... Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.« Sie las ihm den Inhalt der
Notiz vor.
»Ah, sehr gut ... Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich, daß noch
keine Meldung von Oberst Trotter vorliegt ... Doch du? ... Du freust
dich nicht? Und nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.«
Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine Spitzentuch gegen die
Stirn. Ihre Brust bewegte sich heftig.
»Diana, was ist dir?«
»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird vorübergehen. Überlasse
mich heute mir selbst, ich bitte dich!«
»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von der Last. Sage mir, was
dich quält.«
Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm beruhigend um ihren
Nacken.
Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte.
»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die ...«
Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit im Klange dieser
Worte zu liegen. Lord Horace zog seine Hände von ihren Schultern
zurück. Betroffen sah er das jagende Wechselspiel von Licht und
Schatten auf ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht diese
Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen. Endlich nach langem
Schweigen schien ihr der Entschluß zu reifen. Ein harter Zug legte sich
um ihren Mund.
»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit kann mir helfen.«
Sie sprach ohne Schwäche.
»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund ... als mein Richter.« Sie
wendete sich ihm zu und blickte ihn mit freien Augen an.
»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren. Unser Nachbar war
der Fürst Meszinski. Er hatte einen einzigen Sohn Raoul. Raoul war
drei Jahre älter als ich. Schon als halbe Kinder galten wir als
Verlobte. Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war reich. Raoul
entstammte einem alten Geschlecht und trug den Fürstentitel. Es paßte
so schön zusammen, alter Adel und Reichtum. Im Grunde genommen, ein
Handel, den beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts davon.
Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb, wie sich Kinder liebhaben.
Wir wußten beide nichts vom Leben und von der Liebe.
Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen. Während mein Herz
sich gleichgeblieben war, wurden seine Empfindungen leidenschaftlicher.
Noch ein Jahr, und unsere Ehe sollte geschlossen werden ... Da kam
der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die vierte Teilung
Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß nach einem kurzen heldenmütigen
Verzweiflungskampf Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren
alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen. Wir
schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als eine starke russische
Kavalleriepatrouille in den Gutshof einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft
stob auseinander. Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und
entfloh.
Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein alter Vater
mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine Mutter floh nach
Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte mich, ihr zu folgen, und ging als
Krankenschwester zur Armee.
Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter in unser Lazarett
eingeliefert wurde, sah ich darunter Raoul, den ich schon tot geglaubt.
Er hatte eine schwere Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es
um ihn stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen, hielt das
schwache Lebensfünkchen noch in Glut.«
Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich ganz, wieviel tiefer
seine Liebe war als die meine. Ich hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu
lieben geglaubt hätte, den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten.
Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage leicht machte,
machte sie ihm das Scheiden schwer.
Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir verzehrte. Sein
unaufhörliches Flehen drang in mich. Meine Liebe werde ihn retten;
mein volles Liebesumfangen werde ihn gesunden lassen. Worte süßen
Rausches drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da sah ich ihn
erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme. Ich schrie auf, ich
glaubte, ihn auf der Stelle sterben zu sehen. Er sah mich mit einem
Blick an, in dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe,
Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach seiner Brust, als
wolle er den Verband abreißen. Da ... da hatte ich keine Kraft mehr zum
Widerstande ...
Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben verlosch. Ich sah
ihn hinübergehen, scheiden ohne Schmerz, voll von Glück.
In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir war's, als hätte
ich alles nur im Traum erlebt. Nur das letzte Wort Raouls haftete in
meinem Gedächtnis ... ›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den
bleichen Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen und
von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur der Spielkamerad, der
Jugendfreund.
Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, ohne den Teil
meiner Seele zu berühren, in dem alles verschlossen war. Nur einmal
wurde die Tür dazu geöffnet, erbrochen ... und die Erinnerung hieran
blieb ...«
Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper.
»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten wir alles verloren.
Ich wurde Gesellschafterin bei einer schwedischen Gräfin, die meiner
Mutter befreundet war. Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris.
Auf einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur kennen.
Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber den anderen
Männern, die ich kennengelernt hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des
Körpers schienen mir in ihm vereint ... Wir liebten uns ... Ich war
glücklich, glücklich ...«
Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch um ihre Lippen.
Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung. Diese Selbstdemütigung
schien ihr Herz zu stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie
lächelte ... Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder. Ihre Stimme, eben
noch bewegt, wurde monoton.
»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls letzter Stunde
gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris auf. Er erkennt mich wieder
und belästigt mich mit seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten
entgeht es nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an
mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter erschießt
ihn im Duell ... Und ich?! ... Ich erhalte am nächsten Tag seinen Ring
zurück ... ohne ein Wort, eine Silbe.«
Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung an jene
Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern.
»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich begriff nicht, wie
ich noch leben sollte ... vernichtet, verachtet, mitleidlos beiseite
geworfen.
Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An die Stelle der
Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam, wie eine Frau nur hassen
kann ... Was dann kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des
Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu bald völliger
Enttäuschung zu begegnen.
Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und widmete ihr mein
ganzes Sein ...
Und dann kamst du ... du warst edel, warst gut zu mir. Du zeigtest mir
deine Bewunderung, deine Achtung, dein Vertrauen. Du warst bereit, dein
Schicksal, dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen einer
Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.«
Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht.
Eine qualvolle Pause entstand.
Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende Empfindungen
ergriffen ihn. Er empfand die rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als
etwas Wohltuendes. Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses
Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges tauchte in
ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all seinen Mut zusammenzuraffen,
seine Liebe und sein Mitleid zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu
kehren.
Diana schien seine Gedanken zu erraten.
»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme. Alles Blut wich aus
ihrem Gesicht.
Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte auf sie zu und
schloß ihr den Mund mit zitternden Händen, erschüttert, entsetzt. Er
schloß ihre Augen, die starr und weit geöffnet waren. Seine Wimpern
wurden feucht.
... Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren Augen die Finger,
die sie berührten, wie nur Liebe und Mitleid zu berühren wissen.
Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den Hals des Mannes.
»Du liebst mich, du glaubst an mich?«
Lord Horace ergriff ihre Hände.
»Laß mir Zeit ... seien wir mutig ... du hast die Gespenster der
Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zur Ruhe zu
bringen ...«
»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?«
»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.«
»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst ... er ist ... Erik
Truwor.«
* * * * *
»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu sprechen.«
Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord Horace in das
Kabinett des englischen Premierministers. Die Stimmung war ernst. Vor
zwei Stunden war die offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney
in London eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie zurück.
Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte durch die Straßen der
englischen Metropole. Erzählungen von einer unerhörten Schmach, die der
Flagge Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein sollte.
Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende geheimer
Empfangsstationen für die Funkenmeldungen der ganzen Welt in London.
Stationen, die auf einem Schreibtisch bequem Platz hatten und
Funkennachrichten aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen
wie aus Schottland oder Frankreich.
Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten getroffen. Sie war
in einer trostlosen Baissestimmung. Das Publikum in den Straßen glich
einem aufgeregten Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende
Staatsmann des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der schweren
Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er durch die letzte Instruktion
an den australischen Gesandten MacNeills noch eine Frist für die letzte
unwiderrufliche Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen voll
bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten heranrückte.
Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin, welches Glossin an Lady
Diana gesandt hatte.
»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen es noch nicht.
Seit sechsunddreißig Stunden warte ich auf den Bericht des Obersten
Trotter, der vom Kriegsministerium mit der Expedition beauftragt wurde.«
»Oberst Trotter ...?«
»Wie meinten Sie?«
»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß der Bericht
längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß wir das Ergebnis einer von
uns betriebenen Unternehmung durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren
müssen.«
Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge und Ungewißheit über
den Ausgang der Expedition.
»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung nicht in Ordnung
ist. Auf keinen Fall können wir daran denken, eine Entscheidung zu
treffen, bevor wir nicht den Bericht Trotters oder noch besser den
Oberst selbst hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem
Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke, das wird er sein.«
Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner Begleitung kam
Oberst Trotter. Er machte nicht eben den besten Eindruck. Die Haut
seines Gesichtes schälte sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der
stattliche Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der Schere
zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle in diesem Raume
Befindlichen war der, daß es nicht gefahrlos sei, mit Erik Truwor und
seinen Leuten anzubinden. Waren sie wirklich unter den brennenden
Trümmern ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen und sonstigen
Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem Gegner reichlich zu schaffen
gemacht.
Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen mündlichen
Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot, zum Teil in den Flammen
umgekommen, verschollen. Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur
mit sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen.
Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des schwedischen
Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer Gegenwehr war das Feuer der
Verteidiger niedergekämpft, das Haus sturmreif geschossen worden.
In diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von denen das
schwedische Blatt allein berichtete. Sicher waren die Verteidiger,
soweit sie das Feuer der Angreifer noch lebend überstanden hatten, in
der Gewalt der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen.
Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung, während
Oberst Trotter den Gang der Dinge schilderte.
»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber warum haben Sie
nicht sofort nach der Affäre einen drahtlosen Bericht an das Amt
geschickt? Sie hatten unser bestes Modell der kleinen Stationen mit.
Warum haben Sie nicht sofort gefunkt?«
»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen nicht. Der Mann,
der mit dem Apparat Bescheid wußte, war gefallen. Die anderen konnten
ihn nicht in Betrieb bringen.«
Der Kriegsminister runzelte die Stirn.
»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei Ihrer Truppe hatten,
durfte nicht exponiert werden, Herr Oberst. Und dann später ... Sie
sind mit einem unserer Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da
nicht gefunkt?«
Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen Resten seines
Schnurrbartes.
»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der Telegraphist erklärte,
daß sein Apparat in Unordnung sei. Aus unerklärlichen Gründen in
Unordnung sei und nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.«
Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den Kriegsminister.
Einen Moment flammte ein unbestimmter Verdacht in den Herzen der drei
Männer auf.
Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er während der
Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des Kriegsministers und verließ
das Kabinett. Lord Horace schaute ihm nachdenklich nach.
»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen Oberst Trotter mit einer
so wichtigen Mission betraute, würde ich es kaum unterlassen haben,
meine Bedenken geltend zu machen.«
Sir John Repington bekam einen roten Kopf und nahm seinen Offizier
in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen Armee und Marine machte sich
bemerkbar. Der Premier legte den Zwist bei.
»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben gehörten Bericht geht
mit Sicherheit hervor, daß die Expedition ihren Zweck erreicht hat.
Den Zweck, Großbritannien von einem unbekannten und unter Umständen
unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere Beschlüsse jetzt
ohne Hemmung von dieser Seite her fassen. Nach den Ereignissen des
Vormittags ist die Beschlußfassung nicht länger aufzuschieben. Das
Parlament ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von mir
verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden zusammen haben. Auf
Wiedersehen in zwei Stunden!«
Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord Gashford den
offiziellen Bericht über die Schlacht bei Sydney an die Presse und
die Nachrichtenagenturen. Im Augenblick wurde er an tausend Stellen
Londons bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen heraus,
wurden den Händlern aus den Händen gerissen und vielmals gelesen,
bevor sie auf dem Pflaster unter den Rädern der Wagen und den Füßen
der hin und her wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs, die
Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung Londons näherte sich
schnell jenem Siedepunkte, bei welchem gefährliche und unvorhergesehene
Ausbrüche der Leidenschaft zu fürchten sind.
Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das diese Spannung sich
entladen mußte. Und das Parlament war vollzählig bis auf den letzten
Mann versammelt, war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt, als
die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung einnahmen.
Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der Affäre von Sydney.
Ein ausführlicher Bericht über das Vorkommnis lag jedem Mitglied
gedruckt vor. Die meisten Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren
durch ihre Zeitungen informiert.
Die Abstimmung war nur noch Formsache.
Das englische Parlament beauftragte die Regierung, den Vereinigten
Staaten von Nordamerika den Krieg zu erklären und ihn mit aller Energie
zu führen.
Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es hatte mit der
Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun: die vorhandenen Streitkräfte
mobil zu machen, Reserven einzuberufen, die Industrie nach dem
großzügigen Plan zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte
sein Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen. Dem
amerikanischen Botschafter in London Mr. Geddes mußte der Kriegszustand
amtlich mitgeteilt werden. Es waren ihm, wie es in der veralteten
diplomatischen Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen. Zur
gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter in Washington die
Kriegserklärung überreichte.
Lord Gashford sah sich forschend um.
»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich bekannt. Wollen Sie
ihn besuchen und ihm die Mitteilung machen?«
Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes seit Jahren
befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen, um dem, was unvermeidlich
geschehen mußte, wenigstens die versöhnlichste Form zu geben.
»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich unser Kampf nicht
gegen das blutsverwandte Volk richtet, sondern nur gegen den Tyrannen.
Daß wir je schneller desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen
kommen wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington es uns
möglich macht.«
Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle Mitteilung
überbringen ließ. Mr. Geddes war durch seine freiheitliche Gesinnung
bekannt. Im Herzen ein Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein
überzeugter Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators.
Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung und Ideale, die in
dieser Welt harter Realitäten kaum zu erreichen sind.
Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß sie seit
Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden Überfall mit einem
philanthropischen Mäntelchen behängt hatten, und in einem Anfall seines
grimmigen weltverachtenden Humors hatte er ihnen einen überzeugten
Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes, der von
ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte, bei allen Verhandlungen
aus vollster Überzeugung damit operierte und letzten Endes doch genau
tun mußte, was Cyrus Stonard wollte.
Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft. Lord Horace
schritt durch das Vestibül und Treppenhaus. Durch die Räume, die er
bei Besuchen und Festlichkeiten so oft betreten hatte. Aufgescheuchte
Dienerschaft lief umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr.
Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge beigewohnt. Er
wußte, daß der Krieg unvermeidlich war, und hatte alle Maßregeln für
eine schnelle Abreise getroffen.
Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang nicht
abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran und ergriff dessen Rechte mit
seinen beiden Händen.
»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe Ihnen schlechte
Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für mich. Doch einer mußte sie
Ihnen bringen. Da habe ich es übernommen.«
Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die beiden Hände von
Lord Horace. Er war zu bewegt, um sprechen zu können.
Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord Maitland mit sanfter
Bewegung frei. Noch eine Verneigung, und er verließ das Haus. Der alte
Diener, der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet hatte,
gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür.
Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller Fahrt durch die
sonnige Straße fuhr. Es war auch für ihn, den routinierten Staatsmann
und Diplomaten, ein bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie
Geddes die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier zu Ende
sei.
* * * * *
In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große amerikanische
Transradiostation in Sayville im vollen Betrieb. Um die dritte
Morgenstunde liefen alle Maschinen. Sie erzeugten die hochfrequente
Sendeenergie und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn
Antennen der Station.
Im Telegraphistensaal standen die automatischen Schreibapparate und
verwandelten die aus allen Teilen Amerikas ankommenden Drahtdepeschen
in gelochte Papierstreifen.
Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen aus den
Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach welcher Himmelsrichtung
sie bestimmt waren, und verteilten sie danach auf die Maschinengeber
der verschieden gerichteten Antennen.
Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem aus er einen
Überblick über die ganze Station hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag das
Stationsbuch. Er war beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen.
Da plötzlich ... Mr. Brown stand auf und lauschte ... Ein fremder
Ton drang aus dem Maschinenraum her. Er kannte seine Station. Jede
Unregelmäßigkeit verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang auf,
verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen, daß auch im
Transmitterraum Unordnung ausgebrochen war. Alle Automaten standen
still.
Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern. Das gleiche Bild
hier. Eine Lähmung hatte alle diese Apparate getroffen, die eben noch
im fliegenden Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten.
Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich, aber schließlich
denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche geschah im Nebenraum, in dem
die großen, von den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut
waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf und ab, schlossen und
öffneten den Maschinenstrom und gaben unverkennbare Morsezeichen.
Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber, der alte, sonst
so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört entgegen. Er deutete
sprachlos auf die großen Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren
Geisterhänden bedient, bewegten.
Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach einem festen Plan
vor sich ging. Alle diese Bewegungen und Manipulationen spielten sich
ganz systematisch ab. Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne
weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die hier gegeben
wurde.
»Sayville. An alle! ... Sayville. An alle! ... Wer das Schwert nimmt,
wird durch das Schwert umkommen. Die Macht warnt alle vor dem Kriege.«
Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt und suchte ihn mit
Gewalt festzuhalten. Die Kontakte arbeiteten unbeirrt weiter.
Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche. Dann begannen
mit einem Schlage wieder die Automaten und Maschinengeber zu arbeiten.
Kaum zehn Minuten hatte der Spuk gedauert.
Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich die Stirn. Er
wußte nicht, ob er wache oder träume. Mit verstörten Mienen blickten
die Telegraphisten auf ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte
sich um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen Maschinen,
taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben die Depeschen auf, die jetzt von
allen Seiten her in Sayville einliefen. Anfragen von amerikanischen und
überseeischen Stationen, was die Sendung von Sayville zu bedeuten habe.
Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl, den
Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren. Die Station dem
Stellvertreter zu übergeben!«
Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab die Station
seinem Vertreter und setzte sich hin, um mit zitternden Händen einen
ausführlichen Bericht über das Vorkommnis zu schreiben.
Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges Dokument
geworden. Er gibt noch verhältnismäßig objektiv eine Darstellung der
unerklärlichen Beeinflussungen, denen die Großstationen der ganzen Erde
in den folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren. Eine
unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs bemächtigt. Sie
gab ihre Depeschen »An alle!«, wie es ihr gefiel, unter Benutzung der
vorhandenen Stationen ab.
* * * * *
Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement, der
eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden nannten, hatte Vortrag beim
Präsident-Diktator. Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den
Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher, an der Wand
befestigter Zeichnungen gab.
Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation dar, die im
Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen geheim, an der
afrikanischen Ostküste in der Höhe der Seschellen entstanden war. Durch
gründliche Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig
gemacht, die zweihundert Kilometer von der Küste entfernt mitten im
freien Ozean lag und doch nur hundert Meter tief war. Es war die Spitze
irgendeines vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans
versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht und die
Sprengungen vorbereitet, durch die man eine Plattform von etwa einem
Quadratkilometer hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann
kam der Bau.
Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug, die größten
Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen. Jede Halle mit den
Maschinen für alle vorkommenden Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle
mit vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck erbaut.
Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher Sicherheitsschotten
gegen Wassereinbrüche geschützt. Unterirdische, tief in den Fels des
Berges gesprengte Gänge verbanden die Hallen miteinander. Zisternen
waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den Basalt hineingearbeitet,
die Hunderttausende von Tonnen der besten Treiböle für die Maschinen
amerikanischer Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten.
Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der vielen Hebel
in der Apparatenzentrale der Station genügte, und eine riesenhafte
hydraulische Plattform hob sich wie eine plötzlich entstehende Insel
aus den Fluten des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher mit
in die Tiefe zu bringen.
Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt, den
ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten in der Wasserwüste entstehen
ließ. An einer Stelle, von der aus es amerikanischen Streitkräften
ein leichtes sein mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende
Kriegsindustrie im Entstehen zu zerschmettern und Indien schwer zu
bedrohen.
Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl gab, erklärten die
Fachleute die Sache für unausführbar. Bis der eiserne Diktator den
eisernen Kapitän fand. Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten
Unterredung mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung des Planes und
des Baues forderte der Diktator. Kapitän Fagan hatte damals wenige
Minuten überlegt.
»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn wir in einem Jahr
fertig werden wollen. Ein Geheimnis, um das fünftausend Menschen
wissen, ist kein Geheimnis mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau
nehmen.«
Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit
gesagt, die sogar den Diktator eine Minute verblüffte. Nur eine Minute.
Dann hatte er die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt.
Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus. Menschen, die
von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen Freiheitsstrafen
verurteilt worden waren. Es kamen Monate, in denen der elektrische
Stuhl wenig zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig
begnadigte. Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl umzugehen
verstanden, Menschen, die in die Branche paßten. --
Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen Fragen präzisen
Bericht.
»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen mit Proviant,
Brennstoff und Munition. Vier Hallen sind noch im Bau. Die Wohnhallen
für das ordentliche Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die
Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.«
»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten. Wann werden die
Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?«
Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und schneidend, als er
die Frage stellte.
»In drei Tagen, Herr Präsident.«
»Sie bürgen dafür?«
»Ich bürge, Herr Präsident.«
»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?«
»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von einem dreifachen
Kranz unterseeischer Torpedominensender umgeben. Die akustischen
Empfänger sprechen auf jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser
an. Die Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel und
dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.«
»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?«
»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es war ein glücklicher
Gedanke, unsere Station wie einen Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen
auszustatten. Das Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in
gleichmäßigem Strome in die See geben, färbt das Wasser so gleichmäßig,
daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar wird. Auch aus zweitausend
Meter Höhe konnten unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden,
wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere Erkennungsboje
auslegen.«
Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen leuchteten wild in
fanatischem Glanz, während er den Mann betrachtete, der das Riesenwerk
in einem Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte.
»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte Niet? Wann kann die
Station in den Krieg eintreten?«
»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind die
Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven weggeschafft. In
drei Tagen leistet die Station alles, was sie zu leisten hat.«
»Ich danke Ihnen -- -- -- -- Herr Admiral! Sie haben Ihre Sache gut
gemacht. Sie bleiben weiter zu meiner Verfügung.«
Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen. Kapitän Fagan
errötete. Ein Zittern ging durch seine bis dahin unbewegliche Gestalt.
Ein Lob aus dem Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und
zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr, als er in diesen
zwölf Monaten schwerer Arbeit mit Nächten der Verzweiflung und Tagen
des Mißmuts zu hoffen gewagt hatte.
Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators ergreifen und
küssen. Cyrus Stonard wehrte ab.
»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen Sie mir und dem Lande
so weiter, wie Sie bis jetzt gedient haben!«
Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan das Kabinett.
In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard stehen und blickte ihm
lange Zeit nach. Es zuckte und arbeitete in den aszetischen Zügen des
Diktators. Seine Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein
verächtliches Lächeln sie umspielte.
»Da geht er hin ... der Eiserne ... Errötet und zittert wie ein
junges Mädchen. Um das eine Wörtchen Admiral ... Hätte ich ihn
hart angefahren, seine Arbeit getadelt, ihn weggejagt, er wäre
davongeschlichen ... hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt ... Eisern
... pah! ... so sind sie alle ... ohne Ausnahme! Nur wenn sie den Herrn
fühlen, tun sie, was sie sollen ... was für das Land nötig ist ...
Kreaturen, die ein Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft ...«
Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem Sessel zurück.
Weltverachtung sprach aus seinen Zügen. Es waren alles Sklaven. Im
Grunde nicht besser als die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem
Seegrunde gefrondet hatten.
Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich mühen und plagen, um
diese Sklavenherde mit Gewalt den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil
... weil ...
Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte eine Depesche. Einen
Bericht über die Vorgänge in Sayville. Legte sie auf den Tisch und
erwartete in dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators.
Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte Beeinflussung der
großen Radiostation in Sayville. Das selbsttätige unhemmbare Arbeiten
der Geber. Das Spielen der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare
Depesche: »An alle! ... Die Macht warnt vor dem Kriege.«
Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen hatte! Daß Erik
Truwor und die Seinen am Leben und im Besitze der Macht waren!
In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator einen jähen und
schweren Sturz. Eben noch im Gefühl eines unendlichen Machtbesitzes.
Herr der halben und bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter
über dreihundert Millionen. Und jetzt von einer unbekannten und
unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen und Befehlen
gehemmt.
Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte des Diktators umgeworfen
wurde, so brach Cyrus Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er
saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme sinken und verbarg
sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte den hageren, nur der Arbeit
gewidmeten Körper.
Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger Haltung. Sah den
Präsident-Diktator die Haltung verlieren und begann um sein Leben zu
zittern. Es lebte niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen
konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant Greenslade
hatte nur einen Gedanken.
Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht! Wehe, wenn der Diktator
mich sieht! Dann bin ich verloren!
In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf. Mit Augen, die
abwesend und weltentrückt blickten, schaute er um sich.
»Dr. Glossin soll kommen!«
Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging dann mit sich
selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in den Staaten zu bleiben.
Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators. Cyrus Stonard
erhob sich statuenhaft von seinem Platz. Seine Rechte ergriff die
Depesche und ballte sie krampfhaft zusammen. Er sprach kein Wort.
Langsam kam er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von ihm
entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball mit jähem Ruck
in das Gesicht.
Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren. Der Ball traf
ihn zwischen die Augen und fiel zu Boden. Der Arzt verlor die letzte
Spur von Farbe. Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus
Stonard eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig Minuten
wußte er, daß all seine Arbeit während der letzten Wochen vergeblich
war. Die einzigen Menschen, die er zu fürchten hatte, waren seinen
Nachstellungen entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen ihre
Macht spielen.
Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die Beleidigung zu
empfinden, die in dieser Behandlung lag. Der Papierball wirkte wie eine
Flintenkugel. Der von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als
Beleidigung, aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann auf seinen
Füßen zu wanken, tastete mit den Händen nach einem Halt.
Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch Erleichterung
verschafft. Die unmittelbare Wirkung des Schlages, der ihn getroffen
hatte, ließ nach. Er begann klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich,
der im Begriff stand, umzusinken.
Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder und winkte dem
Doktor.
»Setzen Sie sich! ... Setzen Sie sich! ... Nicht dahin ... hierher!
Hier dicht zu mir her ... ja, hier ... Halt, heben Sie das erst auf!«
Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche. Er kommandierte den
Doktor wie einen Hund, und Dr. Glossin gehorchte wie ein geprügelter
Hund. Jetzt saß er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus
Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball.
»Lesen Sie!«
Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft gelesen hatte.
»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie jetzt?«
Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort zu geben. Cyrus
Stonard sah, daß er ihm die Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So
befahl er weiter:
»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht über die Vorgänge in
Linnais. Nicht gefärbt, absolut genau!«
Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen und wurde
ruhiger, je weiter er in seinem Bericht kam.
»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie ich. Als ich den
englischen Führer kennenlernte, war ich über seine Naivität erstaunt.
Ich wollte ihn zurückrufen lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte
keine Möglichkeit mehr, die Expedition zu verhüten ...«
Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten Blick.
»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen, selbst zu denken. Ihnen
hatte ich den Befehl gegeben, die drei zu vernichten. Ihnen! ... Nicht
den Engländern. Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem ersten
Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg meldeten. Einverstanden
war ich nicht damit.
Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt? ... Weil ich mir solche
bewährte Kraft für manche Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn
Ihr Talent nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden zu
lassen, wenn Sie dazu die Engländer gebrauchen ... Mann, warum haben
Sie die Engländer auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?«
Dr. Glossin stammelte: »... Interesse des Landes ... Rücksicht auf die
Neutralen ... diplomatische Schwierigkeiten.«
»Unsinn ... Dummheit ... was geht mich Schweden an? Denken Sie, ich
hätte die Möglichkeit, die Neutralität dieses Ländchens zu verletzen,
nicht in meinen Kalkul eingezogen?«
Er blickte dem Doktor scharf in die Augen.
»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht vor den drei
Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs spielen. Andere Leute die Kastanien
aus dem Feuer holen lassen ... So ist diese ... Gemeinheit zustande
gekommen ... Merken Sie wohl auf! Sie stehen von heute ab unter
Überwachung. Sie wissen, was das heißt. Der Verdacht einer Verräterei,
eines Ungehorsams, und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn Sie mir
jetzt antworten.
Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei Menschen zu wissen.
Ob sie noch am Leben sind ... oder ob diese Depesche etwa von einer
anderen Stelle kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne, wie groß
ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden sie sich in dem kommenden
Kampfe auf eine Seite stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie
antworten. Es geht um Ihren Hals.«
Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht scherzte. Eine
unbefriedigende Antwort ... ein Druck auf den Klingelknopf am
Schreibtisch und er erlebte den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er
sammelte seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort abwägend:
»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle in Betracht kommt.
Ich war Augenzeuge der Katastrophe in Linnais, und ich sage doch, es
sind die drei, die die Depesche sandten.«
»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch schließlich fürchten, eines
Tages ausgehoben zu werden. Sie konnten sich durch einen unterirdischen
Gang sichern, der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie mündet.«
»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon lange bestanden
haben. Die drei sind erst seit wenigen Wochen in Linnais. Die Anlage
eines Ganges braucht Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der
unterirdische Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte sein, sie
hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln in dieser kurzen Zeit
geschafft ... oder ... sie sind ...«
Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn zusammen, als ob
ihm der Schädel unter der Gewalt des neuen Gedankens springen wollen.
Er schwieg.
Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »... oder sie sind? Sprechen
Sie doch!«
»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind unsichtbar durch unsere
Reihen gegangen!«
Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd.
»... unsichtbar? ... Das wäre der Teufel selbst! ... Sich unsichtbar
machen? ... Es geht um Ihren Kopf, Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir
keine Märchen auf. Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal
sagen.«
Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an. Ohne Furcht vor
der Gewalt, die jeden Moment sein Leben zerstören konnte. Mit
weltabgewandten, weltentrückten Blicken. Dann sprach er. Erst leise und
stockend. Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme:
»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen schon längst Wahrheit
und Tatsache. Sie sind der Mann der Realitäten. Der Mann, der seine
Politik mit Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber ... es wird
Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus einer anderen Sphäre an Sie
herantreten. Es gibt Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln,
sondern ... ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube
eher, daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen
sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen unterirdischen Gang
verkrochen haben.«
Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche mit
energischem Griff von neuem.
»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich halte mich an die realen
Tatsachen. Die Macht existiert. Sie ruht in den dreien. Sie hat in
Sayville angesprochen. Weshalb warnen sie, wenn sie handeln können?
Weshalb haben sie dann nicht auch bei der Geschichte vor Sydney
eingegriffen und das Gefecht verhindert?«
»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt. Ihre Macht reicht
nicht so weit. Noch nicht so weit. Sonst hätten sie es verhindert.
Vorläufig bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff ...«
»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen Sie nur, was Sie mit
Ihrem Kopf vertreten können.«
»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In ihrer ganzen
Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen begriffen. Nur so finde
ich eine Erklärung für das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney.
Nur so kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten. Die
Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche Beweis, daß die
Entwicklung der Macht irgendwo stockt.«
Der Präsident-Diktator war den Ausführungen Glossins mit wachsender
Spannung gefolgt.
»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern an den
Leib! So schnell wie möglich! An Stellen, die der Macht heute noch
unerreichbar sind. In Indien ... In Südafrika ... vielleicht ...
jedenfalls so schnell wie möglich, denn eines Tages sind sie doch so
weit.«
Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant kam.
»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben Stunde!«
Er sprach wieder zu Dr. Glossin.
»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir wollten England in England
schlagen. Jetzt müssen wir es am Äquator versuchen. Das verdanke ich
Ihrer Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.«
Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange ihr Opfer
betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange Sekunden bewegten sich die
Lider seiner Augen nicht, und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen
Adern gefrieren. Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam fort:
»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu rehabilitieren.
Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie sie mir lebendig bringen, will ich
Sie belohnen, wie noch niemals ein Mensch von einem anderen belohnt
worden ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich
sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert Millionen bieten
kann, stehen Ihnen zur Verfügung. Neutralität ... ich pfeife darauf.
Jedes Mittel, jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele
führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken Sie immer an das
Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich belohnt. Mißlingen ist Verrat.«
* * * * *
»... Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen gegangen.« Dr.
Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber dem Präsident-Diktator
ausgesprochen und hatte damit gesagt, wie es geschehen war.
Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun von Linnais sprang,
stand Erik Truwor in Begleitung seiner beiden Freunde unmittelbar neben
ihm. Die hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und schlug seine
Leute mit Blindheit.
»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.« Erik Truwor hatte
damit den Plan für die nächsten Wochen und Monate gegeben. Atma
und Silvester übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die Sinne
der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler und brachte die
Schießwaffen, mit denen die Fenster des Truworhauses gespickt waren,
zum Feuern.
Während die Engländer das Haus belagerten, gingen die drei zur
Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus der Tafel des Fernsehers
war das Haus von jeder Seite und in allen Details sichtbar. Silvester
Bursfeld ließ den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer,
solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam das Ende.
Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu opfern. Als die
Tür unter den Axthieben der Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem
großen Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager des
Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend Kilogramm Benzol. Das
Truworhaus wurde in einer Sekunde zum feuerspeienden Berg.
Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe des
Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt.
Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den Blick von der Platte ab.
»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt uns die Ruhe für die
letzten Vorbereitungen.«
Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr. Glossin mit dem Obersten
sprach, als Oberst Trotter seine Brandwunden im Tornea kühlte, trug
R. F. c. 1 die Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem Flug.
Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren nehmend. Ungesehen und
ungehört.
Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger zu größeren
Höhen empor und nahm reinen Nordkurs. Über offene See und schweres
Packeis. Über Länder und über weite Eisflächen.
Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß durch Nebel und
Wolken und ruhte auf der Eisfläche, die wie eine ungeheure massive
Kuppe den nördlichen Pol unserer Erde umgibt.
Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und fanden dennoch ein
wohnliches Heim. Silvester sah es mit Staunen.
Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester nach seiner
Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt gelassen.
Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen Eispalast im wahren
Sinne des Wortes. Aus der flachen verschneiten Eiswüste erhob sich
blaugrünlich schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein massiver
Eisblock, bis Erik Truwor kam und den Strahler spielen ließ. Da fraß
die entfesselte Energie das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten
sich. Säle und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser in Strömen
ins Freie lief.
Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte Schäfer Idegran auf
der Torneaheide der Wodanshöhle in immer weiterem Bogen aus dem Wege
ging. Es fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik Truwor
hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt mit Lebensmitteln
und Brennstoffen, mit Apparaten und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer
zwischen dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin und her. Es
war nur noch eine leere Schale, die Oberst Trotter mit seinen Leuten
belagerte.
Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie traten in das Innere des
Berges, und eine wohlige Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte
gerade so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut erwärmt
war, aber das Eis der Wände noch nicht schmolz.
Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf einen Sessel nieder.
»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand. Die Schiffe,
die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch aus nächster Nähe würden sie
nur den Eisberg sehen.«
Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte, meditierte, wie er es
stets tat, wenn seine Kraft, seine telepathische Willensmacht nicht
verlangt wurden. Silvester brauchte viele Stunden, um durch alle Räume
zu schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen großen Strahler.
Er versenkte sich in die Verbesserungen, die Erik Truwor während
seiner Abwesenheit angebracht hatte, und dann sah er die Teile der
Telephonanlage. Sie waren noch nicht zusammengebaut.
Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen Nachmittag vergeblich
auf seinen Anruf warten. Er würde ihr Bild sehen. Der Fernseher
gestattete es zu jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen
können. Sie würde warten ... würde in Sorge sein. Um so mehr, wenn wenn
irgendwoher die Nachricht von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr
käme.
Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen Strahler. Er
richtete ihn und schaltete die Energie ein. Das Bild erschien
auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke, Häuser. Jetzt die
charakteristische Gestalt des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die
Straße, das Termölensche Haus ...
Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit den
Mikrometerschrauben.
Die Küche ... Frau Luise Termölen ... die gute Stube ... dort Jane. Ihr
gegenüber eine andere Gestalt.
Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal auf das
Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast in Lebensgröße vor ihm. Jane
blaß, erschreckt, dem Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin.
Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach, in welchem Atma
lag.
Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung war eingetreten. Jane
lag regungslos am Boden. Ein Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin
bemühte sich um die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein.
Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine Pupillen verengten sich
bis zum Verschwinden. Seine Seele verließ den Körper und ging auf die
Wanderung.
Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester sah, wie das
Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte. Sie erhob sich. Aufrecht
stand sie da, lächelte spöttisch und deutete mit einer verächtlichen
Handbewegung auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr. Glossin mit
allen Zeichen der Enttäuschung und des Mißmutes den Raum.
Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe löste. Dann
sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie immer: »Dein Weib weiß, daß
du lebst.«
Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder in das stille
Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in dem er Tage und Wochen
verbringen konnte.
Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen vorgeschlagen, die
sich auf eine noch genauere Einstellung bezogen. Silvester Bursfeld
hatte von seiner Hochzeitsreise eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine
Zielvorrichtung, die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch gegen
bewegte Ziele zu operieren, während er volle Energie im Raum auslöste.
Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik Truwor stimmte
ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen ließ sich die Energiemenge
wohl haarscharf auf jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es
war noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit bewegten
Zielen folgen zu lassen, während die Energie wirkte. Erik Truwor
verlangte, daß man mit dem großen Strahler auch schnellfliegende Ziele
fassen könne, während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn Millionen
Kilowatt brodeln ließ.
Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig. Der Energiestrom, der
vom Ziel reflektiert wurde und das Bild auf der Mattscheibe erzeugte,
mußte von der Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren
einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so schwach hielten, daß
er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe nicht fraß. Es bedurfte
mancher Tage, um die neuen Ideen praktisch auszuführen.
Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor dem Amboß, das
Antlitz von der Glut des Feuers gerötet, und schmiedete die für den
Neubau nötigen Stücke. Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer
schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser, Dreher und
Mechaniker in einer Person arbeitete Silvester. Er feilte, schnitt und
schliff und hörte dabei die Worte Erik Truwors.
Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft, die er nach seinem
Willen formen wollte.
»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal fiel das Wort von
seinen Lippen, während er einem Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die
letzte Form gab. Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den
Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin durch die Eishallen
dröhnte.
Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war unruhig bei der Arbeit,
und seine Gedanken weilten in weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte
Atmas vorübergehend beruhigt. Doch zufrieden würde er erst sein, wenn
Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen Janes Bild wieder bis an
den Pol führten und seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis
in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er lechzte danach, sein
junges Weib zu sehen, mit ihr zu sprechen, und arbeitete hastig und
freudlos an dem Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor ihn
zwang. Die Ruhestunden während der langen hellen Polnacht benutzte er,
um auf dem Gipfel des Berges die Antennen für die drahtlose Station zu
ziehen.
* * * * *
Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den Riegel zerbrechen.
Dr. Glossin wußte es. Darum hatte er Jane das Zeitungsblatt mit der
Nachricht über die Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment,
als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma eingegriffen.
Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung noch einmal zu halten
und zu schließen. Aber sie hatte durch den schweren Angriff Glossins
eine Beschädigung erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß konnte sie
leicht sprengen.
Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment, als sie unter dem
niederschmetternden Eindruck der Nachricht von Linnais halb ohnmächtig
in den Armen Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und
unumstößliche Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester lebt. Er
ist mit seinen Freunden geborgen. Ich werde bald von ihm hören. Es war
die telepathische Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht
gab, die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln, ihm ihre
andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten.
Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen. Niedergeschlagen,
innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine Stützen wankend werden.
Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des Krieges gegen das
britische Weltreich trug, lag in Glossins Unterbewußtsein das
Empfinden, daß der Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht
sogar um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen und
unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des Diktators es ans Licht
rief. Jetzt empfand er es von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde
deutlicher. Der Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit, sich
von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie Glossin aber war die
Trennung gleichbedeutend mit Verrat, mit dem Übergang zur anderen
Partei.
Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus Stonards zu erfüllen.
Mochte der Diktator die drei selber fangen, wenn er sie haben wollte.
Aber Jane wollte und mußte er unter allen Umständen in seine Gewalt,
auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle. Es war ihm nicht
geglückt, den Riegel im ersten Ansturm zu sprengen. Kein Wunder, wenn
eine hypnotische Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber Dr.
Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung schwächte, daß
sie doch eines Tages brechen mußte, wenn sie nicht ständig erneuert
wurde. Er beschloß, vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in
welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste Gelegenheit abzupassen
und auszunutzen.
Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu welcher Silvester
mit Jane zu sprechen pflegte. Wie gewöhnlich setzte sie sich an den
Apparat und hielt den Hörer erwartungsvoll an das Ohr.
Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters zu ihr dringen.
Dann würde sie aus seinem eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais
verlaufen war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden befand.
Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte. Wartete, während die
Sekunden sich zu Minuten häuften und aus den Minuten Viertelstunden
wurden.
Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen der
Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane zu hören.
Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen, daß Silvester
in diesem Augenblick den Strahler am Pol richtete, ihr Bild auf
die Mattscheibe brachte. Sie harren sah und hundertmal den Umstand
verwünschte, daß die Antennen für die telephonische Verbindung noch
nicht gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich auf
Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen ihr zum Herzen zu
steigen.
Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte es doch wahr sein, daß
...? Sollte die Zeitung nicht gelogen haben, die ihr Glossin damals gab?
Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen konnte, vielleicht
schon sprengen mußte, kam ohne das Zutun Glossins. Kam, weil
sechshundert Meilen entfernt in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht
rechtzeitig gespannt worden waren.
Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage an und verkündete die
fünfte Stunde. Die Zeit, für welche Jane nach der Verabredung die
Elektronenlampen brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen
lassen sollte, war vorüber.
Das war ihr klar, Silvester war nicht da ... Es war ihm irgend etwas
zugestoßen ... Er war ...
Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem plötzlichen Impuls
getrieben, sprang sie auf und faßte einen Entschluß. Einen übereilten
und unsinnigen. Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine
Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie ihn gefunden
habe.
Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der alten Termölen. Die
hatten ihr Nachmittagsschläfchen noch nicht beendet. Leise machte sie
die Tür wieder zu. Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine
Ledertasche mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an die Alten. Daß
sie ginge, ihren Gatten zu suchen.
An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem langen Blick noch
einmal den schlichten Raum, in dem sie die letzte glückliche Stunde
mit Silvester verlebt hatte. Da stand ja noch der Elektronenempfänger,
mit dem sie jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn er
sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat über ihre Schulter.
Lautlos und ungesehen verließ sie die Wohnung. Aber nicht ungesehen das
Haus.
Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte ihr. Erst in die
Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig darauf achtend, daß er
selbst nicht von ihr gesehen werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht
aus den Augen zu verlieren.
* * * * *
Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit einer besonderen,
von ihm zum erstenmal in reiner und konzentrierter Form dargestellten
Art der Energie, mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in
besonderer Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen Vorrat
dieser Energieform.
Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers zu erklären, muß
man sich zwei Umstände vor Augen halten. Erstens die automatische
Selbsterneuerung der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur
unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese winzige Menge reicht
aus, um aus vorhandenen Stoffen und einfacher Sonnenstrahlung einen
großen Eichbaum entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich
vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft. Im Gegenteil,
sie erfährt automatisch eine Vergrößerung, denn der aus der ersten
Eichel erwachsene Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor.
Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler gespeicherte
Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten des Apparats keine Schwächung,
sondern er blieb dauernd auf gleichbleibender Höhe.
Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der Strahler auf die
überall im Raum vorhandene physikalische Energie nur auslösend
wirkte, wie etwa der Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in
der Gewehrpatrone vorhandene chemische Energie. Nur die Größe und
Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten die Wirkungen, die mit
dem Apparat zu erreichen waren. Den letzten großen Strahler hatte
Silvester auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt oder 13
Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine Leistung von imposanter
Stärke, eine Energiemenge, die sich im Laufe von Stunden und Tagen ins
Riesenhafte häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen von
solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge zu tragen, daß die Wucht
ihres Angriffes sich nicht auf unbeabsichtigte Ziele richtete.
Es konnte nichts passieren, solange der Strahler richtig bedient wurde,
solange die wenigen und einfachen Vorschriften seiner Handhabung
beachtet wurden. Doch um sie zu beachten, mußte man seine Sinne
beisammen haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung
sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten Stunde des vierten
Tages. den die drei am Pol zubrachten, vom Strahler forteilte.
Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den Strahler
gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet und wollte Jane von
seiner Rettung Mitteilung machen. Er stellte den Strahler auf das
bekannte Ziel und brachte das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf
die Mattscheibe. Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde sichtbar.
Nur den Empfangsapparat konnte er nicht finden, den er Jane bei seinem
Abschied übergeben hatte, und Jane selbst war nicht da.
Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll vorrücken und
verfolgte mit wachsender Aufregung und Sorge das Bild auf der Scheibe,
jeden Raum im Hause Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten
Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise. Er sah, wie sie
bekümmert schienen und eifrig miteinander sprachen. Er verfolgte die
Spuren Janes auf der Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er
während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten hatte zogen
auf der Scheibe vorüber. Er suchte in steigender Verwirrung und Angst,
bis er nach stundenlangem Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben
mußte.
Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen. Atma besaß wohl die
Mittel und Kräfte, um wiederzufinden, was er selbst mit seiner
wunderbaren Entdeckung nicht zu finden vermochte. So ließ er den
Strahler und lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf. Er fand
ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und Sätze schlugen an sein Ohr,
auf die er in seiner Erregung kaum achtete.
»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht, ohne zu töten!«
»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch soll ich die Macht
nicht anwenden, weil Widerstrebende zu Tode kommen könnten?«
»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu gebrauchen. Über den
Gebrauch sind wir Rechenschaft schuldig. Die Größe der Macht erlaubt
uns, ohne Tötung auszukommen.«
Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders aus. Seine ruhige,
gleichbleibende Sprache wirkte auch auf Silvester. Bekümmert und
aufgeregt war er in das Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken
getrieben, von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine Sorgen und
Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ sich nieder, um das Ende
der Erörterungen abzuwarten. Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment,
und der Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes
Antlitz.
»Jane ist nicht bedroht.«
Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor schien es kaum zu hören.
Silvester empfand die Worte wie lindernden Balsam.
»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er die tröstenden
Worte unzählige Male für sich selber und sank dabei immer mehr auf
seinem Sessel zusammen. Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte
er die Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden in
der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der Antenne beschäftigt. Nur
wenige spärliche Ruhestunden dazwischen. Sein Herz schlug matter,
eine bleierne Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die Worte
wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.«
Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für ein Leben führte er doch.
Abenteuerlich, vom Schicksal gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an.
Nur einmal war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen. Damals
in Trenton, als er friedlich seinem Beruf in den Staatswerken nachgehen
konnte. Als ihm das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm ein
zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte ihn damals getrieben,
der Erfindung nachzujagen, dieser Entdeckung, die schon seinen Vater
Freiheit und Leben gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem
verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod und Verderben
auf jeden, der sich damit abgab?
Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung gestaltet.
Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden sein, dort an ihrer
Seite ruhig leben. Gewiß, nur als ein Dutzendmensch, als einfacher
Ingenieur der Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe.
Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür hätte er ein
bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben an der Seite Janes. Niemand
hätte es dort gewagt, hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach
der Vereinigung wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen.
Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben. Die Verhaftung und
Verurteilung. Die schweren Tage in Sing-Sing.
Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von Atma. Es schien,
als ob der Inder jeden Gedanken hinter der Stirn Silvesters gelesen
hätte. Er schüttelte verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den
Sinn.
Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er nie an die große,
gefährliche Erfindung gedacht hätte, würden feindliche Gewalten ihn aus
einem stillen Glück gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der
niemand zu entgehen vermag.
Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm lebendig: Wir sind alle
auf das Rad des Lebens gebunden und müssen seinen Drehungen willenlos
folgen. Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen Leben, zu
denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf dem Rade verändern.
Traumartig verschwommen jagten die Gedanken durch sein Gehirn. Wie im
Traum hörte er die Stimme Erik Truwors:
»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende, sollst du als mein
... als unser Botschafter zu den Menschen gehen und ihnen meinen Willen
kundtun.«
Der Inder neigte zustimmend das Haupt.
»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa sagt: ›Gehe zu den
Menschen, ihnen die Neuordnung der Dinge zu verkünden‹ ...«
Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein Schüttern und Beben
gingen durch die Eishöhlen. Wie wenn die Schollen schweren Packeises im
Sturm knirschend gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf dem sie
standen, schwankte.
»Der Strahler ...!«
Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester ein Wort fanden.
»Wo steht der große Strahler?«
»Im unteren Gange.«
»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.«
Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik Truwor und Silvester
folgten ihm. Über die breiten Eisstufen ging der Weg nach dem untersten
Gang, der zu den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu
gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt nur mit Vorsicht
zu beschreiten. Der ganze Berg schien sich um etwa dreißig Grad gedreht
zu haben, und in dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten
Stufen äußerst beschwerlich.
Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler, den sie schon aus
Amerika mitgebracht hatten.
Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis zur halben Höhe
überflutet. Mit einem Sprung warf sich Erik Truwor in das eisige
Wasser, drang bis zu dem großen Strahler vor und trieb mit einem
einzigen Faustschlag die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen.
Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf aus dem
Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von Sekunde zu Sekunde stiegen
die gurgelnden Wasser höher, während das Knirschen brechenden Eises den
Berg erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr auf dem Boden.
Nur noch schwimmend erreichte Erik Truwor die Stufe der Treppe.
Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf, Stufe um Stufe
mußten die drei Freunde sich zurückziehen. Dabei fühlten sie einen
Druck auf der Brust, ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den
Gelenken, Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden
Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis, daß der Berg
mit den Höhleneingängen unter den Wasserspiegel geraten war und
daß die eingeschlossene Luft sich jetzt in den oberen Teilen der
ausgeschmolzenen Räume verdichtete.
Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen Strahler und hing ihn
sich um.
Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein. Noch fünf bis sechs
Stufen wurden von dem langsam und immer langsamer steigenden Wasser
überschwemmt. Dann stand die Flut.
In dem oberen Wohnraum machten sie Rast.
»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen wie Ratten.
Beinahe auch schon ersäuft wie Ratten.«
Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die geballte Faust auf
die Tischplatte fallen ließ.
Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte mit dem Arm voller
Kleidungsstücke zurück.
»Du bist kalt und naß, Erik!«
Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es war nicht angebracht,
in den nassen Kleidern zu bleiben. Er ging in das Nebengemach und ließ
Atma und Silvester allein.
Was war geschehen? Während Erik Truwor die Kleidung wechselte,
suchte sich Silvester die Vorgänge zu rekonstruieren. Als er den
Strahler verließ, wollte er ihn abstellen und den Zielpunkt von
Düsseldorf fortnehmen. Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst den
Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter. In seiner
Erregung und Verwirrung hatte Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte
den Zielschalter nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes
Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das nächst
mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die kleinste Zielentfernung
des großen Strahlers auf hundert Meter bemessen. Denn wenn es möglich
gewesen wäre, den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen, dann
mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren, mußte den
Apparat und nach menschlicher Voraussicht auch den, der ihn bediente,
momentan in Atome auflösen.
Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch herumgestellt, und
er hatte dem ersten Versehen ein zweites hinzugefügt, indem er auch
den Energiehebel auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine
logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der gleichen Richtung
auf die Ruhestellung zu bringen. Täuschte man sich bei der Richtung des
ersten, war es sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet
wurde.
Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig auf Düsseldorf.
Die Ziellinie schnitt als mathematische Gerade schräg nach unten
gerichtet in den Erdball ein. Durch die falsche Bedienung hatten
10 Millionen Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb
des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im massiven Poleis
gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß das Eis zu schmelzen begann,
daß sich unter dem Eisberg ein größer und immer größer werdender, mit
Wasser gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke den Berg nicht
mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf der Seite des Berges, auf die der
Strahler gerichtet war, krachend und knirschend zu Bruche ging und der
Berg sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl wälzte.
Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe dreißig Grad
gekippt. Dann war er mit der Unterkante auf den Grund dieses so
plötzlich entstandenen Sees aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle
Eingänge des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel geraten.
Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er traf Silvester in
leisem Gespräch mit Atma. Die blassen, abgespannten Züge Silvesters
verrieten seelisches Leiden. Das Bewußtsein daß er durch seine
Unvorsichtigkeit das Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm.
Mit gedämpfter Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten und
Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht sogar die alte Lage
dies Berges wieder herstellen könne.
Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an seiner Seite und hatte
Silvesters Rechte zwischen seinen Händen.
Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder. Er verharrte in
seinem Schweigen, aber seine Miene verriet, wie es in ihm kochte. Immer
tiefer, immer steiler gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung
und Abweisung spielten um seine Lippen.
Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden zu haben. Man
mußte den Berg so weit ausschmelzen, daß er frei schwamm und schwimmend
sich in seine alte Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine
Wirkung auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine leichte
Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit Bleistift und Papier
die jetzige Lage des Berges skizzierte und entwarf, wie man mit der
Ausschmelzung Schritt um Schritt vorgehen müsse.
Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung: »Wie lange
dauert das? -- Wie viele Tage und Wochen gehen uns dadurch verloren?
Ich sitze hier in der Falle, abgeschnitten von der Welt ... unfähig,
zu erfahren, was draußen vorgeht ... unfähig, meine Macht wirken zu
lassen, meinen Befehlen die Ausführung zu erzwingen ...
Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen abhängig ist
... Der Welt Befehle geben ... zum Spott der Welt werden wir dabei ...«
Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes einzelne dieser
Worte ihn körperlich traf.
»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber ich sehe schon den
sicheren Weg zur Rettung.«
»Den Weg zur Rettung? ... Als ob es sich darum handelte ... Ich weiß,
daß wir nicht verloren sind, solange wir auch nur den kleinen Strahler
bei der Hand haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg ins Freie
brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben oder noch tiefer fallen.
Irgendein Flugschiff können wir uns auch mit dem kleinen Strahler
heranholen und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung ist
verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub von Monaten ...«
Erik Truwor sprang erregt auf.
»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor mir ...«
Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters.
Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein Gesicht suchte den
flirrend ins Weite gerichteten Blick Erik Truwors, bis er ihn gefunden
hatte.
»Wer gab dir die Macht?«
Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen des Gefragten kam.
»Der Strahler!«
»Wer schuf den Strahler?«
Noch einmal eine lange Pause.
Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort: »Silvester ... du hast
recht, Atma. Silvester gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen,
wenn sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.«
»Ich habe ihm nie gezürnt.«
Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr fort, bevor Erik
Truwor etwas darauf erwidern konnte: »Es ist nicht Zeit zum Streiten,
sondern zum Handeln. Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen,
entsprang dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan, den Berg zu
heben, von hier aus die Mission zu erfüllen.«
Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige. Auch Erik Truwor
konnte sich ihnen nicht entziehen.
Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu überschlagen.
Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach oberflächlicher Rechnung
für wenigstens eine Woche langen. Im obersten Gange befanden sich
Lebensmittel für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall
war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und Hilfsmaschinen
untergebracht.
Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens nicht
verzweifelt.
Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf die
Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung des alten
Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge sein.
Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben noch Gebieter der
Welt, Pläne schmiedend, wie sie der Welt ihren Willen kundtun und
aufzwingen könnten. Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens
beratend. Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter Eis. Gegen
diese gigantische Frostmasse, in deren Mitte sie eingeschlossen waren
wie in einer Grabkammer der pharaonischen Pyramiden.
* * * * *
Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln--Stockholm betreten. Dr.
Glossin stand unter der Menge auf dem Flugplatz und hielt sich hinter
einem Verkaufsstand für Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das
Schiff wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere, die über
die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die Aussichten, während der
Fahrt von Jane nicht erblickt zu werden, waren nicht schlecht.
Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft schon die Treppe
abrücken wollte, trat er aus seinem Schlupfwinkel heraus und eilte als
Letzter in das Schiff. Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die
Maschinen gingen an, und das Schiff verließ den Platz.
Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des Schiffes der
Länge nach durchzog, beinahe menschenleer war, und eilte in die
Raucherkabine. Hier wußte er sich in Sicherheit und konnte bis zur
Landung in Stockholm bestimmt ungesehen bleiben.
Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die möglichen Folgen
in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane dazu, so plötzlich das Haus in
Düsseldorf zu verlassen und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken,
daß sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr, kam er
nicht.
Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie Nachricht von
Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien nach. Durch diese Annahme
gewann das Unternehmen aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester
würde Jane am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon in
Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo.
In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der Moment kommen, in
welchem Silvester an das landende Flugschiff herantrat, um Jane in
Empfang zu nehmen. Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch
die beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte ein kaltes
Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken zu Ende dachte. Er
zog einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und betrachtete sorgfältig
sein Antlitz. Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er schon in
Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen hatte, erfüllten ihren Zweck.
Beruhigt steckte er den Spiegel wieder weg.
Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer
Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt gewesen, bald unter
dieser, bald unter jener Maske aufzutreten. Die Veränderung des Äußern
war meisterhaft. Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen
Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf den ersten Blick
erkennt. Nur eine leichte Färbung des Haares, eine andere Frisur
und eine Garderobe nach europäischem Schnitt, die sich von der
amerikanischen Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit,
den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge willkürlich zu
verändern. Aus dem Dr. Glossin aus Neuyork war irgendein beliebiger und
gleichgültiger europäischer Geschäftsreisender geworden.
Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten, mußte die
Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob sie den prüfenden Blicken
Janes standhalten würde, war ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester,
daß Atma sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß. Aber
er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens auf die
Mitreisenden wenig achten würden.
Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm. Dr. Glossin blieb an
seinem Fenster sitzen. Er beobachtete die Passagiere, die das Schiff
verließen, die Leute, die sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff.
Sie wurde von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges zu
erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten wandte sie sich dem
Schiff Stockholm--Haparanda zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt
bereitstand. Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff
wieder den Platz in der Rauchkabine.
Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte Weg nach Linnais. Die
letzten Zweifel schwanden ihm, daß die drei sich noch in der Nähe von
Linnais verborgen hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den
Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff verlassen und zur
Eisenbahn gehen. Es war so, wie er vermutete. Sie nahm eine Karte nach
Linnais. Er tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand von ihr
getrennt, weiter nach Norden.
Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais. Wieder allein! Niemand
war hier, um sie in Empfang zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner
Überzeugung schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen Frau
wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren, die er jetzt noch
höchstens von ihr entfernt sein konnte?
Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem Bahnhof gehen, mit dem
Führer eines Karriols verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane
ihm im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol sie, den Strom
entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren Schlupfwinkel der drei
führen? Sollte er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren
müssen? Nein und abermals nein. Er mußte Jane folgen, mußte erkunden,
wo sie hin ging, wo sie blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden.
Er gab dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in einigem Abstande
zu folgen.
Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts, entlang.
Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin sah nur die
Gegend, in der er seine letzte Niederlage im Kampfe gegen die drei
erlitten hatte. Und er sah vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach
der er in sehnender Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen
war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des Inders und des Feuer
und Tod speienden Strahlers bringen sollte.
Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er sah, wie der Wagen
umkehrte und leer nach Linnais zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und
hatte einen Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ den
eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn warten, auch wenn es
Stunden dauern sollte, und folgte der Entschwundenen den Berg hinauf.
Hin und wieder sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg
führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus.
Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick auf die Brandstätte.
Und sah Jane niedergesunken an der von der Wut des Feuers geschwärzten
und verglasten Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche und
den Telephonapparat fallen lassen und strich mit zitternden Händen über
die Steintrümmer.
Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres Lebens, ihren
Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste, brandgeschwärzte Ruine. Die
blühenden Gartenanlagen vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden.
Keine Nachricht von ihm.
Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei fiel sie ohnmächtig
nieder. Jetzt brach der Riegel.
Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von seinem Platze.
Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt Silvesters, die des Inders
auftauchen zu sehen. Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik
Truwor.
Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann er langsam die
Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und schließlich zu erkennen. Jane
war aus eigenem Antrieb von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den
Ort gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und sie war
niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört wiedersah. Niemand
erwartete sie hier. Hilflos lag sie hier im Walde, seinem Verlangen
schutzlos preisgegeben.
Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen. Eine
ungeheure Glut mußte hier gewirkt haben. Die Granitblöcke, aus denen
die Zyklopenmauern des Truworhauses bestanden hatten, waren zu einer
zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen. Kein einfaches Feuer
wäre imstande gewesen, das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die
telenergetische Konzentration gewütet haben. Unzählige Tausende von
Kilowatt mußten in diesem Gestein zur Entladung gekommen sein.
Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben, den Berg
hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat fiel. Es reizte
ihn, die Apparatur zu versuchen. Mit einem Griff schaltete er die
Elektronenlampen ein.
Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme, Silvesters Stimme.
Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester hatte die Antennen
am Pol gespannt und suchte Jane. Er suchte sie auf dem Bilde der
Mattscheibe und konnte sie nicht finden. Während er mit dem Strahler
die Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung und
der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt waren und von Glossin gehört
wurden.
»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen. Dein Zimmer
ist leer ... Ich suche dich ... Alle Straßen, alle Plätze der Stadt
ziehen auf dem Bilde vor mir vorüber. Nur du bist nicht da ...
Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine Stimme. Ich
will dich suchen, bis ich dich gefunden habe. Die ganze Welt will ich
durchsuchen ...«
Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung gediehen! Sie
konnten die ganze Welt im Bilde bei sich betrachten. Silvester suchte
in Düsseldorf. Er brauchte nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen
alten Feind und hatte die Macht -- Glossin zweifelte keinen Augenblick
daran -- ihn zu Staub und Asche zu verbrennen. Er schleuderte das
Telephon von sich, als ob er glühendes Eisen gegriffen hätte.
Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem Platze, der in der
nächsten Sekunde von den dreien gesehen werden konnte.
Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung war gebrochen.
Jane war seinem Einfluß wieder preisgegeben. Er ließ seine stärksten
Künste spielen. Er strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen.
Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit seiner Hilfe und
auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf seinen Befehl hatte sie alles
vergessen, was geschehen war ...
In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais. Das Gefährt war
nur für einen Passagier bestimmt. Er mußte sie während der Fahrt eng an
sich ziehen. Hier vollendete er die hypnotische Beeinflussung ...
Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie eine ruhige junge
Dame, die mit ihrem Oheim reiste. Wie weggewischt war die Erinnerung an
Silvester, an das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals
zugefügt hatte.
Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während sie im Flugschiff
nach Stockholm flogen, faßte Glossin seine letzten Entschlüsse.
Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die Macht über die
Welt in die Hand eines einzigen Menschen legte, war vollendet. Nach den
Worten, die er im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran
erlaubt.
Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege zu spät. Die drei
lebten nicht nur, sie besaßen auch die Macht, das Vabanquespiel des
Diktators zu durchkreuzen.
Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu den Engländern
überzugehen. Dazu war es notwendig, nach London zu gehen. Aber
England war im Kriege. Aller Luftverkehr war eingestellt. Die
Linie Stockholm--London lag still. Nur der Hornissenschwarm von
hunderttausend Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische Küste,
bereit, jedes Fahrzeug, das sich England auf dem Luftwege nähern
sollte, zu vernichten.
Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel zwischen Calais und Dover
benutzen. Die alte Linie Stockholm--London war seit einigen Tagen auf
Stockholm--Calais umgelegt worden.
Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden nach Calais.
Seine Räder setzten bei der Landung auf ein Gleis auf, neben dem der
Zug nach London stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig
vom Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter zu
durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand, begann praktisch
bereits England. England, das sich in einem schweren Kriege befand. Die
Paßkontrolle war scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr
als einer wurde zurückgewiesen.
Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt, ruhig auf
dem Bahnsteig und betrachtete die Umgebung.
Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag drei Kilometer
entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen Hochbassins den Blick in
dieser Richtung. Jene Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren,
die sich in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite des
Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den Tunnel in wenigen Minuten
vollaufen zu lassen. Für den Fall nämlich, daß etwa zwischen England
und Frankreich kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen von
der einen oder anderen Seite her durch den Tunnel in das Land des
Gegners zu marschieren versuchten. Dr. Glossin betrachtete die Anlagen
überlegen lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg heute auf
andere Weise.
Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten. Die Zeit
verstrich darüber. Jetzt war es freier an den Toren des Zaunes
geworden. Er zog seine Brieftasche heraus und suchte unter allerlei
Papieren. Mit einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt er
durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen nur einen kurzen Blick
auf das Papier und gaben ihm in achtungsvoller Haltung den Weg frei.
Sie kannten die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford.
Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof, tauchte in das
Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig Kilometer unter dem Meer in
ebenso vielen Minuten und eilte dann durch die Fluren von Canterbury
auf London zu.
In einem großen Hotel in London nahm ein älterer Herr in Gesellschaft
einer jungen Dame Wohnung. Als Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die
Ausweise über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten
vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung, seine Nichte
habe ihre Papiere verloren, ohne weiteres Glauben schenkte.
* * * * *
Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte. Schlechte
Nachrichten. In Afrika sollten die neuen englischen Industriestädte in
der Gegend des Kilimandscharo von einem übermächtigen amerikanischen
Geschwader vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die Straße von
Bab el Mandeb sollte den englischen U-Panzern schwere Verluste durch
Lufttorpedos gebracht haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen
Niederlagen in der Australischen See und auf der Reede von Kapstadt.
Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die Mitglieder der
englischen Regierung zu einer Besprechung der Lage versammelt.
Dort lagen die authentischen Depeschen von den verschiedenen
Kriegsschauplätzen vor und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle
Stunden zu bereiten.
Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer Luftstreitkräfte
auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie stattgefunden.
Flugschiffe in enormer Zahl waren plötzlich von der Ostküste her
vorgestoßen, hatten die verhältnismäßig schwachen englischen
Abwehrlinien durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke
gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich. Aber
unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen herkamen. Dem
Kabinett lagen die Depeschen verschiedener englischer Flugschifführer
vor. Depeschen, die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil noch
abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits brennend in die Tiefe
stürzten.
Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von A. V. 317 in
der Hand und las: »43 Grad östlicher Länge, 2 Grad südlicher Breite.
Amerikanische Schiffe steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden
plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt. A. V. 317.«
Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff zehn Minuten später
gegeben worden: »Unterwasserstation entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher
Länge ...«
Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer Schiffe wußte
man, daß A. V. 317 um diese Zeit brennend abgestürzt war.
Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen und Gedanken zu
formulieren, die jedes Mitglied des Kabinetts beschäftigten.
»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England an? Wir hielten Afrika
für den sichersten Teil des Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen
amerikanischen Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die
Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island bildete danach
ungefähr die Frontlinie der amerikanischen Kräfte. Was konnte den
Diktator veranlassen, diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben,
die britischen Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?«
Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden Depeschen von A. V.
317 in der Hand, an den Globus getreten.
»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt etwa
auf dem Äquator an der afrikanischen Ostküste angelegt haben. Ist es
der Fall, dann, meine Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt
unserer Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus ...« -- der Admiral
ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte damit auf dem Globus --
»bedroht er in gleicher Weise unsere afrikanischen Besitzungen, den
See- und Luftweg nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von
A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den Längengrad. Sehr
weit vom Äquator kann die Station nicht sein. Ihre Zerstörung halte
ich für das Allernotwendigste. Sie muß allen anderen Kriegshandlungen
vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian von Island sind
dort durch den geänderten amerikanischen Plan größtenteils entbehrlich.
Ich möchte ihnen den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min.
abzusuchen. Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden. Haben sie
ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.«
Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung des Kabinetts zu der
unter Umständen so folgenschweren Maßnahme, die Verteidigungslinie über
den Meridian von Island zu schwächen.
Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum Cyrus Stonard seinen
Angriffsplan geändert hat, warum er unsere Inseln meidet und auf der
südlichen Halbkugel Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den
Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das Unternehmen des
Obersten Trotter mißglückt ist. Weil der Bericht über den Erfolg seiner
Expedition unrichtig ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England
und Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard diese
Macht fürchtet.«
Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen. Von Satz zu
Satz hatte sich seine Stimme gehoben. Jetzt schwieg er.
Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts war
körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook ließ den Unterkiefer hängen
und starrte den Sprecher mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die
überlegene Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte, den ihm
unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen. Lord Horace allein behielt
seinen Platz und fuhr mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich
alle Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich habe bereits
einmal meiner Meinung über die wenig glückliche Wahl des Obersten
Trotter für diese Expedition Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden,
und die Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem, was ich
von amerikanischer Seite über die drei in Linnais hörte, halte ich
es für ausgeschlossen, daß sie sich von einem alten Troupier wie dem
Obersten Trotter einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht
klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt und die
Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard wohl auch nicht.«
Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte von Lord Horace
Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer wieder zuzuklappen. Die
Färbung seines Gesichtes war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt
brach er los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur einen
Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache Menschen einer Weltmacht
gefährlich werden können? Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er
sich von solchen Hirngespinsten plagen ließe.«
Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig ausreden lassen. Nun
fuhr er selbst unbewegt fort: »Cyrus Stonard ist besser informiert
als wir. Durch den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die
Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß viel besser als wir,
wie weit die drei jetzt mit der Erfindung gekommen sein dürften, wie
weit sie damit wirken können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt
mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen die britischen
Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen. Der Diktator
fürchtet, die drei könnten ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er
den Angriff in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht der
drei noch sicher fühlt ...«
Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht hätten, so wäre mir das
Vorgehen des Diktators erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in
einen Krieg mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich
fürchtet?«
»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators zu suchen.
Cyrus Stonard ist zweifellos der größte Staatsmann des zwanzigsten
Jahrhunderts. Seit George Washington hat er am meisten für die
amerikanische Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen,
Diktator zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington gehandelt,
er würde in der Geschichte neben und über Washington stehen.
Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er hält das amerikanische
Volk, das an eine hundertfünfzigjährige Freiheit gewöhnt war, weiter
unter einem schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem
Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die aus, so ist's
mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte lehrt es uns hundertfach.
Er spielt ~va banque~ und muß ~va banque~ spielen. Das amerikanische
Freiheitsgefühl hat den Druck nur ertragen, solange die Schmach der
japanischen Niederlage in frischer Erinnerung war und solange Cyrus
Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas ständig gehoben hat. Selbst
dann nur widerwillig. Einen Stillstand in seinen äußeren Erfolgen
verträgt seine Herrschaft nicht.
Nach seinem Siege über Japan bleibt England als einziger Rivale
übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus Stonards kennt, mußte sich klar
darüber sein, daß er es versuchen würde, diesen letzten Rivalen
niederzuschlagen. Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die
Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika.
Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle Macht. Über
deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil ich nicht klar sehe.
Er bringt es fertig, uns als Werkzeug zur Vernichtung dieser Macht
zu benutzen. Der Streich ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher
gelungen. Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt los, wo
er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er jetzt, nach monatelanger
Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten, wäre es um seine Herrschaft
geschehen.
Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der am Erfolg zweifelt,
aber lieber an der Spitze seiner Garden fallen als zurückweichen will.
Cyrus Stonard steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat die
Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin überschritten.«
Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des Kabinetts in ihren
Bann geschlagen. Die Gestalt des Diktators stand in ihrer Größe,
aber auch mit ihren Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des
Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale Welt zurück.
»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht wehren? Sollen wir
uns auf eine geheimnisvolle Macht verlassen, deren Existenz doch zum
mindesten, ich will sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre
Englands und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der vagen
Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten ließen, alles
Notwendige für die Sicherheit des Reiches zu tun.«
Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte muß sich in
geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork stürzen. Wir werden die
Fünfzehnmillionenstadt in Asche legen. Das wird dem Diktator seine
Gelüste auf Afrika und Indien am schnellsten austreiben.«
Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde mich hier in einer
eigenartigen Lage. Ich habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr
beschäftigt als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich sage Ihnen
heute ... denken Sie an meine Worte, meine Herren ... Wir werden das
Eingreifen der Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte es
für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.«
Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett nicht umzustimmen.
Die letzten Depeschen über einen amerikanischen Angriff auf Indien
ließen jede abwartende Haltung als schädlich erscheinen. Indien war die
empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer Indien anzutasten
wagte, mußte niedergeschlagen werden.
* * * * *
Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen Auftrag. »Ich
erwarte den Vierten Lord der Admiralität. Jeder andere Besuch hat zu
warten.«
Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl. Die Stellung des
Lords Maitland im englischen Kabinett hatte sich in den letzten Wochen
beträchtlich gehoben. Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen
Verhältnisse machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts.
Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford in ihm eine wertvolle
Hilfe. Eine Persönlichkeit, die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe
des gereiften Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich selbst
gar nichts erstrebte ... wenigstens nichts zu erstreben schien und ganz
in den Fragen der großen Politik aufging.
Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord Maitlands in der letzten
Kabinettssitzung nachgedacht. Als Lord Horace in sein Arbeitzimmer
eintrat, ging er ihm entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des
amerikanischen Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen überhaupt
logischen Gründen entspringen, können sie nur so erklärt werden, wie
Sie es neulich taten. Ich möchte in Ihrer Gegenwart einen Besuch
empfangen, dessen Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich
bei mir melden lassen.«
Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen.
»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler sein?«
Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach geführt. Er kam mit
der Unbefangenheit des vielgereisten Weltmannes. Begrüßte Lord Horace
herzlich als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart des
Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte sich eingehend nach
dem Befinden der Lady Diana und führte die Konversation mit einer
Leichtigkeit, als befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht
bei den leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden Engländer
gingen auf die Tonart ein, obwohl sie innerlich vor Begierde brannten,
dem Zwecke der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob dem
Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente sich mit einer
Gemächlichkeit, die den englischen Staatsmännern hart an die Nerven
ging.
Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich hatten die
Engländer noch mehr. Sie warteten ruhig, bis er das Schweigen brach.
»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn. Nur der
maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt zwei sprach- und stammgleiche
Völker in den Kampf.«
Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes Nicken verriet
ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort: »Ich möchte die Lage durch
einen Vergleich erklären. Die Welt gehört einer großen Firma, den
~Englishspeakers~. Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es sind heute
zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des Hauses gegeneinander
arbeiten. Die Firma kann nur gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und
einig handeln. Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?«
Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner Zigarre sehr
eingehende Aufmerksamkeit zu.
»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis England und
Amerika?«
Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch ein leichtes Nicken.
Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden wird dem anderen
weichen?«
Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor er die Antwort
formulierte. Langsam, sorgfältig Wort für Wort wägend.
»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere Erfahrung hat
... der weniger tüchtige ... meistens wohl der jüngere.«
Lord Horace unterbrach ihn.
»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig weichen würde?«
»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!«
»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie nachgeben.«
»Deswegen bin ich hier!«
Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den Premier war unverkennbar.
Lord Horace blieb äußerlich unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete
fieberhaft und schmiedete lange Schlußketten ... Er weiß, daß die
geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon in nächster Zeit,
vielleicht in wenigen Tagen nur noch eines leisen Anstoßes bedürfen
wird, um den Diktator zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne ...
Immerhin, seine Arbeit kann England nützlich sein ...
Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme: »Wie sollte es
geschehen?«
»Das wird meine Sache sein!«
»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen gelänge, was hat England
dafür zu zahlen?«
»Nichts!«
»Und was verlangen Sie dafür?«
»Englands Freundschaft!«
Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand.
»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung stehen Ihnen
unsere Mittel zur Verfügung. Lord Maitland wird die Einzelheiten mit
Ihnen besprechen.«
Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord Horace. Dr.
Glossin verlangte von der englischen Regierung für sein Unternehmen
keine materiellen Mittel. Nur ein paar Einführungsschreiben an einige
amerikanische Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace geriet
in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen könne, mit solchen
bescheidenen, fast kindlich anmutenden Hilfsmitteln einem Manne wie
Cyrus Stonard gefährlich zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?«
»Alles, mein Lord.«
»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt willen den besten
Erfolg.«
»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In meiner Begleitung
befindet sich hier in London meine Nichte, Miß Jane Harte.
Mein Aufenthalt in den Staaten könnte längere Zeit dauern. In
der Voraussicht kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie
hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie hängt an mir,
ist meine einzige Freude, hat außer mir niemand in der Welt. Wenn ich
wüßte, daß sie in Ihrem Hause ... bei Ihnen ... bei Lady Diana einen
Anhalt findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet, als ich es
Ihnen in Worten ausdrücken kann.«
»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus nehmen. Sie soll in
sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie, Herr Doktor, aus den Staaten
zurück sind.«
Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands.
»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady Diana nicht
persönlich meine Empfehlung übermitteln zu können ...«
Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er zwanzig Jahre
mächtig und reich gewesen war.
* * * * *
Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht Erik Truwors
empfing, in der sie in der Fülle überströmender Gefühle ihre ganze
Vergangenheit vor Lord Horace bloßlegte, war das Verhältnis der
Gatten ein anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland Castle
zurück. Lord Horace blieb in London, um sich mit verdoppeltem Eifer
den Regierungsgeschäften zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land
trieb ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich durch
angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose Tätigkeit der quälenden
Gedanken ledig zu werden, die ihn seit jener Unterredung nicht
loslassen wollten.
Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was Diana getan, um dem
Jugendgespielen, dem Manne, dessen Gattin sie werden sollte und fast
war, den Abschied vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit der
abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen und verzeihen gelernt.
Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der Lebende -- den Diana noch
für tot hielt. Und zu dessen Vernichtung sie doch ihre Hand geboten
hatte.
War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein?
War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder Liebe werden
konnte?
Erik Truwor lebte!
Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung aufnehmen?
Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte sie doch herbei.
Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte Diana um die
vierte Nachmittagsstunde in Maitland Castle. Der Diener, der ihr die
Botschaft überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana saß immer
noch regungslos und hielt das Papier in den Händen. Das Faksimile des
chemischen Fernschreibers zeigte die charakteristischen Schriftzüge
ihres Gatten. Nur wenige Worte.
»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.«
Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie ... rief sie ... warum?
Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden Gefühle. Seit
jenem Tage der Aussprache hatte sie Horace nicht wieder gesehen. In
stillschweigender Übereinkunft hatte sie sich einer freiwilligen
Verbannung unterworfen.
Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß ein Mann, auch
wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten besaß, nicht so leicht und
schnell über das hinwegkommen konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot
offenbarte. Deshalb hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag ... geduldig.
Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß die Pein des
Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace war so stark und rein, daß ihr
nicht einen Augenblick der Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen
könnten ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie leicht
wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen.
In windender Fahrt trug die schnelle Maschine Diana Maitland, ihre
Zweifel, ihre Hoffnungen und Wünsche nach London.
Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat sie das
Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen sich die schweren
Portieren hinter ihr. Der schwellende indische Teppich dämpfte ihren
Schritt.
Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster zugewandt.
Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken.
Was dachte er? ...
Wie wird er ihr entgegentreten? ...
Der erste Gruß. Wie wird er sein?