Beobachtungen ... Drei Personen sollen den Kraftwagen in Sing-Sing
bestiegen haben ... Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein
Zweifel, daß es R. F. c. 1 war ... Die anderen waren in seiner Wohnung
und haben die Aufzeichnungen geholt und mitgenommen. Hier bricht
die Spur ab. Ich werde sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen
... Telenergetische Konzentration ... Gerhard Bursfeld kannte das
Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden. Vererbung ... Zufall ...
Schickung? Wer weiß?«
Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel.
»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den Schlag wagt. Es wäre
unmöglich, wenn die Gegner das Geheimnis besitzen.«
* * * * *
Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß R. F. c. 1 Kurs
Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf dahin. Land und See lagen
dreißig Kilometer unter dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die
Benzolturbinen des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal
eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage.
Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im Zentralraum. In
einem Korbsessel, leicht ausgestreckt, die Gestalt eines etwa
Dreißigjährigen. Die Farbe seines Haupthaares war nicht zu erkennen.
Es war ganz kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes
zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie an Menschen
der weißen Rasse kennt, die lange in den Tropen gelebt haben. Die hohe
Stirn wies auf geistige Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig
schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder.
Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen
zu schaffen, die von der Zentrale aus den Gang der Turbinen
beeinflußten. Er war blond, blauäugig, von nordischem Typus. Eine
jener hochgewachsenen reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die
Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf zum Ulea und Tornea
findet.
Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit scharfem Glase
den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig, auch in seiner europäischen
Tracht als indisches Vollblut kenntlich.
Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt. Bald schwedisch,
bald deutsch. Bald wurde von allen Dreien fließend und geläufig ein
reines Tibetanisch gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten
die Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie gerade irgendein
Wort den Anstoß dazu gab.
Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug mit kahl
geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte.
Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem Dynastengeschlecht,
bediente die Hebel für die Maschinen und die Steuerung. Noch in
der ernsten bürgerlichen Kleidung, in der er als Zeuge zu der
Elektrokution gegangen war.
Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck. Jetzt ließ er das Glas
sinken und wandte sich den beiden anderen zu.
»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer ist hinter uns aus
dem Gesichtsfeld entschwunden.«
»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte und stellte die
automatische Steuerung fest ein. Mit frohem Lächeln wandte er sich zu
Silvester Bursfeld.
»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg Sar, wir sind in
Sicherheit. Wir fahren im schnellsten Flugschiff der Welt. Ein zweites
Schiff der Type existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können
sprechen.«
Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran und legte ihm die
Hand auf die Schulter.
»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige Stunden, und wir stehen
auf schwedischem Boden. Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt.
Wir haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing noch lange an den
heutigen Tag denken. Du mußt ihn möglichst schnell vergessen.«
Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend zu antworten
begann. Die ungeheure Erregung der letzten vierundzwanzig Stunden
führte jetzt zu der unausbleiblichen Reaktion.
»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen zu müssen? Den Tod,
einen schimpflichen und qualvollen Tod unaufhaltsam heranrücken zu
sehen?«
Der Sprecher schauderte zusammen.
»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen ... eine
Farce von einem Gericht ... zum Tode verurteilt. Im Besitze des
Rettungsmittels und unfähig, es anzuwenden ... dann erblickte ich dich
unter den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte ganz leise
zu hoffen ... Haben die anderen das Geheimnis gefunden?«
Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel zwischen den Händen,
ein reichverziertes, mit winzigen Glöckchen behangenes zylindrisches
Gebilde. Er hielt die Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten
mechanisch einen Knopf.
»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche des Dr. Glossin
kamen wir in deine Räume. Ich suchte, und Atma fand. Er sah den
Tschosor ...«
Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder ins Tibetanische.
»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text auf den Streifen
nicht vom Kleinod im Lotos sprach. Wir lasen deine Anweisung. Einen
halben Tag brauchte ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um
die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen. Dann hatten
wir den Strahler! In seinem Besitze, in der Kenntnis des Geheimnisses
war es uns leicht, die Maschine zu sprengen.«
Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach der Gebetmühle und
streichelte sie liebkosend.
»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber schrieb, steht auf
den Bändern. Ich will ihnen ...«
Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen.
»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken, daß sie ...«
Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener Schlangenring von
alter indischer Arbeit gleißte am vierten Finger. Ein Stein schimmerte
darin in wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün, und dann
wieder, wenn ein Strahl der elektrischen Lampe ihn traf, sandte er
blutrotes Rubinlicht aus.
Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner Hand wie an der
seines Gefährten. In Überraschung und Staunen weiteten sich die Augen
Silvesters. Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin und
her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger der eigenen Hand.
»Die drei Ringe des Tsongkapa ... Die alte Prophezeiung ... Vom Anfang
des Bogens der Wille ... Vom Ende das Wissen ... von Mitternacht ...
mein Ring fehlt ...«
War es das Flimmern der Steine, war es der strahlende Blick des Inders,
Silvester Bursfeld hielt stockend inne und schloß die Augen zu tiefem
Schlaf.
Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.
Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen Station.
Mit schnellen Blicken überflog er die Zeichen des aus dem Apparate
quellenden Streifens. Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob
und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen Steuerung,
bis die schwarze Marke genau über der Spitze des nordweisenden Kreisels
stand, der die Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte
das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador hin nordwärts
gerichtet auf den Pol zu.
Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen.
»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island. Wir müssen über
den Pol gehen, um die Sperre zu meiden.«
Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen großen
strahlenden Augen.
»Gezwungen?«
»Gezwungen!«
Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf, wo Silvester, in den
Schlaf fallend, gestockt hatte.
»... Von Mitternacht kommt die Macht.«
Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung. Der Moment trat ihm
vor die Augen, als der greise Abt von Pankong Tzo ihm den Ring auf den
Finger schob und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!«
Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung, an der sich die
Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten. Erik Truwor war ein
moderner Mensch. Er beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als
Ingenieur die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er den Ring
genommen und hatte ihn mit den Blicken des Naturforschers betrachtet.
Der Stein, eine Abart des Chrysoberyll, ein gut geschliffener
Alexandrit, der die Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün,
in künstlichem rot zu leuchten. Die Prophezeiung ... eine jener vielen
aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen, die man in jedem
Jahrhundert auf die Ereignisse der Zeit zu deuten versucht. Erik
Truwor wollte ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht
fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit alten dunklen
Überlieferungen zusammen, die in seinem Vaterhaus umgingen. Zu sehr
auch brachten sie in seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl
nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu klingen. Schon einmal
sollten die Truwors vor mehr als tausend Jahren den Völkern in den
weiten Steppen Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über diese
geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus, daß es nicht das
letztemal gewesen sein sollte. Ein dunkles Grenzgebiet tat sich hier
auf. Ein Ineinanderfließen grauer Vergangenheit und ferner Zukunft.
Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im fernen Osten Dinge
gesehen hätte, die ihm das Lachen verlegten. Dinge, für die das eherne
Kausalitätsgesetz seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei
denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War es blinder Zufall
oder war es irgendeine Fügung, daß sie jetzt infolge der erzwungenen
Abweichung vom kürzesten Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht
in ihre Heimat stoßen mußten?
»... Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die alte Weissagung. Er
entsann sich ihrer jetzt Wort für Wort.
»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das ließ sich auf Atma,
den im fernen Osten Geborenen, deuten, der die Fähigkeit der
Willensübertragung, der telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem
Maße besaß.
»Vom Ende das Wissen.«
Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig im Stuhle
schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger Tragweite gemacht hatte.
»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ es sich jetzt auf sie
alle drei zusammen deuten ...
Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu Minute unsicherer.
Der steuernde Kreisel, dessen Achse an jedem Punkte der Erde auf den
Polarstern weist, stand jetzt genau senkrecht.
Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten. Wo die Wolken einen
Durchblick ließen, wurden unendlich ausgedehnte Eis- und Schneeflächen
sichtbar. Der Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er jetzt
fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht kommen.
Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der Steuerung. In
weitem Bogen schwenkte das Schiff um einen Winkel von fünfundvierzig
Grad und schlug den Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten
verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich eine
schräge Lage an. Die automatische Steuerung begann wieder zu arbeiten,
und Erik Truwor konnte zur drahtlosen Station zurücktreten.
Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen viele Meter lang
unter dem Schreibrad hervorgequollen war ... Aufregende Depeschen aus
Amerika. Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen
von Washington. Dann wieder siedend heiße Telegramme der amerikanischen
Presse. R. F. c. 1 spielte die Hauptrolle darin.
Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung in Schottland
beobachtet haben. Der Äther war voll von gefährlichen Nachrichten.
Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich summten. Endlich
hatten sie das offene Meer unter sich. Das Nordkap kam in Sicht.
Gebirge, Fjorde, weite Flächen ... alles noch in bläulichem Nebel
verschwommen. Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach unten.
Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die dichteren Luftschichten
eindrang. Dann senkte er sich mit stehenden Maschinen im Gleitflug und
stand auf einer weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still.
Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht über die Augen.
Silvester Bursfeld erwachte und erhob sich erfrischt. Der magnetische
Schlaf hatte die Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden
verwischt. Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug erinnerten
daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode geführt werden sollte.
Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und stand fest und sicher
auf dem heimatlichen Boden. Sorglich half er Silvester beim Verlassen
des Fliegers.
»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen, Silvester, im alten
Schweden, in unserem Linnais! Ein neues Leben beginnt heute für uns
alle. Deine Erfindung, Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht
denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben. Wir werden uns
der Gabe würdig zeigen müssen.«
Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff gesprungen. Seine Frage
unterbrach den Gedankenflug Erik Truwors.
»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen. Die Luft hat
Augen.«
Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend über die silbern
schimmernde Wand des Schiffes. An den Körper einer Schwalbe erinnerte
sein Rumpf. Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich,
wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch den Äther dahinschoß. Der
Rumpf vom langausgezogenen Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf
Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet und an
den Rumpf gelegt wie die Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen
Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich diese blanken
Flächen aus, streckten sich von innen her gespreizt weit nach beiden
Seiten, bis sie fünfzig Meter klafterten.
Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit angefalteten
Schwingen.
»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben! Ein Andenken sind sie
mir für den elektrischen Stuhl schuldig.«
Silvester knurrte es unwillig vor sich hin.
»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen. Moralische
Verpflichtungen haben wir nach deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff
findet Platz in der Odinshöhle.«
Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der rechten Hüfte einen
kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz. Er ergriff ihn, wie man nach
einem Krimstecher greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des
Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann das Flugschiff
auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen. So gemächlich, daß
seine drei bisherigen Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen
vermochten. Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor ihnen her,
während Silvester Bursfeld es mit seinem Apparat verfolgte wie ein
Photograph ein Objekt, das er auf die Platte bannen will.
Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit steilem Gefälle führte
der Weg mehrere hundert Meter in die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich
selbst überlassen, mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen
kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war sie bisher wie
ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt wie eine Gemse. Vorsichtig
wand sie sich auf dem schmalen Pfade dahin ... und jetzt ... Silvester
Bursfeld neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere Maschine
hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft. Während ihre Propeller
stillstanden, während ihre Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen,
gaukelte sie wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die den
engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom Wege in ein Gewirr
von Blöcken und Heidekraut am Abhange ein. Noch wenige hundert Meter,
und eine dunkle Öffnung gähnte am Hange.
Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie ein Künstler. Er
hob und senkte, drehte und richtete ihn, kam im Bogen schließlich
gerade vor jene Öffnung zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere
Flugschiff.
In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine Spitze der Öffnung
zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit, und jetzt war es verschwunden.
Silvester folgte ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in
Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte.
Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen, hier von der Natur in
das Urgestein gesprengten Höhle. Eine kurze Schwenkung nach links. Das
Flugschiff verschwand hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester
jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff. Seine Räder
berührten den Boden und nun stand es sicher und unbeweglich auf der
ebenen, mit trockenem Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester
Bursfeld setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung und
ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten.
»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens nicht, wenn die Leute
in der Gegend noch denselben Respekt vor der Odinshöhle haben wie
früher.«
»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier glauben immer noch, daß
allerhand Geister in der Höhle hausen.«
Erik Truwor sagte es lachend.
»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um die Höhle. So leicht
wagt sich niemand hinein, so breit und offen ihr Eingang auch daliegt.
Sie haben Respekt davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das
Mittel, ihn wieder aufzufrischen.«
Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite. Aus dem Dunkel
der Höhle traten die drei wieder an den sonnigen Tag. Sie folgten dem
Pfade flußabwärts und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das
hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf hinabschaute.
* * * * *
»~Britannia rules the waves, Britannia rules the winds.~« Aus
Hunderttausenden von Kehlen drang die alte Melodie mit neuem Text und
brauste über die blauen Wasser des Solent. Die Flotte der leichten
englischen Luftstreitkräfte war plötzlich am Himmel sichtbar geworden.
Ihr Erscheinen bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe,
die am 11. Juni von der ~Aeronautical Federation of G. B.~ und dem
~Imperial Aero Club~ über dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und
der englischen Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu je hundert
kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten irgendwo in der Ferne aus
dem Blau des Himmels oder des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der
Luft ein lateinisches ~V~ wie die Zugvögel und hielten die Figur genau
geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten.
Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich ihrer tausend
waren. Bis hunderttausend Flugzeuge in einer dichten Wolke den Azur
des Firmaments mit dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles
durchsetzten.
Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des Solent umsäumte,
sang spontan das alte Lied. Unbekümmert von aller politischen Spannung
waren die Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel zu
sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen Luftflotte
führte zu diesem elementaren Ausbruch patriotischen Gefühles. Geschickt
hatten es die Regierenden verstanden, dem Empfinden der Menge
Rechnung zu tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit
und Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das Singen, das
Schwenken von Tüchern und Hüten nahm kein Ende, solange noch ein
Flugzeug zu sehen war. Dann ... so plötzlich wie die Flotte auftauchte,
war sie auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum Atlantik, von
den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand sie wieder über den Küsten wie
ein geschlossener Hornissenschwarm. Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser
und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu vernichten.
Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten worden.
Hier lagen die Luftjachten, in denen die vornehmen Mitglieder der
veranstaltenden Klubs zu dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer
und breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die Jacht des
Radscha von Rankure. Wenige Meter davon entfernt die wundervollen
Flugschiffe der Norfolks, Sommersets, der Cecils und vieler anderer. In
der Mitte von allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht.
Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität, Seiner
Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland Castle.
Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen Stellung die Verwaltung
der Luftstreitkräfte unter sich. Er gehörte dem Präsidium des Imperial
Aero Club an, und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den
Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des Geldes, deren
Flugschiffe das Feld bedeckten.
Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben nach drei
Seiten hin freien Ausblick. Nur die vierte Wand war massiv. Zwei
schmale Türen führten zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des
Flugschiffes. Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von Palmen
und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf aus schwerer Bronze war
etwa in Brusthöhe an der Wand befestigt und warf einen Strahl frischen
Wassers in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und Tische
waren dazwischen gruppiert.
Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland, im Kreise ihrer
Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos im Klubanzug erschienen
waren, so trug auch Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank
und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien Rock und
dem enganschließenden Jackett aus marineblauem Tuch. Mit gespannter
Aufmerksamkeit verfolgten auch die Damen die Vorgänge in den Lüften,
mit besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder hob sie den
Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. Ihre
dunklen Augen blitzten erregt. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen.
Jeder Nerv in ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort
oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen können,
daß ihr Temperament und Wesen nicht englisch waren, daß nicht allein
ihre Eigenschaft als Gattin des Luftministers sie besonders an diesen
Vorführungen interessierte, sondern daß ihre andersgeartete Natur die
Freude an den aufregenden Kampfspielen viel stärker zu erkennen gab,
als es bei den Damen ihrer Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges
englisches Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte.
Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren am Horizont
verschwunden. Alle Gäste wußten, daß man das eben gesehene Schauspiel
den Anordnungen des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer
Anerkennung nicht zurück.
»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade, daß die Amerikaner
nicht dabei waren. Würden es sich danach überlegen, mit uns anzubinden.«
»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte Mr. Pykett, der
australische Baumwollkönig, trocken.
»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts ins Wort.
Viscount William Robarts, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ,
eine Wette zu riskieren.
»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett.
Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß das erste
amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.«
Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken lief über die
scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten Gesichtes. Er kannte
Amerika und die Amerikaner. Heute war er ein angehender Vierziger.
Seit drei Jahren Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen
Einkünfte. Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch eine Reihe von
Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden zehn Jahre hatte er als
einfacher Mr. Clinton in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr
begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen und den Kampf
ums Dasein zu führen. Damals, es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er
Diana, die eine berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper
war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in den Staaten gelebt,
bis die Pairie an ihn fiel. Er brachte in die Stellung des englischen
Aristokraten die Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen
Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im politischen Leben eine
Rolle spielte und verhältnismäßig jung das verantwortliche Amt eines
Lords der Admiralität bekleidete.
Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden, in der englischen
Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon bei ihren ersten Schritten
fühlte sie instinktiv eine von Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung
heraus, die der gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft war
wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf vorsichtige Duldung
eingestellt. Aber Lady Diana Maitland, die polnische Magnatentochter,
war keinen Augenblick gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller,
zäher Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady Diana die
Stellung, die ihr nach dem Range ihres Gatten und ihrer Geburt zukam.
Und wenn sie heute als eine der ersten Damen des englischen Highlife
dastand, so verdankte sie es in erster Linie den eigenen geistigen
und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt nicht nur als mustergültig,
sondern als glücklich, wenn ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt
war.
Viscount Robarts wiederholte sein Angebot.
»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot um viertel elf
hier ist.«
Mr. Pykett nahm die Wette an.
»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein amerikanisches Boot
hier ist. Fünfzig Pfund dagegen, daß bis Mittag überhaupt keins kommt.«
Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr. Pykett gehörte dem
australischen Parlament an. Er mußte genau die Fäden kennen, die sich
zwischen Amerika und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe,
wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete. Aber Lord
Maitland empfing auch von Viertelstunde zu Viertelstunde die Telegramme
aus Amerika, und er fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse
in den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte man England
einwiegen, um es dann um so sicherer überfallen zu können? Oder hatte
sich Cyrus Stonard besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er
fand keine sichere Antwort auf diese Fragen.
Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt, der in den letzten
Sekunden am Horizont sichtbar geworden war, hatte sich schnell
vergrößert. Aus unendlicher Höhe stieß er herab und wuchs in jeder
Sekunde, bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des Solent
legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der Wellen leicht auf und
ab, rasselnd gingen die Anker in die Tiefe und legten den mächtigen
Rumpf fest. Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und wie
durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden der bunte Schmuck der
Flaggenparade längs über das Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten
den ersten Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere folgten.
Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund aus und legte
ihn in die Hände des Viscount Robarts. Während er das tat, stellte
er sich im stillen die gleichen Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ
Cyrus Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich im letzten
Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben?
Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das Gespräch der Damen
beeinflußte sie. In einer Pause der Gespräche hörte man deutlich die
wohlklingende Stimme der Lady Diana:
»Wie sollten England und Amerika miteinander fechten? Die gemeinsame
Sprache verhindert es ja. Sie ist das stärkste Band, das Menschen
aneinanderbindet.«
Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich könnte es nicht
begreifen, wie ~Englishspeakers~ sich gegenseitig morden sollten.«
Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Aber sie
wußten auch wenig von der Politik und Staatsräson eines Cyrus Stonard.
Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger. Von großen Höhen
schossen die Flugschiffe herunter, durchschnitten klatschend die
Wasserfläche, zogen noch eine kurze Spur quirlenden Propellerwassers
hinter sich her und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten
sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes mußten sie
unter Wasser eine lange Strecke zurücklegen, eine in fünfzig Meter
Tiefe verankerte Boje aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an
einer bestimmten Stelle wieder auftauchen.
Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen. Die
Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon setzten die
Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne der soeben Angekommenen
gingen an Land, um hier Freunde und Bekannte zu treffen.
Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob das Programm
ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen ein. Nach dem pomphaften
Schauspiel der Luftflotte und dem dämonischen der Tauchflieger kam die
Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten die einzelnen
Flieger ab. Wie die Schmetterlinge gaukelten sie mit geblähten
Tragflächen in der Luft. Hingen oft fast bewegungslos an derselben
Stelle, um dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die
Albatrosse in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben.
Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette auf den Segelflug
eingehen könne. Die übrigen Gäste Lord Maitlands verfolgten durch
scharfe Gläser die immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe
der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue Gäste kamen. Sir
Arthur Vernon, der Vorgänger Lord Maitlands in der Admiralität. Er
führte einen Fremden in diesen Kreis ein.
»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten ...«
Während der Eingeführte sein Kompliment machte, fuhr Sir Arthur zu Lord
Maitland gewendet kaum hörbar fort: »... Ein alter Freund von mir ...
Kann vielleicht helfen, die Krise zu lösen.«
Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner einen Empfang zu sichern,
dessen Herzlichkeit noch um eine Note über die übliche englische
Gastfreundschaft hinausging.
Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der Jacht. Zu ihrem
Staunen lenkte er das Gespräch sehr bald auf solche Orte und Personen,
die sie als Sängerin kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren
Beruf mit einem Worte zu erwähnen.
Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und doch wieder innerlich
abgestoßen. Sie spürte bei jedem Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn
und konnte sich dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine
innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen zu lassen, und
unter einem unwiderstehlichen Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig
eine freundliche Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine Einladung,
die Lord Maitland dringend unterstützte. Es lag ihm daran, mit diesem
einflußreichen Amerikaner in Fühlung zu bleiben.
Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm sie mit Vorbehalt
an. Vorerst habe er noch in London zu tun. Danach würde er gern nach
Maitland Castle kommen. Krieg und Kriegsgefahr ... er lachte darüber.
Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den stammverwandten
Briten in einen Krieg einzulassen. Preßzänkereien bedeuteten noch lange
keinen Krieg.
Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die Aufregung der
amerikanischen Presse sei durch die Entführung eines Flugzeuges
hervorgerufen worden. Die amerikanische Presse habe behauptet, daß die
Engländer es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei.
Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des Flugschiffes sei noch
nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte Beobachtungen deuteten aber auf eine
bestimmte Spur. Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste
mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der Amerikaner ihm
unter vier Augen mancherlei mitzuteilen habe, Dinge, die jedenfalls die
größte Diskretion verlangten.
Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang. Das Zwischenspiel der
Segelflieger war beendet. Der Viscount Robarts hatte es zu seinem
Leidwesen vorübergehen lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen
zu können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent. Aber mit den
Stoppuhren in der Hand warteten die Preisrichter. Und jetzt ...
Wirbelnd schoß es wie ein Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick
des Auftauchens zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe. Der
erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen der Konkurrenz
entsprechend, stieg er bis auf zehntausend Meter Höhe, ging dann im
Gleitflug nieder und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während
er niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem Wasser in die
Höhe. In kurzen Intervallen folgten die anderen Wettbewerber. Die
Konstruktionen gaben sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen
Sekunden, die das eine Boot etwa länger als das andere nach seiner Boje
auf dem Grunde hatte suchen müssen, gaben den Ausschlag.
Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff, daß England in
diesen Flugtauchern eine neue wirksame Waffe besaß. Diese Maschinen
konnten in gleicher Weise U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten
den Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter dem Wasser
suchen.
Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an einem der Fenster.
»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden Ihrem Präsidenten
davon zu erzählen haben.«
Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher waren längst in
Washington.
»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig größere Sorge macht.«
Lord Maitland blickte fragend auf.
»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen
Konzentrationen?«
Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf, daß Dr. Glossin
einsah, der Lord wisse wirklich nichts davon. Wenn aber der Vierte Lord
der britischen Admiralität von dieser Sache nichts wußte, dann war
beinahe sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und die englische
Regierung keine Kenntnis davon hatten. Das mußte aber zweifelsfrei
festgestellt werden, bevor Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr.
Glossin hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das schon
gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen.
Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds, so durfte Amerika den
Angriff nicht wagen. Im anderen Falle konnte der Schlag mit guter
Aussicht auf ein Gelingen geführt werden.
Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im Wettbewerb um den
Höhenflug errang ein Fahrzeug den ersten Preis, welches sich unter
Zuhilfenahme der Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer
Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die Konkurrenten um den
Schnelligkeitspreis blieben weit hinter der amerikanischen Type R. F.
c. zurück.
Dann war die Konkurrenz beendet. Während die Volksmassen in
Wasserbooten und Bahnen den Städten zuströmten, erhoben sich die
Jachten in die Lüfte. Der indische Radscha steuerte geradeswegs dem
Bergstock des Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog nach
Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen des Sir Vernon nach
London.
* * * * *
Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche Hülle von Gladys
Harte barg. Ihr Leben war ruhig erloschen, wie die Flamme einer Lampe,
der das Öl fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen. Es war
vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt worden, die das Schicksal
Silvesters in das stille Haus in der Johnson Street brachte.
Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an der offenen Gruft.
Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein, wie einsam sie in diesen letzten
Jahren gelebt hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das Geleit.
Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser in den Staatswerken
angestellt. Einige Frauen dabei.
Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt noch einmal gekommen
waren, der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich
grenzenlos einsam und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und
Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in das leere Haus
in der Johnson Street zurückkehren müsse, und daß ... auch Silvester
von ihr gegangen sei.
Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Sie drohte
umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie stützte und behutsam von
dem Grabe fortführte. Sorgsam geleitete er sie durch die breiten Wege
des Friedhofes, der in voller Junipracht grünte und blühte, als ob es
keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe.
Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch, der sich ihrer annahm,
war ihr in ihrem augenblicklichen Zustande willkommen. Um wieviel
mehr Dr. Glossin, der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre
Mutter genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über Silvester
Nachrichten zu bringen!
Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und ließ sich von ihm
in die Wohnung in der Johnson Street geleiten. Und hier im Anblick der
altvertrauten und heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von
neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen Sessel und drückte
das Taschentuch vor die Augen.
Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann legte er ihr sanft
die Hand auf das Haupt.
»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu fassen. Ich weiß, es
hat wenig Zweck, Ihnen in dieser Stunde trostreich zuzusprechen. Haben
Sie Vertrauen zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine Hilfe an,
und alles wird gut werden.«
Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues Gefühl
durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die Welt erschien ihr nicht
mehr so vollkommen leer und trostlos.
»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor, den wir hatten, den
ich jetzt noch habe.«
»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich von mir beraten. Sie
müssen aus der alten Umgebung heraus. Aus den Räumen, in denen jedes
Stück Sie an Ihren großen Verlust erinnert.«
Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen zurück und nickte
zustimmend.
»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll ich gehen?«
»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache ist, daß Sie sofort
für ein paar Wochen in eine andere Umgebung kommen. Ich besitze in
Kolorado am Ausgange des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere Luft,
andere Gesichter und werden schneller das seelische Gleichgewicht
wiedergewinnen. Sie sind dort mein Gast, solange es Ihnen gefällt.
Mein Personal steht zu Ihren Befehlen, und ich selbst werde
gelegentlich ... sooft wie möglich ... hoffentlich recht oft die Zeit
finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu überzeugen.«
Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane hörte ihm ruhig zu.
Zuerst noch leise widerstrebend. Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn.
»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen und nicht
finden.«
Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen.
»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den Verbleib von Mr. Logg
Sar etwas in Erfahrung zu bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre
Angelegenheiten hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt, wird
Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die frische Bergluft des
Felsengebirges Ihre blassen Wangen bald wieder röten.«
Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein wenig zu eifrig
und lebhaft. Aber Jane achtete nicht darauf. Die Worte des Arztes
hatten ihre letzten Bedenken besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt
sein. Alle Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen. Recht
gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die Vorschläge und die
Einladung Glossins an.
Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach allen Seiten
hin überlegt. Daß er Jane aus einer ganzen Reihe von Gründen mit sich
nehmen und unter seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest.
Daß er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß auf
Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher. Nur wie weit er diesen
Einfluß anwenden solle, darüber war er sich zweifelhaft. Sollte er
so weit gehen, ihr überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter
wegzusuggerieren? Damit fiel auch für Jane das Gefühl der Verlassenheit
und der Grund fort, ihm zu folgen und sich unter seinen Schutz zu
stellen. Er mußte dann noch einen Schritt weitergehen und sie durch
die Hypnose ganz an sich ketten.
Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen Automaten mit sich zu
nehmen. Er wollte aus einer eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane
ihm freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis folge. Aber
er mochte auch keine ständig Jammernde und Klagende um sich sehen. So
wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß verstärkte er
ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren noch so frischen und heftigen
Schmerz über den Todesfall.
Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem großen umfriedeten
Platz, auf dem die Flugschiffe der verschiedenen Staatslinien ankamen
und abfuhren. Jane kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie
öfters von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren. Hatte damals
bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre eigenen Schiffe landen ließen.
Jetzt führte sie Dr. Glossin zu einer kleinen, aber ansprechenden
Privatjacht. Er bemerkte ihr Staunen.
»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern Sie sich nicht
allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff zur Verfügung haben. Ich mußte
es in Neuyork mieten, um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.«
Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie freundlich von ihm,
daß er keine Unkosten scheute, um in dieser Zeit bei ihr zu sein,
ihr helfen zu können. Von ihm geleitet, betrat sie die Kabine des
Flugschiffes, welches sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen
zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber nieder.
»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich Ihnen Ihren
zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig schildere. Reynolds-Farm heißt
mein Besitztum in Kolorado. In früheren Jahrzehnten war es auch
wirklich einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen, mit
Scheunen und Speichern. Eine richtige Farm, wie sie im Buche steht.
Heute ist es ein ruhiges Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der
Felsenberge gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene Ruhe,
wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen nötig haben, wie sie auch Ihnen
wohltun wird.«
Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon die
Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede Stunde so viele
Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort entfernte, gab ihren Gedanken
eine andere Richtung, ließ sie minutenlang ihren Schmerz vergessen.
»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr Doktor. Wer ist dort
auf Ihrer Farm? Wer hält das Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich
zu halten haben?«
»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein altes schwarzes
Faktotum, das dort das Haus in Ordnung hält.«
Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie es gewöhnt, daß
schwarze Dienerinnen es in den Häusern der Weißen zu angesehenen
Vertrauensstellungen brachten. Als Amme kam solche schwarze Frau zu den
Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern heranwachsen
und blieb in ihren alten Tagen immer noch die schwarze Mammy.
»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit läßt zu wünschen.
Dafür ist sie treu und fleißig, sie wird Ihnen jeden Wunsch von den
Augen ablesen ...«
Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort vielleicht noch einsamer
sein könnte als in Trenton. Der suggestive Einfluß des Doktors
erstickte jedes aufsteigende Bedenken.
Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich selbst zu
senken begann und die Kette der Felsenberge von Denver bis Cheyenne
am gelbglühenden Westhimmel stand. Es landete auf einer freien
grasbewachsenen Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte
eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke trotz aller
Fortschritte und Verbesserungen immer noch recht viel Ruß und Staub in
die Atmosphäre warfen.
Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog Jane die leichte
Brise ein.
Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet. Auf dem Wege
zum Hause kam ihnen schon eine alte Negerin entgegen. Von jener
abschreckenden Häßlichkeit, die alte Negerweiber gewöhnlich
auszeichnet. Dabei von einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf
langjährige Dienste schließen ließ.
»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat alles fertiggemacht.
Das Supper ist fertig. Die Zimmer sind fertig ...«
Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die Nähe der Ohren
wandern, während sie versuchte, dem Doktor die Hand zu küssen.
Dr. Glossin schob sie zurück.
»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine Nichte Miß Harte
wird einige Zeit auf der Farm wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten
sein wie mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.«
Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend betrachtet. Sie schien
mit dem Ergebnis ihrer Prüfung zufrieden zu sein, denn sie wandte sich
jetzt an Jane und versuchte, auch ihr die Hand zu küssen.
»Laß das, Abigail!«
Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen Betonung. Die
Schwarze trat zurück und folgte dem Doktor und seiner Begleiterin die
kurze Strecke bis zum Farmhofe.
Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen Tage fast
leicht und frei. War es der Einfluß des Doktors, war es wirklich die
veränderte Umgebung, sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft zu
blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon früher der Möglichkeit ins
Auge geblickt, daß die Mutter ihr bald einmal entrissen werden könnte.
Jetzt war es geschehen, und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen
abzufinden.
So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der Doktor geleitete
sie in den Empfangsraum, gab Abigail dann einen Wink, sie in ihre
eigenen Räume zu geleiten. Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem
Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen Gegenstände
für den täglichen Gebrauch. Jane hatte sich auf einem Stuhl am Fenster
niedergelassen und blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus.
Ihre Gedanken weilten bei Silvester.
Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in das stille Haus nach
Trenton gedrungen und hatte die beiden Frauen aufs äußerste erschreckt.
Wohl lasen sie, daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein,
daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte, daß er in
voller Form zum Tode verurteilt worden war, wirkte niederschmetternd.
Jane sowohl wie ihre Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis
ein alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller war damals zu
ihnen gekommen. Fand sie verzagt und lachte.
»Sorge um Logg Sar? ... Vollkommen überflüssig. ... Alle Wetter, da
hat was dazwischengepfeffert und den Schleichern und Angebern das
Konzept verdorben. Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber
sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen Sie jedenfalls um
Logg Sar nicht zu haben. Ich meine, der könnte jetzt sogar ganz ruhig
in Neuyork spazierengehen. Seine Feinde würden sich bei einem neuen
Angriff noch viel mehr blamieren.«
Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare des
Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine unbekannte mächtige Hilfe
war Silvester der Gefahr im letzten Augenblick entrissen worden.
Seitdem hoffte sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß
die Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren Anschlag
zunichte machen würde.
Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen. Welches Kleid die
Lady anziehen wolle. Ob sie sich zum Supper nicht schmücken wolle. Der
Herr Doktor liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde er
ihr sogar ...
Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an die Ohren. Jane
bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur langsam kehrten ihre Gedanken in
die Wirklichkeit zurück.
Anziehen ... Das einfache schwarze Kleid, das sie trug, schien ihr das
richtige ... Schmücken, am Begräbnistage ihrer Mutter ... Sie gab ihr
den Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen, und verließ
den Raum, um nach unten zu gehen.
Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen. Stück für Stück
nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte sie allerlei vor sich hin:
»Hoho, mein Täubchen ... sehr einfach, zu bescheiden. Keinen Samt,
keine Seide. Nur so einfach ... ist nicht der Geschmack von Mister
Doktor ... Liebt feine Damen ... gelbe, rote Seide. Keine schwarzen
Kleider ...«
Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und fuhr in ihrem
Selbstgespräch fort:
»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren schon andere vor dir
hier. Haben es auch gemußt. Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn
Mister Doktor sie anguckte ... anguckte mit den großen, heißen Augen.«
Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie die letzten Stücke
in die Kasten einräumte.
Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen. Der junge
Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis er den Raum verlassen
hatte, bevor er die Unterhaltung begann.
»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu wirken. Sie sehen
viel besser aus als heute früh.«
»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise hat mich auf andere
Gedanken gebracht. Ich könnte beinah zufrieden sein, wenn ich ...
Gewißheit über das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.«
»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß unser Freund der Gefahr
entronnen und jetzt nach menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn
Sie ihm etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.«
»Er wird ... er muß ... er soll ...«
Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin schwieg, als ob ihn
dieser Gefühlsausbruch erschreckt hätte.
»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich sorge mich um das
Schicksal eines Abwesenden und habe Ihnen noch nicht einmal für Ihre
Güte gedankt.«
Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand, so verstand er
es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle zu verbergen. Keine Muskel in
seinen Zügen zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte.
Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere Erholung hier, dann
eine Reise nach Europa. Dort müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters
leben.
»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England bekommen. Da kann
doch niemand nach Europa fahren.«
Dr. Glossin nickte abwesend.
»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir denken nicht an Krieg.
Ich selbst fahre morgen wieder nach Europa. War vorgestern erst in
England. Man spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös
machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.«
»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr Doktor. Ich dachte,
daß Sie nur zwischen Neuyork und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie
plötzlich noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre ich
gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa fahren. Es muß schön
sein, so in der Welt herumzukommen.«
»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht, wenn man es wie ich
als Pflichtmensch von Berufs wegen tun muß.«
Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des Arztes.
»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch etwas Ruhe finden.
Dann fahren wir gemeinschaftlich nach Europa, und ich zeige Ihnen die
Schönheiten der Alten Welt.«
Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein und trank Jane zu.
»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.«
Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin benutzte die letzte
Viertelstunde, um Jane ihr Leben für die nächsten Tage auszumalen.
»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können Ausfahrten unternehmen.
Bobby ...« -- er wies auf den Diener -- »kann nicht nur servieren, er
ist auch ein geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der
Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek im Herrenzimmer
... Ich vergaß, sie ist verschlossen. Darf ich Ihnen den Schlüssel ...
nein, noch besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.«
Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und schloß selbst die
verglasten Regale auf, welche mehrere hundert mit gutem Geschmack
ausgesuchte Werke enthielten.
»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich nicht in den
müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen übermannen lassen.«
Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände ergriffen. Ohne
daß er ein Wort weitersprach, spürte Jane, daß er für heute Abschied
von ihr nahm, fühlte gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und
Wunschlosigkeit über sie kamen.
Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses, um zu seinem
Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten Morgen wieder in England
sein wollte, hatte er Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg.
Verschmitzt grinsend.
»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?«
Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie viele mochten hier
gewesen sein, denen man den Ausgang verweigert hatte. Glossin warf
der Negerin einen Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die
Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage.
»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist meine Nichte. Wehe
dir, wenn du ...«
Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus.
* * * * *
Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda des Truworhauses am
Torneaelf. Durch Ranken und Reben ging die Aussicht auf den hundert
Meter tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden, mit
Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie hier: Erik Truwor, der
Schwede, Soma Atma, der Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem
Blute.
In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er zusammen mit
Erik Truwor aufgewachsen, und die alten Mauern hatten die Spiele der
Knaben und die Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre
Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit ihn in
Europa und Amerika umhertrieb. Erik und Silvester widmeten sich der
Technik. Die Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft
trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte sich schon
als Student in die physikalischen Probleme. Er trieb die Wissenschaft
um der Wissenschaft halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang
beseelt. Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die Technik von
Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck, das menschliche Leben leichter
und angenehmer zu gestalten, neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen.
Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde kam auch
äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf Studienjahre in
Charlottenburg. Erik Truwor studierte bald in Charlottenburg, bald in
Genf, Paris und Karlsruhe. Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor war
ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn in das Haus Truwor
aufgenommen, war ohne Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot
Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester schlug
es aus. Er nahm nur, was er noch während der Studienzeit für seinen
Lebensunterhalt benötigte, und außerdem das Anerbieten, das Truworhaus
jederzeit als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen.
Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan im Hintergrunde der
Veranda eingenommen. Dort saß er und gab sich seinen Meditationen hin.
Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der Brüstung an einem Tisch.
Pläne, Zeichnungen und Schriftstücke bedeckten die Tischplatte.
»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du, Erik, dich mit Atma
zusammengefunden hast. Atma, der in Pankong Tzo mein Mitschüler
war, plötzlich mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der
Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches hinnehmen.«
»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden? Eine wunderliche
Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach Pankong Tzo. Kuansar erinnerte
sich meiner noch. Er führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von
unbestimmbarem Alter, empfing mich, blickte mich starr an und sagte:
›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen nahm er diesen Ring und schob
ihn mir auf den Finger.«
»Jatschu ist ... er muß jetzt ...«
Silvester versuchte das Alter auszurechnen.
»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo fortging. Er muß weit
über hundert sein.«
»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf Atma. Atma wußte, daß
du den gleichen Ring von ihm hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen
... Ich wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir gingen nach
den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir fuhren nach Trenton. Wir fanden
dich nicht, aber wir fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden
besorgt.
Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht. Über Zeit und
Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen las sie aus weiter Ferne das
Urteil, das über dich gefällt war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine
Aufzeichnungen lagen.
Das andere war leicht. Joe Williams, einer der zwölf Zeugen, wurde
im Gasthof in Sing-Sing von uns gefunden. Für tausend Dollar gab
er mir seine Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der eine
Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das Gefängnis. Atma hielt
im Kraftwagen vor der Tür. Das war alles.«
Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte sie innig.
»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so war ich verloren.
Durch Jane ... durch meine Jane habt ihr mich gefunden.«
»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?«
»Meine Verlobte, mein alles!«
Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte. Wie er Jane
kennen und lieben gelernt. Doch er vermochte es nicht, sich am Glück
des Freundes mitzufreuen. Unbewußt empfand er, daß Silvester sich nicht
voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau der Erfindung, widmen
könne, wenn er durch Gedanken und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt
wurde.
Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch der Augen. Atma
nickte und wandte sich Silvester zu. Erik Truwor sah, wie hinter der
gefurchten Stirn des Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus
dem Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an die Stirn preßte,
als wollte er eine fliehende Erinnerung festhalten ...
Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der Liebe.
Erik Truwor brach das Schweigen.
»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne gesehen und deine
Berechnungen untersucht. Gib mir deine Erläuterungen dazu.«
Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene des Gelehrten auf
die vor ihm liegenden Papiere.
»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration, dessen Lösung
mir gelungen ist. Nimm an, ich hätte hier in unserem Hause eine
Maschine, die tausend Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die
Energie hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden kann.
Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese Energie an einem Punkte
in beliebiger Entfernung konzentriert wirken zu lassen. Bei jedem
Versuche, die Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung
entsprechende Schwächung. Ein zwingender Grund liegt natürlich nicht
vor. Es muß den tausend Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier
oder an irgendeinem anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.«
Erik Truwor unterbrach ihn:
»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert Millionen Pferdestärken
hätten, so könntest du sie auf jedem Punkt der Erde in Erscheinung
treten lassen?«
»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die Energie an irgendeiner
Stelle der australischen Wüste oder des Broadway in Neuyork auf den
Raum einer Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch in der Form
ausgedehnter elektromagnetischer Felder auftreten lassen. Jede Wirkung
ist möglich.«
Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.
»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum einer Haselnuß ... in
den Pulverkammern kriegführender Mächte ... das genügt für den ewigen
Frieden.«
Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort:
»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich
überlegte mir weiter ... Warum soll ich die Energie erst an einem Orte
erzeugen und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze Raum
mit einem Überschwang von Energie erfüllt ist ... Ich folgerte, es
muß genügen, nur die Steuerwirkung durch den Raum zu schicken. Nur die
winzigen Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der entfernten
Stelle die Raumenergie zur Explosion bringen.
Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette zeigte nirgend ein
fehlerhaftes Glied. Aber die praktische Durchführung wollte nicht
gelingen.
Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie Stunde widmete ich
dem Problem. Dr. Glossin hatte dort ein gutes Laboratorium und erlaubte
mir, darin zu arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter
war ...«
»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma sprach die Worte.
Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich erwacht.
»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen Kurdenstamm
überfallen worden. In Pankong Tzo erzählten sie es mir ... Kuansar ...
unser alter Lehrer, sprach davon ...«
Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter: »Warum den klaren
Spiegel einer jungen Seele trüben. Glossin, der Freund deines Vaters,
war der Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter.
Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater das Geheimnis einer
großen Erfindung besaß ... Bis hierher ist alles klar. Dann wird die
Erkenntnis unsicher.«
»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?« Erregt stieß
Silvester die Fragen hervor.
»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht mehr unter den
Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht mehr. Sonst hätte meine Seele
die seine finden müssen. Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht.
Darum ließen die Nawutschi ihn rauben.«
Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten ruhen. Silvester,
berichte uns weiter.«
»... Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium nahm ich meine
Arbeiten wieder auf ... Mit Vorsicht, denn seine Neugier war
verdächtig. Ich vermied es, unnötige Notizen zu machen. Was ich
notieren mußte, schrieb ich Tibetanisch.
Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung. Im Traum sah ich
den Strahler für die Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit ...«
Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf.
»Traumlösungen ... man kennt sie. Es ist alles in Ordnung. Wacht man
auf, so ist der Traum vergessen oder die Lösung unsinnig ... Träume
sind Schäume ...«
»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im Schlaf den Körper verläßt
und klar sieht.« Atma machte den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah
die Form und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit,
als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte ich in einen kleinen
Kasten eingebaut ...«
»Den Mahagonikasten?«
»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es war noch früh. Die
Dämmerung des Sommertages begann eben erst. Um acht mußte ich in
das Werk. Erst am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen.
Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln, die ich in der
Wohnung hatte, formte ich den Strahler. Ich machte einen Versuch, und
er gelang. Ein Stück Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in
die Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das Geheimnis war
gefunden.
Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium ... Ich wollte einen
einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische Kraft sollte durch
den Apparat zurückgeworfen werden. Ich brachte den Apparat in die
richtige Stellung zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im
selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel und an
der Wand auf. Die schwere 10000-Volt-Leitung des Laboratoriums glühte
hellrot auf. Die Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück.
Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung waren
bereits durchgeschlagen und hatten den Strom abgeschaltet.
Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete. Und ein
Schurkenstreich war versucht worden. Irgend jemand, der im Laboratorium
Bescheid wußte, hatte die lebensgefährliche Hochspannung auf den
Experimentiertisch geschaltet.
Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang durch den Wald ein Auto
nach. Plötzlich hielt es neben mir. Im selben Augenblick war ich in den
Wagen hineingezogen, gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis erlangte
ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den Richtern Glossin sah,
wußte ich, wer im Laboratorium geschaltet hatte ...«
Erik Truwor sprang auf.
»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu vernichten. Sollen wir
uns mit einem einzelnen aufhalten? Weg mit ihm!« Er griff nach dem
Apparat.
»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns von dem Geschmeiß!«
Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und Erfinder
auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf diese Entfernung noch
nicht möglich sei, daß Feuer und Sturm neben einem Schuldigen tausend
Unschuldige vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte
hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn:
»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es wird sich zu seiner
Zeit erfüllen ... Noch ist die Stunde nicht gekommen. Sein Geschick
ereilt ihn, wenn der Augenblick kommt ... Er ist ein Werkzeug des
Schicksals wie wir. Das Ziel wird erreicht werden ... von uns ... durch
ihn ... Wenn der Tag kommt, wird sich sein Schicksal vollenden ...«
Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm seinen Platz am
Tisch ein und betrachtete den Apparat. Seine Erregung ließ nach.
»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?«
Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem auf. Nur als Physiker
und Ingenieur sprach er weiter:
»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische
Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken. Für größere
Energiemengen muß der Apparat größer werden.«
Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den Bergkamm auf der
anderen Seite des Elf.
»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?«