Felix wurde eifrig. Natürlich müßte man hier Schwefelminen anlegen -

Ob es ihm nicht leid täte, die Unberührtheit der Natur zu zerstören? Oh,

Allan würde es so machen, daß es eine Verschönerung, eine Funktion der

Natur würde, eine natürliche Fortentwicklung, wie das Wachsen des Mooses

auf den Felsen.

»Allan und immer wieder Allan!« dachte Fräulein Erhardt und sah zu

Boden. »Hat er denn keinen Gedanken mehr für andere Menschen übrig?«

»Was machen wir jetzt?« sagte Felix. »Auf die Spitze können wir nicht

mehr kommen. Es ist ja schon vier Uhr. Wir können noch gerade vor der

Dunkelheit unten sein. Dann haben wir aber morgen wieder dieselbe

Geschichte. Ich glaube, es wäre am vernünftigsten, einfach hier zu

übernachten. Ich habe noch drei große Konservenbüchsen mit Fleisch und

eine ganze Masse Schokolade in meinem Rucksack. Damit können wir, wenn

wir etwas sparen, gut noch zwei Tage auskommen.

Sobald wir dann wieder unten sind, können wir uns wieder satt essen. Was

meinen Sie dazu?«

Fräulein Erhardt sah sich um und suchte sich vorzustellen, wie man hier

auf den nackten Steinen schlafen sollte.

»Ja«, sagte sie etwas zögernd.

»Gut, dann steigen wir jetzt noch so hoch wir können. Vielleicht können

wir dann schon morgen Abend wieder unten sein.«

Sie stiegen noch zwei Stunden. Der Weg bot keine besonderen

Schwierigkeiten mehr, so daß sie im Gehen wirklich die immer großartiger

werdende Aussicht genießen konnten.

Als sich die Sonne dem Horizonte näherte, sahen sie, daß sie nur noch

wenige Stunden bis zum Gipfel brauchen würden. Eine kleine Terrasse mit

Lehmboden und einem kleinen Wässerchen wählten sie als Schlafplatz.

Felix knöpfte seine Jacke zu, steckte die Hände in die Hosentaschen,

wünschte Fräulein Erhardt eine gute Nacht und schloß die Augen. Sie sah

ihn mit ihren großen Augen an, sah im rasch fortschreitenden Dunkel

seine Knabengestalt undeutlicher und undeutlicher werden. Sie fröstelte,

sie zitterte; Angst und Sehnsucht überfielen sie. Mit einem Aufschrei

warf sie sich auf den Schläfer und küßte ihm Augen und Mund.

Felix erwachte wieder, machte eine Bewegung, wie um sie abzuschütteln

und zog sie dann tief aufatmend an sich.

Die Nachricht von Felix' Entdeckungen erweckte naturgemäß großes

Interesse in der Stadt. Paul Seebeck schlug ihm vor, er solle im

Volkshause einen Vortrag über seine Reise mit Fräulein Erhardt halten;

aber dazu ließ sich Felix nicht bereit finden.

»Ich habe die Sache schon so oft erzählt; ich kann sie nicht noch einmal

erzählen«, sagte er.

Dabei hatte er sie mit allen Einzelheiten - doch nicht denen rein

persönlicher Natur - und allen seinen Gedanken, die sich an das

Geschehene knüpften, nur einem Einzigen ordentlich erzählt, und das war

Edgar Allan. Und wenige Tage darauf - der Architekt hatte nur einige

dringende Arbeiten fertig gemacht - ritten er und Felix, trotz des

feinen, aber ständigen Regens, der die Regenzeit einleitete, zum

Vulkane.

Als sie nach einigen Tagen zurückgekehrt waren, bewahrten sie absolutes

Stillschweigen über die Resultate ihrer genauen Untersuchungen. Aber die

beiden, der Mann und der Knabe, saßen täglich stundenlang zusammen.

Erst nach zwei Wochen waren sie so weit, daß sie die Vorsteher ins

Vertrauen zogen, und gleichzeitig erschien eine kleine Notiz in der

»Inselzeitung« des Inhalts, daß sich die Schwefellager als abbauwert

erwiesen hätten.

In der nächsten Monatsversammlung der Gemeinschaft legte dann Jakob

Silberland die von Edgar Allan und Felix ausgearbeiteten und von der

Vorsteherschaft gutgeheißenen Pläne vor. Es handelte sich um nichts

weniger, als die Errichtung einer zweiten Stadt dort auf halber Höhe des

Vulkans; einer Stadt, die sich gleicherweise um das Schwefelgebiet wie

den See gruppieren sollte. Die Schwefelminen sollten abgebaut, die

Quellen aber zu Heilzwecken verwendet werden. Am Seeufer sollten die

Wohnhäuser liegen. Otto Meyer verteilte Vervielfältigungen von Edgar

Allans Skizze, aus denen in großen Zügen die geplante Verbindung von

Minenstadt und Bade- und Luftkurort zu ersehen war.

Die Kredite, die zur Durchführung notwendig waren, waren nicht groß;

Edgar Allan verlangte nur die Anlage einer für Lastautomobile fahrbaren

Straße zum Vulkane und die Anschaffung der wenigen Maschinen, die zur

Hebung des fast an der Oberfläche liegenden Schwefels dienen sollten.

Die späteren Anlagen sollten aus der Hälfte der Erträgnisse der

Schwefelminen bestritten werden, wobei die andere Hälfte der

Gemeinschaft zufallen sollte. Und diese Kredite wurden natürlich ohne

Widerspruch bewilligt.

Darauf bat Jakob Silberland um Urlaub aus seinem Amte bis zur nächsten

Jahresversammlung, wo er sich über die endgiltige Niederlage seines

Mandats entscheiden würde. Vorläufig wollte er die geschäftliche Leitung

des neuen Unternehmens übernehmen. Der erbetene Urlaub wurde ihm

gewährt, und als sein Stellvertreter wurde der durch Zuruf

vorgeschlagene Herr de la Rouvière gewählt, der die Wahl mit einigen

Dankesworten annahm.

Dr. Jakob Silberland hatte Otto Meyer aufgesucht, mit dem er ein

Gesetzbuch für die Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel entwarf, und

jetzt standen sie von ihrer Arbeit auf. Der Nationalökonom reckte sich

und sagte:

»Sie sind eigentlich der Einzige hier, der eine wirklich gemütliche

Wohnung hat; Ihre wunderschönen, orientalischen Teppiche und die dunklen

Möbel -«

»Na, wissen Sie was, Doktor. Die schöne Frau wohnt doch noch ganz

anders.«

Jakob Silberland zuckte die Achseln:

»Weiß nicht. Sie hat ja alles sehr nett und sehr geschmackvoll

eingerichtet, aber ich kann bei ihr nun mal nicht warm werden. Ich

glaube, sie hat zu viel Luft in ihren Zimmern.«

Der lange, blonde, jüdische Referendar lachte:

»Ja, da haben Sie wieder mal recht; nichts auf der Welt macht eine

Wohnung so gemütlich, wie Staub und alter Tabaksrauch - ein Lehrsatz,

den man übrigens auch gut und gern auf die große Welt übertragen kann.

Finden Sie es vielleicht hier in unserem reinlichen und korrekten Staat

gemütlich? Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich zuweilen

nach den ehrwürdigen, europäischen Spinngeweben sehne.«

Jakob Silberland war ernst geworden; er dachte einen Augenblick nach,

dann sagte er eifrig:

»Sie können nicht so die Parallele zwischen Zimmer und Welt ziehen. Was

im Zimmer erlaubt ist, kann draußen ein Verbrechen sein. Im Gegenteil

fürchte ich, daß wir schon einige Spinnen hier haben, und wir müssen für

einen kräftigen Besen sorgen, um die Gewebe wegzufegen.«

Otto Meyer klopfte ihm auf die Schulter:

»Nehmen Sie die Geschichte nicht so tragisch. So war es nicht gemeint.«

»Das weiß ich schon; Sie wollten nur einen Witz machen. Aber gerade im

Witze sagt man oft Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wagt.«

»Aber liebster Doktor, Sie brauchen meine Worte nicht als Bibelweisheit

aufzufassen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich kein Philosoph bin.«

»Gerade deshalb - Halloh!«

Es hatte geklingelt und Melchior war eingetreten. Er war augenscheinlich

ohne Mantel gekommen, denn er triefte von Wasser.

»Guten Tag, Herr wissenschaftlich gebildeter Bauarbeiter!« Mit diesen

Worten begrüßte ihn Otto Meyer und schüttelte ihm die Hand.

»Störe ich?« fragte Melchior und blieb an der Türe stehen.

»Durchaus nicht«, sagte Jakob Silberland und ging auf ihn zu. »Im

Gegenteil, Sie sind uns sehr willkommen. Nachher kommt auch Seebeck. Wir

wollten später zu Ihnen gehn; wir haben Wichtiges mit Ihnen zu

besprechen.«

»Einen Augenblick«, sagte Otto Meyer und ging in sein Schlafzimmer, aus

dem er mit einem großen, rosa Bademantel zurückkehrte, den er mit

ernsthaftem Gesicht um Melchiors Schultern hängte. Er stülpte ihm auch

die Kapuze über den Kopf.

»So«, sagte er, »jetzt werden Sie sich nicht erkälten.«

Melchior ließ sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine

heißen, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er.

Otto Meyer zog die Hängelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab,

putzte den Docht und zündete ihn dann an. Dabei sagte er:

»Ich soll ein neues Amt übernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob

Sie an meine Stelle rücken wollten.«

Melchior schüttelte langsam den Kopf:

»Das geht nicht«, sagte er, »das wissen Sie ja.«

»Hören Sie mal«, sagte Jakob Silberland. »Wir wissen ja alle, aus

welchen Motiven Sie bisher die Übernahme eines Amtes abgelehnt haben und

einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei

Ihrem Studienobjekte so nah wie möglich sein. Das ist nicht nur

verständlich, sondern sogar sehr vernünftig. Jetzt liegen sie aber so,

daß wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten

wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne zu steigen.«

Melchior schüttelte den Kopf:

»Wir gingen von der Voraussetzung aus, daß alle Arbeit gleichwertig sei;

deshalb muß es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder

Maurer bin.«

»Nein, da irren Sie sich gewaltig«, sagte Jakob Silberland mit

hochgezogenen Brauen und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Allerdings

betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin

äußert, daß alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei

selbstverständliche Voraussetzung, daß jeder an dem richtigen Platze

steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den

geistigen Arbeiter an die körperliche Arbeit zu stellen, die er doch

nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage

einer jeden vernünftigen Gesellschaftsordnung, daß jeder ganz genau die

Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der

Wahnsinn der üblichen Gesellschaftsordnungen, daß die Angehörigen

gewisser Familien geistige Berufe ergreifen müssen, wenn sie auch

tausendmal besser zu Handwerkern paßten, während der geborene geistige

Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefällen auf den ihm seiner

natürlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.«

Melchior war aufgesprungen. Erregt wollte er seinen Arm ausstrecken,

aber der verfing sich in den Falten des Bademantels, ein Vorgang, der

Otto Meyer ein Schmunzeln entlockte. Er verbiß es aber und sagte:

»Und dann noch eins, Herr Melchior: Sie haben ja Ihr berühmtes Problem,

auf dessen Lösung wir alle gespannt sind. Schaun Sie mal, bis jetzt

haben Sie die Geschichte von unten angesehn, wie wäre es, wenn Sie sie

auch einmal von oben ansähen? Glauben Sie nicht, daß Ihnen dann manche

Dinge klarer würden? Das wäre doch auch ein Gesichtspunkt, nicht wahr?«

Melchior hatte den Bademantel abgestreift.

»Oh Gott, oh Gott, was sagen Sie mir da alles, darüber werde ich

nachdenken. Aber ich glaube, Sie haben Recht, meine Herren.«

»Na also«, sagte Otto Meyer und unterdrückte ein Gähnen.

Melchior war dicht an ihn herangetreten.

»Aber ich begreife die Menschen noch nicht, mit denen ich jetzt

jahrelang tagtäglich zusammenarbeite. Wäre es nicht besser, solange bei

ihnen zu bleiben, bis ich wirklich die Gesetze ihres Lebens kennte?«

Otto Meyer machte ein nachdenkliches Gesicht:

»Vielleicht, ja wahrscheinlich, werden Sie die Sache dann gerade besser

verstehen können, wenn Sie etwas Abstand gewinnen. Sie können ja dann

später mit neuen Gesichtspunkten an dieselben Probleme gehen.«

Melchior setzte sich wieder und starrte vor sich hin. Dann hob er die

Augen und sah den blonden Juden an.

»Sehen Sie, Herr Referendar«, sagte er langsam, »deswegen kam ich zu

Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch

gewiß noch an jene Gespräche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar

Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natürlich auch darüber

nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man

die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan

kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als

zurückgebliebener in bezug auf den tatsächlichen Zustand der Menschheit

ansehen könnte, möchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint - ich bitte

Sie, passen Sie auf, meine Herren - daß jene Begriffe mit den Gesetzen,

nach denen die Menschheit tatsächlich lebt und sich entwickelt,

überhaupt nichts zu tun haben.«

»Donnerwetter!« rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch

das lange, blauschwarze Haar.

»Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu überlegen:

stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung,

ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter

Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze

erhalten -«

»Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior?« fragte Otto Meyer

interessiert.

»Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.«

»Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wäre doch

immerhin möglich, wenigstens denkbar, daß die chinesischen Städte auch

wie die unserigen eine geordnete Verwaltung hätten.«

Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er:

»Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl

die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt - wo ist da

Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.«

Melchior sah, daß es um Otto Meyers Mund zuckte, und er fürchtete eine

indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen.

Deshalb fuhr er schnell fort:

»Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag für Tag habe ich diese

ungeschriebenen Gesetze herausgefühlt und ich weiß, daß ich deshalb mit

meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fühlung gewinnen konnte, weil ich

diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.«

»Sie suchen Probleme, wo es keine gibt«, sagte Jakob Silberland. »Die

ungeschriebenen Gesetze, die Sie sehr richtig als die instinktiven

bezeichnen, sind die, die sich aus den natürlichen, animalischen

Bedürfnissen des Menschen: Hunger, Liebestrieb und so weiter ergeben.

Die geschriebenen Gesetze dagegen stellen eine recht hilflose

Kodifikation dieser aus den animalischen Bedürfnissen im weitesten Sinne

sich ergebenden praktischen Folgerungen für die Sozietät dar, die immer

in ihrem tatsächlichen Zustande die genaueste Abwägung der realen

Stärke- und Bedürfnisverhältnisse darstellt. Die Gesetze hinken

natürlich immer nach. Und das ist ja unser Bestreben hier, so wenig wie

irgend möglich mit festen Gesetzen zu arbeiten, sondern alles so fluid

zu lassen, wie es geht. Gesetze stellen in ihrer starren Abstraktion

immer einen Fremdkörper im zuckenden, lebendigen Organismus der

menschlichen Gesellschaft dar.«

Melchior ließ die Hand schlaff auf die Stuhllehne fallen:

»Da sitzen wir wieder fest. Aber Dr. Allan scheint doch recht zu haben,

wenn er sagt, daß die Begriffe ein eigenes, lebensfremdes Dasein führen.

Und wie ist das möglich, daß sie gleichzeitig ein höheres und ein

tieferes Niveau als die Menschheit darstellen! In diesem Rätsel liegt

doch der Schlüssel zum Problem verborgen.«

Otto Meyer räusperte sich:

»Wahrscheinlich ist die Sache einfach so, daß man sie, von zwei

verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtend, verschieden sieht. Vom

Tale aus gesehen sind sie hoch, vom Berge aus erscheinen sie tief, weil

sie eben auf halber Höhe liegen.«

Melchior sprang auf. Seine Augen waren aufgerissen:

»Ich bitte Sie, mehr! Wie ist Ihr Gedankengang?«

Otto Meyer lachte:

»Um Gotteswillen beruhigen Sie sich. Ich habe gar keinen Gedankengang.

Ich meinte nur ganz harmlos, daß wenn Sie behaupten, daß der Teppich

grün ist, Silberland ihn dagegen für gelb hält, er vermutlich auf der

einen Seite grün und auf der anderen gelb ist.«

Melchior sah ihn verständnislos an; dann sank er gleichsam in sich

zusammen. Nach einer Weile sagte er leise:

»Ich weiß, daß Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit

geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.«

»Bitte, bitte, gern geschehen«, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte

draußen Schritte gehört. Es war Paul Seebeck.

»Ah, Melchior, Sie«, sagte er eintretend. »Schön, daß ich Sie hier

treffe. Dann können wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nämlich

fast gar keine Zeit. - Grüß Gott, Jakob.«

»Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch

einverstanden«, erklärte Jakob Silberland.

»So? Schön. Es handelt sich also darum«, sagte Paul Seebeck, sich

setzend, »daß das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von

der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht

durchführbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch

Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunächst

sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor

allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nächste Instanz die

Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, müssen wir uns

noch überlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die

Versammlung ja fast immer gemäß den Vorschlägen der Vorstandschaft

beschließt. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren

läßt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie würden wir

bitten, seine Stellung zu übernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, würde

ich Ihnen vorschlagen, bis zur nächsten Jahresversammlung als Otto

Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschäften vertraut zu werden.

Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschließen. Die

Sache wird uns natürlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur

froh, wenn wir ihnen wieder ein Stück Denkarbeit abnehmen. Sind Sie

einverstanden?«

»Ja, Herr Seebeck, ich würde ja gern ein Amt übernehmen, seitdem ich

eingesehen habe, daß meine Anschauungen einseitig bleiben müssen,

solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt

sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken muß.

Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?«

»Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmöglich. Ich habe alles

aufs Genaueste durchdacht und weiß, daß es richtig ist. Ich bitte Sie,

sich jetzt sofort zu entscheiden.« Seebeck hatte seine Augen kalt und

streng auf Melchior gerichtet, und dieser krümmte sich unter dem Blick.

Endlich sagte er:

»Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch

jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren

Vorschlag an.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Seebeck aufstehend. »Aber jetzt muß ich wieder

an meine Arbeit.«

Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort saß er, trotz

des strömenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht

nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straßenlaternen. Da erhob er

sich, und der große, starke Mann ging langsam, mit schleppenden

Schritten wie ein Kranker, die Straße hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus

blieb er stehen; nur die verhängten Fenster ihres Schlafzimmers waren

erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hörte er bei ihrer Haustüre ein

Geräusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tür wurde

geöffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und

kam dann mit seltsamen Schritten näher. Paul Seebeck sah den kurzen

Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krüppel.

Das Licht in Frau von Zeuthens Schlafzimmer erlosch.

Paul Seebeck ließ Herrn de la Rouvière vorbei gehen und im Dunkel

verschwinden. Dann richtete er sich stramm auf, biß die Zähne zusammen

und ging nach Hause.

Auf seinem Schreibtisch stand Frau von Zeuthens Bild; er nahm es, sah

ihm lange in die Augen, küßte es und setzte sich dann an seine Arbeit.

Schon als die Schwefelquellen erst notdürftig eingefaßt waren, und die

ersten Baracken am See standen, bildete der »Vulkan«, wie die

entstehende Stadt kurz genannt wurde, einen beliebten Ausflugsort. Die

schweren Lastautomobile waren auch zur Mitnahme einiger Personen

eingerichtet, aber das genügte bald nicht mehr. Sobald die Straße

gebrauchsfertig war, ließ Jakob Silberland als Geschäftsführer einige

Personenautomobile kommen, die den täglich anwachsenden Verkehr kaum zu

bewältigen vermochten. Natürlich war es unmöglich, in der Schnelligkeit

genügende Unterkunftshäuser zu schaffen, aber da fand Edgar Allan einen

Ausweg. In den Schluchten am Fuße des Vulkans ließen sich mit ganz

geringer Mühe mit Hilfe von Segeltuchdächern und Fußmatten Wohnstätten

improvisieren, die im warmen, regenlosen Sommer ausreichten.

Es kamen auch Fremde zum »Vulkan«; die Durchreisenden, die oft einige

Tage oder Wochen auf der in Deutschland natürlich vielbesprochenen

Schildkröteninsel verweilten, versäumten nicht, die neuentstandene

zweite Stadt zu besuchen, und nachdem erst die großen Schwefelbäder in

ordnungsmäßen Betrieb gesetzt worden waren, wurden sie nicht zum

geringsten Teil von den Besuchern der Insel benutzt.

Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei

Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel

seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich

besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit

einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und

einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren

de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von

diesen gelegentlich eingeladen.

Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck,

um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so

manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche,

daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber

blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:

»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend

eine besondere Aufklärung geben könnte -?«

»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit

einer leichten Verbeugung. »Entschuldigen Sie die etwas indiskrete

Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr

Seebeck?«

Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum

Fenster.

»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie

bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.

»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre

persönliche Stellung zu der Sache?«

»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck

ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.«

Herr von Hahnemann stand auf:

»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung

sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die

oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.«

»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin

ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im

Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere

Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.«

»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen

durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich - nicht

nur als Privatmann hier bin.«

Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:

»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?«

»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich

wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem

Bedauern fand ich sie bestätigt.«

»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat,

deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den

Zähnen.

»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen

selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit

erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig

unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft,

besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der

Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem

Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen

die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einige

Idealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie

ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente

mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um

Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend

steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines

Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht

nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut

korrekte Zustände zu schaffen.«

Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck

sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös

unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere,

sowie ein kleines Etui hervor.

»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig

erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer

unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer

Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als

Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen

ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie

noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui

auf den Schreibtisch.

»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck

aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so

liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen

wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig

niederzulegen?«

Der Offizier war aufgesprungen:

»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.«

»Ich habe es mir überlegt.«

»Das ist ein Affront.«

Seebeck zuckte die Achseln:

»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur

Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein

und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht,

weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht

habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren

dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts

kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die

Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende

Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten,

die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die

Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht

verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um

alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem

Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie

sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den

Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein

Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«

»Ich will - durchaus gegen meine Gewohnheit - die Spitze überhört haben,

die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung

zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie

fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll

ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch:

die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was

soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den

Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen

Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie

selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen

Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat

nieder!«

»Ich tue es nicht!«

»Dann wird man Sie dazu zwingen!«

»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer,

dessen Tür er hinter sich zuschlug.

Sobald die »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker

gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu

sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen

Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter,

wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den

Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein

Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt

hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines

Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen

aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die

schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher

völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes

Schweigen folgte seinem Berichte.

Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:

»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus

den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite

seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«

»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck

müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den

entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich

lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die

Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon

dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut.

Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann,

sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.«

»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte

Jakob Silberland.

»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns

schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von

Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.«

Seebeck sah ihn starr an.

»Bitte«, sagte er.

»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive

Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte

im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige

Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassen uns

dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen

braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.«

»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.

Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:

»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten

nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit

unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist,

wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne

fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen

Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer,

einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das

erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.«

»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige

Ausweg.«

Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im

Zimmer auf und ab:

»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom

nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich

weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich,

daß Herr von Hahnemann Vollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und

entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis

sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem

Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste.

Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig

seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache

erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht

darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer

mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In

diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen

Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.«

Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:

»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn

überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?«

»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten

Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob

Silberland eifrig.

»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in

sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harte Nuß zu

knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen

eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt

hinzu.

»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun

wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow.

»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul

Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem

Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich

zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...«

»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks

Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.«

»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an.

»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es

handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.«

»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte

Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß

bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die

Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande

haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnisse in

einem kleinen Kreise - hier also in der Vorsteherschaft - eine absolute

Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so

viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich

bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir

befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.«

Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:

»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er.

»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von

Rochow, »eine Strandbatterie und -«

Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf:

»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff

in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und

einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das

Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit

elektrischer Zündung von hier oben aus.«

»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine

Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster

stehend und hinausblickend.

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm

auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert.

Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.«

»Bravo!« rief Edgar Allan.

Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden

Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen

trennten sie sich, und da war alles beschlossen.

Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin

um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge

entlassen hatte.

Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße

bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht

schied.

»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte

Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul

Seebecks Abschiedsgesuch.«

Hedwig sah ihn erschreckt an:

»Woher wissen Sie das?«

»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner

Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten

berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn

Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks

Selbstherrschaft vorbei - jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung

bringen.«

»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.

»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck

leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und

Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie

aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir

hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von

irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist

alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung

in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um

nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß

dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab

mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es

durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der

Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie

stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare,

vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine

träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«

Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört:

»Aber Paul ist doch so gut.«

»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe -

was sind das für Begriffe. Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage

lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und

eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht

zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der

Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo

zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir

aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr.

Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das

aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl

für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die

alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der

Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus

der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen

Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte

gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark

gewesen wäre.«

»Aber hier geht alles doch so gut -« unterbrach ihn Hedwig schüchtern.

»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist

wahr.«

Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow

ging ihr nach und faßte sie bei der Hand:

»Liebe Hedwig« - sagte er bittend.

Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen.

»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit

zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der

Stadt zu.

Nechlidow folgte ihr langsam.

Als die Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England

und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht

viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen

mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im

Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von

Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz

abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit

hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte

von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten

war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten.

Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen

gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden

doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den

Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde.

Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt,

und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Es

war nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen,

als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum

mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben

kein Mißtrauen erweckte.

Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und

Nacht - nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in

Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel

zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die

Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«.

Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur

»Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform

stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck.

Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu

nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen,

während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.

»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig.

»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie

hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung

wohl wahrheitsgetreu, doch - etwas harmloser zu schildern, als sie sich

zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das

Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.«

»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins

Gesicht.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja.«

»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr

Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein

versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die

Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.«

»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen

Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er

reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in

seine Brieftasche schob.

»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich

verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.«

»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen

eingeschriebenen Brief zu verweigern - wozu soll ich dem nichtsahnenden

Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist

also der Brief ordnungsgemäß mein Eigentum geworden, und ich kann damit

machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß

es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf.

Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins

Gesicht.

Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war

kreidebleich.

»Wissen Sie, was das heißt?« rief er.

»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.«

»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt

zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?«

»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck

freundlich.

Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas

vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:

»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.«

»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der

Gewalt widersetze?«

»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.«

Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an

dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine

Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines in die Mauer

eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund

aus der Tasche und blickte auf:

»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?«

Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.

»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser

abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke.

Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in

gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im

Auge.«

Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei

dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um

und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine

enthielt.

»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul

Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte

wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und

schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem

angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb

einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe

Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte

Wasserspiegel war in wilde Bewegung geraten. Selbst im Hafen

schaukelten die Schiffe.

Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und

verließ das Zimmer.

Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei,

die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine

Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus.

Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte

nur unwillig den Kopf. Er fragte:

»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?«

Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf:

»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde

doch die Befestigung beschlossen.«

Herr von Hahnemann lachte kurz auf:

»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu

haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat

etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl

schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort,

wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die

Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also

mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Ausweg tunlich. Bei

den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das

zu verhindern ist meine Pflicht. - Sie haben sich ja Ihres großen

Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt,

daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann - die Reichsregierung kann Herrn

Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber

Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier

praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das

Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die

Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin

hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten

Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines

gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die

Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!«

Die Augen des Krüppels glänzten:

»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so

liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich

mit den Plänen.«

»Wissen Sie denn, wo sie sind?«

»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute

Freundin.«

»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln.

»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben,

aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die

Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte -

wie alles andere auch.«

Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:

»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst,

die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne

kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür

müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir

sitzen da.«

»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin

bald wieder zurück.«

Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd,

stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus

angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde

natürlich sofort eingelassen.

Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank

gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen

blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da

blieb er bescheiden an der Türe stehn.

»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig.

»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie

ja als Archivarin in Verwahrung haben.«

»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn

aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht

gebracht.«

Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.

»Gnädige Frau, ich bin - Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.«

Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.

Der Krüppel biß die Zähne zusammen.

»Gnädige Frau«, sagte er drohend.

»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht

länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte

sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.

Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf

und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am

Schreibtische fest.

»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte

dabei.

»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die

langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen.

»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt

sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie,

mit Ihnen bin ich fertig.«

»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen

sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke

und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich

allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns

vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich:

»Geben Sie mir doch lieber die Pläne.«

Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber

nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix'

Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell

auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft

durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch

aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos

an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und

taumelte hinaus.

Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann

ging er langsam, sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause

vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo

der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann

langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der

Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm

zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die

Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen

des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer

stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt -

Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht

in das Meer stürzte.

Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot

unverrichteter Sache die Schildkröteninsel.

Eine außerordentliche Versammlung der Gemeinschaft - das war noch nie

dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch

Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der

Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund

gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare

Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das

galt nicht nur von der Bürgerschaft - gerade die Vorsteher fühlten

stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten

auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur

den letzten Wellenschlag gefühlt hatten.

Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die

Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als

Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich,

nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe:

Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich,

erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den

Höhlen.

»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen,

die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares

Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle

in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder

nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk

uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu

notwendig.

Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um

sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten,

und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus

heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen

sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und

benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber

auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur

Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre.

Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es

keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder

Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das

Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht

dort, daß wir hier die Durchführbarkeit freier Ideen beweisen und

fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen

Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende

ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit

regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund

mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte

durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu

ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller

Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen

Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und

wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben

Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer

und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr

wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen,

die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen

Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über

hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.

Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu

verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde.

Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklären uns autonom und

lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können

wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben

wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in

Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung

bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu

beauftragen.

Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für

keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange

sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen

also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation

hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen.

Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen

bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten

wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist,

können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir

unter englischem Schutze stehen.

Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren

Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in

Ruhe.«

Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war,

dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang

hinter ihm eine Stimme:

»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?«

Eine andere Stimme antwortete:

»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.«

Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:

»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte

zu Herrn Seebeck.«

Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie

durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm

stieg und stieg -

Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen.

Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände,

jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.

Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur

einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans

schneidend scharfe Stimme:

»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.«

Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von

Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege.

Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz

fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt,

obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem

brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die

Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel.

Noch immer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren

Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines

Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob

Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte

man sich halten.

Und mit allen Kräften wurde gearbeitet. Fünfzig unverheiratete Männer

wurden vom Hauptmann von Rochow im Gewehrschießen eingedrillt. Die

Vorsteher und außer ihnen Felix und Melchior übten sich an den

Geschützen, und manche Klippe da draußen im Meere war von den schweren

Granaten des Festungsgeschützes bei Schießübungen getroffen, in die Luft

geflogen.

Der »Vulkan« wurde inzwischen zur Aufnahme aller Nichtkämpfer

eingerichtet. Welchem Zwecke die Gebäude dort auch ursprünglich bestimmt

waren, jetzt wurde alles zu Wohnstätten eingerichtet, sogar die

Umkleidezellen des Schwefelbades. Ein Fieber hatte alle ergriffen, ein

Freiheitsrausch, und als sich nach fünf Wochen am Horizonte die

Rauchsäule des Kreuzers zeigte, wurde er von den kampffrohen Männern mit

Jubel begrüßt. Man war bereit, ihn zu empfangen. Vor Seebecks Haus

standen in Reih und Glied die Infanteristen mit ihren Mausergewehren,

die Stahlläden vor den Geschützscharten in Seebecks Keller waren

aufgeklappt und die Geschütze nach vorn gerollt. Vier Meter ragte der

hellgraue Lauf des Festungsgeschützes heraus. Es wurde von Edgar Allan

und Felix bedient, während Otto Meyer und Melchior an den beiden

Maschinengewehren standen.

Oben in Paul Seebecks Arbeitszimmer standen er und Frau von Zeuthen. Vor

ihnen auf dem Schreibtische lag der Lageplan der Seeminen; die Stahltür

an der Wand stand offen und zeigte die sechzig weißen Tasten.

»Wie weit ist das Schiff jetzt?« fragte Frau von Zeuthen.

Paul Seebeck sah prüfend durch sein Fernglas:

»Zehn Kilometer, schätze ich es jetzt.«

Einige Minuten später hielt der Kreuzer an. Ein weißes Wölkchen erhob

sich und eine halbe Minute später rollten drei dumpfe Schüsse über die

Stadt.

»Die waren blind!« rief Hauptmann von Rochow herauf.

»Noch zwei Kilometer, und das Schiff kommt in den Bereich unserer

Minen.«

Aber der Kreuzer drehte sich auf der Stelle und wandte der Stadt seine

Breitseite zu.

»Ja, da draußen konnten wir leider keine Minen legen, es ist zu tief«,

sagte Paul Seebeck. »Aber hierher kommen können sie doch nicht. Und

Silberland wird ja bald kommen; er weiß ja, daß in diesen Tagen der

Kreuzer kommen mußte. Solange müssen wir uns eben halten. Das können wir

auch.«

»Und wenn es nichts wird?«

Es zuckte um Paul Seebecks Mundwinkel, als er sagte:

»Sie wissen, daß ich für mein Werk sterben kann.«

Das Haustelephon, das den Keller mit Paul Seebecks Arbeitszimmer

verband, klingelte. Seebeck nahm das Hörrohr:

»Ja.«

»Hier Allan. Was meinen Sie, sollen wir nicht den Salut beantworten? Es

ist doch unhöflich, einen Gruß nicht zu erwidern.«

»Schön, aber blind. Wir wollen nicht anfangen.«

Das Haus bebte in seinen Fugen, als der Schuß krachte.

Einige Minuten später kam die Antwort: im Hafen stieg eine Wassersäule

auf, der ein doppelter Knall folgte.

»Was jetzt?« - telephonierte Allan herauf.

»Abwarten, ob sie wirklich ernst machen. Je mehr Zeit wir gewinnen,

desto besser«, gab Paul Seebeck zurück.

Aber Minute auf Minute verrann, eine Stunde, eine zweite, und nichts

geschah.

»Die Herren erwarten wohl, daß wir die bewußte weiße Fahne aufziehen«,

sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen.

Da hüllte sich plötzlich der Kreuzer in eine einzige Rauchwolke. Im

Hafen erhob sich eine ungeheure Wasser- und Staubwolke, der ein

donnerndes, krachendes Getöse folgte. Wie sich die Wolke verzogen hatte,

sah man, daß alle Hafenanlagen mit der Landungsbrücke und den

Lagerhäusern in Trümmern lagen. Die am Quai liegenden Fischerboote waren

fast sämtliche verschwunden. Aber das wild wogende Meer war mit Trümmern

und Balken bedeckt.

Und Schuß auf Schuß folgte, aber alle galten nur dem Hafen.

»Sie wollen uns so lange schonen, wie es geht, und das gefällt mir sehr,

damit gewinnen wir Zeit«, sagte Paul Seebeck zu Frau von Zeuthen. Dann

telephonierte er zu Allan:

»Wir dürfen erst schießen, wenn sie die Stadt selbst beschießen. Nicht

vorher.«

Von unten her klangen Rufe, die man bei dem Getöse nicht verstehen

konnte. Frau von Zeuthen trat ans Fenster und sah hinunter.

Auf ihrem völlig erschöpften Pferdchen ritt Hedwig die Hauptstraße

hinunter, drängte sich durch die Infanteristen und stürmte die Treppe

hinauf:

»Der Dampfer von Sidney liegt da hinten, dicht an der Insel; man kann

ihn vom Vulkane aus sehen. Herr Silberland ist in einem Ruderboote vom

Dampfer abgestoßen, ich konnte ihn ganz deutlich erkennen. Der Dampfer

fuhr dann wieder weg.«

Paul Seebeck war aufgesprungen:

»Wo liegt der Dampfer? Wo?«

Hedwig beschrieb ihm die Stelle.

»Hierher rudern! War er allein?«

»Ja.«

»Um Gotteswillen, das sind ja über dreißig Kilometer. Wenn er das

aushält. Wann war das?«

»Ich mußte zuerst herunterlaufen und mein Pferd holen. Ich bin so

schnell geritten, wie ich konnte. Aber drei Stunden ist es mindestens

her.«

»Dann kann er in zwei Stunden hier sein.«

Frau von Zeuthen strich ihrer Tochter über das erhitzte Gesicht:

»Leg dich etwas auf Pauls Bett, mein Kind, und ruh dich aus. Aber dann

mußt du wieder zurückreiten, hörst du?«

»Darf ich nicht hier bleiben, Mutter?«

»Nein, das geht nicht, Kind.«

»Aber Fräulein Erhardt kommt auch, sie geht sogar zu Fuß, ich habe sie

überholt.«

»Wenn du ihr auf dem Rückwege wieder begegnest, sag ihr, daß sie

umkehren soll«, sagte Paul Seebeck. »Aber geh jetzt Kind und ruh dich

etwas aus. Oder willst du etwas zu essen haben?«

Hedwig schüttelte schmollend den Kopf und ging in Paul Seebecks

Schlafzimmer.

»Also nur noch zwei Stunden, dann wissen wir Bescheid«, sagte Paul

Seebeck aufatmend. »Wenn Silberland es nur aushält.«

Hedwig war in Paul Seebecks Schlafzimmer gegangen, aber sie legte sich

nur für einige Minuten auf sein Bett. Leise öffnete sie dann die Tür zum

Badezimmer, schlüpfte durch dieses in die Küche und ging die

Hintertreppe hinunter. Mit einigen Sprüngen hatte sie unbemerkt die

nächsten Häuser erreicht und ging jetzt durch die kleinen Gäßchen, die

die einzelnen Terrassen mit einander verbanden, zum Meere hinunter. In

kurzen Zwischenräumen schlugen noch immer die Granaten in den Hafen.

Hedwig ging zu Nechlidows Häuschen, das gerade am Anfang der

Fischerstraße lag. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Türe und trat

ein.

Es war still im ganzen Hause. Hedwig trat ins Wohnzimmer ein. Hier war

es fast dunkel, denn die Fenstervorhänge waren dicht zugezogen.

Nechlidow erhob sich von seinem flachen Sofa zu einer halbsitzenden

Stellung.

»Sie kommen zu mir, dem Verfehmten? Wird man Sie nicht steinigen, wenn

man das erfährt?«

Ein scharfer Knall in der Nähe, dem ein anhaltendes Prasseln und Krachen

von niederstürzenden Mauerteilen folgte, ließ ihn aufstehen. Er trat zum

Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das gegenüberliegende Haus hatte

sich in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt.

Nechlidow lachte bitter auf:

»Meine Schuld, nicht wahr?«

»Herr Nechlidow«, sagte Hedwig bittend und trat an ihn heran. »Glauben

Sie nicht doch, daß Paul recht gehandelt hat?«

»Bei Gott, er hatte nicht recht, und wenn ich tausendmal daran Schuld

trage, daß jetzt alles zusammenbricht. Ich habe das nicht gewollt. Ich

habe nicht vorausgesehen, daß es so kommen würde. Aber es ist besser,

daß diese riesige Lüge zusammengeschossen wird, als daß sie weiter lebt.

Wer weiß, vielleicht kommen die englischen Schiffe noch rechtzeitig,

und dann baue ich die Stadt wieder auf. Und wenn sie nicht kommen, um so

besser, dann ist eine Halbheit weniger auf der Welt.«

»Sind Sie wirklich schuld daran?« fragte Hedwig schüchtern.

Nechlidow legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah ihr in die

braunen Augen:

»Weshalb kommen Sie mit dieser Frage zu mir?«

»Weil ich wissen will, was Sie sind.«

»Nein, Hedwig, es ist nicht meine Schuld. Die Leute sind daran schuld,

sie sind ja alle behext, haben ihr bischen Vernunft ganz verloren. Wenn

Seebeck aus lauter Sentimentalität die Dummheit begeht, seine Entlassung

zu verweigern, weshalb ihm dann zustimmen, weshalb es zur Revolution

kommen lassen! Wir hätten alles so glatt machen können, Seebeck hätte

gehen müssen, Rouvière wäre Reichskommissar geworden. Aber da kam wieder

der sinnlose Selbstmord von Rouvière dazwischen, und damit war alles

verloren. Denn Rouvière hatte die Leute in der Tasche. Ja, und jetzt

gehen mir dieselben Menschen, die unsere Klageschrift unterschrieben

haben, wie einem Pestkranken aus dem Wege und lassen sich Seebecks

schöner Augen wegen von ihm in den Tod führen. Eine Kette von

unbegreiflichen Sentimentalitäten war wie immer der Grund alles

Unglücks. Mein Fehler war nur, daß ich auf die Vernunft der Menschen

vertraute. Das ist die Wahrheit, Hedwig.«

»Aber was soll jetzt kommen? Was werden Sie tun?«

»Ich? Ich warte, bis meine Zeit gekommen ist. Die da drüben mögen sich

gegenseitig zerfleischen, wenn sie noch nicht reif für die Vernunft

sind. Ich glaube an sie und an ihren endlichen Sieg. Ich glaube an die

Menschheit.«

Hedwig sah vor sich hin. Dann schüttelte sie ihren Lockenkopf:

»Wollen wir nicht noch einmal zu unserer Landspitze hinausgehen? Wer

weiß, wann wir wieder zusammen sein können.«

Und sie gingen Hand in Hand die Treppe hinunter und traten auf die

Straße. Da schoß dicht vor ihnen auf der Straße ein blendend weißes

Licht auf. Nechlidow taumelte zurück. Hedwig stieß einen leichten Schrei

aus und fiel flach auf das Gesicht.

Nechlidow sprang auf sie zu, hob sie auf, drückte sie an seine Brust -

sie schlug die Augen auf, lächelte noch einmal, wollte die Hand heben,

aber ließ sie schlaff wieder fallen. Ihr Haupt sank zurück -

* * * * *

Ein Ruderboot wandte sich um die Landspitze, die die bewohnte Bucht von

der Irenenbucht schied.

»Das ist Silberland«, rief Paul Seebeck Frau von Zeuthen zu.

Er lief die Treppe hinunter, auf die Straße, schrie Hauptmann von Rochow

zu:

»Bleiben Sie hier. Handeln Sie nach Ihrem Gutdünken!« und stürzte dem

Hafen zu. Mehrere Granaten schlugen in seiner Nähe ein und bedeckten ihn

mit Staub. Unten angekommen, sah er um sich. Alles lag schon in

Trümmern. In der Fischerstraße standen nur noch einige Häuser. Und

horch! das Prasseln auf den Steinen, das Klirren an Fensterscheiben, die

kleinen Springbrunnen auf dem Meere. Also hatten sie schon die

Maschinengewehre in Tätigkeit gesetzt.

Da kam das Ruderboot. Jakob Silberland stand auf und rief etwas, was

Seebeck des Lärmes wegen nicht verstehen konnte. Jakob Silberland setzte

sich wieder an die Ruder. Jetzt war er nur noch zwanzig Schritte vom

Strande entfernt. Wieder stand er auf. Sein Gesicht war verzerrt, Blut

floß von seinen Händen herunter. Er schrie:

»Entente cordiale zwischen England und Deutschland; damit ist der

Weltfriede endgiltig gesichert.«

Klack, klack, klack klang es im Boote und im Wasser - Jakob Silberland

fuhr sich mit der Hand ins lange schwarze Haar und brach dann auf der

Bootsbank zusammen. Langsam füllte sich das durchlöcherte Boot mit

Wasser und sank.

Paul Seebeck blieb mit verschränkten Armen stehn und sah das Boot

versinken.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah in Nechlidows

bleiches Gesicht. An den Kleidern hatte er große Blutflecke. Er fragte:

»Darf ich zusammen mit Ihnen sterben, Herr Seebeck?«

Seebeck reichte ihm die Hand:

»Lassen Sie uns zusammen sterben, Sie für Ihre Idee, ich für mein Werk.«

Nechlidow schüttelte den Kopf:

»Ich sehe nichts mehr, weiß von keiner Vernunft mehr. Ich sehe nur noch

einen Strom, dessen Wellen uns in die Höhe hoben, als wir ihn zu leiten

glaubten, und der uns jetzt mitleidlos wieder in seine Strudel zieht.

Aber ich sehe nicht, wohin er geht. Ich sehe nur noch Sie und will mit

Ihnen zusammen sterben.«

»Kommen Sie«, sagte Seebeck. »Wir wollen den anderen sagen, daß wir alle

sterben müssen.«

Aber auch oben hatte man Jakob Silberlands Untergang gesehen.

»Jetzt ist es genug!« rief Edgar Allan Hauptmann von Rochow zu. Dieser

nickte. Und einige Minuten später donnerte das schwere Festungsgeschütz,

begleitet vom Knattern der beiden Maschinengewehre.

Dies war aber nur ein Signal für den Kreuzer, seinerseits das Feuer zu

verstärken. Und jetzt galten seine Schüsse nicht mehr dem Hafen. Überall

schlugen die Granaten in die obere Stadt. An vielen Stellen brannten die

Häuser.

Da kamen Paul Seebeck und Nechlidow zusammen die Straße herauf. Die

Leute umdrängten sie, fragten, aber die beiden gingen hinauf in das

Seebecksche Arbeitszimmer. Dort trat Paul Seebeck ans Fenster, wartete,

bis das Feuer für einen Augenblick verstummte und rief dann mit scharfer

klarer Stimme:

»Wir bekommen keine Hilfe von England. Wer ist bereit, mit uns für unser

Werk zu sterben?«

Die Gesichter dort unten wurden groß. Wutschreie ertönten. Drohende

Fäuste wurden emporgereckt. Aus dem Gebrülle waren nur einzelne Worte

verständlich:

»Wir wollen uns nicht hinschlachten lassen!«

»Wir sind verraten.«

»Wir wollen die da oben ausliefern und uns ergeben ...«

»Drehen Sie die Geschichte herum«, sagte Edgar Allan zu Felix, und der

gehorchte. Die noch rauchende Mündung des Festungsgeschützes war auf die

Infanteristen gerichtet.

Da liefen sie, warfen die Gewehre fort, liefen, was sie konnten, nur

fort, dem sicheren Hochlande, dem Leben, der Zukunft zu. Nur einer

drehte sich um und feuerte einen Schuß ab, bevor er den anderen gleich

sein Gewehr fortwarf.

Edgar Allan brach, ins Herz getroffen, lautlos zusammen.

An seine Stelle trat Nechlidow. Niemand fragte ihn, weshalb er gekommen

sei, niemand machte ihm Vorwürfe. Man drückte ihm die Hand, und

schweigend trat er an das Geschütz.

Hauptmann von Rochow warf noch einen Blick auf seine fliehenden

Soldaten, dann ging er zu Seebeck hinauf.

Seebeck konnte ihm nur flüchtig zunicken, denn jetzt geschah draußen

etwas Sonderbares: der Kreuzer stellte sein Feuern ein, und die

Dampfbarkasse wurde ins Wasser gesenkt. Von der anderen Seite kam ein

bemanntes Boot, das die Barkasse in Schlepptau nahm.

»Hört mit dem Schießen auf«, telephonierte Seebeck hinunter. »Vielleicht

kommen die in friedlicher Absicht.« Aber so scharf er auch hinsah, er

konnte keine weiße Fahne bemerken.

»Sind denn die Leute wahnsinnig? Sie wissen doch, daß Seeminen da

draußen liegen!« rief Seebeck.

Die Dampfbarkasse nahm aber nicht den Weg nach dem Hafen zu, sondern

fuhr auf die Landspitze bei der Irenenbucht zu.

»Die glauben, daß da keine Minen liegen und wollen da landen. Herr von

Rochow, ich bitte Sie!« Hauptmann von Rochow stürzte zum Tastbrett, und

Paul Seebeck beugte sich über den Plan. Die Barkasse kam näher, war

jetzt bei der flachen Klippe -

Fragend sah Herr von Rochow Seebeck an, der mit verschränkten Armen und

zusammengepreßten Lippen ans Fenster getreten war.

»Siebenunddreißig, achtunddreißig, zweiundvierzig«, sagte er kurz und

scharf.

Wie um einen Akkord zu spielen, drückte Hauptmann von Rochow die drei

Tasten nieder, und draußen schoß ein ungeheurer Wasserberg in die Luft

und stürzte dann mit donnerndem Gebrüll zusammen. Boote und Klippe waren

verschwunden.

Herr von Rochow griff sich mit beiden Händen taumelnd an den Kopf:

»Deutsche, deutsche Soldaten«, murmelte er wie irrsinnig. Dann richtete

er sich kerzengerade auf, zog einen Revolver aus der Tasche und schoß

sich in die Schläfe.

Seebeck wandte sich beim Knalle um; spöttisch lächelnd sah er auf die

Leiche.

Frau von Zeuthen war entsetzt aufgesprungen. Dann setzte sie sich

wieder auf ihren Stuhl. Seebeck trat auf sie zu:

»Gehen Sie jetzt, Gabriele. Denn dem, was jetzt kommen wird, sind die

Nerven keiner Frau gewachsen. Gehen Sie, Sie müssen sich Ihren Kindern

erhalten.«

Sie stand auf und schüttelte energisch den Kopf:

»Ich bleibe bei Ihnen, meinetwegen -«

»Nichts geschieht Ihretwegen«, unterbrach sie Seebeck schroff. Dann

setzte er aber sanft hinzu: »Denken Sie an Ihre Kinder, Gabriele. Sie

haben noch eine Aufgabe auf dieser Welt, wir nicht mehr. Und nehmen Sie

Felix mit; wozu soll er sich hier verbluten. Sie können ihm nach zehn

Jahren erzählen, was sich hier alles vor seinen Augen abgespielt hat.

Dann wird er es verstehen und davon lernen. Und grüßen Sie Ihre kleine

Hedwig von mir.«

Da sank Frau von Zeuthen vor ihm nieder und küßte seine Hände. Er hob

sie auf und zog sie an seine Brust. Draußen krachten wieder die

Granaten, und unten donnerte das Festungsgeschütz, begleitet vom

Knattern der beiden Maschinengewehre.

Frau von Zeuthen riß sich los:

»Felix muß bei Ihnen bleiben, Seebeck! Das Opfer muß ich Ihnen bringen.

Er ist ein Mann. Er soll Ihr Geschick teilen. Ich gehe zu Hedwig.«

Paul Seebeck trat ans Telephon.

»Felix soll herauf kommen.«

Das schwere Geschütz verstummte und Felix kam herauf.

»Was gibt's?«

»Du mußt deine Mutter zum Vulkane zurückbegleiten.«

»Aber Paul!«

»Du mußt! Hol dein Pferd für deine Mutter.«

»Paul, ich will bei dir bleiben.«

»Felix, es hat keinen Sinn mehr. Denk was für ein Leben du noch haben

kannst und denk an deine Mutter.« Er legte den Arm um Felix Schulter und

führte ihn Frau von Zeuthen zu:

»Wollen Sie wirklich Ihren Jungen hier lassen?«

Da schlang die Mutter die Arme um ihr Kind, unter strömenden Tränen rief

sie:

»Felix, komm mit mir!«

Er entwand sich ihren Armen und sah Paul Seebeck an. Dieser sagte:

»Du sollst mein Erbe sein, Felix; sieh zu, ob du mein Werk fortführen

kannst, und das mit mehr Glück. Geh meines Werkes wegen.«

Felix kämpfte mit sich. Dann sah er mit seinen strahlenden, braunen

Augen Paul Seebeck an und sagte:

»Aber das verspreche ich dir, Paul, ich werde mich ebenso halten wie

du.«

Paul Seebeck strich ihm über das Haar.

»Gut, mein Junge. - Aber geh jetzt und hol dein Pferd.«

Jetzt ging die Sonne unter, und der Kreuzer stellte sein Feuern ein.

Wenige Minuten später war es dunkle Nacht, in der hier und da die

Flammen von den brennenden Häusern emporloderten.

Da hob sich riesengroß die rotgelbe Scheibe des Vollmondes über den

Horizont, beleuchtete den Kreuzer und sein Werk. Schaurig sahen im

kalten Lichte die Trümmer aus. Und nun begann der Kreuzer wieder zu

feuern; unter donnerndem Krachen stürzte das große Volkshaus zusammen.

»Kommen Sie, Gabriele, jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er

begleitete sie bis zur Hauptstraße und weiter bis zu den rauchenden

Trümmern des Volkshauses. Da tauchte ein Schatten hinter ihnen auf, und

Felix holte sie auf seinem Pferde ein.

»Ich möchte nur noch schnell von den anderen Abschied nehmen, geh nur

voraus, Mutter!« rief er und galoppierte zurück.

»Leben Sie wohl, Gabriele. Mein Versprechen habe ich gehalten, nicht

wahr?« Und dann wandte er sich schnell ab und ging hinunter.

Frau von Zeuthen ging langsam den Berg hinauf und weiter auf der Straße

hin. Als sie das Staubecken erreichte, schrak sie zusammen, denn vor ihr

erhob sich eine dunkle Gestalt. Aber der Mond erleuchtete ein bekanntes

Gesicht.

»Fräulein Erhardt?«

»Ja, gnädige Frau!«

»Wollen Sie zur Stadt?«

»Ich kann nicht mehr gehen, ich bin so müde. Wo ist Felix?«

»Er ist in einigen Minuten hier. Ist Ihnen nicht Hedwig begegnet?«

Fräulein Erhardt schüttelte den Kopf:

»Nein, aber ich glaube, ich habe mehrmals auf dem Wege geschlafen. Sie

wird an mir vorbeigeritten sein, ohne daß ich sie bemerkte. Aber Felix

kommt, mein Felix!«

Frau von Zeuthen hatte sich neben sie gesetzt und strich ihr sanft über

den Leib. Da schlang Fräulein Erhardt die Arme um ihren Hals und

flüsterte ihr zu:

»Ich habe ja ein Kind von ihm.«

Frau von Zeuthen küßte sie:

»Liebe Tochter«, sagte sie.

Dann schwiegen sie beide, saßen im bleichen Lichte des Vollmondes einsam

auf der Ebene und warteten, warteten - -

Als Paul Seebeck von der Hauptstraße wieder auf sein Haus zu einbog,

blieb er wie erstarrt stehen, denn aus dem Kellerfenster schoß eine

Stichflamme, der ohrenbetäubender Knall folgte. Paul Seebeck griff sich

an die Stirn und stürzte dann hin. Dichter, beißender Rauch quoll aus

den Fenstern, verhüllte die Läufe der drei Geschütze -

Er sprang die Treppe hinunter, von unten klang ihm leises Wimmern

entgegen. Die Lampe war verlöscht, aber das weiche Dämmerlicht der

Mondnacht erfüllte den Raum.

Auf dem Boden lag Nechlidow in den letzten Zügen, der ganze Leib war ihm

aufgerissen. Über den Verschluß des Geschützes gebeugt lag Felix. Paul

Seebeck hob ihn auf. Felix schlug die Augen auf und lächelte:

»Du, Paul, ich wollte Nechlidow doch wieder helfen; er konnte das

Geschütz nicht allein bedienen.«

Paul Seebeck betastete ihn. Auf der rechten Brustseite war ein kleiner

nasser Fleck. Seebeck riß die Kleider auf; das Blut strömte.

»Muß ich sterben, Paul? Dann grüß die andern.«

»Nein, nein du bleibst leben. Hab keine Angst. Schlaf jetzt nur etwas.«

»Ja«, sagte Felix, »ich bin so müde.«

Und Paul Seebeck bettete den sterbenden Knaben so gut er konnte auf den

Boden.

Unter seinem Maschinengeschütz lag Otto Meyer, ein Granatsplitter hatte

ihm den Oberschenkel zerfetzt. Er reichte Seebeck die Hand:

»Du, sag mal, kannst du mir nicht irgend einen passenden Ausspruch

empfehlen? Ich kann doch nicht so ganz klanglos sterben. »Ich sterbe für

die Freiheit«, oder etwas ähnliches?«

»Du stirbst, weil du ein anständiger Kerl bist.«

»Also gut: ich sterbe, damit die Anständigkeit lebe! Bravo. Schluß. - Es

war so schön, mit dir zusammenzuarbeiten, Seebeck. Ich danke dir dafür.«

Dann sank er zurück.

Paul Seebeck trat an Melchior heran, der bewußtlos in einer Blutlache an

der Wand lag. Wie er ihn untersuchte, schlug er die Augen auf:

»Herr Seebeck, Sie? Gut, daß Sie kommen. Ich habe es gefunden!«

»Was haben Sie gefunden?«

»Das Problem der Menschheit habe ich gefunden. Hören Sie!« Er versuchte

sich aufzurichten, aber sank wieder zusammen.

»Das Problem der Menschheit!« Seebeck lachte auf. »Da draußen haben Sie

das Problem der Menschheit!« Und er wies auf das Kriegsschiff hinaus,

das jetzt langsam sein Feuern einstellte.

»Seebeck, schämen Sie sich! Wer wird einen Spezialfall verallgemeinern.

Hören Sie, ich habe nicht mehr viel Zeit, glaube ich.«

Paul Seebeck verschränkte die Arme und sah dem Sterbenden gerade ins

Gesicht.

»Ich höre«, sagte er.

»Sie erinnern sich noch an alle unsere Gespräche? Sie alle haben am

Problem mitgearbeitet, Sie alle haben mir Bausteine gegeben. Jetzt habe

ich aber die Formel gefunden. Sie erinnern sich, daß alle Fragen immer

wieder auf denselben toten Punkt kamen, daß man die Begriffe

gleichzeitig als fortgeschrittener, wie auch als rückständig in den

Bezug auf den realen Stand der Menschheit ansehen kann. Da kam Herr Otto

Meyer mit dem Einfall, daß sie von zwei verschiedenen Gesichtspunkten

aus betrachtet sein müßten, um verschieden zu erscheinen. Lebt er noch?«

»Nein, er ist tot.«

»Schade, es hätte ihn sicher interessiert. Sehen Sie, Herr Seebeck,

jetzt habe ich die beiden Standpunkte; den niedrigen des einzelnen

Menschen und den hohen der gesamten Menschheit. Wenn sich aus uns allen

kleinen gleichgiltigen Einzelwesen jetzt das ungeheure Individuum der

Menschheit aufbaut - solange ich selbst unter den Arbeitern lebte, habe

ich diese Kristallisation gefühlt, aber nicht begriffen, ich fühlte, wie

sich die Zellen instinktiv zusammenschlossen, obwohl sich jede einzelne

krampfhaft dagegen wehrte - dann müssen ja unsere Gedanken klein sein,

die der Menschheit sind aber groß, für uns ebenso unbegreiflich groß,

wie die Zelle in unserem Körper nichts von unseren Gedanken versteht,

und doch baut sie Körper und Leben auf.

Aber da haben wir als Ausgleich jene Begriffe, halb einzel-menschlich,

halb universal-menschlich, dem Menschen zu hoch, der Menschheit zu

niedrig. Sie zeigen weder den Standpunkt des Menschen, noch den der

Menschheit, sondern gerade die noch ungelöste Spannung zwischen beiden

Teilen.

Prüfen Sie es doch nur an irgend einem Beispiele: denken Sie an die Ehe.

Dem einzelnen Menschen ein praktisch fast unerreichbares Ideal, für die

Menschheit veraltet. Denn vom hohen Standpunkte der Menschheit aus

gesehen, gleichen sich die im Einzelfalle eintretenden Hindernisse aus;

und für den Gesamtdurchschnitt wird dann die Ehe nicht zu hoch, sondern

zu niedrig.

Oder denken Sie an die Orthographie einer Sprache, die zwar scheinbar

rückständig ist, in Wirklichkeit aber die großen, ewigen Gesetze und

Wandlungen der Sprache, dieses Gutes nicht eines Einzelnen, sondern der

Menschheit wiedergibt.«

»Und wie erklären Sie dieses Beispiel hier?« fragte Paul Seebeck und

wies auf die Leichen um sie her.

»Ach was hat das zu sagen, daß einige Zellen absterben. Ein kleiner

Entzündungsprozeß im Körper der Menschheit, weiter nichts.«

»Ja, ja«, sagte Paul Seebeck.

»Und sehen Sie doch, daß die großen Taten nie vom einzelnen ausgeführt

werden, sondern nur von der Masse, vom Individuum Menschheit. Das ist ja

auch selbstverständlich, denn der Natur der Dinge nach muß die auf einer

millionenmal höheren Stufe stehende Menschheit auch höhere Gedanken

haben. Wie selten opfert sich ein einzelner für eine Idee, und wie

leicht tun es tausende zusammen, weil nicht mehr der Einzelne denkt,

sondern die Masse an sich.«

»Aber hat uns nicht hier die Masse verraten, und bleiben nicht wir

einzelne zurück?«

»Kommt das nicht auch in unserem Körper vor, in dem sich die einzelnen

Blutkörperchen gegenseitig auffressen, statt zusammen zum höheren Zwecke

als dem ihrer Einzelexistenz zu wirken? Krankheitserscheinungen, weiter

nichts. Und eben so, wie trotz aller Krankheiten der menschliche Körper

sich weiter entwickelt, so wird es auch die Menschheit tun, um später

wieder Zelle eines neuen, unermeßlich hohen Individuums zu werden. Bis

sich schließlich das Universum in einem unendlich weiteren Sinne, als

wir armselige Einzelzellchen es heute begreifen können, zu einem großen

Organismus zusammenschließt. Und da wird die Erlösung sein, der Zweck

des Daseins. Ich sterbe«, fuhr er mit schwächerer Stimme fort, »aber Sie

leben ja noch. Gehen Sie zu den Menschen und sagen Sie ihnen, daß ich

ihr Geheimnis gelöst habe.«

Paul Seebeck schüttelte langsam den Kopf:

»Ich gehe nicht mehr zu den Menschen, Melchior.«

Jetzt richtete sich der Sterbende mit seiner letzten Kraft auf:

»Sie müssen, Seebeck, sonst habe ich das alles umsonst gedacht. Das darf

doch nicht sein!«

»Nein«, sagte Paul Seebeck hart, »Sie sollen das alles umsonst gedacht

haben. Mag Ihr Leben verschwendet sein, wie das von uns allen.«

Da brach Melchior zusammen.

Nun fiel das bleiche Mondlicht durch die Fenster und beleuchtete die

vier Leichen und die Geschütze. Sinnend blieb Paul Seebeck stehen. Er

schaute auf das Meer hinaus, das so friedlich dalag. Aber dort in der

Ferne das Ungeheuer, jetzt nicht mehr feuerspeiend.

Paul Seebeck setzte sich neben Felix' Leiche hin und wartete. Aber ihm

war keine Granate bestimmt. Da küßte er des Knaben eiskalte Stirn und

ging hinaus. Er ging an den Trümmern des Volkshauses vorbei, die sich

gespenstig in die Höhe reckten, zur Irenenbucht hinunter. Langsam stieg

er die Stufen hinab und setzte sich unten auf die Felsplatte. Er sah die

breiten Rücken der Riesenschildkröten feucht im Mondlichte glänzen, sah

sie die Köpfe erheben -

Da ließ er sich langsam ins Wasser gleiten. Die Tiere tauchten

erschreckt unter. Er wollte schwimmen, weiter hinaus ins Meer wollte er,

aber er verfing sich in den langen Schlingpflanzen. Er kämpfte, um sich

zu befreien, aber sie ließen ihn nicht los. Da gab er nach und ließ sich

vom Wasser tragen. Es umfing ihn so lau und weich. Aber wie er sich

nicht mehr bewegte, beruhigten sich die Tiere wieder. Er sah ihre

glänzenden Rücken herankommen, dicht vor ihm tauchte ein riesiger,

schwarzer Kopf aus dem Wasser auf, schob sich langsam näher, ein

breites, zahnloses Maul öffnete sich - -

Phantasten: Roman · 第 7 / 11 题