Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an: »Was ist Ihnen, Jane?«

Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken und fuhr sich

über die Stirn.

»Linnais ... Linnais ...«

»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?«

Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich Jane wie eine

Schlafwandlerin. Suchend, stockend brachte sie einzelne Worte hervor.

»Linnais ... Brand ... Ruinen ... alles tot ...«

Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen.

»Nein, Jane ... Sie leben!«

»Leben ... Linnais ... leben ... Hochzeit ... meine Hochzeit ... Kirche

... Atma ... Erik Truwor ...«

Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel zurück. Ihre Augen

hingen an den Lippen Janes, die weiterflüsterten:

»... meine Hochzeit ...«

»Mit Erik Truwor?«

»Nein ... nein ... mit ...«

»Mit ...«

»Mit ... mit ...«

Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht finden. In

ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn.

»Mit Logg Sar?«

»Silvester ...!« Wie ein erlösender Aufschrei kam es von Janes Lippen.

»Silvester ... Silvester ... wo ist er?«

Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie zu einem Ruhebett.

Ein tiefes Schluchzen erschütterte den zarten Körper Janes. Als sie

die Augen aufschlug, war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und

traumverloren. Klar und fest.

»Silvester! Ich habe ihn wieder!«

»Was ist Ihnen Silvester?«

»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!«

Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das? Was hatte Dr. Glossin

getan? Welches Verbrechen war an dem Mädchen begangen worden? Diana

Maitland fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte er die

Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges Mädchen in ihr Haus

einführen? Wie kam die Gattin Logg Sars in die Gewalt Glossins?

Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann zu sprechen.

Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische Kraft Dr. Glossins

reichte an diejenige Atmas nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt,

jenes schwedische Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen

den Namen Linnais trug, hatte genügt, den von ihm gelegten Riegel zu

brechen.

Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte, wie sie in der

Sorge um Silvester von Düsseldorf nach Linnais ging, Brandruinen

fand, wo sie einst Hochzeit gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst

unerklärlich, plötzlich vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen

mußte.

»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde! Wir wissen es. Lord

Horace sagte es mir. Unsere Stationen müssen ihre Befehle funken.«

»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern ... gern ... Aber er weiß

nicht, wo ich bin. Ich habe in törichter Sorge seine Weisung mißachtet,

bin fortgelaufen. Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht

geben.«

Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen früher

stattgefunden hatten. Aber der kleine Telephonapparat war verschwunden.

Irgendwo in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm die

Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers zu fürchten

begann und den Apparat wie glühendes Eisen von sich schleuderte. Die

Wellenlänge, auf die Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit

verloren. Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren Art

ausgeschlossen.

Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die Möglichkeit, eine

Depesche in der Wellenlänge dieser Station abzugeben. Zu gewöhnlichen

Zeiten eine einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und der

Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe. Diana Maitland

übernahm es, sie zu lösen.

Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des Krieges halber

verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen fuhr sie selbst nach Cliffden

in die große englische Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und

hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor und drohte, bis

der Widerstand des Beamten überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner

Instruktion abwich und die kurze Depesche zur Absendung entgegennahm.

Lady Diana blieb an seiner Seite, solange die Depesche umgeschrieben

und von den Perforiermaschinen für die Sendung vorbereitet wurde.

Sie stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen zu

verschlingen begann, als Hebel tanzten und Kontakte polterten, als die

ersten Worte der Depesche

»Jane an Silvester ...«

auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum strömten. Sie blieb

neben dem Stationsleiter stehen, bis der Streifen dreimal durch den

Apparat gelaufen war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte nach

Maitland Castle zurück.

* * * * *

Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es die Eingeschlossenen.

Sie ließen die Druckluft aus dem Eisberge langsam ins Freie entweichen.

Erik Truwor stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im

untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel. Das Mikrophon

am Munde, bereit, Alarm zu geben, wenn das Frischeis nicht hielt, der

Berg sich senkte, das Wasser stieg.

Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel der Zeiger des

Manometers. Nur noch wenige Linien stand er über dem Nullpunkt. Erik

Truwor lehnte sich gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche,

um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises so früh wie möglich

zu spüren.

Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer werdende Pfeifen der

entweichenden Luft. Jetzt nur noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger

stand auf dem Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg hielt

sich ohne Unterstützung der Preßluft.

Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang durch die Schale

des Berges. Die Antenne in Ordnung bringen, den Verkehr mit der Welt

wieder herstellen, das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem

Abhang des Berges war unversehrt geblieben. Nur die Verbindungen nach

den Apparaten hin waren bei der Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten

genügten, um eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung

gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch schon wieder Leben in

die Apparate kam, die alle diese Tage hindurch still und tot dagelegen

hatten. Die Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die

Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter den Farbrädern

hervor. Nachrichten aus Amerika und Europa, aus Indien und Australien.

Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen. Englische

und amerikanische Luftstreitkräfte waren an den verschiedensten Punkten

der Welt zusammengeraten. Die große englische Schlachtflotte hatte

ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste anzugreifen. Die

amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren. Nur noch vierundzwanzig

Stunden, und es kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik.

Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger Ruhe

so oft vorgelegt hatte, war entschieden. So entschieden, wie er es in

unruhigen Nächten gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf

seine Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie brauchte

den Herrn, der sie zwang.

Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie taten da draußen

nichts aus freien Stücken und irgendeinem Ideal zuliebe. Wer die

Macht hatte oder zu haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine

Warnungen waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm nur gehorchen, wenn

er Brand und Mord hinter jeden seiner Befehle setzte.

Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn er durchsetzen wollte,

was er sich vorgenommen, was er als seine Mission ansah, dann mußte

er als Herr auftreten. Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen

der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die entscheidende

Stunde gekommen war.

Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde die Welt ihm nicht

andere Beweggründe unterschieben? Würde sie nicht einer maßlosen

Ehrsucht zuschreiben, was nur bittere Notwendigkeit war?

Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen. Er stürmte

hinaus in das Freie. Er sprang über Schollen und Schneewehen, die in

den Strahlen der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und fühlte,

daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong Tzo vernichtet waren.

Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der Entscheidung, vor der

Verantwortung, vor dem Entschluß.

Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen Schnee

zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken, fühlte, daß die

weißen Flocken sich wie ein Daunenkissen um seine Glieder schmiegten.

Eine tiefe Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde ganz

ruhig.

Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er jetzt einschliefe? Der

Verantwortung, dem verhaßten Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem

Wege gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der arktische Frost den

kurzen Schlummer in einen ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte

es sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das große Meer der

ewigen Ruhe und des Vergessens, in dem alle dunklen Wellen des Lebens

verrieseln.

War es der Frost, der schon zu wirken begann, den Körper leicht, die

Gedanken träumerisch und sprunghaft machte?

Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die Hände falten! Er

streifte die schweren Pelzhandschuhe ab und schlug die Finger

ineinander. Da ... seine Rechte zuckte zurück.

Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und brennend zugleich. Er

hob die Hand zum Gesicht. Vom Mittelfinger der Linken strahlte ihm der

Alexandrit entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie er

ihn noch nie gesehen hatte.

Mit einem Sprung stand er auf den Füßen.

Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben feige den Rücken

kehren? Nein, niemals, und wenn der Weg nach Golgatha führen sollte.

Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord. Sie sollte im Überfluß

davon haben. Wie eine neue Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis

sie ihm bedingungslos gehorchte.

Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht.

Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er trat hinein und

schritt durch die Gänge dem Raume zu, in dem die großen Strahler

standen. Der rote Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände

und erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen Doppellicht.

Die vollkommene Stille, die hier in den Regionen des ewigen Eises

herrschte, wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber

unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die feinen Schreibhebel

der Apparate auf und nieder und notierten in Punkten und Strichen die

Botschaften, die von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen

und sich in den Maschen der Antenne fingen.

Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem leichten Sessel.

Er hielt den Papierstreifen unbeweglich in den Händen, als ob er

sich von einer einzelnen Nachricht nicht losreißen könne. Das in

rötlichgrünen Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte seine

Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines Toten erscheinen.

Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des Streifens, den

Silvester so beharrlich in den Händen hielt. Der Apparat hatte

inzwischen unermüdlich weitergearbeitet. Viele Meter des Streifens

waren ihm entquollen und lagen in Windungen und Schleifen auf den Knien

Silvesters.

Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters: »Jane an

Silvester. Ich bin geborgen. In England in Maitland Castle bei guten

Freunden.«

Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander.

Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und legte ihm die Hand

auf die Schulter.

»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber. Jetzt weißt du, daß

Jane in Sicherheit ist.«

Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die Gestalt Silvesters

noch mehr in sich zusammen. Sie fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden

gesunken, wenn Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen hätte.

Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper des Freundes gewichen war,

daß die Blässe des Antlitzes nicht allein durch die fahlen Reflexe der

Eiswände verursacht wurde.

Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und Leiden, seelischen

Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit war der Organismus

Silvester Bursfelds nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges

Leben in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von Jane

empfing.

Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des Freundes in seinen

Händen. Atma trat in den Raum. Er schritt auf Silvester zu und schloß

ihm mit sanftem Druck die Augen.

»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte, das Wissen.«

Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den blassen Zügen ruhen.

»Das Wissen, das mir die Macht schafft.«

Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen Strahler. Nur die

Farbschreiber tickten leise und warfen immer neue Nachrichten von den

Kriegsschauplätzen auf das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik

Truwor auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort kam von

seinen Lippen: »Auf!«

Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es!

* * * * *

Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators, und Hauptmann

Harris, der diensttuende Adjutant, unterhielten sich mit gedämpfter

Stimme im Vorzimmer.

»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht wünscht, darf ich

mich ihm nicht aufdrängen.«

»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben hält auf die Dauer

kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen, seit der englischen Kriegserklärung,

ist der Präsident nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein

Arbeitzimmer kaum verlassen ...«

»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist, namentlich, wenn

man die Fünfzig überschritten hat. Aber andererseits ... bedenken Sie

die außergewöhnliche Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht.

Es geht um das Schicksal der Staaten und ... des Diktators. Es ist

schließlich nicht zu verwundern, daß er seine ganze Kraft an die

Leitung des Krieges setzt.«

»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft herkommen, wenn er so gut

wie nichts zu sich nimmt? Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast.

Das genügt ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein Schlaf. Ich habe

den Präsidenten während meiner Dienststunden seit zwölf Tagen nicht

schlafend gefunden. Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.«

»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis, zu Zeiten, in

denen niemand in seinem Zimmer war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand

aus. Das kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage machen

sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere Symptome bemerkbar.«

»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte ich Sie, zu dem

Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist verändert. Sein Blick, früher so

ruhig und kalt, ist flackernd und fiebrig geworden.«

»Fieber erkennen wir an der Temperatur des Patienten. Seien Sie

überzeugt, daß der Präsident in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl

ganz gut geschlafen hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am

wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft kennt Beispiele,

daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand der Übermüdung fest geschlafen

haben, ohne es zu wissen und ohne ... das ist besonders wichtig ...

ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir annehmen, daß der

Präsident in seinem bequemen Armstuhl den nötigen Schlummer gefunden

hat.«

»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen, weil Sie die

Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe gesehen haben. Auf seinem

Tisch stehen zwölf Telephonapparate. Jeder Apparat für eine besondere

Wellenlänge. Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen.

Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber unserer afrikanischen

Fliegergeschwader. Wenige Minuten später mit dem Chef der australischen

Flotte. Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs das

indische Geschwader. So geht es Tag und Nacht.«

»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann. Trotzdem kann ich nicht

ungerufen meinen Rat aufdrängen. Sollten sich wirklich ernsthafte

Symptome zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.«

Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde, saß der

Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in dem schweren hochlehnigen

Armstuhl hinter dem mächtigen Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das

Wesen Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten hindurch

auf irgendeine vor ihm liegende Meldung. Dann blickte er wieder starr

gegen die Zimmerdecke. Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment

eine bestimmte Nachricht.

Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen gehend, schritt

er über den schweren Teppich bis an den Tisch heran und legte eine rote

Mappe mit neuen Depeschen vor den Präsidenten hin.

Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine für das

Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der Straße von Bab el

Mandeb. Auch ein anspruchsvoller Feldherr konnte kaum mehr verlangen.

Doch der Präsident-Diktator las die Nachrichten ohne Freude.

Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem einzigen Gedanken

beherrscht: Wird das Spiel noch glücken oder wird die unbekannte Macht

sich einmischen? Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig

werden würden, daran hatte er nie gezweifelt.

Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen sprengte und

drahtlose Stationen spielen ließ! Die unbekannte Macht, die über so

unheimliche Waffen und Kräfte verfügte.

Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite. Bis er zu den

beiden letzten Schriftstücken der Mappe kam.

Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen, wie um besser zu

sehen. Las zum zweitenmal, hielt die Depesche in den Händen und ließ

den Kopf mit den Augen auf die Papiere sinken.

Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr zehn Minuten

amerikanischer Zeit von Sayville datiert. Die andere um sechs Uhr

zwanzig Minuten westeuropäischer Zeit von der englischen Großstation in

Cliffden. Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so waren

beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand aufgegeben worden. Zwei

Depeschen von völlig gleichem Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet

den Krieg. Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.«

Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete, was ihn zwölf

Tage und Nächte in dieser unnatürlichen Spannung und Aufregung gehalten

hatte, war geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg, stellte

eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen in Aussicht.

Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes Raubtier im Zimmer

hin und her. Jetzt flatterte der helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine

Lippen murmelten Flüche, während er die Faust ballte.

Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe in das Zimmer. Er

sah mit Schrecken, wie der Zustand des Diktators sich verschlimmert

hatte. Cyrus Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich über

den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten sich, während er den

Inhalt der Depesche verschlang. Dann stieß er die Mappe weit von sich

und brach in ein gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns und

der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger wurde. Bis es

schließlich mehr Schluchzen als Lachen war. Dann stürzte er auf der

Stelle, auf der er stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich.

Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann Harris bettete den

Bewußtlosen auf den Diwan und ging dem Doktor zur Hand, solange er

gewünscht wurde.

Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die Staatssekretäre des

Krieges, der Marine, des Innern und Äußern zur Stelle. Sie hörten

den Bericht des Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der

Präsident-Diktator zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen von

Sayville und Cliffden, die noch zerknittert auf der Schreibmappe lagen.

Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von der Existenz der

unbekannten Macht. Gerade das, was sich nach der ersten warnenden

Depesche in Sayville nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard

hatte diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit Dr. Glossin

besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon seit drei Wochen nicht mehr in

Washington gesehen worden war.

Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las die Depesche vor:

»Die Macht verbietet den Krieg. Sie wird jede kriegerische Handlung

verhindern.«

Er ließ das Blatt verwundert sinken.

»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht kann es sich erlauben, uns

den Krieg zu verbieten, zwei Weltreiche zu brüskieren?«

»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und anmaßend! Ist es denkbar,

daß der Diktator durch diese Depesche so schwer erschüttert worden sein

sollte?«

Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem Staatssekretär des

Krieges die Mappe, bei deren Lektüre der Präsident zusammenbrach.

Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf diese vier

Staatsmänner war niederschmetternd.

Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen Atlantikflotte. Es war

der verzweifelte Ruf eines wehrlos gemachten und von einer mysteriösen

Kraft gepackten Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte um 12

Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer weitergegeben worden,

wie die Ereignisse sich abspielten: »Klar zum Gefecht. In Schußweite

mit der englischen Atlantikflotte ... Die Feuerleitung versagt ...

Unsere Geschütze können nicht feuern ... Können auch nicht laden

... Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt ... Geschütze

unbrauchbar ... Torpedos unbrauchbar ... Englische Flotte feuert auch

nicht ... Rudermaschinen blockiert ... Unsere Schiffe nach Osten

gezogen ... Die englische Flotte zieht in geschlossener Kiellinie

dicht an uns vorüber nach Westen ... Auf der englischen Flotte große

Verwirrung ... Unsere Panzer schließen sich dicht zusammen ... aller

Stahl stark magnetisiert ... Die englische Flotte am Westhorizont

verschwunden ... Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere Schiffe mit

50 Knoten nach Osten ... Gott sei unseren Seelen gnädig.«

Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden das Gelächter,

mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen war. Das war also die Macht!

Die unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht wollte. Die

Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen wirkungslos zu machen. Die

Macht, deren erste Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt

zeigte.

Die Katastrophe betraf die große amerikanische Schlachtflotte. Die Ehre

des Sternenbanners war bei der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte

sich keiner der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen Humors

entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine Macht, die Geschütze

verschweißte und Schlachtpanzer elektromagnetisch zusammenklebte, eine

Macht, die eine ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch

imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie tat es nicht.

Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen Flotten in nächster Nähe

aneinander vorüber, die amerikanische Flotte nach England und die

englische Flotte nach Amerika.

Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch irgendein Zweifel

darüber bestand, wurde er durch das Telephon beseitigt, das sich auf

dem Tisch des Präsident-Diktators meldete. Die drahtlose Verbindung mit

der Atlantikflotte.

Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat und erkannte die

Stimme des Admirals Nichelson, der sich bei der Atlantikflotte befand.

»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn Diktator zu

sprechen?«

»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der Herr

Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe begeben. Berichten

Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche über die Katastrophe vor mir

liegen.«

»Sie wissen?«

»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig Seemeilen nach

Osten treibt.«

»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe rasen, halb aus

dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen keine Möglichkeit, etwas

dagegen zu unternehmen. Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns

vorhat.«

»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere Beschädigungen auf

den Schiffen eingetreten? Wie ist der Zustand der Besatzung?«

»Beschädigungen? ... Keine weiter. Jedes Geschütz am Verschluß

verschweißt ... Der Zustand der Mannschaften? ... Fragen Sie lieber

nicht ... Keine Disziplin mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen

Wahnsinn befallen. Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten das

Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen. Geht die Fahrt so weiter,

landen wir morgen in England.«

Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf den Apparat. Er trat

an den großen Globus, steckte einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte

er sich zu seinen Kollegen.

»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische Flotte morgen etwa

um die neunte Stunde an der amerikanischen Küste erwarten.«

Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell.

»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist bisher keine

Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt liegt nach der Verfassung bei

den Staatssekretären.«

Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins Bewußtsein

zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre die Lenkung des

schwankenden Staatsschiffes.

* * * * *

Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und überschlug die

Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit. Seit acht Tagen war er in

Amerika und hatte keine Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern

der Sozialisten und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt,

Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft des Diktators gleichmäßig

müde. Leise Schwankungen des sonst so festen und zuverlässigen Bodens

deuteten auf kommende gewaltsame Ausbrüche.

Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit,

mit der die Parteiführer der Sozialisten und Plutokraten ihm

entgegengekommen waren. Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich

von Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel von der

unbekannten Macht? Von allem, was noch zu erwarten war?

Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten und hatte

ihre Chancen genau erwogen. Beiden Parteien würde die Revolution

zweifellos glücken. Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein

vollkommener sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt zum

Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die Revolution, würden der

Westen und ein Teil der Mittelstaaten sich dagegen erheben. Machten sie

die Weißen, würde umgekehrt der Osten rebellieren.

In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine dritte Partei, deren

Mitglieder sich einfach als »Patrioten« bezeichneten. Eine Partei, für

die Dr. Glossin bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die

Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des Vaterlandes und der

alten amerikanischen Ideale halber zu treiben. Freiheit des einzelnen

und des ganzen Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung

von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen Abmachungen. Das

Programm der Patriotenpartei bestand aus idealen Forderungen. Darum

hatte sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso wie

Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten.

Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William Baker, dem Führer der

Partei, in Verhandlung getreten. Nachdem er in Erfahrung gebracht,

daß die Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen wollten.

Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht. Er hatte sich mit Mr.

Baker eine lange Nacht hindurch eingeschlossen, einen vollständigen

Revolutionsplan mit ihm entworfen und in allen Einzelheiten

ausgearbeitet. So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer vor

der teuflischen Schlauheit des Arztes graute.

Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators waren sie nicht

einig geworden. Glossin war für Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr.

Baker war gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen Verdienste

des Präsident-Diktators um die Union nicht. Cyrus Stonard sollte weg,

sollte der Macht beraubt werden, aber ohne Schaden an Leib und Leben zu

nehmen.

Damals ... jetzt vor fünf Tagen ... hatte Mr. Baker eine kurze Zeit

überlegt, hatte angedeutet, daß er einen Weg finden würde, hatte

den Weg selbst verschwiegen. Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen

zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch verstrichen. Die

Zeit drängte. Heute schrieb man den fünften August. Am siebenten

wollten die Weißen und die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste

Zeit! Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch den

Geheimnisvollen.

Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum Ende kommen. So oder

so. Es war um die achte Abendstunde, als er den Broadway erreichte

und sich in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er

trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen spärlich und

nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur eine Person war darin. Ein

hochgewachsener Fünfziger mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William

Baker, der Führer der Patrioten.

»Sie kommen, Herr Doktor? ... Um so besser, da brauche ich nicht nach

Ihnen zu schicken.«

»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den Nägeln brennt. Ich

bestehe darauf, daß mein alter Vorschlag durchgeführt wird.«

»Es wird nicht nötig sein.«

»Bitte ... sprechen Sie deutlicher.«

Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum Nebenraum und

öffnete sie. Eine dritte Person trat ein. Trotz des Zivils erkannte Dr.

Glossin Oberst Cole, den Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den

Obersten seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso.

Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung versagte.

»Sie ... Oberst Cole ...?«

Baker nickte.

»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?«

Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst ihm bot. Das war

also der Trumpf, den Baker solange zurückgehalten hatte. So mußte der

Plan gelingen.

»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die Aktion der Partei in

allen Städten der Union beginnen. Um zehn Uhr löst das Regiment Cole

die alten Wachen im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf

der Fahrt. Jetzt fort!«

Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem Oberst bis auf das Dach

des Wolkenkratzers. Das Flugschiff des Kommandeurs nahm sie auf. Die

Dämmerung des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den Kurs

auf Washington nahm und die Bai von Neuyork überflog. Staten Island,

Sandy Hook, die Einfahrt zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst

Cole standen am Fenster und blickten ostwärts über die See.

Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer und Panzerkreuzer,

Torpedoboote und Torpedojäger, Flugtaucher und Unterseepanzer. Es

rauschte durch die See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten

Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten. Es kam mit einer

Geschwindigkeit von vielen Seemeilen in der Stunde durch die Fluten

dahergerast. Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch

über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das Wasser dahinter

einen Berg bildete.

Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel. Diese Schiffe

fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie fuhren überhaupt nicht, wie

Schiffe zu fahren pflegen. In regelmäßigem Abstand und in Formationen.

Ihre eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine Gruppe von

Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde losgerissen hat und durch

das Wasser schleift. An den Seitenwänden des ersten schweren Panzers

klebten, aus dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen

Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer haftete, um

ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben, am ersten

Schlachtschiff. So folgte sich die ganze gewaltige Schlachtflotte, zu

einem einzigen, regellosen Block verquirlt, von einer unsichtbaren,

unwiderstehlichen Gewalt durch die Fluten gerissen.

An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den halben Atlantik

zerfetzt und arg mitgenommen, aber noch erkennbar, der Union Jack, die

in hundert Seeschlachten bewährte Flagge Englands. Erst auf der Höhe

von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der wilden Fahrt. Langsamer, aber

immer noch verkettet und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die

Landenge in die Bai von Neuyork ein.

Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und preßte den Arm

des Obersten Cole.

So standen sie und starrten auf das Schauspiel da unten, während

das Flugschiff seinen Weg nach Washington verfolgte. Sie sahen die

gelähmte Flotte klein und kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im

unsicheren Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie starrten

noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand, als längst nichts mehr zu

sehen war.

Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was war das? Habe ich

geträumt?«

»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das Wirken der

geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard spielen wollte.«

Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst Cole bis zu diesem

Augenblick keine Ahnung gehabt hatte. Von der unbekannten Macht. Von

ihrer Gewalt. Von ihren Drohungen und Verboten. Von der Unmöglichkeit,

sich ihr zu widersetzen. Je weiter der Doktor kam, desto mehr sank der

Oberst in sich zusammen. Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr und

zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer zurück.

Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen des Regiments Howard

durch Offiziere und Mannschaften des Regiments Cole abgelöst. Oberst

Cole nahm den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen. So

blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu ihm ins Zimmer

trat.

»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?«

Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene Uhr. »Zehn Minuten

nach zehn.«

Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine Hand vibrierte. Dr.

Glossin blickte spöttisch auf den alten Offizier.

»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang schneidend durch die

Stille. Der Oberst sprang auf.

»Ich bin bereit.«

Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht des Diktators

und führte eine Signalpfeife an den Mund. Noch bevor der letzte

Ton verklungen war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und

Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten sich um ihren

Obersten.

Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den Flur, um den Lärm zu

verbieten. Sie erschraken vor dem düsteren Ernst und der Verbissenheit

in den Zügen der Soldaten und Offiziere.

»Was soll das, Herr Oberst?«

»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.«

Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der erdrückenden

Übermacht. Während sie abgeführt wurden, öffnete Oberst Cole die Tür

zum Zimmer des Diktators. Dr. Rockwell trat ihm entgegen.

»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend der ...«

Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden und trat

schweigend zur Seite. Der Weg war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer

und schritt langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von der

rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den Diktator. Cyrus

Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück in der Hand. Er blieb

ruhig sitzen und senkte nur die Hand mit dem Dokument, während ein

eigenartiges Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog.

Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem Oberst in den Raum,

bildeten an der Türwand einen Halbkreis. Es wurde so still, daß man das

Ticken der kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen konnte.

Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts gegen die Eingetretenen.

»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville und Frisko?«

Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen Kriege. Ehrennamen

für Oberst Cole und sein Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde

des Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen.

Oberst Cole wich einen Schritt zurück ... und noch einen und noch

mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften Ausdruck in Cyrus

Stonards Augen. Das war nicht der drohende, faszinierende Blick des

Gewaltherrschers, sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes, der

alles erkannt und alles als eitel befunden hat.

Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte. Arme umschlangen

ihn. Die flüsternde Stimme, der warme Atem Glossins drangen an sein

Ohr. Mit sicher werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator zu.

»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!«

»Das Land?«

»Das Land, Herr Präsident!«

Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten, blickte ihm in die

Augen und sah die Wahrheit. Langsam kamen die Worte von seinen Lippen:

»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz ... Was habe ich

zu tun?«

»Das Land zu verlassen!«

»Wann?«

»Sofort!«

Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche er einem Befehl.

»In wessen Namen handeln Sie?«

»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit liebenden amerikanischen

Bürger.«

Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem Programm der Patrioten,

die er für harmlos gehalten hatte. Nicht die Roten oder die Weißen,

die Patrioten machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die

Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten halb gedeckt,

Dr. Glossin.

»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?«

Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins ihm peinlich

sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator. Er mußte dessen Blick

aushalten, denn die Mauer der Offiziere und Soldaten versperrte ihm den

Rückzug. So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators,

wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem Moment gern meilenweit

weggewesen.

Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden, drehte ihm den

Rücken und wandte sich Oberst Cole zu.

»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung, daß es sein Wille

ist. In der Hoffnung, daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich

erstrebte ... das Schicksal hat es anders gewollt. Eine Macht, größer,

als ich je geahnt, hat es in Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen

gekämpft ... Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang

mein Schicksal bedeutet ... Ich bin unterlegen ... Wohin soll ich

gehen?«

»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff steht zu Ihrer

Verfügung.«

»... Nach Europa ... Nach Nordland. Gehen wir.«

Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf seinen Wink öffnete

sich eine Gasse zur Tür. Still und stumm standen die Offiziere und

Mannschaften des Leibregiments und sahen den Mann scheiden, der sie

durch zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte.

Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff seinen Arm und

stützte sich darauf.

»Ich bin müde, alter Freund!«

Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus seinen starr

blickenden Augen brachen zwei Tränen, die langsam über sein Gesicht

herniederrollten.

Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug vom Dach

des Weißen Hauses. Es steuerte in die Nacht. Kurs nach Osten.

* * * * *

Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen zu

schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte Macht die großen

Schlachtflotten Englands und der amerikanischen Union gelähmt. Im

magnetischen Wirbelsturm war die britische Flotte in den Hafen von

Neuyork eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde, in der die

amerikanische Flotte die Themse hinauf bis zu den Docks von London

gezogen wurde.

Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten Cyrus Stonard

gestürzt und eine neue Regierung gebildet, in welcher Dr. Glossin

provisorisch das Portefeuille des Äußern übernahm. Zu jeder anderen

Zeit hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt. Jetzt

vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte Macht nahm das

allgemeine Interesse zu sehr in Anspruch, als daß die politische

Umwälzung in den Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte.

Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt englische und

amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten, da trat die Macht sofort

handelnd als dritte auf.

Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach Indien vorstießen,

wurden schon auf dem Wege dorthin zum Absturz gebracht und fielen bei

den Lakkadiven in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff

auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei Jamaika von einem

magnetischen Zyklon gefaßt und auf den höchsten Gipfeln der Kordilleren

abgesetzt. Die Besatzungen brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu

den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen. Die Macht griff

ohne Ansehen der Parteien ein und unterbrach jede Kampfhandlung.

Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten August wirkten

auf die Menschheit wie etwa der Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen.

Allgemeine Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung, das

in der Presse aller kultivierten Länder seinen deutlichsten Ausdruck

fand.

Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse dieser acht Tage

einigermaßen übersichtlich ordnen, so muß man die davon betroffene

Menschheit in allen Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die

Physiker, die Militärs und die breite Volksmenge.

Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten es,

stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen zu geben. Aber

die Isolierung und Speicherung der Formenergie, die geniale Entdeckung

Silvester Bursfelds, lag weit außerhalb der wissenschaftlichen

Erkenntnis. So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in den

großen Blättern der fünf Weltteile produzierten, im Dunkeln.

Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch in den Kordilleren

abgesetzt worden. Die Maxwellschen Gleichungen gestatteten es

schließlich, die wirksamen Magnetfelder nachzurechnen, durch welche

die schweren Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man dann

weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich wäre, alle großen

Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel zu schleudern.

Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen war, häuften sich

die Zeitungsartikel, in denen die Grenzen der unbekannten Macht immer

kühner und ungemessener behandelt wurden.

In den Vereinigten Staaten hielt man sich an die wenigen Mitteilungen,

die der neue Staatssekretär des Äußern Dr. Glossin machen konnte.

Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und konnte bereits

am zwölften August einen Versuch auf offener See vornehmen. Um die

zehnte Vormittagsstunde dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der

Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte eine Anordnung

geschaffen, die ein elektromagnetisches Feld ziemlich geschlossen nach

einer Richtung auszustrahlen vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot

war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen. Er hoffte, bis

auf eine Entfernung von tausend Meter merkliche Magnetisierungen

hervorbringen zu können.

Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den gerichteten

Antennen, die das elektromagnetische Feld über den Bug des

Sammlerbootes nach dem Torpedoboot hinschleudern sollten. Die

Schalthebel wurden eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie

durchbrauste die Antennen.

Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die Wirkungen die man vom

Torpedoboot meldete, gingen erheblich über die von ihm als möglich

errechneten hinaus. Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen

abzustellen.

Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen Sessel fallen. Denn die

Wirkung auf dem Torpedoboot hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg,

bis schließlich der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte,

aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte, wo es im Sturz

berstend liegenblieb.

Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot die Katastrophe

beobachtet. Ein Ruf seines ersten Assistenten veranlaßte Professor

Curtis aufzublicken, die Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen.

Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf auf. Sie leuchteten

einen Moment grünlich schillernd und waren dann verschwunden.

Spanndrähte und Isolatoren fielen angeschmolzen und zersplittert

auf das Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das ganze

Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot auf das Gestade.

Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über das

schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand. Das war das Ende der

amerikanischen Versuche. Der Bericht, den der Professor noch am selben

Nachmittag nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos, gegen

die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen.

Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der Technischen

Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg über theoretische

Elektrodynamik. Die Studenten spitzten die Bleistifte, um das Kolleg

wie immer mitzuschreiben. An diesem Tage wären die retardierten

Potentiale dran gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz etwas

anderes ...

»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den Mitteln unserer

Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten Macht zu ergründen. Die

Wirkungen, die zuverlässig berichtet worden sind, lassen sich nur

dann erklären, wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel besitzt,

um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien Entwicklung zu bringen.

Die Raumenergie dürfen wir nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden

Pferdekraftstunden für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere

Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen.

Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen und mit absoluter

Treffsicherheit zu entfesseln ...«

Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte, die Bleistifte

rauschten. Professor Raps fuhr in seinen Ausführungen fort. Er ging

ins Detail und entwickelte rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf

diesem Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel mit

dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und Kalorien bedeuteten. Dann

wurde die Vorlesung wieder allgemeiner ...

»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel, durch welche uns

jedenfalls noch ganz unbekannte Form der Energie diese Fernwirkungen

erzeugt werden, wie die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande

kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer Wissenschaft um

Jahrhunderte vorauseilte, muß diese Lösung gefunden haben ...«

Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben am Pol konnte

mit dem Epitaphium zufrieden sein, das der deutsche Gelehrte ihm hier

setzte.

Professor Raps fuhr fort:

»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, als ich

die hier eben vorgetragenen Entdeckungen machte. Auf der einen Seite

die reine Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die Freude, die

Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten Laboratoriumsaufgabe

empfunden haben. Auf der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren,

der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die Hand sterblicher

Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich. Die Besitzer der Erfindung

können der Welt jeden Tort antun. Sie können jede Stadt verbrennen,

jedes Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir müssen

widerstandslos über uns ergehen lassen, was die Besitzer der Macht für

gut befinden werden. Der Gedanke ist kaum erträglich. Aber es ist die

Wahrheit ...«

Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten Zeit. Er

war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem planmäßigen Lehrstoff zu

widmen.

Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe. Die Vertreter der

großen Zeitungen kauften den Studenten ihre Niederschrift für schweres

Geld ab. Noch am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag über

die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis Kapstadt, von London bis

Sydney wurden die Mitteilungen verschlungen und diskutiert.

Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen der unbekannten

Macht wenigstens theoretisch auf der Spur war. Je länger die Physiker

der ganzen Welt sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen

vertieften, desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner

Schlußfolgerungen anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine

Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der Macht. Man mußte

imstande sein, die Raumenergie an jeder beliebigen Stelle des Erdballes

explodieren zu lassen.

Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht am Ende ... dieser

deutsche Professor noch mehr wußte, als er im Kolleg gesagt hatte? Der

Gedanke, daß ein einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum

Herrn der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe.

An allen Punkten der Erde wartete man auf die nächsten Äußerungen der

Macht. Die Spannung einer dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit

sie von denkenden Menschen bewohnt war.

Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August. Funkentelegramme

durchschwirrten wie immer die ganze Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15

Sekunden erfuhr dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher

hatte die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare

Beeinflussung einer der großen europäischen oder amerikanischen

Stationen gegeben. Aber in dieser Mittagstunde des 15. August

stand über dem östlichen Teil des Atlantik plötzlich ein starkes

elektromagnetisches Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines

schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend Schwingungen in

der Sekunde und strahlte Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen

Kilowatt nach allen Richtungen der Windrose aus, während es schnell

nach Westen hin über den Ozean wanderte.

Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand das Feld, und wo immer

in Europa und Amerika elektrische Einrichtungen vorhanden waren,

wurden sie zum Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen

Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen Brummen der

Wagenmotoren. Wo elektrische Glühlampen brannten, begannen sie in

dieser Stunde zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein

Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden Rede und Gegenrede

plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende Morsezeichen

unterbrochen. Die Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in

diesen Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben, und

zeichneten die Botschaften der Macht auf:

»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert Gehorsam. Sie straft

Ungehorsam.«

Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen. Wie

Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze, die ihr den neuen Herrn

verkündeten. Wie eine schwere dunkle Wolke legte sich der Druck eines

fremden zwingenden Willens über die Menschheit. Die Regierungen und die

einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war nicht möglich, an dem Ernst

dieser Depesche zu zweifeln. Dazu waren die Proben der Macht, die man

bisher zu kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend.

Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick keine Schwierigkeiten.

Die Macht befahl den Frieden, und es gab nur einen Weg, bedingungslos

zu gehorchen. Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die

einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr oder weniger

aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob es überhaupt noch Zweck hätte,

den Anordnungen einer Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der

Macht auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben Macht

ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal die schlechtesten

Elemente, die unter solchem Druck von einer allgemeinen Unlust befallen

wurden und in gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den eigenen

Angelegenheiten verloren.

Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war ein hoher, schlicht

eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten lag das Manuskript einer fast

vollendeten Arbeit. Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und

Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen Behörden,

von wissenschaftlichen Instituten, von Einzelpersonen und auch von

fremden Regierungen.

Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende von Briefen und

Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren Beantwortung ein ganzes Bureau

Monate hindurch beschäftigen konnte. Er sah grau und verfallen aus und

hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in den Händen.

Seine Lippen zuckten und formten abgerissene Worte.

»... Mein Gott! ... Kann die Natur das dulden ... kann ein einzelner

der Welt ewigen Winter oder ewige Sonne bringen ... das soll ein Mensch

sein ... dem das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben

ist ...«

Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge haftete auf dem

Bilde über dem Schreibtische. Es war ein alter wertvoller Kupferstich

aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich

zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des Gelehrten klammerte

sich an das Gemälde wie an ein Heiligenbild.

»Es ist nicht möglich ... wo bleiben die ehernen Gesetze der Kausalität

... Es ist ein Irrtum ... ein Irrtum oder ein Mißgriff der Natur ...

aber kann die Natur irren?«

Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften. Lateinische

Worte: »~Natura non facit saltus~.« (Die Natur macht keine Sprünge.)

Das Leitwort jenes genialen Naturforschers, durch das er sich zum

Vorläufer Darwins stempelte.

Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes wieder und immer wieder.

»Die Natur macht keine Sprünge ... auf einen scheinbaren Sprung folgt

das ~Corrigens~ ... muß folgen nach dem höheren Gesetz der stetigen

Entwicklung ...«

Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor legte den

Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen Händen füllte er seine

Aktenmappe.

* * * * *

Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus. Der Krieg war zu

Ende, auch ohne einen ausdrücklichen Befehl der beiden kriegführenden

Weltmächte. Er war automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit

Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich noch ein Kampf

entspinnen wollte. Es konnte sich nur noch darum handeln, durch einen

formellen Friedensschluß zwischen den beteiligten Regierungen den

tatsächlichen Zustand zu legitimieren.

In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung der Dinge

mit unumwundener Zufriedenheit auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus

Stonards gewesen. Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die

unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte, daß der in den

Staaten so wenig volkstümliche Krieg sang- und klanglos zu Ende war.

Man spürte wohl auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung

der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen mußte, die hier

erkämpft werden sollten.

Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit allen Mitteln auf den

Kampf eingestellt. Die englischen Staatsmänner hatten erkannt, daß nur

ein glücklicher Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne.

Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf sich erschöpft und

mißmutig in seinen Sessel. Der Diener bekam eine kurze Weisung: »Lord

Maitland wird kommen. Jede Störung fernhalten!«

Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und Verantwortung

allein. Nervös trommelten die Finger seiner Rechten auf der Sessellehne.

Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung bei ihm einen

Rat, einen Plan zu finden.

Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber Platz.

Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die Lippen öffnete. Und

dann sprach er auch nur vier Worte: »Der Krieg ist aus!«

Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete Hilfe durch Rat und

Tat und wurde ungeduldig. Er suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum

Sprechen zu bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in Amerika

verhalten?«

»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden gelegen. Der Gedanke,

einer anderen Eisenfaust gehorchen zu müssen, ist ihnen nicht so

fürchterlich. Sie sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.«

Lord Gashford fuhr auf.

»Aber wir? Großbritannien ... das freieste Land der Welt, stolz darauf,

niemals einer fremden Macht hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns

stellen?«

Lord Horace antwortete langsam, und Resignation klang aus seinen

Worten: »Der Frieden mit Amerika wird nicht schwer zu schließen sein.

Viel schwerer der mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß

Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische Union braucht

uns noch. Trotz ihrer eigenen starken Industrie benötigt sie ...

vorläufig noch das Mutterland. Und Indien ...«

»Und Indien ...?« Lord Gashford stieß die Frage heraus.

»Indien ... Einer von den dreien ist ein Inder ... Ich hoffe,

daß die indische Intelligenz das Gute zu würdigen weiß, das die

englische Regierung dem Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer

fein gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer Herrschaft

verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig die Hälse

abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen wären.«

Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe bei seiner

Rechenaufgabe:

»Kanada verloren ... Australien halb verloren ... Afrika unsicher ...

Indien nicht sicher ...«

»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen Inseln

bleiben ...«

Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises Nicken nur drückte

seine Zustimmung aus.

»Wenn nicht ...« Kaum hörbar waren ihm die Worte über die Lippen

geglitten, aber den gespannten Sinnen Lord Gashfords waren sie nicht

entgangen.

»Wenn nicht? ... Was meinen Sie? Wenn nicht ...«

Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten sich. Zwischen den

Zähnen stieß er die Worte hervor:

»Wenn nicht diese Macht ... diese unheimliche, unwahrscheinliche Macht

ein Narrenspiel der Weltgeschichte ist ...«

Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung.

»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?«

»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig dem Zwange

folgen ...«

Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben. Ein Ersuchen der

amerikanischen Regierung, Zeit und Ort für die Friedensverhandlungen zu

bestimmen. Lord Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu.

»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche Sie, die

Verhandlungen als Bevollmächtigter Großbritanniens zu führen.«

»Meine Vollmachten ...?«

»... sind unbegrenzt.«

»Unbegrenzt ... soweit die Grenzen nicht die Macht zu ziehen

beliebt ...«

Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte ein Gefühl, als ob

die Wände des Gemaches ihn erdrücken wollten. Aufatmend stand er auf

der Straße und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann gab er

dem Wagenlenker einen kurzen Befehl.

Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt und nahm den Weg über

das freie Land. Vorbei an saftstrotzenden Triften und Weiden, durch

Dörfer und sommergrüne Wälder.

Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken beschäftigten sich mit

der Macht. Erst in dieser Stunde kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie

eng und eigenartig gerade die Beziehungen seines Hauses zu den dreien

waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten.

Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem Mächtigsten. Die Gattin

des anderen seit Wochen als Gast unter seinem Dach.

Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. Konnte England Jane

Bursfeld nicht als Geisel nehmen? Dadurch den Willen der Macht

beeinflussen?

Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er verworfen. Jane

hatte erzählt, wie Atma und Silvester nach Amerika kamen, wie schon ein

winziger Strahler Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz,

die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute tun, wenn England

die Hand auf Jane legte? Heute, da ihre Waffen viel stärker waren, viel

weiter trugen, viel sicherer trafen.

Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den Hut vom Haupt und ließ

sich den Fahrwind um die brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken

verließen ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin des

anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch geben, mit den Trägern

der Macht in Berührung zu kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen,

auf dem England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die Gedanken

verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt.

In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane auf ihrem

Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem der Blick auf die Veranda und

den Park ging. Ein Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem

Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und ihre Augen hafteten

an einem Schriftstück. Die blauen Typen des Farbschreibers. Die letzte

Depesche der Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch nach

Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück an sich genommen.

Seit zwei Tagen trug sie es bei sich und las es in jeder unbeobachteten

Minute wieder und immer wieder.

Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen. Sie überhörte dabei

das Kommen Dianas, die leise hinter sie trat, ihr den Arm auf die

Schulter legte.

Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier zwischen die

Wäschestücke zu schieben.

»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?«

»Ach ... Diana ... Sie wissen nicht, was die Worte auf diesem Papier

für mich bedeuten. Immer wieder finde ich Trost in diesen Zeilen. An

alle Welt ist die Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der

sie abgesandt hat.«

Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen. Sie sah, wie

fliegende Röte über ihre Züge huschte, las in diesem Gesicht wie in

einem offenen Buch. Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee

zu dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres Gatten wurzelte.

Glück, daß sie nach vollendetem Werk Silvester bald wieder in die Arme

schließen könne.

»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich bin stolz darauf,

die Gattin Silvester Bursfelds meine Freundin nennen zu können.«

Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses Lächeln zuckte um

ihre Lippen.

»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was bin ich Silvester?

Was kann ich ihm jetzt noch sein? Je höher Sie meinen Mann und sein

Werk stellen, desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor. Ich

fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen Silvester zu umarmen,

werde ich vor einem Mann stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde

ich ihm noch sein können?«

Diana richtete sich auf.

»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit Ihren Worten an der

heiligsten Bestimmung des Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? ...

Erfüllen Sie nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem Weibe

vorgeschrieben?«

Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten Dianas.

»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein Geschlecht fort, in

dem der Name und Ruhm Silvester Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es

nicht. Wie er sich freuen würde, wenn er es wüßte!«

»Glauben Sie ...?«

»Ganz gewiß!«

»Aber Sie, Diana ...?!«

»Ich ...?«

»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß ...«

Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland den Blick dem Park zu.

Jane sah, wie ihr eine jähe Röte über den Nacken lief.

Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich mit einer müden

Bewegung Jane wieder zuwandte. Sie vermied es, Janes Frage zu

beantworten. Nahm den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau.

»Ja ... die Depesche ... Es sind die stolzen Worte einer überlegenen

Macht ... Aber sie künden der Menschheit den Frieden. Ich kenne die

Politik ... ihre Mittel und Wege ... ich kann mich in die Seelen der

Tausend von Frauen und Männern versetzen, denen die Worte der Depesche

Schicksal und Leben bedeuten. Dann glaube ich zu träumen und zweifle,

ob es wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten ...

ja, Jane ... ich habe Zweifel, ob es wahr ist ... Aber ... nein, es

muß wahr sein ... Denn Eriks Worte sind es ja ... Erik ... lügt nicht!«

»Erik? ... Meinen Sie Erik Truwor?«

»Ja, Erik Truwor.«

»Kennen Sie Erik Truwor?«

»Ja ... ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.«

»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines Mannes?«

»Ja. Ich kenne ihn ... habe ihn sehr gut gekannt.«

»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein Name in unseren

Gesprächen schon oft gefallen.«

»Lassen Sie, Jane! ... Es sind Erinnerungen, die ... ich ... begraben

... vergessen haben möchte. Ich denke jetzt nur noch an sein Werk

... Wird es ihm glücken? ... Wird ein idealer Wille im Besitz einer

unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den Frieden zu geben,

die Dinge der Welt zum Heil der Menschheit neu zu ordnen ... ich denke,

es wird ihm gelingen ... er wird sein Werk vollbringen, nach dem eine

neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte Europas ... nein, der

ganzen Welt beginnt ...«

Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte sich unsicher.

Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von dem Gespräch gehört haben

mochte, wieviel von diesem Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war.

»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich immer nur Politik.«

»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte, in den entlegensten

Winkeln der Erde bewegt doch alle dieselbe Frage. Kann es etwas

Erhebenderes geben als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe

kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen ein Ende haben

soll ...?«

»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu fühlen. Was aus

unserem Lande ... aus dem britischen Weltreich wird, ist dir

gleichgültig. Freilich ... du bist keine geborene Britin.«

»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt. Ich habe stets

empfunden ...« -- Lady Diana sprang auf und trat ihrem Gatten entgegen

-- »... daß ich die Gattin Lord Maitlands bin.«

»... als Britin hast du gefühlt?«

»Stets, Horace!«

»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?«

»Ja!«

»Ja ... verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?«

»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden ... die

Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende ist.«

»So ... so!? ... Weiter nichts?«

»Ja ... Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht wie das

Weihnachtsevangelium?«

»Weihnachtsbotschaft? ... Freudenbotschaft? ... Welcher Mann kann

das als Freudenbotschaft ansehen, was ihm Sklaverei und Knechtschaft

bedeutet.«

»Horace ... Horace ... was sprichst du?«

»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen ... soll ich sie

dir noch einmal vorlesen?

›Der Krieg ist zu Ende! ...

Die Macht fordert Gehorsam ...

Ungehorsam wird bestraft!!! ...‹

Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955 · 第 16 / 22 题