Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig

»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm: Sing-Sing, 16. Juni,

6 Uhr morgens. Dreimal auf dem elektrischen Stuhl! Dreimal versagte

der Strom! Beim dritten Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent

unversehrt.«

Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen Stichworte

der Sensationsnachricht den Tausenden und aber Tausenden von Menschen

in die Ohren, die in der achten Morgenstunde des Junitages von den

überfüllten Fährbooten ans Land geworfen wurden und den Schächten der

Untergrundbahnen entquollen, um an ihre Arbeitsstätten zu eilen. Fast

jeder aus der tausendköpfigen Menge griff in die Tasche, um für ein

Fünfcentstück eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der

Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu überfliegen.

Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge hatten eine Ahnung

davon, daß an diesem Tage weit draußen im Zuchthaus des Staates

Neuyork eine Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war.

Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker Publikum nur, wenn

berühmte Anwälte monatelang um das Leben des Verurteilten gekämpft

hatten oder wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah wohl

gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden hindurch mit dem

Strom bearbeitet werden mußte, bis er endlich für das Seziermesser der

Ärzte reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch bisweilen der

eine oder der andere wieder schwer röchelnd erwacht.

Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens von solchen

Vorkommnissen gemacht. Schon damals nicht, als das Land noch von

Präsidenten geleitet wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel

weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators

Cyrus Stonard stand. Unter der Faust jenes Cyrus Stonard, der

nach dem ersten verlorenen Kriege gegen Japan den Aufstand des

bolschewistisch gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit

eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den zweiten Krieg gegen

Japan siegreich durchgeführt hatte. Die unbeschränkten Vollmachten

des Präsident-Diktators nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu

einiger Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen

betreffenden Notizen.

Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen Neuyorker

Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend ihre erste Seite widmeten und

mit der Ausgabe von Extrablättern fortfuhren. -- Noch ehe die letzten

Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre Käufer gefunden hatten,

stürmte eine neue Schar von Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der

Morgenblätter den Broadway entlang.

»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr 25 Minuten. Elektrische

Station von Sing-Sing zerstört. Der Verurteilte heißt Logg Sar.

Herkunft unbekannt. Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt

wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am Panamakanal!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! Die Riemen,

mit denen er an den Stuhl gefesselt war, zerschnitten!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als Komplice! Allem Anschein

nach ist der Delinquent mit Hilfe eines der zwölf Zeugen der

Elektrokution entflohen.«

»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. Im Auto

entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch Augenzeugen festgestellt,

daß der Delinquent, kenntlich durch seinen Hinrichtungsanzug,

in Begleitung des Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes

Auto gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede Spur fehlt.

Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«

Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das in den Broadway

an der Straßenecke einbog, wo das Flat-Iron Building seinen grotesken

Bau in den Äther reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das

zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es, während das Auto in

der Richtung nach der Polizeizentrale weiterrollte. Ein nervöses Zucken

lief über die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem

Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei denen man nicht sagen

kann, ob sie vierzig oder sechzig Jahre alt sind.

Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Wagen. Noch ehe er

völlig stand, sprang der Insasse heraus und eilte über den Bürgersteig

der Eingangspforte zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem

erstklassigen Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des

Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur vollständig zu

korrigieren. Ein scharfer Beobachter mußte bemerken, daß die rechte

Schulter ein wenig zu hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt

war, daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.

Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten Korridore,

bis ihm an einer doppelten Tür ein Policeman in den Weg trat. Der

typische sechsfüßige Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.

»Hallo, Sir! Wohin?«

Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig Weiterschreitenden.

»Stop, Sir!«

Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in den Weg und hob

den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender Weise.

Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche und übergab sie

dem Beamten.

»Zum Chef, sofort!«

Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte der funkelnde

Blick den Policeman, mit großer Höflichkeit die Tür zu öffnen und den

Fremden in ein saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.

»Edward F. Glossin, ~medicinae doctor~« stand auf dem Kärtchen, das der

Diener dem Polizeipräsidenten MacMorland auf den Schreibtisch legte.

Der Träger des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein. Kaum hatte der

Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, als er sich erhob, aus

der Tür eilte und den Angemeldeten in sein Privatkabinett geleitete.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«

»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«

»Nur, was die Zeitungen melden.«

»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft zu werden. Wenn die

Polizeiflieger nicht ausreichen, requirieren Sie Armeeflieger! Ihre

Vollmacht langt doch für die Requisition?«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit gefaßt sein. Das

Staatsinteresse erfordert es. Sie haften dafür.«

»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch den ungewöhnlich

barschen Ton des Besuchers verletzt, und dies Gefühl klang aus seiner

Antwort heraus.

Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach Widerspruch und

Verklausulierungen klangen, waren nicht nach seinem Geschmack.

»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. Sonst ... müßte

man sich nach einem Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach

Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen. Ihnen in

meiner Gegenwart Bericht über die Vorgänge erstatten.«

Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung herstellen.

»Wann kann Curtis hier sein?«

»In fünfzehn Minuten.«

Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch das volle, kaum

von einem grauen Faden durchzogene dunkle Haupthaar, das glatt nach

hinten gestrichen war.

»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte ich ...«

»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf ...« Der Präsident

öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett und ließ Dr. Glossin

eintreten.

»Danke, Herr Präsident ... Daß ich es nicht vergesse! 200000 Dollar

Belohnung dem, der die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«

»200000 ...?« MacMorland trat erstaunt einen Schritt zurück.

»200000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. Anschläge mit der

Belohnung in allen Städten!«

Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, als

plötzlich alle Straffheit aus den Zügen Dr. Glossins wich und einem

erregten, sorgenden Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen

ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der Rechten die

Augen, während die Linke nervös über das narbige Leder der Lehne glitt.

Wie unter einem inneren Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert

und stoßweise, von seinen Lippen.

»Stehen die Toten wieder auf? ... Bursfelds Sohn! Kein Zweifel daran

... Wer rettete ihn? ... Wer war dieser Williams? Der Vater selbst?

... Nur der besäße die Macht, ihn zu retten ... Er war es sicher nicht

... Die Riegel des Towers sind fester als die von Sing-Sing ... Wer

wüßte noch um die geheimnisvolle Macht? ... Ah, Jane! ... Sie könnte

es offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden ... Unmöglich, jetzt

noch nach Trenton zu fahren ... Ich muß bis zum Abend warten ... Ein

unerträglicher Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit ...«

Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf sein Chronometer.

»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«

Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt zwei winzige

weiße Pillen und verschluckte sie. Beinahe momentan wich die nervöse

Spannung aus seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen

Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. Bilder aus einer ein

Menschenalter zurückliegenden Vergangenheit zogen plastisch an seinem

Geiste vorüber ... Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien im

ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein kleines Landhaus am Ausläufer

der Berge ... Eine blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden

Knaben im Arm ... Wie lange, wie unendlich lange war das her, daß

er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen deutschen Ingenieuroffizier,

aus seinem kurdischen Zufluchtsort hervorgelockt und für die

mesopotamischen Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals,

als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp waren.

Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit gern gefolgt. Mit ihm

kamen sein junger Knabe und sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die

schöne Tochter eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen

Mutter.

Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld die große

gefährliche Erfindung machte. Bis Edward Glossin, in Liebe zu der

blonden Frau entbrannt, den Freund und seine Erfindung an die englische

Regierung verriet ... Gerhard Bursfeld verschwand hinter den Mauern

des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen Knaben. In die

Berge nach Nordosten. Ihre Spur war verloren. Und Edward Glossin war

der betrogene Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste ihn die

englische Regierung für ein Geheimnis ab, dessen Wert ihm unermeßlich

schien ...

Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere Spannung an. Der Klang

einer elektrischen Glocke ertönte. Der Doktor erhob sich und ging

straff aufgerichtet in das Kabinett des Polizeichefs.

Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis aus Sing-Sing und

fragte: »Wie ist es möglich gewesen, daß die Apparatur versagte?«

Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.

»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten war die

Elektrokution des Raubmörders Woodburne angesetzt. Sie ging glatt

vonstatten. Um 5 Uhr 40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem

Seziertisch. Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr 55 Minuten

wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte man den zweiten Delinquenten

und schnallte ihn auf den Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen

Hinrichtungsanzug mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode

wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei Minuten nach sechs senkte

sich die Kupferhaube auf seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand

der Gefängnisinspektor mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen

Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte seinen Platz an der

Schalttafel, den Augen des Delinquenten verborgen. 6 Uhr 3 Minuten

schlug er auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein ... Ich

will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische Zeitangabe aus

Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten sind alle Uhren in der Anstalt mit

magnetisierten Eisenteilen stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in

den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt ...«

Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der Professor fuhr fort.

»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom auf den

Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, wie von einer

Riesenfaust gepackt, plötzlich stehen. Sie stand und hielt ebenso

momentan auch die mit ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer

Gewalt strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen die stillstehenden

Turbinenschaufeln. Es war höchste Zeit, daß der Maschinenwärter

zusprang und den Dampf abstellte.

Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem Stuhl und zeigte keine

Spur einer Stromwirkung. Erst später ist mir das eigenartige Verhalten

des Verurteilten wieder in die Erinnerung gekommen. Er schien mit dem

Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald er in den Hinrichtungsraum

geführt wurde, kehrte eine leise Röte in seine bis dahin todblassen

Züge zurück. Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte ich die

Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen zu bemerken. Gerade

so, als ob er diesen für uns alle so überraschenden Zwischenfall

erwartet habe.

Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde, verstärkte sich diese

rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte unsere Arbeiten, als ob es sich

für ihn nur um ein wissenschaftliches Experiment handle.

Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten hatten die

Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. Sie lief mit dreitausend

Umdrehungen, und die elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über

der vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse zwischen Dynamo

und Turbine zerbrach. Die Turbine, plötzlich ohne Last, ging durch.

Ihre Schaufelräder zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten

Zentrifugalkraft. Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die Trümmer

unter greulichem Schleifen und Kreischen durch die Abdampfleitung in

den Kondensator. Als der Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß

wir haarscharf am Tode vorbeigegangen waren ...«

Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem Doktor. Dann fragte

er den Professor. »Haben Sie eine wissenschaftliche Erklärung für die

Vorgänge?«

»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen ließe, fehlt. Höchstens

eine Vermutung. Die Magnetisierung sämtlicher Uhren deutet darauf hin,

daß in den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm

von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von Sing-Sing gegangen

ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische Felder im freien

Raum aufgetreten sein. Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar

die einzelnen Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr

vollständig magnetisch zusammengebacken sind. Ein fürchterliches

elektromagnetisches Gewitter muß wohl stattgefunden haben. Aber damit

wissen wir wenig mehr.«

Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die wissenschaftlichen

Erörterungen des Professors.

»Wie war die Flucht möglich?«

Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine im Nebenraum

explodierte, suchten alle Anwesenden instinktiv Deckung. Ein Teil

warf sich zu Boden. Ein Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa

zwei Minuten dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der

Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der Dampf abgestellt

und Ruhe eingetreten war, merkte man, daß der Delinquent verschwunden

war. Die starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht

aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. Die

Flucht mußte in höchster Eile in wenigen Sekunden ausgeführt worden

sein. Erst zehn Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der

Zeugen fehlte.«

Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.

Dr. Glossin zog die Uhr.

»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« Er trat, von

dem Polizeichef begleitet, auf den Gang.

»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig erscheinen.

In spätestens drei Stunden erwarte ich Meldung, wie es möglich

war, daß ein falscher Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie

telephonischen Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! Ich gehe

nach Washington.«

Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten rief diesen hinweg.

Unwillkürlich trat Dr. Glossin mit ihm in den Raum zurück.

»Vielleicht eine gute Nachricht?«

Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und Spannung malten sich auf

seinem Gesicht. Auch Dr. Glossin trat näher. »Was ist?«

»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom Ankerplatz entführt.«

»Weiter, weiter!«

Der Doktor stampfte auf den Boden.

»Wer war es?«

Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm den Hörer aus der

Hand reißen. MacMorland hatte seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp

klangen seine Befehle in den Trichter.

»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? ... Gut! So wird

von dort aus die Verfolgung geleitet werden. Wie sehen die Täter aus?

... Hat man irgendwelche Vermutungen? ... Wie? Was? ... Englische

Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat man Anhaltspunkte? ...

Was sagen Sie? Allgemeine Meinung ... Redensarten! Die Herren Chopper

und Watkins werden gleich herauskommen und die Nachforschungen leiten.

Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten!«

Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar Zeilen aufs Papier

und übergab sie seinem Sekretär. Dann wandte er sich seinen Besuchern

zu.

»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger Stunden zwei Vorfälle,

wie sie mir in meiner langen Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind ...

Die Meinung, daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir nicht ganz

unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der neueste Typ der Rapid-Flyers.

Erst vor wenigen Wochen ist es geglückt, durch eine besondere

Verbesserung die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der Stunde

zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type. c. 1 ist das erste

Exemplar der Type. Ich hörte, daß es erst vor drei Tagen in Dienst

gestellt wurde. Die nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die

Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die englische Regierung

sich das erste Exemplar angeeignet hat, liegt natürlich sehr nahe ...

Es sei denn ...«

»Was meinen Sie, Herr Präsident?«

Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.

»Es sei denn, daß ...« MacMorland sprach langsam wie tastend ... »daß

ein Zusammenhang zwischen der Entführung des Kreuzers und der Flucht

jenes Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«

»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu halten. Es ist ganz

ausgeschlossen, mit gewöhnlichen Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1

von dem streng bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.«

»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«

»Ich ... ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. Trotzdem, Herr

Präsident, werden Sie guttun, sich umgehend mit dem Kriegsamt in

Verbindung zu setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen

und engsten Zusammenwirken mit diesem zu treffen. Guten Morgen, meine

Herren.«

* * * * *

MacMorland und Professor Curtis waren allein im Saale des

Polizeipräsidiums zurückgeblieben.

»Ein lebhafter Tag heute!«

MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen Erleichterung. Der

Vorfall mit dem Flugzeug mußte die Sorge der Regierung auf einen

anderen Punkt lenken.

Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Der zweite

Vorfall ist beinahe noch mysteriöser als der erste. Bedenken Sie!

... Der neueste schnellste Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz

hinter dreifachen, mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. Schärfste

Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer Garde als Platzbewachung. Es

geht mir über jedes Verstehen, wie das geschehen konnte.«

Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Falle, der

sein Ressort anging.

»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? Wir von der Polizei

wissen wieder einmal nichts. Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«

Der Professor nickte.

»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: ›Zum Tode verurteilt

wegen Hochverrats, begangen durch einen verbrecherischen Anschlag

auf Schleusen am Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig

vermuteten, die des Geheimen Rats.«

»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie hat sich in

kritischen Zeiten bewährt, in denen das Staatsschiff zu scheitern

drohte. Aber ... Menschen bleiben Menschen, und bisweilen scheint es

mir ... ich möchte sagen ... das heißt, ich werde lieber nicht ...«

Professor Curtis lachte.

»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen Sie ruhig, daß dieser

Logg Sar die Panamaschleusen wahrscheinlich niemals in seinem Leben

gesehen hat, und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen zum

Teufel schickt.«

MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors waren schon beinahe

Hochverrat. Aber Curtis ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über alle Berge. Aber

brennend gern möchte ich etwas Genaueres über Doktor Glossin erfahren.

Sie wissen, man munkelt allerlei ...«

MacMorland überlegte einen Augenblick.

»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre unbedingte

Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich selbst das wenige, was

ich weiß, für mich behalten. Um mit dem Namen anzufangen, so habe

ich begründete Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen wahren

Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur der Präsident-Diktator.

Seinen Papieren nach ist er Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal

seine Bekanntschaft machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge

schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.«

»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.

»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade ehrenvoll. Vor

zwanzig Jahren. Während des ersten japanischen Krieges. Ich hatte

einen Posten bei der politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien

war von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen machten uns

Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch klar, daß ihre Unternehmungen

von einer Stelle aus geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte

mir den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen verhaftet

hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts zu beweisen. Hätten wir

damals schon den Geheimen Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich

anders verlaufen. So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen zu

lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden Revolution soll

er ... ich bemerke ›soll‹ ... ein Führer der Roten gewesen sein. Zu

beweisen war auch hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die

ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der Spitze des in den

Weststaaten gesammelten weißen Heeres die Revolution mit blutiger Hand

niederschlug, war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß dem

Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, denn sein Einfluß

ist seitdem fast unbegrenzt.«

MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem Ferndrucker

zuzuwenden.

»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über R. F. c. 1. Versuchen Sie

Ihren Scharfsinn, Herr Professor. Vielleicht können Sie das Rätsel

lösen. Der Bericht lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens

zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier waren an

Bord. Der Kommandant stand mit den Ingenieuren, die an der Fahrt

teilnehmen sollten, dicht dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich

das Flugschiff ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es flog

in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz liegenden Wald. Etwa

fünf Kilometer weit. Man nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen

versehentlich angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug hinter

dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto brachte den Kommandanten

und die Ingenieure dorthin. Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure

in schwerer Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1

gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹«

MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn vor den Professor

auf den Tisch.

»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie dazu?«

Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor Curtis

konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht nicht entziehen.

»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles Stück. Aber Gott

sei Dank fällt es nicht in das Ressort von Sing-Sing und geht mich

daher wenigstens beruflich nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie

sie ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar Worte über Doktor

Glossin. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Heute hab ich ihn das

erstemal gesehen. Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«

»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier in Neuyork

besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus in der 316ten Straße.

Daneben hat er sicher noch an vielen anderen Orten seine

Schlupfwinkel ...«

»Ist er verheiratet?«

»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des weiblichen Geschlechts

ist. Mir ist manches darüber zu Ohren gekommen ... Na, gönnen wir ihm

seine Vergnügungen, wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen

mögen.«

»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«

»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene schöne und große

Steine.«

»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen. Verfügt er

über so große Mittel?«

MacMorland zuckte mit den Achseln.

»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in seiner Stellung, mit

seinem Einfluß kann wohl ... lieber Professor, ich habe schon viel

mehr gesagt, als ich sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor

sein Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so wenig wie

möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie gerade hier sind, geben Sie

mir, bitte, über die Vorgänge in Sing-Sing einen kurzen Bericht für

meine Akten. Wir können nachher zusammen frühstücken.«

* * * * *

Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des Weißen Hauses zu

Washington in der grellen Mittagsonne. Aber ein dunkles Geheimnis barg

sich hinter den schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten

die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden Flächen

des Gebäudes. Die politische Spannung war bis zur Unerträglichkeit

gestiegen. Jede Stunde konnte den Ausbruch des schon lange gefürchteten

Krieges mit dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag dort

hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des Weißen Hauses.

In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein Adjutant und blickte

aufmerksam auf den Zeiger der Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag

zur elften Stunde ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des

Präsidenten.

»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«

Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum Schreibtisch,

wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere beschäftigt war. Ein Mann

mittleren Alters. Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den

hageren Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß ein gewaltiger

Schädel, dessen vollkommen haarlose Kuppel sich langsam hin und her

bewegte. Aus dem schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein

Paar außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu hohe und zu

breite Stirn weit nach vorn wölbte.

Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines Volkes von

dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob und langsam, beinahe

zögernd der Tür zuschritt, bot er äußerlich nichts von jenen

Herrscherfiguren, die in der Phantasie des Volkes zu leben pflegen.

Nur das geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine der

fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen Glaubenskämpfen

der katholischen Kirche ansehen können.

Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat einen langgestreckten

Raum, dessen Mitte von einem gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten

bedeckten Tisch ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen

sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre der Armee,

der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten und des Schatzes. Die

Oberstkommandierenden des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten

beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard ließ sich in den Sessel am

Kopfende des Tisches nieder und winkte den anderen, Platz zu nehmen.

»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über die auswärtige Lage.«

Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen kurzen Blick auf seine

Papiere.

»Die Spannung mit England treibt automatisch zur Entladung. Seitdem

Kanada sich mit uns in einem Zollverband zusammengefunden hat, sind die

Herren an der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen

Parlament, nach kanadischem Muster mit uns zu verhandeln, haben die

schlechte Laune in Downing Street noch verschlechtert. England sieht

zwei seiner größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher

Evolution zu uns kommen. In Australien geht die Entwicklung langsamer

vor sich, seitdem der japanische Druck verschwunden ist. Aber auch

dort ist sie unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher

gelingt, uns niederzuwerfen ...«

Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des Flottenchefs.

»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen schwer mit

den englischen zusammen. Der letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war

mit englischem Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält bei aller

Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich fest zu

England und läßt nur englische Waren hinein. Unser letzter Versuch,

einen Handelsvertrag mit der afrikanischen Union abzuschließen, ist

gescheitert. Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen

Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1 gibt einen

geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt unsere Presse gegen England.«

Cyrus Stonard hatte während des Vortrages mechanisch allerlei Schnörkel

und Ornamente auf den vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.

»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?«

Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral Nichelson.

»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten ergriffen worden.

Sie leugnen jede Teilnahme.«

»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«

»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«

»Es gibt wirksamere Mittel ... Wie lange kann sich R. F. c. 1 in der

Luft halten?«

»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug, um in voller

Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten geht. Unsere Kreuzer über dem

Nordatlantik sind avisiert. Eine Landung in England müßte noch bei

Helligkeit erfolgen und würde gemeldet werden.«

»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf Betreiben der

englischen Regierung erfolgt ist?«

»Ganz sicher!«

»Hm! ... der Gedanke liegt nahe ... vielleicht zu nahe ... Und

die anderen Herren? ... meinen dasselbe ... hm! Hoffentlich, nein

sicherlich haben sie unrecht.«

Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an.

»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde erst

losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt, meine Herren ...«

Die Stimme des Sprechenden hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen

in England landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, bis es so

weit ist.«

»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«

»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von Island vom 60. bis

zum 30. Breitengrad gleichmäßig verteilt.«

Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der Kreuzerflotte an einem

großen Globus zu demonstrieren.

»Wo stehen die Luftkreuzer?«

»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und den Faröer. Die

Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen auf dem grönländischen Inlandeis.«

»Die G-Flotte ...«

»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.«

Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß die neuen Luftkreuzer

mit Bomben versehen waren, die nach dem Abwurfe Milliarden und aber

Milliarden von Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man

hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg im großen

auszuprobieren. Aber die amerikanischen Fachleute versprachen sich viel

davon.

»Die P-Flotte ...«

Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen Züge

des Diktators, als er das Wort aussprach. Seit mehr denn Jahresfrist

lagen englische Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden Pfund

Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen Staatsschatzes.

Von der Tausendpfundnote an bis hinab zu den kleinsten Beträgen.

Alles so vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von

England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die Aufgabe der

P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch diese Unmengen englischen

Papiergeldes über die ganze Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel

trieben und englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte

mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen zerrütten.

Aber die P-Flotte war noch ein schwereres Staatsgeheimnis als die

G-Flotte. Die englischen Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie

für Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines Krieges in großen

Massen die zuerst von Woodruf Wilson in die Kriegführung zivilisierter

Nationen eingeführten Traktätchen über den feindlichen Linien

abzuwerfen hätte.

»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, sagte Admiral

Nichelson trocken.

Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn Flugminuten von

den Gewölben des Staatsschatzes entfernt war.

Cyrus nahm das Wort von neuem.

»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation an der

afrikanischen Küste vollkommen gesichert ist? Die Frist ist bereits

seit einer Woche abgelaufen.«

Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten erhob sich der

Flottenchef unwillkürlich.

»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen war, Herr

Präsident.«

»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«

»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als bis zum Ablauf dieses

Monats dauern.«

»Hm ... dann also, meine Herren ... dann wird man R. F. c. 1 zur

geeigneten Zeit in England landen sehen.«

Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten ein Wort ins Ohr.

»Gut, ich komme.«

Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.

* * * * *

Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern schimmernder Punkt auf

das Weiße Haus in Washington zu, wurde größer, zeigte die schnittigen

Formen eines Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des

Gebäudes.

Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin die Maschine.

Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, schritt er an den

martialischen Gestalten der Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen

und in den Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus den

westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen. Sie hielten

die Wache um den Präsident-Diktator wie früher die Grenadiere der

Potsdamer Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten um

Oliver Cromwell.

Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des Diktators und ließ

sich melden. Nur eine knappe Minute, und der Diktator trat aus dem

Sitzungssaale und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn in

sein Arbeitszimmer mitkommen.

»Wer ist Logg Sar?«

Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in der Frage lag, und

trat einen Schritt zurück.

»Logg Sar ist ... Silvester Bursfeld.«

Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.

»Bursfeld ... der im englischen Tower gefangen saß?«

»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«

»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem Sohne Gerhard

Bursfelds nie gesprochen. Warum nicht?«

»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«

»Und ich erfahre es erst heute?«

Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein Blick traf ihn, der

sein Gesicht noch eine Nuance blasser werden ließ.

»Erklären Sie!«

»Es war vor ungefähr drei Monaten ... Ich hielt mich einige Zeit in

Trenton auf, um in meinem Laboratorium im Hause einer Mrs. Harte an

einem Versuch zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, der

in den Staatswerken von Trenton beschäftigt ist, zu Mrs. Harte und

erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. Dabei stellt sich

heraus, daß der verstorbene Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von

Gerhard Bursfeld war.«

»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß der junge Ingenieur

der Sohn von Gerhard Bursfeld ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«

»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt und für ihn beruht

alles andere auf Vermutungen. Für mich ist der Beweis erbracht.«

»Liefern Sie ihn mir!«

»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über die Sache, Herr

Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. Nachdem Gerhard Bursfeld

die unfreiwillige Reise nach England gemacht hat, verschwindet er

für immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen Knaben in die

kurdischen Berge. Unterwegs schließt sie sich einer Karawane an:

Kaufleute, Priester und was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht.

Die junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht gewachsen.

Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad und Kabul wurde sie bestattet.

Ein tibetanischer Lama, der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der

Sterbenden an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm zur Not dessen

Namen verständlich ...«

»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«

»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster Pankong Tzo und erzieht

ihn in den Lehren Buddhas. Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist,

besucht eine Expedition schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge

Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der Expedition, dem

Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit nach Schweden genommen, wird mit

dessen Sohn zusammen erzogen, wird wie dieser Ingenieur ...«

Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch allerlei Arabesken

gemalt, wie es seine Gewohnheit war. Jetzt warf er den Bleistift

unwillig auf das vor ihm liegende Papier.

»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein Anwalt in den Staaten

auf Ihre Erzählung hin einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?«

»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr Präsident. Die Kette

schließt sich Glied an Glied. Auf einer Rheinreise, die er nach dem

Abschluß seiner Studien macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar

angesprochen, dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard Bursfeld

auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard Bursfeld verwandt, haben

ihn genau gekannt und sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert

... wie ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die Augen trat.

Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so vor mir zu sehen, wie er

dreißig Jahre früher in Mesopotamien vor mir gestanden hat. Die alten

Leute machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder Gerhard

Bursfelds in Trenton lebt. Logg Sar findet im weiteren Laufe seiner

Ingenieurkarriere eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich

der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. Harte vor. Ihr

Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard Bursfeld findet sich im Hause. Die

Ähnlichkeit ist überzeugend.«

Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.

»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig beglaubigte

Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte Muttermal, und die Sache

könnte in Harpers Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen

schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie irgendeinen

wirklichen Beweis, daß Logg Sar und Silvester Bursfeld identisch sind?«

Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.

»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«

»Was soll das heißen?«

»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. Den letzten Tag des

Jahres. Den Tag, den die christliche Kirche dem Silvester geweiht hat.

Die sterbende Mutter hat dem fremden Priester verständlich zu machen

versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet. Das Jahresende. Der

christliche Name wurde vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab

den neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong Tzo verblieb.«

»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und ich glaube ... für Sie

auch nicht.«

Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator heran.

»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er kennt das Geheimnis

seines Vaters. Es ist ihm überkommen, er hat es ausgebaut in einem

Maße, daß ...«

Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten. Zwei lotrechte

Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen zusammen, als er den Satz

des Doktors vollendete:

»... daß er unser werden oder verschwinden muß, wie seinen Vater die

Engländer verschwinden ließen.«

»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.«

»Nach dem Experiment in Sing-Sing ... ich glaube, daß Gründe

vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr Konto damit zu belasten, Herr

Doktor! Finden Sie einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit

bewerkstelligen läßt?«

Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der diesen erschauern

ließ. Ein Wink des Diktators, und er war selbst aus der Liste der

Lebenden gestrichen, fand vielleicht schon in wenigen Stunden selbst

sein Ende auf dem Stuhle in Sing-Sing.

Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig fort: »Wie sind Sie

hinter sein Geheimnis gekommen?«

Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu erzählen:

»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt. Auch sonst hatte ich

Grund ... seine Anwesenheit im Hause Harte unangenehm zu empfinden ...«

»Hm! Hm ... so ... weiter!«

»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit benutzen zu

dürfen. Ich erlaubte es ihm. Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß

zehntausend Volt an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige

Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam wieder, um eine

Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt aus dem Hause treten. Das

Lächeln eines Siegers auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg

errungen hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der rechte Sohn

seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich ihm die Falle gestellt

hatte. Ich durfte mich nicht mehr vor seinen Augen zeigen. Drei

Tage später verschwand er ... Unauffällig, wie es üblich ist.

Spezialgericht. Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. Was

weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«

»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«

»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen über die Erfindung

vorhanden. Ich war dreimal in seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde

umgedreht und studiert.«

»Sie haben selbst gesucht ... Lassen Sie unsere Polizei suchen!

Die versteht es vielleicht besser ... Zum zweiten Punkt unserer

Besprechung. Wer hat R. F. c. 1 genommen?«

»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn ich nicht ...«

»Wenn Sie nicht ...«

»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens fürchten müßte, daß

Silvester Bursfeld allein oder mit Komplicen in unserem schnellsten

Kreuzer nach ... nach Schweden oder nach Tibet fährt.«

»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?«

»Ich weiß es nicht ... Bis jetzt noch nicht. Einer dieser Komplicen ist

bestimmt der Zeuge Williams. Von dem dritten, der das Auto steuerte,

wissen wir nur, daß er braunhäutig ist ...«

»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben werden. Drei sind

leichter in der Welt zu finden als einer. Nehmen Sie die politische

Polizei zu Hilfe und suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem

Interesse ... Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!«

Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator. Zum erstenmal

hatte er die ihm anvertrauten, so ungeheuer weitreichenden Vollmachten

für die Zwecke einer Privatrache angewendet. Die Blankette und

Vollmachten, die er in den Händen hielt, machten es ihm leicht, den

jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis dahin war alles in Ordnung.

Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen Stuhl brachte,

entsprach nicht der Staatsräson. Solche Leute bewahrte Cyrus Stonard

nach bewährter Methode an festen Orten auf und suchte hinter ihre

Schliche zu kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.

»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden um etwa fünf

Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich wieder hier bin.«

»Warum?«

»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und seine Gefährten das

Flugschiff genommen haben oder nicht.«

»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, daß englische Agenten das

Schiff genommen haben? Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir

gelegen kommen.«

»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden Entschlüsse, bevor wir

nicht klar sehen.«

»Was klar sehen?«

»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im Bunde mit England ...

dann können wir den Kampf nicht wagen.«

Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt.

»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern seines Vaters zu

verbinden.«

»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung. In wenigen

Stunden kann ich Sicherheit haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen,

so ist er noch in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu

fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir fürchten

müssen.«

Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte Cyrus Stonard: »Ich erwarte

Ihre Mitteilung im Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll

ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen. Versuchen

Sie auf jede Weise, des Erfinders habhaft zu werden. Vermeiden Sie

Differenzen mit anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner

keine Bundesgenossen werben.«

Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und Dr. Glossin war

entlassen.

* * * * *

Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen, stand in der Johnson

Street zu Trenton das Häuschen, welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter

Jane bewohnte. Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier

vollkommen vergessen. Die roten Backsteinhäuser der Straße lagen

ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die Straße selbst war reichlich zehn

Minuten von den Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie

lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete in einen

schönen, von Nordwesten her direkt an das Städtchen stoßenden Laubwald.

Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod als Ingenieur in den

Staatswerken gefunden. Auf eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte

und erfüllte seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen. Frederic

Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause gekommen und hatte sein

Weib schonend auf seinen Tod vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im

Fieber. Erschrocken war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte

Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen, wie das Fleisch der

Finger sich von den Knochen löste, tot und weich, vom überhitzten Dampf

gekocht, in ihren eigenen Händen verblieb.

»Es tut nicht mehr weh ... Ich habe keine Schmerzen«, hatte Frederic

Harte sie mit einem weltentrückten Lächeln getröstet, sich ruhig an

seinen Schreibtisch gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen.

Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach abermals einer

Stunde war er tot. »Totale Verbrennung der ganzen Oberhaut, Erstickung

infolge fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten Frau.

Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte niedergeschmettert.

Monate hindurch fürchtete man für ihren Verstand. Nur ganz allmählich

erholte sie sich von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre

geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen ab. Jetzt

war sie fast den ganzen Tag an den Rollstuhl gefesselt, in der Pflege

ihrer einzigen Tochter Jane.

Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung hinaus

Aufsehen erregt. Wenige Tage danach war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin

nach Trenton gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um

nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. Mit

großer Teilnahme bemühte er sich um die beiden von ihrem Schmerz ganz

niedergeworfenen Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges

Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic Harte in dem Hause

eingerichtet hatte. Im Bewußtsein ihrer unsicheren pekuniären Lage

hatte Jane ohne Bedenken zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt

hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, zumal dieser

selten kam und sich nur immer für kurze Zeit in dem Laboratorium zu

schaffen machte.

Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen Kreis trat. Nach dem,

was der junge Mann vorbrachte, war er ein Verwandter der beiden Frauen.

Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle alten Erinnerungen

und verstaubten Beziehungen schnell in den Hintergrund treten. Mr.

Logg Sar oder, wie er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein

lieber Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber nicht erbaut

zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich und gestattete Silvester

bereitwillig, das Laboratorium zu benutzen. Aber die Gegenwart des

Doktors allein wirkte störend und erkältend.

Es kam, wie es das Schicksal mit den beiden jungen Menschen

vorhatte. Aus dem Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine leichte

Zuneigung und aus dieser eine immer tiefer und inniger werdende

Herzensgemeinschaft. Silvester Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein

können, wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur während seiner

Anwesenheit, sondern auch noch an den nächsten Tagen war das Wesen

Janes stets verändert. Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und

Zurückhaltung, daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln wollte.

Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche Benehmen ein,

ohne daß ihr diese Veränderlichkeit selbst zum Bewußtsein zu kommen

schien.

Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. Eines Tages

fand er Jane im Laboratorium schlafend auf einem Stuhle. Trotz aller

seiner Bemühungen erwachte sie erst nach einer Viertelstunde und

leugnete dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner

Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu irgendwelchen

hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen nannte es Silvester. Er behielt

seine Entdeckung für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur Rede zu

stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach war Silvester verschwunden,

ohne vorher von einer Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.

Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten Juni. Vor der Tür

im Schatten des alten Nußbaumes saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl,

neben ihr in einem Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem

gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches das lichtblonde

Haar reich und schwer niederfiel. Die Sonnenstrahlen drangen durch das

Gezweig des alten Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde

Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung war

wie hingehaucht. Man konnte vor solcher Zartheit erschrecken, die bei

Menschen wie bei Blumen nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.

Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre schlanken Finger

setzten geschickt Stich neben Stich und formten in schwerer Seide das

Muster einer roten Rose. Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser

Arbeit. Ihre Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte. Die

Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten Nächten, die Blässe

ihrer Wangen steigerte noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung.

Mit einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.

»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum letztenmal bei uns

war.«

»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. Ich denke, er hat

eine plötzliche Reise unternehmen müssen ... vergaß es in der Eile, uns

zu benachrichtigen.«

»Vergessen?«

Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.

»Jane, was hast du?«

»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken ebenfalls keine Erklärung

für sein plötzliches Verschwinden hat. Man glaubt dort ... und ich

fürchte es ... eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit, daß er das

Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht ... eines Verbrechens

geworden ist.«

Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte vergeblich, die

fließenden Tränen zurückzuhalten.

»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch. Wer sollte ihm

übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte er mit niemand im Orte. Wie

wäre es, wenn wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für diesen

Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. Vielleicht kann er uns

helfen.«

Jane ließ die Hände sinken.

»Dr. Glossin?«

Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten sich weit, und ein

Beben lief durch den schlanken Körper.

»Dr. Glossin ... Ja ... Er!«

Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd ruhten ihre Blicke

auf dem dichten Blättergewirr über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter

ihrer Stirn. Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig

aufgetauchten Verdacht zu ergründen ... Vergeblich. Sie fand keinen

Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck ihrer Züge wich dem einer

Enttäuschung. Was war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer

Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, so daß alle

Zusammenhänge verlorengingen?

Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen und ließ sie auffahren.

»Ah, Dr. Glossin!«

Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.

»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin ich. Womit kann ich

Ihnen helfen?«

»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte sich Mrs. Harte an

den Besucher. »Seit einer Woche ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir

stehen vor einem Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«

Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des Doktors. Ihre Augen

blickten so fragend und angstvoll, als würde von dieser Stelle aus über

ihr eigenes Leben entschieden.

»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich der Bitte der Mutter

an.

Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine Ahnung von der Affäre in

Sing-Sing hatten, und Dr. Glossin handelte danach.

»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre es doch wohl das

einfachste, wenn man sich an die Polizei wendete. Freilich müßte

man glaubhaft machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens

vorliegt, denn sonst ... man reist viel in den Staaten, und eine

achttägige Abwesenheit eines jungen unabhängigen Mannes wäre noch kein

Grund, den polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«

Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, die ihn gespannt

beobachtete, merkte keine Veränderung an ihnen, während er ruhig

fortfuhr: »Ich will mich selbst mit der Polizei in Verbindung setzen,

aber ... aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe ...«

»Herr Doktor! Was soll das heißen?«

Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher mit großen,

klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden. Vor dem magnetischen Fluidum,

welches aus den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte,

senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.

»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die ich bei meinem letzten

Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium zu holen. Ich muß gleich wieder

abreisen.«

Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes zu fassen, den diese

beharrlich zu Boden gerichtet hielt. Einen Augenblick nur dauerte der

stumme Kampf. Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne empor. Ihre

Blicke versenkten sich ineinander.

»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft erledigt.«

Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.

»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist hinter dem Dach

verschwunden. Mir wird kühl.«

Während Jane die herabgesunkene Decke um sie schlug, strich ihr die

Mutter liebkosend über das bleiche Gesicht.

»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«

»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«

Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im Hause bettete sie die

Kranke auf einen Diwan und wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die

Tür und stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. Dann

schritt sie dem Laboratorium zu.

Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem bequemen Stuhl.

Der suggestive Befehl war auf die Minute genau ausgeführt. Noch einmal

versuchte sie es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine

unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr Mund öffnete

sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin streckte die Hände über Janes

Haupt aus, und kein Ton kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen

ließ sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war in jenem

rätselhaften Zustand, in dem das körperliche Auge geschlossen ist,

während die Seele Dinge wahrnimmt, die räumlich oder zeitlich in weiter

Ferne liegen. Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat

Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«

Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen und schwer

oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen öffneten sich und formten

Worte einer fremden Sprache.

»~Om mani padme hum.~«

Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin hörte sie und

verstand den Sinn nicht. Mit größter Konzentration stellte er die Frage

noch einmal, gab er Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen.

Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier Worten, die ganz

mechanisch, fast maschinenmäßig wiederholt wurden, wie wenn etwa ein

Phonograph den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt.

Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere.

»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? Können Sie hören, was er

spricht?«

Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von Janes Lippen: »Ich sehe

... Wolken ... ein Schiff ... ein Flugschiff ... Logg Sar! Er trägt

ein dunkles Kleid. Zwei Männer sind bei ihm ... Das Schiff landet

... Viel Heidekraut. Die Männer verlassen das Schiff ... Das Schiff

verschwindet. Logg Sar geht über die Heide ... Es wird neblig. Ich sehe

nichts mehr.«

Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.

»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«

»Ein Land im Norden ... dunkle Tannen und Heidekraut ... ein Haus an

einem Fluß. Die Nebel steigen ... Ich sehe nichts mehr ...«

Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus früheren Erfahrungen, daß

es vergeblich war, weiterzufragen, wenn das Bild sich verschleierte.

So setzte er die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung

auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision schon bei Vorgängen

abbrach, die, wenn auch weit entfernt, in der Gegenwart stattfanden,

war wenig Aussicht, zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er

beschloß, den Versuch zu machen.

»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«

»Ich gehe ... die Johnson Street, die Washington Street ... ich bin in

dem Hause ... ich trete in das Zimmer ...«

»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände vorhanden? Oder fehlt

etwas? Wurde in der letzten Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken

Sie rückwärts.«

Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen Raum vorwärts

tastete.

»Ich sehe ... Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person kommt. Ich erkenne

sie. Es ist Dr. Glossin. Er sucht und findet nichts ... Er geht wieder

fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine ... ein Riese, blond, mit

blauen Augen. Der andere dunkel. Ein Neger? ... Nein, ein dunkler Mann.

Sie suchen. Sie nehmen ... ~Om mani padme hum ... Om mani padme hum.~«

Der Doktor ballte erregt die Hände.

»~Om mani padme hum~? ... Schon wieder die sonderbaren Worte. Was

bedeuten sie? Geben sie den Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? ...

Verdammt daß die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der Diktator

seinen Bericht haben.«

»~Om mani padme hum~«, kam es automatisch von Janes Lippen.

»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen Sie, deutlich zu

sehen. Was nehmen die beiden Männer?«

»Papierstreifen ... ich sehe eine kleine Handmühle ... das Bild wird

trübe. Die Nebel steigen.«

»Eine Mühle?«

Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle? Was konnte Logg Sar

für eine Mühle haben? Bei der Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr.

Glossin allerlei asiatische Erzeugnisse gesehen ... vielleicht eine

buddhistische Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch die Lösung

nach dieser Richtung?

Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren würde. Er legte

die Hand aufs neue auf Janes Stirn. Im Augenblick vollzog sich eine

Veränderung in ihrem Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie

eine tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie zehn

Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich er ihr wieder über die

Augen und das Haar. Ein Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die

Nerven seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und schien es für die

selbstverständlichste Sache von der Welt zu halten, daß sie hier im

Laboratorium saß.

»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen, was sie für

notwendig halten, und legen Sie mir die Rechnungen bei meinem nächsten

Besuch vor. Ich möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten

wird.«

»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren Wünschen besorgt werden.«

Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand des Hellsehens war

bei Jane geschwunden. So befahl es die retroaktive Suggestion, die

Dr. Glossin ihr bei der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ

das Laboratorium mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche

Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben. Aber auch jede Sorge um

Logg Sar, ja jede Erinnerung an ihn war wie weggewischt. Sie stand

für den kommenden Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war in

jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung gebracht

hatte. Der Doktor war sicher, daß sie vor dem Ablauf der nächsten

vierundzwanzig Stunden kein Interesse mehr an dem Schicksal des

Verschwundenen nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es Glossin mit

Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl sie sich als Silvesters

Verlobte betrachtete, wovon Dr. Glossin noch nichts wußte.

Der Arzt blieb allein zurück.

Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955 · 第 7 / 22 题