Nach kurzem Schweigen fuhr er auf. »Herr Kapitän, ich habe nichts
Unrechtes vor. Ich will die Insel für das Deutsche Reich in Besitz
nehmen. Machen Sie Ihre Eintragungen in das Schiffsbuch, es wird sie ja
niemand anders als die Rhederei sehen. Wollen Sie Beide mir aber
versprechen, das heißt, können Sie mir versprechen, absolutes Schweigen
zu bewahren, Sie und die Herren in Bremen, die das Schiffsbuch eventuell
lesen? Absolutes Schweigen nur drei Tage lang zu bewahren? Wenn im Laufe
dieser drei Tage nicht telegraphisch eine Bitte vom Reichskolonialamt
eingelaufen ist, länger zu schweigen, sind Sie völlig frei.«
Der Kapitän sah Paul Seebeck an.
»Einem andern würde ich ein solches Versprechen nicht geben, das mir
meine Stellung kosten kann. Ihnen gebe ich es.«
»Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, Sie werden es nicht zu bereuen haben.«
»Auch ich gebe Ihnen das Versprechen«, fügte der Erste Offizier hinzu.
Paul Seebeck senkte dankend den Kopf.
Nach einer Weile wandte sich der Kapitän wieder Paul Seebeck zu:
»Verstehe ich Sie recht, wollen Sie sofort von Bremen nach Berlin
fahren?«
Paul Seebeck schaute auf:
»Nein, ich bleibe dort und gebe Ihnen einen Brief an einen Freund mit,
der alles für mich ordnen wird.«
Der Kapitän schüttelte den Kopf:
»Ich kann Sie nicht an Land setzen lassen, Herr Seebeck. Die
Verantwortung übernehme ich nicht.«
»Ich werde in meinem eigenen Motorboot hinüberfahren.«
»Ich werde Sie leider daran verhindern müssen.«
»Herr Kapitän! Glauben Sie das verantworten zu können?«
Der Kapitän stutzte einen Augenblick. Dann schlug er Seebeck lachend auf
die Schulter und sagte:
»Ich kann Sie ja nicht mit Gewalt festhalten, dazu wissen Sie zu genau,
was Sie wollen. Aber erklären Sie mir doch, wie Sie sich alles denken.«
Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitän fest ins Gesicht und sagte ganz
langsam:
»Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven für zwei Monate. Ich
werde Sie bitten, mir drei gewöhnliche Feuerwerksraketen zu geben. Sie
haben sie ja an Bord zur Unterhaltung Ihres Publikums. Wir machen das
Motorboot mit allem Inhalt klar, so daß wir es in einigen Minuten ins
Wasser setzen können. Wir kommen ja dicht an der Insel vorbei. Sobald
wir vom Schiffe aus einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins
Wasser. Sie sind dann so liebenswürdig, mit halber Kraft
weiterzufahren. Komme ich glücklich ans Land, lasse ich alle drei
Raketen aufsteigen, und Sie dampfen ruhig weiter. Ich verspreche Ihnen,
es erst dann zu tun, wenn ich heil und gesund am Lande bin. Lasse ich
nur zwei Raketen steigen, bedeutet das, daß ich nicht landen kann und
Sie auf mich warten müssen. Eine Rakete allein heißt, daß ich in Gefahr
bin, und Sie mir ein Boot zu Hilfe schicken müssen. Einverstanden?«
»Ja, unter der Bedingung, daß Sie sich vom Schiff noch so viele
Konserven mitnehmen, daß Sie für ein halbes Jahr versorgt sind. Nach
drei Monaten bin ich zwar wieder hier -«
»Und mein Freund, Jakob Silberland, ist dann mit Ihnen.«
»Der Herr, der zum Kolonialamt gehen soll?«
»Derselbe. Ich danke Ihnen, Herr Kapitän.«
»Sie haben mir nichts zu danken. Ich bitte Sie nur, in meine Kabine zu
gehen und sich alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Dort können Sie
auch Ihren Brief schreiben. Lassen Sie sich auch Ihr Abendessen dorthin
bringen, damit Sie ganz ungestört sind. In einer Stunde komme ich zu
Ihnen hinunter, und wir können dann alles bis ins Kleinste besprechen.«
Paul Seebeck verließ mit einer leichten Verbeugung die Kommandobrücke.
- - - Drei Stunden nach Mitternacht lag der Dampfer eine Seemeile vor
dem steil abfallenden, zerrissenen Ufer entfernt, das vom Mondlichte
schwarz und groß auf das Wasser gezeichnet wurde.
Leise Kommandorufe ertönen - ein Krahn dreht sich, und unter
Kettengerassel sinkt ein Motorboot auf die kaum gekräuselte
Wasserfläche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Grüßen, der Motor
wird eingestellt, und das Boot saust davon. Langsam und schwer brodelt
es unter der Schraube des Dampfers, und jetzt setzt sich der Koloß in
Bewegung.
Der Kapitän steht auf der Kommandobrücke und verfolgt mit dem Nachtglase
das Motorboot. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht dann
tief in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort. Eine
Viertelstunde später steigen drei Raketen fast gleichzeitig in die Luft.
Aufatmend stellt der Kapitän den Telegraphen auf »Volldampf«.
Als Dr. phil. et jur. Jakob Silberland unter dem Schutze seines
übermäßig großen Schirmes dem Café Stephanie zueilte, gab es nicht
Wenige, die trotz des strömenden Regens stehen blieben und ihm
wohlwollend lächelnd nachblickten. Das war auch nicht wunderlich, denn
Jakob Silberland bildete eine sonderbare Figur. Auf kurzen Beinchen saß
ein dicker Leib mit viel zu langen Armen, und im Gesichte bildeten die
heiteren, offenen Augen einen seltsamen Gegensatz zu der
scharfgekrümmten Nase und der hohen, ausdrucksvollen Stirn, über die das
blauschwarze Haar in einigen glänzenden, langen Strähnen fiel.
Sobald Jakob Silberland das Café betreten hatte, holte er sich vom
Ständer sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am
Fenster. Dann erst hängte er Schirm und Hut an einen Haken, wobei er
doch ständig seine Zeitungen im Auge behielt. Als er seinen Mantel
auszog, wobei ein abgetragener und etwas fleckiger Gehrock sichtbar
wurde, eilte der Kellner hilfsbereit herbei und sagte:
»Guten Tag, Herr Doktor. Heute früh war der Briefträger mit einem
eingeschriebenen Brief für den Herrn Doktor da. Ich sagte ihm, er solle
am Nachmittage wiederkommen, dann wäre der Herr Doktor bestimmt hier.«
Dr. Silberland sagte nur: »Danke« und eilte auf seinen kurzen Beinchen
zu seinen Zeitungen, in denen eben ein anderer Gast zu blättern begann.
Als er sich richtig zurechtgesetzt und seine Zeitungen sortiert hatte,
bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand
gedrückt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit
gerunzelter Stirn fortlegte und aufatmend nach dem »Vorwärts« griff,
erschien, vom Kellner geführt, der Briefträger an seinem Tische und
übergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die
Handschrift seines Freundes Paul Seebeck, schob mit einer energischen
Armbewegung die Zeitungen zur Seite, quittierte, gab dem Briefträger
zwanzig Pfennige und öffnete den Brief. Hierbei fiel ein
zusammengefaltetes Checkformular heraus, das Silberland sofort in seine
Brieftasche steckte. Der Brief lautete:
»An Bord des Lloyddampfers »Prinzessin Irene«.
Lieber Jakob!
Von dem wenig befriedigenden Ausfall meiner australischen
Expedition wirst du durch die Zeitungen erfahren haben. Übrigens
war der Verlauf viel kläglicher, als die Zeitungsberichte erkennen
ließen.
Ich freue mich aber jetzt, daß ich so mißgestimmt und so
unzufrieden mit mir selbst die Rückreise antrat, denn dadurch hatte
ich gerade die richtige Disposition zu neuen Dingen, die
ernsthafter sind.
Paß mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel
entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin dort
geblieben und habe sie für das Deutsche Reich in Besitz genommen.
Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitän und der Erste Offizier von
der »Prinzessin Irene« wissen davon, und die schweigen.
Wo die Insel liegt, usw., kannst du von diesen beiden Herren
erfahren.
Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt, und laß mir
eine unbeschränkte Vollmacht als Reichskommissar ausstellen, so daß
ich bis auf weiteres mit der Insel machen kann, was ich will. Die
Leute sollen aber schweigen, bis erst feststeht, ob die Insel
bewohnbar ist oder nicht. Sonst ist die Blamage nachher zu groß. Du
gibst natürlich sofort deine alberne Stellung bei den »Neuesten«
auf und kommst mit der »Prinzessin Irene« hierher. Ein Scheck auf
zehntausend Mark liegt bei: bezahl alle deine Schulden, daß du
vollständig unabhängig bist. Mach sonst aber nicht zu viele
Ausgaben, denn ich werde hier mein Geld wohl sehr nötig brauchen.
Eine Tropenausrüstung mußt du aber haben.
Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gespräche über den
absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und
Rücksichten gehemmt ist. Wir haben ja oft darüber debattiert, wie
ein solcher moderner Staat auszugestalten sei - hier können wir ihn
gründen, wenn auch nur in einem kleinen Maßstabe.
Alle Einzelheiten überlasse ich dir, nur besorge mir die Vollmacht
und komm her. Setz dich aber auch mit dem Kapitän in Verbindung.
Der Mann ist praktisch und wird dich über Einzelheiten informieren.
Entschuldige die Kürze. Ich kann dir aber in dieser Eile nicht alle
meine Gedanken auseinandersetzen; es ist wohl auch unnötig,
eigentlich ergibt sich ja alles von selbst.
Überlege dir aber jeden Schritt, den du tust.
Gruß
dein Paul S.«
Als Jakob Silberland diesen Brief zu Ende gelesen hatte, fuhr er sich
mehrmals mit der Hand durch das lange, schwarze Haar. Dann rührte er
bedächtig seinen Kaffee um, der längst kalt geworden war. Gerade, wie er
ihn trinken wollte, kam der Kellner und sagte:
»Herr Doktor, die Redaktion fragt am Telephon, ob Sie noch hier wären.«
»Sagen Sie, ich wäre gegangen«, gab Silberland zur Antwort, »und bringen
Sie mir eine Zigarre.«
»Wie gewöhnlich eine zu Zehn?«
»Ja - nein, eine zu Fünfzig!« sagte Jakob Silberland würdevoll. »Und
besorgen Sie mir ein Auto.«
»Sehr wohl, Herr Doktor«, sagte der Kellner mit der solchen ungewohnten
Aufwendungen zukommenden Ehrerbietung.
Jakob Silberland aber fuhr, die feine Zigarre in der Hand, im Auto zur
Dresdener Bank, wo er den Scheck einlöste, und unternahm dann eine
längere Rundfahrt durch die Stadt, um alle seine kleinen und größeren
Schulden zu bezahlen, die zusammen kaum zweitausend Mark betrugen.
Zuletzt begab er sich auf seine Redaktion, wo er gegen Stellung eines
Vertreters leicht entlassen wurde, da er kein angenehmer Kollege gewesen
war.
Mit dem Abendschnellzuge fuhr er nach Berlin.
Drei Monate später saßen Paul Seebeck und Jakob Silberland in ihren
blendend weißen Flanellanzügen auf einem Steinblock am Strande, rauchten
ihre kurzen, englischen Pfeifen und sahen der langsam verschwindenden
»Prinzessin Irene« nach. Endlich sagte Jakob Silberland:
»Etwas Urweltliches liegt über der ganzen Insel: der Vulkan, die nackten
Felsen, der Mangel jeglichen tierischen Lautes - es kommt mir fast vor,
als ob ich um viele Millionen von Jahren in der Zeit zurückversetzt sei.
Es würde mich gar nicht wundern, wenn plötzlich ein Ichthyosaurus oder
sonst irgend ein Ungeheuer aus dem Wasser auftauchte.«
Paul Seebeck hatte nachdenklich seine Pfeife ausklopfend ihm zugehört.
Jetzt hob er den Kopf und sagte lächelnd:
»Die Ungeheuer wirst du schon noch zu sehen bekommen. Nur etwas Geduld.«
Jakob Silberland lachte:
»Hast du hier eine Ichthyosauren-Farm angelegt? Das Geschäft dürfte doch
kaum lohnend sein. Sobald die Zoologischen Gärten versorgt sind, würde
der Weltbedarf gedeckt sein, und was dann?«
Es zuckte um Seebecks Mundwinkel, als ob er mit Mühe ein Lächeln
unterdrückte.
»Aber wovon wollen wir hier sonst leben, wenn nicht von Ichthyosauren?
Es gibt ja keinen Grashalm auf der ganzen Insel, keinen Vogel, keinen
Floh, nichts. Soweit ich als gebildeter geologischer Laie urteilen kann,
ist auch das Vorkommen von wertvollen Mineralien zum mindesten höchst
unwahrscheinlich. Da bleiben doch nur die Ichthyosauren übrig. Außerdem
finde ich den Gedanken sehr ansprechend, daß der modernste aller Staaten
von urweltlichen Tieren lebt. Damit schließt sich zurückgreifend der
Ring und löscht die Zeit aus. Anfang und Ende berühren sich.«
Jakob Silberland sprang auf:
»Ist das dein Ernst?«
Seebeck blieb sitzen und sagte gemütlich:
»Du sollst etwas Geduld haben. Ich werde dir meine Saurierfarm schon
zeigen. Die größte Ichthyomuttersau habe ich übrigens voll Dankbarkeit
gegen das gütige Schicksal »Prinzessin Irene« getauft.«
Damit stand er auf und ging zu seinem Zelt, das einige Schritte
rückwärts im Schutze einer schrägen Felswand stand. Er kam mit einigen
Papierrollen zurück.
»Sieh mal her«, sagte er, indem er die Blätter entfaltete und jedes an
den vier Ecken mit Steinchen beschwerte, »hier habe ich, so gut ich es
allein machen konnte, die Insel aufgenommen. Die Küste und diese Bucht
habe ich recht genau, im Inneren bin ich flüchtiger gewesen und außerdem
habe ich größere Strecken der heißen Lava wegen nicht betreten können.
Hier hast du die ganze Insel mit den Schären eins zu dreihunderttausend«,
fuhr er fort, wobei er sich über das betreffende Blatt beugte, »der
Flächeninhalt beträgt ungefähr zwölfhundert Quadratkilometer, wovon der
Vulkan allein fast vierzig bedeckt. Hier ist unsere Bucht eins zu
zehntausend. Sie ist mit der Nebenbucht dort rechts von uns überhaupt
die einzige Bucht der ganzen Insel. Ich habe sie bei Tiefebbe
aufgenommen. Die rote Küstenlinie und die rot gezeichneten Schären
beziehen sich auf Tiefebbe, die entsprechenden blauen Linien auf
Hochflut. Du siehst, daß unzählige Schären und Klippen nur bei Tiefebbe
über die Wasserfläche emporragen. Bei Tiefebbe ist überhaupt nur eine
einzige, schmale und dabei stark gewundene Rinne selbst für mein
kleines, flaches Motorboot passierbar. Ich kam glücklicherweise bei
Hochflut, sonst wäre ich überhaupt nie lebendig hier ans Land
gekommen.« Mit der Hand aufs Meer weisend, sagte er: »Die äußerste
Felsenspitze dort links ist etwa siebenhundert Meter hoch und fünf
Kilometer von uns entfernt, die dort rechts dreihundert Meter hoch und
vier Kilometer entfernt. Die Entfernung zwischen beiden beträgt drei
Kilometer. Diese Bucht stellt den einzigen Hafen, überhaupt die einzige
Landungsmöglichkeit dar. Zwischen der Spitze rechts und dem Kap, das ein
wenig darüber hervorragt, liegt eine zweite, breite, aber sehr flache
Bucht mit unzähligen Felsen und Klippen. Dahin kann man zu Wasser, aus
Gründen, die dir später klar werden, nicht kommen, und vom Lande aus nur
mit Hilfe eines Seiles. Sogar ich als Bergsteiger habe dort nur schwer
hinunterklettern können. Diese zweite Bucht habe ich Irenenbucht
getauft, der einzige Name, den ich bisher hier einer Örtlichkeit gegeben
habe.« Lächelnd setzte er hinzu: »Dort liegt also meine
Ichthyosaurenfarm.«
Bevor der überraschte Silberland sich zu einem Worte sammeln konnte,
fuhr Paul Seebeck fort:
»Denk dir unsern Standort hier als Mittelpunkt eines Kreises mit dem
Radius von fünf Kilometern, also der Entfernung des Kap dort links. Dann
bezeichnet der Kreisbogen ziemlich genau die Grenze eines submarinen
Plateaus, auf dem alle diese Schären liegen. Wie tief der Meeresboden
außerhalb dieses Plateaus ist, weiß ich nicht; mein Lot ist hundert
Meter lang und mit ihm habe ich draußen nirgendwo Grund gefunden. Sehr
tief kann er aber doch nicht sein, denn auch da draußen liegen ja, wie
du siehst, einige vereinzelte Klippen. Das Plateau bricht aber steil ab;
ich vermute, der Schären da draußen wegen und auch aus anderen Gründen,
aber ein zweites, allerdings viel tiefer liegendes, submarines Plateau.
Der größte Teil der Insel ist eine im großen Ganzen wagerechte
Hochebene, vier- bis siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel, die
überall fast senkrecht abbricht. Dann - ja, der große Vulkan -
neunzehnhundert Meter hoch, diese Mulde, mit ihren sechs
Quadratkilometern Fläche, die stufenweise, amphitheatralisch, wenn du
willst, bis zur Plateauhöhe emporsteigt - damit ist wohl die Topographie
der Insel erschöpft. Ich habe sonst nicht viel Bemerkenswertes auf
meinen Streifzügen entdeckt, höchstens wäre ein seltsames Durcheinander
von Schluchten erwähnenswert, das am Fußpunkte des Vulkanes liegt und
mich da am Weiterkommen hinderte.«
»Und wie denkst du dir die Entstehung der Insel?« fragte Jakob
Silberland.
»Ich bin kein Geologe. Daß die Insel erst jetzt entstanden ist, glaube
ich nicht. Sie wird schon einmal dagewesen sein, und zwar viel größer
als jetzt, ist dann unter die Oberfläche des Meeres gesunken und hat
sich jetzt wieder darüber gehoben, doch nicht bis zu ihrer
ursprünglichen Höhe. Und zwar glaube ich nicht, daß sie sehr lange unten
gewesen ist, einige hundert Jahre höchstens.«
»Woher kannst du das wissen?«
»Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet
hätten.«
Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und
brachte sie in sein Zelt. Als er zurückkam, sagte er, vor Jakob
Silberland stehen bleibend:
»Ist das nicht ein ganz idealer Grund für eine Stadt? Alle Straßenzüge,
sogar die Plätze der einzelnen Häuser sind von der Natur vorausbestimmt.
Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den
Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir
müssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann.
Einen großzügigen Künstler wie Edgar Allan. Dort oben -« und er wies mit
der Hand auf einen vorspringenden Felsen - »soll mein Haus stehen. Von
dort aus kann ich alles übersehen.«
»Du fühlst dich schon jetzt als König?«
»König? Nein, nein!« wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still
vor sich hin. Dann sagte er, lächelnd wieder aufblickend:
»Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine
Ichthyosaurenfarm zeigen.«
Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit
einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, daß Paul Seebeck seinen
Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er
besorgt:
»Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?«
»Doch, es gibt einen Bach hier in der Nähe, der wohl zur Versorgung
einer kleinen Stadt ausreichen dürfte, und weiter oben einen großen
Fluß. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter
zu leiten, denn er fällt mehrere Kilometer von hier in einem schönen
Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.«
Als sie gegessen hatten - der Kapitän hatte Jakob Silberland einen Korb
mit frischem Fleisch und Gemüse aus den Vorräten des Schiffes
mitgegeben, so daß Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit
Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte - rief
Jakob Silberland:
»Aber jetzt will ich nicht länger warten; jetzt mußt du mir deine
Ichthyosauren vorführen. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren,
wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren
können.«
»Schön«, sagte Seebeck. »Komm!«
Sie stiegen langsam in der mit Geröll bedeckten Mulde bergauf, und Paul
Seebeck erklärte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt
dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur
wenig; zu sehr beschäftigten seinen Geist die Perspektiven auf die
Zukunft, die ihm ja tausend Träume zu verwirklichen versprach.
Als sie die Plateauhöhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte:
»Wenn man nicht ein anständiger Mensch wäre, könnte man bei dem Gedanken
ganz sentimental werden, daß dieses reine, unberührte Land, das keine
Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf
sich wachsen und blühen sehen wird, die auch jungfräulich frei, ohne
Verbindung mit der übrigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne
überlieferten Zwang, irrende Sterne im großen Raume sind und die hier
sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier
zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zukünftigen
Staates sehe ich seine Bedeutung. Daß ich einigen Hundert oder Tausend
Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie
Entwicklungsmöglichkeiten und Glück zu geben vermag, genügt mir nicht.
Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein
Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Künstler durch seine
reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch
abschließende Form Klarheit im Chaos schafft, soll für die übrigen
Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlösung sein.«
»Du siehst nicht weit genug«, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit
der Hand durch sein blauschwarzes, strähniges Haar fuhr und erregt mit
seinen kurzen Beinchen trippelte. »Du sprichst als Künstler. Ich bin
Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewißheit: die
Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden
beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu
beitragen, daß sich die Menschheit aus den Ketten löst, in die
Gewalttätigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird
durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft
zu werden. Man muß ihr nur einmal zeigen, daß es möglich ist.«
Paul Seebeck sah mit seinen großen Augen dem Freunde gerade ins
Gesicht:
»Ich hoffe, daß es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr
wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt
aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus,
sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch
nur vor, was für Menschen zu uns kommen werden«, fuhr er lebhaft fort,
wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte,
»jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden
in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrückten,
Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das
eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die
Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der
jeder einzelne sein könnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum
Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts
mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft
wird die Erlösung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.«
Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck
blickte noch eine Weile schweigend und mit glänzenden Augen auf das
Meer. Dann sagte er lächelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht
unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbänken wies:
»Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.«
Für Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen
Worten zum leichten Scherze so überraschend, und außerdem wußte er gar
nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, daß er
schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und
natürlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide geübte Bergsteiger
waren, ging der Abstieg schnell von statten.
Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das
Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grünen Algen war, sagte
Paul Seebeck:
»Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.«
Jakob Silberland tat, wie ihm geheißen. Er sah, daß Paul Seebecks
umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in
der Felsenwand zurückkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen
schweren Körper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte.
Ängstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lächelte nur.
Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger,
schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul öffnete
sich - -
Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der
Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend:
»Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.«
»Was sind das für Tiere?« fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Körper
zitternd.
»Schildkröten, mein Junge, allerdings reichlich große.«
»Riesenschildkröten?« fragte Jakob Silberland aufatmend.
»Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie länger als für
Minuten am Lande gesehen. - Sei ruhig, hier können sie nicht
heraufkrabbeln. - Am Tage sieht man sie immer nur ganz flüchtig. Aber in
hellen Mondscheinnächten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet.
Sie können schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden
hin. Es gibt unzählige hier. Die größten waren über vier Meter lang.
Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die
Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem würden die
unzähligen Sandbänke und Klippen, die du siehst, die Sache fast
unmöglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die
meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet hätten. Aber toll ist es
hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von
elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die
phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist
der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der großen Bucht, sondern
sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer
erstreckt. Meine Auffassung ist, daß sich mit der Hebung der Insel diese
unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein
hereinkommt, weiß ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls
ist sie da, und die Schildkröten mit ihr.
Wenn wir vernünftig sind und keinen Raubbau treiben, können wir durch
die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die für die ganze Insel
ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. - Du siehst, unser Staat
braucht keine Not zu leiden.«
Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier ließ sich mehr
blicken. So traten sie den Rückweg an.
Paul Seebeck saß mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan
zusammen im Café Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frühen
Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere
Staatssekretäre und andere höheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er
alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte,
wollte er sich nicht erst die Mühe machen, sich für die wenigen Stunden
nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es störte
ihn nicht, daß er dadurch etwas Aufsehen erregte.
Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene
Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der
englische Halbteil seines Blutes nicht.
Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Straße hinaus. Edgar Allan
stützte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den
langen, mageren Händen. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah
er, daß Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen großen Augen forschend
anblickte.
Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er
sagte erregt:
»Ich bin übrigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht
abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, daß
ich zu einer Entschädigung verurteilt wurde. Alle Sachverständigen waren
darin einig, daß mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes
entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben müssen.« Dann
fuhr er ruhiger fort: »Die Leute haben aber recht, ich kann kein
einzelnes Haus bauen; ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand das kann.
Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt übertragen, dann werde
ich schon zeigen, wozu ich tauge.«
Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus.
Plötzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm:
»Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er.
Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen:
»Ja«, sagte er, »gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich.
Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will,
daß jemand anders als ganz aus freien Stücken zu uns kommt. Halloh!«
rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden,
hochgewachsenen Herrn zu, der, das »Berliner Tageblatt« in der Hand,
sich gerade nach einem freien Tische umsah.
»Herrgott bist du plötzlich in Berlin?« fragte der Angesprochene im
höchsten Grade erstaunt. »Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wärst
Kaffernhäuptling oder Seeräuber oder so etwas ähnliches geworden.«
»Noch nicht«, erwiderte Paul Seebeck. »Aber meine amtliche Bestallung
als Seeräuber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die
Herren, daß ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer,
Architekt Edgar Allan.«
»Referendar Meyer, wenn ich bitten darf«, sagte der junge Mann, wobei er
Edgar Allan die Hand reichte, die dieser höflich nahm.
Als alle drei wieder saßen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden:
»Woher weißt du eigentlich von der ganzen Geschichte?«
»Du mußt mir Diskretion versprechen«, sagte Otto Meyer feierlich.
»Gewiß.«
»Also die Sache steht lang und breit da drin -«, er wies auf die
Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt - »sogar in der
halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.«
»Zeig doch mal«, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte.
»Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig.« Und
er las:
»Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes?
Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da
und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flächenraume von
zwölfhundert Quadratkilometern entdeckt und für das Deutsche Reich in
Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das
allergeringste zu holen ist -«
»Willst du vielleicht die Güte haben, ungefähr das zu lesen, was
dasteht?« unterbrach Seebeck den Lesenden. »Die Sache interessiert mich
nämlich.«
Otto Meyer las weiter:
»Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger,
weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht für eine eigentliche
Kolonie, ließ der Staatssekretär des Kolonialamtes dem Entdecker der
Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen
der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar
mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte.
Diese Ernennung, die selbstverständlich im Einverständnisse mit dem
Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das
Scheitern der preußischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien
aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das
bindende Versprechen, daß die Insel in drei Jahren ebenso still und
leise verschwinden würde, wie sie aufgetaucht ist -«
Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck
die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt
fortlegte, fragte Otto Meyer:
»Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu gründen? Eine
republikanisch regierte, deutsche Kolonie?«
»Ja, machst du mit?«
»Mit Vergnügen, aber nur als Justizminister«, sagte Otto Meyer ruhig.
»Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich
dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives
Element.«
»Du bist furchtbar liebenswürdig«, antwortete Otto Meyer, ohne im
geringsten beleidigt zu sein. »Aber sag mal, willst du nicht morgen bei
uns zu Mittag essen? Meine Eltern würden sich doch sehr freuen, dich
mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zukünftigen Imperator Rex
begrüßen zu können.«
»Schön. Wie früher um Drei?«
»Ja.«
Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete
ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Straße hinaus. Als er
zurückkam, fragte Otto Meyer:
»Was hast du dir denn da für einen steifen Engländer aufgegabelt?«
»Na, er ist mehr Deutscher als Engländer. Deutsche Mutter und in
Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt
recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, daß er mit mir kommt -
und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir
brauchen; das heißt, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.«
»Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich«, sagte Otto Meyer.
»Sonst bekomme ich Magenschmerzen.«
»Entschuldige mich einen Augenblick«, sagte Paul Seebeck aufstehend und
ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tür hereintrat. Paul
Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen
hatten, sagte er:
»Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir können anfangen.«
»Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was
ich sagen wollte - mir sind noch einige Leute eingefallen - aber man
kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen
Leuten nahelegen?«
»Gar nicht, natürlich«, antwortete Paul Seebeck. »Wer nicht freiwillig,
aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir,
die uns zufällig finden, weil sie uns brauchen.«
»Ja, ja«, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. »Aber wir müssen doch
einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen können uns dort nicht
festsetzen und auf die anderen warten. Damit würden wir uns nur
lächerlich machen und gar nichts erreichen.«
»Du irrst. Wir müssen gerade hingehen und uns der Lächerlichkeit
aussetzen.«
»Ich fürchte nur, daß wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes
Leben lang allein auf der Insel hocken werden.«
Otto Meyer, der offenbar fürchtete, Zeuge eines Streites der beiden
Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran
erinnerte, daß er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen hätte.
Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz
ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte:
»Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen
Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Es werden
mehr zu uns kommen, als wir brauchen können. Du wirst sehen, daß viele
gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mußt du mich entschuldigen«,
brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. »Ich will ins Theater.«
Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in
der Ecke zurecht und ließ sich vom Kellner alle Abendblätter bringen und
las die - je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung -
wohlwollenden, abwartenden oder gehässigen Glossen zur halbamtlichen
Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber müde vom Lesen; er lehnte
sich zurück und ließ sich sein letztes Gespräch mit Paul Seebeck noch
einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er
Paul Seebecks Ansicht für richtig; er glaubte vielmehr, daß man sich
einen gewissen, soliden Kern sammeln müßte, um den sich dann die
Gemeinschaft kristallisieren könnte. Aber einfach abwarten - nein.
Lieber organisieren, aufbauen.
Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschloß er,
einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der
Sache denken konnte, nämlich den russischen Flüchtling Nechlidow.
Durch schwere, dunkle Vorhänge gedämpft, fiel das Licht in den Salon,
in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid ließ Hals
und Gesicht noch weißer erscheinen, und die großen braunen Augen
leuchteten.
»Warum kommen Sie erst jetzt zu mir?« fragte Frau von Zeuthen Paul
Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand.
»Wie schön Sie sind!« erwiderte Seebeck und küßte ihre Hand.
»Unveränderlich schön wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis
überdauert.«
Ihr Lächeln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei
auffaßte. Sie sagte:
»Jetzt müssen Sie mir aber alles, alles erzählen. Ich habe die Zeitungen
gelesen und allerhand gehört. Das will ich jetzt aber vergessen und
alles neu und rein von Ihnen hören.«
Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl
neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen:
»In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind
einige Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen
nicht in unser Zeitalter. Sie gehörten nach Italien zur Zeit der
Wiedergeburt, und in Ihren Räumen hätten sich die edelsten Männer
versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu erörtern -«
»Sie wollten mir doch etwas erzählen«, unterbrach ihn Frau von Zeuthen,
wobei sie sich zurücklehnte.
Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl.
»Also, ich kam von Sidney zurück -«
»Nicht so schnell. Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Aber Sie
dürfen Australien nicht überspringen.«
Ȇber Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin - Sie
kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen -
und wie ich dort war, sah ich, daß meine ganze Expedition eigentlich
überflüssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der
größte Teil in seinen großen Zügen schon bekannt, sogar schon
aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen
abzugeben, die natürlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind -«
»Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.«
»Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade
darin, daß ich nur große Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten
untersuchen. Ich kann nur die großen Dinge sehen und räume dann gern das
Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag.
Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der
Geographischen Gesellschaft saß und mir das ganze Material durchsah,
sank mir der Mut. Ich sah wohl, daß da noch unendlich viel zu tun war,
aber fast nichts für mich.
Ich unternahm die Expedition trotzdem - ich war ja dazu verpflichtet -
aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein,
das manche Zeitungen mit Recht gerügt haben, und kehrte vorzeitig
zurück.«
»Ich las in der Zeitung, daß die furchtbaren Stürme und
Überschwemmungen, die der großen Flutwelle folgten, Sie zur Rückkehr
gezwungen hätten.«
»Ich nahm das mehr als Vorwand. Hätte ich ernstlich gewollt, hätte ich
schon dort bleiben können. Ich kehrte aber nach Sidney zurück.«
»Und dann?«
»Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung
natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf
ihr meinen Staat zu gründen.«
»So schnell?«
»Ja, wissen Sie, Gabriele«, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »zwischen
der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und
eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz
ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Und unser Plan eines wirklich
modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem
Prinzipe der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.«
»Wer ist »wir«?«
»Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus
München, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben
gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In
meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen
oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur
unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, daß zwei Menschen wie er
und ich sich in einer solchen Frage aufs Glücklichste ergänzen können.«
Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort:
»Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land
darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland.
Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb
ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam
auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und
kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr
provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst
zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul
Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah.
»War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen.
»Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf
meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es
mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich,
sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in
Europa zu ihr zurückkehrte.«
»Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln.
Er sah sie an und sagte langsam:
»Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr
so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich,
mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung - Sie
verstehen?«
Frau von Zeuthen nickte.
»Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte
sie nach einer kleinen Pause.
»Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu
haben - nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah
vor sich hin.
»Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich für
meine Arbeit brauche. Und« - hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre
Hand und küßte sie - »eine Frau, die ich immer fragen muß, ob ich auch
auf dem rechten Wege bin.«
Sie strich ihm mit ihrer schönen, weißen Hand über sein Haar.
»Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben?« fragte er, lächelnd
zu ihr aufblickend.
»Ja«, sagte sie. »Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.«
Er küßte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und
abgehend, fuhr er lebhaft fort:
»Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien
menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der
Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er übrigens Referendar, der
fünf Jahre jünger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er
nicht so aussieht. Glänzend begabt, daß jede Arbeit für ihn Spielerei
ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig
und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und
immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufällig im Café, und
er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze über unsere Insel zu
machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er
mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in
seinem Zimmer sind, sagt er mir plötzlich in vollem Ernste, daß er mit
uns kommen will, um dann sofort darüber dumme Witze zu machen. Aber ich
bin überzeugt, daß es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und
daß er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalität ein sehr
gesundes Element darstellen wird.«
Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln
und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan.
»Die Kinder«, sagte sie.
Gleich darauf wurde auch die Tür aufgerissen und die dreizehnjährige
Hedwig stürmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie
beide Arme um seinen Hals und hüpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte
sich nur mit Mühe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter
ihr stehenden zwölfjährigen Felix wenigstens flüchtig die Hand drücken
zu können. Noch halb an Paul Seebeck hängend, begann Hedwig, ihrer
Mutter übersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzählen, doch Frau von
Zeuthen unterbrach sie:
»Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen
heute früher als sonst. Dann kannst du uns alles erzählen, Hedwig.«
Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tür noch
einmal zögernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flüsterte
ihm zu:
»Ich habe alles gelesen; ich weiß alles. Ich will zu dir auf deine Insel
kommen.« Dann lief er tief errötend aus der Tür.
Während die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte
sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck:
»Ich erwarte noch einen Gast -«
»Herrn von Rochow?« fragte Seebeck.
»Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?«
»Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist
ja einer von den Unsrigen.«
»So? Das freut mich wirklich.«
»Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam
auch gleich zu mir. - Ja, und gestern sagte er mir, daß wir uns wohl
auch bald bei Ihnen treffen würden.«
»Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch später
zum Tee zu mir. Wissen Sie übrigens, daß er seinen Abschied nehmen
mußte?«
»Nein, weshalb denn?«
»Ich weiß es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmißhandlung,
wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr für den Soldaten
gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum
Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht große
Freude machen wird.«
Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit
tiefliegenden, rotumränderten Augen in der Tür. Man sah seiner Kleidung
an, daß sie mit großer Mühe ordentlich instand gehalten war. Frau von
Zeuthen ging auf ihn zu, führte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte:
»Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden
könnt.«
Und während die beiden Männer einander forschend und suchend in die
Augen sahen, öffnete sie die Tür zum anstoßenden Eßzimmer, wo Hedwig und
Felix bereits ungeduldig warteten.
Auf dem großen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen,
Broschüren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fünfarmige
Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt
waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck
gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe
zu überlegen und sich einander kennen zu lernen.
Alle sieben waren da: am Tischende saßen Paul Seebeck, Jakob Silberland
und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar
Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes
etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches,
abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel.
Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte:
»Ich habe ungefähr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe
aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und
das ist vorläufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir
die Umrißlinien gezogen haben, mögen die Anderen kommen, um sie
auszufüllen oder zu verändern. Nun liegt die Gefahr vor«, fuhr er fort,
wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe biß,
»daß wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das
darf natürlich nicht sein. Das wäre eine Oligarchie statt einer
Demokratie.«
Nechlidow hob den Kopf und rief:
»Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders
in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.«
Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:
»Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, daß unser Staat nicht
an dieser Klippe strandet.«
Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrämtes Gesicht; er sagte
nichts, nickte nur.
»Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß wir sieben Gründer, eben als
solche, vorläufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir müssen nur dafür
sorgen, daß diese Sonderstellung nicht länger dauert, als unbedingt
notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler,
selbstverständlich Mann wie Frau, ist nach einjährigem Aufenthalt auf
der Insel vollberechtigter Bürger. Wir sieben Gründer bleiben das erste
Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem
Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren,
zu verfügen. Dieses Vorrecht ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für
alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen
Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem
Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten
Bedeutung des Wortes.«
Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob
Silberland zuflüstern:
»Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.«
Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort;
plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte:
»Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.«
»Bitte«, sagte Seebeck.
Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine
Frage scharf zu formulieren; er sagte dann:
»Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im
Großen wie im Kleinen keine willkürliche Konstruktion darstellen,
ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus
Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben
wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat
sein.«
Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an:
»Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur
des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet
ist, nicht wahr?«
Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior
war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah.
Er fuhr fort:
»Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur
fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen,
daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein
ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die
Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft
ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn
ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat
genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch - zunächst wenigstens -
ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude
darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende
Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der
theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.«
»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.«
»Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort,
»ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte
Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr
Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber
plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte
etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf
einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der
Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel.
Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei
ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ
sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er
löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein.
Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah
unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt:
»Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?«
»Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein
Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte
er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck
auf:
»Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.«
»Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der
elektrischen Klingel.
»Ja, wenn ich etwas essen dürfte -« antwortete Melchior zögernd. »Ich
werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.«
»Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen?« fragte Seebeck
besorgt.
»Heute Abend?« Melchior lächelte schwach. »Gestern und heute habe ich
nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stückchen Brot haben kann, ist
mir gleich wieder gut.«
Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors
verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch
verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten.
Während dieses kurzen Gespräches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck
überzeugte sich, daß sein Atem ruhig ging und verließ dann zusammen mit
dem Kellner das Zimmer.
Als er zu seinen Gästen zurückkehrte, wurde er von allen Seiten nach
Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten
und schlug dann lächelnd vor, wieder zur Arbeit überzugehen. Diesmal
ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu
erklären, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedächten.
Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann:
»Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu
bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschätzen, die fast ohne
Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverständigen
repräsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkröte allein an Schildkrott
einen Wert von fünfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch
im Werte von ungefähr dreihundert Mark. Ein genaues Studium muß ergeben,
wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben;
jedenfalls für mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese
Einnahmequelle muß dem Staate selbst verbleiben.
Daß der Grund und Boden für immer gemeinsames Eigentum bleiben muß, ist
ja selbstverständlich, ebenso die auf ihm stehenden Häuser, denn ein
Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es
herrenloses Land in genügender Menge gibt, so daß jeder andere sich
gleichfalls - wenn er will - einen genügenden Platz sichern kann. Da es
jetzt - speziell bei uns - herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt,
oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein
Unding.
Wir brauchen nur etwas flüssige Mittel, um die notwendigen Bauten und
Anlagen ausführen zu können. Wir schlagen vor, das Geld durch eine
innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wäre. Diese
Anleihe müßte natürlich eine innere sein, um ausländischem Kapital
keinen Einfluß zu geben ...«
Die Tür knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob
Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und
blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mühe gaben, ihn so
unbefangen wie möglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm
seinen früheren Platz wieder ein. Jakob Silberland räusperte sich und
wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit
nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde
lang zu pausieren. Da niemand widersprach, ließ er Tee und kleine
Butterbrötchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren,
auf- und abgehend, zu sich nahmen.
Paul Seebeck trat zu Melchior heran:
»Haben Sie jetzt ordentlich gegessen?« fragte er.
»Ja, ja«, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann
schlug er die Augen auf:
»Herr Seebeck«, sagte er, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.«
Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn; er verfolgte
rückläufig die Vorgänge des Abends und kam damit auch auf Melchiors
Frage.
»Überlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen müssen, ehe sie
reif für eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und
das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu
bekämpfen und zu vergessen, genügt weder die Möglichkeit, noch der Wille
zur Freiheit - zwei Voraussetzungen, die bei uns glücklicherweise
gegeben sind - eine große Arbeit jedes einzelnen an sich und an der
Gemeinschaft ist notwendig. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es
gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen
Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitäten bilden kann, ohne daß
diese zu einer homogenen Masse wird.«
»Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich
finde das fast verdächtig.«
»Ach Gott, was ist denn dabei verdächtig?« sagte Paul Seebeck
gleichmütig. »Typus - Art - was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich
meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.«
Melchior schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen:
»Was Sie meinen, scheint an und für sich so klar zu sein, daß ein etwas
schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber
doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein
Problem zu sehen, nämlich dieses: daß Sie gar nicht den freien Menschen
an sich brauchen können und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur
einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.«
Paul Seebeck hatte anfangs lächelnd zugehört, dann wurde er aber ganz
ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich:
»Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der
Verbrecher, der Kinderschänder Raum fände. Wohl aber läßt sich eine
Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nährboden gibt. Was
stellen Sie sich denn überhaupt unter dem »freien« Menschen vor? - Doch
nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelüsten folgen kann? Gerade
der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im höchsten Grade unfrei.
Frei sein heißt: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von
Traditionen und Vorurteilen frei sein, heißt Rückkehr zu einer Norm, die
es kaum noch gibt.
In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus
des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle
einschließend, die in irgend einer Weise für die Gemeinschaft im höheren
Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.«
»Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich. »Ich glaube schon, daß ich Ihnen
zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.«
Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:
»Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie überhaupt zu
uns? Ich sehe, daß Sie ernst arbeiten und daß Sie aufrichtig sind, uns
also willkommen sein müssen - aber was wollen Sie von uns?«
Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin:
»Ich muß aus zwei Gründen zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle
sozialen und sozial-psychologischen Phänomene im status nascendi, also
in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus
wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein
Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit
bedeutet.«
»Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller.« Und
er drückte Melchiors heiße Hand.
Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen,
daß Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der
Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervös auf seinen kurzen
Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein
langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saßen um den Tisch herum mit
aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck
und Melchior blieben im Hintergrunde stehen.
Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu
Paul Seebeck auf und flüsterte ihm zu, wobei er errötete:
»Sie müssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche - dort auf
Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.«
Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr
antworten, denn Jakob Silberland begann:
»Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich
mich beherrschen muß, es nicht zu werden. Aber ohne jede Übertreibung
kann man wohl sagen, daß von diesem Tage an eine neue Periode der
Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere
Bestrebungen werden Früchte tragen, deren Größe wir heute noch gar nicht
übersehen können. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die
wirkliche Gemeinschaft von Menschen.«
»Gegründet auf die menschliche Vernunft«, unterbrach Nechlidow, von
seinem Stuhle aufspringend, den Redner. »Weg mit den Sentimentalitäten,
die nur Ausbeutung, Schwäche und Dummheit verschleiern sollen. Laßt uns
die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den
Menschen weiterbringen. Gefühle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng
und ehrlich müssen wir sein.«
Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln den beiden zugehört;
jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als
ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow
hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und
blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr.
Edgar Allan hörte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf
dem weißen Tischtuche Hütten und Häuser in einem Stile, der in
merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen
Bogenlinien verknüpfte.
Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und
sagte:
»Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spät, um noch alle die
Einzelheiten zu erörtern, die ich gern besprochen hätte. Aber dazu haben
wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe.
Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von
Großstadttrubel und den Vergnügungen. Jetzt beginnt für uns die Arbeit.
Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, daß sie für Andere und
uns selbst größeres gestaltet, als sonst je möglich wäre. Eine schwere
Zukunft liegt vor uns, aber eine große.«
Die Sachverständigen waren nach Sidney zurückgekehrt. Alles war geprüft
worden: der mutmaßliche Ertrag der anzulegenden Schildkrötenkultur, der
Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das
Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale - und jetzt saß Jakob
Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und
rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich
nicht selten mit den Händen durch das schwarze, strähnige Haar fuhr. Die
andern sechs aber arbeiteten draußen in der glühenden Sonne, um erst am
Abend zu den Zelten zurückzukehren. In den Stunden, wo sie dann am
Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges
Wort gefallen.
Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in
seinen Händen, ebenso die Buchführung und die Verwaltung der Gelder. Er
hatte die wöchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren
Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transport-Gesellschaft«
zustande gebracht, und jetzt galt es für ihn, auf eine geraume Zeit
hinaus den Bedarf an Geräten, Baumaterial und anderen Dingen
vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit
der Verkehr sich für die Gesellschaft lohnte.
Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und
verantwortungsvollste Arbeit - die Verwaltung der Gelder - Jakob
Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in
fünfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der
Höhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fünf Jahren hofften sie, mit
dem größten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann
die Anleihe jährlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere
Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem
Außenstehenden auch nur den geringsten Einfluß zu erlauben. Herr von
Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermögen - eine halbe Million
und zweihundertfünfzigtausend Mark - in diesen Papieren angelegt, Otto
Meyer konnte fünfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend.
- Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaßen nichts, konnten also
auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was
Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer sehr
bedauerte. Bis jetzt war nämlich das Kapital nur in ganz geringem
Umfange angegriffen, und der weitaus größte Teil des Geldes lag mit
sechsmonatlicher Kündigung in der Filiale der »Deutschen Bank« zu
Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch,
solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden,
die anderthalb Prozent Überschuß im Jahre erbrachte.
Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die
Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu
erzwingen. Es war nämlich festgesetzt worden, daß alle Staatsarbeiter -
und das waren ja vorläufig alle sieben Gründer - ein jährliches Gehalt
von fünftausend Mark beziehen sollten. Die spätere, erweiterte
Gemeinschaft mochte diese Bestimmung bestätigen, abändern oder umstoßen;
sie galt vorläufig nur für das erste Jahr.
Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die
Notdürfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte
abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland
setzte aber durch, daß nur die Hälfte dieses Geldes bar ausgezahlt
wurde, die andere Hälfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu
diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in
Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den
Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand
Jakob Silberland die Staatskasse zu schützen, indem er diese Papiere
nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jährlichen Aufschlage von
anderthalb Prozent ausgab.
Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge
galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im
Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf
die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte
sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die
Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig
Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete
Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber
notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach
der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar
sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer
sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten.
Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte
tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach,
leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf.
Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken
gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet
hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor.
Keiner sprach ein Wort.
Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer
da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des
Wellenschlages.
Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte
er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge
unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu
Paul Seebeck:
»Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor
mehreren Monaten in Berlin führten?«
Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte
spielte mit einigen Kieseln.
Melchior sagte:
»Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die
Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam
entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir
hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so
vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das
Wort Masseninstinkte - erinnern Sie sich noch?«
Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag,
war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser
fuhr fort:
»Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel
gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das
menschliche Massenbewußtsein ersetzen.«
Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen.
Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit
vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde:
»Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu
sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen,
um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten.
Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen
Fällen geschieht es später - meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir
haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob
es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht.
Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie
uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die
Masse.«
Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach
seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:
»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied
zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will
damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals
prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt,
auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse,
literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was
für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten
Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine
absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen
und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar,
sondern -«
Er stand auf und hob dozierend einen Finger:
»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder
der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen
Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper
sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung
und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als
Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und
gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur
daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation,
immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige
Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert
Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form
und Inhalt - und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die
Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie
genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.«
»Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von
Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel
vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen.
Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt,
die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.«
Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief:
»Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt,
wo das Problem liegt - lassen Sie mir nur etwas Zeit!«
Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine
Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere
Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung
und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden
können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich
gemütlich:
»Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so
liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die
endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.«
Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken
saß er da und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan:
»Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin
nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen
vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann
Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich
versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer
eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der
Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der
Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das
sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige
gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße
haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter
auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse - Sie wissen,
die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die
Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte - möchte
ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für
Versammlungen und ähnlichen Dingen.
Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine
einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand
ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist
eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf
die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch
vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben
dort.«
»Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«,
fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit
hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den
ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger
Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre
brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere
Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich
habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken
geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat - falls
Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das
Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das
frühere Flußtal.
Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig
höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht
liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil.
Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn
das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen
nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in
der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von
dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen
Wasserstrom.
Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren
will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße
folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß
fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. - Natürlich wird das
Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. - So gut
wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen
kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir
nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen
Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern
besonders an die Regulierung der Atmosphäre.
Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute
kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht.
Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage
einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus
Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen
etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht
starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine
allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die
eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und
ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch
Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner
besprochen werden.
Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich
glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark
betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen - na ja, das alles
morgen.
Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier
alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur
eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf
Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige
hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen
Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller
vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag -«
Nechlidow sprang auf:
»Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die
alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben.
Solche scheinbar - und nur scheinbar - praktische Erwägungen haben die
große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen
Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am
großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten
führt.«
»Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag«, antwortete Edgar Allan höflich.
»Da er auf Widerspruch stößt, ziehe ich ihn hiermit zurück.«
Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es
nahe am Verlöschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In
ihre Decken gehüllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum
glänzenden Sternenhimmel empor.
Als der Tag sich jährte, an dem die sieben Gründer die Insel betreten
hatten, lag die »Prinzessin Irene« in vollem Flaggenschmuck vor der
Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die
beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und
Hausgerät ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrücke standen Paul
Seebeck und Melchior und begrüßten die Ankömmlinge, während die anderen
Fünf eifrig damit beschäftigt waren, ihnen Unterkunft in den großen
Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren.
Denn die Häuser mußten ja erst gebaut werden und zwar in derselben
Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklärungen eingelaufen waren.
Dreihundertfünfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein:
tüchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend
einem Grunde nicht vorwärts gekommen waren und nicht wenige
unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches
Vaterland wußten. -
Es ergab sich von selbst, daß die sieben Gründer nicht mehr wie früher
selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm
ihre Zeit und ihre Kräfte völlig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow
übernahm die Leitung beim Bau der Straße und der öffentlichen Anlagen;
Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte
einen Teil von Jakob Silberlands Tätigkeit übernommen, der nur noch die
Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und
persönlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun.
Nechlidow und Melchior wären den andern als Assistenten willkommen
gewesen; beide erklärten aber ein für allemal, daß sie einfache Arbeiter
bleiben wollten.
Bei der fieberhaften Tätigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh
vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden
auch immer mehr Kräfte frei, so daß in immer größerem Maßstabe an den
Straßen und den öffentlichen Gebäuden gearbeitet werden konnte. Die
Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plänen durchgeführt, und die
Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transportgesellschaft« mußten
halbwöchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des benötigten
Materials bewältigen.
Jedesmal, wenn die »Prinzessin Irene« vor der Bucht hielt, brachten
ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel.
Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da.
Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken in der großen,
flachgewölbten Halle des Volkshauses saßen dreihundertfünfzig Männer und
Frauen und hinter ihnen drängten sich wohl zweihundert auf den Tribünen.
An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des
Kreisbogens saßen die sieben Gründer.
Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier
versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor
zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Gründer die Insel betreten,
und heute waren dreihundertfünfzig Männer und Frauen vollberechtigte
Bürger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male
ihre Rechte auszuüben.
Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose
Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick über die
Versammlung und lächelte glücklich. Dann sagte er:
»Meine Damen und Herren!
Im Namen meiner Freunde heiße ich Sie hier willkommen! In der
gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns
und unsere Enkel überdauern werden. Wir danken Ihnen für Ihre treue
Mitarbeit.
Bis jetzt sind wir sieben Ihre Führer gewesen, nicht aus Hochmut oder
Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine größere Sachkenntnis
hatten.
Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hände. Sie mögen prüfen, was Sie
von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und
was nicht. Vorbehaltlos übergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten.
Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, müssen wir einen Vorsitzenden
haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr.
Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut - also
bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu
übernehmen.«
Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom
Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen.
Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes
Glockenzeichen und sagte:
»Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich weiß,
daß ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in
diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehört hat, unser offizieller
Führer zu sein, wollen wir ihm versichern, daß er immer und ewig unser
geistiger Führer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm
schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein
Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes
ermöglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle längst im
Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck für immer mit goldenen
Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.«
Zögernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen
geblieben und starrte in tötlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob
Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und
wußte augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte.
Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit größter Mühe ein Lachen
herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul
Seebeck und drückte ihm die Hand.
Plötzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur
Glocke, läutete kurz und sagte, während die Versammlung sich
geräuschvoll wieder setzte:
»Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen Überblick über die
verflossenen zwei Jahre zu geben.«
Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und
sagte:
»Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und
ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich
getan habe, glaube ich verantworten zu können.
Nur auf einen Punkt möchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle
wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich
habe aber vom Reichskolonialamt die Ermächtigung erwirkt, mein Amt einem
andern, das heißt, meinem jetzt zu wählenden Nachfolger zu übertragen.
Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere
hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte
offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der
Name des neuen Reichskommissars auszufüllen ist.«
Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurück.
Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte:
»Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen möchte, um über die Verwaltung
der öffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis,
den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. - Da kein
Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. - Herr Referendar, darf ich
bitten.«
Otto Meyer schritt gravitätisch auf das Podium und flüsterte Jakob
Silberland zu:
»Na, Sie werden staunen: zunächst werde ich mal die ganze Zeit durch
bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf,
den Saal zu verlassen.«
Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht:
»Um Gotteswillen -«
Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer läutete und sagte:
»Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.«
Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem
Tische lagen und sagte:
»Ich kann jetzt natürlich nur in großen Zügen ein Bild von der
finanziellen Lage geben; ich werde Sie später bitten, eine Kommission zu
wählen, um meine Bücher in allen Einzelheiten nachzuprüfen.
Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in
der Höhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange
es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenüberschuß von
zehntausendachthundertdreiundfünfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen
gebracht.
Wir haben zweihundertachtunddreißig Schildkröten verkauft. Sie wissen
ja, daß wir nach dem Urteile der Sachverständigen dazu gezwungen waren,
da der Platz für die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach
fortgewandert wären. Dafür haben wir die Summe von fünf Millionen,
achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark
und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen
achthundertsiebenundfünfzigtausend fünfhundertvierundsiebzig Mark
zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfügung.
Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge
eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig
Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend
einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau,
Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde
haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig
Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen
zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig
Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen,
vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir
schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb
Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und
sechsundneunzig Pfennigen ab.
Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der
Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch
hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb
möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil
der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen
geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den
Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche
Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein
Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere
finanzielle Stellung also sehr günstig.«
Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im
Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu:
»Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier
heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.«
Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und
blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte:
»Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier
vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles
getan, was in meinen Kräften stand.«
Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte:
»Wünscht jemand aus der Versammlung das Wort? - Nicht? - Dann können wir
zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, daß sich bis jetzt die
Notwendigkeit von fünf Ämtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines
Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftführers, eines
Geschäftsführers, eines Architekten und eines Leiters der öffentlichen
Anlagen. Zunächst wäre die Frage zu entscheiden, ob diese Ämter in der
bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, daß
die bisherigen Inhaber dieser Ämter die bisher geltenden Bestimmungen
zusammengefaßt haben. Ihre Nachfolger hätten dazu Stellung zu nehmen und
ihre eventuellen Änderungsvorschläge der Versammlung zu unterbreiten.
Ich erlaube mir daher, folgende Geschäftsordnung vorzuschlagen: zunächst
erfolgt die Feststellung der Ämter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so
gewählten neuen Beamten hätten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu
nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge einer späteren
Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Schlägt jemand eine
andere Geschäftsordnung vor? - Nicht? - Dann schreiten wir zu Punkt
eins: Debatte über die bisherigen Ämter. Wer wünscht das Wort hierzu?«
Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob:
»Ich meine, daß alles gut war, wie es war, und daß dieselben Herren oben
bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.«
Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn
eifrig mit einem roten Taschentuche rieb.
Jakob Silberland mußte zweimal läuten, bis das beifällige Gemurmel
verstummte; dann sagte er:
»Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten
der Tagesordnung geäußert, und zwar schlägt er Beibehaltung der alten
Ämter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung
damit einverstanden, daß diese beiden Punkte gemeinsam behandelt
werden?«
Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertönten
Beifallsrufe und Zustimmungsäußerungen. Da richtete Jakob Silberland
sich stolz auf und sagte:
»Die ganz überwiegende Mehrheit wünscht die gemeinsame Behandlung beider
Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung,
die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen Ämtern wieder zu wählen.«
Jetzt wich die Schüchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe
bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen,
geklatscht und getrampelt.
Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu:
»Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche
zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, daß sie
frei wären.«
Paul Seebeck seufzte und schwieg.
Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lärm zu
übertönen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz.
»Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind«, sagte
er lächelnd. Und ebenfalls heiter lächelnd blieb die Versammlung sitzen.
Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan,
Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck
begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen:
»Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die von
dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene
Geschäftsordnung bestimmt als nächsten Punkt die Vorlegung der bis
jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlägen. - Da wir der Lage
der Dinge nach nicht nötig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst
bekannt zu machen, können wir das jetzt gleich erledigen und brauchen
keine spätere Versammlung dazu.«
Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck blätterte
etwas in ihnen und sah dann auf:
»Ich will mir erlauben, das folgende Exposé vorzulesen, das wir sieben
Gründer gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, Änderungsvorschläge
sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als
genehmigt angesehen werden kann. Ich möchte mir vorbehalten, in einigen
Vorträgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen
Standpunkte aus zu erläutern - hier mögen sie rein praktisch angesehen
werden.«
Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Höhe und las:
»Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. - Erstens: Die
Schildkröteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der
jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel ist in
seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der
Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich.
»Es ist dies nur eine Formsache«, erläuterte er aufblickend, »unter der
selbstverständlichen Voraussetzung, daß der jeweilige Reichskommissar
nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja
- vom Reiche aus - unbeschränkte Vollmacht.
Zweitens: Nach einjährigem Aufenthalte erhält jeder Ansiedler und jede
Ansiedlerin über einundzwanzig Jahre volles Bürgerrecht.
Drittens: Die Versammlung aller Bürger erläßt alle Gesetze, besetzt
Ämter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie faßt alle
Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit.
Viertens: Der Gemeinschaft gehören folgende Dinge, die nie Privatbesitz
werden können: der Grund und Boden mit Gebäuden, Gärten, Straßenanlagen,
Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Häuser und
Gärten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei
die jährliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten beträgt.
Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist
unkündbar, solange der Pächter seinen Verpflichtungen nachkommt.
Fünftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein
jährliches Gehalt von fünftausend Mark und werden auf mindestens ein
Jahr angestellt.
Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und
Arbeitsunfähigkeitsunterstützung ist Sache der Gemeinschaft.
Siebentens: Jeder Bürger hat das unbeschränkbare Recht der freien
Meinungsäußerung. -