Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich

sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort

kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte,

die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde

er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein

Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er

dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte

er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in

Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem

das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf

seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc.,

überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch

in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den

geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung

zollten.

Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu

sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit

grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes

Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine

Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa

vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne

jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete

Begleiterin ist seine -- Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen,

der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der

vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der

Reise den Einblick zu verwehren.

Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen

Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für

seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu

theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig

Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu

dürfen. --

Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose

Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose

Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen

Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.)

[Illustration: Jean de Henau.]

Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als

_Abnormitäten_ (nur _solche_ sind sowohl die Zwerge als auch die

Riesen, nicht aber _Missgeburten_ im eigentlichen Sinne des Wortes, wie

die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als _normale_ Körper

zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer

Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden -- diese

abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt

zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens

als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine

exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt

enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit

bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in

den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung

dieser im Wachsthum _zurückgebliebenen_ Menschen constatiren,

während die im Wachsthum wieder zu stark _vorgeschrittenen_ Riesen

im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der

Bildfläche verschwinden.

[Illustration]

Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch

die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und

unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in

die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und

Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt

hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen

nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um

auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden.

(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in

welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich --

lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40

Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70

Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58

Centimeter gerechnet.)

Berühmte Riesen alter Zeit waren _Walther Passous_, der Portier des

Königs Jacob I., und _Maximilian Müller_, der im 55. Lebensjahre noch

wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden

aber von dem berühmten _Patrick O'Brien_ (Patrick Colter) übertroffen,

der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm

erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen

angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete,

nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200

Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen.

Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne

zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern

ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie

warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber

zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr

Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als

die Fischer sich entfernt hatten.

1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864

zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen

seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter,

wurde somit von dem Riesen _Drasal_ noch um 4½ Zoll überholt, der 310

Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in

seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb.

Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher _Franz Winkelmeier_,

der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager

war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an

der Schwindsucht starb. -- Die grösste Riesin, welche je auf Erden

gelebt hat, war _Marian_ (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu

Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das

Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht.

-- Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am

12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene

Riesenknabe _Carl Ullrich_, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5

Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener

Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in

Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der

Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland

aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die

Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern

ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder

in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an

der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so

ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter

lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der

rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler

hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt

Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so

wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an

Grösse und Schönheit übertreffen.« --

Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger

Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so

nannte sie sich) _Elise Schmidt_ wohl die einzige Riesin, die sich

öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von

unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer

Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da

zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht

hübschen und zahlreichen Sammlung von -- Schlangen und Krokodilen,

wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer

in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer

ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war

Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste

Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll

rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in

Berlin aufgestellt.

In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der

das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er

war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten

Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht

so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen

Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse

für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an

den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen

angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt

hatte.

Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin

_Marie Schubiger_ aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7

Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte

über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem

Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und

ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie

hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit

ihm verehelicht.

Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen,

und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen

zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen,

arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der

grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze

anführten, sondern sie auch leiteten -- eine Speculation, die ihnen oft

enorme Summen eintrug.

Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris

zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine

Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte,

so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss

zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein

»Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem

Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr

hiess. -- Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand,

reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees

belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der

Oeffentlichkeit zurück.

Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine

viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus

Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren

der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal

gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen

wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass

vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie

später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren.

In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern

Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem

Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete

Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die

Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester

des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und

auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau

berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser

Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais

geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und

volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies

bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war

ein vollkommenes Hoffest in Moskau.

Ein glückliches Loos hatte _Jeffrey Hudson_, oder richtiger »Sir«

Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen

Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst

kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man

seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem

Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und

erschoss ihn.

Nicht so glücklich wie Sir Hudson war _John Worrenburgh_. Als er schon

berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er

logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und

diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im

Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel

ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in

seiner Schachtel elend ums Leben. --

Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht

der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde

und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch _Bébé_, der

Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem

geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. -- Eine sehr

bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen _La Fée Corse_ in London

1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön,

nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. --

_Wybrand Lolkes_, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass,

heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit

mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. --

Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten

General _Tom Pouce_ nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen

Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport,

Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5

Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs.

Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im

Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000

Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit

_Lavinia Warren_ aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit

32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und

wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen,

das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im

Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren

6 Monaten in Middleboro, Massachusetts.

Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und

neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da

namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen

Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer

abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit

geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern

vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den

Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und

ein Riese als eine _neue_ und interessante Schaustellung angeführt.

Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten

Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht

gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine

grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird.

_Düsseldorf_, den 1. Sept 1899.

¯Signor Saltarino.¯

[Illustration]

Johnson's zweiköpfiges Baby

wurde im März 1890 auf einem kleinen Bauernhofe, Hayword, Wisconsin,

Nord-Amerika, geboren, und da die »allwissende« Presse in langen

Artikeln auf dieses Wunder aufmerksam machte, so wurden die Eltern auch

bald mit Offerten für ein öffentliches Produciren des Babys überhäuft

und nahmen denn auch endlich Engagements an.

[Illustration]

Im Juli 1890 wurden die Kinder zum ersten Male in einem Museum in

Chicago vorgestellt und erregten so grosses Aufsehen, dass das

Engagement mit einer Wochengage von 500 Dollars bei freiem Verkauf der

Photographieen und Lebensbeschreibungen auf zwei Jahre abgeschlossen

wurde. Leider wurde das Baby aber nur acht Monate alt und starb am

9. October 1890 in M. S. Robinson's Museum in Buffalo an den Masern, --

ein Theil starb etwa fünf Stunden früher als der andere.

[Illustration]

Dass die körperlichen wie auch geistigen Functionen vollständig

unabhängig von einander waren, ist wohl aus dem Cliché ersichtlich --

indess der eine Theil schläft, wacht der andere und lächelt. Die Eltern

des Babys waren kleine Bauern und kehrten nach dem Tode desselben

wieder auf ihren »Hof« zurück.

[Illustration]

Madame Taylor

die Zwerg-Riesen-Dame

ist unter ihresgleichen insofern auch noch eine Specialität, als die

Riesen-Damen nicht nur gross, sondern meistens auch corpulent sind,

während Mme. Taylor eine Zwergin von nur drei Fuss und einem Zoll Höhe

ist, aber ein Gewicht von 309 Pfund (engl. Gewicht) hat; sie wird somit

auch mit Recht die »Riesin unter den Zwergen« genannt.

[Illustration]

In Peru geboren, wurde sie schon in ihrem vierzehnten Lebensjahre als

Zwergin ausgestellt, mit ihrem achtzehnten Lebensjahre verheirathete

sie sich mit einem »Feuerfresser«, und fortan producirte das Ehepaar

sich nur gemeinschaftlich in Museen etc. Als sie aber nach einiger

Zeit so corpulent wurde, dass sie nicht mehr gehen konnte und es zu

beschwerlich war, sie auf Tritt und Schritt umherzutragen, da zog sie

sich von dem Schaugeschäft zurück und lebt nun mit ihrer Familie -- sie

hat drei Töchter -- in stiller Zurückgezogenheit.

[Illustration]

Lia May

die Skelet-Riesin

macht zur Zeit in Barnum & Bailey's Circus in England grosses Furore.

Sie ist in Milwaukee, Wisconsin (Amerika) geboren und wurde schon in

ihrem achtzehnten Lebensjahre als Riesen-Mädchen gezeigt.

[Illustration]

Um ihre Anziehungskraft zu erhöhen, kleidet sie sich in Tricot und

erscheint durch ihre Magerkeit bedeutend grösser, wie sie wirklich

ist. Durch ihre so recht herzlich gemeinte Gutmüthigkeit ist sie bei

Jedermann sehr beliebt.

[Illustration]

Madame Meyer

die Bart-Dame

ist in Fort Wayne, N.-A., geboren. Schon im Alter von acht Jahren

machten sich die Spuren eines Bartes bemerkbar, die, allen angewandten

Enthaarungsmitteln trotzend, so üppig wucherten, dass sie sich schon

mit sechszehn Jahren eines so schönen Bartes »erfreute«, dass er dem

Antlitz bedeutend älterer Männer zur Zierde gereicht haben würde und

nicht selten deren Neid erregte.

[Illustration]

Schon in ihrer Jugend wurde sie in Museen ausgestellt und im Laufe der

Zeit hat sie sich nicht nur ein recht hübsches Vermögen, sondern auch

einen -- Ehegatten (das Cliché zeigt das Ehepaar) erworben, so dass

sie jetzt, obgleich erst achtunddreissig Jahre alt, vom »Geschäft«

zurückgezogen, in einem gemüthlichen Heim sorglos leben kann.

[Illustration]

Emma Schaller

das Skelet-Mädchen

ist am 8. Juli 1868 in St. Louis, N.-A., geboren; ihre Eltern waren

eingewanderte Deutsche und stammten aus West-Preussen.

Miss Emma erfreute sich bis zu ihrem sechszehnten Lebensjahre der

besten Gesundheit, wurde dann aber infolge einer hochgradigen

Erkältung und darauf folgenden Gelenk-Entzündung auf ein langwieriges

Krankenlager geworfen, und nach etwa drei Jahren war sie zu einem

Skelet abgemagert.

[Illustration]

Da der Vater bereits vor mehreren Jahren gestorben war und die alternde

Mutter bei schwerer Arbeit einen nur sehr kümmerlichen Lebensunterhalt

zu erwerben vermochte, so kam Miss Emma zu dem Entschluss, sich als

»lebendes Skelet« öffentlich zu zeigen. Sie trat am 4. October 1890 zum

ersten Male in ihrer Geburtsstadt auf, und seit jener Zeit ist sie

in sämmtlichen Museen Nord-Amerikas gezeigt worden. Sie erhält eine

Monatsgage von 500-800 Mark, kann somit sich und ihrer alten Mutter,

die sie stets begleitet, eine ganz sorglose Existenz schaffen.

Leider ist bei ihr allmählich eine vollständige Steifheit der Gelenke

eingetreten, so dass sie ohne Beihülfe auch nicht die kleinste Bewegung

machen kann. -- Sie ist etwa fünf Fuss zwei Zoll gross, wiegt aber nur

sechsundvierzig Pfund. Da sie sich einen gewissen Grad von Bildung

angeeignet hat, so ist sie imstande, während ihrer Ausstellung mit dem

Publicum eine lebhafte Conversation zu unterhalten.

[Illustration]

Barney Baldwin

der Mann mit dem gebrochenen Genick

ist für die medicinische Wissenschaft ein hochinteressantes Problem.

Der jetzt etwa fünfundvierzig Jahre alte, kräftig gebaute Mann war

Schaffner an der Chicago-Alton Railway und verunglückte als solcher im

Jahre 1886, indem er beim Ueberschreiten der Plattform von einem Waggon

zum anderen vom Zuge geworfen wurde.

Für todt gehalten, lebte er dennoch, trotzdem acht Rippen, der eine

Arm zweimal, das rechte Bein unterhalb des Knies viermal und die

Wirbelsäule des Halses gebrochen waren; auch der Schädel hatte über dem

linken Auge einen bedeutenden Defect erlitten.

Angesichts dieses hochinteressanten »Falles« setzten die Aerzte ihre

ganze Kunst daran, eine möglichst intensive Reconstruction dieser

menschlichen Ruine zu ermöglichen, und dieses Vorhaben hatte günstigen

Erfolg. Die Rippen-, Arm- und Beinbrüche wurden in althergebrachter

Weise behandelt, der Defect des Schädels wurde durch eine grosse

Silberplatte ausgeglichen und zur Unterstützung des gebrochenen Genicks

wurde ein theilweise aus Eisenblech hergestelltes Corsett construirt,

von dem aus eine Stahlstange, der Form des Hinterkopfes entsprechend

gebogen, sich erhob. An dieser Stange, an deren Ende in der Mitte über

dem Kopfe sich ein Haken befindet, hängt der Kopf an zwei dünnen

Riemen, von denen der _eine um die Stirn, der andere aber unter dem

Kinn hindurch geht, die sich somit oberhalb der Schläfe kreuzen_.

(Siehe das Cliché.) Mit dieser Vorrichtung muss er auch schlafen.

Werden die Riemen vom Kopfe entfernt, so fällt dieser wie leblos

auf die Brust, Baldwin verliert die Besinnung und der ganze Körper

verfällt in einen starrkrampfartigen Zustand; wird der Kopf dann wieder

aufgehoben, so kehren auch die Besinnung sowie die Beweglichkeit der

Glieder sofort zurück.

[Illustration]

Baldwin ist in ganz Amerika als der »einzige lebende Mensch mit dem

gebrochenen Genick« bekannt und zeigt sich heute noch öffentlich. In

seiner Glanzperiode bezog er nicht selten eine _wöchentliche_ Gage von

dreihundert Dollar (etwa 1300 Mark), während er jetzt mit zwanzig bis

dreissig Dollar per Woche gern zufrieden ist, da er, als zu bekannt,

seine frühere Zugkraft verloren hat. Er hat ein grosses Vermögen an

Gagen bezogen, lebte jedoch sehr splendid mit seiner Familie, so dass

er jetzt mittellos dasteht und durch die kleinen Gagen einen nur

kümmerlichen Lebensunterhalt erwirbt.

(Noch in den siebziger Jahren reiste in Deutschland ein bereits

alter Mann, dessen Kopf ebenfalls in einer »Schwebe« hing, deren

Construction der vorbeschriebenen im wesentlichen genau glich. Er war

einst einer der berühmtesten »Spring-Clowns« seiner Zeit und von den

grössten Kunstreiter-Gesellschaften ein begehrtes Mitglied. Einst

landete er nach einem Sprunge so unglücklich, dass er die Wirbelsäule

des Halses brach. Da aber das Rückenmark unverletzt geblieben, er

somit lebensfähig, aber nicht nur für seinen früheren Beruf, sondern

auch für jede andere Arbeit unfähig geworden war, so reiste er zur

Zeit in Deutschland umher und verkaufte in Wirthschaften jeglicher

Güte couvertirte »Planeten«, nachdem er die Gäste in kauderwelschem

Deutsch mit seinem »Malheur« bekannt gemacht und ihnen die Maschine

an seinem Körper, in der der Kopf hing, gezeigt hatte, um eine

bescheidene Existenz fristen zu können. Leider kann der Name nicht mehr

festgestellt werden, der in der Künstlerwelt einst einen hervorragenden

Klang hatte.)

[Illustration]

Hermann

der Knabe mit der Wunderhand

Abnormitäten · 第 2 / 6 段