dem sich auch der Athlet Chas. Samson producirte. Sein Haupt-Tric war
das Heben eines Gewichtes von 210 Pfund, das er mit einer Hand bis
zur Armeslänge über seinen Kopf drückte. Als er nach Beendigung der
Production Demjenigen 10 Pfd. Sterl. (ca. 200 Mark) proponirte, der
das Gewicht mit beiden Händen bis zur Brusthöhe höbe, da bat Neptune,
diesen Versuch machen zu dürfen.
Sein Anerbieten erregte allgemeines Gelächter im Publicum, da er
von nur kleiner Figur ist und nur 132 Pfund wiegt, und um noch mehr
Heiterkeit zu erwecken, erlaubte Samson ihm den Versuch auch; Neptune
aber gewann den Preis spielend, denn er hob das Gewicht mit auch nur
einer Hand ebenfalls über den Kopf hinaus. Ein riesiger Applaus und
zahlreiche Rufe um mehr Kraftproben waren das Resultat dieses seines
Debuts vor der Oeffentlichkeit.
Angespornt dadurch, erwachte in ihm das Verlangen, sich ebenfalls als
Athlet produciren zu wollen. Kurz entschlossen befreite er sich von
seinen Verbindlichkeiten als Seemann und begann dann, seine Kräfte
durch regelmässige Uebungen systematisch noch mehr zu entwickeln
und heute ist er als Athlet einer der bedeutendsten, die je vor der
Oeffentlichkeit gestanden haben, vielleicht auch stehen werden.
[Illustration]
Miss Pollie Whatson
die schwerste Dame der Welt
liefert den Beweis, dass der »Humbug« nicht allein in Amerika, sondern
auch in anderen Theilen der Erde gedeiht und Blüthen zeitigt. Die
Miss, eine geborene Engländerin und vor einiger Zeit in einem Museum
in Liverpool als »schwerste Dame der Welt« ausgestellt, ist zwar
»wohlbeleibt«, aber dem unbeeinflussten Beschauer konnte es doch nicht
entgehen, dass ihre unbedeckten Arme in einem grellen Contraste zu
ihrer Körperfülle standen und der Gedanke, dass letztere »Kunst«, nicht
»Natur« sein müsse, drängte sich unwillkürlich in den Vordergrund.
Dieser Idee gab denn auch eines Tages ein pessimistischer Besucher
Ausdruck, indem er der »Aufwärterin« eine der umfangreicheren
landesüblichen Münzen in die Hand gleiten liess, und als
Erkenntlichkeit dafür erfuhr er folgende Details über die schwerste
Dame der Welt: »Bis vor ganz kurzer Zeit sei sie noch Fischhändlerin
gewesen, die das immerhin ansehnliche Gewicht von 220 Pfund zwar gehabt
habe, dass das aber doch für eine »Riesendame« nicht ausreichend
gewesen sei. Da habe sie, die Aufwärterin, es unternommen, eine
»vollwichtige« Riesendame aus ihr zu _fabriciren_ und ihr Gewicht auf
728 Pfund zu erhöhen, ein Kunststück, das ihr auch in etwa einer Woche
gelungen sei.«
[Illustration]
Befriedigt über diesen Erfolg, warf der incurable Pessimist noch einen
flüchtigen Blick zu der vom glaubensseligen Publicum umstandenen
»Humbug-Riesendame« empor und berechnete im Stillen, wie viel
überflüssige Schweisstropfen sie wohl täglich unter ihrer künstlichen
Fetthülle vergiessen möge, in die der »Humbug« sie eingezwängt.
[Illustration]
Lucy Morris
die schwarze Riesendame
hat das für eine Dame gewiss respectable Gewicht von zur Zeit 605
Pfund erreicht, doch scheint sie noch nicht »ausgewachsen« zu sein.
Sie besitzt einen ganz colossalen Körperumfang und nimmt das Prädicat
»schwerste aller Negerinnen« dictatorisch für sich in Anspruch. Trotz
ihrer »unmenschlichen« Körperfülle bewegt sie sich sehr leicht und
fährt auch auf einem eigens für sie gebauten »Dreirad« recht gewandt.
Nicht selten tritt sie auch in akademischen »Posen« auf, und ist ihr
Erscheinen dann stets von nicht endenwollenden Lachsalven begleitet.
[Illustration]
[Illustration]
Clarence Dale
der Knabe mit dem Riesenkopfe
ist eine recht sympathische Abnormität. Er ist ein lieblicher Knabe
von etwa neun Jahren, sein Kopf ist jedoch von so aussergewöhnlicher
Grösse, dass z. B. der Hut des corpulentesten Mannes kaum die
Oberfläche seines Kopfes bedeckt. Er ist geistig sehr geweckt, Virtuose
auf der Mundharmonika und in Amerika allgemein so beliebt, dass er nie
ausser Engagement ist.
[Illustration]
[Illustration]
Dominique Castagna
der Mumien-Mensch
ist eine jener Abnormitäten, die stets im Vordergrunde des allgemeinen
Interesses stehen werden. Er wurde am 26. April 1869 zu Sologny
(Depart. Saône und Loire) in Frankreich geboren. Waren die normalen
Eltern auch bei seiner Geburt über die unnatürliche Härte seiner Haut
erstaunt, so beruhigten sie sich doch bald, wohlthätige Aenderungen von
der Zeit erhoffend, da sich in der normalen Entwickelung des Kindes
bisher keinerlei ungewöhnliche Störungen gezeigt hatten. Von seiner
Mutter bis zu fünfzehn Monaten genährt, lernte er mit zehn Monaten
gehen und rechtzeitig sprechen, doch hatte er im Alter von vierzehn
Monaten erst vier Zähne.
Von seinem zweiten Lebensjahre an zeigte sich jedoch eine auffallende
Abmagerung, die bis zum zwölften Jahre progressiv zunahm und dann
stehen blieb, zugleich hörte aber auch die Weiterentwickelung des
Körpers auf, sodass Castagna trotz seiner jetzt achtundzwanzig Jahre
noch immer einem zwölfjährigen Knaben gleicht. Das Längenmaass des
absolut muskellosen Körpers beträgt 1,45 m, sein Gewicht nur 48 Pfund,
und das Knochengerüst ist von der hornartigen Haut straff umspannt, die
die natürliche Farbe hat, sich jedoch auf den Fingern und Zehen wie bei
einst erfrorenen Gliedern dunkler röthet.
Der Kopf ist verhältnissmässig gross, die Nase sehr spitz, an der
Basis eingedrückt und in der Mitte mit einem Höcker versehen, und da
dieser fleischlose Knorpel, dem auch die Nasenflügel fehlen, gleich
einem Vogelschnabel aus dem regungslosen Gesichte hervorragt und
die grossen, runden, dunkeln, sehr gewölbten Augen, denen die Lider
fehlen, unwandelbar starr um sich schauen, so hat das Gesicht etwas
Eulenartiges. Der Mund ist bewegungslos und stets geöffnet, und da
fast gar keine Lippen vorhanden sind, so macht er mehr den Eindruck
eines grossen Einschnittes, aus dem die unverdeckten unschönen Zähne,
vierzehn oben und fünfzehn unten, hervorragen.
Die Zunge ist sehr wenig beweglich und scheint durch die zu kurzen
Wurzelbänder gewaltsam nach hinten zurückgehalten zu werden, das
Zäpfchen ist sehr wenig ausgebildet, dagegen die Gaumenwölbung sehr
tief, Missverhältnisse, durch die wohl die hässliche näselnde und
ziemlich undeutliche Sprache bedingt wird, aus der aber trotzdem etwas
Anheimelndes herausklingt, das uns sagt, dass in diesem abstossenden
Aeussern eine sympathische Seele wohne.
[Illustration]
Wenn sich auch aus den fleischlosen Wangen und dem runzlichen Kinn hie
und da ein vereinzeltes Härchen hervordrängt, so ist doch von einem
Barte keine Rede, dafür aber ist der Kopf mit einer auffallend reichen
Fülle brauner Haare bedeckt, die in der Mitte durch einen geraden
Scheitel getrennt sind. Die Ohren sind hart und steif und das Gehör
lässt seit einigen Jahren nach, so dass man stets etwas laut sprechen
muss, will man gut verstanden werden, dagegen functioniren die Augen
vorzüglich, und fehlen ihnen auch die schützenden Lider, so erfreut
sich Castagna seiner eigenen Aussage nach doch eines gesunden festen
Schlafes.
Der hässliche Kopf ruht auf einem fleischlosen Halse, der Oberkörper
ist flächenartig zusammengeschrumpft und nur die Schulterblätter
scheinen das Einzige am ganzen Körper zu sein, das mit dem
Alter desselben im Einklangs steht, dagegen sind es wohl die
verhältnissmässig kleinen Arme, die der Gestalt das Kindliche geben.
Die Oberarme zeigen noch eine ganz kleine Spur von Muskulatur, die
Hände sind warm und vermögen noch einen leichten Druck auszuüben und
ein Gewicht von ca. 20 Kilogramm zu bewältigen. Die Finger aber sind
alle krumm gegeneinander gebogen und dennoch können sie sehr geschickt
mit dem Gewehr, mit Nadel und Zwirn und mit der Schreibfeder umgehen,
da sie gleich den Armen noch leichte Biegungen zulassen. Auch die
Beine, die zwei mit Haut überzogenen Stöcken gleichen, geben in den
Knieen und Hüften noch so viel nach, dass Castagna sich nothdürftig
vorwärts bewegen, und auch ohne allzugrosse Anstrengung sich beugen
und eine Treppe hinaufgehen kann, doch können diese Bewegungen nur
ruckweise ausgeführt werden. Sämmtliche innern Organe, auch das
Nervensystem, functioniren dagegen so, wie bei jedem normalen und
gesunden Menschen, so dass Castagna über keinerlei körperliches
Unbehagen klagen kann. Er ist geschlechtslos, doch neigen sich die
wenigen vorhandenen geschlechtlichen Rudimente mehr dem Femininismus
wie dem Masculinismus zu.
Von sanftmüthiger und liebenswürdiger Natur, besitzt er einen heiteren
Charakter und ist stets bereit, an ihn in französischer Sprache
gestellte Fragen zu beantworten. Dann wird sein Gesicht, das beim
ersten Anblick etwas zurückstossend Gespensterhaftes hat, sympathisch
und unterhält man sich mit dem Träger desselben, so lässt das rege
Interesse, das man unwillkürlich für seine lebendige Sprechweise und
klare Darstellung fasst, jedes unbehagliche Gefühl zurücktreten.
Sein erstes Auftreten, welches einen grossartigen Erfolg erzielte, fand
am 20. August 1896 in Marseille statt, und hier stellte er sich auch
vier Monate später dem Publicum im Löwenkäfig der Menagerie Pezon,
von sechs Löwen umgeben, vor. Der École de Médecine in Marseille
vorgestellt, war der dortige Professor Villeneuve in so hohem Grade
von diesem seltenen pathologischen Fall überrascht, dass er mehrere
Vorträge über Castagna in der Klinik hielt und ihm zu einer Reise durch
die Welt rieth, die grosse Erfolge verspreche -- ein Prognostikon, das
sich auch erfüllte.
Nach einem Besuche der Städte Avignon und Nîmes wandte Castagna
sich nach Montpellier, wo er am 10. November dem Professor Grasset
vorgestellt wurde, der dann vor ca. 500 Studirenden einen Vortrag
über ihn hielt, in dem ganz besonders betont wurde, dass dies ein so
abnormer Fall von »Atrophie« sei, dass man ihn nur schwer classificiren
könne, da allen bisherigen Erfahrungen gegenüber die _geistigen_
Fähigkeiten unter dem allgemeinen »_Körperschwund_« nicht auch, wie in
ähnlichen Fällen, in Mitleidenschaft gezogen seien. Die medicinische
Facultät Montpellier war es auch, die ihm den Namen »Mumienmensch«
(L'Homme-Momie Vivant) gab, den er heute noch führt.
Allüberall, wo er ausgestellt wurde, erregte Castagna das Interesse der
medicinischen Capacitäten, und mehrmals sollen solche sich in grossen
Städten Rendez-vous gegeben haben, um den Vorträgen berühmter Collegen
über ihn anzuwohnen. In Paris waren es Professor Raymond, in Berlin
Professor Virchow und in München Professor Ranke, die sich für ihn
interessirten und durch ihre Vorträge die Aufmerksamkeit der Männer der
Wissenschaft nicht nur, sondern auch der ganzen gebildeten Welt auf
Castagna lenkten.
[Illustration]
William Campbell
der schottische Riese
war ein Schottländer von Geburt und diente bis zu seinem
achtundzwanzigsten Lebensjahre in der grossbritannischen Armee, musste
dann aber wegen zu grosser Körperfülle den Dienst quittiren und sich
mit einer kleinen Pension begnügen.
Mit seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre producirte er sich dem
britischen Publicum als »Ihrer Majestät grösstes Subject«, und mit dem
fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er das respectable Netto-Gewicht
von zweiundfünfzig Tons (= 680 Pfund deutsches Gewicht) erreicht,
musste sich aber zweier Krücken bedienen, wollte er sich fortbewegen,
trotzdem er kerngesund war.
[Illustration]
Da er seiner Unbeholfenheit wegen das Reisen aufgeben musste, so kaufte
er sich ein Gasthaus in der Stadt Newcastle-on-Tyne, erfreute sich
jedoch kaum fünf Monate des »riesigen« Geschäftes, das er darin machte,
denn der Tod befreite ihn bald darauf von seiner Last. Er hinterliess
seiner Wittwe, die ihm stets treu und hülfreich zur Seite gestanden
hatte, ein Vermögen von 28000 Mark. Ob Campbell je von einem andern
Riesen an Gewicht übertroffen wurde, ist nicht festgestellt worden.
[Illustration]
Albert Brough und General Thom
Riese und Zwerg
sind geborene Engländer. Mr. Brough, in Nottingham geboren, ist jetzt
einunddreissig Jahre alt und misst sieben Fuss und acht Zoll, ist sehr
proportionirt gebaut und als liebenswürdig unterhaltender Erzähler in
Gesellschaften gern gesehen. Sein kleiner College ist achtundvierzig
Jahre alt, misst zwei Fuss und neun Zoll und wiegt einundfünfzig Pfund.
[Illustration]
Die beiden Abnormitäten haben sich associirt und in dieser
Zusammenstellung treten die Contraste in das grellste Licht. Beide sind
in England sehr beliebte Schau-Objecte, und Mr. Brough hat sich auf
seinen Reisen bereits so viel erspart, dass er sich in seiner Heimath
ein hübsches Häuschen kaufen konnte, während Se. Excellenz General Thom
seinen ganzen Verdienst in Wein »anlegt« und dem nächsten Gagentage
schon immer mit grösster Sehnsucht entgegensieht, eine habituelle
Eigenthümlichkeit, die er mit grösster Consequenz cultivirt.
[Illustration]
Count Ivan Orloff
der einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch der Welt
wurde am 19. August 1865 geboren und entstammt einer hochvornehmen
Familie, die durch schwere Schicksalsschläge ihr gesammtes, grosses
Vermögen verlor und hierauf zuerst nach Deutschland und dann nach
Amerika übersiedelte. Da aber noch Verwandte des Herrn Orloff leben
und hohe Stellungen bekleiden, so müssen aus Rücksicht auf diese hier
sowohl die Nennung seines Geburtsortes, als auch nähere Details über
seine Familien-Verhältnisse unterbleiben.
[Illustration]
Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre war Ivan ein gesunder, kräftiger
Knabe, von diesem Alter ab aber zeigte sich eine immer mehr und mehr
zunehmende Abmagerung, vornehmlich der Beine. Da damit aber auch ein
hochgradiger »Knochenschwund« verbunden war und ärztliche Hülfe sich
diesem seltenen Falle von Atrophie gegenüber als vollständig erfolglos
erwies, so musste Ivan, um sich fortbewegen zu können, zuerst Stöcke
und später Krücken zur Hülfe nehmen, und als sich diese auch nicht mehr
als ausreichend erwiesen, sich eines Fahrstuhles bedienen, in dem er
Nachts auch schläft und die halbe Welt durchreiste und den er nunmehr
seit dreizehn Jahren nicht mehr verlassen hat.
Infolge dieser steten Bewegungslosigkeit sind aber die Gelenke seiner
Gliedmaassen nicht nur, sondern auch der ganze Körper theilweise
verknöchert, da sich die in den Gelenken befindliche kleberig-ölige
Masse, das sonovial fluid, welches allein die Beweglichkeit ermöglicht,
allmählich verhärtet, somit einen richtigen Verbindungsknochen zwischen
den Gelenk-Kugeln und -Pfannen gebildet hat, der nun die Bewegung der
Gelenke verhindert.
In diesem Zustande der »Ossification« befindet sich gegenwärtig
der _Oberkörper_ des Herrn Orloff, während in seinen unteren
Extremitäten gerade das Gegentheil der Fall ist. Hier ist nämlich
eine Knochen-_Erweichung_ infolge theilweisen Fehlens der kreide- und
kalkartigen Substanz, die den Knochen ihre Härte und Stärke giebt,
eingetreten. Die Beine sind knorpelig, durchsichtig und gebogen, und
dieser Zustand, durch die Weichheit der Knochen und das Zusammenziehen
der Muskeln erzeugt, nimmt noch stets zu.
Count Orloff hat ganz Amerika und einen grossen Theil von Europa
durchreist und die berühmtesten Aerzte wegen seiner Krankheit
consultirt, jedoch erfolglos, und vor den Studirenden vieler grossen
medicinischen Facultäten sind Vorträge über diesen abnormen Fall
gehalten worden. Man war jedoch nicht einmal im Stande, die Ursachen
dieser wohl _einzig_ in ihrer Art dastehenden Krankheit zu ergründen,
und soll ein derartiger eclatanter Fall (wohl aber ähnliche) bisher in
den medicinischen Annalen nicht zu verzeichnen gewesen sein.
Abgesehen von dem körperlichen Zustande, der ihm keinerlei Schmerzen
verursacht, erfreut Herr Orloff sich der besten Gesundheit und ist
Philosoph genug, sein Missgeschick mit Ergebung und grosser Geduld
zu ertragen. Er hat eine sehr gute Schulbildung genossen, auf seinen
Reisen hat er sich verschiedene fremde Sprachen angeeignet, die
er vollständig beherrscht. Er ist jetzt 35 Jahre alt, wiegt etwa
dreiundvierzig engl. Pfund und ist sowohl durch die gesammte Presse,
als auch von den grössten medicinischen Autoritäten anerkannt als der
_einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch, der je existirt hat_.
[Illustration]
Johann Jacob Toccio
der einzige lebende Mensch mit zwei Köpfen
ist unstreitig die grösste Abnormität, die je gelebt hat und
wahrscheinlich auch gelebt haben wird. Am 4. Oct. 1877 in Locana, einem
kleinen Städtchen in Italien, von ganz armen Eltern geboren -- die
Mutter war erst neunzehn Jahre alt --, erhielt der rechte Theil in der
Taufe den Namen Giovanni, der linke aber den Namen Giacomo.
[Illustration]
Bei der Geburt wog das, ein kräftiges Duett schreiende Wundergeschöpf
nur 9 Pfund, jetzt (1899) etwa 130 Pfund. Oberhalb der sechsten Rippe
sind die Körper getrennt, unterhalb derselben vereinigen sie sich, so
dass das Wundergeschöpf oben _zwei_ Personen mit zwei Köpfen, vier
Armen, zwei Brustkasten, zwei Lungen, zwei Herzen etc. repräsentirt,
während der Unterkörper eine _einzelne_ Person mit zwei Beinen,
einem Magen etc. darstellt. Das scharf entwickelte Denkvermögen ist
vollständig separirt.
Da die inneren Organe sehr kräftig ausgebildet sind, das Geschöpf somit
vollständig lebensfähig war, so entwickelte es sich so günstig, dass
es, nachdem es im Alter von vier Wochen den Professoren der Turiner
medicinischen Facultät, Fabini und Mosse, vorgestellt und von diesen
für das grösste Wunder der Welt erklärt worden war, von seinen Eltern
gegen ein unbedeutendes Eintrittsgeld in einer kleinen Bude ohne
Gefährdung der Gesundheit öffentlich gezeigt werden konnte, so dass
sich dieselben dadurch einen kärglichen Lebensunterhalt erwarben.
Vor nunmehr ca. acht Jahren wurde dies Naturwunder von dem Director des
Berliner Passage-Panopticums, Herrn Neumann, entdeckt, der, den hohen
Werth desselben erkennend, es sofort für sechs Monate engagirte. Als es
nach vielen Bemühungen endlich repräsentationsfähig geworden war und
den berühmtesten Aerzten Berlins, u. a. auch dem Professor Virchow,
vorgestellt werden konnte und untersucht worden war, da wurde es
endlich auch dem Gesammtpublicum vorgeführt und der Erfolg war ein ganz
colossaler.
Da erschien aber der New Yorker Museumsbesitzer Prof. E. M. Worth
auf der Bildfläche und engagirte den -- oder die -- Knaben für eine
einjährige Tournée durch die Vereinigten Staaten. Der Manager erhielt
eine _wöchentliche_ Gage von 750 Pfd. Sterl. und den kostenfreien
Verkauf der Photographieen. Davon zahlte er an die Eltern wöchentlich
200 Pfd. Sterl. und bestritt sämmtliche Kosten für sie und die Kinder.
Nach etwa fünfjähriger Ausstellung hatten sie sich ein so bedeutendes
Vermögen erspart, dass sie sammt dem Zwillingspaare in ihre Heimath
zurückkehrten; dort lebt es in einer kleinen hübschen Villa in der
Nähe Venedigs und würde sich um keinen Preis zu einer nochmaligen
öffentlichen Ausstellung entschliessen.
Es berührt Jedermann ganz eigenartig, wenn man sich die beiden Köpfe
in italienischer, deutscher, französischer oder englischer Sprache
unterhalten hört, als wären es zwei vollständig getrennte Personen
und unwillkürlich blickt man nieder, um den Unterkörper der zweiten
Person zu suchen. Ebenso frappirte es, wenn sich im Kindesalter die
beiden Oberkörper zankten oder gar, was nicht selten vorkam, durch
gegenseitige Püffe ihre Meinungsverschiedenheiten ins Gleichgewicht zu
bringen versuchten. Und doch konnte Niemand zwischen sie treten, um sie
»auseinander zu bringen«.
Die jetzt etwa zweiundzwanzigjährigen Jünglinge können zwar ohne
Beihülfe aufrecht stehen, müssen jedoch beim Gehen unterstützt werden.
Sie erfreuen sich der besten Gesundheit und können nach Aussagen der
Aerzte ein hohes Alter erreichen.
[Illustration]
Jo-Jo
der Mann mit dem Hunde-Gesicht
ist zwar eine grosse Abnormität, jedoch nicht die _einzige_ dieses
Genres. Jo-Jo ist etwa dreissig Jahre alt, von mittlerer Grösse und
kräftig gebaut. Er stammt aus Russland und soll dort vor etwa zwanzig
Jahren im Verein mit seinem Vater in den Sibirischen Urwäldern
»gefunden« sein. Das ist natürlich gerade so, wie auch die »berühmte«
Erzählung über Kra-o, Darwin's fehlendes Glied zwischen Affen und
Menschen, erfunden. Die Professoren Virchow und Bartels haben über
Kra-o und den sog. »wilden Menschen« einen hochinteressanten Artikel in
der »Gartenlaube«, Jahrgang 1888, Heft 28, herausgegeben, aus dem wir
ersehen, dass der abnorme Haarwuchs seinen Grund in einer Hautkrankheit
hat.
Jo-Jo ist geistig sehr beschränkt, fast Idiot, und hat nicht die
geringste Schulbildung genossen. Vor etwa dreizehn Jahren wurde er von
einem Impresario nach Amerika gebracht und dort in den Museen etc.
als »Mann mit dem Hunde-Gesicht« gezeigt. Der Erfolg war, a conto
der entrirten Reclame, ein ganz horrender, und der Impresario schlug
ein Vermögen aus Jo-Jo, dessen Gage während einiger Jahre bis zu 500
Dollars (etwa 2200 Mark) pro Woche hochgeschraubt wurde. Da er aber
bereits sowohl in ganz Amerika als auch in ganz Europa und Australien
ausgestellt worden ist, so hat er keine grosse Anziehungskraft mehr
und muss oft die gegen früher sehr geringe Gage von 190-200 Mark per
Woche acceptiren, da sein Impresario, der ein leidenschaftlicher
Hazardspieler ist, nicht einen Dollar erspart hat und auf Jo-Jo's
wöchentlichen Verdienst angewiesen ist.
[Illustration]
Seit etwa sechs Jahren befindet sich Jo-Jo wieder in Amerika und wird
es auch wohl nicht nochmals verlassen, da der Humbug mit »wilden
Menschen« etc. in Europa nicht mehr zieht, es somit auch für ihn
unmöglich ist, diesseits des Oceans noch Engagement zu erhalten.
[Illustration]
Miss Violet
das Kameel-Mädchen
ist in ganz Amerika bekannt und eine beliebte Attraction, erweckt
jedoch Mitleid beim gesammten Publicum. Sie ist im Jahre 1878 in
New-Orleans, Nord-Amerika, geboren und wird seit etwa zwölf Jahren von
ihren Eltern zum Geld-Erwerb ausgestellt. Miss Violet (das Veilchen)
ist sehr hübsch, zieht sich jedoch von allem intimeren Verkehr zurück.
Wie das Cliché zeigt, bewegt sie sich nur auf Händen und Füssen, da
es ihr unmöglich ist, die Beine gerade zu machen. Die Kniescheiben
befinden sich nämlich auf der Rückseite der Beine und zwar in solcher
Lage, dass sie die Beine wohl »_nach vorne_« zum Körper biegen, sie
jedoch nicht gerade ausstrecken kann. --
[Illustration]
Ein ganz ähnlich verkrüppelter Neger wurde vor einigen Jahren ebenfalls
in Amerika unter dem Namen Jim-Jim, »halb Pferd, halb Mensch« gezeigt.
Er hatte sich auch wirklich die Bewegungen eines Pferdes ziemlich
natürlich angeeignet. Trotz der rohen und abstossenden Art der
Vorführung fand doch die »grosse Masse« des Publicums Gefallen daran
und der Impresario (ein Deutscher Namens Max Zimmermann) erhält ausser
dem freien Verkauf der Photographieen durchschnittlich eine Wochengage
von 125 Dollars. Eine Attraction, wie diese »halb Pferd, halb Mensch«,
würde in Europa polizeilich verboten werden.
[Illustration]
Walter H. Drew
der »Drum«-Major
war ein viel grösseres Wunder für die Mediciner wie für das Publicum.
Im Jahre 1866 in Bridgeport (Nord-Amerika) geboren, fehlten ihm die
Hände ganz und statt der Füsse hatte er nur unförmige Klumpen. Ungleich
interessanter für die medicinischen Wissenschaften war jedoch die
Thatsache, dass sein Rückgrat von der rechten Seite zur linken Hüfte
ging und dass die Wirbelsäule des Halses nicht die directe Fortsetzung
des Rückgrates bildete, sondern dass sie seitwärts aus diesem
herausgewachsen war.
[Illustration]
Dieses wohl einzig dastehende Vorkommen wurde von allen Aerzten
Amerikas constatirt, und nach dem Ableben Drews im Jahre 1891 wurde der
Leichnam vom Jefferson-College in Philadelphia erworben, das Skelet
präparirt und im Museum des College aufgestellt.