* * * * *
Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen. Der Eisberg
war mit seiner Basis halb schräg nach unten in das Wasser gefallen und
hatte dann wieder Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des
kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem Eise ins Freie
zu schmelzen.
Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre. Die Luft
in der Eishöhle war auf das Doppelte des gewöhnlichen Luftdrucks
zusammengepreßt. In ihren Lungen hatte der hohe Druck sich
ausgeglichen. Schafften sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie,
so mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte
Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen zerrissen, ihre Leiber zerfetzt.
Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte keine
Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu welcher Höhe der Wasserspiegel
draußen den Berg umgab. Wie tief der Berg in den geschmolzenen See
eingesunken war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim Ablassen der
Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes erreichte. Dann wurden
sie ertränkt wie die Mäuse in der Falle.
Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, hatte der Geist
Silvesters entdeckt.
»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive Kern muß als
Schmelzwasser in die Tiefe gehen. Nur eine leichte äußere Schale darf
stehenbleiben. Leichte Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben.
Dann wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser schwimmen ...«
Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung machte
Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den vorhandenen Gängen
eingeschlossen war, würde niemals genügen, das ganze Innere des
ausgeschmolzenen Berges zu füllen.
Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit der Außenwelt
herstellen, mußten die Luftpumpe mit vieler Mühe aus einem halb
überfluteten Gange herbeischaffen und von außen her Luft in das Innere
pumpen, als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen
Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive Eisriese von Stunde
zu Stunde immer mehr die lockere Struktur einer Bienenwabe annahm.
Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich. Sie merkten es
daran, daß er wieder in die wagerechte Lage kam und daß die unteren
überfluteten Gänge allmählich vom Wasser frei wurden.
Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag und Nacht tätig. Die
Vorwürfe Erik Truwors brannten ihm schwer auf der Seele. Er wollte
mit Hingabe seiner ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein
Versehen verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein geschwächter
Organismus auf die Dauer aushalten konnte.
Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang hinzu, als Silvester
neben dem Strahler, mit dem er die neuen Höhlen und Zellen in den Berg
schnitt, zu Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders, um das
aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen zu zwingen und die
schwere Ohnmacht in einen wohltätigen Schlaf zu verwandeln.
Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung. Der Berg
mußte gehoben, in seine endgültige Lage gebracht sein, bevor die
Polarkälte ihre Wirkung tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so
unglücklichen Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer schweren
Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war der Berg fest eingekittet,
alle Versuche, ihn zu heben, wurden vergeblich.
Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten sie das Werk getan.
Nun hieß es warten und sich gedulden, bis das eintrat, was sie vorher
so sehr zu fürchten hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren
war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen, durften sie
die Tür dieses gigantischen Gefängnisses sprengen. Sie rechneten, daß
wenigstens noch einmal fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das
frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde.
Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator noch einmal
eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei erfüllten noch einmal die Welt.
Von einer sinnlosen und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange
der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte. Einfach davon,
wie schnell oder wie langsam sich in der arktischen Eiswüste auf einem
Tümpel von mäßiger Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde.
Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges nichts anderes tun
konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten von der Welt, ohne Kunde
von dem, was draußen vorging.
Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich wohltätiger Ruhe
hinzugeben, seinem armen mißhandelten Herzen, das immer noch unruhig
und unregelmässig gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen.
Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken, die sich nicht
verjagen ließen.
Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen? Hatten die ersten
Warnungen der Macht genügt, oder war der Krieg doch ausgebrochen?
Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen Zerstörung aus
eigener Kraft Einhalt zu gebieten?
War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen können, wie er es
geplant hatte.
Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in diesen Tagen seiner
erzwungenen Untätigkeit übereinander herfielen?
War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht zur Selbstregierung
reif waren, daß sie einen Selbstherrscher brauchten, zu ihrem Glücke
gezwungen werden mußten?
Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht. Drei Köpfe, drei
Sinne!
Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein?
Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher?
Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und des Tsongkapa?
Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein. Der Nachfahr des
alten Herrengeschlechtes, dem eine zweifache Prophezeiung noch einmal
die Herrschaft versprach.
Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er sprang auf und irrte
durch die Eisklüfte des gehöhlten Berges.
Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte das Schicksal die
unendliche Macht in die Hand gegeben. Er brauchte Gehilfen, treu
ergebene Paladine, um sie auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die
Freunde an die Seite gestellt. So war die Weissagung von Pankong Tzo
zu deuten. Dem Herrscher die Macht, seinen Paladinen das Wissen und den
Willen.
So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe er den Rubikon
überschritt, so einem Napoleon, als er den Sturm auf Italien wagte, so
einem Stonard, als er gegen die Gelben im Westen der Union losbrach.
Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures mit ihm vor,
wenn ... wenn in diesen Tagen der Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu
bändigender Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus dem
eisigen Gefängnis.
* * * * *
Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana Maitland Jane in ihr
Haus in Maitland Castle aufgenommen. Widerstrebend zuerst, hatte sie
sie dann liebgewonnen. Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte des Dr.
Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von den zweifelhaften
Eigenschaften ihres Oheims geerbt.
Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben, diesmal hatte er die
Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß Jane einsam und hilfsbedürftig
sei. Lady Diana erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und
lebenserfahrenen Frau.
Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche Freundin zu sein.
In Maitland Castle während dieser Tage politischer Hochspannung
und kriegerischer Verwickelungen selbst vereinsamt, zog sie sie in
ihre Gesellschaft und hatte sie den größten Teil des Tages um sich.
Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die Seele des jungen
Menschenkindes Rätsel barg.
Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes Lücken klafften. Was
sie erzählte, erzählte sie schlicht und einfach, ohne Widersprüche.
Aber plötzlich, an bestimmten Stellen, stockte die Erzählung, brach
die Erinnerung ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken zu
überbrücken.
Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch heiter, fast
ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd, nachdenklich, zerstreut.
Wechselnde Stimmungen, schwankende Abneigungen und Sympathien, die sich
bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der Speisen
äußerten.
Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer Beschließerin über
Jane unterhalten. Die sonderbaren Andeutungen der Alten gingen ihr
nicht aus dem Sinn.
Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das in einem der
großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster stand. Sie hatte den
Tischkasten aufgezogen, kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort
lagen, schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein Garnknäuel
und ein Buch herausnahm, die Gegenstände zerfahren und unsicher auf den
Tisch legte und dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein altes
Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit Buntstift angestrichen.
Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene Reflexe um die
schweren blonden Flechten Janes. In dieser Beleuchtung, die ihre zarte
Schönheit noch hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine
der Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough. Diana Maitland
betrachtete das Bild mit Wohlgefallen.
Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre Blicke ruhten auf
dem Zeitungsblatt. Der zerstreute, träumerische Zug, den Diana in den
letzten Tagen so oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz.
Jetzt straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem Punkt des
Blattes, während sie angestrengt nachzudenken schien. Als ob sie etwas
suche, eine Erinnerung, ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen
könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen ihr körperliche Pein
bereite.