Macht dir das als Britin Freude?«

Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana die Depesche

gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten hier die einzelnen Worte,

steigerte sich die Drohung von Satz zu Satz, bis sie schließlich

brutal herauskam. Bei jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana

automatisch einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr und ratlos an

ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands Züge hatten die gewohnte Ruhe

verloren. Es zuckte in ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf

seinem Antlitz.

Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese Depesche gejubelt, und

wie anders klang sie jetzt. Ein eisiger Schauer überlief Diana. Sie

bedeckte ihre Augen mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht?

Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam ließ Diana die

Hände sinken und ... was war das? ... Irrte sie sich nicht ... war das

nicht ein leises Flimmern eines Triumphes in seinen Augen? ... Nein!

Die Botschaft Erik Truwors klang falsch im Munde ihres Gatten. Sie

war anders zu lesen, mußte so gelesen werden, wie Diana und Jane sie

gelesen hatten.

»Horace ... kannst du dich nicht freimachen von einem Namen? ... Kannst

du den Mann nicht von seinem Werke trennen?«

Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche Haltung des

englischen Aristokraten. Keine Spur in seinen Mienen verriet mehr, wie

nahe ihm diese Unterredung ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors

ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen von seinem Werk zu

trennen.«

Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen Lippen. Aber er

beobachtete scharf und sah, wie Diana von diesen Worten getroffen

wurde. Wie sie die Hände gegen die Brust preßte, als müsse sie einen

tiefen Schmerz unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum

Fenster hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem Platze. War

es möglich, daß seine Worte ihr Herz so trafen, daß er ihr doch alles

... der andere, der verhaßte Name nur ein Schemen war?

Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt er den Namen Diana

auf seinen Lippen zurück. Einen kurzen schweren Kampf, dann hatte er

die volle Herrschaft über sich gewonnen.

»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich wünschte ... ich

wünschte von Herzen, du hättest recht ...«

Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die Halle verlassen.

Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert, schmerzverzerrt.

Ihre Augen starrten auf die Stelle, wo Lord Horace gestanden hatte.

Kaum hörbar kam es von ihren Lippen: »Erik Truwor ... Erik ... Truwor!«

Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? ... Wo war die Wahrheit? ...

Schluchzend sank sie auf den Teppich nieder.

* * * * *

Der lange, sechs Monate währende Poltag ging seinem Ende zu. Dicht

über dem Horizont zog die Sonne ihren vierundzwanzigstündigen Kreis.

Immer näher kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen.

Klingender Frost kündete die kommende Polnacht.

Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock in der Rechten,

stieg er über die Stufen und Eisbänder schnell empor, bis er die

höchste Zinne erreichte. Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne

den Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine Formen verändert,

hatte aus dem grünlich und bläulich schimmernden Eismassiv ein

Gebilde geformt, das an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen

Königsstuhl aus den Zeiten der Goten oder Merowinger.

Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der zum Sitz

ausgeschmolzenen Gipfelzinne.

»Was ist das? ... Ein Sitz! ... Ein Thron ... mein Thron?!«

Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den schweren Eisstock

wie ein Zepter an der rechten Seite. Die Arme auf den Seitenlehnen

dieses bizarren Thrones. So saß er dort, rot von der Sonne umglüht,

einer Statue vergleichbar. Saß und sann.

Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich, überstürzten sich.

In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern stand Atma. Der

Inder ließ die Streifen durch die Finger laufen, zurück bis zu der

letzten drohenden Depesche der Macht, die auch hier von den Apparaten

mitgeschrieben war.

War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik Truwor seine Gedanken

und seine Geheimnisse für sich behielt?

Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung des Freundes verfolgt.

Was würde kommen, was würde das Ende sein? Was stand im Buche des

Schicksals über Erik Truwor geschrieben?

Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf dem flachen Eis

und blickte sich um. Gegen den tiefroten Abendhimmel hoben sich die

gigantischen Formen des Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah

er die Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen Himmel in den

Äther ragen. Ein Zepter an der Seite, den Blick in die Ferne gerichtet.

So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es Soma Atma in tiefen Bann

schlug, seine Gedanken verzauberte, seine Erkenntnis trübte.

Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen Mann weit über alle

Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft, die absolute Gewalt über Tod

und Leben aller Geschöpfe bestimmt?

In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der Zauber wich, bis Atma

nicht mehr den Schein, sondern das Wesen sah.

Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in den glühenden

Sonnenball. Leise und abgerissen fielen Worte von seinen Lippen:

»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? ... Was bin ich?! Bin ich

der Herr? ... Ja ... ja! Ich bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu

zwingen! ... Zwingen ... zum Guten zwingen. Ein guter, ein gerechter

Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu trotzen wagen?! ... Trotzen

... wer will mir trotzen? ... Kein Sterblicher! ... Auf Erden keiner

... keiner! ... Silvester ... Atma? ... Auch die nicht ... Ha! ...

der eine sicher nicht. Den hat das Schicksal genommen, als er sein

Geschick erfüllt ... Der andere! ... Atma? ... Atma! ... Atma!! ...

Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? ... Atma! ... Rief ich dich. Da

kommst du ja ...«

Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er auf Atma, der

langsam den Pfad emporklomm. Fester umkrampfte seine Hand den schweren

Eisstock.

»Hüte dich, Atma!«

Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen lauerte es.

Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der ganzen Kraft seines

zwingenden Auges an und sah, wie Erik Truwor kalt und fremd an ihm

vorbeiblickte.

»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«

Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte den Inder mit einem

flüchtigen kalten Blick.

»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.

»Fragst du so den Freund?«

Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich berührten.

»Freund ...?«

Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.

»Erik ... besinne dich ... Was willst du tun? ... Denke an Pankong Tzo,

an die Weissagung, an die Ringe! -- Es waren drei!«

»Was gilt mir noch Pankong Tzo? ... Und die drei Ringe ...«

»Hast du Silvester auch vergessen?«

»Silvester? ... Silvester ... Der hat sein Geschick erfüllt ... Seine

Zeit war um ...« Erik Truwor stieß den schweren Stock in das Eis, daß

die Brocken spritzten. »Jetzt geht es um größere Dinge!«

»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht mehr? ... Oh, daß ich

bei Silvester im eisigen Grabe läge statt diese Stunde zu sehen ... Um

größere Dinge geht es, sagst du ... Denke an die Worte Tsongkapas: ›Es

mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als gute!‹ Was du sinnst,

weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! Aber ich sage dir, nie wird ein

Werk bestehen, das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache

des Schicksals! ... Bedenke, daß du nur ein Werkzeug des Schicksals

bist.«

Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der hageren, hochragenden

Gestalt war gespannt. Noch schärfer, eckiger als sonst sprang die

gebogene Nase über die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen

die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und doch gewaltsam

in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos glitten Kraft und Willen Atmas an

dieser Wandlung ab.

»Ich ... ein Werkzeug des Schicksals? ... Und wenn ich es verschmähte,

ein Werkzeug des Schicksals zu bleiben ... und wenn ich« -- seine

Gestalt reckte sich, als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle --

»... wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«

Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen wich Atma einen Schritt

zurück.

»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt es, mir zu trotzen

... das Menschengeschlecht liegt zu meinen Füßen ... Die Elemente

müssen mir gehorchen ... Ich will die Wogen des Meeres zähmen und dem

Sturm gebieten, sich zu legen ... nie zuvor wurde einem Menschen solche

Macht gegeben ... und ich soll sie nicht gebrauchen?«

Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal suchte und fand er

Worte, um den Freund zu halten.

»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine Seele erschüttert,

die Arbeit deinen Körper geschwächt.«

Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig ab.

»Krank? ... Erschüttert? ... Ha! Mein Körper ist kräftiger, mein Geist

klarer und frischer denn je.«

Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch die Finger laufen.

»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. »Du frevelst! ... Du

frevelst am Schicksal. Hüte dich!«

»Ich mich hüten? ... Vor wem? ... Vor dir?«

Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden schlagen. Dann stieß

er ihn tief in das splitternde Eis hinter sich und reckte die Arme mit

geballten Fäusten gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren

Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, und wie Krallen

bewegten sich die Finger.

Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach aus seinem Halse.

»Hüten soll ich mich? ... Hüten? Vor wem? ... Vor euch Unsichtbaren da

oben?! Haha ... Kommt heraus, ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren

Verstecken. Kommt! ... Ich will mit euch kämpfen! ... Ha ... Haha ...

wo seid ihr? Kommt! ... Habt ihr Furcht ... Haha ... Ich lasse mich von

euch nicht äffen. Ha ... ha ... haha ... Ich nicht!«

Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am Horizont ließ Atma

erschauern.

»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das Zeichen, das geschehen?«

»Ha ... ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das harmlose Wetterleuchten

soll wohl ein Zeichen von deinem Schicksal sein. Ha ... ha ... Ihr

Toren ... hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn nicht

begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles ... Übernatürliches ... und

wenn es euch paßt, einen Wink des Schicksals, dem ihr euch beugt ...

dem ihr euch fügt ... Ich will mich nicht fügen ... ich nehme den Kampf

mit euch auf ... ich forme mein Schicksal nach meinem Willen! ...

Wehe, wer mich stört! ... Wehe euch da oben ... ich fürchte euch nicht

... hütet euch vor mir ... Hütet euch. Ich komme über euch mit meiner

Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«

Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte Erik Truwors

in die stille Polardämmerung. Und plötzlich eilte er springend und

stürzend den steilen Hang des Eisberges hinunter und verschwand in der

Höhle, die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte Atma seiner

Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise ankam, gerade, wie Erik Truwor

das Flugschiff aus seinem Versteck ins Freie brachte.

»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender Stimme.

»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie einst der jauchzende

Kriegsruf der alten Waräger. »In den Kampf! Mit denen da oben! Heißa!

... Jetzt wehrt euch ... Erik Truwor kommt ... der Große kommt.«

Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in den Rapid Flyer hob

und alle Vorkehrungen traf, die Kabine zu verschließen. Betend faltete

er die Hände. Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten

Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes waren aufs

höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben vermochten, konzentrierte

er mit stärkster Energie auf den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist

zu zwingen. Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.

»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem Herzen größere Kraft.

Kraft, das kranke Herz zu zwingen und zu heilen. Dann nimm meine Seele

dafür hin.«

Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich inne. Seine

gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. Dann plötzlich schien

er sich der fremden Kraft, die über ihn gekommen, bewußt zu werden.

Er wandte den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander.

Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. Ein Zweikampf

... furchtbar ... stumm ... Bebendes Hoffen zog durch Atmas Seele. Der

Kampf war angenommen ... Durchhalten! Sein Gebet war erhört! ... Da ...

ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball und raubte sein Licht.

Einen kurzen Augenblick nur ... Da war es geschehen. In dem plötzlichen

Halbdunkel verlor Atmas Blick die Schärfe ... für einen Moment nur

entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.

»Ha ... ha ... haha ...« Da war es wieder, das kurze, abgerissene

Lachen des Wahnsinns.

Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht und den bannenden

Blicken Atmas entzogen. Mit schaurigem Hohngelächter sprang er in die

Kabine und warf die Tür hinter sich zu.

Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der Rapid Flyer verließ den

Boden und schoß in die Höhe.

»Erik ... Erik Truwor!« ... Der Ruf Atmas verhallte ungehört in der

eisigen Luft. Schon ward das Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt

nur noch ein Punkt ... Jetzt nicht mehr sichtbar.

Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des Schicksals. Er ging

in den Berg zurück. Da fand er den Fernseher, fand den kleinen Strahler

und suchte am dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt

war und auf der Mattscheibe erschien. Da ... Einen Kampf sahen seine

Augen ... Einen Kampf, wie ihn noch nie ein Sterblicher erschaut ...

Einen Kampf gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen

Naturkräfte des Firmaments.

Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust ... Entsetzen sprach aus seinen

Zügen ... Seine Zunge stammelte Gebet ... Hilferuf ... Er barg das

Gesicht in den Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.

* * * * *

Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten und der

Plutokraten waren durch den Staatsstreich der Patrioten in gleicher

Weise überrumpelt worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus

Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung in ihren

Reihen. Die Revolution war von einer dritten viel jüngeren und, wie sie

meinten, viel schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten sehen,

daß die Masse des Volkes diese Revolution gut hieß, mußten mit der

Macht der Tatsachen rechnen.

Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution von ihrer Seite

den schärfsten Widerstand der Rechten finden würde, daß sie sich nur

nach blutigen Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die

Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich unternahm.

Und man wußte nicht, wie die unbekannte Macht sich zu blutigen

Konflikten stellen würde.

So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes Programm ohne

nennenswerte Widerstände durchzuführen. Viel glatter, schneller und

besser, als es eine der anderen Parteien jemals gekannt hätte.

Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging sich in

Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im neunzehnten Jahrhundert,

in denen Amerika das wahre Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus

allein den Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben hatte.

Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe für Cyrus Stonard dem

gestürzten Diktator gerecht. Sie achteten seine Größe und gaben der

Meinung Ausdruck, daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch seine

Mittel nicht immer die richtigen waren.

In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das Portefeuille des

Äußern. Er erhielt es wegen seiner Verdienste um die Durchführung der

Revolution und seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren

Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom ersten Tage seiner

Amtsführung an, daß er auf unsicherem Boden stand. Die Patrioten hatten

Cyrus Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der zwölften

Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange Jahre sein williges

Werkzeug gewesen war. Das brachte ihn in den schlimmen Ruf eines

Renegaten, heftete seinem Namen einen schweren Makel an.

Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner Stellung festigen.

Deshalb hatte er sich in Neuyork im Trinity Church District aufstellen

lassen. Dort hatte er seine Anhänger, und dort hoffte er durch

geschickte Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die Stimmen

dieser Partei für sich zu gewinnen.

Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. Nur die

raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte es wagen, die Stimmen

einer fremden Partei im geheimen Einverständnis mit deren Führern zu

erlisten. Er unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah,

sich in der Regierung zu halten.

Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische Partei gab,

die sich nach den Ereignissen des siebenten August von ihm düpiert

fühlte und deren Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken

sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis seiner letzten

Besprechung mit den Führern der Linken befriedigt, als sein Kraftwagen

ihn in der Abendstunde des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.

Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine Aufmerksamkeit.

Das Blatt der Neuyorker Konservativen. Er sah auf der ersten Seite ein

Porträt, hörte, wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus

dem Vorleben unseres Außenministers!!«

Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. Hörte, während er es

erstand, aus dem Geschrei der Boys eine Fülle anderer Überschriften.

»Bekommt von England nicht genug! ... Die Millionen aus Japan! ...

Doppelspiel vom ersten Tage! ... Englischer Abkunft! ... Amerikanischer

Bürger! ... Japanischer Spion! ... Der Bravo des Diktators! ... Er

verrät weiter! ... Wen verrät er? ... Das amerikanische Volk!« ...

Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt und machten sich

den Spaß, ihm die einzelnen Überschriften des Artikels zuzuschreien,

bis der Kraftwagen ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach dem

Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. Den kleingedruckten

Text zwischen den fetten Überschriften.

Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und sein ganzes

Vorleben unheimlich genau kennen. Da war keiner seiner schlimmen

Streiche vergessen, keine seiner Verrätereien und Meinungsänderungen

ausgelassen. In schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben

Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko bis zu

seinem letzten Doppelspiel mit den Führern der Roten dar. Er deckte den

Artikel mit seinem vollen Namen. Der konservative Politiker MacClaß

genoß auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine Achtung.

Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. Was tun? Eine neue

Revolution versuchen? Offen mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den

Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war.

Jetzt gerade nach Washington und den anderen die eiserne Stirn gezeigt!

Hatte er nicht allein die Revolution gemacht? Was waren die anderen

ohne ihn? Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre es

ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten sie alles. Mit ihm

mußten sie weiter durch dick und dünn gehen, wenn sie an der Macht

bleiben wollten. Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf

zu bedeuten?

Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im Weißen Hause. Kühle

Worte und kühle Mienen. Es war klar, daß der Artikel von MacClaß hier

bereits bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche und warf

es auf den Tisch.

»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem Broadway. Schwindel

natürlich! Alles Schwindel!«

Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis William Baker die Frage

stellte: »Alles ...?«

Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn mußte Glossin sofort

ein einziges Wort sagen: »Alles!«

Als er den geraden durchdringenden Blick William Bakers auf sich ruhen

fühlte, versagten ihm für einen Augenblick Entschlossenheit und Mut.

Als sie ihm wiederkamen, war es für diese kurze knappe Antwort zu spät.

Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und Entrüsteten spielen.

»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen nicht für wahr

halten. Ich bin bereit, mich von jedem Verdacht zu reinigen.«

»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung sehr erwünscht, wenn

Sie das könnten.«

William Baker sprach die Worte langsam, während er eine Mappe ergriff,

aufschlug und vor Glossin hinschob.

Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag stockte ihm.

Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos mit England

geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein Dechiffreur von Gottes Gnaden

hatte den geheimen Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier

standen die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen hatte.

Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für ihn war. Dann weiter seine

Verhandlungen mit den Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte

mechanisch weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an den Beauftragten

des amerikanischen Volkes William Baker.

Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er fühlte, daß

sein Spiel verloren war. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte William

Bakers an sein Ohr:

»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. Wir wollten

nicht handeln, ohne Sie gehört zu haben. Was haben Sie zu sagen?«

Dr. Glossin schwieg.

»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie können aus diesem Zimmer

als Untersuchungsgefangener des Staatsgerichtshofes hinausgehen ...

oder ... als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen und die

Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden Sie sich?«

Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten Tieres. Von

irgendeiner Stelle erwartete er Beistand ... Hilfe ... zum mindesten

Mitleid. Und fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß

sich zur Antwort: »Für das letztere.«

William Baker drückte auf einen Knopf.

»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum Schiff bringen.«

Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte dem Arzt. Uniformen

wurden sichtbar, als er die Tür zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des

Generals umringten den Doktor.

General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied die Nähe des

Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte er das Flugschiff

und stand abseits, während seine Leute die Einschiffung Glossins

überwachten. Anders als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr.

Glossins.

* * * * *

Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine Anzahl von Dokumenten

und Berichten bedeckte den großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen

vor ihm. Die Feder ruhte in seiner Hand.

Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine Züge verrieten höchste

geistige Anspannung. Seine Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen

in der großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, um dann

wieder mit dem Schreiben zu stocken.

Er legte die Feder beiseite und griff nach einem Schriftstück, nahm

ein zweites und drittes dazu. Überflog, las und verglich. Und dann

plötzlich wichen die Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten

der Befriedigung glitt über seine Züge ... ein leiser Ruf entrang sich

seinen Lippen: »So ist's!«

Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück und deckte die Hand

über die Augen. Noch einmal ließ er die Glieder der Kette, die er in

angestrengter Arbeit aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.

Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von Halifax, datiert von

dem gleichen Tage, an dem der Friedensvertrag zwischen England und

Amerika unterzeichnet worden war. Um 8~h~ 17~m~ mitteleuropäischer

Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen in nördlicher

Richtung in der Zone der Polarlichter.

Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die Linien des

Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen von Eisen und

Aluminium. Die Astronomen von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin,

daß die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer Tonerde

betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, es waren nur

Linien des reinen Aluminiums vorhanden ...

Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen nicht

anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte reines Aluminium explodiert

sein ... und dann die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch

die sooft zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur

Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden war dem deutschen

Gelehrten an diesem toten Punkt der Untersuchungen das erstemal

blitzartig der Gedanke gekommen: Das war eine Wirkung der Macht!

Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte Explosionen der

Raumenergie. Aber waren sie gewollt? ... Waren sie ungewollt geschehen?

... Waren sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten?

Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.

Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des deutschen Dampfers

»Bismarck« aus dem Nordatlantik vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher

Breite 35° 17′ westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See

in 10 ~km~ Breite und 50 ~km~ Länge. Schwere Dampfwolken. Heißer

Sprühregen auf Deck.

Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und Kommentare

wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. Nach den Vermutungen der

Gelehrten handelte es sich um einen unterseeischen Vulkanausbruch.

Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen Abend gelesen.

Er vermißte die genaue Zeitangabe und war deswegen auf die Redaktion

gegangen. Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8~h~ 13~m~ abends.

Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit in der Hand

behalten. Der Zusammenhang war zu frappant, zu augenfällig, um ihn

nicht zu erschüttern. Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der

Redakteur eine andere eben einlaufende Depesche des Forest Department

of Canada vorgelegt. Ein Bericht über einen schweren Waldbrand, bei dem

mehrere tausend Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige

war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich weitergefressen hatte.

Die ganze riesige Fläche mußte beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und

niedergebrannt sein.

Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem gleichen Tage noch eine

eigentümliche Meldung veröffentlicht. Einen Funkspruch der indischen

Großstation zu Dehli.

Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. Ghahngak, Burh

Ghandk und Damla werfen Hochwasser in den Ganges. Überschwemmung bei

Hajipur.

Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die Nachricht aus Dehli

auch gebracht. Sie fügten aber eine zweite Depesche an, gleichfalls aus

Dehli, daß die Schneeschmelze und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie

sie aufgetreten waren, auch wieder nachgelassen hätten.

Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die wichtigsten Glieder

der Kette.

Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. Die Gedanken kamen

und gingen während der Stunden von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang.

Sie überfielen ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder und immer

wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in Zusammenhang zu bringen. Als

er sich am frühen Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind

keine zufälligen Naturereignisse ... es waren Wirkungen der Macht ...

Was war geschehen? ... Raumenergie war an den verschiedensten Stellen

der Erde fast gleichzeitig explodiert ... Warum? ... Weshalb? ... Vor

dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich gewesen ...

Warum jetzt? ... Jetzt war eine Probe der Macht nicht mehr nötig.

In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps ein Telegramm aus

Hammerfest bekommen. Auch dort waren die beiden Explosionen im

Spektroskop beobachtet worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte

seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die Linien reinen

Aluminiums.

Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen ... hatte es

noch Sinn ... war es am Ende auch sinnloser Kampf ... hatte die Macht

sich selbst bekämpft? ... Drei waren es doch ... drei sollten es sein?

... Waren die drei Träger der Macht miteinander in Kampf geraten? Oder

... war es Selbstvernichtung? ... Selbstvernichtung? ... Das Korrigens?

»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als seine Schlußkette bis

zu diesem Punkte geschmiedet war. Das Korrigens des alten Linnés hatte

sich gezeigt. In gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem

Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte ... War es das?

... Es mußte so sein.

»So ist's! ... So ist's gewesen.« Die Überzeugung dafür trug er in Kopf

und Herz.

Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über Elektrodynamik zu

halten. Er verließ seine Wohnung und ging in die Hochschule.

Er sprach und war selbst über den Schwung, über das Feuer seines

Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er merkte es an den Mienen der

Zuhörer, daß er das Auditorium heute mehr denn je faszinierte. Es lebte

und wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den logischen Schlüssen,

den mathematischen Formeln seiner Vorlesung einen höheren Schwung gab.

Und die Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das feine

ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude glühte.

Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte das Katheder verlassen

und sah, daß seine Hörer noch etwas von ihm erwarteten, daß hundert

Augenpaare fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal auf

dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen sich unter einem inneren

Zwang öffneten. Wußte nicht, wie es geschah, daß er die Worte sprach:

»Meine Herren! ~Natura non facit saltus!~«

Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen das Gesicht ihres

Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung auf seinen Zügen, und jeder

von ihnen fühlte es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden

Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender Beifallsturm

durchtobte den Saal, als der Professor das Katheder verließ.

Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über die Vorgänge im

Kolleg. Das Wort Linnés, das der Professor dort gesprochen, wurde um

den Erdball gefunkt.

Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter der

Reichsregierung den Professor bereits am Nachmittag in seiner Wohnung

aufgesucht und eine längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein

anderes wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung danach

bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen durchschwirrten

die Welt. Die Konferenz der Reichsminister erwies sich als Tatsache und

steigerte die Spannung.

Was wußte Deutschland? ... Kannte es das Geheimnis?

Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich nach Deutschland.

Man begann zu rechnen. Man überschlug die deutschen Machtmittel.

Die wirtschaftliche Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des

Englisch-Amerikanischen Krieges. Daneben die Schwächung der beiden

kriegführenden Länder. Die Erschöpfung ihrer Kassen, der Verlust ihrer

Flotten und sonstigen Kampfmittel.

War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die Spur gekommen?

* * * * *

Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ Erik Truwor die

Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg stürmte die Maschine in die

Höhe, brachte Kilometer um Kilometer unter sich.

Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits zur Hälfte vom

Horizont verdeckt wurde, wieder frei über der Kimme. Schon höhlte sich

die weitgestreckte Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger.

Erik Truwor stand am Steuer und sah es ... blickte dann wieder nach

oben und ballte die Fäuste, als drohe er einem unsichtbaren Feind.

Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn: Nach oben ...

immer höher nach oben ...

Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut, eine Höhe von

dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr zu fliegen.

Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine langsamer stieg, daß

die Kraft der Turbinen nachließ.

»Haha ... haha ...« Wieder entquoll jenes dumpfe schaurige Gelächter

seinen Lippen.

»Menschenwerk! ... Tand ... Sie können nicht weiter. Ihre Macht ist zu

Ende ... Aber ich, ich habe die Macht ... haha ... ich steige, bis ich

euch unter mir habe ... ihr da oben ...«

Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an den Schalthebeln

des Strahlers. Und konzentrierte dann die Energie in den Druckkammern

der großen Turbinen.

Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu merken. Die Turbinen,

die bis dahin matt und unregelmäßig gelaufen waren, begannen sich in

rasendem Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo mit

sich.

Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte er die

Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief in die Zone der

Polarlichter eingedrungen. Schon strahlte die Sonne wieder gelbweiß,

die er so lange Tage nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte.

Schon stand sie hoch über der Kimme.

Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich. Schon waren hundert

Kilometer erklommen. Die nördlichen Küstenstreifen der Kontinente

wurden sichtbar, mehr zu ahnen als zu erblicken.

Höher hinauf! ... Immer höher! ... Es war vergeblich, daß er die

Turbinen bis zum Bersten mit Energie versah. Es war vergeblich, daß die

Propeller, bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten. Die

Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den Luftschrauben noch Halt,

den Tragflächen Stütze zu geben. Über hundert Kilometer kam er mit der

Maschine nicht hinauf.

Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen Menschenwerk

Höhen zu erreichen, aus denen er sein ganzes Reich zu übersehen

vermochte. Etwas ganz anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine,

die, durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig

durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden Hunderte von Kilometern über

die Erde erhob. Einen Himmelswagen, der neuen Macht ... der neuen

Gottheit würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte ihm die

Maschine sicher und schnell gebaut.

Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und summte der metallene

Rumpf des Rapid Flyers wie eine gespannte Saite. Jäh mischte sich

ein scharfer Klang, ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes.

Erik Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm zeigte die

Aluminiumwand eine schwere Einbeulung, als ob ein großer Stein sie von

außen getroffen hätte.

In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich das dumpfe

schaurige Lachen Erik Truwors.

»Ihr droht mir ... ihr wagt mir zu drohen ... ihr wagt mein Schiff zu

berühren ... wartet ihr ... ihr ... Ich werde euch brennen ...«

Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe des Rapid Flyers. An der

eingebeulten Stelle war das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch

ein wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre

seines Innern entwich in die luftleere Umgebung ...

Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung.

Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr nicht mehr, in

die er sich so mutwillig begeben hatte. Er war aus dem Schutze der

dichteren Atmosphäre bis in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen,

in denen der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt.

Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm die Macht

entreißen wollten. Mit einem Sprunge war er am Strahler und ließ die

telenergetische Konzentration nach allen Seiten um den Flieger kreisen.

Die Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft, ohne Kraft,

stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein Stein fiel die Maschine im

luftleeren Raum nach unten.

Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand Erik Truwor, die Hand am

Strahler, und schleuderte dem Schicksal seine Herausforderung entgegen.

Ein Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde vom Strahl

gepackt, zischte auf und stand als feurige Dampfwolke im Raume.

»Haha ... birg dich, Schicksal! ... Fliehe, Schicksal, sonst brenn ich

dich!«

Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter vermischt,

heraus, während er den energetischen Strahl kreisen ließ. Doch der

freie Fall des Fliegers raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen,

machte die schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den halben

Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine Hände vermochten den

Strahl nicht mehr sicher zu meistern. Wildzuckend stieß er nach allen

Seiten weithin durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen Wald

und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er auf den Gipfeln des

Himalaja den Schnee aufkochen. Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie

durchsetzt.

Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur Minute ballten.

Schon wurde die Atmosphäre dichter, die Gefahr geringer.

Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von Faustgröße durchbrach

die Decke des Flugschiffes. Drang weiter vor und traf den Hebel des

Strahlers. Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen Fahrt

die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben. Über

den Sperrpunkt hinaus ... die Energie von zehn Millionen Kilowatt

explodierte im Flugschiff, im Strahler selbst ... Eine Feuerwolke, wo

eben noch der Flieger durch den Raum stürzte.

So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand es auch wieder.

Machte bläulichem Dampf Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu

Nichts wurde. Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts mehr

vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom Strahler.

Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten noch die

unteren Schichten der Atmosphäre. Ein Sturm jagte über das Schneefeld

und ließ die Flanken des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen

ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente begleitete den

Untergang dessen, dem das Schicksal eine so unendliche Macht anvertraut

hatte.

* * * * *

Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem Park von Maitland

Castle. Ein feiner blauer Dunst milderte das Sonnenlicht, gab den

Wiesen und Baumgruppen eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge

unwahrscheinlich nahe erscheinen.

Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages verschönte den

Park, während seine Herrin in Sorge und Unruhe war. Diana Maitland

wanderte rastlos durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute

wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der Nacht eingetroffen.

Der Friedensvertrag mit den vielen Paragraphen und Anhängen war

unterzeichnet. Der Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück.

Diana ging durch den Park, gedachte des letzten Zusammenseins,

erwartete mit Unruhe das Kommende.

Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu ihrer Meinung bekehren.

Er sah nur Unheil in einer Macht, von der sie den Fortschritt und die

Befreiung der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen, die

eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit anwenden würden.

Horace sah im Träger der Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern

einen Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig machte. Horace

konnte die Person nicht von der Sache trennen. Horace war eifersüchtig

... War es heute noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf

kurze Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und Diana wußte

nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser Eifersucht beweisen

sollte ... Und fühlte doch in dieser Stunde stärker denn je, daß ihr

Lord Horace Maitland alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer

geheimnisvollen Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine Erinnerung an

längst vergangene Tage bedeutete. Die Erinnerung an ein kurzes Glück,

das unwiederbringlich dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt

denken konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag, während

doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten.

Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst nicht, zum

wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen Eingangsportal

vorüberkam.

Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah einen Mann dem

Gitter näherkommen. Nun unterschied sie Einzelheiten, erkannte die

dunkle, bronzefarbene Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und

dann stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck seiner Hand

nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht vor Diana Maitland, grüßte sie

durch eine tiefe stumme Verbeugung nach indischer Sitte.

Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines leuchtenden

Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast einer wohltätigen Ruhe

wich. Wohl eine Minute stand sie so vor ihm, die vornehme Lady, die

Herrin von Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann, der

ohne Erlaubnis in ihren Park kam ... der ... war denn das Tor nicht

verschlossen? ... Sollte es nicht immer verschlossen gehalten werden?

... Kein Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen:

»Was suchen Sie hier?«

»Ich suche Jane Bursfeld.«

In jähem Schreck zuckte Diana zusammen.

»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?«

»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.«

»Tot! ... Silvester Bursfeld ist tot?«

Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden Augensternen des

Inders. Was verbarg sich noch hinter dieser hohen Stirn?

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.«

Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes fielen die

Worte von den Lippen des Inders, und bei jedem Wort wich Diana einen

Schritt weiter von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände, als

schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach.

»Sie sind Soma Atma? ... Einer von den dreien?«

»Der Letzte!« ...

»Der Letzte?«

Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der Brust verkreuzt.

»Die anderen? ... Wo sind sie?«

»Tot!« ...

»Tot ... beide tot? ... Auch Erik Truwor tot?« ...

»Er frevelte und starb ...«

Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe Bank. Sie hörte nicht

das Signal des Autos, das ihren Gatten brachte. Sie sah nicht, wie

er den Wagen verließ. Sie sah nicht, wie er verwundert ... erstaunt

stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide auf dem Wege, der

zum Schloß führte, hin und her gingen. Sie gewann die Herrschaft über

ihre Sinne erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf.

»Diana! ... Diana!«

Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod Erik Truwors Diana

niedergeworfen, oder war es nur die Wucht aller dieser Ereignisse und

Nachrichten, die so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte

es nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die Klarheit

darüber bringen müßten.

Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen, mit verstörten

Augen blickte sie ihren Gatten an. Wie einen Unbekannten.

»Horace! ... Horace!«

Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not.

»Horace ... du! ... du!«

Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er fühlte ihr Herz an

seiner Brust in wilden Schlägen toben. Er fühlte, wie ihre Glieder

zitterten und bebten.

»Diana ... was ...«

Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland Diana zu der Bank zurück.

Er wollte sprechen und kam nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals,

umschlang ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken ... als ob sie

ihn nie wieder lassen wolle.

Ein frohes Leuchten kam in seine Augen.

»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen Wort. Er versuchte

es, die Arme, die ihn so fest umschlungen hielten, sanft zu lösen,

ihr Gesicht zu sich zu erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester

umschlangen ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger preßte sie ihr Herz

an das seine.

Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und immer sein gewesen. Mit

frohen Augen blickte er zu der strahlenden Morgensonne empor, Diana

fest in den Armen.

So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt um sich, vergaßen die

Zeit, die rastlos verstrich. Bis der Sonnenglanz sich trübte, ein

Schatten auf ihre leuchtenden Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der

dicht vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in Raum und Zeit

zurück.

»Wo ist Jane Bursfeld?«

Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden Herzen.

»Jane?« ... Diana sprang auf.

»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.«

Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den beiden Männern nach

der Blutbuche hin, bei der sie Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden

Schritte blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem einen zum

anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang auf und lief ihm entgegen.

»Atma! Atma! Du ... du hier?«

Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen.

»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du Silvester? .. Wann

kommt er? .. Wann holt er mich?«

Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er die Gestalt Janes

aufgefangen, als sie ihm entgegenlief. Sie hing an seinem Halse. Er

hielt sie nur noch mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest

auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte blonde Haupt auf

seine Schulter niederzog, ihr langsam über Stirn und Augen strich.

Langsam, wie schwere Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen:

»Silvester ... dein Mann ... ist tot.«

Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im Arm Atmas, ließ sich von

ihm zu der Bank führen, saß immer noch in seinem Arm neben ihm.

»Silvester Bursfeld ist tot.«

In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte bis an das Ohr

Dianas, die sich an den Arm ihres Gatten klammerte.

Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die traurige Kunde, während

seine Linke das stockende Herz Janes zusammenpreßte.

»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.«

Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu klagen. Langsam hob

sie ihr blasses Haupt, starrte in den sonnigen Himmel, blickte, sann

und hörte, was Atma sprach.

Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie ihm der letzte große

Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung zur höchsten Vollendung gebracht.

Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises Zittern

erschüttert.

Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen sei, die letzte

Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn fanden, im Tode noch ein Lächeln

auf den Lippen, den Depeschenstreifen in den erstarrten Händen.

Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf. Ihre Lippen zuckten

noch, ihre Mienen wurden ruhiger.

Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand auf ihr tief und

gleichmäßig pochendes Herz nach.

»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß fort. Sorge für

Silvester, indem du für sein Kind sorgst und lebst ...«

Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm. Doch sein

gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr Fühlen, alle ihre Gedanken

konzentrierte er auf das keimende Leben in ihrem Schoß.

Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann die zarte Röte

wieder. So schritt sie an Soma Atma vorbei. So an Lord Horace und Lady

Diana vorüber dem Schloß zu.

In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des ersten Schmerzes

überstanden. Ihr künftiges Leben, ihre ganze Zukunft war dem Erben

Silvesters, dem Erben der Macht geweiht.

Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen. Sie zitterte unter

dem Eindruck der Szene. Sie hatte gefürchtet, Jane weinen, Jane

niederbrechen, Jane sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt

fortschreiten.

Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich fester auf den Arm

ihres Gatten.

Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam an Lady Diana und Lord

Horace vorüber. Sein Schritt verzögerte sich. Er blieb stehen.

Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher auf der Janes

geruht hatte. Voll öffneten sich seine Lippen. Glanz strahlte aus

seinen Blicken. Langsam sprach er ... stockend, abgerissen, wie von

einer fremden Macht getrieben:

»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter werden in seinen

Mauern geboren ... Sorgt für sie! ... Hütet sie! ... Sie tragen die

Zukunft ... das Schicksal bestimmt sie zu ... Großem ...!«

Er ging weiter ...

»Diana! Was sagte der Inder? ... Was meinte er ... Zwei Erben!«

Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet. Lord Horace zwang

sie mit sanfter Gewalt, den Kopf zu erheben, ihn anzusehen.

»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?«

»Er sah und sagte, was ist.«

»Diana!«

»Horace!«

Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber in ihnen lag ihre

Zukunft.

So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady Diana dem alten

Stammschloß der Maitlands zu, als habe er den kostbarsten Schatz im Arm.

* * * * *

Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos, machtlos

und mittellos mußte er die Staaten verlassen. Zu spät begriff der

sonst so Schlaue, daß die Zeit für die Methoden und die Moral der

Gewaltherrschaft vorüber war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das

Regierungssteuer ergriffen hatten.

Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre sein Element war, ohne

die er nicht leben und atmen zu können glaubte. Die Millionen, die

er in den Jahren der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren

ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den Worten und dem Willen

William Bakers, daß er bei England nicht zu betteln brauchte, um sein

Leben zu fristen.

So kam er nach England zurück. Am Morgen nach jener Sturmnacht, in

der die empörten Patrioten ihn aus Washington verjagten. Nur noch ein

Gefühl hielt den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an das

Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld.

Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich jetzt, ein verfemter

Flüchtling, dort zeigen? Sollte er vor Lord Horace hintreten, das

Mädchen, das er dort als seine Nichte gelassen, zurückverlangen?

Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage, an dem er das

Versprechen erhielt, geschehen. Die unbekannte Macht war aufgetreten,

und ihr Auftreten hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin

bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen Dankbarkeit

verringernd wirken.

Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem Soma Atma in

Maitland-Castle war, kam Glossin dort an. Seine Kenntnis der

Örtlichkeit ermöglichte es ihm, den Park ungesehen zu betreten, sich

auf dicht verwachsenen Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein Plan war

überaus einfach, daß er zu jeder anderen Stunde sicher gelingen mußte.

Sich Jane unbeobachtet nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß

zwingen. Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann schnell fort.

Weit fort aus England in irgendein fremdes Land, in dem man Dr. Glossin

nicht kannte, in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern

seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte.

Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der schmale windungsreiche Weg

führte zu einem achteckigen Pavillon. Von der anderen Seite dieses

Gebäudes lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine wiesenartige

Lichtung, und dort unter einer großen Blutbuche sah er Jane allein

sitzen.

Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild mit den Blicken. Er

stand am Ziel seiner Wünsche.

Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen, Jane in seine

Gewalt bringen.

Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender Schritte zwang ihn,

stehenzubleiben. Schritt um Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken

der Nahenden Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen.

Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen. An seiner Seite

einen Mann mit brauner Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit

der Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem Untergang von

R. F. c. 2 so oft drohend und düster in die Erinnerung gekommen war.

Atma ging allein auf Jane zu.

Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war nicht verschlossen

und gab dem Druck nach. Er schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich

wieder zu. Halbdunkel herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern

waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen den Stäben drang

das Tageslicht in den Raum und erfüllte ihn mit einer ungewissen

Dämmerung.

Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch einen Spalt, was

im Park vorging.

Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er sah sie auf das Schloß

zugehen und erkannte mit dem Blicke des Arztes, daß sie gesegneten

Leibes war. Er taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem

dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken. Die letzte Hoffnung,

die ihn noch an das Leben band, war entschwunden. Jane war ihm

verloren. Sie würde dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken.

Es war Zeit, ein Ende zu machen.

Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit, ja mit der

Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet. Die verschiedenen

Todesarten wohlüberlegt, die Mittel dafür beschafft.

Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika, die einen

angenehmen Schlummer erzeugen, der unmerklich in den Todesschlaf

übergeht. Der plötzliche Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten

ihn aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe blieb ihm,

die er immer mit sich führte, die er einst auf Silvester abdrückte.

Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß gegen die

eigene Brust.

Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der Körper Glossins sank

zusammen, streckte sich, fiel von der Bank auf den Steinboden ...

In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum betrat.

»Die Stunde ist gekommen.«

Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den Körper des Sterbenden

auf der Bank bettete.

Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das Blut aus der

Brustwunde floß langsamer, stockte.

Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für Tropfen auf den Boden.

Traumhaft, nebelhaft kam dem Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor

seinen geschlossenen Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.

Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und blickte ihn mit

Verachtung an. Wandelte sich dann in die Gestalt William Bakers und

wandte ihm mit der gleichen Verachtung den Rücken.

Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, Menschen, die er

vor langen Jahren bekämpft, verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus

dem dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden wieder.

Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu werden. Mit verzweifelter

Anstrengung zwang er sich zum Denken.

... Ich habe mich schlecht getroffen ... Stockender Puls ... Delirien

der beginnenden Auflösung ...

Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese huschenden, blickenden

und anklagenden Gestalten verschwanden. Nur ein matter, blasser Nebel

blieb ihm vor den Augen.

Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, ob es Sekunden oder

Jahrhunderte waren.

Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete sich in ihm.

Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm so wohlbekannt

erschienen, ihn an lange vergangene Zeiten erinnerten.

Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge um die

einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen blonden Bart.

So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. Jetzt trat

auch die ganze Gestalt hervor. Im weißschimmernden Tropenanzug, den er

damals in Mesopotamien trug.

Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich muß die Augen

aufmachen, dann wird alles verschwinden.

Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu heben, glaubte, daß es

ihm gelungen sei. Er empfing einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und

Fenster. Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. Sie wurde

nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß die Möbel des Raumes hinter

der Figur wie durch einen Schleier zu erkennen waren.

Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die Gesichtszüge bis auf

den Bart die gleichen. Die Augen dieselben. Fragend und anklagend.

Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal sah, als R. F.

c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.

Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher, weniger

durchsichtig. Der Vater an ein altes, schon verblaßtes Bild gemahnend,

der Sohn in den frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen

die beiden Gestalten vor ihm.

Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine Anstrengung,

es zu halten. Er sehnte sich fort von allen quälenden Bildern und

Erinnerungen in ein Land des Vergessens, des Nichtwissens.

Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. Die braune Figur

eines Inders. In dem dunklen Antlitz standen groß und strahlend die

Augen, ruhten mit bannender Gewalt auf dem Sterbenden.

Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken Glossins mitfühlte,

als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.

Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach wunschloser Ruhe.

»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«

Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte Dr. Glossin den

deutlichen Eindruck der Worte:

»Die Stunde ist gekommen.«

Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut begann wieder zu

fließen, und mit dem roten Strom entwich das Leben. Ein Seufzer, ein

letztes Zucken. Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es

keine Wiederkehr gibt.

* * * * *

Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und die Schatten beginnender

Dämmerung breiteten sich über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus.

In dem alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, die

lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß in langen Pausen kräuselnde

Wolken bläulichen Rauches in den Raum. Frau Luise ging ordnend im

Zimmer hin und her.

Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, die den mächtigen

Delfter Ofen umzog.

Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane ließ ihr Buch

sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, die der alte Termölen zwischen

den Dampfwolken von den Lippen fallen ließ.

»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein Freund, der Inder, immer

davon?«

Jane blickte sinnend auf.

»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir alle gebunden sind.«

»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das Rad der Weltgeschichte,

das die Völker herauf- und herunterbringt. ... Heute ist die Berliner

Konferenz zu Ende gegangen ... Wie weit muß ich zurückdenken ... bis

in meine früheste Kindheit ... Meine Eltern sprachen von Bismarck und

vom alten Kaiser ... später hörte ich von der Berliner Konferenz, die

unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck getagt hatte ... Anno 1879 ...

Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, berieten im Herzen

Europas über das Schicksal ihres Erdteiles ... Jetzt war wieder eine

Konferenz in Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den

sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«

Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Jane nahm

den Faden seiner Rede auf.

»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor vierzehn Tagen mit

mir nach Deutschland fuhr. Er war ernster als ich ihn sonst kannte.«

»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die Engländer haben keinen

Grund, fröhlich zu sein. Sie dachten, was Englisch spricht, gehört

auch zum englischen Weltreich. Australien, Afrika, Amerika ... alle

Weltteile wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller

Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien und Portugal

vergessen. Glaubten, die gemeinsame Sprache und Sitte müßten die

Kolonien ewig an London binden.

Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien verlangen ihre volle

Selbständigkeit, und das Mutterland hat sie nicht halten können.

Die Welt gehört den ~English speakers~! Das Wort kam wohl so um 1900

auf und schien mit jedem folgenden Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu

werden ...«

Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte zurück.

»1904 ... wir waren damals im ersten Jahr verheiratet ... da ging der

Kampf in Ostasien los. Zur höheren Ehre Englands schlug der Japaner den

Russen.

Und dann kamen die Balkankriege ... und dann kam der große Weltbrand

Anno 14 bis 18 ...«

Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. Schon warfen die

Straßenlaternen ihre Lichtreflexe gegen die Zimmerdecke. Schweigend

saßen die beiden Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, der

abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre vorüberziehen ließ.

»... und da waren wir ganz unten. Man wußte in Deutschland nichts mehr

von Bismarck und seinem Vermächtnis. Die anderen im Osten und Westen

machten mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen ließen

... gefallen lassen mußten ... Europa war krank, weil sein Herz krank

war. Die Welt gehörte den ~English speakers~ ...

Und dann kam Rußland wieder hoch ...

Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs überrannte den

Amerikaner ...

Und dann kam die amerikanische Revolution ... und dann kam Cyrus

Stonard ...

Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg ... und dann kam die

Macht ... Die geheimnisvolle Macht. ... Wie ein Komet glänzte sie

plötzlich auf ...«

Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch des alten

Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung an ihr kurzes Glück

überwältigt, die Tränen nicht zurückhalten konnte.

»Silvester ... Erik Truwor ... Soma Atma ... Wo sind sie? ... Wo sind

sie geblieben? Silvester ist tot, mir auf immer entrissen ... Erik

Truwor ging in Sturm und Brand zugrunde ... Die Macht ist verschwunden,

wie sie kam ...«

Der alte Termölen antwortete:

»Verschwunden ... vielleicht ... verloren ...? Es waren drei ... drei

Träger der Macht. Zwei sind tot. Der dritte, der Inder, lebt noch ...«

»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte es. »Soma Atma blieb

am Leben, während Silvester sterben mußte ... Soma Atma. Warum ...

warum ...?«

»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist ...«

Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.

»Atma! ... Soma Atma, bist du hier?«

Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und meinte im letzten

Dämmerschein die dunkle Gestalt Atmas vor sich zu sehen.

»Atma, du?«

»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal ist noch nicht

erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis der Erbe Silvesters sein

Schicksal selber formt. Die Macht ist nicht verloren. Nur verwahrt und

verborgen, bis der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen

nach ihr greift.«

Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand sanft über ihren

Scheitel strich, wie irgend etwas leise in ihren Schoß fiel. Sah die

Gestalt Atmas nach der Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.

Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie er noch eben

gesessen. Auf die dämmrige Straße schauend, auf der sich die ersten

Lichter entzündeten. Da schaffte die alte Frau nach wie vor an den

Tassen und Gläsern der Servante.

Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War das alles nur ein Spiel

ihrer überreizten Sinne oder Wirklichkeit?

Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr klingen:

»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach der

Macht greift.«

Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis Silvesters in

der alten deutschen Heimat aufwachsen sollte.

Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten kühles Metall.

Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und sah den schweren alten

Goldreif mit dem wunderlichen Stein, den sie sooft an der Hand

Silvesters erblickt hatte. Den Ring, der Silvester an die Macht

gebunden, ihn bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen hatte.

Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers der Macht für sie

... für ihren Knaben.

Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:

»... Die Macht ... die unendliche Macht. Woher kam sie? ... Wohin ging

sie? ... Warum?« ...

* * * * *

Im gleichen Verlage sind erschienen:

~Johannes Schlaf~

Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955 · 第 17 / 22 题