Der Hauch drang nicht an sein Ohr.
»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch den Raum.
»Diana!« ... Lord Horace war aufgesprungen. Die Gatten standen sich
gegenüber. Ihre Blicke begegneten sich und wichen einander aus.
Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte, was sie ersehnte
... es war es nicht. Ihre Augen wurden still. Ein konventionelles
Lächeln spielte um den Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen,
Horace.« Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den Druck
der anderen.
»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte, die uns beide
betrifft und mir besonders am Herzen liegt, trieb mich, dich zu rufen.
Ich hatte heute vormittag eine Unterredung mit Dr. Glossin.«
Diana horchte auf.
»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch Krieg. Als
Friedensunterhändler? ... In Stonards Mission?«
»Nein!«
»Nicht? Weshalb ist er hier?«
»Um Cyrus Stonard zu verraten!«
»Ah ...!«
Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis jetzt noch nicht
die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord Horace rollte ihr einen Sessel
herbei.
»Ah! ... Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück, wenn dieser
Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose Kampf, der Hunderttausende
Englisch sprechender Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht.
Wenn das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm vieles,
nein, alles verziehen sein.«
Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt.
»Ja, Diana ... nicht ganz so, wie du denkst.«
»Wie meinst du?«
»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster Zeit beendet
sein!«
»Wodurch?«
»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!«
Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte, während ihre
Augen sich zu unnatürlicher Weite öffneten.
»Die drei in Linnais? ... Sind die nicht tot?«
»Wir dachten es ... Wir hofften es.«
»Sie leben?«
»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere Stationen müssen
ihre Befehle funken.«
»Und die sind? ... Die lauten?«
»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Die Macht
warnt vor dem Kriege.«
Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die Augen seiner
Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln ihren Mund umspielte.
In diesem Augenblick sah sie aus wie ein glückliches Kind, dem ein
Lieblingswunsch erfüllt wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor!
Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine Seherin.
»Ah! ... die drei in Linnais ... Sie leben ... leben und handeln zum
Segen der Welt!«
»Zum Segen?«
»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird? Sinnloses Morden ...
Totschlag und Raub ...«
»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden nicht
ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft auswirken?«
»Die Welt wird ein Paradies sein!«
»Glaubst du?«
»Gewiß selbstverständlich!«
»Ich nicht ... Ich glaube es nicht ... kann es nicht glauben ...«
»Was?«
»... kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein Zufall ... ein
Schicksal solche Macht in die Hände gegeben hat, daß der ...«
»Daß der ...«
»Daß der die Macht nicht mißbraucht!«
»Mißbrauchen? Mißbraucht?«
»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit zu knechten. Um
sich zum Herrscher der Welt zu machen.« Lord Horace sprach die letzten
Worte trübe und sinnend vor sich hin.
»Du fürchtest, daß ... daß ... nein! Erik Truwor? Nein!«
In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen und standen
sich hochatmend gegenüber.
»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit wachsender Überzeugung.
»Dann wäre er ein Gott!«
Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen Lachen.
»Ein Gott? ... Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!«
»Und wir?« Resignation klang aus den beiden kurzen Worten. Diana legte
ihm die Hände auf die Schultern.
»Ihr ... ihr ... Horace .. ihr seid Politiker .. eure Gedanken gehen
nicht über die Grenzen eurer Interessen. Er ... er überschaut Reiche!
Ihr arbeitet für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!«
»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm nahe. ... Du bist
ein Weib ... Wir Männer sehen die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es
wird kein Paradies auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die
ganze Welt daraus entstehen.«
»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der ideale Mensch. Der
vollkommene Mann. Er wird die Macht ... die wunderbare Macht nur zum
Wohl der Menschheit, zum Glück der Welt verwenden ... Ja, ich kenne
ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große Aufgabe. Er erstrebt nichts
für sich, alles für die Menschheit. Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt
mir alles.«
Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick dachte. Daß
auch ihm das eine Wort, der eine Name nur allzuviel sage.
Mit müder Gebärde winkte er ab.
»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten? Das Geschick wird sich
schneller erfüllen, als uns allen lieb ist.
Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr. Glossin ließ seine
Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise allein in London zurück. Ich
versprach ihm, sie bei uns aufzunehmen, bis er zurückkommt.