auch
längere Zeit für Barnum & Bailey's »Greatest Show on Earth« engagirt.
Laloo ist jetzt etwa 27 Jahre alt, sehr intelligent, spricht mehrere
Sprachen und ist ein »bildhübscher« Mann, der sich viel in guter
Gesellschaft bewegt und überall gern gelitten ist.
Seit 1894 ist er mit einer sehr hübschen und gebildeten jungen
Deutschen aus Philadelphia verheirathet. Das Ehepaar soll sehr
glücklich leben und Laloo seine Gattin mit Diamanten und sonstigen
werthvollen Geschenken förmlich überschütten. Trotz seines grossen
Reichthums tritt er noch immer öffentlich auf und seine junge Frau
begleitet ihn auf allen seinen Reisen.
[Illustration]
Monroe
der verknöcherte Afrikaner
ist ein unlösbares medicinisches Räthsel und zugleich eine Abnormität,
die Jeder mit Wehmuth betrachtet.
Jetzt etwa vierundfünfzig Jahre alt, war er bis zu seinem
zweiunddreissigsten Lebensjahre ein gesunder, kräftiger Mann von
gebräunter Hautfarbe, glücklicher Ehegatte und Vater von drei Kindern,
und functionirte als Schaffner an der New York Central-Railway.
Im Jahre 1875 wurde er Nachts von einem Frachtenzuge hinabgeworfen,
und da das Unglück von Niemandem bemerkt worden war, blieb er schwer
verwundet im Schnee liegen. Als er vermisst und aufgesucht wurde, da
fand man den völlig erstarrten Körper endlich und den Bemühungen der
Aerzte gelang es, ihn nicht nur wieder ins Leben zurückzurufen, sondern
es ihm auch zu erhalten.
Infolge des Sturzes und der furchtbaren Erkältung traten jedoch nicht
nur Gelenk-Entzündungen, sondern gleichzeitig auch Rheumatismus
bei Monroe auf, die eine sich über den ganzen Körper verbreitende
Ossification (Verknöcherung) zur Folge hatten. Sechs Jahre konnte der
Unglückliche sein Bett nicht verlassen und seit dieser Zeit ist er
nur noch ein lebendes unbewegliches Skelet, das, als wäre es aus Holz
gearbeitet, aufgehoben, umhergetragen und wieder niedergelegt werden
muss; doch empfindet er nicht die geringsten Schmerzen, ist stets
heiter und zum Scherzen aufgelegt und giebt bei seinen Vorführungen
selbst den Vortrag über sich. Trotzdem er reichliche substantielle
Nahrung zu sich nimmt und auch gut schläft, wiegt er doch nur
zweiundsechzig Pfund.
[Illustration]
Seit etwa elf Jahren wurde Monroe in Museen etc. gezeigt, da er
jedoch stets hohe Gagen bezog, so hat er sich nicht nur eine hübsche
Besitzung unweit Buffalo (Amerika), sondern auch ein kleines
Baar-Vermögen erworben, das ihm gestattet, sich aus der Oeffentlichkeit
zurückzuziehen und als glücklicher Gatte und Vater im Kreise seiner
Familie leben zu können.
[Illustration]
Ada Russel
die Albino-Dame
ist keine bedeutende Attraction, da es namentlich in Amerika sehr viele
Albinos giebt. Beide Eltern sowie ihre sechs Geschwister haben brünette
Hautfarbe und schwarze Haare und Augen, sie dagegen hat schneeweisse
Haare, eine weisse, durchsichtige Haut wie Alabaster und rosarothe
Augen.
[Illustration]
Miss Ada hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und ist eine
recht gute Sängerin. Seit mehreren Jahren tritt sie in Museen etc. auf
und schafft sich auf diese Weise eine sorgenlose Existenz. Sie ist 1873
in Michigan (Amerika) geboren, wo ihr Vater noch jetzt Schullehrer ist.
[Illustration]
W. Le Roy
der Nagelkönig
ist _keine_ Abnormität im eigentlichsten Sinne, unter den
»Zahn-Athleten« aber ist er unbestritten eine solche, denn er hat ein
Gebiss, wie aus bestem Stahl gefertigt. Er nimmt z. B. zwei bis drei
Zoll lange Nägel zwischen die Zähne und stösst sie mit diesen durch
aufeinanderliegende ein bis zwei Zoll dicke Bretter, die er auf diese
etwas ungewöhnliche Weise zusammennagelt; die Nägel zieht er aber
auch unter den verschiedensten Stellungen des Körpers wieder mit den
Zähnen, die ihm dabei als Zange dienen, heraus. Sein Haupt-Tric aber
ist folgender: Er schlägt mit einem Hammer eine etwa zwei Zoll lange,
dicke Holzschraube durch ein einzölliges Brett, befestigt dieses dann
in einem für diesen Zweck eingerichtetes Gestell, und, den Körper
rückwärts überbiegend -- siehe das Cliché -- zieht er die Schraube
mit den Zähnen wieder aus dem Brett heraus. Es ist dies eine geradezu
phänomenale Kraftleistung, und offerirt Le Roy demjenigen 500 Dollar,
der die Schraube mit einer Zange herauszieht, was bisher jedoch noch
Niemandem gelungen ist.
[Illustration]
[Illustration]
Er ist in Cincinnati (Ohio) geboren, jetzt etwa siebenundzwanzig Jahre
alt und eine grosse, äusserst kräftige Gestalt. Seine seltsame Kunst
producirt er in Museen und auf Specialitäten-Bühnen und bezieht stets
bedeutende Gagen.
[Illustration]
Rham-a-Sama
der »wilde« Mensch
ist in Bolton bei Liverpool in England geboren, jetzt etwa 38 Jahre
alt und ursprünglich gelernter Tischler. Als solcher arbeitete er
bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre, erregte aber wegen seines
colossalen Haarwuchses so allgemeines Aufsehen, dass er vom Director
W. Mercer, Besitzer des Palace-Museums in Liverpool, engagirt und als
»Haarmensch« gezeigt wurde. Als solcher reiste er dann auch während
mehrerer Jahre in Grossbritannien umher, wurde jedoch 1894 von dem
findigen Menageriebesitzer Frank Bostock für fünf Jahre engagirt
und mit dessen Menagerie nach Amerika genommen. Nachdem er sich die
höchste Potenz des »Brüllens« und Umherrasens angeeignet hatte und
zweckentsprechend herausgeputzt war, wurde er in einen _eisernen_ Käfig
gesteckt und als das fehlende Verbindungsglied zwischen dem Affen- und
Menschengeschlecht (nach Darwin) gezeigt.
[Illustration]
Der Humbug zog jedoch in Amerika nicht mehr, denn der Haarmensch
Kra-o hatte das Geschäft als bisher fehlendes Glied zwischen Affen
und Menschen dort zu sehr ausgebeutet und infolge weiten Gewissens
sandte Frank Bostock den »wilden« Menschen wieder nach England zurück.
Derselbe wurde dann nach Hamburg engagirt, ging später für zwei Jahre
mit einem französischen Impresario auf Tournée und kehrte kürzlich
bettelarm in seinen Heimathsort zurück.
Rham-a-Sama ist verheirathet und Vater dreier Kinder, hat aber trotz
seines oft recht bedeutenden Einkommens nicht im geringsten für seine
eigene Zukunft, noch viel weniger für den Unterhalt seiner Familie
gesorgt und ist nun als ein recht verkommenes Subject auch sonst eine
Abnormität.
[Illustration]
Frank Home und George Moore
die urkomischen Boxer.
Die Komik dieser beiden jungen Männer, deren Körperformen die
schroffsten Gegensätze bilden, ist bei ihren »Boxer-Productionen« eine
zwerchfellerschütternde.
Frank Home, der Sohn eines Zimmermanns, ist aus Ohio, etwa
vierundzwanzig Jahre alt, fünf Fuss und zwei Zoll hoch, aber 412
Pfund schwer und George Moore, eines Uhrmachers Sohn, ist aus Helena
(Nord-Amerika), etwa zweiundzwanzig Jahre alt, sechs Fuss und einen
Zoll hoch, aber nur 84 Pfund schwer.
Dieser Gegensätze wegen reisten Beide jahrelang zusammen und zeigten
sich in Museen, bei Circus-Gesellschaften etc. Da Beiden von den
Aerzten viel Bewegung empfohlen worden war, so kamen sie endlich auf
den Gedanken, sich im »Boxen« zu üben und führten ihn auch aus, indem
sie in ihrer freien Zeit in ihrem Zimmer die einschlägigen Exercitien
vornahmen.
Von diesen hörte zufällig der Manager vom Ringling Bros. Circus, bei
dem sie engagirt waren, und eines Tages wohnte er, um sich einen Spass
zu machen, diesen Exercitien bei, aber schon nach dem dritten Gange
offerirte er den Beiden einen Gagenzuschuss von fünfundzwanzig Dollars
per Woche, wenn sie sich auch in den Vorstellungen vor dem Publicum
boxen würden -- sie waren bisher nur passive Schaunummern gewesen.
[Illustration]
Der »Lange« wie der »Kurze« gingen mit Freuden auf dieses Anerbieten
ein und schon der erste »match« erregte bei dem Publicum einen solchen
Sturm der Heiterkeit, dass sie fortan die erste Attraction des Circus
waren. Darüber sind jetzt etwa fünf Jahre vergangen und in dieser
Zeit haben sich die beiden jungen Männer ein ansehnliches Vermögen
zusammen»geklopft«.
[Illustration]
Die gefleckten Mädchen
(the spotted Girls)
sind in Süd-Carolina, Nord-Amerika, von ganz armen Neger-Eltern geboren
und blieben jahrelang unter der Bevölkerung unbeachtet.
Als vor etwa elf Jahren der Circus des »Pawne Bill« (Lilian Gordon)
auch Carolina bereiste, da hörte der Akrobat Harry Mack zufällig von
den »scheckigen Mädchen« und als er dieselben gesehen und erkannt
hatte, dass sich mit den Kindern »Geld machen« liess, da machte er mit
den Eltern derselben Contract auf zehn Jahre und sie erhielten nur eine
wöchentliche Entschädigung von -- so sagt man -- fünf Dollar, da sie
froh waren, den Erziehungssorgen der Kinder überhoben zu sein.
[Illustration]
Mr. Mack hatte richtig speculirt, denn er hat während der zehn Jahre
an Gagen ein Vermögen erhalten, da er die Kinder stets gegen grosses
Honorar in den bedeutendsten Museen etc. ausstellte. Während dieser
Zeit hatte er die Mädchen zu Akrobatinnen und Tänzerinnen ausgebildet
und sind besonders die beiden ältesten Schwestern, Maggi und Rosa,
bedeutend in diesen Fächern.
Auch nach Europa brachte Mr. Mack die Mädchen und waren dieselben
während des Winters 1895/96 in Castan's Panopticum in Berlin für eine
Monatsgage von 4000 Mark engagirt, doch war die Anziehungskraft der
»Cannibalen« eine nur ganz unbedeutende, so dass eine Prolongation des
Contractes nicht erfolgte. Auf der Tournée in Deutschland verliebte
sich ein junger Deutscher in die älteste Schwester und am 23. October
1896 fand die Hochzeit in London statt.
Da sie überaus gleichmässig, fast symmetrisch gefleckt sind, so
sind sie eine bedeutende Attraction, während andere gefleckte Neger
beiderlei Geschlechter, deren es eine ziemliche Anzahl giebt, meistens
recht abstossend aussehen.
[Illustration]
George Williams
der Schildkröten-Knabe
(the Turtle-Boy) ist nicht nur eine der bekanntesten Abnormitäten,
sondern auch die entschieden beliebteste in ganz Amerika.
»George« ist am 17. August 1871 in Arkansas geboren. Seine
Eltern, tiefschwarze Neger, waren früher Sklaven, die sich ihren
Lebensunterhalt auch später noch durch schwere Arbeiten recht
kümmerlich erwerben mussten.
Er ist, wie das Cliché zeigt, ein Zwerg, jedoch so verkrüppelt, dass er
von Kindheit an weder stehen, noch gehen, sondern sich nur kriechend,
allerdings mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewandtheit, vorwärts
bewegen konnte. Trotzdem erfreut er sich der besten Gesundheit und
eines wahrhaft übersprudelnden kaustischen Humors, dem er auch als
incarnirter Politiker ungenirt die Zügel schiessen lässt; werden
staatliche Institutionen discutirt -- dann schont er den Präsidenten
der Vereinigten Staaten ebensowenig, wie den untergeordnetsten
Communalbeamten mit seinen satyrischen Witzeleien.
Wo »Turtle-George« auch auftritt, überall ist er der Cassen-Magnet und
sein Podium stets von Besuchern umdrängt, und ist er auch jedem Kinde
bekannt, so lässt seine Anziehungskraft doch nicht nach -- ausser
Engagement ist er nie. -- Er ist sehr musikalisch, singt gut und ist
Virtuose auf der Mundharmonika.
[Illustration]
Im Jahre 1895 hat er sich mit einem netten »weissen« Mädchen in
New-York verheirathet und soll recht glücklich mit der jungen Gattin
leben.
[Illustration]
Madame Taylor
die »Bart-Dame«
die den Vorzug hat, die Einzige mit grauem Barte zu sein, ist im Jahre
1832 in Lincoln in Nord-Amerika als Tochter kleiner Bürgersleute
geboren. Da sich schon in ihrer frühesten Jugend die Spuren eines
Bartes bei ihr zeigten, so barbierte sie sich selbst heimlich, um
Niemanden in ihr »Geheimniss« einweihen zu müssen, als sie aber in
ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre beide Eltern verlor und ganz
mittellos war, da entschloss sie sich, ihren Bart wachsen und sich als
»Bartdame« sehen zu lassen. Sie trat im Jahre 1862 zum ersten Male
öffentlich auf, und da in jener Zeit nur wenig Abnormitäten bekannt
waren, so hatte sie colossalen Erfolg.
[Illustration]
In ihrem zweiunddreissigsten Lebensjahre verheirathete sie sich und
zog sich für einige Jahre als Schau-Object aus der Oeffentlichkeit
zurück, war jedoch durch Umstände gezwungen, nochmals eine Tournée
zu unternehmen, von der sie sich erst 1892 wieder ins Privatleben
zurückzog, und da sie sich genügende Mittel erspart hat, so kann sie
bis an ihr Lebensende sorglos leben.
[Illustration]
Das Bärenweib
hat seit 1895 ausserordentliches Aufsehen erregt und war für nahezu
zwei Jahre auch die Haupt-Attraction in Castan's Panopticum zu Berlin.
[Illustration]
Dass diese Frau mit einem Bären nichts gemein hat (ausgenommen das
schöne Bärenfell, das sie über dem Tricot-Anzuge trägt), ist wohl
ebenso begreiflich, wie es unbegreiflich ist, dass das Publicum
sich einen so colossalen »Bären aufbinden« liess, indem es einen
bei Lichte betrachtet ziemlich plump inscenirten Mummenschanz für
unverfälschte Natur nahm und anstaunte. Wenn dieses Wesen nach
Professor Virchow's Angabe auch eine ganz seltene Abnormität ist,
so ist der Titel »Bärenweib« doch durchaus ungerechtfertigt. Die
Abnormität besteht nämlich darin, dass sich die Ellenbogen ganz dicht
bei den Handgelenken und die Knie ganz dicht bei den Knöcheln befinden.
Dadurch ist allerdings eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit einem Bären
hervorgebracht, aber nur, so lange das »Bärenweib« sich auf Händen
und Füssen fortbewegt, also nur während der Vorführung; ist diese
aber beendet, so geht es gerade so gut aufrecht, wie jeder andere
_gewöhnliche_ Sterbliche.
Wo die Frau geboren ist, ist unbekannt. Seit etwa 1880 ist sie mit
ihrer Mutter, die ebenso missgestaltet ist wie die Tochter, zusammen
in ganz Amerika ausgestellt worden, und Beide waren stets gesuchte
Schau-Objecte.
Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib
doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten
Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben
das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb.
Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die
einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit«
vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard
Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten«
Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«.
[Illustration]
Mr. Rannie
der Mann mit der eisernen Haut
ist ein echter Singhalese aus Ceylon, der wegen seiner
Unempfindlichkeit obiges Epitheton mit Recht verdient. Er wurde am
3. Juli 1866 auf Ceylon geboren und war als 17. Kind erst der 4. Junge.
Mit dem deutschen Circus Anna Willison kam er im Alter von 10 Jahren
nach Europa und ist seitdem in den meisten Grossstädten, theils im
Variété, theils im Panopticum, ebenso auch vor dem König Albert von
Sachsen und vielen anderen Fürstlichkeiten aufgetreten.
Rannie tritt in einem farbenbunten, orientalischen Costüm auf, das
die Beine von den Knieen abwärts und die Arme freilässt; seine
Unempfindlichkeit zeigt er nun auf mannigfache Weise. Zunächst besteigt
er -- die Augen verbunden und auf dem Kopfe eine Lampe balancirend --
eine Doppelleiter, deren Sprossen auf der einen Seite aus ziemlich
scharf geschliffenen Säbeln, auf der anderen aus breiten Messerklingen
hergestellt sind. Langsam steigt er über die schmalen Sprossen hinauf
und herunter, indem er vorsichtig die nackte Sohle der Länge nach auf
die Sprossen mehr schiebt als setzt. Dann kommt eine Production auf
einem grossen, dicht mit starken Nägeln bespickten Brette; er stützt
sich, das Kreuz hohl gemacht, mit Händen und Füssen auf das spitzige
Lager, lässt ein Brett auf sich legen und dieses mit vier Männern
belasten. Dann springt er von einem Tische durch einen Reifen, an
dessen innerer Peripherie kurze Säbelklingen angebracht sind, auf
das mit Nägeln beschlagene Brett. Hierauf wird eine grosse Trommel,
die innen dicht mit Nägeln besetzt ist, herbeigerollt, Rannie kauert
sich hinein und lässt sich einige Male in der Trommel umherrollen.
Den Schluss bildet eine Production, während welcher Rannie auf
einer mit Nägeln besteckten Walze steht und diese mit den Füssen ins
Rollen bringt, wobei er wieder eine Lampe auf dem Kopfe balancirt.
Auf Verlangen biegt er auch mit Kopf oder Zähnen dicke eiserne
Stangen, lässt einen 20 Zoll dicken viereckigen Stein mit wuchtigen
Hammerschlägen auf seinem Kopf zertrümmern, oder schlägt mit der
blossen Hand einen grossen Nagel durch ein mehrere Zoll dickes Brett,
so dass derselbe auf der anderen Seite sichtbar wird.
[Illustration]
Rannie wurde erst vor wenigen Jahren von bekannten Wiener Aerzten,
die seinen Productionen beigewohnt, untersucht, so vom Director des
allgemeinen Krankenhauses Hofrath von Böhm, von den Professoren
Benedikt, von Mosetig, R. von Hofmann, den Docenten Habrda und
Lihotzky, den Herren Dr. Spiegler, Dr. Allina, Dr. Glas, Dr. Bäder
u. s. w. Die Professoren Benedikt und von Mosetig sprachen sich gegen
die Annahme der Unverwundbarkeit der Haut, welcher eine anatomische
Abnormität zu Grunde liegen müsste, aus, gaben aber selbst zu, dass
der Singhalese sich eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Ertragen
von Schmerzen angeeignet habe, welche durch Behandlung der Haut, lange
Uebung und vielleicht auch durch die Raceneigenthümlichkeit begünstigt
werde. Prof. Benedikt in Wien hat an Rannie sehr eingehende Versuche
mit dem Moskowski'schen Anästhesir-Meter angestellt, der Singhalese
zeigte jedoch selbst auf der Stirne, an den Schläfen, ja sogar auf
der Zunge eine absolute Unempfindlichkeit gegen die Stiche des feinen
Instruments.
Wenn es nun auch bekannt ist, dass gewisse Völker und unter ihnen
wieder einzelne Individuen eine wesentlich geminderte Schmerzempfindung
haben, so bleibt doch die Unverletzlichkeit Rannie's, selbst wenn wir
mit Prof. v. Mosetig und Benedikt von einer anatomischen Abnormität
abstrahiren, ein hochinteressantes Beispiel von Anästhesie, erzielt
durch eine ganz ausserordentliche Uebung und Willensstärke.
[Illustration]
Frl. Lara
eine Colossal-Dame
ist in Graudenz (Westpreussen) geboren, befindet sich aber seit dem
achten Lebensjahre mit ihren Eltern in Amerika. Bis zum 19. Jahre war
sie nicht aussergewöhnlich corpulent, nahm aber von der Zeit an schnell
an Leibesfülle zu und wiegt jetzt, im Alter von 30 Jahren, 412 Pfund.
Sie ist seit Jahren verheirathet (gilt aber auf den Affichen und für
das grosse Publicum noch als Fräulein) und hat zwei reizende Kinder.
Auch diese Abnormität erwirbt den Lebensunterhalt für sich und ihre
Familie, indem sie sich in Museen etc. zur Schau stellt und bewundern
lässt.
[Illustration]
[Illustration]
J. Hanson
alias »Sir« Marcus Goodwilly
43 Jahre alt, 6 Fuss 5 Zoll (engl. Mass) hoch, wiegt 907 Pfund, und ist
somit wohl die schwerste Person dieser Sammlung. Er ist Nordamerikaner,
wurde geboren in Ja. Raiser, Ky. und lebt jetzt in Danville, Ind. Bei
der Geburt wog er 11 Pfund, 11 Monate alt 77 Pfund, und 2 Jahre alt 206
Pfund. Zu jener Zeit bezog er Einnahmen von 1000 Dollar pro Jahr in der
Baby-Ausstellung in New-York City im Jahre 1858. Sein Gewicht nahm mit
dem fortschreitenden Alter ganz ausserordentlich zu, so wog er 5 Jahre
alt 302 Pfund, 13 Jahre alt 405 Pfund, 21 Jahre alt 601 Pfund und mit
25 Jahren 725 Pfund. Er braucht 41 Yards Tuch zu einem passenden Anzug
und 2½ Pfund Wolle zu einem Paar Socken. Die Eltern waren nicht abnorm,
so wog der Vater nur 115 und die Mutter 122 Pfund.
[Illustration]
[Illustration]
Mary,
die lebende Puppe