ist gewiss eine kommende »Berühmtheit«. Dieses Kind ist in Hull am

16. April 1895 geboren, war bei der Geburt nur 7 Zoll lang und wog

nicht ganz 1 Pfund. Es musste in Watte gewickelt und durch heisse

Wasserflaschen warm gehalten werden. Drei Monate lang erhielt es

nichts als Zuckerwasser, dann verdünnte Milch, und erst mit 2 Jahren

bekam es etwas Fleischbrühe etc. Zur Zeit ist es 4½ Jahre alt, 17 Zoll

hoch und wiegt nicht ganz 5 Pfund. Die kleine Mary ist recht gesund,

sehr lebhaft und heiter, läuft und spielt wie normale Kinder gleichen

Alters, und ist natürlich der Liebling aller Damen. Auch dieses Kind

»arbeitet« schon für seinen und der Eltern Lebensunterhalt, denn es

wird für Geld gezeigt und macht überall grosse Sensation. Jedenfalls

trägt Mary ihre Bezeichnung »die lebende Puppe« mit vollem Rechte.

[Illustration]

[Illustration]

Radica & Doodica

»The Orissa Twin Sisters«

wurden 1888 in Orissa (Indien) geboren und im Jahre 1892 vom Manager

Capt. Colman nach Europa gebracht; sie konnten sich anfänglich nicht

recht an das Klima gewöhnen und erkrankten im Herbst 1892, so dass sie

längere Zeit in einem Pariser Hospital lagen und erst im Frühjahr 1893

die begonnene Tournée fortsetzen konnten.

[Illustration]

Radica & Doodica zeigen dieselbe parallele Verdoppelung, wie die

siamesischen Zwillinge, welche in den sechsziger Jahren den Kontinent

bereisten und überall das lebhafteste Interesse der medicinischen

Kreise sowohl wie des Laienpublicums hervorriefen, so dass man alle

zusammengewachsenen Menschen jetzt kurzweg »siamesische Zwillinge«

nennt und dieser Ausdruck zum Sammelbegriff geworden ist.

Das Bild lässt erkennen, dass Radica & Doodica -- übrigens sonst

gut entwickelte und körperlich gesunde Mädchen -- durch eine

Verwachsung der vorderen Rumpftheile mit einander verbunden sind. Das

Ligament, welches sie verbindet, entspringt aus der unteren Spitze

des Brustbeins. Die Blutgefässe communiciren nicht mit einander,

Herzschlag, Pulsschlag und Athembewegung sind isolirt. Trotzdem ist

die Verbindung sehr beweglich, denn gewisse, dem einen Kind gegebene

Arzneien äussern auch bei dem andern ihre Wirkung, wenn auch in

beschränkter Art, und das Nahrungsbedürfniss des einen Kindes soll

durch die Ernährung des andern befriedigt werden. Diese grosse

Beweglichkeit beweist, dass die Verwachsung nur die Schwertfortsätze

und einige Rippenknorpel, sowie die Oberbauchgegend und gewisse

Abschnitte des Magendarmkanals betreffen kann, also verhältnissmässig

biegsame oder völlig weiche Theile. Damit sind ausser der Beweglichkeit

die auf die Wirkungen der Arznei und die Befriedigung des

Nahrungsbedürfnisses bezüglichen Punkte erklärt.

Während bei den gleichfalls zusammengewachsenen Mädchen Rosa &

Josepha Blaczek (geb. 20. Januar 1878 in Skreychow in Böhmen) die

eigenthümliche Erscheinung zu Tage tritt, dass während die eine

schläft, die andere 3 bis 4 Stunden wacht und darauf die Rollen

vertauscht werden, ist dieser Zwang bei Radica & Doodica nicht

vorhanden, beide können gleichzeitig schlafen, das eine Mädchen liegt

dabei auf dem Rücken, das andere auf der Seite. Die Intelligenz ist bei

beiden normal.

Obwohl nun edle und wichtige Theile nicht zusammengewachsen sind, so

haben doch alle medicinischen Autoritäten einer Operation widerrathen,

und so werden die hübschen Kinder wohl ihr Lebenlang zusammenbleiben,

freilich nicht zu ihrem pekuniären Nachtheil, denn sie werden

ordentlich gehalten von ihrem Impresario, lernen durch ihre Tournée

die Welt kennen, werden anständig gekleidet, essen und trinken gut

und verdienen reichlich, was alles ihnen, als zwei getrennt lebenden

indischen Mädchen, für die das grosse Publicum keinerlei Interesse

hätte, nicht möglich wäre. Zur Zeit sind sie in Frankreich und machen

dort überall berechtigtes Aufsehen.

[Illustration]

Unzie,

der australische Albino.

Die Albinos, auch Kakerlaken oder lichtscheue Menschen genannt, gehören

als Schau-Objecte keineswegs zu den Seltenheiten, da sie bei allen

Menschen-Rassen vorkommen. In den vierziger und fünfziger Jahren

namentlich -- jetzt sind sie ja mehr vom Schauplatze verschwunden

-- sah man deren beiderlei Geschlechtes oft vier bis sechs zusammen

ausgestellt, und ihre Lieder, mit denen sie das Publicum in der Regel

regalirten, waren meistens der Art, »dass sie Steine erweichen und

Menschen rasend machen konnten«. (Im Gegensatze zu diesen gesanglichen

Ungeheuerlichkeiten lebten noch 1867 in Augsburg zwei dort geborene

Albinobrüder, die noch als bejahrte Männer als Gesangs-Duettisten

auftraten und beim Publicum sehr beliebt waren. In ihren jungen Jahren

waren auch sie öffentlich gezeigt worden.) Sie wurden dem Publicum

damals als eine eigene Menschen-Rasse -- »Nachtmenschen« genannt --

vorgeführt, die vornehmlich auf der Landenge von Panama vorkomme und

dort in Löchern tief unter der Erde lebe. Nachtmenschen nenne man sie

aber, weil sie bei Tage überhaupt nicht, sondern nur Nachts sehen,

somit auch all ihre Beschäftigungen nur Nachts verrichten könnten.

[Illustration]

Der Albinismus beruht auf dem gänzlichen Fehlen des Farbstoffes in der

unteren Schicht der Epidermis oder Oberhaut des Körpers, durch den

diese ihre Färbung erhält. Da aber der Mangel dieses Farbstoffes sich

auf den ganzen Körper erstreckt, so hat die Haut nicht nur die glasige

farblose Durchsichtigkeit, sondern auch die Haare und Augen haben das

anormale Aussehen.

Am häufigsten kommt der Albinismus bei den Negern und Indianern vor,

könnte man aber auch nur die in Deutschland geborenen und jetzt noch

in den verschiedensten Lebensverhältnissen stehenden bei einander

haben, so würde diese stattliche Karawane Repräsentanten beiderlei

Geschlechtes vom schulpflichtigen Alter an bis zum Greisen-Alter

umfassen.

Unzie, der australische Albino, wurde 1869 in Tarrabandra in

Neu-Süd-Wales geboren. Seine Eltern gehören den Ureinwohnern an, die

dunkelfarbiger wie die Indianer Amerikas sind. Bei seiner Geburt hatte

Unzie schneeweisse Haare und eine Haut wie Alabaster, und das Entsetzen

über dieses aussergewöhnliche Vorkommniss war bei dem abergläubischen

Volke so gross, dass Manche mit Entsetzen flohen, Andere sich dagegen

um die Mutter und ihn sammelten, da sie ihn für ein ganz besonderes

Geschenk des Himmels hielten. Trotzdem war sein Leben in Gefahr und

würde es noch weit mehr gewesen sein, wenn sein Vater nicht ein

Häuptling gewesen wäre, dessen Familie unter dem Schutze des Königs der

Mingery-Neger stand. Nachdem die erste Aufregung sich gelegt hatte,

bildete das Wunderkind zehn Jahre lang den Gegenstand der Anbetung für

die Menge, dann aber wurde er durch einen Engländer nach der Stadt

Melbourne entführt, der ihn wie sein eigenes Kind aufzog und ihn für

sein jetziges Leben vorbereitete.

Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1886 wurde

ihm von den Medicinern ein grosses Interesse entgegengebracht und

sie erklärten ihn für einzig in seiner Art dastehend. Eine Menge

schneeweisser Haare nämlich wächst wie ein offener Sonnenschirm von

sechs Fuss Umfang auf seinem Kopfe. Es ist elastisch, kraus, elektrisch

und wächst so üppig, dass es dem Kamms Widerstand leistet und nur mit

Bürsten bearbeitet werden kann, und damit es nicht zu lang wird, alle

vier bis sechs Wochen gestutzt, um nicht zu sagen geschnitten werden

muss.

Auch die Augen sind sehr wunderbar und unterscheiden sich von den

rothen Augen der anderen Albinos auffallend. Für gewöhnlich sind sie

sehr hell und ausdrucksvoll, aber sie wechseln die Farbe je nach dem

Lichte, welches auf sie einwirkt. In gewöhnlichem Lichte erscheinen

sie gleich den Augen anderer Albinos blassroth, bei gedämpftem

Lichte dagegen blaugrau und nach Sonnenuntergang purpurroth; starkes

glänzendes Licht verursacht den Augen Schmerzen und vermindert die

Sehkraft, während diese bei schwachem Lichte geschärft wird, so dass

Unzie noch in der grössten Dunkelheit alle ihn umgebenden Gegenstände

deutlich erkennen kann, eine Thatsache, die auf seinen Reisen die

grösste Verwunderung hervorrief.

Unzie misst fünf Fuss und zehn Zoll und wiegt 154 Pfund, ist

aufgeweckten Geistes und erfreut sich einer vollkommenen Gesundheit,

die ihn denn auch zu seinen grossen Reisen besonders befähigte. Am

12. April 1890 besuchte er zuerst die Vereinigten Staaten. Er landete

in San Francisco und blieb 1½ Jahr an der pacifischen Küste, deren

Klima dem seines Vaterlandes gleicht.

[Illustration]

Nicodemus

der »Unbeschreibliche«

ist für Amerika eine erstclassige Attraction, und ein Blick auf das

Cliché zeigt uns, dass wir eine ganz seltene Abnormität vor uns haben,

die das Prädicat »der Unbeschreibliche« (the Nondescript) wohl

verdient. Ganz besonders muss jedoch auf sein linkes Bein aufmerksam

gemacht werden, das die Form des Beines eines Bären hat, und da

Nicodemus ein »rabenschwarzer« Neger ist, so ist die Täuschung eine um

so grössere.

[Illustration]

Er ist in Texas geboren, jetzt etwa sechsunddreissig Jahre alt und von

Kindheit an »ausgestellt« gewesen, und in seinen vielen Reisen ist

auch wohl der hauptsächlichste Grund seiner Intelligenz zu suchen. Da

Seinesgleichen nicht existirt und er stets ein gesuchtes Schau-Object

gewesen ist, so hat er auch stets hohe Gagen bezogen, denen gegenüber

er sich ganz zufrieden mit seiner abnormen Körperbeschaffenheit zu

fühlen scheint.

[Illustration]

Chevalier Cliquot,

der Schwerter-Verschlinger,

darf unbestritten als der Beste seines Genres bezeichnet werden.

Er entstammt einer alten französischen Adelsfamilie und ist in

Französisch-Canada in Amerika geboren. Schon als Knabe verliess

er seine Heimath und schloss sich einem fahrenden Circus an. In

Buenos-Ayres machte er die Bekanntschaft eines Schwertverschlingers,

der ihn jedoch trotz allen Bittens in die Mysterien dieser Kunst

nicht einweihen wollte. Der junge Kunst-Novize liess sich dadurch

aber nicht entmuthigen, begann seine Exercitien ohne Anleitung mit

einem Stückchen Silberdraht und brachte es durch Ausdauer bald dahin,

dass er sich öffentlich produciren konnte, und heute ist er der Beste

seines Genres nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Vor kurzem

producirte er sich auch mit ganz ungewöhnlichem Erfolge im Circus

Ciniselli in St. Petersburg und bringt eine der dortigen deutschen

Zeitungen einen ziemlich eingehenden Bericht über seine Leistungen, der

im Nachstehenden in seinen Hauptmomenten reproducirt ist:

[Illustration]

»_Circus Ciniselli._ Gestern Abend wohnten wir der ersten Vorstellung

des Schwertkünstlers Chevalier Cliquot bei und müssen gestehen, dass

seine für den Laien ganz unerklärlichen Productionen eine geradezu

frappirende Wirkung auf den Zuschauer ausüben. Schlund und Magen

dieses merkwürdigen Amerikaners, der nebenbei gesagt im Besitz einer

wohlproportionirten, kräftigen Gestalt ist, weisen jedenfalls eine von

dem Gewöhnlichen vollständig abweichende Beschaffenheit auf. Mit einem

Degen beginnend, beförderte Herr Cliquot, die Zahl derselben steigernd,

schliesslich nicht weniger als dreizehn flach aufeinander liegende

Degen in seinen Magen, anscheinend ohne jegliche Beschwerde, denn

seine Gesichtszüge behalten stets den ruhigen, sympathischen Ausdruck

bei. Dieselbe Procedur machte er mit einem an einer Metallstange

befestigten Degen, nachdem an beiden Enden derselben gewichtige

Metallhanteln angebracht worden waren, ferner mit einem Degen, auf dem

ein nach oben gerichtetes Jagdgewehr befestigt war, welches von der

Gattin des Schwertkünstlers abgefeuert wurde. Regten sich nach allen

diesen geschauten Wunderdingen vielleicht noch immer leise Zweifel

in dem Zuschauer, so wurden solche vollständig gehoben, als Herr

Cliquot ohne weiteres auch einen scharfen, zolltief in den Holzboden

gedrungenen Säbel und dann einen Degen in seinen Schlund führte, den

er sich von einem der anwesenden Officiere hatte ausbitten lassen,

desgleichen eine von demselben Herrn hergegebene goldene Uhr, die er an

einer feinen Kette in seinen Magen hinunterliess. Diese hielt er zwei

Minuten, in der Arena umhergehend, dabei gemüthlich rauchend, im Magen

und liess zwei Herren aus dem Publicum sich von dem Ticken derselben

überzeugen. Schliesslich wanderte eine Metallstange, an deren Ende ein

elektrisches Glühlämpchen angebracht war, denselben Weg, wobei man im

verdunkelten Circus den Kehlkopf durchleuchtet und das Lämpchen sich

allmählich tiefer hinabsenken sah. Für das Gros des Publicums bildet

Chevalier Cliquot eben nur eine sehenswerthe »Specialität«, während der

Arzt in ihm sicher ein medicinisch interessantes Phänomen erblicken

wird.«

Zur eventuellen Notiznahme für andere Schwertkünstler möge auch ein

Unglücksfall, der Herrn Cliquot betroffen, nicht unerwähnt bleiben:

Als er dem Publicum bei einer Vorstellung zeigen wollte, dass er sich

trotz des in seinem Schlunde und Magen steckenden Schwertes nicht

nur nach allen Seiten hin bewegen, sondern sich auch sogar bücken

könne, da fühlte er, dass das Schwert sich bog. Es mit Blitzesschnelle

herausziehend, verletzte er sich in ganz grässlicher Weise.

[Illustration]

Seip

der verknöcherte Mann

war im Staate Rochester, Nord-Amerika, geboren. Er war bis etwa zum

dreissigsten Jahre ein grosser und kräftiger Neger, der für die

Michigan Central Railway als Rangirer arbeitete. Im Winter 1876 wurde

er Nachts von einem Frachtzuge überfahren und trug schwere Verletzungen

davon. Nach mehreren Stunden wurde er aufgefunden und als todt ins

Krankenhaus geschafft. Jedoch siegte seine kräftige Natur und er

blieb am Leben. Acht Jahre lang konnte er das Bett nicht verlassen,

und während dieses Zeitraums war er zum Skelet geworden. Infolge von

Gelenk-Rheumatismus war totale Verknöcherung aller Gelenke eingetreten

und er hierdurch vollständig bewegungslos geworden.

Wie mit hunderten solcher Leute in Amerika Geld »gemacht« wird, weiss

wohl jeder Leser, so wurde auch Mr. Seip bald von einem pfiffigen

Showman aufgefunden und für zehn Jahre engagirt. Bis dahin war Seip von

seiner sehr armen Familie kümmerlich ernährt worden, nun hatte alle

Noth ein Ende. Die Familie erhält bis zum heutigen Tage noch 10 Dollars

(Mark 43) per Woche und Seip wird aufs beste versehen, damit er nur

recht lange am Leben bleibe. Dass der Impresario für die ersten Jahre

von Seip's Auftreten eine Gage bis zu 500 Dollars (Mark 2,100) per

Woche erhielt und noch jetzt 75 bis 100 Dollars wöchentlich bezieht,

ist wohl Grund genug alles aufzubieten, um den Armen am Leben zu

erhalten. Seip ist im vollen Besitze seiner Geisteskräfte, sehr geweckt

und intelligent. Seine Sprache ist jedoch sehr unverständlich, da er

die Kinnlade nicht bewegen kann und seine Vorderzähne herausgebrochen

werden mussten, um ihm Speise einflössen zu können. Oft wird er der

versteinerte Mann genannt und nicht so ganz unzutreffend, denn er kann

nur den kleinen Finger der linken Hand bewegen, während der ganze

Körper wie aus Stein gemeisselt ist. Er leidet absolut gar nicht, und

wenn er genügend Bier bekommt, ist er überglücklich.

[Illustration]

[Illustration]

Gay Jewett

der menschliche »Jumbo«,

so genannt nach P. T. Barnum's Riesen-Elephant, mit dem Barnum etwa

eine halbe Million Dollars einnahm, war als Sohn eines Postvorstehers,

der gleichzeitig einen hübschen Bauernhof hat, im Staate Iowa,

Nord-Amerika, geboren.

[Illustration]

Bis zum 18. Lebensjahre versah er die Wirthschaft seines Vaters,

zusammen mit zwei Brüdern. Dann lernte er das Fleischer-Geschäft

und betrieb es bis etwa zum 26. Jahre. In der Zeit war er jedoch so

dick geworden, dass es ihm nicht mehr möglich war, seinem Geschäft

vorzustehen; er gab es auf, und da er keinen anderen Weg sah, Geld zu

verdienen, so ging auch er zu den Vaganten und hat colossales Aufsehen

in ganz Amerika hervorgerufen.

Er starb im Jahre 1893 an Herzverfettung und wog kurz vor seinem Tode

728 engl. Pfund. Er war 6 Fuss 3 Zoll hoch, und wir können wohl mit

Recht sagen, »Jumbo« war einer der schwersten Männer, die jemals gelebt.

Gay, so genannt bei seinen Freunden, war der gutherzigste Mensch der

Welt, stets bereit zum Helfen, und wenn er seine Geige im Arm hatte und

seinen Freunden einige Lieder vorsingen konnte, dann war er glücklich.

Gay Jewett war acht Jahre verheirathet; seine Frau, die Tochter eines

wohlhabenden Bauern in Minnesota, war ein kleines, schwächliches Weib

und wog nur etwa 94 Pfund, jedoch war sie die Güte in Person und

verliess ihren Dicken nicht einen Tag. Sie betrauert ihren Gay noch

jetzt und will sich auch nicht wieder verheirathen.

[Illustration]

Marietta

das scheckig behaarte Mädchen.

In der Völkergeschichte begegnen wir ähnlichen Typen haarreicher

Volksstämme, so den Ainos und neuerdings den zottigen Menschen im

Innern von Siam und Anam. Auch an einzelnen interessanten Individuen

-- es sei nur an den pinscherartigen Russen Adrian Jestichew und an

die kleine Kra-o erinnert -- sind solche Formen abnormer Behaarung

zu beobachten gewesen; indessen als ein Naturwunder eigenster Art

tritt Marietta, das »gescheckte Mädchen«, in Erscheinung, denn bei

ihr offenbart sich eine ganz merkwürdige Haarbildung, die in dieser

Weise noch nirgends beobachtet worden ist. Marietta stammt, wie es

bei den sogenannten »Haarmenschen« nachzuweisen ist, weder von einem

wilden Naturvolke, noch von einer farbigen Race ab, sondern sie ist von

europäischer Herkunft. Sie erinnert bald an den Leoparden, bald an das

Zebra oder an den Affen, je nach der Art der Zeichnung, Färbung und

Behaarung der einzelnen Körpertheile. Höchst unregelmässig hat hier

die Natur gearbeitet, eigentlich ganz systemlos einen atavistischen

Rückfall bezeichnend. Das Gesicht Marietta's ist auf der rechten Seite

vollständig schwarz gezeichnet und zum grössten Theil behaart, auf der

linken Wange dagegen nur mit einem Backenbart bedeckt. Auch das Kinn

weist einen ziemlich stark entwickelten Bart auf. Am auffallendsten ist

die Verfärbung und die zottige Behaarung des glänzenden Rückenfells.

Seine Haare erreichen eine Länge von über 2 Centimeter, während die

Haare des Bartes eine solche über 6 Centimeter, des Unterarmes eine

solche über 3 Centimeter aufweisen. Entgegen den Haaren des Rumpfes,

der Arme und Oberschenkel, die nach unten gerichtet sind, streben

die Haare der Unterschenkel nach oben, wie die der Unterarme der

Anthropomorphen oder Menschenaffen. Der übrige Körper des »scheckigen

Mädchens« trägt ein Gemisch von Streifen und Flecken, bald dichter,

bald dünner mit Haaren besetzt. Dabei treten überall merkwürdige

Gegensätze hervor. So ist z. B. bei Marietta von den zehn Fingern nur

einer schwarz; das eine Ohr schwarz, das andere dagegen weiss. Das

braune Colorit der Beine contrastirt merkwürdig mit der tiefschwarzen

Färbung des Kopfes.

[Illustration]

Im allgemeinen zeigt der Oberkörper eine vorwiegend schwarze Färbung,

die an den Unterarmen abschneidet und nur am Oberarm in spangenartigen

Streifen wieder zum Vorschein kommt.

So bietet denn Marietta durch ihre Erscheinung ein völlig neues,

bisher noch nie gesehenes Naturwunder dar, das der Wissenschaft ein

neues und ungewöhnlich interessantes Räthsel zu lösen aufgiebt. In der

That erregte Marietta überall, wo sie in wissenschaftlichen Hörsälen

vor Anthropologen und Medizinern erschien, die grösste Sensation. Von

Herrn Medizinalrath Prof. Dr. C. Hennig der medizinischen Gesellschaft

in Leipzig vorgeführt, äusserte sich der berühmte Gelehrte in einem

längeren Vortrage, dass Marietta ein Naturspiel noch nie gesehener

Art, ein leibliches Wunder sei und in ihrer Erscheinung an Menschen

unserer entrücktesten Urzeit erinnere. Auch Herr Geheimrath Prof.

Dr. Ponfick, Breslau, betonte bei einer Demonstration Marietta's im

wissenschaftlichen, vaterländischen Verein daselbst, dass Marietta wohl

der erste Fall von so ausgeprägter Flecken- und Haarbildung sei, den

man je an einem Menschen beobachtete.

[Illustration]

Mlle. Brison

die Dame mit den Krebsklauen

die das Cliché zeigt, ist eine hübsche Französin von etwa zwanzig

Jahren, aber ein bedauernswerthes Geschöpf, denn ihre Hände und Füsse

haben mehr Aehnlichkeit mit Krebsscheeren, wie mit menschlichen

Gliedmaassen. Die Hände sind bis zum Handgelenk gespalten und von den

Fingern sind nicht einmal Rudimente vorhanden; die Füsse dagegen sind

weniger verkrüppelt.

[Illustration]

Durch unausgesetzte Uebung von Kindheit an hat es Mlle. Brison dahin

gebracht, dass sie fast alle Arbeiten selbst besorgen kann; sie

versieht ihren Haushalt, näht und strickt und im Sticken hat sie

sich sogar eine bewundernswerthe Fertigkeit angeeignet. Seit etwa

vier Monaten erfüllt sie auch an einem reizenden kleinen Töchterchen

gewissenhaft ihre Mutterpflichten, denn sie ist seit etwa zwei Jahren

die glückliche Gattin eines jungen liebenswürdigen Franzosen, den sie

leidenschaftlich liebt.

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

Alle Rechte vorbehalten.

[Illustration]

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs vor die |

| Vorrede verschoben. |

| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |

| gebräuchlich waren, wie: |

| |

| anderen -- andern |

| Bart-Dame -- Bartdame |

| Elephanten-Füsse -- Elephantenfüsse |

| Gross-Britannien -- Grossbritannien |

| Halensis -- Hallensis |

| Haupt-Tric -- Haupttric |

| inneren -- innern |

| Johnson's -- Johnsons |

| Medicinern -- Medizinern |

| Mumien-Mensch -- Mumienmensch |

| Riesen-Dame -- Riesendame |

| Schwerter-Verschlinger -- Schwerterverschlinger |

| West-Preussen -- Westpreussen |

| zweiundsiebenzig -- zweiundsiebzig |

| |

| Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| S. II »vorurtheilfreieres« in »vorurtheilsfreieres« geändert. |

| S. XII »ansschnitt« in »anschnitt« geändert. |

| S. XXVI »mittels vier Handgriffe« in »mittels vier |

| Handgriffen« geändert. |

| S. XXXII »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. |

| S. 7 »im stande« in »imstande« geändert. |

| S. 13 »Indianopolis« in »Indianapolis« geändert. |

| S. 15 »Marschall-Town, Jova« in »Marshalltown, Iova« geändert. |

| S. 32 »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. |

| S. 33 »gefürchet« in »gefürchtet« geändert. |

| S. 40 »Ecole de Médicine« in »École de Médecine« geändert. |

| S. 45 »Kochen« in »Knochen« geändert. |

| S. 65 »Castans« in »Castan's« geändert. |

| S. 65 »Arcansas« in »Arkansas« geändert. |

| S. 84 »bekömmt« in »bekommt« geändert. |

| S. 85 »Jowa« in »Iowa« geändert. |

| S. 86 »Krao« in »Kra-o« geändert. |

| |

| Die idiomatische Schreibweise Variété wurde beibehalten. |

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Abnormitäten · 第 6 / 6 段