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Abnormitäten
Von
Signor Saltarino
Alle
Rechte vorbehalten
DÜSSELDORF 1900
Druck und Verlag von Ed. Lintz.
Inhalts-Verzeichniss.
Seite
Vorrede I-XXXII
Johnsons zweiköpfiges Baby 1
Madame Taylor 3
Lia May 4
Madame Meyer 5
Emma Schaller 6
Barney Baldwin 7
Hermann, der Knabe mit der Wunderhand 9
Eli Bown 10
Wilhelm & Hulda 12
Eugène Berrey 13
Miss Maggie 14
George Woodstock 15
John Darrington 17
John Chambert 18
James Morris 19
Angelotti 20
James Wilson 22
Lady Dot 24
Edith, das Riesenkind 25
Achmed Aratas 26
Mac Mahon-Kinder 28
Katy Clary 29
Marquis Wolga und Marquise Louise 30
Leo Whitton 31
Monsieur Neptune 33
Miss Pollie Whatson 34
Lucy Morris 36
Clarence Dale 37
Dominique Castagna 38
William Campbell 41
Albert Brough & General Thom 43
Count Ivan Orloff 44
Johann Jacob Toccio 46
Jo-Jo 48
Miss Violet 49
Walter H. Drew 51
Miss Bella Carter 52
Der Hindu »Laloo« 54
Monroe 56
Ada Russel 58
W. Le Roy 59
Rham-a-Sama 61
Frank Home & George Moore 62
Die gefleckten Mädchen 64
George Williams 65
Madame Taylor 66
Das Bärenweib 68
Mr. Rannie 69
Frl. Lara 72
J. Hanson 73
Mary, die lebende Puppe 74
Radica & Doodica 75
Unzie 77
Nicodemus 79
Chevalier Cliquot 81
Seip 83
Gay Jewett 85
Marietta 86
Mlle. Brison 88
[Illustration]
[Illustration]
Vorrede.
_Abnormitäten_, im allgemeinen mit der trivialen Bezeichnung
»Missgeburten« belegt, haben stets als Schau-Objecte eine bedeutende
Anziehungskraft auf das sog. grosse Publicum ausgeübt, das in der Regel
auch eine gewisse Befriedigung seiner Neugierde in dem gedankenlosen
Anschauen derselben fand.
Erst den letzten Decennien unseres Jahrhunderts war es vorbehalten,
Schau-Objecte dieser Art auf das wissenschaftliche Gebiet zu
überführen, indem hervorragende ärztliche Autoritäten sie nicht selten
als lebende Illustrationen zu ihren einschlägigen Vorträgen in den
Hörsälen der Kliniken vorstellten und dadurch auch das Interesse für
sie in weiter ausgedehnte Bahnen lenkten.
Dass das nicht auch schon in früheren Zeiten geschehen ist, lag,
abgesehen von allen Vorurtheilen, wohl mit in der, den besseren Kreisen
weniger convenirenden Art und Weise des Auftretens resp. der Vorführung
derselben, so dass selbst vorurtheilsfreie Männer der Wissenschaft
diesen äusseren Umständen gegenüber ihre Gelehrtenscheu nicht ablegen
wollten, nicht ablegen durften, wollten sie nicht aus dem Rahmen des
Althergebrachten heraustreten und ihrer und der öffentlichen Meinung
nach dadurch den ganzen Gelehrtenstand profaniren.
Seit aber das äussere Wesen der Schaustellungen gegen früher einen
ganz ungeahnten Aufschwung genommen hat, seit die Productionen der
Fuss- und Rumpfkünstler, wenn auch nicht im allgemeinen, so doch im
besonderen, sich auf dem Gebiete der Artistik ein bedeutendes Terrain
erobert, seit ferner ein C. H. Unthan als primus omnium an der Spitze
der Fusskünstler marschirt und ihr Bannerträger ist und die sog.
Rumpfkünstler in Kobelkoff einen ebenfalls nicht zu unterschätzenden
Obmann haben, seit ferner vorurtheilsfreie Gelehrte ihre »heilige«
Scheu abgelegt und Abnormitäten nicht selten als Lehrmittel zu
sich in ihre Hörsäle emporhoben, seitdem hat auch das gesammte
Publicum allmählich gelernt, diesen, in gewisser Weise von der Natur
vernachlässigten Menschgeborenen ein vorurtheilsfreieres Interesse
entgegenzubringen. Ob sie aber das allgemeine _Mitleid_, das ihnen
stets von den Besuchern gezollt wird, _wirklich in Anspruch nehmen_,
das dürfte doch füglich zu bezweifeln sein, wenn man diesem Mitleid
z. B. Unthan's jovialen Ausspruch gegenüberstellt: »Wenn mir jetzt
plötzlich Arme angezaubert würden, ich wüsste gar nicht, was ich mit
den Dingern anfangen sollte!« --
Einer der ersten Fusskünstler, die das Interesse auch der Aerzte
erregten, dürfte wohl _Gottfried Dietze_ gewesen sein, der, ohne Arme
geboren, sich Ende der fünfziger Jahre unter den allerprimitivsten
Verhältnissen in einer Leinwandbude auf den sächsischen Schützenfesten
etc. producirte. Er war ein Mensch von achtzehn Jahren, der namentlich
eine ganz eminente Fertigkeit in der Verwendung des Messers zum
Auftrennen von Nähten, sowie in der Verwendung von Nadel und Zwirn zum
Nähen entwickelte. Diese Leistung als »Flickschneider« aber culminirte
in dem Einfädeln der Nadel, das mit einer unbeschreiblichen Gewandtheit
und Sicherheit erfolgte. Nachdem er noch »Heil Dir im Siegerkranz«
auf einer Ziehharmonika ziemlich geläufig gespielt hatte, zeichnete
er zum Schluss seiner Vorstellung auf einem Quartblatt Schreibpapier
mit Bleistift und colorirte mit Tuschfarben ein Blumen-Bouquet, unter
das er dann mit Tinte: »Mit den Füssen gezeichnet und geschrieben von
Gottfried Dietze« schrieb und das den Zuschauern gegen einen Obolus à
discrétion offerirt wurde, der in seine Privat-Schatulle floss.
In der Bude aber hing das handschriftliche Gutachten eines der
bedeutendsten Aerzte jener Zeit, das ich jedoch nicht mehr dem
Wortlaute, sondern mir dem Sinne nach noch wiederzugeben vermag.
Von dem Arzte nämlich über etwaige Unregelmässigkeiten im Verlaufe
der Schwangerschaft befragt, habe die Mutter erklärt: Sie habe sich
»_versehen_«. Ein Italiener sei eines Tages mit einem Brett voll
Gipsfiguren auf dem Kopfe in den Hof gekommen und habe sie feilgeboten
und darunter sei auch eine Figur _ohne Arme_ gewesen. (Wahrscheinlich
die armlose Venus von Milo, die im Louvre zu Paris aufgestellt ist,
von der sich Gips-Nachbildungen in den natürlichen Dimensionen in
fast allen Antiken-Sammlungen befinden und die früher auch in einer
Höhe von ca. 18-20 Zoll von italienischen Gipsfiguren-Händlern mit
Vorliebe geführt wurde.) Ueber diese Figur sei sie so furchtbar
erschrocken, dass eiskalte Fieberschauer ihren ganzen Körper plötzlich
durchschüttelt hätten, dass sie einer Ohnmacht nahe gewesen sei und
dass sie sich des unangenehmen Eindruckes noch wochenlang nachher nicht
habe erwehren können.
An diese Mittheilung knüpfte der Arzt dann folgende Reflexion:
»Wenngleich das sog. »Versehen« bei Schwangeren eine unbestreitbare
Thatsache ist, so steht die Wissenschaft hier doch einem noch endgültig
zu lösenden Problem gegenüber. Indessen dürfte der natürliche Verlauf
doch wohl folgender sein: Da der Körper des Kindes sich im Mutterleibe
nicht in allen seinen Theilen zugleich, sondern ein Theil nach dem
andern sich ausbildet -- beide Arme und beide Beine bilden sich zwar
zugleich, doch zu verschiedenen Zeiten aus --, so wird infolge des sog.
»Versehens«, also eines grossen Schreckes, oder sonst einer ähnlichen
anderen heftigen Gemüthserschütterung der gerade in der Entwickelung
begriffene Körpertheil plötzlich gestört, die Entwickelung an dieser
Stelle hört auf, die noch nicht vollständig ausgebildeten Körpertheile
bleiben unvollkommen und der natürliche Entwickelungs-Process überträgt
sich auf die nächsten in der Reihenfolge stehenden Körpertheile, die
sich dann nicht selten in höherem Maasse entwickeln, wie es unter
normalen Verhältnissen event. der Fall gewesen sein würde. Und dieser
Fall liegt auch wohl bei Gottfried Dietze vor, bei dem wir somit mit
einer »_freiwilligen Amputation im Mutterleibe_« zu rechnen haben«.
Soweit das Urtheil des Arztes! --
Dass es Missbildungen derart zu allen Zeiten und in allen Ländern
gegeben hat, ist eine unumstössliche Thatsache, denn der species
facti finden sich eine ziemliche Anzahl in seltenen alten gedruckten
und handschriftlichen Convoluten vor, die meist den Charakter
litterarischer Curiositäten tragen, und die, da sie theils nur in
öffentlichen Bibliotheken, theils nur in Privathänden sich befinden,
nicht »Jedermänniglich« zugängig waren und sind. _Mehr durch Zufall_,
wie durch Quellenstudien im eigentlichen Sinne des Wortes, die dem
seltenen und zerstreuten Material gegenüber fast ausgeschlossen
sind, wurden sie ans Tageslicht gefördert, und in dem vorliegenden
Werke übergebe ich sie, soweit sie zu erlangen waren, gesammelt
der Oeffentlichkeit, da sie immerhin wenigstens einiges Interesse
beanspruchen dürften. --
D. Valentini veröffentlicht im 3. Theile seiner »Schau Bühne frembder
Naturalien: Sodann Rüst- und Zeug-Hauss der Natur, Oder Musei Museorum«
Nachrichten über Fusskünstler, die durch einen Kupferstich illustrirt
sind, der als Original zu dem beifolgenden Cliché diente und der dem
»curiosen Leser« das Portrait eines recht wunderseltzamen
_Barbierers ohne Händ und Füsse_
zeiget, welcher sich und seine Künste im Jahre 1711 zu Giessen umb ein
gewiss Stück Geld sehen liesse, wie er alles selbsten in beifolgendem
Zettul beschrieben hat:
»Mit Bewilligung der Gnädigen und Hochgebietenden Obrigkeit wird
bekannt gemacht, dass allhier aus frembden Landen angekommen eine ohne
Händ und Füsse gebohrne Person, welche ihre Exercitia vor vielen hohen
Potentaten präsentiret hat.
1. Schneidet er eine Feder ohne Händ und Füsse, in solcher
Geschwindigkeit, dass keiner mit 2 Händen besser kan.
2. Schreibt er mit der Feder, die er geschnitten, so künstlich,
dass niemand auff der Welt seines gleichen gesehen hat: Schreibt
vielerley Schrifft, die Buchstaben zu unterst, oberst, verkehrt und
recht, als wann es gedruckt wäre, so, dass kein Mensch erkennen kan,
ob es gedruckt, oder geschrieben ist, woran er sich berühmt an alle
Liebhaber, und wil hundert gegen eins setzen, so jemand in diesem
umliegenden Land kan gefunden werden, der seines gleichen ist, und mit
der Feder machen kan, was er macht.
3. Zeichnet er mit der Feder, die er geschnitten hat, eine Person nach
dem Leben ab, Wappen und andere Bilder, wie auch Laubwerk, so curieus,
dass desgleichen noch nicht gesehen worden.
4. Präsentiret er ein curieus Stück mit Geld.
5. Steckt er einen Faden so geschwind durch die Nadel, dass es keiner
mit Händen nachthun kan.
6. Nimmt er eine Karte, mengt sie, und gibt sie in Geschwindigkeit aus.
7. Er spielet mit Würfeln.
8. Er spielet auff dem Hackbret -- das Cymbal der Zigeuner -- allerhand
curieuse Stücke ohne Händ und Füsse, dass es kein Musicant verbessern
kan.
[Illustration]
9. Er spielt auch etliche Stücke aus der Taschen (-- macht
Taschenspielerkunststücke --) welche so curieus zu sehen sind, dass
dergleichen Taschenspieler noch niemahls ist gesehen worden, dieweil
es ohne Händ viel eine grössere Kunst ist als mit Händen, und
versichert alle, dass sie ein Vergnügen daran haben werden.
10. Er kegelt sehr künstlich auff vielerley Manier, dass es ihm keiner
nachthun kan.
11. Er kan eine Flinte laden und loss schiessen.
12. Er barbieret sich auch selber, alle Woche zweymahl, Mitwochen und
Sonnabend: die solches verlangen zu sehen, die können in sein Logiment
kommen.
13. Er schneidet auch curieuse Sachen von Holtz, und setzet solche in
gläserne Flaschen so wunderbahrlich, dass man es von keinem mit Händen
curieuser sehen kan«.
Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität
auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul
geschrieben:
Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit
geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. --
In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk
noch folgende Notizen:
»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner
»Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum
etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen
Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder
Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in
deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar
deutlich und leserlich:
Johann Kuhn werd ich genanndt,
Hab nur ein Finger an jeder Hand.
Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit
dem Munde ihren Namen also schreiben konte:
ELISABETH SIMSON Anno 1620.
Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu
Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen
ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr
darreichte, nähen konte«. --
Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im
Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter
Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist
beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe,
spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib
manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur
Hälfte erhalten waren -- die Arme fehlten gänzlich -- bewegte er sich
vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn
(Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb
mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur,
Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit
und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er
einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit
den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit
grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett,
Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich
selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie
kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem
normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel,
bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse
kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges
Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in
einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger
verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse
seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das
herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.)
Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen
Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner
Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch
sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer
andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine
verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in
Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht
und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und
wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er
sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager
und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und
weibisch, sein _Humeur_ immer lustig, er schlug die Trommel vollendet,
spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden
Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand
während mehrerer Minuten. --
In Nymwegen erschien im Jahre 1725 (so berichtete von dort Johann
Hartmann Degner) ein Mann mit einem etwa neunjährigen Sohne; er kam aus
dem Cölnischen und befand sich angeblich auf der ersten Tournée, um
zu zeigen, wie sich sein Sohn in Ermangelung der Arme der Füsse gleich
der Hände bedienen könne. Ein damals ausgegebenes Programm kündigte
folgende Nummern an:
»1. Thut er stehend mit seinen Füssen den Hut ab.
2. Schreibt er mit dem Fusse eine lesbare Handschrift.
3. Thut er einen Faden durch eine Nadel.
4. Nimmt er Geld aus seiner Tasche und steckt es wieder hinein.
5. Nimmt er stehend mit seinem Munde Geld von der Erde.
6. Steckt er das Essen mit seinem Fusse in den Mund.
7. Schenkt er ein Glas Bier mit seinen Füssen ein, setzt dasselbe auf
seinen Kopf und trinkt es dann aus.
8. Schlägt er die Drommel.
9. Ladet er eine Pistole und schiesst sie los«.
Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl
von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem
Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben:
»Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein
Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf
vorgezogenen Linien.
Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben
hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn
bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater
und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten
sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen,
dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg
heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. --
Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze
aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg,
der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und
von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei
ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und
brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich
zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und
anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den
Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche
durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann;
es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind
mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück;
setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine
Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne
ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige
Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. --
Im sechszehnten Jahrhundert -- 1576 oder 1576 -- sah man ein Mädchen
ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und
speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert --
1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre,
gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos,
mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen,
Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr
Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) -- 1627 befand sich zu
Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete.
--
Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne
Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena
Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen
auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer,
Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen,
S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und
verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren
Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte.
Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und
Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben
ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole,
schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen
Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer
Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter
und die Verse:
»Dieweil ich denn, dass Gott erbarm,
Hab' weder Hand, Finger noch Arm,
Und mich also behelfen muss,
Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.«
Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn,
die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen,
wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. --
Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten
wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann
noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen.
Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus
Böhmen, der -- ohne Arme geboren -- 1803 in Deutschland reiste; er
speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit
den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen,
blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die
verschiedensten Kartenpiècen.
Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme
geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war
nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu
einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die
drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen
waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse,
die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth.
Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste,
konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste,
sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen,
wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und
losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes
Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden
Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen.
Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte
Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit
den Füssen ass, trank, Karten spielte, -- stahl --, und endlich gar
Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. -- Wir
hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der
Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut
abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II.
hist. 44.)
Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der
mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu.
med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) -- 1628 zog im Monat
August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von
langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und
Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den
Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf,
schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. --
1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit
den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen
losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und
mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc
effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654.
Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig
gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine
sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego
Theodorus Steib Vienna Austriacus«, absque manibus et bracchiis natus,
scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae
25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne
Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre
Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden,
den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal
geändert. -- Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe,
François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber
dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände
gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken
etc.«
Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu
Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot
und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der
kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann
von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem
_Humeur_ und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch,
Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf
seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen
Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz
perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm
noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und
nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch
Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus
dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den
Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift
in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit
den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt
in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache
leserlich geschriebene Worte:
EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig
Die alle Duck tem besten koort
Hy is wys en wel geloort.
Quoi fait ce quil peus & Excusable.
In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und
Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich
frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren
worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung
Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart
erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg,
»der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter
denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in
Anspruch nehmen dürfen:
Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung
dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling
ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden
konnte.
Alexander Benediktus erzählt, dass er eine Frau (in der Mitte des 15.
Jahrhunderts) gesehen habe, die, ohne Arme geboren, mit den Füssen
nähte und überhaupt im Schneiderhandwerk einiges leistete; auch hob sie
einen Becher Wein und schlug die Trommel, als ob sie Hände gehabt hätte.
Später sah man einen armlosen Spanier, »welcher fürwahr alle
Wunderwerk, so in der Natur sind, übertraf«. Er wusste so geschickt mit
Kriegsrüstung umzugehen, dass ihm hierin kein Kriegsmann gleichkam.
Wenn er mit der Armbrust schoss, so verfehlte er sein Ziel nie und
vermochte ausserdem vermittelst einer Axt mit einem Hieb einen starken
Holzpflock zu spalten.
Sycosthenis erzählt von einem zwanzigjährigen armlosen Menschen, er
habe mit den Füssen alle »Handarbeit« verrichtet.
1556 sah man zu Frankfurt a. M. eine Frau ohne Hände, die nicht nur
aufs »allerzierlichste« schrieb, sondern auch allerley sonstige subtile
Arbeit mit den Füssen verrichtete.
Cardanus berichtet im siebenzehnten Buche von einem, der Arme völlig
beraubten Manne, dass er mit dem rechten Fusse Speere schleuderte,
Kleider nähte, ass und schrieb. Sein Name war Antonius, seine
Vaterstadt Neapel. Er hat einen grossen Theil von Europa bereist und
mit den erwähnten und ähnlichen Productionen reichen Beifall und Lohn
geerntet. --
Der hervorragendste aller Fusskünstler älterer Zeit aber ist _Thomas
Schweicker_, der unser Interesse nicht nur allein wegen seiner Künste,
»die ihresgleichen suchten«, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist,
sondern, weil wir ihn auch zugleich als Mensch, als Dichter und als
eine gesellschaftlich interessante Persönlichkeit kennen lernen,
die auch zu Kaisern, Königen und Fürsten zu wiederholten Malen in
Beziehungen trat. Die Litteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts geht
oft auf seine Leistungen ein und auch die bildende Kunst jener Zeit
hat sich seiner angenommen, und am Abschluss des 19. Jahrhunderts soll
auch in diesem Werke nochmals seiner gedacht und ihm ein litterarisches
Denkmal gestiftet werden.
Thomas Schweicker wurde zu Schwäbisch-Hall im Jahre 1540 geboren. Sein
Vater, Hans Schweicker, war ein angesehener Mann und bekleidete die
Stelle eines Rathsfreundes (war wohl Beigeordneter?) und starb 1571
im Alter von vierundsiebzig Jahren. Seine Mutter war eine geborene
Dorothea Seeckbin.
Er kam ohne Arme zur Welt, und nach Ueberwindung des ersten Kummers
darüber gingen seine Eltern alsbald daran, die Mängel des Leibes durch
Pflege des Geistes auszugleichen und ihn zu »allen guten Tugenden und
Wissenschaften fleissigst anzuhalten«.
Mit dem siebenten Jahre kam Thomas in die deutsche und mit dem zwölften
in die lateinische Schule, wo er frühzeitig eine hohe geistige Begabung
an den Tag legte, sich aber besonders der Schreibkunst widmete, die
zu jener Zeit bei weitem nicht Jedermann beherrschte und die daher in
hohem Ansehen stand. (Noch durch Jahrzehnte zeigte man dort den Tisch,
der ihm zur Aufbewahrung seiner Sachen dortselbst eingeräumt war.)
Infolge angestrengtester Bemühungen gelang es ihm, nicht nur eine
deutliche, sondern auch »recht saubere und schöne Schrift zu
erwerben«, durch die er, wie es in einem andern Berichte heisst, »alle
Guldenschreiber und berühmte Rechnenmeister übertroffen«, gleichviel,
ob deutsche oder lateinische Buchstaben, kaum einer that es ihm in
kunstvollem Schreiben zuvor.
In den folgenden Versen, die er mit einer Widmung versah, hat er den
Gedanken ausgesprochen, der sein Leben erfüllte:
O junger Gsell lehre gute Kunst,
Das ist dir nutz und bringt dir Gunst,
Es ziert auch wohl ein jungen Man,
Wie fein ists, wenn er etwas kan.
Ich nem eins glehrten Mannes mut,
Liess eim eins Narren grosses Gut,
~Dann so das Geld sich von dir kehrt,
So bleibt die Kunst doch unversehrt,
Und dich deines gantzes Leben nehrt.~
Plus probe thesauro docti quam divitis auro.
(Etwa: »Was frag ich viel nach Geld und Gut,
Wenn ich zufrieden bin« --
oder: »Vergnügt sein ohne Geld,
Das ist der Stein der Weisen«).
Dem Ehrbarn und Wolgeachten Herrn Leonhart Stöberle, Burger und
Apotheker in Nürnberg zu Ehrn und Wolgefallen, hab ich Thomas
Schweicker zu Schwäbischen Hall, diss aus Mangel nothdürftiger Arm mit
meinen Füssen geschrieben den 21. Juli Ao. 1592, meines Alters 51 Jar«.
Schweicker konnte aber nicht allein gut und künstlerisch-schön
schreiben, er konnte auch »allerley kunstreiche Handarbeit verrichten«,
er besass selbst Geschick in Tischlerarbeiten, wie Hobeln, Bohren,
Sägen und dergl. und »verfertigte allerley subtile Leisten und
Holtzgerämswerk«. Beim Essen sass er auf einem Stuhl in der Höhe der
Tafel, nahm mit den Füssen das Messer, schnitt Brot und andere Speisen
und führte sie ebenso, wie die Getränke, mit den Füssen zum Munde. Er
selbst sagt über diese und ähnliche Fähigkeiten Folgendes:
»Dieweil ich, dass es GOtt erbarm,
Hab weder Finger, Händ noch Arm,
und mich also behelffen muss,
Schreib ich doch diss mit meinem Fuss,
Drumb frommer Christ dein Lebenlang
Sag GOtt für diese Wohlthat dank,
Dass Du hast einen graden Leib,
Wie meinest, dass ich mein Zeit vertreib,
Das zeigt Dir die Contrafraktur.
Weil mich nun GOtt und die Natur
Also erschuff, hats mir doch geben,
Alles zu thun mit Füssen eben,
Essen vnd trinken vber Tisch
Mit meinem Fuss ich bhend erwisch,
Schreib, mahl, schnitz, bindt Bücher ein,
Das Armbrust kan ich brauchen fein,
Zehl Gelt, vnd auff freundlichs begehren
Im Bretspiel meins Manns mich thu wehren.
Schenk ein, trink auss, die Kleider mein
Anleg selbst, schneid ein Feder fein.
Thomas Schweicker Halensis«.
Unter einem seiner zahlreichen Bildnisse finden sich folgende, seine
Thätigkeit charakterisirende Verse:
»Der grosse Wunder-GOtt kan nichts als Wunder machen,
Diss zeuget Schweickers Bild, diss weisen Schweickers Sachen.
Der Mann ist ohne Hand geboren auf die Welt,
Und treibet mit dem Fuss, was aller Welt gefält;
Er trank, er ass, er schrieb, schnid Federn mit den Füssen,
Spannt Bogen, drückt sie ab, wusst seine Lust zu büssen
Mit Spielen in dem Brett. Der Maximilian,
Das Haupt der Christenheit, hielt hoch den Wundermann,
Auch Churfürst Friederich am Rhein hat ihn bey Leben
Als einem Wundermann Schild, Helm zum Wappen geben.
Der Du ihn siehst, gedenk: Was die Natur verletzt
An _einem_, hat Verstand am _andern_ Theil ersetzt«.
In einem nach Schweickers Tode verfertigten Epigramm sagt
M. J. Gaeterus -- um eine weitere poetische Betrachtung über dessen
Fertigkeit anzuführen:
»Von Mutterleib ohn Arm und Händt
Geboren an sein Füssen bhendt
Alles gantz hurtig und ohn Zill
Verricht, wie mans nur haben will;
Er isst und trinkt, spilt, gibt und trinkt,
Alls mit seinen Füssen zwegen bringt«.
Man sieht, dass sich der Beifall, den seine Leistungen fanden, zu
einem förmlichen Cultus erhoben hatte und welch' ein reicher Kranz
poetischer Blüthen und Betrachtungen in Prosa, die, wollte man sie
gesammelt veröffentlichen, einen stattlichen Band füllen würden, sich
um Schweickers interessante Figur geflochten hat.
Aber nicht die Dichtkunst allein, auch die bildenden Künste
glorificirten ihn, denn nicht nur auf Kupferstichen wurde er
abgebildet, sondern auch Medaillen, die sein Bild zeigten, wurden ihm
zu Ehren geprägt. Die eine hatte die Form und den Umfang eines Thalers
und zeigte auf der einen Seite Schweicker, wie er die Umschrift:
»Thomas Schweicker im 41. Lebensjahre 1581« mit den Füssen selbst
schreibt. Auf der Reversseite befindet sich in sieben Zeilen ein Citat
aus dem 138. Psalm: »Wunderbar sind Deine Werke, und das erkennet meine
Seele wohl«. Eine andere, zwar etwas grössere, doch minder scharfe,
wurde im Jahre 1595 geprägt.
Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn Schweicker vom ganzen
Lande und über dessen Grenzen hinaus gekannt und geschätzt war. Um ihn
zu sehen, kamen die Leute von ferne herbei und aus Schlesien erschienen
Boten in Hall, bloss zu dem Zweck, sich beglaubigte Zeugnisse über die
Existenz und Fähigkeiten Schweickers von der Obrigkeit zu erbitten.
Aber, wie es oft gerade dem besten Künstler ergeht, sei es wegen seiner
zu grossen Freigebigkeit und Unterstützung armer Freunde, sei es,
weil minderwerthe Concurrenten auf der Bildfläche erscheinen und ihm
die Einnahmen schmälern, auch Thomas Schweicker hatte mit pecuniärer
Noth zu kämpfen, und richtete deshalb im December 1570 an den Kaiser
Maximilian II. folgende, _mit den Füssen geschriebene Bittschrift_:
Psalm CXLIII
Prope est Dominus invocantibus cum omnibus invocantibus cum in
veritate.
Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster, Christlichster Kayser,
gnädiger Herr, nachdem der Allmächtige Ewige Gott und Vater unsers
einigen Herrn und Heylandes Jesu Christi mich armen, elenden und
verletzten Menschen also und dergestalt in diese Welt erschaffen hat,
dass ich aus Mangel meiner Glieder meine Leibes-Nahrung und Unterhalt
leider für mich selbst nicht gewinnen noch erlangen kan: Derowegen
ist hierauf an Eure Kayserliche Majestät, als an meinen gnädigsten
Herrn, meine gantz unterthänigste, demüthigste und fleissigste
Bitte und Begehr, Eu. Kayserl. Majest. wollen aus angebohrner hoch-
und weitberühmter Mildigkeit mich armen, elenden und verletzten
Menschen lauter um GOtteswillen gnädiglich bedenken, auff dass ich
die übrige Zeit meines armuthseeligen Lebens durch GOttes und Eu.
Kayserl. Majestät Hülffe und Beförderung auch in dieser Welt möge
zubringen. Solches um Eu. Kayserl. Majestät zu verdienen mit meinem
armen, andächtigen Christlichen und emsigen Gebet, gegen GOtt dem
Allmächtigen, für Eu. Kayserl. Majestät, will ich armer gehorsamer mit
höchstem Fleiss zu aller Zeit, treulich thun, auff dass der Barmherzige
Gütige GOtt Euere Kayserl. Majestät in langwieriger Gesundheit und
glücklicher Regierung gnädiglich erhalten wolle. A. M. E. N.
Thomas Schweicker Hallensis
Quem Natura Brachiis Spoliavit
Hoc Scripsit cum pedibus suis
Anno Christi unici mediatoris
Salvatorisque nostri M. D. L. XX.
In mense Decembri.
(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme
beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat
December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte
standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre
später in der Kanzlei zu Prag.
Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians
in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei
der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche
Begabung aufmerksam gemacht wurde.
Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von
Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der
Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess.
Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas
Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen
sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine
anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am
8. October wurde er -- eine besondere Vergünstigung -- unter dem Chor
der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im
folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger
Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere
interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch
der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete
(den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift
wurde nachgefügt) und also lautete:
»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas
Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher
ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und
hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den
Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem
Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor
zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen
geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr,
der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen
Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung
gnädiglich verleihen. AMEN.« --
Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten
Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise
Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die
sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit
der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön,
sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. --
[Illustration]
Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren
besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf,
und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen
Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan
in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und
Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im
näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht
gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten
Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein
so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass
er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein
überaus interessanter Gesellschafter wurde.
[Illustration]
Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat
er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger.
Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der
linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13½ Jahren
aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt.
Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse
angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder
ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe
vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus
Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu
machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige
und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte
ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe
bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen
Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter
hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere
Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das
Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe
für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder
probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David.
Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten
und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von
1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und
nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko
bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem
Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von
1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der
Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein
gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht
Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich
sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem
Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und
führt seine Correspondenz selbstständig.
[Illustration]
Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische
Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow
und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur
constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und
Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne
weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren
Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie
sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das
Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei.
Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches
Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits
erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem
Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch
gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen,
pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes
leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen
sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben
verschiedene Sprachen beherrscht.
[Illustration]
Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen
Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung
seines Könnens weiter.
Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein
können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen
Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches
Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn
Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden.
Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler _Kobelkoff_
registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat,
wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er _nur der Rumpf_ eines
menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend
Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann.
Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum
auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und
in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind
auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen
in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten.
Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten
Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit
und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch
ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu
behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit
Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was
Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen
verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben.
Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald
zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so
weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das
Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt
(1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen
noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind.
Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im
Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen
Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein
Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen
Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der
normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter
verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt
nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch
ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge
documentirte.
[Illustration]
Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so
wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch
die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten
Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die
Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung
übernahm.
Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen
regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das
Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien.
Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand
nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen
liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach,
da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben
dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel,
überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen
mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten.
So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet,
um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten
ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die
Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als
Zeigefinger.
[Illustration: (Schrift Kobelkoff's).]