Ihr ergebenster ...
Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war der alte Mann doch
eingeschlafen. Die Natur verlangte ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig
schlummern und bereitete leise den Kaffeetisch für den Nachmittag.
Der Junge, der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch noch
andere Gäste. -- -- --
* * * * *
Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus seinem Schlummer
empor. Eine kräftige männliche Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp
trat in das Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten Oheim
herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen Korb mit Rosen, zwischen
denen die rotgekapselten Hälse von einem Dutzend guter Flaschen
verheißungsvoll blinkten.
»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten Glückwünsche. Lange
kann ich nicht bleiben. Wir arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und
Tücke bewog ich den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu
vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich bis Düsseldorf
mitnahm, und da bin ich.«
Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen. Drückte die
Hände seines Neffen herzlich und lange.
»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen den Weg zu
deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür sollst du och dat erste Stück vom
Kuchen haben.«
Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und ließen sich
schmecken, was Frau Luise darbot.
In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm Lüssenkamp aus
dem sausenden Getriebe der großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die
Unrast und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem alten Manne
freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn Jahren hatte Andreas Termölen
selbst eine leitende Stellung in der rheinischen Stahlindustrie
bekleidet. Er wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu
überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu bringen. Begierig
lauschte er den Erzählungen des Neffen.
Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die Zahl der Stahlöfen
verdreifacht habe. Tag und Nacht wurde mit riesenhaft vermehrtem
Personal gearbeitet. Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb
genommen. Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage war Gott sei
Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den nötigen Brennstoff.
War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die letzte Spur von
Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben, dann wurde der volle
Flammenstrom angestellt. Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in
wenigen Stunden auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen Charge
auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen und alle anderen
Rohstoffe, aus denen in der Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde.
Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen, weil man die Öfen
nicht einfrieren lassen durfte. Aber er ging jetzt forciert. Er war
schon verdreifacht und sollte noch einmal verdreifacht werden.
»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse Stahl hin?«
Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln.
»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat den Auftrag, soviel Stahl
wie möglich zu liefern. Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr.
Da heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens ... ich verrate
damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt, daß die Amerikaner
unmenschliche Stahlmengen für ein Sündengeld fest gekauft haben und in
Deutschland stapeln.«
»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.«
»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob John Bull und Uncle
Sam sich an die Kehle wollen. Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer
interessiert sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere
neuen Turbinen ... ich will mich nicht rühmen ... aber die haben's in
sich und haben's auch den Englischen angetan. Bei den Probefahrten
haben wir zwölfhundert Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten
Maschinen, das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer.
Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen. Der englische Kapitän,
der eine Probefahrt mitmachen durfte, war einfach platt. Steckte die
Entfernung zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze und
der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder auf dem Globus ab und
schüttelte den Kopf. Seitdem sind die Engländer scharf hinter den
Turbinen her. Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.«
Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden des Oheims ruhen.
»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?«
Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration durch die
Finger gleiten.
»Sommeschlacht ... Verdun ... Kemmelberg ... Ypern ... Dixmuiden ...
Chemin des Dames ... blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder
hörten, muß es da böse zugegangen sein.«
Der alte Mann nickte zustimmend.
»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage stehen mir noch wie
heute vor dem Gesicht. Manchmal scheint et mir noch heut unglaublich,
dat ich damals am Leben geblieben bin ... Et war die Hölle. Et war
mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung ergriffen.
Der Neffe nahm das Thema auf.
»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt es noch viel
schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht, wird das Entsetzlichste, was
die Welt jemals gesehen hat. Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen
siebenhundert Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon jetzt
keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue Mordmethoden, von
denen die meisten Menschen heute noch keine Ahnung haben. Aber ... es
geht nicht um unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben
sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die Katastrophe
aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie nicht morgen kommt, dann
übermorgen. Aber sie kommt. Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden
den Kornschnitt erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische
Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen, wenn er die
besseren Chancen auf seine Seite bringen will.
Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom ~Saxon day~. Ich meine,
er steht dicht vor der Tür, und kein Mensch kann das Verhängnis
aufhalten.«
»Kein Mensch ...«
Der alte Mann wiederholte es nachdenklich.
»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne nachweinen. Laßt
sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden ... janz wat anderes, Jung'!
In zehn Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds. Ich hab
dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt haben. Seine Jroßmutter
war meine Schwester. Eine Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit
seiner jungen Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal zu uns
kommst.«
Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr und bemerkte, daß
es die höchste Zeit zum Aufbruch sei. Er mußte eilen, wenn er sein
Flugzeug an der verabredeten Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit
rief ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in die Gluten
und zu den rasselnden Maschinen industriellen Hochbetriebes.
* * * * *
Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von Linnais. Über die
sonnenbeschienenen Dächer des Ortes, über bestellte Felder, die
in kurzen Sommerwochen spärlichen Ertrag brachten, zogen die Töne
dahin, das Tal des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in
bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern.
In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert Farben spielte
es durch die bunten Fenster. Die Kirche fast leer. Nur einige
zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen Eichenbänken und in den
Chorstühlen.
Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen durch den Raum. Es
war der Hochzeitstag Silvesters. Der Tag seiner Vereinigung mit Jane.
Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den Bund. Jane im weißen
Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden Haar, ätherisch zart. Sie glich
den Engelsgestalten, welche die Kunst eines alten Meisters über dem
Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der Verwundung noch in
der Binde, aber froh und glücklich.
Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie: Erik Truwor und
Soma Atma.
Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus der Zeit erlaubte
es ihm, hier als Zeuge zu dienen. Seine Gedanken weilten bei den Lehren
der eigenen Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das wir alle
gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden aller Kreatur, die erst nach
tausendfacher Wiedergeburt und Bewährung zur ewigen Seligkeit des
Nirwana eingehen darf.
Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene Kraft. Glücklich beim
Glücke des Freundes. Doch schon weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über
jede Verzögerung, die seine Lebensaufgabe erfuhr.
Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich der goldene Reif
auf den schlanken Finger der Braut. Hart und schwer legte er sich an
Silvesters Hand neben den Ring von Pankong Tzo.
Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen anderen Lauf.
»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden. Zwei
Pflichten kann niemand erfüllen, zwei Herren niemand dienen.«
Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie nun eins seien.
Daß jedes dem anderen gehöre, bis einst der Tod sie scheiden würde.
Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand.
Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus dem grünen Tale,
nordwärts über brandendes Meer und weite Eisflächen zu verschneiten
Felsen. Nur undeutlich drangen die Worte des Priesters an sein Ohr.
Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen bereits eine neue
Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar und unangreifbar.
Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die Hände auf die
Häupter der Neuvermählten. Ein voller Sonnenstrahl fand seinen Weg bis
zum Altar und wob aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der
Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem Ende zu.
Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause Truwor zurück, wo das
Mahl gerichtet war. Gäste aus dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner
Gattin. Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus der
Umgebung von Linnais mit ihren Frauen.
Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und Gebräuchen. Seit
einem Menschenalter hatte die hohe Halle des Hauses so zahlreiche
Gesellschaft nicht mehr beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb
und der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen lebte.
Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten kräftiger hoher
Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen und verjagten die Geister der
Einsamkeit.
Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den Vorsitz und das Wort
an der Tafel. Richter Kongsholm sekundierte ihm vom anderen Ende her.
Es wurde geschmaust und getrunken. Der Amtmann brachte den Toast auf
das junge Paar aus. Der Richter wollte nicht nachstehen und sprach auf
künftige Paare, die in dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der
nächste Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde Haus
Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Also ...
Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte sein Glas auf die
noch unbekannte Braut.
Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs Uhr saß man noch. Viele
Toaste waren ausgebracht, viele Gläser geleert worden. Die Köpfe waren
rot, und die Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus erfüllte
den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen, und achtete nicht sonderlich
mehr darauf, ob er Zuhörer fand.
Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit unbemerkt seinen
Platz verlassen und sich halb rückwärts hinter Atma einen Stuhl
hingezogen. Der Inder war ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während
der Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick auf den
altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder kam ihm in jener Sekunde
die unheimliche Gabe des Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen
um das Gebälk lecken zu sehen.
»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir wollen ihm zeigen, was
eine Hochzeit in Schweden ist. Ein Brautführer darf nicht nüchtern
bleiben, wenn er der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief
es lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal vor. Atma tat
Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen. Nur war der Trunk, der bald
goldglänzend, bald funkelnd wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein
Wein.
Erik Truwor beugte sich vor.
»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn er den Anschluß an
die Regierungslinie nach Deutschland erreichen soll.«
»So laß ihn gehen.«
Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos.
»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den Brauttanz. Sie wollen
den Schleier der Braut vertanzen, wollen zuletzt aus dem Brautschuh
trinken. Ich bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn
eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar jetzt aufsteht.«
Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem Element. Der
Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag über einen besonders
interessanten Fall aus der letzten Sitzung. Der Vogt machte der Frau
Amtmann Komplimente. Der Amtmann begann auf die Regierung zu schimpfen.
»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben ihm eine Woche für
seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich habe mich besonnen, er mag
vierzehn Tage reisen.«
Atma wandte sich aufmerksam um.
»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage entbehren. Er hat dir
die Woche abgerungen. Warum jetzt zwei Wochen?«
»Weil ... ich habe meine Gründe, die ich dir später sagen werde. Ich
muß das Paar jetzt aus dem Saal herausbekommen.«
Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel gehen. Er erhob sich
und trat an die schmale Wand der Halle. Es sah aus, als ob er dort
irgend etwas erklären oder zeigen wolle.
Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und blickten
angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand. Die Frau Amtmann fiel dem
Vogt ins Wort.
»Sehen Sie ... das herrliche Bild ... ein indisches Schloß, wie es
scheint. Wie wundervoll! Die bunten Kuppeln im stahlblauen Himmel
... unser Erik ist ein scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen
Extragenuß ... Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen ...«
Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der weisenden Hand
seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm weißer Nebel über die Wand zu
wallen. Jetzt sah er in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von
Agrabad.
Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und der den nächsten.
Wie ein Lauffeuer ging es um die Tafel. Die mit dem Rücken gegen
die Schmalwand saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur
das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern das wunderbare
Bauwerk altindischer Kunst in strahlender Schöne. Aus dem stehenden
wurde ein bewegtes Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige,
sonnenbeschienene Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst hatte
der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen Zorn auf die Regierung
vergessen. Fasziniert starrten die Gäste auf das Schauspiel an der
Wand. Die Elefanten des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen und
purpurnen Schabracken.
Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in allen Theatern hatte.
Aber ein Film von unerhörter Farbenpracht. Und er blieb nicht an der
Wand. Einzelne Figuren liefen bis weit in den Saal hinein.
Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger Pilger ihm
direkt über die Füße lief. Immer wunderbarer wurde es. Atma, der eben
noch in europäischer Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen
Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte dort einer
Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt.
Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause am Schlage des
Kraftwagens und tauschte den letzten Händedruck mit dem jungen Paar.
»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die letzten drei Tage seid
ihr Gäste im Hause Termölen. Am 19. hole ich dich von der Station der
Regierungslinie ab. ~Farewell!~« Der Motor sprang an. Der Führer mußte
sich eilen, um das Regierungsschiff nach Deutschland noch im Flughafen
zu fassen.
Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er fand Atma
ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand der Halle sitzend. Die
Hochzeitsgesellschaft starrte mit aufgerissenen Augen auf diese Wand,
als ob dort ein besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich
mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen haben, als
Mephisto ihnen edle Weine aus dem trockenen Holz des Tisches fließen
ließ. Erik Truwor konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische zurück. Im gleichen
Augenblick begann das Bild, welches die Zuschauer so fesselte, zu
verblassen. Es wurde neblig, verlor die Farbe, und schon war wieder die
dunkle Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung der Gäste.
Dann entlud sich der Beifall um so lauter.
Herrlich ... großartig ... wundervoll. Die Plastik der Bilder. Das
Hinaustreten der Figuren in den freien Raum. Sie waren fast alle in
Stockholm gewesen und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen.
Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert. Aber niemals hatten sie
gesehen, daß einzelne Figuren des Bildes bis unter die Zuschauer liefen.
Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den Gastgeber.
Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und wieder trank ihm einer
zu, als ob Jane und Silvester noch auf ihren Plätzen säßen. Sie
schmausten und zechten bis spät nach Mitternacht und dachten erst in
den Morgenstunden an die Heimfahrt.
Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß es dem Inder ein
leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei Widerstand eingestellten
Gesellschaft die unwahrscheinlichsten optischen und akustischen
Phänomene zu suggerieren. Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen,
als er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von Jane zuschritt,
sich feierlich vor einem Nichts verbeugte, mit einem Nichts
im Arm durch die Halle walzte und das Nichts wieder zum Stuhle
zurückgeleitete. Als die Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln
erhob und ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung,
vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm geführt zu werden.
Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen Tänzen besonderen
Beifall spendeten. Weil sie alle den Schemen sahen, den der Wille Atmas
ihnen aufzwang, weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war und
das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte.
Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen.
Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort stand der neue
Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher.
»Wo mag das Paar jetzt sein?«
Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen blickten weit geöffnet
in die Ferne. Langsam kamen die Worte.
»Im Süden in weiter Ferne ... über schneebedeckten Bergen.«
»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff? Wir werden sehen.«
Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er richtete den Apparat.
Er ließ einen leichten Energiestrom strahlen. Ein Bild erschien auf der
Scheibe. Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette ... das
Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt darüber.
Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung. Er richtete
und visierte.
Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede Schraube, jede Niete
wurde erkennbar. Er mußte dauernd regulieren, um das schnell fahrende
Schiff in dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren.
Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung genau überein.
Regungslos verharrte das Schiff in der Mitte der Bildfläche. Vorn
dicht hinter der breiten Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und
Jane. Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich nieder in
die fruchtbare italienische Ebene.
* * * * *
»Alle diese Kriegsgerüchte sind ... ich will den Ausdruck unserer
Zeitungsleute gebrauchen ... sind stark verfrüht. Die Welt gehört den
Anglosachsen. Sie wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen
wollten. Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt, und deshalb
wird es trotz allen Pressegeschreis und aller Nervosität keinen Krieg
geben. Das ist meine persönliche Ansicht ... und nicht meine Ansicht
allein.«
Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe hypnotisierenden
Art, über die er so gut verfügte.
Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von Maitland Castle
gegenüber. »Ihre Worte in Ehren, Herr Doktor. Aber warum versucht
Amerika die europäische Stahlproduktion aufzukaufen?«
Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend auf dem Arzte
ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln in der Gewalt. Es war ja
vorauszusehen, daß die Bemühungen der amerikanischen Agenten den
Engländern nicht verborgen bleiben würden.
»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn Präsident-Diktators, um
den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.«
»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses Weges nicht völlig
einleuchtet.«
»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener Schotte
und nur durch Naturalisation Amerikaner bin. Ich betrachte es als
meine vornehmste Aufgabe, die guten Beziehungen zwischen den beiden
Ländern zu pflegen ... Sie werden einwenden, daß für diesen Zweck
die gegenseitigen Botschafter der beiden Mächte vorhanden sind. In
erster Linie gewiß! Aber ein Botschafter ist immer eine offizielle
Persönlichkeit. Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines
Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch bisweilen gut
ist.«
Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung auf dem Tisch glatt.
Ein leichter Sarkasmus lag in den Worten seiner Erwiderung.
»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der Amtlichkeit
beschwert, obwohl wir in England ziemlich genau wissen, daß Sie der
vertraute Ratgeber des Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz
privatim als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise
der Vierte Lord der englischen Admiralität ist. So meinen Sie es?«
»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn: Wir erfuhren, daß
die Agenten Englands auf dem Kontinent Kriegsmaterial in größtem Maße
bestellten und kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun
können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch bis zur Fieberhitze
in die Höhe getrieben worden. Wir zogen es vor, unsere friedliche
Gesinnung dadurch zu zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl
kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten Umfange
gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren Ermittelungen Kriegsmaterial
auf dem Kontinent bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von
Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent versteht es
leider nur zu gut, aus der politischen Spannung Kapital zu schlagen.
Immerhin werden Ihre Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen
Grenzen gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.«
Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf Lord Horace nicht.
Es war richtig, daß Amerika bisher nur Stahl gekauft hatte. Den
freilich in ungeheuerlichen Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht
gefangen.
»Sie werden die erworbenen Mengen nach den Staaten bringen und dort
selbst die Waffen daraus schmieden.«
Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken gar nicht daran,
die zehn Millionen Tonnen Stahl, die wir bisher erwarben, nach den
Staaten zu bringen. Es genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen
sind. Und ... vergessen Eure Herrlichkeit nicht ... wir haben schnell
gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen gekauft.
Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz oder lang
eintreten. Die Völker der Welt werden sich, wie es immer nach solchen
Situationen geschah, mit erneutem Eifer der Produktion für den Frieden
hingeben. Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein ...« Doktor
Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann werden wir über diesen
riesenhaften Vorrat frei verfügen. Wir haben es verhindert, daß
Schwerter daraus gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus
schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen wird, sollen
fruchtbringende Ackerfurchen werden. So ist es die Meinung und der
Wille meines ...«
Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt.
»... meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus Stonard«, ergänzte
Lord Maitland die Worte Glossins in Gedanken. Jetzt war er überzeugt.
Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden. Das konnte
Verstellung sein, zu plump, um einen englischen Staatsmann auch nur
eine Sekunde zu täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig
ein Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von Golddollars
bringen mußte, wenn die Spannung sich friedlich löste. Der Größe dieser
wirtschaftlichen Aussichten konnte der Engländer sich nicht entziehen.
Busineß bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen Denken
und Fühlen, um nicht zu wirken.
Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte Lord Horace darüber
unterrichtet, daß Dr. Glossin erst vor wenigen Tagen eine lange
Unterredung mit Cyrus Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß
er im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den Krieg zu
vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein Milliardengeschäft. Die
Taktik war eines Cyrus Stonard würdig. Er vermied den Krieg, dessen
Ausgang unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig
die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder auf eine Reihe von
Jahren sichern mußte.
Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch den Kopf. Er
prüfte in kurzen Minuten des Schweigens den Plan nach allen Richtungen
und fand ihn wohldurchdacht. Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war
von der Nadel gefallen.
Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung, daß Cyrus
Stonard ehrlich den Frieden wolle. Die Frage, ob auch England ihn
wolle, stand auf einem anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die
Möglichkeit, sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu suchen.
Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug, um zu einer
Besprechung nach London zu fahren. Er überließ Dr. Glossin der
Gastfreundschaft von Maitland Castle und der Gesellschaft von Lady
Diana.
* * * * *
Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere Umbauten hatten im
Innern mehr Luft und Licht geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert
zu verändern. Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite Terrasse,
gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer begrenzt, mit Efeu und
Monatsrosen übersponnen.
Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen Löwenrachen
schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen, fielen
regenbogensprühend von Kaskade zu Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten
ein großes Bassin, um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches
dem See zuzufließen.
Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in einem bequemen Korbstuhl. Das
Buch, in welchem sie gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand.
Ihr gegenüber saß Dr. Glossin.
»Herr Doktor ... Ihr Interesse für meine Person versetzt mich in
Erstaunen. Es geht weit über das hinaus, was meine anderen Gäste mir
entgegenbringen, und ... was ich entgegengebracht haben möchte.
Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres Vaterlandes
nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen beiden Ländern erhalten
helfen. Das ist in meinen Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen
manche Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen ...«
Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der Erhaltung des Friedens
sprach. Zum Schluß klang ihre Stimme kalt abweisend.
»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen Sinn unter.
Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen unserer beiden Länder eng
zusammen.«
»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann beim besten
Willen keinen Zusammenhang zwischen meiner Mädchenzeit in Paris
und dem Wohlergehen unserer Länder finden. Aber ich bewundere
Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau über meine
Vergangenheit unterrichtet ...«
»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch genauer, als Sie
glauben.«
»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen ...«
Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen Überzudringlichen
ein für allemal abzuweisen.
»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder durch einen
mächtigen und gefährlichen Feind bedroht sind.«
»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.«
»Der Feind ist Erik Truwor.«
Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und konnte ihre Wirkung
Wort für Wort verfolgen.
Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit und kalt
abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre Augen weiteten sich bei der Nennung
des Namens Truwor, als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr
bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die leidenschaftliche
Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle Wunder dieses schönen
Antlitzes. In dem prachtvollen Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares,
mit den halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln hatte es
etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte die Glut eines flammenden
Zornes, eines tödlichen Hasses.
»Erik?! ... Erik Truwor ...?« rief sie heftig.
Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden Blicken an.
»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen Nennung allein eine
schwere Beleidigung für mich ist?«
»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute unsere beiden Länder
schwer bedroht ... und der vor langen Jahren, Lady Diana, auch einmal
in Ihr Leben eingebrochen ist.«
»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht ... bedroht das große England,
bedroht das ganze Amerika? ... Ein einzelner Mann die mächtigsten
Reiche der Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor ...«
Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So würde mir Ihre Anwesenheit
in Maitland Castle von diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.«
»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf nehmen, wenn ich die
harte Tatsache zu einem leichten Scherz stempeln könnte.
Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei Freunden haust er in Schweden
an der finnischen Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester
Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich vor dreißig Jahren
in den Tower brachte. Die beiden kennen das Geheimnis des Vaters, und
sie entwickeln die Erfindung weiter.
Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer Politik im
Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der Rache an England. Erik Truwor
läßt ihn gewähren. Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein
Vaterland auch eine ... kleine Rechnung mit England zu begleichen.
Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine Gefahr, viel schwerer,
viel größer, als Cyrus Stonard mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie
jemals sein könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr zu
fürchten als Cyrus Stonard.«
Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe verriet ihre innere
Erregung.
»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?«
Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam.
»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse Raszinska war und
daß er ihr ... den Verlobungsring zurücksandte.«
»Sie wissen viel ... vielleicht nicht alles.«
»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor hassen. Um so weniger
werden Sie sich besinnen, zum Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und
Ihren Gemahl auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her der
Welt droht.
Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner Mitteilung: Erik
Truwor und seine beiden Freunde sind im Besitze des Geheimnisses, um
dessentwillen die englische Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower
brachte.
Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut organisiert! Schnell
unternommen und durchgeführt! Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal
beschlossen, wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.«
Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende Gefühle kämpften in
ihr. Die Erinnerung an die glücklichen Monate in Paris wurde lebendig.
Die Gestalt Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach dem
brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens, wachte auf.
Glossin sah ihr Zaudern.
»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan wurde?«
Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem Munde zu hören, was sie
im Innersten bewegte ...
Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei unserer ersten Unterredung,
daß Sie mir eines Tages die Hand zum Bündnis bieten würden. Der Tag ist
gekommen. Zum Bündnis gegen den Feind unserer beiden Länder, der auch
Ihr persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan hat, was
ein Mann einer Frau antun kann.«
Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige Minuten des
Schwankens. Dann legte Diana ihre Rechte in die des Doktors.
»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet. Hegt Erik Truwor
keine feindlichen Pläne gegen England, so wird er frei aus dieser
Prüfung hervorgehen. Sonst ... Ich tue nur, was ich gegen jeden Feind
meines Landes tun würde.«
Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer tiefen Abspannung. Sie
hatte das Bedürfnis, aus Glossins Nähe zu kommen, allein zu sein, zu
ruhen. Dr. Glossin begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann
kehrte er auf die Terrasse zurück.
* * * * *
Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner Londoner Reise
zufrieden. Seine Mitteilungen hatten ersichtlichen Eindruck auf das
Kabinett gemacht. Man sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke,
die seit vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel hing,
allmählich lichter wurde. Während man vor zwei Wochen fast jede Stunde
den Ausbruch des Krieges erwartete, schien die Gefahr jetzt von Tag zu
Tag geringer zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr weichen und
hatte keine Erklärung dafür.
In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit den Anschauungen und
Darlegungen getreten, die Dr. Glossin ihm entwickelt hatte.
Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen die feindliche Figur
den König angreift und gleichzeitig die Dame gefährdet. Solch einen
Zug hatte Cyrus Stonard offenbar auf dem Brett. Während England Hals
über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte, kaufte er nur
Stahl. Band starke Kräfte des Gegners und behielt die Möglichkeit, zur
gegebenen Zeit Milliarden für die Union einzuheimsen.
Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte, war es möglich,
Abwehrpläne zu schmieden. Diese Möglichkeit dankte man den
Informationen von Lord Horace, und die Anerkennung dafür kam zum
Ausdruck.
Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt. Er
erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit seines amerikanischen Gastes.
Sein Entschluß, mit ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn
sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung trafen ihn die
Mitteilungen Dianas.
Eine Gefahr für das Reich? ... Eine Erfindung, an der alle bekannten
Kriegsmittel zuschanden wurden? ... Die Sache ging England und Amerika
gleichermaßen an.
Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im Grunde selber zufassen
und die Gefahr beseitigen könne ... Aber England hatte eine alte
Rechnung mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die Akten des
Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte der Sohn des Mannes, der einst
im Tower seinem Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in
Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in der Tat zuerst
gegen England richten. Dann war es in erster Linie Englands Sache,
diese Gegner unschädlich zu machen ... aufzuheben ... und vielleicht
die Erfindung selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu machen.
An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl sicher nicht. Lord
Horace zog sie in die Berechnung hinein. Ein einzelner konnte sterben,
bevor ihm das Geheimnis entrissen war. Drei Mitwisser ... getrennt
voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es mußte wunderbar
zugehen, wenn es dann nicht gelang, in den Besitz des Geheimnisses zu
kommen.
Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden durch Lady Diana
geschickt gesponnen. Er hatte eine lange Unterredung mit seinem
englischen Gastfreund. Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer
von Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen Erfolges
unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm geglückt, was er selbst
kaum für möglich gehalten hatte. Es war ihm gelungen, den klugen und
weitsichtigen Engländer vor seinen Wagen zu spannen.
Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien für ihn aus dem
Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das schwerste Stück der Arbeit ab.
Waren die drei erst einmal gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu
fürchten, daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann war
die Bahn für neue Pläne frei.
* * * * *
Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres
und übergoß den Azurspiegel mit einer Flut roter und gelber Tinten.
Auf dem Korso von Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in
buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und schwatzend, sich
der Naturschönheiten ihrer Stadt und ihres Landes kaum noch bewußt.
Die Fremden entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie, die ihre
Töne von Minute zu Minute wandelte. Aber keiner von den Tausenden, die
hier promenierten, genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das
weitab von der Menge der Promenierenden seinen Platz auf der Straße zum
Posilip gefunden hatte, wo das Grabmal Virgils sich neben dem alten
Römerweg erhebt.
Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand, bis eine kühle Brise
den Mann veranlaßte, das Schweigen zu brechen.
»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht frisch von der See.«
»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben ...«
Noch fester umschloß sie Silvesters Arm.
»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja nicht, mit welchem
Grauen ich an die kommenden Stunden denke, in denen wir wieder zurück
müssen, in denen du mich allein lassen wirst.«
»Jane ... ich lasse dich doch nur für kurze Zeit, für wenige Tage,
höchstens Wochen allein. Dann komme ich zu dir zurück, und dann sind
wir für immer vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das
Leben bescheren.«
»Noch schönere Tage? ... Kann es noch Schöneres geben, als was wir
jetzt genossen haben?
Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum liegen die Tage der
letzten Wochen hinter mir ... Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die
ganze Gesellschaft betörte und wir ungesehen abreisen konnten ... die
wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen ... Dann der erste Gruß
der sonnigen Gefilde Italiens ... das Mittelmeer, der Nilstrom, die
Pyramiden ... Rom ... das hat mir weniger gefallen. Du sprachst viel
von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber ich ... bedenke nur, daß
ich von Kindheit an immer in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt
habe. Rom, das war mir zuviel ...«
Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten.
»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir nach dieser Reise
erst ruhig in unserem eigenen Heim sitzen werden, wenn ich nicht mehr
zu sorgen brauche, daß ... o warum, Silvester ... warum müssen wir uns
noch einmal trennen, warum willst du noch einmal von mir gehen ... laß
mich doch nicht zurück ... laß mich nicht allein in der fremden Welt
zurück ... nimm mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich
will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen, solange ihr mit
eurer Erfindung zu tun habt. Nur laß mich bei dir bleiben.«
Fester umschloß Silvester sein junges Weib.
»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur wenige Wochen. Dann
ist das große Werk vollendet. Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir
leben können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am besten gefällt,
da werden wir unser Heim gründen, nach dem ich mich ebenso sehne wie
du.«
Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich weiß, Silvester, auch
du gehst nur ungern. Erik Truwor ist es, der uns trennt ... Ja, Erik
Truwor ...«
Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten.
»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du ihn nicht kennst,
kannst du ihn nicht verstehen. Unser Werk ... sein Werk ist größer
als Menschenliebe und Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der
Menschheit. Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen ...
Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.«
Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken.
Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn.
»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald stärker, bald
schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich in
deinen Armen liege ...«
»Jane ... liebe Jane. Was ist es, was dich quält?«
»Wenn ich es sagen könnte ... wenn ich es wüßte, was es ist ... ich
würde es dir sagen ... Eine dunkle Wolke ... wenn mein Auge in der
schönen glücklichen Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor
meinen Blicken auf ... Eine Ahnung ... eine Furcht ... ich weiß nicht,
was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden, ich muß die Augen
schließen, muß weinen.«
»Jane ... du liebes, armes Kind. Die letzten Monate haben zu sehr auf
dich eingestürmt. Mein Verschwinden, der Tod deiner Mutter, der Streich
Glossins ... das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die trüben
Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an mich. Denke an das Glück, das
uns die Zukunft bringen wird ...«
Sekunden des Schwankens. Dann legte Jane ihre Arme um Silvesters Hals.
Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen Schal und zog sie an
seine Brust.
Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied, als Silvester sich
endlich in Düsseldorf von seiner jungen Gattin trennte, um allein nach
Linnais zurückzukehren. Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für
Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung von wenigen
Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen. Die Konstruktion
und Ausführung eines neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das
war der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von seinem
Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen, in spätestens vier Wochen
zurückzukehren und dann für immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er
sich schließlich aus den Armen Janes gerissen.
Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat dagelassen.
Hatte sie zuletzt noch getröstet.
»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze Zeit von dir
gehe, werde ich doch immer bei dir sein. Ich werde imstande sein,
jeden Augenblick dein Bild lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem
Augenblicke wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und dir
gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens meine Stimme zu hören.
Ich werde keinen Tag vorübergehen lassen, ohne dich zu sehen und mit
dir zu sprechen.«
Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau gezeigt. Einen
Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen brannten. Den Hörer ans
Ohr, und jedes Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach,
wurde deutlich gehört.
So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im Hause Termölen zurück.
Betreut von den beiden alten Leuten. Wie eine Tochter gehegt und
gepflegt von Frau Luise und doch betrübt und einsam.
Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise folgte die Hölle der
Trennung. Jane lernte in diesen schmerzvollen Tagen und Wochen kennen,
was es für eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen, der
einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem leichten Goldreif, der
ihn an Jane band, trug Silvester den schweren Ring, der ihn mit Erik
Truwor und Soma Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das bittere
Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den Plänen und der Lebensarbeit
des Mannes nachstehen muß!
Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen und Arbeiten
erzählt. Daß die Erfindung in wenigen Wochen abgeschlossen sei. Daß sie
ihm solchen Gewinn bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen
und sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der Trost, der Jane
in diesen Tagen aufrechthielt. Der Gedanke, daß diese Trennung nur noch
eine letzte kurze Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr
bleiben, ihr ganz gehören werde.
* * * * *
Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise zeigte ein
verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des Nachmittags in der vierten
Stunde unruhig zu werden begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die
Sekunde genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor vier flammten
an jedem Tage die Elektronenlampen auf, und um vier Uhr drangen die
ersten Worte Silvesters aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht,
Versicherungen unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß wieder ein Tag
der Trennung vorbei sei. Mitteilungen, daß die Arbeit gut gefördert
würde, daß das Ende in nahe Nähe gerückt sei.
Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem Arbeitsraum. Den
Schalltrichter der großen Telephonanlage am Munde. Den Strahler auf das
Zimmer von Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig vor
sich auf der Mattscheibe.
Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen. Eine Station
zum Senden in einem Privathause hätte besondere Einrichtungen und
Vorkehrungen erfordert, die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen
waren. Sie mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden
Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf der Mattscheibe
betrachten, mußte auf das gesprochene Wort verzichten. Wohl sah er, wie
die Worte, die er selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die
Beteuerungen seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer der Freude über
ihre zarten Züge verbreiteten, doch von dem, was sie selber sprach,
konnte nichts an sein Ohr dringen.
So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben müssen, wenn
nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung gefunden hätte.
Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das genaue Bild Janes,
gab es in Lebensgröße. Jeden Zug, jede Bewegung ihrer Lippen konnte
Silvester genau beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von
den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane hörte seine Worte,
antwortete, und aus der Bewegung ihrer Lippen erriet er den Sinn der
Antwort. Wiederholte ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen
Lächeln.
Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung hatten es die
Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu unterhalten, als ob sie
nebeneinandersäßen und nicht fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen.
Die tägliche Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten Tag.
Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die Kraft schöpfte, sich
wieder in seine Arbeit zu stürzen, die Apparate fertigzumachen, deren
schnellste Vollendung Erik Truwor so dringend heischte.
* * * * *
Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen noch hell.
Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des englischen Obersten
Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack des Dr. Glossin. Zwar ging die
Sonne um Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die Dämmerung
gestattete es immer noch, einen Mann im freien Felde auf zweihundert
Meter zu erkennen. Vollständige Dunkelheit wäre der kleinen Truppe
willkommener gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter im Walde
von Linnais lagerte.
Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten. In kleinen Trupps zu
vier bis fünf, in Zivil, waren sie im Laufe der letzten drei Tage mit
den Regierungsschiffen der Linie Edinburg--Haparanda angekommen. Als
harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts gezogen. Hier
ein wenig Angelsport treibend. Dort Mineralien sammelnd. Alles andere,
nur keine Soldaten vorstellend.
Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem bestimmten Platze,
einer Waldlichtung in der Nähe vom Hause Erik Truwors. Dort waren sie
und vergnügten sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte
auf, kochten im Freien ab und machten es sich bequem.
In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch mit Dr. Glossin
und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit seinen Standpunkt.
»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses, namentlich angeführt
als Erik Truwor, Silvester Bursfeld und Soma Atma, aufzuheben und
lebendig nach London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren
Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als Zivilist eine
andere Anschauung von der Sache haben. Für mich und meine Leute gilt
die meinige.«
»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen Sie es zu tun
haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken. Sie wollen das Haus
mit zwanzig Mann umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten
verhaften?«
»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist die Art und Weise,
wie wir solche Aufträge ausführen. Wenn meine Leute das Haus umstellt
haben, kommt keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern
müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen. In diesem Falle
sind meine Leute angewiesen, zu schießen.«
Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem engen Zelte hin und
her und rang die Hände.
»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Sie
mußten mit einem Flugzeug herkommen und den stärksten brisantesten
Torpedo, den Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde
nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis zum tiefsten Keller
pulverisiert sein. Dann bestand einige ... ich sage nicht volle, aber
doch wenigstens einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich
gemacht wurden.«
Oberst Trotter lächelte mitleidig.
»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern dieses Hauses
zu besitzen. ~Well~, Herr Doktor, als Zivilist sind Sie nicht
verpflichtet, besonderen Mut zu entwickeln. Aber Sie werden mich diese
Angelegenheit auf meine Weise erledigen lassen.«
Der Oberst blickte auf seine Uhr.
»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande nicht dunkel. Ein
Sergeant, der gut Schwedisch spricht, ist unterwegs, um sich das Haus
und seine Bewohner genauer anzusehen.«
»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in einem Übermaß von
Unwillen hervor.
»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen, Herr Doktor? Es ist
bei allem Militär der Welt Sitte, daß man vor dem Angriff aufklärt.«
Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit des alten
Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich wieder auf den niedrigen
Feldstuhl gesetzt. Ernst und bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde.
»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren Leuten haben.
Sie sind in der Lage eines Mannes, der einem Tiger nur mit einem
Spazierstöckchen bewaffnet entgegentritt.«
Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug war der Soldat
unverkennbar. Sergeant MacPherson, der von der Aufklärung zurückkam.
Ein Schotte mit buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem
Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer, knapper Form. Erst hatte er
das Haus von außen vorsichtig umgangen und beobachtet, daß zwei Männer
zusammen an einer Maschine im Hause arbeiteten.
Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen. Da war er
kurz entschlossen in das Haus eingetreten. Die Gartentür stand offen.
Ungehindert kam er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte zur
Veranda.
Die Veranda war leer ... Schien wenigstens im ersten Moment leer zu
sein. Als er weiter in das Haus hineingehen wollte, hörte er plötzlich
eine Stimme. Auf einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß
ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen in Schwedisch
vorbringen konnte, sprach der Inder ihn englisch an. Nur wenige Worte.
Einen Sinn habe er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf
dem Rückwege darüber nachgedacht habe.
Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen.
»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir: Was du suchst, ist nicht
hier; was hier ist, suchst du nicht.«
»Nonsens! ... Humbug! ... Indische Gaukelei!« ... Der Oberst stieß es
wütend zwischen den Zähnen hervor. Dann wurde er wieder dienstlich und
fragte weiter:
»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson, sind die drei
gesuchten Personen in dem Hause und stehen auch nicht im Begriff, es zu
verlassen.«
»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.«
Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das Zelt.
Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr.
»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die Burschen.«
Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte die Hände über
dem rechten Knie gefaltet und wiederholte mechanisch die Worte Atmas:
»Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.«
Der Oberst wurde ungeduldig.
»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde ich den Vorzug
haben, Sie dabei an meiner Seite zu sehen?«
»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem anzusehen.«
»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.«
»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit birgt keine Gefahr.«
»Wie Sie wollen, Herr Doktor.«
Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei verschwanden die
Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt. Alles wurde in Taschen
und Rucksäcken untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten,
dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung. Eine Kolonne von
einundzwanzig Mann bewegte sich vorsichtig und lautlos durch den
dichten Wald hin auf das Truworhaus zu.
Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend stehen. Dann zog er
eine kleine Pfeife und ließ in kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen.
Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging auf den Doktor zu.
»Sergeant Parsons zur Stelle.«
»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig Narren hier abziehen?«
Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren seine Freunde nicht.
»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.«
»Sie haben vierzig Mann bei sich?«
»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.«
»Gut bewaffnet.«
»Nebel, Tränen und Mordtau.«
»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend Schuß.«
»~Allright~, Sir. Werden uns vorsehen.«
»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen den Engländern.
Sie kennen Ihre Aufgabe?«
Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig Engländer
hinabgegangen waren, folgten ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr.
Glossin blieb auf der Lichtung zurück.
Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer halben Stunde das
Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung lag es deutlich vor ihnen. Er
ließ seine Leute in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten
Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen. An dieser
Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst auf. Langsam zog sich
die Kette bis an den mannshohen, durch Birkenteer braunrot gefärbten
Holzzaun zusammen. Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um als
erster in den Garten zu springen.
Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen Schießscharten zu
beiden Seiten der Haustür. Haarscharf pfiff das Projektil am Kopf des
Obersten vorüber und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab.
Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an allen anderen
Stellen der Umzäunung folgten ihm seine Leute. Aber dies Eindringen war
das Signal für ein Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des
Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition gut versorgt. Es hatte
den viertausend Schüssen der Angreifer reichlich die dreifache Zahl
entgegenzustellen. In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse
aus Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier und dort
verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der andere von den Engländern
getroffen worden war.
Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die Angreifer, soweit sie
überhaupt noch lebten und bewegungsfähig waren, sich zu Boden warfen,
jeden Busch, jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des
Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um Meter näher an das
Haus heranzukommen.
In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes lag Oberst Trotter.
Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt bedauerte er es, dem Rate des
Amerikaners nicht gefolgt zu sein.
Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten dabei sorgfältig
auf die Punkte, von denen die Feuerströme der Verteidiger herkamen.
Hier und dort hatten sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz
seiner recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte
nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte.
Trotz alledem ... das Rezept des Amerikaners ... den dicksten
Lufttorpedo von obenher und unversehens auf den gottverdammten Kasten
geworfen ... Oberst Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der
Plan recht viel für sich hatte.
Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin und beobachtete durch
ein gutes Glas den Kampf. Er gab für das Leben der Engländer keinen
roten Cent mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten, mußten
sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand zu Hackfleisch
zerschießen. Ungeachtet aller Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr
wunderte sich der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch
am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam das Feuer der
Verteidiger zum Schweigen brachten. Jetzt feuerte die eine Schmalwand
des Hauses nicht mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite hatte
dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere Munitionsmengen
mußten in die Luft gegangen sein.
Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann stürmten sie gegen
diese schmale Seite vor. Eine schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt,
war ihr Ziel. Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und
Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene Tür in das Innere
dringen, aber sie kamen nicht dazu.
Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der Dinge als ruhiger
Beobachter verfolgte, war sich dessen sicher. Mit der Tür war eine
Kontaktvorrichtung verbunden, die im Innern des Hauses eine schwere
Explosion hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich.
Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des Tornea rollte der
dumpfe Donner der Explosion und übertönte das Rauschen des Flusses.
Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit stürmender Hand zu
nehmen, taumelten zurück.
Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend erleuchtet flammte
hier und dort ein Fenster auf.
Und dann ... Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen günstigeren Platz
gewählt als der Oberst Trotter, der sich erst jetzt hinter seinem
Wacholdergebüsch hervorwagen konnte ... Dr. Glossin sah von seinem
zweihundert Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das ganze Dach
des Hauses sich leicht hob und dann öffnete, wie der Krater eines
ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure Flammensäule stieg empor und
riß viele Tausende von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen die
leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel. Brennend fielen sie
wieder langsam zu Boden. Das Haus war nach der Explosion nur noch
ein einziges wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen Kellern
mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern. Mußten durch die Explosion
Feuer gefangen haben und sandten nun Flammenberge und schwere Wolken
dichten schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau des
Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt. Reichlich genährt brodelte das
Flammenmeer weiter. Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor
Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden rotglühend.
Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß vor seiner wilden
Schönheit für kurze Zeit Sorgen und Pläne.
Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den weiten dunklen
Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa Flecken. Wuchsen, wurden immer
heller, flossen zusammen, bis schließlich die ganze wohl meterstarke
Wand in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel, der diese
erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband, in der höllischen Hitze
zu schmelzen. Flüssig und weiß glühend lief es an hundert einzelnen
Stellen aus den Mauerfugen.
Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen. Im
Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern nur noch einen
wirren Haufen rot- und hellweißglühender Blöcke.
Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden Felsbrocken die
tausendjährige Geschichte eines heldenhaften Geschlechtes begrub
-- -- -- und mit ihr den letzten dieses Geschlechtes.
Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut weit
zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb der
Gartenumfriedigung unerträglich. Schon brannte der hölzerne Zaun an
mehreren Stellen. Erst unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die
brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen Wasser des
Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung, von der strahlenden Hitze des
Brandes versengt, in Fetzen vom Leibe hing.
Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter das Häuflein der
Überlebenden. Eine Stimme hinter ihm:
»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!«
Es war die Stimme Dr. Glossins.
Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart.
»~Damm' your eyes, Sir!~ Sie sind tot! Es ist keine Maus rausgekommen.
Sie sind in ihren Schlupfwinkeln gebraten worden. Wenn es Ihnen
Spaß macht, suchen Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber
verbrennen Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was ich meiner
Regierung zu melden habe.«
Oberst Trotter war von den Flammen angesengt, schmutzig und
unansehnlich geworden. Sein Gesicht schmerzte ihn, so daß er sich zum
Fluß beugte und frisches Wasser über die gerötete Stirn schüttete.
Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er wollte dem verdammten
Amerikaner deutlich werden. Doch als er sich dazu anschickte, war
Dr. Glossin verschwunden. Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde
herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und Stämme des alten
Forstes wieder aufgenommen.
* * * * *
Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im australischen Parlament,
faßte die Hauptpunkte seiner zweistündigen Rede noch einmal im
Schlußwort zusammen.
»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als ob die beiden
großen Staaten nicht mehr nebeneinander Platz haben. Wir müssen unsere
Stellung zwischen den beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch
sprechende Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden.
Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber unsere wirtschaftlichen
Beziehungen weisen nach Amerika. Der Energie der Vereinigten Staaten
verdanken wir es, daß unser Land von dem schweren Druck der
japanischen Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet uns, heute
Anschluß an Amerika zu nehmen ...«
Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es ging sonst ebenso
ernsthaft und gesetzt im australischen Parlament zu wie im Hause der
Gemeinen zu London. Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste
erregt. Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und Neusüdwales,
die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter aus Westaustralien
und Alexandraland sprangen von ihren Sitzen auf und machten ihrer
Begeisterung in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der
Redner fortfahren konnte.
»... Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition in diesem
Punkt einig sind. Australien muß sich geschlossen an die Seite
Amerikas stellen, wie es Kanada vor fünf Jahren getan hat. Die
anglosächsische Rasse hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker verkündet. Diese Lehre ist nie wieder
aus der Welt verschwunden. Wir nehmen dieses Recht der Selbstbestimmung
für uns in Anspruch und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen
Union.«
Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen unter. Das alte
Parlament, welches hier in Sydney tagte, war nicht wiederzuerkennen.
Tücher wurden geschwenkt. Händeklatschen mischte sich in die
Beifallsrufe. Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die Sitze und
gestikulierten mit den Armen.
Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine reine Formsache sein.
Die einstimmige Annahme des Beschlusses war sicher.
Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten in die Vorhalle,
sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden. Von Mund zu Mund
sprang die Nachricht weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch
die breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte Australien seine
besondere Flagge, den Union Jack, mit dem aufgelegten australischen
Wappen. Das Kreuz mit den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch
der britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten an unzähligen
Fenstern Arrangements der australischen Flagge und des Sternenbanners
auf. Es war unbegreiflich, woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen
im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und den Straßen ein
festliches Aussehen gaben.
Während die Begeisterung durch die Straßen lief und das Parlament zur
Abstimmung schritt, saß der australische Premierminister G. A. Applebee
dem Königlich Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill
gegenüber.
»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische Regierung die
Lage als außerordentlich ernst ansieht. Der Beschluß des australischen
Parlamentes ist ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des
Mutterlandes verletzt.«
Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt. So mochten vor
zweitausend Jahren Tribunen und Legaten die Weltmacht Roms in die
Wagschale geworfen haben: ~Roma locuta, causa finita!~
Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig, bevor er den Mund
aufmachte.
»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes, Sir! Ein Land mit
einer Bevölkerung von vierzig Millionen steht geschlossen hinter dem
Parlament. Dadurch, daß Australien in ein engeres Verhältnis zur
amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund Englands zu
sein ...«
»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill sagte es
kurz und schroff.
»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen! Mit dem heutigen
Parlamentsbeschluß nimmt das Land das Recht voller politischer
Mündigkeit und Souveränität für sich in Anspruch.«
»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung nicht an. Ich kann
meine Warnung nur wiederholen. Die Lage ist ungemein ernst.«
Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich. Die
innere Erregung ließ seine Stimme vibrieren.
»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst wie für uns, wenn
Ihre Regierung darauf bestehen sollte, die einstimmigen Beschlüsse
eines freien und mündigen Volkes zu mißachten. Australien kann nicht
ausgehungert werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch und
Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen wehrhafter Männer ...«
»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige Schauspiel einer
abtrünnigen Kolonie bieten wird.«
Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war seiner Sache nicht
mehr so sicher wie im Anfang.
Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag für England traurig
sein. Die Sympathien der Welt sind fast immer bei den Kolonien gewesen,
welche die Freiheit für sich in Anspruch nahmen und ...«
Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte blieb still. Der Name
des Diktators Cyrus Stonard stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der
Australier fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der
Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische Wehrmacht in dem
Augenblick losschlagen würde, in dem ein englischer Soldat oder ein
englisches Schiff die Freiheit des fünften Kontinents antasteten.
»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung gelingen wird,
die Lage zu entspannen.«
Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische Premier den
Gesandten entließ.
Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein Klerk meldete ihm,
daß Mr. Jones ihn zu sprechen wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der
Sondergesandte des Präsident-Diktators. ~Allright~, der sollte die
frohe Botschaft aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt ihm
die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen.
»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß von Oberhaus
und Unterhaus. Der erste Fall in der Geschichte Australiens, daß ein
Beschluß in beiden Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.«
Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem seidenen Taschentuch.
»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich wollte Sie bitten,
die Abstimmung um vierzehn Tage zu verschieben.«
Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl.
»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk ersehnt die
Vereinigung ebensosehr wie wir?«
»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen. Aus Gründen der
äußeren Politik der amerikanischen Union.«
Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung.
»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen Wunsches vor das
Parlament trete, bin ich in zwei Minuten später nicht mehr Minister.«
Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen.
»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung setzen, den
Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen bitten. Die Sache liegt
klar. Der Parlamentsbeschluß ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht
schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das Volk auf der
Straße ist in einem Freudenrausch. Wir können nicht daran denken, diese
Stimmung zu stören. Aber ... Sie sind das ausführende Organ für die
Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um England hinzuhalten.
Beachten Sie wohl, die Sache soll durchaus so vor sich gehen, wie sie
verabredet wurde. Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei
dieser Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um vierzehn
Tage hinauszuschieben ... Ich hoffe, es wird Ihrer Kunst gelingen.«
Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun. Während von draußen
her der Jubel der enthusiasmierten Menge dumpf in den Raum drang,
empfahl sich der Amerikaner mit kräftigem Händedruck.
* * * * *
Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm--Köln befand sich Dr.
Glossin. Während seine Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im
eigenen Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach Deutschland.
Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug der
mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für zweihundert Passagiere
eingerichtet, legte es bei einer Stundengeschwindigkeit von etwas über
vierhundert Kilometer die Strecke Stockholm--Köln in rund vier Stunden
zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens von Stockholm fortgeflogen.
Fahrplanmäßig mußte das Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags
erreichen. Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee.
Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem gemacht und zog
bei sich die Bilanz des Geschehenen.
Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor und die Seinen
waren vernichtet. Es war bereits schwarz auf weiß gedruckt zu
lesen. Haparandas Dagblad hatte in der Morgenausgabe einen kurzen
Bericht über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand- und
Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische Bürger das Leben
gekostet haben sollte. Er hatte einige Exemplare der Zeitung gekauft,
bevor er von Haparanda die Reise nach dem Süden antrat.
Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag des
Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen, die er wirklich
fürchtete, waren tot. So, wie er es geplant hatte, war es geschehen.
Die Engländer hatten ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei
der Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn wenig. Wenn er
an den eingebildeten Trotter dachte, der schließlich seine Brandblasen
im Tornea kühlen mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen.
Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe stand, eine Macht zu
gewinnen, an der Weltreiche zerschellen konnten. Der greuliche Inder
war verbrannt. Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur,
selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und Silvester Bursfeld
war gestorben. Silvester, dessen späte Rache er fürchten mußte.
Silvester, der ihm Jane entrissen hatte.
Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war immer komplizierter
geworden. Er brauchte sie als Medium von unübertrefflicher Leistung.
Als ein Medium, mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite
blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig erkennen,
entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte. Das war es, was ihm in
den letzten Wochen gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er
diesem Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein.
Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe!
Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte Seele des
alternden Mannes an den Gedanken, Jane ganz sein Eigen zu nennen. Er
fühlte unbewußt, daß diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er
träumte von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes Seite. Jetzt
fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern.
Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin in Trenton
schreiben und sich erkundigen, ob das Grab ihrer Mutter gut gepflegt
werde. Es lag auf der Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines
Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den Empfängern des Briefes
nicht verheimlicht werden würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im
Hause Termölen in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu einfach
gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel schwieriger würde es
sein, mit ihr in Verbindung zu treten.
Während das Schiff die westfälische Ebene überflog, versuchte der Arzt,
sich einen Plan zu machen. Wann hatte er Jane das letztemal gesehen?
Damals, als der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als Glossin
um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine Annäherung des Doktors
unmöglich machen. Es kam noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit
Silvester zusammengewesen sein, von ihm erfahren haben mußte, welche
Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und Verurteilung gespielt
hatte. Es schien bei solcher Sachlage ein unmögliches Unterfangen für
den Arzt, Jane vor die Augen zu treten.
Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine eigene
hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm, sich ihr zu nähern, seinen
Einfluß wirken zu lassen, so mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in
seinen Bann zu zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren.
Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden. Die ersten
dreißig Sekunden entschieden alles.
Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen, darauf kam es
an. Er nahm einige der winzigen Pillen, die ihm eine genau auf die
Minute dosierte Nervenentspannung verschafften, und streckte sich
in den Sessel zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln
landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er durch die Straßen
Düsseldorfs auf das Haus Termölen zu.
Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde Jane doch einmal
die Wohnung verlassen. Sie auf der Straße abpassen, das Fluidum
wirken lassen, sie beeinflussen, sie in seinen Bann zwingen. Er war
so einfach, daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht ... es gab wohl
ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht in den Bereich der
Möglichkeit gezogen.
Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall begünstigte ihn.
Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung nach dem Rattinger Tor
hin. Dr. Glossin verschlang ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte
sich ein wenig verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend
ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen Farbe gewichen.
Ihre Figur war voller und kräftiger geworden.
Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor einem Schaufenster
stehen und musterte die Auslagen. Mit der Gewandtheit eines Jägers
pirschte sich der Doktor an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe
kommen, den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das Spiel war
gewonnen.
Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines Juweliers
betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand unmittelbar hinter ihr
und ließ seine ganze Energie spielen.
Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine fremde körperliche
Berührung. Sie drehte sich um und sah ihm unbefangen in die Augen.
Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht mehr, das sich in
Trenton und Reynolds-Farm willenlos seinem Blick unterwarf. Er gab das
Spiel verloren, erwartete im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen zu
hören, sann auf schnellen Rückzug.
Nichts dergleichen geschah.
Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie lud ihn ein, mit in
das Haus zu kommen, und geleitete ihn dort in das Besuchszimmer. Hier
erkundigte sie sich nach allen Bekannten in Trenton.
Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und versuchte, dieses
eigentümliche Benehmen zu ergründen. Ganz vorsichtig ließ er den
Namen Elkington fallen. Jane reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde
deutlicher. Er sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen
habe. Jane blickte ihn verwundert an.
»Elkington? ... Elkington? ... Ich bin nie in Elkington gewesen.
Soweit ich mich erinnere, haben wir uns das letztemal in Trenton beim
Begräbnis meiner Mutter gesehen.«
»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch nicht an Reynolds-Farm
erinnern ...«
Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte sie vergnügt; lachte
den Doktor geradezu aus, bis er seine Neugier nicht mehr meistern
konnte.
»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre Heiterkeit erregt?«
»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß Sie mich noch immer
als Miß anreden. Ich glaubte, mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung
längst mitgeteilt ...«
Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen war zu groß,
die Neuigkeit war zu überraschend und kam zu plötzlich.
Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus.
»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen natürlich auch
nicht, wer mein Mann ist?«
»Keine Ahnung, Mrs. ... Mrs. ...«
»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen kennenlernen, Herr
Doktor.«
»Ich konnte es mir fast denken.«
Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin. Mochte Jane
immerhin geheiratet haben, so war sie heute doch schon wieder Witwe.
Das sollte ihn nicht stören. Aber er mußte klar sehen, welche
Veränderung mit ihr vorgegangen war.
Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts mehr von
Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt nicht mehr, daß es jemals
einen Menschen namens Logg Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs.
Bursfeld war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen Glossin
eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis entschwunden.
Es war dem Doktor klar, daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag.
Man hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen, um ihr
hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung zu ermöglichen. Die
guten Wirkungen der Maßnahme zeigten sich auch unverkennbar an ihrem
Aussehen.
Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während Dr. Glossin mit
Jane sprach, versuchte er die alten Künste. Ganze Ströme magnetischen
Fluidums ließ er auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches
ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder unter seinen
Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn Jane gewähren. Dann entzog sie
ihm ihre Hände.
»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an ... so ... was ...
wollen Sie?«
Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und unbeeinflußt in
die Augen, daß er seine Bemühungen aufgab.
Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen Beeinflussungen
von anderer Seite verriegelt. Wohl konnte er ruhig mit Jane sprechen.
Aber alle Annäherung konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen
Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt hatte ... Dr.
Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen könnte, sie wieder aufzuheben.
Ein einziges Mittel blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn
sie stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht traf, dann
konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen.
Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und holte aus seiner
Brusttasche ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt hervor.
»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn meine Blicke länger
als üblich an den Ihren hingen, meine Hände länger als gewöhnlich in
den Ihren ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung bringt
mich in eine eigenartige Lage, macht eine Nachricht, die sonst nur
bedauerlich gewesen wäre, zu einer Trauerbotschaft.«
Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung und
Bestürzung malten sich auf ihren Zügen.
»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.«
Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda Dagblad mit der
Nachricht vom Untergange des alten Hauses Truwor hinhielt.
Jane warf einen Blick darauf.
»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie müssen mir das
übersetzen.«
Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann Wort für Wort
zu übersetzen. Die Nachricht vom Brande, von den Explosionen. Vom
Untergange des ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe.
Vom sicheren Tode aller Insassen.
Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane von Sekunde zu
Sekunde blasser. Bei den letzten Worten sank sie mit einem leisen
Schrei ohnmächtig von ihrem Stuhl auf den Teppich.
»Jetzt oder nie ... vielleicht ist der Riegel gebrochen.«
Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende. Er strich
ihr über die Stirn. Alles magnetische Fluidum, über das er verfügte,
versuchte er in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter seinen
Willen und Einfluß zu zwingen.
Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den Befehl aus. Mit
halbgeschlossenen Augen stand sie vor ihm.
Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren Eindruck gemacht
... Kein Wort wurde gesprochen. Lautlos erteilte Dr. Glossin seine
Befehle. Lautlos vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog.
Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem Doktor nicht. »Sehen Sie
mich an. Sehen Sie mir genau in die Augen«, befahl er.
Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte ihr Blick. Dann
drehte sich ihr Haupt und dann der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor
halb den Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen in dem
Zimmer orientiert gewesen, hätte er bemerkt, daß Jane genau nach Norden
blickte.
So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot seine ganze Kraft auf
und hatte keinen Erfolg.
Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er in diesen Sekunden
wieder zusammengeschweißt.
Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu. Sie zeigte eine
heitere Miene. Jede Angst und Unruhe waren wie weggewischt. Sie nahm
die Unterhaltung da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt
hatte.
»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein bedauerlicher
Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium von Erik Truwor ausbrach.
Ich hörte davon. Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf. Ich
werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren müssen. Aber Sie
können beruhigt sein. Er ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften
an seiner Erfindung weiter ...«
Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um ihn niederbräche. Eben
noch seines Sieges gewiß. Im Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu
haben. Im Begriff, Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen.
Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt vor ihm. Sie
lachte über die Mitteilungen, die sie niederschlagen sollten.
»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich habe neuere, bessere.«
Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung schlug sie alle
seine Angriffe zurück, vereitelte sie seine Anstrengungen, setzte sie
ihn der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch
noch weiter ausdehnte.
Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich zerrissen und
wütend.
»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen sehen, wie Lady Diana
die Nachricht aufnimmt.«
Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus.
* * * * *
Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der Broken-Bai auf
der Reede von Port Jackson lagen die sechs großen australischen
Schlachtschiffe. Die »Tasmania«, »Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den
leichteren Streitkräften insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn
Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische Geschwader.
Es hatte alles in allem rund die doppelte Schiffszahl der australischen
Flotte und auch die doppelte Kampfstärke.
Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität in London
wußten, warum ein englisches Geschwader von solcher Stärke plötzlich
in der Nähe von Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den
Vorstellungen des englischen Sondergesandten MacNeill ein besonderes
Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch wirklich nur ein Zufall.
Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen der australischen
Schiffe vom Admiral Morison bis hinab zu den letzten Midshipmen waren
über die Anwesenheit nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar
die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die ihm einen nicht
nur höflichen, sondern sogar herzlichen Verkehr mit der englischen
Flotte zur Pflicht machten. Aber Admiral Morison war einer gegen
dreißigtausend Mann der Flottenbesatzung.
Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen Parlaments auf
der Flotte bekannt. Es war Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei
war, saß beim Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen
Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen. Die Gebräuche
der Marine und der anglosächsischen Marine ganz besonders sind
ehrwürdig und wenig veränderlich. Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie
ihn die Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen
hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch noch die Enkel und
Urenkel der hier Schmausenden erhalten würden. Nur so weit hatte sich
der soziale Gedanke auch in der australischen Flotte durchgesetzt,
daß die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften, also in
diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen.
So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu Hunderten. Die Offiziere
zu Dutzenden. Nur der Kapitän allein. Eben jenem alten Brauche folgend,
der im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den kein anderer
Sterblicher essen sehen darf.
Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant der »Tasmania«,
allein in seiner Kabine und verzehrte das kräftige, aber Durst
erregende Mahl. Es lag in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet,
daß er dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade als er das
letzte Stück Speck mit einem guten Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam
der Läufer in seine Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den
Tisch.
Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und schlug mit der Faust
auf den Tisch.
Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine und ging in das
Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade mit den Resten der Mahlzeit
beschäftigt waren. Winkte den ersten besten heran.
»Kannst du lesen, mein Junge?«
»Ich denke ja, Herr Kapitän.«
»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß alle es hören können!«
Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der Depesche überflogen
und begriffen. Stellte sich in Positur und brüllte mit Riesenstimme:
»Achtung! ... Ruhe! ... Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns ...!«
Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein ungeheurer Jubel das
Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham beobachtete mit triumphierender
Miene die Wirkung der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown beiseite,
nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich mit ihm.
Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit aufgerissenen Augen,
als verstünde er nicht, was der Kapitän sage und wolle. Dann mit
beginnendem Verständnis und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen.
Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown ließ Erbsen Erbsen
sein und machte sich auf dem Deck zu schaffen. Auf Deck, und zwar an
der Flaggenleine. Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des
Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte Jimmy Brown danach
an einer Stelle der Flaggenleine zu tun. Er bastelte, knotete und
knüpfte, während ein paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten.
Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung. Sie stieg. Aber sie nahm
eine eigenartige und von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge
mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der dort majestätisch in
die Höhe ging, und in einem Drittel der Mastlänge folgte ihm der Union
Jack. Als die Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet
wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und tief unter ihm, beinahe
Halbmast, stand die Flagge Großbritanniens.
Es war Unfug ... Grober Unfug ... Wenn die Mannschaften einmal mit der
Beköstigung oder sonstwie unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen
an die Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie dem Kapitän
Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke kam, diese alte Geschichte
wieder aufzuwärmen und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen
Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf den anderen
Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der »Viktoria«, der »Alexandra«,
der »Kaledonia« und allen anderen hatte man die Depesche des
Parlamentsbeschlusses erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen
sich die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es grenzte so
ziemlich an Meuterei. Überall wurden die Vorgesetzten zurückgedrängt,
und auf allen Schiffen der australischen Flotte flatterte nach wenigen
Minuten ein übler Lappen über dem Union Jack.
Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff, der
»Melbourne«, eine dringende Depesche nach der anderen und drohte, die
Schiffskommandanten vor ein Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten
die Unmöglichkeit, diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der
gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den Kapitän Shufflebotham.
Der antwortete überhaupt nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und
schlief den Schlaf des Gerechten.
Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr als einer Stelle
gesehen worden. Auch Kommodore Blain, der Chef des englischen
Geschwaders, hatte sie bemerkt. Bei der Entfernung von sechzehn
Kilometer konnte er auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine
einfarbige dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum schickte er
einen Flieger aus, der sich das Ding in der Nähe besehen sollte.
War entrüstet, als er hörte, daß die ältesten und zerrissensten
Schauerlappen in den Toppen der australischen Flotte über der
geheiligten Flagge Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und rief
den Admiral Morison selber an.
Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter Kürze,
aber inhaltvoll. Admiral Morison betonte, daß seine Flotte sich im
Zustande halber Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn
nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige Zustände
herzustellen. Die Antwort des Admirals Blain war kurz und schroff.
»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um eins hängen, schieße
ich.«
Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison rief den Kapitän
und die Offiziere seines Flaggschiffes. Es war in zwölf Minuten eins,
als sie bei ihm eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische
Geschwader die Anker aufgenommen habe und nordwärts über die Kimme
dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte er sie von der Unterredung
mit dem Engländer. Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen.
Natürlich ... die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung von
dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie im Falle eines Kampfes die
australischen Flieger erst ausfindig machen mußten, während Admiral
Blain wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte.
Neun Minuten vor eins ... acht Minuten vor eins.
Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten Schauerlappens
zu bringen? ... Ganz unmöglich. Seit fast einer Stunde versuchte man es
ja vergeblich. Dann wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht
hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs Minuten vor eins,
als vom Admiralschiff an alle Einheiten der Flotte der Befehl kam,
schnellstens Anker aufzunehmen und gefechtsklar zu machen.
Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine schneller befolgt.
So schwerhörig sie früher auf den einzelnen Schiffen gewesen waren, so
hellhörig wurden sie jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen
Flotte beobachtet und machte sich seinen Vers darauf.
Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet. Drei Minuten vor eins
lief die australische Flotte, die einzelnen Geschwader in Kiellinie,
mit voller Maschinenkraft seewärts Kurs Süd zu Südost.
Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor eins. Er trat in den
Kommandoturm. Immer noch die schwache Hoffnung im Herzen, daß der
Engländer seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm selber
gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der Botany-Bai in
Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit der doppelt so starken englischen
Flotte war zu aussichtslos, als daß er ihn irgendwie wünschen konnte.
Der Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer anderer
Meinung.
Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung. Und dann kamen
die ersten englischen Geschosse. Zunächst keine Treffer. Aber jeder
Schuß gab Veranlassung zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen
schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste und wütende
Wasserberge emporreißend.
Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes Schiff
auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung direkt zu treffen,
waren natürlich minimal. Dafür aber hatte die Technik dieser Tage
Geschosse geschaffen, welche das alte Prinzip der bereits im Weltkriege
benutzten Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst vierzig
Meter unter Wasser, warfen dann aber eine Woge auf, welche jeden
in fünfhundert Meter Nähe befindlichen Panzer zum Kentern bringen
mußte. Die Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten
Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die Kriegsschiffe
waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet, die den kippenden
Wogen Widerstand zu leisten vermochten. Bis zu einem gewissen Grade
wenigstens.
Aber nun folgten die englischen Salven in dichter Folge. Admiral
Morison zog seine Schiffe weit auseinander, um aus dem schlimmsten
Strudelwasser herauszukommen. Auch die Australier feuerten, was die
Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die Einschläge,
verbesserten die Richtungen.
Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons. Schon trieb die
Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte ein Zufallstreffer die
Alexandra und verwandelte sie in der nächsten Sekunde in eine graue
Wolke kleiner Stahlbrocken und gelblich schwelenden Rauches. Wohl
hatten auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des Gegners
gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen, einen Lufttorpedo
aus zweitausend Meter auf das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in
Trümmer zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische Flotte nur
noch für die Ehre der Flagge focht ... welcher Flagge denn?
Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals Morison, als er
den Gedanken dachte. Für die Laune, hier einen Scheuerlappen zu hissen,
schlug sich seine Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen
Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem Gegensatz zu
den Befehlen seiner Regierung mit einer Flotte kämpfen, mit der ihm
die Pflege freundschaftlicher Beziehungen befohlen war. Es war bitter
für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung gewesen
war. Aber Admiral Morison stand unter dem Zwange der Verhältnisse und
beschloß, auszuharren bis zum Ende.
Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken.
»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß von uns.«
Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen Flugschiff:
»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung von uns.«
Die dritte Meldung folgte unmittelbar:
»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«.
Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes Dutzend gleichartiger
Meldungen. Bis Admiral Blain den ungleichen Kampf aufgab und mit dem
Reste seiner Schiffe nach Nordosten entfloh.
Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders und setzte den
Kurs auf den bisherigen Standort der englischen Flotte. Nach beendetem
Kampf war es Seemannspflicht, Überlebende zu retten.
Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen ihm U-Boote entgegen.
Hundert U-Boote. In Kiellinie zogen sie in Überwasserfahrt daher.
Große, schwer gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien
nicht besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick heran.
Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in der australischen
Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle, von dem Schiffskommandanten bis
zu den einfachen Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter
vom sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem Cheer. Da
ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher Ball empor, breitete
sich im Winde aus und zeigte das Sternenbanner der amerikanischen
Union. Amerikanische U-Boote hatten unter der Führung des Admirals
Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen von
Cyrus Stonard, sah Willcox die australische Flotte im Kampfe mit der
englischen Übermacht. Mochten die Politiker treiben, was sie wollten.
Der Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens amerikanisch
werden würde. Das hatte ihm genügt.
Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney. Die amerikanische
U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen Entschließung des Admirals
Willcox. Der meinte, daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und
kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche und Abmachungen.
Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der amerikanischen Hilfe
war den Flotten drahtlos vorausgeeilt. Eine bange Stunde hindurch
hatten in Sydney die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden
Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und Sieg durch die
Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung in das Gegenteil um. Die
Amerikaner, die jetzt im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land
kamen, wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in ganz Sydney dachte
mehr an die Tagesarbeit. Von dichten Scharen waren die Straßen schwarz,
während die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden.
Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen Jubel teilnahmen,
war der australische Premier Mr. Applebee. Der Staatsmann dachte an die
Zukunft und fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor. Nicht
ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht zu haben.
Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das Erstaunen zu deutlich
zur Schau tragend, als daß es für ganz natürlich gehalten werden konnte.
»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich glaube kaum, daß wir uns
nach dieser Affäre noch etwas zu sagen haben.«
Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt.
»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die Vorfälle bin. Es
war der englische Admiral, der die Feindseligkeiten eröffnete und den
ersten Schuß auf unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die
sich in diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei
befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen Flaggenunfug genau so
verurteile wie unser Admiral Morison. Der ganze Unsinn geht von einem
als Trinker bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes enthoben
werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt das schroffe Vorgehen
Ihres Admirals nicht. Was ist dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem
ich heute vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen Amerikas
an unserer Seite.
Aber trotz aller dieser Vorfälle ... höchst bedauerlichen Vorfälle, die
uns und Ihnen Menschenleben und gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich
immer noch, daß sich die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen
wird. Ich habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege gesonnen,
dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen. Ich hoffe, solche
gefunden zu haben, und wäre untröstlich, wenn die Verständigung jetzt
scheitern sollte.«
MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß zu
inhibieren? Das gab der Sache eine neue Wendung. Er erwiderte, er wolle
umgehend drahtlos Instruktionen seiner Regierung einholen.
Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem Besuch zurückgekehrt, als
er den Gegenbesuch MacNeills empfing. Die englische Regierung bestehe
auf restlose Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren
Schritte einrichten.
Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen in die
tägliche Gebrauchssprache übersetzt, daß auch England die Sache
nicht über das Knie brechen wolle. Restlose Aufklärung ... das waren
wenigstens vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt. Er
schüttelte dem Engländer beim Abschied mit ostentativer Herzlichkeit
die Hand.
Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem Hotel zurück. Am
Prinz-Alfred-Park geriet das Auto in den Strom der singenden,
johlenden, flaggenschwingenden Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur,
langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner in der
Rechten schwingend, sprang auf das Trittbrett. Ließ die Flagge wehen.
»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!«
Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge aufgenommen und rollte
wie ein Donnerwetter die breite Straße entlang. Da fühlte MacNeills,
daß Australien für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer
hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige Seitenstraße
erreicht.
»Fahr zu, Chauffeur!«
Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich in das Kissen
zurück.
* * * * *
Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten Lord
der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte Zeit zu
unterbrechen. Lord Horace Maitland war mit Familie und Dienerschaft in
sein Stadthaus übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais
aus der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von der Admiralität
entfernt.
Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß dort um den
Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus einer Sitzung. In diesem
Kreise durfte er sich ziemlich frei äußern.
»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige meiner Kollegen hoffen
immer noch, daß sich ein Krieg ... der Krieg, der um Englands Schicksal
geht ... vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament, das
morgen zusammentritt.«
»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für das Vaterland
eintreten müssen.«
Einer der Gäste hatte es gesagt.
»Noch eine lange, bange Nacht!«
Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie blickte
geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem kleinen Silberlöffel
mechanisch in der Teetasse.
Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit Tagen fiel
ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er keine Erklärung fand.
Was konnte die ruhige, gefestigte Natur seiner Frau so außer Fassung
bringen? Der drohende Krieg? ... Wenig wahrscheinlich! Was sonst?
Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die Gäste sich
empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen das Lächeln war, mit dem sie
sie verabschiedete.
Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr.
»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.«
Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war es ihm unmöglich, dem
Grunde dieser Veränderung näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis
seine Gattin freiwillig sprechen würde.
Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat im besten und
edelsten Sinne. Die Erhöhung des Gatten, die unerwartete Erbschaft des
Lordtitels hatte das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert.
Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast. Hier war
das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen fühlte Lord Horace, daß
etwas Fremdes zwischen ihm und seiner Gattin stand.
Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und her, mit fieberisch
geröteten Wangen. Die Lippen wie durstig geöffnet.
Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde.
Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte auf das Zifferblatt.
»Schon wieder ein Tag vergangen ... ohne Nachricht ... Noch eine Nacht
wie die vergangene ertrage ich nicht ... Warum das alles? ... Um eines
Mannes willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen zu
haben glaubte. Ah ...«
Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob ungeduldig die Kissen
zurecht, die andere strich das Haar von der Schläfe. Ihre Augen waren
geschlossen, aber es zuckte zuweilen in den langen Wimpern.
Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden, gegen Tränen
kämpfenden Weib und jener heiteren, strahlenden Schönheit, die noch vor
wenigen Tagen den Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland
Castle bildete.
Ihre Lippen formten Worte.
»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von diesen Träumen quälen?
Ist es nicht genug an den unruhigen Nächten? ... Warum diese Angst?
... Was habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller Welt
verantworten könnte?
Ich bin nur feig ... oder vielleicht krank ... und könnte doch gerade
so glücklich sein, wie mich die Welt schätzt.«
Lady Diana richtete sich heftig auf.
»Horace beobachtet mich ... meine Aufregung ist ihm nicht entgangen ...
ich bin ihm kein Geständnis schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites
Mal für eine Sünde büßen, die keine war?«
Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug die großen
dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie unter einem Zwange sprach sie
weiter:
»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere in Linnais ...?«
Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte die Zofe einen
Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche Briefmarken. Die Schrift der
Adresse schien ihr wohl bekannt, und doch konnte sie den Schreiber
nicht erraten.
»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn später lesen.«
Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte die Zofe den
Raum verlassen, als sie aufsprang und den Umschlag mit zitternden
Fingern zerriß. Ein einfaches Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine
schwedische Zeitung. Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt
halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein roter Strich.
Eine fettgedruckte Stichmarke ... Linnais ...
Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam, die wenigen Zeilen
Wort für Wort zu lesen:
»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch der Aufklärung
bedarf, hat gestern das in unserer Nähe liegende Gehöft der Truwors
betroffen. Um Mitternacht flog das Herrenhaus unter schweren
Explosionen in die Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem
Auslande zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde als Gäste
bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß alle Insassen den
Tod gefunden haben. Über die Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte,
die wir ihrer Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben
wollen.«
Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf den Diwan zurück.
Wie im Traume sah sie, wie sich die Tür öffnete, Lord Horace in das
Zimmer trat, die Tür hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich,
sich zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten.
»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?«
»Eine unangenehme Nachricht ... wie kommst du auf die Frage?«
Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt.
»Wer sandte dir diese Zeitung?«
Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie ... zögernd und unfrei:
»Dr. Glossin.«
»Von Dr. Glossin?!«
Lord Horace trat einen Schritt zurück.
»Von Dr. Glossin? ... Gib mir, bitte, eine Erklärung. Du bist sie mir
schuldig. Was steht in dem Blatt, daß dich in eine solche Erregung
versetzt?«
Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile hatte sie ihre
Stimme in der Gewalt.
»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam mich plötzlich ...
gewiß eine Folge der letzten kritischen Tage. Sie haben Ansprüche auf
meine Nerven gemacht, denen ich nicht gewachsen war ... Die Zeitung von
Dr. Glossin ... oh, gewiß! Es wird dich interessieren, welchen Erfolg
die Expedition nach Linnais gehabt hat. Dr. Glossin ... ah, gewiß! Es
wird dich interessieren, welche Nachrichten er überbringt.«
»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?«
»Ich glaube ... ich glaube ... nun sehr einfach, ihr Männer seid doch
jetzt Feinde.«
Diana Maitland versuchte zu scherzen.