Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan. Aber diesmal

von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse verhandelte für England

über die sofortige Lieferung von hunderttausend Motoren. Preise der

Industriegemeinschaft. Zahlbar in Gold.

Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen konnten, warf

das Rohr einen neuen Brief aus. Mr. Stamford lehnte die Verpfändung

amerikanischer Bodenschätze ab. Offerierte dafür den Betrag in

deutscher, in der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung.

Reinhard Isenbrand lehnte ab.

»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere eigenen

Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung oder keinen Stahl!«

Das englische Angebot war einer Diskussion wert.

Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte drahtlos neue

Informationen von Washington ein. Würde in einer Stunde neues Angebot

machen.

Der englische Antrag war gut. Aber er war noch besser, wenn er nach

Kriegsausbruch kam. Dann traten die 300% Zuschlag automatisch ein.

Auch die Vollmachten Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft

beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es wahrscheinlich zu

Preisen, die schon in wenigen Tagen weit überholt sein konnten.

Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum. An den Chef selbst.

»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser Berliner Vertreter:

›Die Regierungen von Rußland, Deutschland und Frankreich haben

unbedingte Neutralität beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben

verbürgt!‹ Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für die Abschlüsse

folgende Gesichtspunkte: Die Valuten beider Kriegführenden werden

stürzen. Lieferung daher nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder

gegen Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht in Zahlung

zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen unterworfen. Wenn die Abschlüsse

vor Kriegsausbruch getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu

liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft einzusetzen.

Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer Arbeit hat begonnen.

Ich hörte, daß der linksstehende Teil unserer Arbeiterschaft

proenglisch gegen den Gewaltherrscher Stonard ist. Sorgen Sie für

Aufklärung. Wir haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für

unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen. Geben Sie mir

Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit ereignet. Im Anschluß an

größere Aufträge ist die Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der

Werke sofort in Angriff zu nehmen.«

* * * * *

In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich R. F. c. 1 aus der

Höhe auf den Wald von Trenton hinab. Noch lagen die großen Staatswerke

leblos in der Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht

des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld kannte das Gehölz

von seinem früheren Aufenthalt. Einen tiefen grabenartigen Einschnitt

zwischen alten Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte, so

daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in der Bodenfalte

steckte. Zu allem Überfluß rafften sie das vorjährige Laub zusammen,

das hier in hoher Schicht auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper

des Schiffes damit.

Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten Silvester

Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im Scheine der Morgendämmerung gingen

sie an den ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem

Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr der nahen Kirche

verkündete eben erst die vierte Morgenstunde. Silvester Bursfeld

brannte vor Ungeduld. Er gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten

Hause in der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken

betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes. Am liebsten

wäre er kurzerhand über den Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus

dem Schlafe alarmiert.

Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder zur Besinnung.

»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das Mädchen noch hier ist,

werden wir sie auch in drei Stunden aufsuchen können.«

Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel in die Seele

Silvesters. »Wenn das Mädchen noch hier ist.« Was meinte Atma damit?

Wo sollte Jane anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend

etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit übermannte

ihn. Seufzend folgte er dem Inder und ließ sich neben ihm auf einer

Bank in den nahen Parkanlagen nieder. Langsam und bleiern schlichen

die Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach weiteren

qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester sprang auf.

»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter, schon in der

Wirtschaft tätig.«

Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und schellte. Der

schrille Ton der elektrischen Glocke war in der Morgenstille deutlich

zu vernehmen. Aber im Hause blieb alles ruhig. Dreimal, viermal

wiederholte Silvester das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte.

Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als wolle er das erste

Wiedersehen der Liebenden nicht stören. Jetzt stand er neben Silvester,

deutete mit der Hand auf eine Stelle der Hauswand.

»Sieh!«

Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der Hauswand. Im

unsicheren Licht der Morgendämmerung war sie den Blicken Silvesters

entgangen. Jetzt war sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die

triviale alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das Nähere

im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester spürte, wie seine Knie

zitterten und ihm den Dienst versagten. Er mußte sich auf den Inder

lehnen.

»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden würden. Aber wir

werden es finden und werden es nach Europa bringen.«

Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte Atmas gossen

neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte dem Gefährten, der zum

Nachbarhause ging, dort Einlaß begehrte und auch fand.

Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende Nachbarhaus zu sehen.

Aber gern ... Es könne sofort geschehen.

An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so wohlbekannten

Räume. Dort stand der Nähtisch am Fenster. An ihm saß Jane, als er sie

das letztemal vor seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher

sie damals arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als ob die

Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand ein Haus verließ, um

seinen Wohnsitz woanders zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit

dort nicht so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung

nicht unterdrücken.

»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche Führer. »Mr.

Glossin brachte Miß Jane in seinen Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr

weg. Sie hatte nur wenig Gepäck bei sich.«

Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte er sich

mit Atma.

Ob die Herren die Wohnung mieten wollten?

Vielleicht ... sie würden es sich überlegen. Im Laufe des Nachmittags

wiederkommen. Ein kurzer Abschied, und die Freunde gingen die Johnson

Street entlang. Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch

wiederholten seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte des Inders:

»Wir werden das Mädchen finden und sicher nach Europa bringen.« Die

eintönige Wiederholung gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht

zurück. So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof einschlug.

»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem Schiff?«

»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen wir. Den Doktor

Glossin fragen, wo das Mädchen ist.«

Silvester erschrak.

»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.«

Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du trägst den Strahler

an der Seite. Verbrenne ihn zu Asche, wenn er dir Böses tut. Aber

verbrenne ihn erst, wenn er mir geantwortet hat.«

* * * * *

Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators. Cyrus

Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite und ließ seinen Blick einen

kurzen Moment auf dem Doktor ruhen.

»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?«

»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.«

»Kennen die Engländer sein Geheimnis?«

»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als Gerhard Bursfeld

fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf hypnotischem Wege entrissen werden

sollte, hat er sich selbst getötet. Ich habe prominente Leute in

England befragt ... Sie wissen von nichts.«

Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten Züge des

Diktators.

»Dann ... meine ich, können wir losschlagen, sobald die

Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in Dienst gestellt

ist.«

»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur mit England zu tun

haben.«

Der Diktator blickte verwundert auf.

»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?«

Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend brachte er die

einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben Bursfelds ...«

Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche.

»Den Erben ... die Sache scheint sich zu komplizieren. Neulich war

es nur einer. Der famose Logg Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing

entwischte und unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch

dazugekommen?«

»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit Silvester Bursfeld

verbunden sind.«

»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen. Sie glauben im

Ernst, daß drei Menschen unserem Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich

werden könnten? Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren

hatten Sie mehr Selbstvertrauen.«

Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt wie Peitschenhiebe.

Er erblaßte und errötete abwechselnd. Dann sprach er. Erst stockend,

dann fließender und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen

inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe vor dreißig Jahren

gesehen, wie Gerhard Bursfeld mit einem einfachen Apparat, nicht größer

als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit sprengte. Ich sah,

wie er Patronen in den Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion

brachte, und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte ... Ich

staunte, ich hielt es für Zauberei, und ... Gerhard Bursfeld lachte und

sagte, es wäre der erste Anfang einer neuen Erfindung. Ein schwacher

Versuch, dem ganz andere, viel größere folgen würden.«

»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie sagten es eben

selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm begraben.«

Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen, aber seiner Stimme

fehlte die sichere Entschiedenheit, die ihr sonst eigentümlich war.

»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war eingesargt, aber es ist

wieder auferstanden. Logg Sar ... Silvester Bursfeld hat die Entdeckung

von neuem gemacht und ... er muß sie bedeutend vervollkommnet

haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch telenergetische

Konzentration an jeder Stelle des Erdballes Millionen von Pferdestärken

auf engstem Raume zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung

jedem Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen des

Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am Torneaelf und bauen an der

Erfindung weiter. Gelingt es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater

es vorhatte, dann ...«

Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten Rechten gebot

er dem Arzte Schweigen.

»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören darf. Sie nannten

den Ort, an dem die Erfinder ihre ... bedenklichen Künste treiben. Sie

kennen ihn genau?«

»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des Tornea ... Acht Kilometer

von Linnais entfernt.«

»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten ... Aber

gründlich. Das bitte ich mir aus. Nicht wieder Pfuscharbeit wie

neulich in Sing-Sing. In vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation

kriegsbereit. Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl

vollzogen ist. Unauffällig ... und gründlich.«

Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators war nicht

mißzuverstehen. Er ging mit schwerem Herzen. Ein unklares Gefühl

lastete auf ihm.

Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt von Washington nach

Neuyork brachte, suchte er des dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu

werden, daß er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen

künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch die Straßen Neuyorks

schritt, war das Gefühl wieder da und wurde von Minute zu Minute

stärker.

Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße. Der Lift brachte ihn

in das zehnte Stockwerk. Sein Diener nahm ihm Stock und Hut ab, und

dann saß er in dem bequemen Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann

zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um eine dritte

fremde Person handle, analysierte er seine Empfindungen und kam nach

zehn Minuten zum Ergebnis, daß er Furcht habe.

Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen, der über Leichen

hinweg sich jeden Weg erzwang, hatte zum erstenmal in seinem Leben

Furcht. Cyrus Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen zu

beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit so manchem anderen.

Das Rezept war simpel und oft bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit

einem Dutzend kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit

nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten und schlug

sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand leisteten. Ganz

einfach war die Sache. Der Doktor hatte sie öfter als einmal praktisch

ausprobiert.

Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres Gefühl warnte ihn,

mit Silvester Bursfeld und seinen Freunden anzubinden ... Aber der

Befehl des Diktators. Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei

Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den Ungehorsam zu

erleiden.

Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem Dilemma ziehen könne.

Ausgehoben mußte das Nest in Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich

die Finger dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung

vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das. Äußerlich sah das

Unternehmen ziemlich harmlos aus. Man mußte es einem Dritten plausibel

machen. Aber wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und die

Erfinder vom Erdboden zu vertilgen?

So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in seinem Gehirn auf.

Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer hatten genau soviel

Interesse am Untergange Silvester Bursfelds und seiner Freunde wie die

Amerikaner.

Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen und Ausführungen

des Planes mit immer größerer Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr

recht gelingen, die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen. Er

spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln. Ein dumpfer Druck

legte sich um seine Schläfen. Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille

ihm nicht mehr selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen

müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er wollte aus dem

Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie Blei waren ihm Hände und Füße.

Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich, die Hand von

der Stuhllehne loszulösen und bis zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß

seine Stirn mit feinen Schweißperlen bedeckt war.

Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die Türöffnung zum

Nebenraum befand sich unmittelbar daneben. Sie hatte keine Türflügel,

sondern war durch einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen.

Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von seinem Diener

immer zuerst in dieses Zimmer geführt.

Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille seinen eigenen

zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch, daß der Strom des fremden

Fluidums von jener Türöffnung her auf ihn eindrang. Verschwommen und

dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem unermeßbaren

Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein Willenstrom, viel stärker und

mächtiger als sein eigener, stand im Begriff, ihn zu unterjochen.

Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt sein, in denen

er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen über den Befehl des

Diktators versunken war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan

konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute Fläche geboten.

Sonst hätte er die Wirkung wohl früher spüren müssen, hätte sich sofort

dagegen zur Wehr setzen können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein

gekommen, als es schon beinahe zu spät war. Erst das Erlahmen seiner

eigenen selbständigen Schlußfähigkeit hatte ihn den fremden Angriff

deutlich fühlen lassen, aber da war die Lähmung durch den fremden

Willen schon weit gediehen.

Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles, was er noch an

Willensfähigkeit besaß, ballte er in den einzigen autosuggestiven

Befehl zusammen:

»Ich will nicht ... Ich will nicht ...«

Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und empfindlich

beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn jedesmal der Gegenbefehl

der fremden Kraft: »Du sollst ... Du mußt ... Du wirst ...«

Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf dem Kaminsims

schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den Schlag deutlich und raffte

sich zu erneuter Anstrengung zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte,

aufzustehen ... Ganz unmöglich.

Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen zu machen. Er blickte

auf seine Knie. Er versuchte, den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl

zu geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und spürte schon im

gleichen Augenblick, daß der fremde Befehl »Du mußt« mit verstärkter

Heftigkeit auf sein Ich hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit

ohne Deckung ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders

beeinflussen und zur Bewegung zwingen wollte.

Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend des Genicks.

Der körperliche Schmerz griff weiter und verbreitete sich über die

ganze linke Gesichtshälfte, über die Seite seines Körpers, welche dem

Perlenvorhang zugewendet war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen

müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen und Angesicht zu

Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten.

Schon wieder war über dem stummen, erbitterten Ringen eine

Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug zweimal. Dr. Glossin hörte

sie nur noch wie aus der Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen

noch undeutlich und nur verworren die letzten Geräusche empfindet.

Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er den Rest der

ihm noch gebliebenen Willensenergie in einen einzigen Befehl. Und

der schon zu drei Vierteln gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot

an Willenskraft. Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt

sich in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite dem

Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick schien es, als wolle

die Muskelbewegung und die eigene Aktion den fremden Einfluß brechen.

Aber nur einen Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den Befehl

erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich dem fremden Angriff

schutzlos preisgegeben. Der Moment ohne Deckung hatte genügt. Mit einem

Seufzer ließ er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit geöffnet.

Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer bis dicht an den

Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft aus. Silvester Bursfeld,

der ihm auf dem Fuße folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder

trat an den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen und die

Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner eigenen Erschöpfung

Meister zu werden versuchte, wie er sich selbst gewaltsam zwang und

von neuem ganze Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper des

Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und ließ sich auf einen

Sessel fallen. Auf einen Wink von ihm trat Silvester Bursfeld hinter

eine Portiere, so daß er den Blicken Glossins entzogen war.

Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und schlug dreimal. Da kam

Bewegung und Leben in die schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete

sich auf wie ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich

über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln. Dann begann er mit

sich selbst zu sprechen.

»Was wollte ich ... Ach ja ... den Ring muß ich holen. Er ist im

Banktresor ...«

Er warf einen Blick auf die Uhr.

»Dreiviertel ... Ich komme gerade noch vor Kassenschluß zurecht. Aber

ich muß mich eilen.«

Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und schritt durch den

Vorhang hindurch. Er ging an Atma vorüber, als ob der Inder Luft wäre,

und verließ die Wohnung.

Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat hinter dem Vorhang

hervor.

»Wo geht er hin? ... Was hat er vor?«

»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen und hierherbringen.«

Atma sprach es leise und mit matter vibrierender Stimme. Die

Anstrengung dieses hypnotischen Duells zitterte noch in ihm nach.

»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein. Bis dahin haben wir

Ruhe.«

»Und der Diener?«

»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin hat Befehl, ihn

nicht zu vermissen.«

»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?«

Atma blickte gleichmütig vor sich hin.

»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist gefesselt. Mein Wille

lenkt seinen Körper.«

»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von Jane?«

»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir Ruhe. Ich bin erschöpft.

Ich brauche neue Kräfte, wenn Glossin zurückkommt.«

Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Muskeln seiner

Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst ein Schlafender zu sein.

Es blieb Silvester Bursfeld nichts anderes übrig, als zu warten.

Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter krochen die

Minuten. Zehn Minuten ... eine Viertelstunde ... zwanzig Minuten. Er

hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen.

Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er etwas suche. Dann

hörte Silvester, wie er den Spazierstock hinstellte. Gleich darauf

trat er durch den Perlenvorhang in das Arbeitszimmer. Ohne von den

beiden Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch zu,

ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein winziges Päckchen aus

der Brieftasche und begann, es auszupacken. Das Seidenpapier raschelte

zwischen seinen schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring zum

Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein Meisterwerk alter indischer

Goldschmiedekunst, genau von der gleichen Form wie derjenige an der

Hand Atmas und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den Ring

in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein.

Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute zu Minute. Bald

glich er einem Träumenden, schien ganz geistesabwesend zu sein. Dann

wieder glitt der Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine

Züge.

Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf den Ringfinger der

Rechten zu schieben.

Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem Halse saß

er da, und jeder Teil seines Körpers vibrierte vor innerer Spannung.

Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten Kampfe

aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener Kraft zu durchbrechen.

Der Befehl lautete, den Ring zu holen und zu übergeben. Schon das

Zögern auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte vergessen,

daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick hatte er dort trotzdem

gewartet, ob der Bediente ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das

kurze Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten.

Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit beiden Händen

über die Schläfen und Augen.

Die Wirkung zeigte sich sogleich.

Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den rechten Ringfinger

schieben wollte, wurde langsamer. Dicht vor der Fingerspitze kam sie

ganz zur Ruhe.

Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an seinem Schreibtisch.

Beide Ellbogen waren auf die Tischplatte aufgestützt. Die Rechte

streckte den Ringfinger vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter

entfernt mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah aus,

als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft aus, die den Reif

heranholen wolle, und als wirke unsichtbar, aber gewaltig eine zweite

Kraft im Raume, welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft

sie sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin und her,

zitternd durch lange Minuten.

Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum Herzen.

»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt, sind wir verloren.«

Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur das Ticken der Uhr war

zu vernehmen. Aber Silvester empfand die Worte so deutlich, als habe

sie ihm irgendeine Stimme laut vorgesprochen.

Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen. Was

konnte es denn für eine Wirkung haben, wenn Dr. Glossin wirklich den

Ring auf den Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an der

Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß er die Macht und das

Mittel, den Menschen dort in einer Sekunde in Atome zu zerreißen, zu

verbrennen, in ein Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber

dann ... ja dann würde er auch niemals erfahren, wohin dieser Teufel

die arme Jane verschleppt hatte.

Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der Sieg Atmas über

Glossin notwendig war, sollte sein weiteres Leben noch Wert für ihn

haben.

Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander verflochten. Das

hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare

Zufälligkeiten waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel

größerer Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam ihm klare

Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort zwischen Ring und Fingerspitze

kam der Kampf zweier Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder

Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In diesem Kampfe

mußte er ein stiller Zuschauer bleiben, mußte abwarten, wie das

Geschick sich erfüllen würde.

Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring auf die Tischplatte

fallen. Silvester wollte hinzutreten und ihn nehmen. Ein Wink Atmas

scheuchte ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und war dicht an

den Tisch herangetreten. Silvester sah, daß er den letzten Rest seiner

gewaltigen telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner seinen

Willen aufzuzwingen. Und nun trat die Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte

den Ring wieder in das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob

sich und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm das Paketchen hin

und sagte mit eintöniger Stimme: »Hier bringe ich den Ring.«

Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann es langsam und gemessen

wieder aufzumachen. Dr. Glossin war nach der Übergabe an seinen

Schreibtisch zurückgegangen. Dort saß er ruhig und schaute wie

geistesabwesend auf die Schreibmappe.

Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester über den Ringfinger

der Rechten. Breit und kühl legte sich das Gold des massiven Reifens

um das Fingerglied. Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz

dringen, als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er ihn so

lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit war geschwunden. Die

Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte ihn.

Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken und Gefühlen.

»Wo ist Jane Harte?«

Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des Doktors bohrte.

Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes. Es schien,

als wolle er sich noch einmal aufbäumen. Aber sein Widerstand war

gebrochen. Der Ausdruck einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge,

während seine Lippen die Antwort formten.

»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.«

Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein Verdurstender ein.

Frederikstown in Kolorado. Den Flecken Elkington kannte er sogar

durch Zufall. Die Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle

Schwierigkeiten überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit, und er würde

Jane wiedersehen, würde sie im schnellen Flugschiff allen feindlichen

Gewalten entziehen.

Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt gab er ihm seine letzten

Befehle.

»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst, wirst du alles

vergessen haben. Den Ring, Logg Sar und Atma.«

Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die Tischplatte nieder.

Er lag in tiefem Schlafe.

»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen sagte es Atma zu dem

Diener, der auf dem Flur schlummernd in einem Sessel saß. Flüchtig

strich er ihm dabei über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür

hinter den Freunden ins Schloß.

* * * * *

Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm an jenem Tage

verlassen, an dem Jane seinen Antrag abwies. Aber auch Jane war

durch diese Erklärung erschüttert und aus einer trügerischen Ruhe

aufgescheucht. Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie

sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter war ihr Glossin

solche Stütze geworden. Ein väterlicher Freund, dem sie vertraute. In

ihrem natürlichen Schutzbedürfnis zu vertrauen versuchte, soweit ein

instinktives, ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ.

Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem Schlage zerstört,

hatte Jane von neuem in schwere seelische Kämpfe gestürzt. Das Gefühl

tiefster Verlassenheit übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach

alledem noch auf dieser Erde? Die Mutter tot ... Silvester verloren und

verschollen ... Glossins Freundschaft falsch?! ...

Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick und Wesen

ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde. Das Grinsen der alten Abigail

hatte jetzt einen besonderen Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane

erschreckte und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die ihr zwar

größtenteils unverständlich blieben. Aber auch das wenige, das sie

verstand und erriet, erschreckte sie.

Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge und Wagenfahrten der

früheren Wochen unterblieben. Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu

beantworten.

Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit ihr vor? Weshalb hatte

er sie gerade hierher gebracht? ... Was sollte sie weiter beginnen?

... Wenn sie irgendwo eine Stellung annähme ... Eine untergeordnete

Stellung ... irgendwo ... nur fort von hier ... fort! ... Wäre sie doch

in Trenton geblieben! Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton hatte

sie jemals erreicht.

Fort! ... Fort! ... Warum war sie nicht schon längst fort? ... Warum

hatte sie nicht gleich nach der Werbung Glossins die Farm verlassen?

Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt. Und jedesmal war

sie an einen Punkt gekommen, wo sie keine Antwort auf die Frage fand.

Warum nicht? Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm

zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben niemals ausgeführt?

Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum nicht ... Sie wurde

doch nicht gefangengehalten? Nicht einmal bewacht oder kontrolliert.

Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und das Haus zu

verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe zu gehen, um in Sicherheit zu

sein. Sogar ungesehen von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn

das hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt, daß das

alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich nach dem Auftragen des

Mittagsmahles verschwand die Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich

selbst um das Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail Stunden

hindurch besinnungslos irgendwo in einem Winkel lag. Lange Stunden, in

denen sie, von niemand verhindert, das Haus verlassen konnte.

Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie es nicht heute?

Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch Kummer und

Aufregung, erhielt einen tatkräftigen Zug. Die Falten zu den

Mundwinkeln vertieften sich, ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle

Lebensenergien in ihr drängten zur Tat.

Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem Sitz und schritt

nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff sie ein paar der notwendigsten

Kleidungstücke und begann sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und

erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche schon früher

versucht hatte und niemals damit zum Ziele gelangt war. Heute ging es

viel besser. Kleiderschicht fügte sich auf Kleiderschicht, und mit

einem Seufzer der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers

zusammen. So weit war sie früher noch niemals gekommen.

Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich in ihrer

Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm ihn der Tasche, wandte

sich wieder dem Koffer zu und fühlte, wie die alte Lähmung von neuem

über sie kam. Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte sie

die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. Endlich war es

gelungen, aber nun lag das Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den

Schlüssel in das Schloß zu schieben ... Da fiel er klirrend auf die

Diele.

Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine blinkende

Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele lag. Dann durchzuckte ein

Schluchzen ihren Körper. »... Warum ... kann ich ... nicht? ... Warum

... o Gott! ... Warum ...«

Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten hindurch regungslos

liegen ... Eine Macht, ein Einfluß, ihr selbst unerklärlich und

unfaßbar, verhinderte sie, dieses offene und unbewachte Haus zu

verlassen ... Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr

Ruhebett.

»Die Qual! ... Warum ... muß ich diese Qualen leiden? ... Wo bleibst

du, Silvester? ... Mutter, ach wäre ich bei dir! ... Wäre ich mit dir

gestorben!

Sterben ... jetzt noch sterben? ... Unterhalb des Hauses ... da bildet

der Bach einen kleinen See ... da kann ich sie finden ... die Ruhe ...

die Erlösung von aller Qual ...«

Sie raffte sich von ihrem Lager empor.

»Ja! ... ja ... ja ...«

Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in ihren Mienen

aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie zu öffnen. Mochte irgendeine

unheimliche Kraft ihr die Flucht aus diesem Hause zu den Menschen

hindern, die Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.

Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür.

Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang ihr ans Ohr. Offenbar

war die Alte dabei, irgendeinem Besucher den Zutritt zu verwehren,

vielleicht einen Hausierer abzuweisen.

»Kann ich nicht einmal sterben?« ... Sie wollte die Tür wieder leise

ins Schloß drücken ... Da ... ihre Hand umkrampfte den Drücker.

Welche Stimme? ... Der Fremde ... Mit einem Ruck riß sie die Tür auf.

»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit geschlossenen Augen

lehnte sie an dem Türrahmen und streckte die Hand nach ihm aus.

»Silvester ...!«

Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen Faustschlag

getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann mit Tigersprüngen die Treppe

hinaufdrang, sie fühlte nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß

eine leichte, weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe

und des Glückes ihr Ohr trafen.

* * * * *

Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu Linnais. Nach den

Plänen Silvesters baute er den neuen Strahler zusammen. Der Apparat

war viel größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise

genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin den Raum eines mäßigen

Schrankes ein.

Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man seine Wirkungen

betrachtete. Die neue Konstruktion konnte zehn Millionen Kilowatt

telenergetisch konzentrieren. Diese Riesenleistung wurde nur dadurch

möglich, daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten

Mitteln erzeugte, sondern nur die überall im Raum vorhandene Energie

freimachte.

Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum Anfang des

Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in jedem Kubikzentimeter

des äthererfüllten Raumes ein Energiebetrag von zehn Milliarden

Pferdekraftstunden in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die

Pulverladung einer Mine Hunderttausende von Metertonnen enthält.

Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese gewaltige Energie zu

entfesseln. Es ist nur notwendig, daß dieser schwache Druck die

Knallkapsel zur Entzündung bringt, die dann die Mine detonieren läßt.

»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist praktisch gelöst.«

Stolz und siegesgewiß hatte Silvester die Worte gesprochen. Wenige

Stunden, bevor er in windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von

dort sein Liebstes zu holen.

Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf das genaue

Zielen. Es war notwendig, das entfernte Objekt, auf welches der

Energiestrom gerichtet wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine

Freude eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen

Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte Formenenergie

reflektierte zu einem winzigen Teile von der Konzentrationsstelle zum

Strahler zurück und entwarf hier ein optisches Bild dieser Stelle.

Jetzt, da er es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine

simple Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen seit

hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie mußte sich auf der

weißen Mattglasscheibe des neuen Strahlers ein genaues Bild des Ortes

zeigen, an dem die Energie sich konzentrierte.

Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der Scheibe hin und

her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten wollten sich bilden, doch es

wurde kein klares Bild.

Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte er sich an die

Arbeit. Die Stunden verrannen. Er spürte es nicht. Die Mitternacht

verstrich, und der Morgen kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater

überkommene Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium in die Arbeit

versunken.

»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.«

Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht heraus, den er

falsch geschaltet hatte.

»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging.

Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine Platte mit kalter

Küche auf einen Seitentisch.

Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete ein und sah noch

weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag! Rastlos arbeitete er weiter.

Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er

seit vierzehn Stunden im Laboratorium arbeitete.

Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze Kaffee erfrischte

ihn. Während er aß und trank, gewann er Distanz zu seiner Arbeit. Er

fand die Kraft, völlig von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung

Silvesters. Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit.

Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten werden. Es bestand

Gefahr, daß sie den gewollten Effekt überwucherten.

Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen. Die zweite helle

Nordlandsnacht brach herein.

Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem Befehl jagte ihn Erik

Truwor aus dem Laboratorium. Die Vorzüge der veränderten Schaltung

wurden ihm immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete.

Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag. Er zog die letzte

Schraube fest und suchte seiner Aufregung Herr zu werden.

Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein. Nebel zogen über die

Mattscheibe.

Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der Nebel löste sich. Blaue

und grüne Flächen wurden sichtbar.

Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann ein gewaltsames

Aufraffen. Ein letztes Drehen an der Feinstellung. Scharf und deutlich

zeigten sich die Föhren, die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe

des Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle.

Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen Jahren in der

photographischen Kamera beobachten konnte. Doch das Bild hier wurde

auf ganz andere Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern

energetisch zustande.

Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und warf sich

erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium.

Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke. Die Macht lag

jetzt in seiner Hand. Die Macht, die Menschen nach seinem Willen zu

zwingen. Zu Asche zu verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie

sie nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte.

Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der Macht verbunden

war ... und dann wurden seine Gedanken sprunghaft. Die Natur forderte

ihr Recht. Die Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster

Arbeit verlangte der Körper Ruhe.

Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist war zu erregt und

riß den Körper mit.

Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer gelegen. Im

Augenblick war er wieder vollkommen wach. Der Schreiber der drahtlosen

Station hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen

auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach Elkington,

Reynolds-Farm, Jane zu holen.«

Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus dem Atlas entnahm er

die genauen Koordinaten und richtete den Strahler. Die Nebel wogten.

Jetzt ruhigere Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte und

konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen.

Eine Gestalt schritt von links her in das Bild ... Silvester Bursfeld.

So scharf und deutlich, als ob er in Greifweite stünde. Silvester kam

allein und hatte nicht einmal den kleinen Strahler an der Seite.

Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und vergaß, daß er durch

tausend Meilen von ihm getrennt war.

Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab. Ein schwarzes,

häßliches Negerweib. Erik Truwor sah, wie sie Silvester vom Hofe zu

weisen versuchte, wie der Freund sie zurückdrängte und der Haustür

zuschritt. Wie das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der

sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm hob, das Weib

weit von sich schleuderte und in das Haus stürmte. Die Tür fiel hinter

ihm ins Schloß, und Viertelstunden verstrichen.

Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er vermißte den kleinen

Strahler an der Seite Silvesters. Diese winzige, aber furchtbare Waffe,

die ihn gegen jeden Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo

blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast ebenso stark wie

die erste. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.

»Sie müssen packen ... natürlich ... es ist ja klar, daß Jane nicht,

wie sie geht und steht, nach Europa fahren kann. ... Eine Stunde Zeit

gebe ich ihnen ... dann ...«

Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl gut brennen mochte,

wenn er den Strahler auf den Dachfirst wirken ließ? Die Holzschindeln

sahen ganz danach aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein

gewaltiges Feuer werden.

Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut brennen. So schnell,

daß die Flammen den Ausgang sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr

erkannten. Er durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt der

telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu treiben. So saß er mit

steigender Ungeduld. Hoffte vergebens, daß Silvester wieder erscheinen

oder Atma auftreten würde.

Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Mit

der Lupe betrachtete er die Stelle auf der Mattscheibe.

Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der dort heranzog. Er

kannte die Formen des Flugschiffes.

Erleichtert atmete er auf.

Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen. Mochte er gesteckt

haben, wo er wolle ... Atma war da. Jetzt mußte alles zu einem guten

Ende kommen.

Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus ging es nieder.

Jetzt entschwand es den Blicken Eriks. Die Silhouette des Farmhauses

schob sich dazwischen.

... Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe? ... Vielleicht war der

Platz hinter dem Hause für den Wiederaufflug geeigneter.

Erik Truwor wartete ... und sah fünf Gestalten über den Hof laufen ...

In das Haus verschwinden.

»Atma ist da ... Atma kam zur rechten Zeit ... Es wird noch alles gut.«

Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen. Er hatte unter

den Fünfen die Gestalt Glossins erkannt. Nach den Schilderungen, die

ihm Silvester gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der stechende

Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte, daß Atma mit R. F. c.

1 hinter dem Hause lag. Hoffte, daß der Inder eingreifen und die

Widersacher zerschmettern würde.

Minuten verstrichen. Nicht viele.

Die Tür des Farmhauses öffnete sich.

Einer der Männer trug etwas Helles auf den Armen ... Jane ...

bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß. Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf

der Schulter ihres Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester.

Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz über den Platz.

Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf den Zügen.

Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den Strahler und gab

Energie.

Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand des Hofes hell auf.

Schmolz in Weißglut und strahlte Hitze.

Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um sein Leben zu laufen.

Mit schleifendem Fuß jagte er über den Hof und zog einen feurigen

Strudel hinter sich her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm

Erik Truwor die Glut des Strahlers nach ... und zerriß dabei in der

Aufregung einen Draht des Fernsehers.

Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik Truwor von

Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm zum Bewußtsein.

Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen Draht. Er mußte

sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit unendlicher Geduld eine Schraube

lösen, den Draht fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare

Minuten verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung wieder

hergestellt. Das Bild erschien von neuem auf der Mattscheibe. -- Der

Hof war leer.

Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte. Hatte Atma

eingegriffen, die Gegner vernichtet? Brachte er jetzt Silvester und

Jane im Flugschiff heim?

Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier zu sitzen und zu

warten. Einen Schwur leistete er sich. Das Feuer des Strahlers auf

Glossin niederfallen zu lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen

bekäme.

* * * * *

Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen Haselsträuchern und

Brombeerranken. Wenige Schritte davon entfernt saß Atma im Gras und

wartete. Seine Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle

Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt. Die ungeheuere

Anstrengung seines Kampfes mit Glossin wirkte noch in ihm nach. Er

versuchte es, sich zu sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und

Selbstversenkungen seiner Religion zu schöpfen.

Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg durch die Zweige

und malte streifige Schatten auf den grünen Grund. Der Inder faßte

seinen Schatten ins Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz

langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün schimmerten, wurden

ganz allmählich dunkel und farblos. Auf der anderen Seite tauchten

Spitzen und Blätter ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes

Sonnengold. Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung, des steten

und ruhigen Wechsels der Dinge tat Atma wohl. Sein Nervensystem fand

allmählich die Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf

den wandernden Schatten und einen Steinblock, der noch etwa einen Fuß

von dem Schatten entfernt war.

»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt. Ist Logg Sar dann

mit dem Mädchen noch nicht zurück, dann will ich gehen und sie holen.«

Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die Zeitspanne

gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von der Sonne beschienen, in

die Betrachtung des wandernden Schattens versunken und spürte, wie ihm

Minute um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die Eidechsen

kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos über seine Füße. Eine

Haselmaus führte dicht vor ihm ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich

um den regungslosen Körper zu kümmern. Jetzt streifte der Schatten

den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen die Tiere des

Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer. Zwei Stunden waren

verflossen, seitdem Silvester von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm,

das Mädchen zu holen ... zwei Stunden. Atma erschrak. Zwanzig Minuten

hätten genügen müssen. Auch dann noch, wenn die Liebenden ein langes

Wiedersehen feierten.

Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die Flügel der Hoftür waren

nur angelehnt. Er schritt über den Hof in das Wohnhaus und fand es

verlassen. Der Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende

Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten Kampf.

Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke in Falten. Ein Glas zerbrochen

am Boden. Und dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe ...

Während er den Raum verließ und die Treppe weiter hinaufstieg, malte

sein Geist sich plastisch die Szenen aus, die sich hier abgespielt

hatten während der Stunden, in denen er dort draußen im Walde ruhte,

wartete und frische Kraft sammelte.

Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft gewesen wäre. Dann

hätte er mit wachem Nervensystem das kommende Unheil rechtzeitig

gespürt.

Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein turmartiger Erker bot

Aussicht nach allen Seiten. Atma trat an die Scheiben, durchspähte den

klaren Abendhimmel und sah in der Richtung auf Westen einen hellen

Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff ... Zu dieser Zeit ... in

dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington her kommen. Noch war es Zeit.

In langen Sätzen sprang der Inder die Treppe hinunter und eilte dem

Walde entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern neuen Flügen

entgegenharrte.

* * * * *

R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant Charles Boolton

stand am Ausguck. In der Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten

bequemen Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden und

Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte einen übermüdeten und

übernächtigten Eindruck. Ihm gegenüber in einem zweiten Sessel lag

die zierliche Gestalt Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer

Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken schwer gefesselt,

Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob sich von seinem Stuhl. Langsam,

als ob jeder Schritt ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum

auf die Ohnmächtige zu.

Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit sanfter Gewalt

brachte er ihre Lippen auseinander und flößte ihr aus einer kleinen

Kristallflasche einige Tropfen einer rot schimmernden Flüssigkeit ein.

Er fühlte, wie der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen

der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu seinem Platze

zurück und nahm selbst ein wenig von der Flüssigkeit. Dann ruhte sein

Blick lange auf dem gefesselten Silvester.

Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard befohlen. Den einen der

drei hatte er. Diesmal sollte er der Vernichtung nicht entgehen.

Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden. Dann war das

Flugsschiff über Montana. Dort am Ostabhange der Rocky Mountains hatte

er einen Schlupfwinkel. Und dann ... dann ging es mit R. F. c. 2 in

sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück. Der drahtlose Befehl, die neue

Maschine dort betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal

sollte die Vollziehung des Urteils schnell und glatt vonstatten gehen.

Ohne Zeugen. Nur er wollte dabei sein und sich überzeugen, daß der

Strom diesmal auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte

Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus Stonard keinen Vorwurf

mehr machen.

Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn körperlich

erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne schnell zu glücklichem Ende

kommen würden, stärkte ihn.

Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte, wie der Kommandant in

das Telephon nach dem Motorraum sprach. R. F. c. 2 flog mit voller

Besatzung. Es hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur und

zwei Motorwärter an Bord.

Der Kommandant sprach dringlich:

»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf 5000 gefallen und fällt

dauernd weiter. Was ist bei Ihnen los?«

Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt. Ein Versagen

der Turbinen. Das konnte seine Pläne stören.

Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die Spitze neigte

sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg es aus der gewaltigen

Fahrthöhe hinab. Die Tür des Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur

trat herein. Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an den

Händen.

»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich nur noch, weil

der Luftzug die Schrauben rotieren läßt. Die Maschinenkraft ist weg.«

Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge.

»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie uns bis auf die Knochen

blamieren? R. F. c. 2 ist das beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie

die Maschinen in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.«

Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er vergaß es, die Tür

hinter sich zu schließen. Das Geräusch von allerlei Werkzeugen und

Hantierungen drang in die Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne

Motorkraft unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn Minuten,

und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft nicht wiederkam.

Der Ingenieur erschien wieder im Raum.

»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen. Die Maschinen

bekommen keinen Zündstrom.«

Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht.

»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen in Gang bringen. Sie

werden erschossen, wenn wir notlanden müssen.«

Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch eine Kugel verließ

Wimblington den Raum. Die Dinge erfuhren dadurch keine Änderung. Die

Maschinenkraft blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon

befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur noch 3000 Meter

über dem Boden. Noch vor kurzem waren die Sonnenstrahlen vom Westen

her klar und kräftig in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig,

sondern nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits im

Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton durchspähte zähneknirschend

die Gegend und suchte einen passenden Landungsplatz für das Schiff.

Er bemerkte, daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen

Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen grasbestandenen

Lichtung niederzugehen.

Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch Glossin mitgeteilt.

Unruhig lief er mit kurzen Schritten in der Kabine hin und her.

Sein Blick fiel auf Silvester Bursfeld. Der Gefangene hatte sich

herumgeworfen, so daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem

Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars trafen sich, und

Schrecken kroch dem Doktor an das Herz.

In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt keine zufällige

Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche, unbekannte Macht wieder

hinter ihm her war. Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe

Kraft, die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch die

Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt. Mechanisch faßte er

nach der Tasche, welche die kleine wirksame Schußwaffe barg.

R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter Steuerkunst

hatte Kommodore Boolton das Schiff noch über die letzten Hochstämme

des Waldes gebracht. Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und

wurde von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung umfangen.

Boolton ließ das Steuer los und drehte sich um, als ein Geräusch seine

Aufmerksamkeit fesselte. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und

stierte durch die Seitenscheiben.

Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann Gestalt und

legte sich kaum hundert Meter von R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen.

Das von Minute zu Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung

genügte noch, um die Formen erkennen zu lassen.

Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder.

»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es nicht R. F. c. 1

ist. Es fliegt kein anderer Bau von der Sorte in der Welt. R. F. c. 3

ist noch in der Montage.«

Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die Neugier, wie R F.

c. 1 hier plötzlich auftauchen könne, überwog alle anderen Gefühle.

Dr. Glossin stand da, die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das

fremde Schiff.

Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe herrschte. Kommodore

Boolton brach das Schweigen.

»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den Maschinen?«

Er schrie es nach dem Turbinenraum hin.

Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht neben ihm öffnete

sich die massive Metallwand von R. F. c. 2. Das Metall glühte eine

Sekunde hellrot, die nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf.

Noch bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die innere

Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment, aber auch sie versprühte

und verschwand, bevor es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur

ein letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar.

Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand von R. F. c. 2

in der Größe mehrerer Quadratmeter verschwunden.

Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor seinen Augen in

Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten Fäusten stürzte er erbittert

auf die entstandene Öffnung zu.

... Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen

Konzentration. Im Augenblick flammten die Kleider an seinem Leibe auf.

Er wollte zurück und war doch schon tot, verbrannt, in rotglühende

Kohle und stäubende Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er

bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte.

Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die Kabine bloß. Jetzt

versprühte die dem Angreifer zugekehrte Wand des Motorenraumes.

Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen ruinieren

zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der Tasche. Schon lag die

Präzisionsschußwaffe in seiner Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse

gegen die Flanken von R. F. c. 1.

Das erste ... das zweite ... das dritte ... das vierte ging darüber

hinweg, denn der feurige Strahl faßte den Ingenieur, fraß die Waffe in

seiner Hand, fraß die Hand und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes

Mal abdrücken konnte.

Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure durch die Öffnung ins

Freie.

Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des Absprunges. Den

zweiten traf der Strahl in der Zehntelsekunde, die er in der Luft

schwebte. Etwas weiße Asche fiel auf den Rasen.

Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum nicht gesehen.

Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in diesen Sekunden die

Verschlußschrauben gelöst, die die Tür auf der Backbordseite des

Flugschiffes verschlossen hielten.

Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem Ruck hatte er auch die

Schußwaffe wieder zur Hand.

Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die Waffe auf Silvester

gerichtet.

Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine kräftige

Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen brachte den Doktor ins

Wanken. Er wäre gestürzt, hätte er nicht im letzten Moment die Waffe

fallen lassen und sich an den Türpfosten geklammert.

Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten Körper

vorhanden war.

Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt Glossin von der

Plattform der Kabine auf der Backbordseite zum Flugschiff hinaus und

lief auf den Wald zu.

Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ und in

langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte. Als Glossin auf der

Backbordseite den Boden berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite

in das Schiff.

Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden Stricke

gedankenschnell. Er ließ den Strahler in Silvesters Hände fallen, glitt

im selben Moment schon zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und

stürmte dem Walde zu.

Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte Janes weißes Kleid

durch die Stämme. Dr. Glossin hatte einen bedeutenden Vorsprung, und

die Schatten der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber Dr.

Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin trug eine schwere Last

auf seiner Schulter, und Atma war ungehindert.

Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute ab. Durch das Stoßen

und Schütteln des Laufes war Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und

sträubte sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf sich

wild zurück und hinderte ihn schwer.

Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter sich. Da packte

ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis kam hinter ihm. Nur noch einmal

entrinnen!

Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane zu Boden

gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte entlang. Hier

herrschte schon Dunkelheit. In seiner dunklen Kleidung war er in dem

dichten Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er von Baum

zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden.

Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob er sie auf, trug und

führte sie aus dem Walde auf das freie Feld zurück, brachte sie sicher

in die Kabine von R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester.

Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der Strahler war seinen

Händen entfallen. Aus der Wunde strömte das Blut.

Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor kurzem die Fesseln

durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung. Die getroffene Seite

lag bloß. Eine Schlagader war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages

spritzte der rote Lebenssaft.

Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils Herr wurde. Endlich stand

die Blutung.

Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma seinen

Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete ihn mit unendlicher

Sorgfalt.

Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen geborgen. Seine Gestalt

straffte sich, und mit dem Strahler in der Hand wandte er sich dem

Walde zu. In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages stand dort

die Ruine von R. F. c. 2.

Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht mehr so sorgfältig

zu zielen und zu konzentrieren. Mit Gewalt explodierten zehntausend

Kilowatt in dem Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf hellrot

auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender Weißglut. Das Aluminium des

Körpers begann zu brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die

glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß sie zusammen.

Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde, wo noch vor kurzem ein

vollendetes Meisterwerk menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte.

Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende Schlackenmasse

da drüben gab noch nicht Ruhe. Die Flammen sprangen auf den Waldrand

über. Das dürre Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer.

Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun.

Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von R. F. c. 1 angehen. Der

Rapid Flyer stürmte in die Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende

Wald. Atma sah es und lächelte.

»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du diese Nacht doch

noch ...«

Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen.

Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf reinen Nordkurs.

Der Weg gerade über den Pol blieb der sicherste.

Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte R. F. c. 1 leicht

und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit starken Armen trug Erik Truwor

den wunden Freund in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte.

Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung Silvesters war nicht

lebensgefährlich. Die Kugel Glossins war an einer Rippe abgeglitten und

hatte nur eine Fleischwunde verursacht.

Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt aus Linnais schüttelte

ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion, glatt fortschreitende Heilung der

Verletzung und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis an den

Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst und sein Latein waren hier

zu Ende.

Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten aufeinander, in

denen Jane nicht vom Lager Silvesters wich, Atma sich mit ihr in die

Pflege teilte. Atma, der die Dinge anders ansah als der schwedische

Arzt. Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte, wenn

er ihm die Hand auf die Stirn legte.

»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.«

Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den Verwundeten aus dem

Rapid Flyer trugen und auf sein Lager betteten. Jane hatte die Worte

gehört, so leise sie auch gesprochen wurden.

Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten Zimmer saß Jane am

Lager Silvesters und bewachte jede Regung des Kranken.

Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des jungen Tages dämmerte

durch die Schatten des Zimmers. Mit Angst und Freude bemerkte Jane

eine Veränderung in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin. Die

geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu wollen. Der Körper

machte schwache Bewegungen.

War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem Leben?

Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen, doch die Stimme

versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie sich den Gefühlen, die in ihr

stürmten. Sie umschlang Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche

Worte zu und drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen

des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem Augenblick vergessen.

»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!«

War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem Ohr? Einen Augenblick

hob er die Augenlider, als suche er mit Gewalt die Umgebung zu

erkennen. Dann schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag

ganz still und regungslos.

»Silvester!«

Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie neben dem Bett auf

die Knie und vergrub das Antlitz in ihre Hände.

Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen ruhten forschend auf den

Zügen Silvesters.

»Die Seele ist stärker als der Tod ... Er ist gerettet.«

Er murmelte es leise und trat zurück.

Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal viel freier und

leichter. Und sah mit freudvollem Staunen den blonden Kopf an seiner

Brust, dessen Antlitz ihm verborgen war.

»Wer ... Was ist ...«

Jane war aufgesprungen.

»Er lebt, er wird leben!«

Noch erkannte Silvester sie nicht.

»Wer ist ... wer bist ...«

»Jane, deine Jane bin ich ... Jane ist bei dir! Gott hat uns wieder

vereinigt.«

Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens flog über die Züge

Silvesters.

»Jane?«

»Ja, deine Jane ... für das ganze Leben!«

»Jane! ... Jane!« ... Er wiederholte den Namen, als gewähre ihm das

Aussprechen höchste Seligkeit. Er hob die Arme und legte sie um Janes

Hals. Er zog ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre.

»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken konnte, wie die

körperliche Schwäche ihn zu übermannen drohte.

»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den Menschen.«

Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige Lächeln blieb auf

seinen Lippen. Schnell und sanft schlummerte er ein.

Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane.

»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du armes Kind mußt

auch ruhen. Komm und laß mich allein mit Silvester. Zur rechten Zeit

will ich dich rufen.«

»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie sprach es leise.

Einen langen Blick warf sie auf den ruhig Schlummernden und folgte dem

Inder.

Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers gebrochen war,

machte die Genesung Silvesters schnelle Fortschritte. Schon am dritten

Tage ging er an Janes Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der

das Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war eine Stunde

des Glücks für die Liebenden. Nach einer Woche wagten sie es, den

Pfad zum Ufer des Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von der

romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft. Ein unendliches

Glücksgefühl durchflutete ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer

ließen sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes Schoß und

schloß tief atmend die Augen.

»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich glauben, es wäre

nur ein schöner Traum, und würde den Himmel bitten, daß er mir ein Ende

fände. Jane, du bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und

küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich mein Leben.«

»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben, hätte mein Tod dir

Rettung bringen können. Du hast so vieles, wofür du leben mußt. Ich

habe nichts als dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht

hätte.«

Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen versenkten sich

ineinander ... ihre Lippen fanden sich in einem langen, langen Kuß.

Teil III.

»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens ...«

Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind Andreas

Termölen trug seine acht Jahrzehnte, so gut ein Mensch sie zu tragen

vermag. Schon am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen

Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen Kampfe von Anno 14 bis

18 schimmerten auf der linken Brustseite.

Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben dem Gesicht einen

energischen Zug. Doch die Jahre machten sich fühlbar. An der Seite

seiner Luise, der fünf Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den

Vormittagsstunden die Schar der Gratulanten empfangen. Die Wirtz, die

Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen. Der Duft von Blumenspenden

erfüllte das Wohnzimmer. Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit

alten Freunden und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen

getrunken.

Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem Luischen, die mit ihm

jung gewesen und alt geworden war. Da spürte er die Anstrengungen des

Tages. Die Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken schmerzte

ein wenig.

Besorgt betrachtete ihn die Gattin.

»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die ersten Siebenzig

sind alleweil die besten. Da is nichts dran zu ändern, Luische.« So

suchte er die Sorge der Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als

er sich nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel

ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder wohlig ruhen und

lösen.

Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der alten Leute betätigte

sich an Neffen und Nichten. Auch an der dritten Generation, die zum

größten Teil schon erwerbstätig im Leben stand.

Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber die Anregungen und

Ungewohnheiten des Tages wirkten nach. Er war zu aufgeregt dazu.

»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem, hüt von Essen

röwerkütt?«

»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.«

Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm Lüssenkamp von den

Essener Stahlwerken. Der stand nun auch schon im fünfzigsten

Lebensjahre. Aber für die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong,

de Willem«.

Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach.

»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et jibt bald Krieg.

Engländer und Amerikaner. Et soll mich freuen, wenn dat Volk sich

ordentlich de Köpp zerschlägt.«

Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen Gegenstand über.

»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft auf

dem Schiff ... damals hinter Bonn ... dat daraus wat Ernstlichet werden

wird. Ich han mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für

'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann en Brief aus Amerika.

Un dann noch einer aus Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.«

Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte Mann versuchte zu

lesen. Die Hand war zu zitterig, und die Schrift verschwamm ihm vor den

Augen.

»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.«

Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal gelesenen Briefe

zum einundfünfzigstenmal.

Trenton, den 14. Dezember 1953.

Geehrter Herr Termölen!

Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise, die Sie mir

vor Jahresfrist gaben, mir wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über

meine Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel

ersehen können, in Trenton. In denselben Staatswerken, in denen auch

Frederic Harte bis vor zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er

verlor sein Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über die

Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid. Ich habe

Frau Harte und ihre Tochter Jane kennen und schätzen gelernt. Nach den

langen Unterhaltungen, die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich

Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin, der im Herbst

1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit und Ort stimmen genau mit

den Angaben, die mir von anderer Seite her über das Verschwinden meines

Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Deutsche an

derselben Stelle zur selben Zeit in dieser Weise verschwinden sollten,

ist praktisch gleich Null. Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit

mit Gerhard Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie

danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße Sie als

Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955 · 第 10 / 22 题