Achtens -«

Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich

ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte:

»Heute muß ein Schritt von großer Bedeutung unternommen werden. Bis

jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig,

noch wünschenswert. Wir brauchen vorläufig nur etwa ein Drittel der

bisherigen Arbeitskräfte für den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen

zwei Drittel können sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die

auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, können

sich später bei unserem Schriftführer, Herrn Otto Meyer, melden.«

Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus:

»Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, daß der

heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergeßlich bleiben kann.

Helfen Sie mir dazu.«

Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang.

Am Abend desselben Tages standen die sieben Gründer auf dem Balkon von

Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende

Perlenschnüre zogen sich die Reihen der Straßenlaternen durch das samtne

Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der

Häuser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und

harte Lichtbündel in die Nacht.

»Unsere Gründung«, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die

Arme, »unser großes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und

doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger

Körper.«

»Und was sind wir in diesem Körper?« fragte Paul Seebeck, die Arme über

der Brust verschränkt haltend.

»Doch wohl das Gehirn«, sagte Nechlidow ruhig.

»Und eben so fremd dem Körper, wie das Gehirn dem menschlichen Körper,

der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kümmern«, fügte

Edgar Allan hinzu.

Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn.

»Der Körper lebt nach eigenen Gesetzen, kümmert sich nicht um das

Gehirn, und die Menschheit ein Körper, ein lebendiger Körper, mit

eigener Seele«, murmelte er. »Da liegt es ja!« schrie er auf.

Otto Meyer schlug ihn begütigend auf die Schulter:

»Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Welträtsel noch

nicht heute abend zu lösen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die

übrige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre über sie nachgedacht, ohne

sie zu lösen.«

Melchior sah dem Spötter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung

zitternd, sagte er:

»Nicht die Welträtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo

es liegt, sehe es klarer und klarer.«

Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur

Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewußtsein der Freiheit haben, aber

wagen nicht, sie zu gebrauchen.

Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die

starken, freien Gesichter, die kühnen, rücksichtslosen Augen - und setzt

man sie zusammen, wärmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander.

Und wir sieben stehen draußen, unverstanden und unverstehend.

Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen

uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken.

Seebeck.

Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur »Prinzessin

Irene« hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begrüßen.

Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle

drei waren schon im Mantel.

Als sie sich begrüßt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten,

sagte Frau von Zeuthen:

»Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu

ihm, dann wird er wertvoll für Sie und Ihr Werk sein. - Felix, bitte

Herrn de la Rouvière herzukommen.«

Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll

stehen. Unwillkürlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la

Rouvière sah, denn dieser war ein Krüppel. Er war nicht größer wie ein

achtjähriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine

waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hände aber wohl

noch größer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im

Türrahmen stehen.

Frau von Zeuthen sagte:

»Seine Vorfahren hat der Pöbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe

Pöbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmöglich. Nur hat er

sich andere Waffen gewählt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen

sucht er eine Heimat, Seebeck!«

Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krüppel fast

schmerzhaft fest drückte:

»Seien Sie hier willkommen«, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins

Gesicht. Aber sein Lächeln erstarrte, als er in de la Rouvières Augen

blickte. Sie schienen ihm plötzlich einen fast tierischen Ausdruck von

Hunger zu bekommen. Aber im nächsten Augenblicke war dieser Ausdruck

verschwunden, und der Krüppel stand wieder so bescheiden wie vorher da.

Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er

wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern

etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte:

»Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl

voraussetzen, daß Sie sich auch in äußerem Sinne nützlich machen

wollen?«

Frau von Zeuthen trat lächelnd heran:

»Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann

ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?«

»Zur Archivarin«, sagte Paul Seebeck. »Bis jetzt hat die Sekretärin, die

ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit

wird ihr zu viel, und außerdem paßt sie nicht recht dazu.«

Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie:

»Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur

unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die

Einzelheiten einführen müssen. Ich stelle es mir schön vor, im stillen

Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich große und bunte Leben durch die

festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen

hat.«

Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvière:

»Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wünschen Sie einen freien

Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?«

»Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hände legen, Herr Seebeck?«

antwortete der Krüppel und sah ihn treu und gut an.

»Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen«, erwiderte Paul Seebeck

und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Aber was soll ich machen, Paul?« sagte Hedwig und ergriff

einschmeichelnd seine Hand.

»Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergärtnerin brauchen können;

unser Erziehungswesen liegt überhaupt recht im argen und muß erst

gründlich organisiert werden«, fügte er, zu Frau von Zeuthen gewandt,

erläuternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte

nichts, starrte ihn aber mit seinen großen, glänzenden Augen unverwandt

an.

Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen:

»Wie steht's aber um die Dienstboten?«

»Dafür haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und

einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie nützlich zu machen.

Unsere jungen Damen sind Dienstmädchen, Krankenpflegerinnen oder

Kinderfräuleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafür

bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere

allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung

zu selbständiger Tätigkeit vorliegt.«

»Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck?« fragte Frau von

Zeuthen wieder.

»Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie

vorkommen. Einige geringfügige Übertretungen haben wir mit Geldstrafen

belegt. - Dagegen haben wir »bürgerliche Rechtsstreitigkeiten«, wie Otto

Meyer sich ausdrückt, in überraschend großer Anzahl, und da standen wir

vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein

Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als

Richter einzusetzen. Ich wollte natürlich nicht ein starres, eiskaltes

Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen

unserer, in ihrem Fach trotz allem verknöcherten Juristen anstellen.

Schließlich setzte ich durch, daß die Monatsversammlungen alle

Streitigkeiten durch Beschluß entscheiden.«

Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie:

»Wo sollen wir eigentlich wohnen?«

»Oh, dafür habe ich gesorgt,« antwortete Paul Seebeck schnell. »Ich habe

Ihnen ein fünfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht

gefällt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die

ordnungsgemäße Reihe etwas zu durchbrechen«, fügte er lächelnd hinzu.

Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger:

»Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat hätte ich Ihnen

nicht zugetraut.«

»Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen?« gab Paul Seebeck

zurück.

»Aber was werden die andern dazu sagen?«

»Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, daß

wir so viele Dinge selbständig machen müssen - nachträglich wird dann

alles gut geheißen.«

»Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.«

»Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. - Ich scheue mich nicht ein

Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf

kürzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erfülle.«

»Aber betreten Sie damit nicht einen gefährlichen Boden? Wäre es nicht

vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?«

»Nicht so lange ich so genau weiß, was ich will, und so klar mein Ziel

vor Augen sehe. - Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit

ist für uns alle so ungeheuer wichtig, daß es meine Pflicht ist, Ihnen

so schnell wie möglich volle Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Ob Fischer

Petersen einige Wochen länger in der Baracke leben muß, erscheint mir,

dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.«

»Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?«

»Wenn er es doch täte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen!

Und auch Sie, Herr de la Rouvière, müssen mir dazu helfen.«

»Fräulein Erhardt«, meldete das Dienstmädchen, und Frau von Zeuthen

erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch

gelesen hatte.

Ein dunkellockiges Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen trat ein.

Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei ließ. Unter dem Arme

hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungraziösen

Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mädchens darstellte.

»Gnädige Frau«, sagte sie und sank halb in die Knie.

Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand

ergriffen und fragte erstaunt:

»Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretärin?«

»Gewiß«, antwortete Fräulein Erhardt. »Schon seit drei Monaten.«

Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen

Tisch. Dann bat sie Fräulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu

nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurück.

»Erzählen Sie«, sagte sie dann.

»Ich habe nicht viel zu erzählen, gnädige Frau«, sagte Fräulein Erhardt.

»Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und

Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fühlte ich mich recht

unglücklich hier in all der Geschäftigkeit und wußte gar nicht, was ich

selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft

eine Privatsekretärin - die anderen Herren hatten schon längst

irgendwelche Hilfe bekommen - und ich meldete mich zu der Stellung. Das

ist alles, gnädige Frau«, sagte sie und strich ihr Kleid glatt.

»Und wie war es in Ihrer Stellung?« fragte Frau von Zeuthen.

Über Fräulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte

lebhaft:

»Es ist wunderschön, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt

er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel

Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.«

Die Tür wurde aufgerissen, und naß und zerzaust stürmte Felix herein.

»Weißt du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvière vorgeschlagen hat? Er

soll hier eine Zeitung gründen und außerdem die Protokolle der

Versammlungen führen.«

»Schön, schön mein Junge«, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte

Felix Fräulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas

zurückgetreten war. Er wurde glühend rot im Gesicht.

Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn

Fräulein Erhardt zu.

»Mein Sohn Felix«, sagte sie.

Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Fräulein Erhardt die Hand,

die jene einen Augenblick lang festhielt.

»Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen«, sagte er.

Fräulein Erhardt schüttelte langsam den Kopf:

»Das tut nichts«, sagte sie und sah Felix mit ihren großen, schwarzen

Augen an.

Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem

Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte:

»Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Fräulein Erhardt und ich

haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will

mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einführen.«

»Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen«, sagte Fräulein Erhardt bittend,

und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke.

Fräulein Erhardt aber öffnete die Aktenmappe und erklärte Frau von

Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte.

In der nächsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch

die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er

gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden

nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden,

in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit

beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen

zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, daß er auch Frau von Zeuthen,

Nechlidow und Melchior eingeladen hätte.

Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und

Paul Seebeck machte sie mit den geringfügigen Änderungen bekannt.

»Es ist doch fast eine Vergewaltigung«, sagte Edgar Allan plötzlich,

»daß man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von

selbst nie verfallen wäre - lauter fertige, geprägte Begriffe, ein

fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind

selber bilden, muß alles das gläubig hinnehmen, was die früheren

Generationen ihm vorgekaut haben.«

»Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich

nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz

aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung

einige entzückende Orang-Utans vorfinden.«

Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ

sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als

er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte

ungewöhnlich lebhaft:

»Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse

Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben,

die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen

würde.«

»Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern

voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und

setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste

geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern,

mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im

Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.«

Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und

Gabel hin.

»Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen

dabei nur meinen Gedanken aus.«

Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die

Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah

sich im Kreise um und sagte lächelnd:

»Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte

Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches

Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden.

- Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig

sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur

Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser

aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor

Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders

als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging

ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein

ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen

werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden

Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden

gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm

unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache

bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und

immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja

auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren

wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht.

Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden,

als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und

glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und

dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« - Nach einer

kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man

aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe

einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt

sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm

aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine

Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er

spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre,

muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten

Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate

oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren

gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu

einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau

unsere Lage? - Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der

Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu

ziehen.«

Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort:

»Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe

ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz

anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und

seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht

mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und

tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen.

Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.«

Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere

Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit

aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte.

Jakob Silberland räusperte sich und sagte:

»Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier

auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im

Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben

Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als

zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.«

»Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange

wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«,

sagte Herr von Rochow.

»Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die

die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum

einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es

gelöst?«

Aber Melchior hörte ihn nicht.

Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes

darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel

zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere

Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur - siehe die christliche

Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer - und ist dann stolz auf seine

Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.«

»Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst

abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es

gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte,

das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse,

und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel;

eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.«

»Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar

Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige

Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer

Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und

blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich

beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich

mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe,

wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe - etwas, wozu Sie als

gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind - sehe ich statt

unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes

Chaos.

Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur

ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der

Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese

kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und

entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden

auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist

nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und

jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich

das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs

herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine

Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen

Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die

übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte,

kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir

auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt

angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird

vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen,

die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?«

»Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es

ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, daß man Zeit braucht,

um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich

werde darüber nachdenken.«

Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, daß der Stuhl

umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie:

»Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich

wenigstens habe keine Lust mehr, länger an der Komödie mitzuspielen. Wir

kamen hierher, um die großen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die

große, ruhige Linie auszufüllen. Und was geschieht? Hier ein

Kompromißchen und dort ein Kompromißchen; überall Halbheiten, nichts

Ganzes. Alles Wankelmütigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen

Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus

den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte,

Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit.

Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Gründer stellt

Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als

eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der

Sozietät. Wenn Herr Allan den dummen Orang-Utan wirklich so viel höher

stellt, als den vernünftigen Menschen, mag er zu den Orang-Utans gehen.

Aber statt ihn zurechtzuweisen, hören Sie sein kindisches und frivoles

Geschwätz ernsthaft an, antworten ihm sogar, wollen sich die Sache sogar

noch genauer überlegen.

Ich aber glaube an die menschliche Vernunft, die vielleicht sogar einmal

in Allans Nachkommen die Sehnsucht zum Affen ertöten und volle Menschen

aus ihnen machen wird.

Euch gebe ich auf; aber noch nicht die Sache, mit der ihr nur noch

spielt. Ich werde versuchen, ob ich sie noch aus dem Schlamme retten

kann, in dem ihr sie festgefahren habt.«

Er verließ das Zimmer und schlug die Tür mit Gewalt hinter sich zu.

Edgar Allan und Felix waren am Ende der Straße an der linken Seite der

Bucht angelangt. Vor ihnen lag die ziemlich steile Felswand, wo es nur

an einigen, und ziemlich weit von einander abliegenden Plätzen möglich

war, Häuser zu bauen.

Beide trugen, des strömenden Regens wegen, dicke Gummimäntel und hohe

Stiefel.

»Sehen Sie, Felix«, sagte Edgar Allan stehen bleibend und wandte sein

scharfes Gesicht dem Knaben zu. »Hier ist der gebahnte Weg zu Ende, und

die Steine fangen an. Hinter uns liegt die behagliche Wärme der Masse.«

Die hagere, sehnige Gestalt hoch aufrichtend, sagte er, »ich bin der

Erste, der hier hinaus zieht, aber glauben Sie mir, die andern sechs

werden mir hierher folgen. Auch Nechlidow, obgleich er mich ermorden

könnte, wenn ich es ihm jetzt sagte.«

Felix sah dem starken und einsamen Manne halb bewundernd und halb

zweifelnd ins Gesicht. Er antwortete nichts.

Dann stiegen sie weiter, über die Felsblöcke und durch die schäumenden

Regenbäche, und suchten einen Platz für Allans neues Haus.

In diesem Jahre war die Regenzeit heftiger als je vorher und machte

fast jede Beschäftigung außer dem Hause unmöglich. Es war ein Glück, daß

Edgar Allan bei der Stadtanlage so genau alle Eventualitäten berechnet

hatte; sonst wäre wohl manches der kleinen Gärtchen fortgeschwemmt

worden.

Paul Seebeck benutzte die Zeit der allgemeinen Untätigkeit zur

Durchführung eines Planes, den er schon lange gehegt hatte.

Allwöchentlich fanden jetzt im Volkshause Vorträge statt, die dann in

der nächsten Nummer der von Herrn de la Rouvière mit Geschick geleiteten

»Inselzeitung« gedruckt wurden.

Paul Seebeck selbst hatte den ersten Vortrag gehalten; ihm folgte Jakob

Silberland mit einem ganzen Zyklus volkswirtschaftlicher Vorträge, und

nach ihm behandelte Herr von Rochow verschiedene schöngeistige Gebiete.

Die »Inselzeitung« erwies sich nicht nur als notwendig, sondern auch als

Machtfaktor: der Krüppel hatte der öffentlichen Kritik einen breiten

Raum geschaffen, und mancher sprach lieber hier unter dem Schutze des

Redaktionsgeheimnisses seine Meinung aus, als in den Versammlungen der

Gemeinschaft. Herr de la Rouvière versah die Eingesandts mit

zustimmenden oder abfälligen Glossen, und deshalb galt es, sich mit ihm

gut zu stellen, wenn man einen Erfolg wünschte. Und Herr de la Rouvière

empfing die Besucher an seinem Schreibtische, der so niedrige Beine wie

der eines Knaben hatte, und besprach stundenlang mit dem Besucher dessen

Anliegen, so daß jener mit der Gewißheit davon ging, daß seine Sache in

guten Händen lag.

Gelegentlich suchte Herr de la Rouvière Frau von Zeuthen auf, und dort

traf er zuweilen um die Teestunde Paul Seebeck, der einige freundliche

Fragen an ihn richtete, die er bescheiden beantwortete, worauf er

gewöhnlich bald fortging.

Als Frau von Zeuthen und Paul Seebeck so eines Tages allein geblieben

waren, sagte sie:

»Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da

haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben,

einen Nährboden, wo er Wurzeln schlagen kann.«

Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren

großen, strahlenden Augen an und sagte:

»Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, müssen sich zu sehr mit

widerwärtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Hätten Sie etwas mehr Distanz

- was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben können -

würden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows

Überspanntheit liegt so viel Größe, die geweckt zu haben Ihr Verdienst

ist.«

Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervös im Zimmer auf und ab. Dann

blieb er vor Frau von Zeuthen stehen:

»Es gibt Augenblicke«, sagte er, »wo ich meine, daß Nechlidow recht hat.

Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere

heraussuche und mich frage, was ich denn hätte anders machen sollen,

dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstände bei der Verwaltung

eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht

anders erledigt werden müssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ

oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grünen Tische sehen manche Dinge

eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders für den, der die

Verantwortung trägt.

Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich früher so oft

erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die

bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Führer

Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer

eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft.

Die Sache liegt natürlich einfach so, daß unzählige Dinge - namentlich

in der Verwaltung - mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer

Natur nach erledigt werden müssen. - Ich habe mir schon früher das

gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich.

Hier kann man natürlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein

Unterschied, ob man überhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar

bequeme Schlagwörter gestützt, alles ruhig fortwursteln läßt. In dieser

Beziehung habe ich ein reines Gewissen.«

Paul Seebeck blieb stehn; er biß sich auf die Lippen und sagte:

»Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden

sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen:

wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und

unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmöglichkeit. Das

unendliche Leben läßt sich überhaupt nur in einem Sinne formen, und das

ist in der Kunst, die immer einseitig und beschränkt und deshalb

vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Künstler genannt, und

ich fühle, daß er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie

jeder schaffende Künstler hatte ich ein starres, unvollkommenes

Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwängen wollte.

Das waren die staatlichen Begriffe. - Wie hat doch Edgar Allan recht,

und wie Nechlidow! - Aber statt zu sagen: als Künstler gebe ich eine

ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das

Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natürlichen

Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschätzt

und sehe, daß es an sich weder begreiflich noch faßbar ist, wenn man es

eben nicht als Künstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum

vorbeifluten läßt.

Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den

Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst

aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein

Theaterstück aufführen, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie

spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht

eine Minute länger! Dann gehen sie nach Hause und führen ein Leben, von

dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert.

Aber dann, Gabriele, dann sehe ich Menschen wie Silberland, die ohne zu

zweifeln, arbeiten und an die Vollendung glauben. Und dann glaube ich

auch selbst wieder daran, daß aus der Komödie Wahrheit werde.«

Er setzte sich in den tiefen Ledersessel, stützte das Kinn in die Hand

und sah vor sich in den Raum. Frau von Zeuthen stand auf, trat vor ihn

hin und legte ihre beiden Hände ihm auf die Schultern:

»Seebeck, ich gab Ihnen meinen Segen zu diesem Werke; ich gebe ihn Ihnen

noch einmal zu seiner Vollendung.«

Er sank vor ihr nieder und umschlang mit solcher Heftigkeit ihre Knie,

daß die hohe Frau schwankte. Da faßte er ihre Hände und drückte sie an

sein Gesicht:

»Gabriele«, sagte er, »ich bin so einsam, so fürchterlich einsam. Und

die Nächte sind so lang. Wenn alle die quälenden Gedanken kommen, dann

sehne ich mich nach Ihnen, Gabriele, nach dir, du Hohe, Reine. Komm zu

mir mit deinen kühlen, weißen Händen. Ich bin so fürchterlich allein.«

Sie hob ihn auf und zog ihn an sich. Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust

und schluchzte.

Langsam führte sie ihn zum Divan. Aber da sank Seebeck aufs neue vor ihr

hin und barg sein Gesicht in ihren Schoß. Der große, starke Mann bebte

am ganzen Körper, sie strich ihm lind über das Haar.

»Mut, Mut!« flüsterte sie ihm zu. »Ich kann nicht zu dir kommen; jetzt

kann ich nicht zu dir kommen. Du würdest dein Werk vergessen und das

darfst du nicht. Diese Insel ist der Inhalt deines Lebens; ihr mußt du

leben, wenn es nötig ist, mußt - wirst du für sie zu sterben verstehen.

Ihretwegen mußt du das Opfer deines Menschentums bringen.« Sie beugte

sich tief zu ihm hinab und legte ihre kühle Wange an seine heiße:

»Glaubst du denn nicht, in wieviel schweren Nächten ich mich nach dir

gesehnt habe, du starker, du guter Mann. Aber ich weiß, daß ich dich

deinem Werke entziehen würde, statt es zu fördern. Und das darf nicht

sein. Was ist das Liebesglück zweier armseliger Menschlein im Vergleich

mit deinem Werke! Sei stark,« sagte sie, während sie sich wieder

aufrichtete, »dazu will ich dir helfen. Aber deine Einsamkeit ist dein

größtes Gut, sie gebar die neue Gemeinschaft, sie wird sie zur Höhe

erziehen. Aber du darfst kein armer, schwacher Mensch werden: mehr wie

ein Mensch mußt du sein.«

Da erhob Paul Seebeck den Kopf aus Frau von Zeuthens Schoß. Seine Augen

wurden groß und starr. Langsam und schwer sprach er die Worte:

»Und ich schwöre Ihnen, Gabriele, von dieser Stunde an nur meinem Werke

zu leben, und wenn es nötig ist, dafür zu sterben.«

Er stand schnell auf und trat ans Fenster. Durch den strömenden Regen

blinkten einige Lichter, einige erleuchtete Fenster. Langsam drehte er

sich herum und sah erst jetzt, daß das Zimmer fast dunkel war. Nur im

Umriß sah er Frau von Zeuthen auf dem Divan sitzen. Mit gesenktem Haupte

und schleppenden Schritten trat er auf sie zu, ergriff ihre Hand, die

sie ihm nicht entzog, hielt sie lange in der seinen und zog sie dann

langsam an seine Lippen.

Da erhob sich Frau von Zeuthen:

»Geh jetzt«, sagte sie fast hart, »geh zu deiner Arbeit.«

Er neigte kaum merklich den Kopf und verließ mit schnellen Schritten das

Zimmer.

Der niederströmende Regen wurde schwächer. Man sah statt des ewig

gleichmäßigen Graus am Himmel wieder Wolken, die langsam und schwer

weiterzogen. Zuweilen blickte sogar ein blaues Stückchen Himmel aus

ihnen hervor. Und endlich, endlich war der Himmel wieder rein, und die

Sonne schien.

Ein schwerer, warmer Brodem stieg von den Gärten auf und lag wie ein

Dunst von Leben und Fruchtbarkeit über der Stadt. Die Wasserrinnen an

den Abhängen versiegten, in wenigen Tagen waren die Straßen wieder

trocken.

Da wollte Paul Seebeck Frau von Zeuthens Kindern eine Freude machen und

ließ sich zwei kräftige Pferdchen mit dicken, behaarten Beinen kommen.

An einem Sonntage machten sich Hedwig und Felix auf, um das Innere der

Insel zu erforschen. In den Satteltaschen hatten sie Essen für sich mit,

und auf den Rücken der Pferdchen hatten sie Heu aufgeschnallt.

Sie ritten langsam die Hauptstraße hinauf; als sie aber die Plattform

erreichten, auf der das Volkshaus stand, stiegen sie ab, um die Tiere

nicht zu überanstrengen, und führten sie am Zügel die Serpentinen

hinauf. Als sie auf dem Hochplateau standen, sahen sie die Pyramide des

Vulkans riesenhaft und scharf in die Höhe ragen. Ein ganz dünnes

Wölkchen - kaum mehr als ein Schleier - schwebte über seiner Spitze.

»Da müssen wir hinauf«, sagte Felix und half Hedwig wieder in den

Sattel, »was meinst du?«

Hedwig gab mit der Peitsche ihrem Pferdchen einen kleinen Schlag:

»Komm«, rief sie und galoppierte voran.

Sie waren immer noch auf dem gebahnten Wege, der der Arbeit am

Staubecken wegen angelegt worden war, und nach einer halben Stunde

hatten sie dieses erreicht. Sie sprangen von den Pferden, an denen der

Schweiß herunterrann und setzten sich auf einige Steinblöcke.

Vor ihnen lag ruhig der See, aber von dem Meere her klang ein donnerndes

Getöse zu ihnen hin.

»Weißt du, was Allan mir erzählt hat?« fragte Felix. »Er will im See

einen künstlichen Schlammboden machen und Fische hineinsetzen. Er sagte,

das wäre gar nicht so schlimm, er wüßte nur nicht, wie er verhindern

sollte, daß die Fische mit dem Wasserfalle ins Meer gerissen würden.

Aber das findet er sicher auch noch heraus!«

»Fische? Wie nett. Aber dann soll er auch Vögel hierherbringen.«

»Daran hat er auch schon gedacht; er will überhaupt alle möglichen Tiere

hier wild aussetzen. Er weiß nur noch nicht welche. Aber er sagte, daß

nach zehn Jahren die Insel alle möglichen Pflanzen und Tiere haben wird.

Ich soll ihm bei der Arbeit helfen. Du, das wird wundervoll!« rief er.

»Aber wie sollen hier Tiere leben?« fragte Hedwig zweifelnd und sah sich

in der öden Steinwüste um.

»Das geht schon. Allan sagte, das schwerste wären die Säugetiere. Mit

den Fischen ist es nicht so schlimm, er will Tang massenhaft aus dem

Meere hierherbringen und dann Süßwasserpflanzen hineinstecken. Wenn das

alles richtig in Gang gekommen ist, bringt er Insekten und zuletzt die

Fische. - Und mit den Vögeln, sagt er, wäre die Sache einfacher: einige

Möven brüten ja schon. Man sollte nur an irgend einer Stelle, die so

weit von der Stadt weg ist, daß der Gestank nicht hinkommt, regelmäßig

tote Fische hinlegen, aber furchtbar viele natürlich, und dann würden

die Vögel schon kommen. Aber wie er das mit den Säugetieren machen will,

weiß er noch nicht recht; er sagt, es könnten zunächst nur Tiere sein,

die von Fischen oder Vögeln leben. - Und bei der ganzen Arbeit soll ich

ihm helfen, ist das nicht wundervoll?« rief er.

Hedwig sah voll Neid ihren Bruder an. Aber dann veränderte sich ihr

Gesicht. Fast furchtsam fragte sie:

»Du Felix, sag mal, glaubst du, daß alles noch gut geht?«

»Weshalb soll es denn nicht gut gehen?«

»Ja, siehst du, ich ging neulich etwas mit Herrn de la Rouvière

spazieren, und da kam Nechlidow, und die beiden sprachen zusammen.

Nechlidow war ganz wütend und sagte immer wieder, daß Paul alles

zerstört hätte. Dann sagte er auch etwas zu mir, was ich nicht

verstand -«

»Nechlidow ist ein Idiot!« unterbrach sie Felix mit Nachdruck. »Allan

sagt, daß gerade jetzt alles gut gehen wird, seitdem Paul eingesehen

hat, daß er alles allein machen muß und nicht mehr darauf hört, was alle

die da sagen.«

Aus irgend einem Grunde war es Hedwig peinlich, dies Gespräch

fortzusetzen. Sie sagte, während sie ihrem Pferdchen den dicken Hals

streichelte:

»Sollen wir nicht jetzt zum Wasserfall reiten? Er ist sicher

wunderschön.«

Dagegen hatte Felix nichts einzuwenden, und so bestiegen sie ihre Pferde

und ritten dem Staubecken entlang auf das Meer zu. Bald schob sich ein

breiter Steinwall zwischen sie und das Becken und warf einen tiefen und

kühlen Schatten auf sie. Sie trieben ihre Pferde zum Galopp an und

standen plötzlich einige Schritte vor dem steilen Abfall zum Meere. Sie

hörten ein Donnern, Zischen und Brausen, konnten den Wasserfall aber

nicht sehen. Rasch entschlossen sprangen sie von den Pferden, ließen sie

stehen und kletterten an dem Steinwalle empor. Er war höher, als sie

sich ihn vorgestellt hatten, aber endlich standen sie doch oben. Sie

sahen sich um: hinter ihnen streckten sich die drei Vorgebirge ins Meer,

zwischen denen die Stadt und die Irenenbucht eingebettet lagen, und vor

ihnen das große Wasserbecken, das in seiner ganzen Breitseite zum Meere

hinab überfloß. Sie sahen die Wasserfläche in ruhigem Zuge bis zum Rande

gleiten und dort entsetzt, verzweifelt, mit wahnsinnigem Schmerzgeheul

in die Tiefe stürzen, hier auf einem Vorsprung aufprallend, dort an

einer Klippe zerschellend, daß der Riese in tausend und abertausend

glitzernde Tropfen zersprang, die erschrocken versuchten, sich wieder

zusammenzufinden, und sich doch erst wieder im großen Meere trafen, das

weit hinaus mit weißem Schaum bedeckt war.

Als sie sich satt gesehen hatten, traten sie langsam den Rückweg zu

ihren Pferden an und ritten in scharfem Galopp im Schatten. Erst als der

Steinwall sich wieder abflachte, und sie in den brennenden Sonnenschein

hinauskamen, mäßigten sie ihr Tempo. Sie kamen an die Stelle, wo durch

die große unterirdische Röhre das Wasser zur Stadt abfloß; dumpf dröhnte

es da unter den Hufen der Pferde. Sie ritten weiter am Becken entlang

bis dorthin, wo der Fluß hereintrat und folgten diesem weiter in der

Richtung auf den Vulkan zu. Oft mußten sie den Fluß verlassen, weil

Steinblöcke im Wege lagen, aber sie trafen doch immer wieder auf ihn.

Zuweilen floß er breit und behäbig dahin, zuweilen rauschte er

unheimlich an einer schmalen Stelle, oder teilte sich auch mitunter in

viele Zweige, die sich aber immer wieder bald vereinigten. Hedwig und

Felix kamen über breite Streifen feinen Sandes, in dem die Pferde bis

über die Hufe einsanken.

Nach mehreren Stunden hielten sie an, sprangen von den Pferden, gaben

ihnen von dem mitgebrachten Heu zu fressen und nahmen ihnen auch die

Sättel ab. Dann hielten sie Umschau: so weit sie sehen konnten, umgab

sie graublau und gelb die Steinwüste, aus der sich nur flache Rücken

emporhoben. Und vor ihnen lag, kaum merklich in seiner Größe gewachsen,

der Vulkan. Und die Sonne brannte heiß auf sie nieder und gab den

Steinen einen blendenden Schimmer, der die Augen schmerzen machte.

Da setzte sich Hedwig plötzlich auf einen Stein und begann zu

schluchzen: sie konnte die große Einsamkeit nicht ertragen, ihr war es

zu viel des Schweigens. Felix fragte nicht; er verstand sie und fühlte

dieselbe Angst wie sie, aber er beherrschte sich. Doch zitterten seine

Hände, als er die Pferde wieder sattelte; er sagte aber ruhig:

»Der Vulkan ist ja viel weiter, als ich dachte; wir können heute nicht

mehr hinkommen. Wollen wir nicht wieder nach Hause reiten?«

Hedwig nickte; sie konnte nicht sprechen. Und so schnell es die Hitze

erlaubte, ritten sie nach Hause, zu den Menschen, zur Stadt.

Wieder war der Jahrestag der Gründung herangekommen, und die

Gemeinschaft war versammelt. Die Vorsteher hatten Rechenschaft über das

verflossene Jahr abgelegt. Es sollte jetzt zur Neuwahl geschritten

werden.

»Wünscht jemand das Wort?« fragte Jakob Silberland, der wie immer den

Vorsitz innehatte. »Nicht? Dann -«

»Ich bitte um das Wort«, rief Nechlidow überlaut und ging auf's Podium.

Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Jakob Silberland sah

überrascht Paul Seebeck an; aber dessen Gesicht war hart und

verschlossen. Auf der Tribüne aber beugte sich ein Mädchenkopf mit

glänzenden, braunen Augen über die Brüstung.

Nechlidow richtete sich straff auf, verschränkte die Arme über der Brust

und sagte:

»Es tut mir leid, daß ich die hier übliche gemütliche Handhabung der

Geschäfte ein wenig störe. Hätte ich mich jetzt nicht zum Worte

gemeldet, wäre die Wiederwahl des bisherigen Vorstehers wohl glatt

erfolgt. Ich aber möchte verhindern, daß sie überhaupt erfolgt.«

Er sah Paul Seebeck an, und dieser erwiderte starr den Blick. Dann ließ

Nechlidow seine Augen wieder über die Versammlung gleiten und fuhr fort:

»Wenn jetzt nicht ein energischer Schritt getan wird, verläuft die mit

solchem Pathos angelegte Sache kläglich im Sumpf.

Hier geht zwar alles gut, ich fürchte fast zu gut; niemand hungert und

jeder hat ein Dach über seinem Kopf - aber deswegen kamen wir nicht

hierher.

Wir kamen hierher, um der Lüge zu entfliehen, die unser gesamtes

Gesellschaftsleben durchzieht und sind jetzt dabei, eine ärgere und

verabscheuungswürdigere Lüge zu stiften.

Hier kann nur eines helfen: das felsenfeste Vertrauen auf die

menschliche Vernunft und das Abschütteln jener Herren, die den Ursprung

alles Übels in der menschlichen Vernunft sehen. Wir müssen die großen

und klaren Gesetze befolgen, die sich an der menschlichen Vernunft

ergeben und dürfen sie nicht verwischen und im geheimen verspotten, wie

es Herr Seebeck und seine Kreaturen tun.

Fragen Sie sich: was hat unsere Gemeinschaft neues gebracht als neue

Phrasen? Ist hier wirklich ein neuer Geist? Wer wagt die Frage zu

bejahen! Ist nicht vielmehr das Umgekehrte geschehen, daß einige,

wenige Männer durch Worte und Scheingesetze, die sie nur äußerlich, in

gröbstem Sinne befolgen, gestützt, einfach ihren Launen folgen, tun und

lassen, was ihnen gefällt? Wer wagt die Frage zu verneinen!

Die Gemütlichkeit und die persönliche Rücksichtnahme - dieses ganze

Spinngewebe von Gefühlsduseleien, das uns zu ersticken droht, muß fort.

Ich verkenne nicht, daß wir Paul Seebeck großen Dank schulden; aber

unsere Dankbarkeit darf uns nicht hindern, kalt und klar zu sehen. Und

wenn wir das tun, können wir nur eins sagen: Seebecks Zeit ist vorbei.

Er ist ein großer Gründer, aber ein schlechter Ausbauer.

Ich bitte die Versammlung, nicht Paul Seebeck sondern mich zum Vorsteher

zu wählen; mich treibt kein Ehrgeiz, sondern nur die Liebe zur Sache.

Und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich keine Sentimentalitäten

und persönlichen Rücksichten kenne.«

Mit zusammengekniffenen Lippen verließ Nechlidow das Podium. Jakob

Silberland sah ihm verstört nach.

In der eisigen Stille dort unten entstand eine ganz leise Bewegung, ein

Rücken auf den Bänken, ein Murmeln, ein Flüstern und zuletzt klang ein

Gewirr von Worten, Namen -

Edgar Allan hatte mehrmals von der Seite her forschend in Paul Seebecks

Gesicht geblickt und jedesmal hatte er zufrieden gelächelt, wenn er

Seebecks starre Züge sah.

Jetzt erhob sich im Hintergrunde die schwere Gestalt eines Handwerkers:

»Wenn wir Herrn Seebeck nicht wieder wählen dürfen, dann doch lieber den

Herrn Rouvière. Den kennen wir, der versteht seine Sache.«

Edgar Allan drehte sich herum; freundlich lächelnd rief er dem Sprecher

zu:

»Sie dürfen Seebeck wieder wählen, guter Freund. Sie brauchen nicht

immer das zu tun, was der letzte Redner gesagt hat.«

Aber seine Worte verloren sich; de la Rouvières Name hatte gezündet; von

allen Seiten erscholl er, gerufen, gebrüllt.

Kreidebleich im Gesichte stand der Krüppel auf:

»Ich bitte Sie um Gotteswillen, wählen Sie mich nicht! Das geht nicht.«

Stille trat ein. Aber eine grobe Stimme zerriß sie:

»Weshalb denn nicht? So war's doch ausgemacht.«

Jetzt hatte Jakob Silberland seine Ruhe wiedergefunden. Er läutete

energisch und sagte:

»Wer meldet sich zum Worte?«

Paul Seebeck gab ein leichtes Zeichen mit der Hand und ging auf das

Podium. Ruhig und geschäftsmäßig sagte er:

»Ich möchte nur einige Worte zur Klärung der Situation sagen. Es sind

als Gegenkandidaten zwei Herren genannt worden, von denen allerdings der

eine die Absicht zu haben scheint, eine eventuelle Wahl nicht

anzunehmen. Bei aller Hochachtung vor den persönlichen Eigenschaften der

beiden Herren und der Überzeugung von der absoluten Lauterkeit ihrer

Absichten, glaube ich nicht, daß einer von ihnen imstande ist, das

verantwortungsvolle Amt eines Vorstehers der Gemeinschaft zu verwalten.

Ich glaube nicht, daß die Herren auch nur eine Ahnung von den

Schwierigkeiten dieser Stellung haben; ihre Wahl würde nicht einen

Fortschritt, sondern den Ruin unserer ganzen jahrelangen Arbeit

bedeuten.

Nun kann ich Sie allerdings nicht daran hindern, einen der beiden Herren

zu wählen; Sie können mich aber nicht zwingen, dem Gewählten meine

Stellung als Reichskommissar zu übergeben. Die werde ich beibehalten und

werde von den unbeschränkten Vollmachten Gebrauch machen, die sie mir

gibt, sobald ich sehe, daß die Dinge eine Wendung nehmen, die ich für

unrichtig halte. Wenn Sie aber einen Nachfolger wählen, der wirklich

imstande ist, mein Amt zu übernehmen, gehe ich gern.«

Er verbeugte sich leicht und ging zu seinem Platz zurück.

»Bravo!« rief Edgar Allan, und dieser Ruf wurde von einem vielstimmigen

»Pfui!« beantwortet. Nechlidow sprang auf und schrie:

»Das ist die Revolution! Jetzt wissen wir, was wir von dem Manne zu

erwarten haben.«

Jakob Silberland läutete und läutete, aber erst nach mehreren Minuten

gelang es ihm, den Sturm zu übertönen. Ganz heiser sagte er, während der

Schweiß ihm in zwei Rinnen die Wangen entlang lief:

»Wünscht jemand noch das Wort? Herr Nechlidow, bitte!«

Nechlidow sprach von seinem Platze aus:

»Nachdem der bisherige Vorsteher offen den Bruch der Verfassung erklärt

hat, behalten wir uns alle Schritte vor, wie auch die Abstimmung

ausfallen mag.«

Unter steigendem Gemurmel wurden die Stimmzettel verteilt und wieder

eingesammelt. Als Otto Meyer Jakob Silberland die Urne überreichte,

trat lautloses Schweigen ein. Einen Zettel nach dem anderen öffnete

Jakob Silberland und rief laut den darauf stehenden Namen. Otto Meyer

notierte die einzelnen Stimmen und zählte sie dann zusammen. Dann

verkündete Jakob Silberland das Resultat:

»Die Stimmen verteilen sich wie folgt:

Herr Seebeck zweihundertdreiundachtzig Stimmen;

Herr Nechlidow zweihundertsiebenunddreißig Stimmen;

Herr de la Rouvière einhundertachtundsiebzig Stimmen.

Elf Zettel sind blank.

Demnach ist Herr Seebeck ordnungsgemäß zum Vorsteher der Gemeinschaft

wiedergewählt worden.«

»Aber von einer Minorität!« brüllte Nechlidow. »Ich verlange Stichwahl

zwischen ihm und mir.«

»Herr Seebeck ist verfassungsgemäß gewählt worden«, donnerte Jakob

Silberland ihm entgegen.

Jetzt erhob sich ein so unbeschreiblicher Lärm, daß Jakob Silberland

nicht mehr Ruhe stiften konnte. Er setzte deshalb seinen Hut auf und

deutete damit an, daß die Sitzung unterbrochen sei. Als auch das noch

keinen Eindruck machte, verließ er mit seinen Freunden den Saal, gefolgt

von der Mehrzahl der Versammelten. Zurückblickend sah er, daß Nechlidow

auf dem Podium stand und eifrig auf die Zurückgebliebenen einredete.

Frau von Zeuthen stand in einem ausgeschnittenen schwarzen

Schleppkleide hochaufgerichtet vor dem Krüppel, der die langen Arme mit

den schwarzbehaarten Händen demütig hängen ließ:

»Sagen Sie mir, Herr de la Rouvière, was hatte das zu bedeuten, daß man

Sie als Seebecks Nachfolger vorschlug?«

»Gnädige Frau, es ist mir selbst vollständig unerklärlich. Ich habe

nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wie sollte ich auch nur

auf den Gedanken kommen!«

»Aber Herr de la Rouvière, wenn Sie, trotz Ihrer Erklärung, mehrere

hundert Stimmen erhielten, so zeigt das, daß viele Sie für den

designierten Nachfolger Seebecks hielten und Ihre Erklärung nur für ein

Scheinmanöver ansahen. Wir stehen da vor einem System von Intriguen, an

dem das Mißtrauen, das Nechlidow aussät, nur zum Teil Schuld haben kann.

Sie müssen doch mindestens eine Vermutung haben, wie dieser seltsame

Mißgriff geschehen konnte.«

Sie sah mit großen, braunen Augen ernst auf ihn nieder, und unter diesem

Blicke wurde der Krüppel gleichsam noch kleiner:

»Gnädige Frau«, stieß er hervor. »Ich habe nicht gegen Herrn Seebeck

intriguiert; im Gegenteil, ich habe den geringen Einfluß, den meine

Stellung mir gab, nur dazu benutzt, die keimende Unzufriedenheit zu

beruhigen und in vernünftige und sachliche Bahnen zu leiten. Und die

Resultate meiner Tätigkeit liegen ja offen zutage.« Er wies auf eine

Nummer der »Inselzeitung«, die sich auf dem Tische befand.

Frau von Zeuthen schüttelte den Kopf:

»Diese Erklärung genügt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr

wissen.«

Herr de la Rouvière trat einen Schritt zurück und hob gleichzeitig die

langen Arme:

»Gnädige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen

können - können Sie nicht verstehen, daß wir uns nach der Höhe sehnen?«

Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich über

ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvière trat etwas näher

und hielt sich an einer Stuhllehne fest.

»Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand

wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich

hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein

Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und

wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.«

Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren

beiden weißen Händen.

»Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich

um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich

genoß Vertrauen, aber ich habe es nicht mißbraucht. Ich wollte nur

helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber

haben mich mißverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und

das wurde mir erst gestern klar.«

Frau von Zeuthen erhob sich:

»Ich kann Ihnen heute nicht antworten«, sagte sie, »ich muß Sie bitten,

mich jetzt allein zu lassen.«

Er ließ den Stuhl los, an dem er sich festgeklammert hatte und trat

dicht an sie heran:

»Schicken Sie mich nicht so fort! Sagen Sie, daß Sie mich verstanden

haben!«

»Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte sie langsam, aber sie nahm nicht

die Hand, die er nach ihr ausstreckte. »Aber gehen Sie jetzt; ich muß

allein sein.«

Und Herr de la Rouvière ging.

Felix schämte sich doch, seine damalige Forschungsreise so kurz

abgebrochen zu haben, und ohne die geringsten Entdeckungen zurückgekehrt

zu sein. Obgleich er den größten Teil der Schuld seiner Schwester

zuschob, konnte er sich doch nicht vergeben, nicht mehr Standhaftigkeit

gezeigt zu haben. Andererseits sagte er sich auch, daß sie viel zu

planlos losgezogen seien, so unvorbereitet, daß sie nicht einmal die

Entfernung des Vulkans gekannt hatten.

Jetzt saß er fast jeden Nachmittag bei Paul Seebeck und studierte dessen

Karten und Pläne, von denen fast alle - bis auf diejenigen, die die

nächste Umgebung und die künstlichen Anlagen betrafen - noch aus der

Zeit stammten, wo Paul Seebeck ganz allein auf der Insel geweilt hatte.

Paul Seebeck gab ihm alle Hilfsmittel, über die er verfügte, darunter

auch mehrere Lehrbücher der Geologie und der verwandten Wissenschaften,

und unterstützte ihn auch soweit mit Erklärungen, wie seine knappe Zeit

es erlaubte. Fast immer freilich verliefen diese Nachmittage so, daß

Paul Seebeck, mit der Zigarre in der Hand im Zimmer auf- und abgehend,

Fräulein Erhardt Briefe diktierte, die diese stenographierte, um sie

dann später auf der Schreibmaschine zu übertragen, während Felix, über

sein Material gebeugt, still in einer Ecke saß. War Paul Seebeck mit dem

Diktate fertig, ging er zu Felix, machte ihn auf einige besondere Dinge

aufmerksam oder löste dem Knaben Zweifel, soweit er dazu imstande war,

und verließ dann das Zimmer. Gewöhnlich packte Felix dann bald seine

Sachen zusammen und ging nach Hause, denn es war ihm unangenehm, mit

Fräulein Erhardt allein zu sein.

Aber als er wieder einmal mit einem kurzen Abschiedswort fortgehen

wollte, drehte Fräulein Erhardt sich auf ihrem Rundsessel herum und

fragte ihn:

»Sind Sie jetzt bald mit Ihren Plänen fertig, Herr von Zeuthen? Wann

ziehen Sie los?«

Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er:

»Eigentlich bin ich schon fertig. Ich will nur warten, bis es etwas

kühler geworden ist. Aber das wird es wohl schon in den allernächsten

Tagen werden.«

Fräulein Erhardt faltete die Hände über den Knieen und beugte sich nach

vorn; sie fragte:

»Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, Herr von Zeuthen?«

Felix sah sie überrascht an:

»Ja, wenn es Ihnen Freude macht, natürlich. Aber sie wird wenigstens

eine Woche dauern.«

Fräulein Erhardt stand auf und reichte ihm die Hand:

»Ich danke Ihnen.«

Felix war etwas verwirrt, und um seine Ratlosigkeit zu verdecken, küßte

er Fräulein Erhardts Hand. Sie ließ die ihre einen Augenblick in der

seinen ruhen. Dann trat er an den Tisch zurück und suchte eine von

Seebecks ersten Kartenskizzen heraus.

»Sehen Sie«, sagte er, »bis an den Fuß des Vulkans geht die Hochebene.

Die kenne ich jetzt, und da ist nichts zu holen. Steinplatten, Geröll

und zuweilen Sandstrecken. Und dasselbe sagt Paul; er ist da überall

gewesen und hat nichts gefunden. Ich kann mir auch nicht denken, daß da

irgend etwas sein sollte. Aber dort am Fuße des Vulkans, hier, wo Paul

die Striche gemacht hat, sagt er, wäre eine Masse von Schluchten. Er ist

nicht weiter gekommen, weil er keine Zeit hatte. Dort ist der Boden auch

zuweilen so heiß gewesen, daß er ihn nicht betreten konnte. Da müßten

wir also hin. Ich dachte, an einem Tage direkt bis zu den Schluchten zu

reiten - Sie können doch reiten, Fräulein Erhardt?«

»Ja, aber ich habe kein Pferd.«

»Das tut nichts, Sie können das von Hedwig nehmen. - Ja, und dann

müssen wir sehen, was wir da oben finden. Natürlich müssen wir auch auf

den Vulkan steigen.«

»Ich werde Herrn Seebeck bitten, mir jetzt meinen Urlaub zu geben«,

sagte Fräulein Erhardt. »Ich freue mich sehr auf die Reise, Herr von

Zeuthen.«

Felix verbeugte sich etwas ungeschickt und ging.

Schon in den nächsten Tagen nahm die Hitze ab; kühle Winde strichen über

die Insel und führten leichte, graue Wolkenzüge mit; ja, gelegentlich

fielen sogar einige Regentropfen. Jetzt, zwischen Sommerhitze und

Regenperiode, war die geeignete Zeit für einen längeren Ausflug

gekommen.

Am Tage vor ihrem Aufbruch hatte sich Paul Seebeck mehrere Stunden von

seiner Arbeit frei gemacht und half den beiden bei ihren Vorbereitungen.

Er sorgte dafür, daß sie Proviant für vierzehn Tage, und auch sonst

alles Notwendige, doch nichts Überflüssiges mit hatten. Was die Pferde

anging, riet Seebeck, sie nach der Ankunft einfach loszulassen; sie

würden dann ohne weiteres nach Hause laufen. Felix und Fräulein Erhardt

müßten dann allerdings zu Fuß heimkehren. Auf dem Hinwege brauchten sie

aber unbedingt die Pferde, des Transportes ihrer Sachen wegen.

Noch vor der Morgendämmerung brachen sie auf, und gerade, als sie das

Volkshaus erreichten, hob sich die Sonne über den Horizont. Der Nachttau

verschwand bald von den Steinen, aber trotz des wolkenlosen Himmels

wurde es nicht heiß. Die Spitze des Vulkans lag vollkommen frei von

Wolken und Schleiern vor ihnen.

Sie ritten in langsamem Trabe an dem Staubecken vorbei und kamen auch zu

der Stelle, wo sich Felix und Hedwig damals zur Umkehr entschlossen

hatten. Erst zur Mittagsstunde stiegen sie von den Pferden. Felix

öffnete einige Konservenbüchsen und bot Fräulein Erhardt vom Inhalte an.

Als sie gegessen hatten, warf er sich auf den Boden, zog eine seiner

Kartenskizzen hervor und bemühte sich, sich über ihren gegenwärtigen

Standort zu orientieren. Fräulein Erhardt saß inzwischen auf einem Stein

und schaute abwechselnd auf ihren Reisegenossen und auf die starre

Steinwüste. Nach zweistündiger Rast brachen sie wieder auf. Sie hielten

streng die Richtung auf den Vulkan ein, mußten aber immer größere Umwege

machen, um tiefe Spalten im Boden zu umreiten. Das Gelände wurde auch

immer welliger, und gleichzeitig trat mehr und mehr Geröll und Grus auf.

Das Geräusch vom Flusse her war vollkommen verstummt, aber immer höher

und breiter reckte sich der Vulkan. Aus dem regelmäßigen Kegel lösten

sich immer größere Vorsprünge heraus, und tiefe Einschnitte zeigten sich

an seinen Wänden.

Auch das ganze Bild der Gegend hatte sich verändert. Es gab keine Ebene

mehr, aus der sich plötzlich scharf umgrenzt der Vulkan erhob. Ebene und

Vulkan kamen einander entgegen, verwischten in ihrer zunehmenden

Zerklüftung ihre Gegensätze und verschmolzen zuletzt zu einem wilden

Körper.

Fräulein Erhardt und Felix ritten an hohen Felsblöcken vorbei, mußten

oft im Zickzackwege an steilen Geröllhalden hinab- und hinaufreiten. Das

Traben war unmöglich geworden, und im mühsamen Schreiten wiegten die

kleinen, starken Pferdchen rhythmisch die Köpfe.

Die Spitze des Vulkans war zurückgetreten und zuletzt ganz hinter einer

hohen Felswand versunken. Und hier hielten die beiden an, um im Schutze

der Felswand die Nacht zu verbringen. Sie nahmen das Gepäck von den

Pferden, gaben ihnen den letzten Rest des mitgebrachten Heus zu fressen,

nahmen ihnen dann das Zaumzeug ab und banden es an den Sätteln fest. Die

klugen Tierchen blieben erst schnuppernd stehen, gingen einige Schritte

heimwärts und wandten dann wieder die Köpfe nach Felix zurück. Da dieser

aber keine Miene machte, sie zurückzuhalten, setzten sie sich in

langsamen Trott und waren bald hinter den Felsen verschwunden.

Während Fräulein Erhardt und Felix fast schweigend ihr Abendessen

einnahmen, wurden die Schatten unheimlich lang und kalt, krochen an den

Felswänden empor, hier und da leuchtete noch eine Spitze, ein

Vorsprung -

Wenige Minuten später war es dunkel, und sofort legte sich ein schwerer

Tau auf Gesicht und Kleider.

Felix zündete eine kleine Lampe an und ordnete in ihrem schwachen

Lichtscheine die mitgebrachten Sachen. Er rollte die Schlafsäcke auf und

stellte die Konserven in eine kleine Spalte, die er - um sie vor den

Sonnenstrahlen zu schützen - noch mit einem flachen Steine zudeckte.

Dann kroch er in seinen Schlafsack, gähnte, wünschte Fräulein Erhardt

eine gute Nacht und schlief fest ein. Fräulein Erhardt aber blieb noch

lange auf ihrem Steinblock sitzen; zuweilen bewegte sie fröstelnd die

Schultern. Zuletzt ging sie vorsichtig zu Felix, kniete neben den

Schläfer hin, beugte ihr bleiches Gesicht über ihn und küßte ihn leise

auf die Stirn. Felix rührte sich nicht. Da ging Fräulein Erhardt

gesenkten Hauptes zurück und legte sich endlich zur Ruhe.

Als sie am Morgen aufwachte, war Felix fort. Sie sprang schnell auf und

brachte ihre zerdrückten Kleider, so gut es sich machen ließ, in

Ordnung. Felix kam erst nach einer Stunde. Er war beim Flusse gewesen

und hatte Wasser geholt. Er setzte das Wasser über den Spirituskocher

und sagte:

»Wissen Sie, was ich herausgefunden habe, Fräulein Erhardt? Wir sind vom

Wege ein tüchtiges Stück nach links abgekommen. Die Spalten, von denen

Paul mir erzählt hat, habe ich sehn können, wie ich zum Fluß ging. Hier

ist sicher überhaupt noch nie ein Mensch gewesen. Am liebsten möchte ich

die Spalten in Frieden lassen und noch weiter nach links, also nach

Süden, gehn.«

Er stürzte in großer Hast seinen Tee hinunter und ging dann zum nächsten

Hügel, wo er eine mächtige Steinpyramide errichtete.

»So, jetzt können wir unsere Sachen immer wieder finden«, sagte er.

»Sind Sie fertig?«

Fräulein Erhardt war fertig und bereit, ihm zu folgen.

Sie gingen an der Felswand entlang und kamen nach einer halben Stunde an

eine Geröllhalde. Hier stiegen sie höher hinauf, bis sie an einen Absatz

kamen, von dem aus sie Umschau halten wollten. Aber sie konnten nicht

weit sehen; hätten sie nicht gewußt, daß sie sich am Abhange des Vulkans

befanden, der sich hoch über die Ebene reckte - hier hätten sie es nicht

feststellen können, denn an allen Seiten sahen sie nur ein Gewirr von

Felsen und Schutthügeln, das jede Aussicht versperrte. Nur an einem

einzigen Punkte, gerade zwischen zwei Basaltfelsen, konnten sie die

Ebene und sogar ein Streifchen des hellschimmernden Meeres sehn.

Sie gingen weiter; Felix immer zwanzig Schritte voraus. Das Gefälle war

jetzt viel geringer, und das Geröll wurde oft durch Strecken von

graublauem Sande und Lehm unterbrochen, aus dem oft kleine Quellen

entsprangen, die aber alle bald wieder im Gerölle verschwanden.

Plötzlich schrie Felix leicht auf: er war mit dem einen Bein bis zum

Knie in ein Schlammloch gesunken. Fräulein Erhardt eilte erbleichend zu

ihm, aber er hatte sich schon wieder beruhigt und zeigte ihr lachend das

schmutzige Bein und das Loch, in dem sich jetzt gurgelnd trübes Wasser

ansammelte. Aber Felix war durch den Vorfall vorsichtiger geworden; er

umging die immer häufiger auftretenden feuchten, dunklen Strecken, bis

sie endlich wieder auf festen Basaltgrund kamen. Hier sah Felix auf die

Uhr: sie waren schon drei Stunden ununterbrochen gestiegen. Dann setzte

er sich auf einen Stein, um Fräulein Erhardt zu erwarten, nahm sich

einen Stein und kratzte den Schmutz vom Strumpf und Stiefel.

Naserümpfend warf er den Stein fort, denn das Zeug hatte einen widrigen,

fauligen Geruch.

Als Fräulein Erhardt neben ihm stand, reichte er ihr eine Tafel

Schokolade und rückte gleichzeitig etwas auf seinem Steine zur Seite, um

auch ihr Platz zu machen. Aber sie bemerkte es nicht; nachdenklich

knabberte sie an der Schokolade und blickte dabei vor sich auf den

Boden.

Etwas gelangweilt und mißvergnügt sah Felix sie an; aber dann wurden

seine Züge plötzlich weich, und er wandte sich ab.

»Sehen Sie doch, wie schön es hier ist«, sagte er und streckte die Hand

aus.

Fräulein Erhardt sah erst ihn mit ihren großen, schwarzen Augen an, dann

drehte sie sich ganz langsam umher. Jetzt waren die Felsen, die ihnen

vorher den Blick versperrt hatten, tief unten versunken. Sie hoben sich

kaum merkbar über die Ebene, die breit und flach dort unten lag. Ein

schmales Silberband - der Fluß - zog sich in Windungen hindurch; dort

lag ein kleiner hell spiegelnder Fleck - das Staubecken, und hinten,

weit hinten, das Meer -

Fräulein Erhardt hatte die Hand auf Felix' Schulter gelegt, und er

empfand wohlig den leichten Druck. Aber dann merkte er ihre Wärme durch

seine Kleider dringen, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl.

Er stand auf:

»Wir haben keine Zeit, Fräulein Erhardt, wenn wir heute noch hinauf

wollen«, sagte er.

»Dann lassen Sie uns weitergehn«, antwortete sie einfach und schlug die

Augen nieder.

Sie stiegen weiter. Plötzlich blieb Felix stehen.

»Riechen Sie nichts, Fräulein Erhardt?« fragte er.

Sie sog die Luft ein:

»Ja, das ist doch Meergeruch!« sagte sie erstaunt.

Felix schüttelte den Kopf:

»Ich finde es auch. Aber das ist doch ganz unmöglich. Wir sind doch ganz

weit vom Meere, und außerdem so hoch -«

Aber je höher sie kamen, um so stärker wurde der unverkennbare

Tanggeruch. Außerdem waren immer wieder große, feuchte Lehmflecke

zwischen den Felsen. Um sie zu umgehn, mußten sie mehrmals an den

zackigen Felsen emporklettern.

Auf einmal lag wieder die Spitze des Vulkans in ihrer bekannten Form vor

ihnen, nur daß sie jetzt in der Nähe scharf und zackig aussah. Aber

zwischen dem Vulkane und ihnen lag in einem langen und breiten Becken

grünlich und fett schimmernd ein großer See. Jetzt nach dem heißen

Sommer war der Wasserspiegel weit zurückgetreten, und die lehmigen Ufer

waren mit ungeheuren Massen von Tang und vertrockneten Algen bedeckt.

Skelette von Fischen lagen zu Tausenden herum, ebenso die Reste von

großen Seesternen und Krebsen.

Jetzt kam ein Windhauch und trieb Fräulein Erhardt und Felix den Gestank

ins Gesicht. Trotzdem machte sich Felix an den Abstieg, während Fräulein

Erhardt oben blieb. Sie sah ihm nach, wie er von Stein zu Stein

hinuntersprang und dann unten am Rande des Wassers entlang ging. Nach

einer Weile kam er, hochrot im Gesicht, den Abhang wieder

hinaufgestürmt.

»Wissen Sie was, Fräulein Erhardt?« rief er, noch ganz atemlos. »Im

Wasser wimmelt es von Fischen und Krebsen! Es sieht genau so aus, wie in

der Irenenbucht.«

Sie gingen einige Schritte zurück, so daß sie der Geruch nicht mehr so

belästigte. Dann fragte Fräulein Erhardt:

»Wie wollen Sie diese sonderbare Erscheinung erklären, Herr von

Zeuthen?«

Felix dachte nach.

»Paul glaubt ja, daß die ganze Insel in etwas anderer Form schon früher

da war, untersank und dann jetzt bei der Bildung des großen Vulkans

wieder aufstieg. Es wäre ja möglich, daß wir hier den früheren Krater

vor uns haben, in dem sich unter dem Meere alle die Tiere und Pflanzen

angesiedelt haben. Wie die Insel aufstieg, hat sich diese ganze

abflußlose Schüssel mit ihrem ganzen Inhalte mit gehoben und bildet

jetzt tausend Meter über dem Meere einen Salzsee. Das muß ich Allan

erzählen, der wird gleich etwas großartiges daraus machen.« Und Felix

begann gleich Fräulein Erhardt großzügige Pläne zu entwickeln, wie man

durch eine regulierte Wasserzufuhr verhindern könnte, daß der Spiegel

sich in der Trockenheit senkte. Die konstante Höhe des Wassers wäre die

erste Grundlage für weitere Arbeiten. Dann müßte man Fische

hineinbringen, die sowohl im Meere wie in Flüssen leben könnten und die

sich dann dem langsamen, aber unvermeidlichen, allmählichen Salzverluste

des Wassers anpassen würden. Und ebensolche Pflanzen. Dann Vögel

herlocken, den überflüssigen Tang als Dünger für Anlagen verwenden - oh,

es würde schon alles gehn; Allan würde hier mitten in der Steinwüste ein

Paradies schaffen.

Sie gingen weiter, des Geruches wegen immer so, daß ein Wall zwischen

ihnen und dem See lag. Zuweilen konnten sie es sich doch nicht versagen,

die paar Schritte hinaufzulaufen, um sich das Wasser wieder anzusehen,

das sich mehr und mehr zur Seite schob. Gleichzeitig versank die Spitze

des Vulkans wieder hinter vorspringenden Felsen. Nun konnten Fräulein

Erhardt und Felix wieder höher steigen, aber nur schräg aufwärts, so daß

sie immer mehr nach rechts gerieten. Jetzt befanden sie sich ungefähr

über ihrem Schlafplatze, eine halbe Stunde über der Quelle des Flusses

und dann über jenem Gewirre von Schluchten und Rissen. Der See war

vollkommen verschwunden.

Plötzlich hielt Felix an; er faßte erregt Fräulein Erhardts Hand:

»Sehn Sie dort unten, was ist jetzt das?«

Fräulein Erhardt sah hin: in etwas geringerer Höhe, als in der, wo sie

standen, lagen rötlich-gelbe Erdwellen, aus denen Dampf entstieg, hier

als verteilter Dunst, dort in kleinen, festen Strahlen.

»Wollen Sie hingehn?« fragte Fräulein Erhardt.

»Natürlich, da müssen wir hin.«

»Aber dann kommen wir heute nicht mehr auf den Vulkan.«

»Dann gehn wir morgen hin. Wir haben ja Zeit. Aber das da muß ich

untersuchen.«

Und er ging so schnell, lief lange Strecken, daß Fräulein Erhardt ihm

nicht zu folgen vermochte. Als sie erst die halbe Strecke zurückgelegt

hatte, kam ihr Felix schon wieder entgegen.

»Sehen Sie, was ich hier habe!« rief er und zeigte ihr einige

grobkörnige, gelbliche Steinbrocken.

»Ist das nicht Schwefel?« fragte sie erstaunt.

»Ja, alle die gelben Hügel da unten bestehen aus Schwefelbrei und Lehm.

Man muß vorsichtig sein, daß man da nicht versinkt. Und überall sind

heiße Quellen, die entsetzlich nach Schwefelwasserstoff riechen. Gott,

wie schön ist das alles.«

Fräulein Erhardt sah erst dem Knaben in das heiße, strahlende Gesicht

und wandte sich dann langsam ab. Sie ließ den Blick über die weite Ebene

schweifen, die, vom vielfach gewundenen Flusse durchzogen, dort unter

ihnen lag. Sie folgte mit dem Auge der großen Linie des Horizontes, wo

Meer und lichtblauer Himmel sich trafen, sie sah auf die starren

Steinblöcke um sich, sah die Spitze des Vulkans in die Höhe ragen -

»Ist es nicht prachtvoll, daß es hier so etwas gibt?« sagte Felix

ungeduldig und etwas ärgerlich.

Mit einem gütigen Lächeln wandte sie sich ihm zu.

»Gewiß ist das schön«, sagte sie. »Glauben Sie, daß es eine praktische

Bedeutung hat?«

Phantasten: Roman · 第 6 / 11 题