Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.«

»Kannst du sie verbrennen?«

Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters.

»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch möglich. So ist es ...«

Er hatte während der Worte das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe

gedreht.

Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah, wie blauer Rauch aus

der Tannenkrone aufstieg und helle Flammen aus dem Stamme aufloderten.

Nach zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach einer Minute

war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares Aschenhäufchen

verwandelt. Aber das Feuer hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der

benachbarten Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort ein

großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor sah die Gefahr.

»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers Herr werden?«

Silvester war in seinem Element.

»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates auf den Luftdruck

zu beobachten. Ich werde in einer senkrechten Linie über der brennenden

Föhre Hitze konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach oben

dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen. Der Sturm muß

das Feuer löschen.«

Während er die Erklärung gab, drehte er an einem Schräubchen seines

Apparates. Man konnte auch mit unbewaffnetem Auge bemerken, wie die

Bäume auf dem Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht

wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort wurde eine Krone

geknickt. Aber der Wirbelsturm blies den Brand glatt aus. Ein mäßiger

Wind hätte das Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch

das brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte, das

rotglühende Holz abkühlte.

Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe herrschte wieder in

der Natur. Nur der große, schwarze Brandfleck da weit drüben über dem

Elf verriet, daß etwas Außergewöhnliches passiert war.

Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen seines

Freundes erfaßt. Er hatte nach dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst

bedient, um die Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte

ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine Gedanken gingen viel

weiter als die des Erfinders. Silvester Bursfeld war Ingenieur und nur

Ingenieur. Den reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung.

Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen Möglichkeiten, die

die Erfindung in sich barg.

Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete. Zehntausend Kilowatt

waren vernichtend für den einzelnen, den sie trafen. Aber sie

bedeuteten nichts für hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate

mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von Kilowatt mußten auf

seinen Wink an jedem Punkt der Erde wirksam werden. Nur dann würde er

die Macht haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa sprach. Die

Macht, alles Menschenleben auf Erden nach seinem Willen zu lenken.

Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein technisch geführt.

Über die Abmessungen größerer Strahler. Über die Mittel zu ihrer

Anfertigung. Über die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde.

Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür. Sechs Jahrhunderte

waren über sein Dach hingegangen. Zwei Stockwerke tief waren die

geräumigen Keller in den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die

Umfassungsmauern der unteren Stockwerke aus den bei der Kellerhöhlung

gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die elektrische Leitung vom

Kraftwerk des Elf brachte Licht, Wärme und Energie in jeder gewünschten

Menge. Das Haus in seiner Abgelegenheit sollte die Werkstatt abgeben,

in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe ausführte. Nach dem

unverrückbaren Willen Erik Truwors ausführen mußte.

Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer des

Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein Physiker eine

Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen zu denken. Er hatte alle

Erscheinungen der Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen,

das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die energetische Seite

des Problems interessierte seine Gelehrtennatur viel mehr als die

praktische Anwendung.

Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand sie und zwang

Silvester durch seine Forderungen und Fragen, nach einer Lösung zu

suchen und sie zu finden. Wenigstens die Theorie auch eines genauen

Zielens sofort zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel sichtbar

machen, die Wirkungen der Energie mit dem Auge verfolgen konnte, war

die Macht der Waffe voll zur Wirksamkeit zu bringen.

Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, rastloser Arbeit, um die

große Entdeckung noch größer zu gestalten, aus ihr das Machtmittel für

seine weitreichenden Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen.

Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme und Lösungen so

vollkommen gefangen, daß er alles andere darüber vergaß. Bis dann

die Lösung gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und die

unausbleibliche Reaktion eintrat.

* * * * *

Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands, beherbergte um die

Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche Gäste. Der alten englischen

Sitte entsprechend, herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen

Hauptmahlzeit. Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste nach ihrem

Belieben verwenden, und die Gastgeber nahmen die gleiche Freiheit für

sich in Anspruch, die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei

dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre Privaträume zurück,

sobald es ihnen gefiel.

Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der Höhe des Schloßberges

bis zum Gittertor am Ende des Parkes führte, kam Lady Diana Maitland

entlang. Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der Bäume

verschwunden. Es begann kühl zu werden.

Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal enger um die

Schultern zusammen. Sie bog in einen Seitenweg ab, der durch ein

Rosenrondell führte.

Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen, in der sie den

Doktor Glossin zu erkennen glaubte. Unwillkürlich hemmte sie den

Schritt. Ihr Gefühl riet ihr, einer Begegnung auszuweichen. Schon

wollte sie stehenbleiben und sich zu der Allee zurückwenden. Doch

der Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot ihr, den

Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung der herrlichsten

Rosenstöcke besetzt war.

Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr.

»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so schöne Rosen sah wie

diese hier. Sie lieben Rosen?«

»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber als ihr Geruch. Im

Zimmer stört mich der berauschende Duft.«

»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die Ihnen allabendlich

zu Füßen flogen, als Sie in der Metropolitan-Opera die Zuhörer

entzückten.«

Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren Gürtel, ohne die

Frage zu beantworten. Sie sprach wohl selbst gelegentlich von ihrem

früheren Bühnenleben, aber sie liebte es nicht, von anderen daran

erinnert zu werden.

Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen.

»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen Stimme lauschen

durfte, gehören zu den schönsten meines Lebens. In besonderer

Erinnerung sind mir die Abende, an denen Sie mit Frederic Boyce

zusammen auftraten. Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.«

Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady. Solche Worte aus dem

Munde eines so neuen Bekannten wie Dr. Glossin konnten nur als grobe

Taktlosigkeit aufgefaßt werden, oder ...

Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik.

»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht auch einer der

zahlreichen Rosenspender?«

Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton zu geben.

»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch zu Ihren

Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von der Bühne las ... ich war

damals in San Franzisko ... war ich drauf und dran, am Tage Ihres

letzten Auftretens nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre, war es

im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.«

»Und warum kamen Sie nicht?«

Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten fieberhaft. Sie

fühlte, daß dies alles nur leichtes Geplänkel war. Der Hauptangriff

mußte von anderer Seite kommen ... Aber woher?

»Warum nicht? ... Ein seltsamer Fall hielt mich einige Tage länger

fest!«

Er machte eine Pause.

»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant ist.«

»Interessant? ... Für die Allgemeinheit am Ende kaum. Wohl aber für

die, die es angeht. Wenn ich nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen

zu wecken ...«

»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte ...«

Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen. Und trotz der

Ungewißheit, aus welcher Richtung er kommen würde, klang ihre Stimme

ruhig und fest.

»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist ... nun wohl ... Als die

berühmte Sängerin Diana Raczinska die Ehe mit dem Sänger Frederic

Boyce einging, prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im

Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die Spieler- und

Trinkernatur von Frederic Boyce kannten. Schon nach einem halben Jahr

war die Ehe derart zerrüttet, daß die Scheidung eingeleitet wurde,

Diana Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um einen neuen

Bund mit Horace Clinton einzugehen ...«

»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen ... und bringen

alte Dinge vor, die mir bei Gott zur Genüge bekannt sind.«

»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich kam an jenem Abend

Ihres letzten Auftretens vom Strand in San Franzisko und verirrte mich

in dem Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der Schenken

vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener Matrosen erklang,

öffnete sich plötzlich die Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog

ein Mann die Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf das

Pflaster.

Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich weitergehen. Da sah

ich im Laternenschimmer, wie sich eine Blutlache um den Körper des

Betrunkenen bildete. Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken,

die wohl von einem Messerstich herrührte.

Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den Verletzten nach

der Polizeiwache brachte. Da ich den Unfall teilweise mitangesehen

hatte, mußte ich meine Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte

der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt, ihm das

Gesicht von Schmutz und Blut befreit. Der Mann war ...«

»Wer?«

Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken. Sie senkte

unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der Schlag kommen, der ...

»... war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.«

»Frederic ...«

Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden gestürzt, hätte Dr.

Glossin sie nicht aufgefangen.

»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer mir. Verzeihen Sie

mein Ungeschick.«

Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und nahm neben ihr Platz.

»Frederic ... Frederic ...«

Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder von den blassen

Lippen.

»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.«

»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich weit. »Sie ...

sagten ... eben ...«

»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der Stich war tödlich.«

Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich.

»Ist es die Wahrheit?«

Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten seiner Seele

lesen.

Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und überreichte es ihr.

Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt sinken.

»Was ist es?«

»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in Frisko über den am 9.

Mai 1950 erfolgten Tod von Frederic Boyce.«

Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und legte den Kopf an die

Lehne der Bank. So saß sie lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue.

»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es mit einer Ruhe und

Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen versetzte.

»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben über die Person

wurden von der Polizei mit Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau

zehn Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic Boyce

im städtischen Spital berichtet. Ich blieb bei meiner Behauptung.

Nachforschungen wurden angestellt. Sie ergaben, daß der im Hospital

Verstorbene nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen

Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer in der

Trunkenheit entwendet. So wurde der 9. Mai als der Todestag von

Frederic Boyce festgestellt.«

Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf Lady

Diana abzuwarten. Vergeblich.

Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe.

Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die eigentümliche

Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord Maitland oder, wie er damals

noch hieß ... mit Mr. Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte

noch lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf gemacht werden,

da Sie im Besitz der freilich falschen Sterbeurkunde waren. Aber ...

die Stimme der öffentlichen Meinung wiegt schwer für Angehörige des

Highlife ...«

Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner Worte.

»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?«

Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem Blick.

»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?«

Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor empor: »Mir das?

... Sie wollen mir Geld anbieten ... Hüten Sie sich. Ich vergesse eine

Beleidigung niemals.«

Lady Diana nickte gleichmütig.

»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?«

»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in Versuchung kommen,

das Gespräch abzubrechen ... Nicht zu meinem Schaden.«

»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr Doktor?«

Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte, seine Schlinge gut

gelegt zu haben. Ein gefälschtes Todesattest einer amerikanischen

Polizeistation ... für Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich

einfach gewesen. Und er hatte Lady Diana damit einer wenn auch

unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung schien so stark, und

trotzdem fühlte er sich in die Enge getrieben.

»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie diese Worte bereuen.

Der Tag, an dem Sie mir freiwillig die Hand zu einem Bündnis bieten

werden. Dann werde ich Sie an den heutigen erinnern.

Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit, die Ihnen keine

Mühe bereitet, für mich sehr viel bedeutet.«

Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen Hände. Sie

zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor Glossin zum Bündnis reichen

würde.

Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich war sie bewegter und

erschütterter, als es äußerlich erschien. Wenn sie dem unbequemen Gast

mit einer einfachen Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie es

tun.

»Was ist es, Herr Doktor?«

»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die Hände Eurer

Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war nicht immer amerikanischer

Bürger. Im Jahre 1927 lebte ich als britischer Untertan in

Mesopotamien. Ein Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung,

die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich setzte die

britische Regierung davon in Kenntnis, und der Erfinder verschwand

im Tower. Ihr Gemahl Lord Maitland muß darüber Bescheid wissen oder

sich doch mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir. Ich muß

wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener im Tower lebt ...

er wäre jetzt 65 Jahre ... oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie

mir und seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.«

»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten sprechen. Was geschehen

kann, um Ihnen die gewünschte Auskunft zu geben, soll geschehen.«

* * * * *

Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett zu einer

Besprechung bitten lassen. Die Männer, welche vor dem Lande und dem

Parlament die Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des

britischen Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal in

Downing Street versammelt. Lord Gashford blickte sorgenvoll und sah

überarbeitet aus. Er eröffnete die Sitzung mit einem kurzen Überblick

über die politische Lage.

»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten auf dem

Grundsatze geruht, Kräfte, die dem Reiche gefährlich werden konnten,

gegeneinander zu binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst für

Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege erfolgreich auf die

überseeischen Mächte angewendet werden. Der Streit zwischen Amerika

und Japan setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten Überbleibseln

europäischer Kolonien zu säubern. Leider haben diese Streitigkeiten mit

dem vollkommenen Siege der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft

der Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft gebunden.

Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San Franzisko. Unsere

Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen Staaten Südamerikas in

einen Gegensatz zur nordamerikanischen Union zu bringen. Die Erfolge

sind leider nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen, haben

bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt. Kanada ist in so enge

Beziehungen zur Union getreten, daß es heute nur noch formell zum

Reich gehört. Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an

das Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese Umwälzungen

vollziehen sich mit der Macht elementarer Ereignisse. Wenn die Union

weise wäre, ließe sie die Zeit ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer

Spitze steht eine Person von unbezähmbarem Ehrgeiz.

Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges gefaßt sein. Wir

stehen Erscheinungen gegenüber, die sich in keiner Weise irgendwie

vorausberechnen lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner

Vorgänger vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle müssen wir jeden

Moment in der Lage sein, die Herausforderung anzunehmen und für den

Bestand des Reiches zu kämpfen.«

Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität, erhielt das Wort:

»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie darauf gerichtet,

den Seeweg nach Indien zu beherrschen. Eine Flotte von achthundert

U-Booten liegt tiefgestaffelt auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko.

Ihre Basis wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar

und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben auf der Länge von Island

fremde U-Boote gesichtet. Seitdem ... es sind jetzt drei Tage ... sind

unsere Boote und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei Sekunden

nach dem Alarm können die Rohre von Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser

Zustand läßt sich aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven

der Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber heute als

morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie zerrüttet sein, wenn es nicht

zum Schlagen kommt.

Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von 30000 Flugzeugen. Ich

sehe nicht, wie ein Gegner in das Mittelmeer eindringen könnte.«

Der Premier ergriff von neuem das Wort.

»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien sichert. Aber

auch die Beherrschung des Landweges bleibt erwünscht. Warum haben

wir Konstantinopel vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht

benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und Belgrad nach

Konstantinopel.

Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe hat leider die

irrtümliche Meinung, daß wir an allem seinem Unglück seit 1904 schuld

gewesen sind. Der Deutsche wird immer noch von der eigenartigen Idee

beherrscht, daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit der Verträge

gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose, der Spanier und der Italiener

sind verstimmt, weil wir sie aus Afrika entfernt haben.

Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren zu wenig Wert

auf die Bildung der öffentlichen Meinung in Europa gelegt haben.

Wir haben es nicht ungern gesehen, daß Rußland sich allmählich vom

Bolschewismus säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade

willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden Rußland den

Versailler Vertrag revidierte.

Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung zwischen Deutschland

und Rußland eine Macht geschaffen wurde, die sich im Laufe der Zeit

automatisch zu einer Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln

mußte. Die Folge war die Verständigung zwischen Frankreich und den

beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung der deutsch-französischen

Industriegemeinschaft.

Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als meine wichtigste

Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft zu lockern. Wir haben es

versucht, den Chauvinismus in den betreffenden Ländern nach Kräften

zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend. Der große

Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig. Immerhin müssen

wir in dieser Richtung weiterarbeiten. Ich komme zu dem Ergebnis, daß

England moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen muß.«

William Chopper, der Presseminister, erbat sich das Wort:

»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse Zeit. Außerdem

... die kontinentale Presse ist in festen Händen. In Afrika und Asien

können wir jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland eine

deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu zu schaffen, ist

sehr schwer für uns. Wir können nur den englischen Korrespondenten

dieser Zeitungen durch unsere eigene Presse bestimmte Ansichten in

solcher Weise einimpfen, daß sie dieselben schließlich für eigene und

durchaus dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.«

Lord Gashford sprach weiter:

»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert werden. Wir

brauchen die volle Kraft der europäischen Industrie für uns. Sie werden

auf dem Kontinent bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem

kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen Lastflugschiffe aus

Europa an Kriegsmaterial wegschleppen, was sie kaufen können. Das muß

verhindert werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien liefern.

Er muß ein Interesse an unserem Siege haben ...«

Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel seinem Kollegen

ins Wort:

»Es gibt eine Möglichkeit ... Alle Staaten des Kontinents schleppen

die Kette amerikanischer Schulden hinter sich her. Wir müssen ihnen

die Annullierung dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein

Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen sein, was sich für

diese Versprechen einhandeln läßt. Lieferung von Kriegsmaterial

ausschließlich an uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich

direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem Versprechen

erreichen läßt ...«

Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche auf. Der Plan

des Finanzministers war einleuchtend. Er war genial und wie alle

genialen Sachen verblüffend einfach.

William Chopper übernahm es, die Idee mit der nötigen Vorsicht in

die europäische Presse gelangen zu lassen. Es war notwendig, daß von

privaten Stellen gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit,

aus der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in Europa

ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich für die

Durchführung dieser Propaganda verlangte, ließ sich der Presseminister

auf zehn Tage herunterhandeln.

Lord Gashford sprach:

»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und Bodenschätze erst

nach England zu schaffen und hier zu verarbeiten. Wir müssen in Afrika

eine Kriegsindustrie aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen

Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren, ich halte es sogar für

möglich, daß die britische Regierung bei Kriegsausbruch nach Äquatoria

übersiedelt.«

Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die englische Regierung

sollte die britische Insel aufgeben, sollte London verlassen? Das war

nach der politischen Tradition etwas ganz Unerhörtes.

Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu einer Erklärung

verpflichtet.

»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer Gegner

aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen als eine Ausgeburt

der Hölle. Der Diktator hat einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben

versehen lassen, durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in

die Luft gewirbelt werden.«

Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller Munde.

»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook mit schneidender

Stimme. »Möge ihn selbst die Pest befallen.« Erst nach Minuten konnte

Lord Gashford fortfahren:

»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit. Wir

wissen genau, welche Teile der Flotte mit den G-Bomben ausgerüstet

sind. Unsere Luftstreitkräfte müssen sich bei Eröffnung der

Feindseligkeiten augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie

vernichten, bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt

es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für den

betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht genommen.

Noch eins, meine Herren« -- die Sätze wurden langsam unter Betonung

jedes einzelnen Wortes gesprochen --, »es wäre in diesem Falle nicht zu

vermeiden, daß die Krankheiten auf das Festland übertragen würden.«

»~Right or wrong, my country~«, kam es halblaut von den Lippen

Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten es nach. Lord Gashford sprach

in der langsamen, betonten Weise weiter:

»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren ... der Pfeil würde

auf den Schützen zurückprallen ... das war es, was ich noch mitzuteilen

hatte.«

Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des Kontinents

die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit, die amerikanische

Verschuldung loszuwerden. Der Apparat William Choppers arbeitete

bereits.

Teil II.

Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei Menschen stumm

umarmten. Der Tag, an dem die große Erfindung vollendet war.

Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und Werkstatt lagen

hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit in der Werkstatt, um die

Konstruktionen auszuführen, war körperlich leichtes Spiel, geistige

Erholung.

Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse, die immer wieder

unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches Genie bewältigt.

Wenn bei den anderen die Zweifel laut oder leise sich regten, hatte

er das Problem mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite

angefaßt. Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge, denn Silvester

war körperlich nicht eben der stärkste. Es kam wohl vor, daß er die

Hände auf das in der Entdeckerfreude übermäßig pochende Herz pressen

mußte, daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte, bevor der Kampf

weiterging.

Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester mit glückselig

stolzem Lächeln seine Feder hin. Das Heureka des siegreichen Forschers

kam über seine Lippen. Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen,

todähnlichen Schlaf.

Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen auf seinem

Lager.

Atma hielt dort die Wacht.

Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen. Mit übervollem

Herzen stürmte er hinaus, um allein und im Freien seiner Gedanken und

Pläne Herr zu werden.

Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die seit Wochen in ihm

brodelten, zerrissen und sich von neuem zusammenballten, wollten sich

jetzt verdichten und Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er

durch den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen war.

Auf steilen Grashalden ging es bergan. Geröll und Felsblöcke zwangen

ihn, seine Schritte zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang

er nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein Rauschen drang nur

noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden zogen an den Talwänden.

Ein frischer Wind pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut vom

Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er ließ sich auf einem

Felsblock am Rande des Abhanges nieder. So saß er lange still und starr

wie der Stein unter ihm.

Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen Nächte begannen

zusammenzuklingen zu einer klaren, starken Melodie. Zu einem

unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm

ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen Steinhalden, dem

dunklen Grün der Föhren, den Spitzen der fernen Bergkämme.

In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite Räume und Zeiten,

verknüpfte das Gegenwärtige mit dem Vergangenen und Zukünftigen. Die

Erinnerungen an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen Lehren

und Sprüche, immer wieder mit der gleichen Überzeugung und Gläubigkeit

vorgetragen und immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt war

die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong Tzo mit lächelnder

Zuversicht vorausgesagt.

Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein irdisches Dasein in zwei

Leben teilte.

Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung erkannte, als

er die Möglichkeit erblickte, mit ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze,

seine Gesetze vorzuschreiben, hatte ihn die Größe des Gedankens

erschreckt und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden.

Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo gesprochen und ihn zu

seinem Werkzeug erkoren.

Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais zurück. Siegesgewiß.

Von der Idee an seine Mission erfüllt und getragen.

Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht. Erfindung ...

Strahler ... Konstruktionen, alles das lag traumhaft hinter ihm.

Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung vollkommen war,

kehrten seine Gedanken ungehemmt zu früheren Dingen zurück. Sie gingen

nach Trenton. Sie flogen zu Jane.

Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich, daß er in

diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen vergessen konnte. Hatte ihn

das Problem verzaubert? War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte keine

Antwort darauf.

Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten ihre

Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte sie im traulichen

Beisammensein im Lichtschein der Lampe. Er sah, wie beim Sprechen

ein rosiger Blutschimmer ihre zarten Wangen färbte und wie ihre

Augen aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem

schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen.

Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er mußte zu Jane,

mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit bringen. Liebe und Furcht

mischten sich in seinen Gedanken.

Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors. In fliegender Hast

trug er ihm seine Pläne und Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet.

Die Ausführung war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung

etwas länger dauerte, was verschlug das.

Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die Wünsche Silvesters.

»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig werden?«

»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner Seite? Aus Janes Munde

wäre es berechtigt.«

»Und unsere Mission?«

Erik Truwor sprach es mit starker Stimme.

»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir mein Innerstes. Die

Erfindung ist vollendet. Was ich zu geben hatte, habe ich gegeben. Die

Werkstattarbeit geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage früher

oder später an?«

»In ein paar Tagen können Tausende von Männern fallen, Tausende von

Frauen Witwen werden. In ein paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als

in Jahrzehnten wieder gutzumachen ist.«

»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster Zeit den

Kriegsausbruch?«

»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse fallen. Deshalb

muß der Apparat so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Wir sind

ausgeruht. Nichts hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.«

Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle kämpften in seinem

Inneren. Er sah Jane in den Händen Glossins. Er sah Schlachtfelder,

bedeckt mit Toten und Verwundeten ... Ehre und Gewissen zwangen ihn,

seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit blutendem Herzen.

»Aber ...« Die tiefe Erregung spiegelte sich in seinen Augen wider

... »Aber woher nimmst du die Gewißheit, daß der Krieg schon in

allernächster Zeit ausbrechen wird? Dein Glaube gründet sich doch nur

auf Mutmaßungen.«

Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder.

»Du, Atma! Du sagst es?«

»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in denen ihr

arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in den Händen der feindlichen

Brüder, bereit zum Töten.«

Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen Atmas waren

untrüglich. Er wendete sich ab, um seine innere Bewegung zu verbergen.

Da fühlte er die Arme des Inders sich um seine Schultern legen.

»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond vollendet. Als ich

in der vergangenen Nacht an deinem Lager wachte, sah ich, wie die

Schwerter sich in ihre Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer

blieben am Griff.«

»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?«

Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt den Papierstreifen

des Telegraphenapparates zwischen den Fingern.

»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in diesen Telegrammen

erklären.«

»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben Zeit. Zeit, deinen

Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche Silvesters zu erfüllen.«

Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig Stunden brauchte

er die Hilfe Silvesters noch, um alle Teile der neuen Konstruktion

so weit fertigzumachen, daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen

brauchte.

Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester dagegen zu

kämpfen. Atma nahm die Partei Erik Truwors.

»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben wir hier getan, was

zu tun ist, und holen das Mädchen.«

Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen seiner Freunde. Von

neuem begann ein Arbeiten, ein Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl

und Kupfer gewannen neue Formen, und in achtundvierzig Stunden wuchsen

die Teile, die den neuen großen Strahler bilden sollten.

* * * * *

Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität vor einem

dickleibigen, verstaubten Aktenstück und wandte Blatt um Blatt.

Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen Hand geschrieben, die

kurze Mitteilung, durch die er damals die Aufmerksamkeit des englischen

Distriktskommissars auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte

von dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden, und hatte

seine Wirkung getan. Die folgenden Schriftstücke sprachen davon.

Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den Oberkommissar,

daß eine Bande räubernder Eingeborener den Ingenieur Bursfeld

entführt hätte. Mitteilungen über die Mobilmachung von Militär. Eine

Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die Mitteilung, daß

das Sommerhaus Bursfelds bei der Entführung in Flammen aufgegangen

wäre. Ein Bericht, daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen

Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin und sein Kind nirgend

aufzufinden seien. Bis dahin konnten die Berichte in jeder Zeitung

stehen. Die englische Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers,

und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen war. Dann

wurden sie ernsthafter und waren nicht mehr für die Öffentlichkeit

geeignet.

Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine erste Vernehmung über

seine Erfindung. Seine Weigerung, irgend etwas zu sagen. Wiederholte

Vernehmungen im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das gleiche

negative Ergebnis.

Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung, daß man

Gerhard Bursfeld in der fünften Woche seiner Gefangensetzung tot auf

seinem Lager gefunden habe. Nach einem Gutachten des amtierenden Arztes

am Herzschlag verschieden.

Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen Vergangenheit

fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld war tot. Er war gestorben, ohne

daß die englische Regierung etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte.

Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen, was er

seinem Freunde damals entlockt hatte: Die Behauptung der theoretischen

Möglichkeit, an einem Orte erzeugte Energie ohne materielle

Verbindungen an einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren.

Ein kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte

Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit einem kleinen Apparat ein

paar Manöver ausführte. Die strikte Weigerung des Freundes, irgend

etwas Weiteres zu sagen.

Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration« hämmerten dem Doktor

in den Schläfen. Gerhard Bursfeld hatte die Worte gebraucht. Er war

einem Geheimnis auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden Staate

die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager konnte man mit

diesem Mittel aus der Ferne sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des

einzelnen Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß

in den großen Rohren der Flottengeschütze.

Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des Aktenstückes.

Es enthielt die wenigen Papiere, die man bei der Leiche des

Inhaftierten gefunden hatte. Seinen Paß und ein kleines Notizbuch mit

Bleistiftaufzeichnungen. Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf

die ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den damaligen

Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte über den Überfall und

die Entführung. Dann die Tragödie im Tower. Das weiße Papier des

Notizbuches war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten

Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten Zeilen des

Kalendariums gekritzelt. So waren sie wohl der Aufmerksamkeit seiner

Wächter entgangen.

»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß Rokaja und Silvester

tot sind.«

»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine Erfindung durch

Hypnose zu entreißen.«

»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf gesprochen ...

Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne ihnen doch. Eine Luftblase in

eine Vene geblasen, ich bin frei. ... Heute noch, bevor die Nacht

kommt. Rokaja ... Silvester ... ich sehe euch wieder.«

Damit brachen die Mitteilungen ab.

Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen natürlich jedes

gefährliche Stück abgenommen. Aber ein Mann wie Gerhard Bursfeld wußte

immer noch hundert verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine

Vene anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den der Bericht

als Todesursache angab, war dem Doktor Glossin vollkommen klar.

»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese Worte bereiteten

ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld war schwer zu hypnotisieren. Es war

anzunehmen, daß er den hypnotischen Einfluß gespürt ... während des

Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte und darüber

erwacht war. So konnte es sein. Doktor Glossin suchte sich einzureden,

daß es so gewesen sein müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig.

Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem Gast zu sehen.

»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?«

»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen Bemühungen, der

britischen Regierung einen Dienst zu erweisen, vergeblich waren ...

Leider. Die Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen

wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt aus den Angeln zu

heben. Er hat es mit ins Grab genommen.«

Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete jeden Zug und jede

Miene des Lords. Aber dessen Antlitz blieb völlig unverändert.

»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere Regierung hat sich

damals viel Mühe um den Fall gemacht. Wie Sie sehen, ganz umsonst.

Es hat oft solche Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was

erfunden zu haben. Sie hätten den armen Narren ruhig bei seinem Bahnbau

sitzen lassen können. Jedenfalls bin ich erfreut, Ihnen in dieser

Angelegenheit gefällig gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu

verfügen, wenn Sie weitere Wünsche haben.«

Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs äußerste verbunden

und hätte keine weiteren Wünsche. Wenn Seine Lordschaft jemals einen

Gegendienst ...

Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von Höflichkeitsfloskeln.

Sie gingen ihm von der Zunge, ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte.

Dabei aber erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung einen

suggestiven Befehl.

»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage es.« Er hütete sich mit

Gewalt, dabei selbst an die Erfindung zu denken, denn er kannte die

Gefahr, daß diese Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen

eigene reproduziert wurden.

Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten Amerikas

mit denen Englands. Die Redensarten der einen Seite waren genau so

belanglos wie die der anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard

Bursfeld sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte.

* * * * *

Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen geknüpft hatte,

trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit an. Er achtete kaum der

Zeiteinteilung und arbeitete die Tage und die hellen Nächte, nur

getrieben von dem einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und

dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das Teuerste war.

In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen, die

letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube geschnitten war. Da

ließ er den Drehstahl aus der Hand sinken und wandte sich zu Erik

Truwor: »Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden

und gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest. Doch du

... du ...«

»Du ...? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest du sagen.«

Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen Worten

lag.

»Du, Erik? Du, auch du ...«

Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die Stirn Erik

Truwors furchten. So hatte auch Erik Truwor, der gegen alle Anfälle des

Lebens gefeit schien, ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer.

»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte, von der ich

nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß dein Stahlherz je Frauenliebe

verspürte.«

»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren. Der es besitzt, hat

es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung erworben. Die Wunde ist

verharscht ...«

Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort: »Ganz verharscht und

geheilt seit dem vorgestrigen Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern

kann ich heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste Mensch

auf Erden war ... und dann der unglücklichste ... Es war während meines

Pariser Aufenthalts.

Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran.

Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich. Dann ging ich zu

meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung. Ihre Rechtfertigung ging an

meinem Herzen vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von Paris,

durchirrte die Welt.

Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand. Heute denke

ich anders darüber. Wenn ich heute ... Warum davon noch sprechen.

Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt, was mir Herz und Hirn

erfüllt, schaltet jeden Gedanken an ein Weib aus.

Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten soll ... Wenn du wieder

zurück bist, wenn dein Herz frei von der Sorge ist, will ich dir sagen,

wozu das Schicksal uns bestimmt hat.«

»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein Versprechen. Ich habe

getan, was ich tun sollte.«

Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach Atma: »Es ist nicht

gut, das Mädchen in der Hand der Gewalt zu lassen.«

Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet in die Ferne.

Die Pupillen zogen sich eng und immer enger zusammen. Seine Hände

ruhten auf einem tibetanischen Rosenkranz.

»So sah er aus, als er mir riet ... nein, befahl, nach Trenton zu

gehen.«

Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen Minuten

erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des Regungslosen. Seine

Pupillen bekamen wieder ihre natürliche Weite. Er sprach: »Die

feindliche Kraft ist am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt

auf Böses. Wir müssen den Ring holen ... und das Mädchen.«

Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf die Männer käme es an.

Die wären zusammen!

»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?«

Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor antwortete in der

gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet den dritten Ring!«

»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege des Lebens sind

tausendfach verflochten. Was dir Nebensache erscheint, wird zur

Hauptsache, wenn das Rad sich dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen

und dann ... alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.«

Atma hatte es leise und monoton, noch unter der Einwirkung des

kataleptischen Zustandes gesprochen. Aber ein zwingender Wille ging von

den Worten aus. Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung.

»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring und das Mädchen holen.

Ich bleibe hier und baue den Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten

auf. Tut, was ihr tun müßt ...«

»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.«

Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und Wochen untätig

verbringen konnte, der Stunden hindurch, in die Betrachtungen

seiner Lehre versenkt, wie eine Bildsäule saß, während Erik Truwor

und Silvester mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so

tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat.

»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen sind nachzusehen. Das

Schiff muß hierhergebracht werden. Den kleinsten Strahler müssen wir

mitnehmen. Wir könnten ihn brauchen.«

Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner Weisung.

In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft zu tun vermag,

geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff lag auf der Wiese vor dem

Truworhaus. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein

kurzer Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken.

Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem Feld zurück. Die

Strahlen der Mitternachtsonne umströmten ihn. Er stand und sah, wie die

Sonne vom tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob und stieg.

Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die alte Weissagung.

Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm, der oft willens gewesen, das Leben

wie ein unbequemes Gewand abzutun, wieder Daseinszweck.

Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den alten

Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits von den anderen

Büchern in einer Truhe lag.

Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament die

handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen und Urahnen. Zurückgehend

bis in das zehnte Jahrhundert. Jede große europäische Bibliothek

hätte diesen Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so

oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant lateinisch

geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches Latein. Der

Schreiber brauchte lateinische Worte, aber altnordischen Satzbau. Er

schilderte die Ereignisse, die sich zweihundert Jahre früher, um die

Mitte des zehnten Jahrhunderts, begeben hatten.

»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine Gesandtschaft zum

Stamme Ruriks. Die sprach: Sendet uns Männer, die uns beherrschen,

denn wir können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen

gehorchen. Zwietracht verheert das Land ...«

Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen. Männer aus Nordland hatten

das zwieträchtige Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren.

Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber sie wiederholt

sehr oft ein altes Thema mit freien Variationen.

Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die Gegenwart. Als

letzte Bemerkung stand dort, von Eriks Hand geschrieben, der Tod Olaf

Truwors eingezeichnet. Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf

zwei Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die helle Nacht

blickten, als wollten sie kommende Jahre durchspähen.

Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters vertiefte, desto

gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie gewährte. Immer wieder

suchte er mit nüchternen Gründen gegen das Überwältigende der Idee

anzukämpfen. Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen

Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze Welt verleihen solle.

Und doch gelang ihm die Widerlegung nicht.

Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum verscheuchen,

der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten- und zwölftenmal von einer

anderen Seite aus, und immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das

nämliche Ziel.

Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch in Form

drahtloser Depeschen. Der Strahler ersetzte jede drahtlose Station.

Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte Strafen auf die

Mißachtung setzen, und er war in der Lage, schwer zu strafen. Ganze

Regierungen konnte er einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher

Staaten zur Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch

unbrauchbar machen.

Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte seine Macht. Er war

ein einzelner, war ein sterblicher Mensch gegen Millionen anderer

Menschen. Ein Schuß konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem

Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit treten,

nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt erfahren. Seine Macht war

übermenschlich, solange sie geheimblieb und vom unbekannten Orte aus

wirkte. Sie wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung

errieten.

Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des alten Folianten

durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament zum Büttenpapier und

schließlich zu einem Schuß glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor

dem Buche eingeheftet hatte.

Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift seines Vaters: »Mit

seltener Hartnäckigkeit hat sich in unserer Familie die Sage erhalten,

daß ein Sproß unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben wird.

Ein Harald Truwor hat den Glauben an die Legende Anno 1542 mit seinem

Kopf bezahlt. Ich habe es immer vermieden, von dem alten Spuk zu

sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt endlich zur Ruhe.«

Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln. Es war ihm

schon klar, wie solche Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben

wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind davon gehört,

und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben. Auch ohne die

Aufzeichnungen seines Vaters hätte er darum gewußt. Etwas anderes

erschien ihm wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das Schicksal

die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich auf Jahrtausende im

voraus? Die Frage quälte ihn, und er konnte die Antwort nicht finden.

* * * * *

Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und bewaldeten Anhöhen

umgeben, liegt eingebettet in ein Meer von Grün. Die letzten Bäume

des Waldes berühren mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude.

Einzelne Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen sich

nahe der Besitzung zu einem stattlichen Bach. Kurz vor der Farm ist er

gezwungen, seinen Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch

die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der Ebene an die

Besitzung anschließen.

In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von einem großen

Schattenhut überdacht, schritt Jane über den schmalen Brettersteg,

der den Bach überbrückte. Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe

hinaufzusteigen, auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr

Blätterdach weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen den

rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen Stammes hatte sie ein

Plätzchen gefunden, wo sie wie in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von

hier aus vermochte sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und die

weite grüne Grasfläche zu überblicken.

Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst der großen Staatswerke

stets über dem Orte lagen. An den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ

Jane die frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr trunkenes

Auge über die weite grüne Landschaft schweifte. Wie glücklich hätte

sie hier sein können. Wie wäre die Mutter in diesem milderen Klima

aufgelebt, vielleicht ganz gesundet ... und Silvester? ... Wo war er?

Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen von ihm? ... Trübe Schatten

senkten sich auf ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob ihre

Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an den Gedanken, daß er bald

kommen und sie holen möchte.

Dr. Glossin? ... Gewiß, er war stets liebevoll und zuvorkommend zu

ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene Gedanken in ihr auf.

Beunruhigend, warnend, trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der

Zwiespalt quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm für

immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie Silvester finden, wenn

sie nicht mehr in Reynolds-Farm weilte?

Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu einem Buch, das

sie der Bibliothek des Doktors entnommen hatte, und begann zu lesen.

Doch nicht lange. Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger

Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des Doktors, der

nach ihrem Weggange gekommen und von Abigail nach der einsamen Buche

geschickt worden war.

Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie von

Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich gezeichnete

Gesicht mit den rosigen Farben und dem sanften Mund. Er kniete neben

ihr nieder, ergriff behutsam ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen

Blicken zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte.

Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr streitig machen können.

Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft und ungewöhnlicher

Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose an ihm war sein Gewissen. Tiefere

Herzensbedürfnisse hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der

Zufall, daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft in ihm

weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer gewissenlosen Moral

willig gemacht. Wären die Mauern von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen,

sie hätten über manche Tragödie Aufschluß geben können, die irgendwo

begann und hier ihren Abschluß fand.

Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in seinem Leben gehabt.

Damals, als Rokaja Bursfeld seinen Weg kreuzte.

Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das gute Medium für

seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt, ein wertvolles Mittel für

die Ausführung seiner Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal

Interesse genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in ihrem

Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen Leidenschaft in

dem alternden Mann aufloderte.

Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser Leidenschaft

Herr werden zu können. Daß das Mädchen ihn, der dem Alter nach

recht gut ihr Vater sein konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja

vielleicht nie lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein

Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden.

Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der seinen ruhte, und

preßte die Lippen darauf. Mit einem leichten Ausruf des Schreckens fuhr

Jane aus ihrem Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte sie

der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung.

»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! ... Oh, wie freue ich mich, daß Sie

gekommen sind. Sie werden mich undankbar schelten, aber ich muß es

Ihnen sagen, die Einsamkeit in Reynolds-Farm bedrückt mich.«

»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich länger bleibe ... für

immer bei Ihnen bleibe, Jane?«

Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe, die aus den

Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung. Sie wollte sagen,

daß er sie falsch verstanden habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg

wolle. Und brachte doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht

über die Lippen.

Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin, daß Janes

Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr gegen ein wärmeres Gefühl dienen

sollte.

»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?«

Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in der seinen. Ein

Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam über ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist ...« -- sie legte die Hand

aufs Herz --, »es ist so fremd hier.«

»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine ist, soll

auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an. Ich will offen mit

Ihnen sprechen. Ich verlange nach einem Heim, einem Weib, einer

Friedensstätte. Der Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre

geliebte Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer nicht,

ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes junges Leben an das

meine ketten will. Aber ich kann nicht anders, und, Jane, ich liebe

Sie, liebe Sie mehr, als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen,

wohin ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein Weib? ...

Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie entziehen mir Ihre Hand und

wenden sich ab von mir?«

Glossin schwieg. Seine Stimme war während der letzten Worte immer

leiser geworden, sein Atem ging schwer. Er richtete sich auf und

starrte auf Jane, welche die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte

und weinte. Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt,

nicht entmutigt.

»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner stürmischen Werbung

erschreckt. Ich will Ihnen Zeit lassen, mir die Antwort zu finden. Sie

werden mich näher kennen- und liebenlernen.«

»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie lieben!«

Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche,

unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich.

»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis für das, was ich

leide, kein Gefühl, kein Mitleid?«

Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust arbeitete heftig.

Die Leidenschaft übermannte ihn. Er warf sich ihr zu Füßen nieder und

flehte um Erhörung.

»Nein, ich will Sie nicht länger hören.«

Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor dem Doktor zurück.

»Ich will nicht ... will nicht«, und ehe er Zeit hatte, sich zu

erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in fliegender Hast den

Abhang hinunter.

Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte ihr Glossin nach

... Was beginnen? Mit innerer Qual durchlebte er den Auftritt in

Gedanken noch einmal. Und dann überkam ihn mit wütender Scham das

Bewußtsein, daß er verschmäht war.

Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als wollte er alle

bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken.

»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich? Diesem Logg Sar

gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir nicht entgehen, und wenn die

Hölle mit ihm und seiner Erfindung im Bunde stände!«

So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause zu. Ohne Zaudern

trat er in Janes Stübchen.

Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu dem Schlafzimmer

führte, daß Jane vor einer Handtasche kniete und Kleider und Wäsche

hineinpackte.

»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie du willst, sondern

wie ich will. Und ich will dich an Reynolds-Farm ketten, fester, als

Wächter und Gitter es vermöchten.«

Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam auf sie zu. Jane

drehte sich um und öffnete den Mund, als wolle sie einen lauten Schrei

ausstoßen. Doch kein Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder

schlossen.

»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht haben, liebe Jane. Legen

Sie sich auf den Diwan, und ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir

werden es gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach werde

ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid tun, wenn ich wieder

fortgehe?«

»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn ich wieder allein

bin ... ohne Sie.«

Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen Mund. Er trat

an das Ruhebett, auf das sich Jane mit geschlossenen Augen niedergelegt

hatte, heran und setzte sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren

warmen Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen Körpers

umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten Lippen schienen nach Küssen zu

verlangen. Er öffnete die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch

die Vernunft siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne sich

umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich aufeinander, als habe er

einen bitteren Trunk getan.

* * * * *

Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten Deutschlands,

Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße

zusammen. Sie hatten sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame

Haltung in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt zu

verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands, faßte das

Ergebnis der langen Unterhaltung noch einmal kurz zusammen.

»Die Sympathien ... oder vielleicht sage ich besser die Antipathien ...

für die beiden Gegner sind in den von uns vertretenen Ländern ziemlich

gleichmäßig verteilt. Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen

oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir sind an Amerika

verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich die Annullierung

unserer amerikanischen Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in

Aussicht stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen,

so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein günstiges Geschäft für

unsere Staaten bedeutet. Wir müßten unsere Länder den englischen Heeren

für den Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer

an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines unserer Länder

interessiert ...«

Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands, nickte

schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er gedachte der Zeit vor vierzig

Jahren, als sein Vaterland sich als erstes europäisches Reich für

englische Interessen verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit

einem Zwischensatz heraus.

»~C'est ça~ ... wir bluten, und England erntet.«

Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es ist für uns

auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte Neutralität zu

wahren und für die beiden kriegführenden Parteien mit allen Kräften

zu liefern. Die Industriegemeinschaft, welche die französische und

deutsche Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet, wird die

Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial aller Art erleichtern.

Um auch Einheitlichkeit mit der russischen Industrie zu sichern, wird

so schnell wie möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet.

Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis bewilligen. Wir werden

die Preise so stellen, daß wir unsere Schulden loswerden und darüber

hinaus verdienen. Das, meine Herren, wären die ersten beiden Punkte

unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität und Lieferung an beide

Teile zu vereinbarten Preisen. Es ist drittens die Möglichkeit erörtert

worden, daß der eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität

nicht respektiert. Dann ist der ~Casus foederis~ gegeben. Unsere drei

Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch einen der Kriegführenden

mit vereinten Kräften abwehren.«

»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von Fuchs sagte es langsam und

bedächtig.

Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben, verdienen und einig

sein.« So präzisierte es der Marquis de Villaret noch einmal in drei

Schlagworten.

»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung vorausgesetzt, ein

Kommuniqué für die Abendblätter ausgeben lassen. Der telegraphische

Bericht wird für Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué

wird nur den Beschluß der Neutralität und die feste Entschlossenheit,

diese mit allen Mitteln zu bewahren, enthalten. Die wirtschaftlichen

Abmachungen bleiben vorläufig unerörtert.«

Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret bestiegen ihre vor dem

Amte wartenden Kraftwagen.

Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt. Alte Veteranen aus

dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen eines Kampfes auf der

Brust trugen, der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter

Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr von den Hunger- und

Elendsjahren Deutschlands wußte. Dazwischen Männer in bestem Alter.

Vertreter der Industrie und des Handels. Repräsentanten großer Werke

und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande vor dem eisernen

Gitter ihre Stunden, die sie sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen

ließen. Die Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten

hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa in Aufregung

gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen Kollegen bis an

den Wagenschlag, und während er ihnen zum Abschied noch einmal die

Hand schüttelte, sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so

laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten. Wie ein

Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf. Es lief die Linden entlang

und flatterte von Mund zu Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte

Neutralität!« ... »Wir bleiben neutral!« ... »Wir lassen uns von keinem

an den Schlitten fahren!« ... »Die Brüder sollen ihre Sache selber

besorgen!« ...

So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten hin und her.

»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun konnte.«

»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen unsere Knochen

und verdienen unser Geld.«

Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und Wilhelmstraße dem

anderen zu.

»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben absolut neutral.«

Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten aus dem Ministerium.

»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer von den beiden muß

siegen. Dem Sieger gehört dann die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.«

»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden werden sich

furchtbar schwächen. Wie die beiden Löwen in der Sahara, die sich bis

auf die Schwanzspitzen aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns,

Herr Geheimrat.«

»Der Himmel mag es geben.«

Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der einzige, der Bedenken

hatte. Schon erschienen die ersten Extrablätter und verkündeten die

Entschließung der Regierung.

An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen Zeitungen

und Industriewerke und teilten den Beschluß nach dem Rheinland, nach

Westfalen, Schlesien und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen

auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt war es gefallen.

* * * * *

Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener Stahlwerke, saß mit den

vier Generaldirektoren der Werke zu intimer Besprechung versammelt.

»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu der politischen

Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht mehr, daß sich die

weltgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen England und der Union

aufhalten läßt. Der Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an

eine friedliche Entspannung glauben könnte.«

Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze Pause und blickte

seine Mitarbeiter an. Unbedingte Zustimmung lag auf den Mienen von

Philipp Jordan, der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte.

Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor Georg Baumann.

Sie überschauten die politische Lage vollkommener als Professor

Pistorius, der Chefkonstrukteur, und Fritz Öltjen, der Schöpfer der

neuen Edelstahlfabrikation. Die beiden Techniker hatten noch die leise

Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die Kaufleute bereits eine

unaufschiebbare Auseinandersetzung mit Waffengewalt erblickten.

Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den Konflikt als sicher an,

so ist die Stellung Deutschlands und Europas zu ihm das Nächstwichtige

... für uns das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen wird

Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die sich seit einigen

Tagen mit der Annullierung der europäischen Amerikaschulden durch ein

siegreiches England befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine

direkte Beteiligung Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch. Sie

wäre überhaupt nur an der Seite Englands denkbar, aber dann wäre unser

Land den Einwirkungen der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos

preisgegeben. Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer direkten

Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft zu erörtern. Desto mehr

aber unsere Maßnahmen als neutraler Staat.

Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können, ohne unsere

Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität haben wir Gott sei Dank

verlernt. Mögen im Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier

oder dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft.

Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit unsere Volkswirtschaft zu

heben ... die letzten Spuren vergangener Kriegsjahre zu tilgen.

Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den Kopf nicht zu

zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen. Wie die Besteller die Ware

von dort weiterschaffen, ist ihre eigene Sache. Sind die Herren der

gleichen Meinung?«

Philipp Jordan erbat das Wort.

»Die Transportfrage ist für England sehr einfach. Es bringt die

Fabrikate auf dem Landwege und durch den Kanaltunnel bequem auf die

Insel. Bis Calais deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der

Unterseetunnel ... wenn er nicht wider Erwarten von amerikanischer

Seite zerstört wird.

Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote und Flugschiffe in

Betracht. Ich hörte, daß die Union mit zwanzig Prozent Verlust aller

Sendungen auf dem Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist

in ihren Kalkul eingestellt.

Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie ist nicht einmal

die Hauptsorge der Kriegführenden. Beide Parteien werden vielfach nur

kaufen, um die Ware für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig

hier im Lande lassen.«

»Dann die Frage der Preise?«

Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf Georg Baumann.

»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft

festgelegt. Nach unten, nicht nach oben ...«

Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste.

»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate. Wir haben

in der Gemeinschaft verhandelt und für den Fall des Kriegsausbruches

einen sofortigen Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.«

»Was sollen wir verkaufen?«

Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor Pistorius ging an

ihre Beantwortung.

»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden Krieges

abhängen. Für kurze Kriegsdauer Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer

Fertigfabrikate. Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher

Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet sein werden.

Es wird alles davon abhängen, ob der Krieg so lange dauert, daß ein

Ersatz des verlorenen Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen

durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht. Sie arbeiten

fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte. Inzwischen ist unser Typ

ausgebildet, der die anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die

Kriegführenden werden uns jeden Motor der neuen Type zu jedem Preise

aus den Händen reißen ...«

Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem Seitentisch. Ein

Briefchen sprang aus der Kapsel. Es war an Philipp Jordan adressiert.

Reinhard Isenbrand runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz

sollte nicht gestört werden.

Jordan riß den Umschlag auf.

»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet mir, daß Mr.

Stamford als Bevollmächtigter von Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will

unsere gesamte Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei

Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.«

»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.«

Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl besorgt war.

»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und knapp. »Nur feste

Mengen zum Konventionspreise.«

Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch die

pneumatische Post zurück.

Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche Dauer des

Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918 der große Europäische Krieg. Zwei

Jahre der erste Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe

konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte auch der kommende

Krieg kurz sein.

Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat. Eine neue

Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte eine Million Tonnen

Rohstahl fest kaufen. Es war ein Auftrag von zwei Milliarden Dollar.

Cyrus Stonard gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das

Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen Stunde bereits

in allen anderen europäischen Stahlwerken verhandelten, so mußte er

für rund fünfzig Milliarden Dollar kaufen. Öltjen überschlug die

Produktionsziffern der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte.

Jordan schrieb die Frage nach der Art der Zahlung.

Die Antwort kam in einer Minute zurück.

»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken des Kontinents.«

Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan.

»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte. Verpfändung

amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben und Petroleumquellen im

Werte von zwei Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.«

Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius sprach weiter:

»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation.

Aber wir haben zwei Spezialitäten, die auch für den Krieg in Betracht

kommen. Flugzeugmotoren. Dann unsere durch Kreisel stabilisierten

Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung ist

besser als die der Kriegsboote der streitenden Mächte.«

Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955 · 第 9 / 22 题