ALEXANDRA JEGOROWNA
zugeeignet
Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer »Prinzessin Irene« Sidney
verlassen, und deshalb übte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen
Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute,
wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frösteln
machte. Für solche Tage hatte man ja in den Salons alle die
Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet.
Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines
langen, englischen Überziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick
genügte ihm, um festzustellen, daß er ganz allein war. Wohl hatte ihm
der Kapitän ein für allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele
zu ihm auf die Kommandobrücke zu kommen - denn Seebeck störte nie, am
wenigsten durch unnötige Fragen, seine Anwesenheit verkürzte dagegen die
lange Wacht - doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf
seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitän keine
Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Jetzt stand der große, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen
Kapitän auf der Kommandobrücke.
»Schade, daß das Wetter heute so trübe ist«, sagte der Kapitän, »sonst
könnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen.« Er rollte
die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den
Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. »Aber ich glaube, daß
es bald etwas aufhellen wird.«
Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann
weiter dem Horizonte.
Der Kapitän fuhr fort:
»Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewässern heraus und in
deutsche hinein.«
Paul Seebeck ließ das Glas sinken:
»Deutsche Gewässer, Herr Kapitän?«
»Nun ja, die des Bismarckarchipels.«
Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden,
dann reichte er es dem Kapitän und sah auf den Himmel:
»Sie haben natürlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade
dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.«
Der Kapitän sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann
mit bloßen Augen und dann wieder durch das Glas. Schließlich sagte er
kopfschüttelnd:
»Merkwürdig.«
»Befürchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitän?« fragte Paul Seebeck
gleichmütig.
»Ich weiß gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine
Gewitterwolke ist es nicht.«
Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend
herum und sagte breit:
»Herr Kapitän, die ist ja von einem Vulkane!«
Der Kapitän war so interessiert, daß er gar nicht daran dachte, den
Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte
die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prüfte den Kompaß und
sagte dann:
»Unmöglich, dort liegt kein Land.«
Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitän und Paul
Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere,
dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck:
»Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berühmten, pinienartigen
Rauchsäule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der
Karte, und nicht des Vulkans.«
Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf:
»Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar,
hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.«
»Aber wenn es eine neu entstandene wäre, Herr Kapitän?« warf Paul
Seebeck ein. »Denken Sie doch an die große Flutwelle vor zwei Monaten,
die die ganze nördliche und östliche Küste Australiens überschwemmt
hat.«
»Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Das wäre ja -«
Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner,
durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht
verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel.
Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die
Nacht herein.
»Kommen Sie in meine Kabine«, sagte endlich der Kapitän. »Ich möchte die
Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und außerdem wird uns
jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.«
»Danke, gern.«
Wie der Kapitän dem Ersten Offizier die Möglichkeit andeutete, in der
Nähe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die
Kommandobrücke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttäuscht
zurück, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen
können.
Als die drei Herren in der Kajüte bei einem Glase Punsch zusammensaßen
und der Kapitän mit dem Ersten Offizier alle Eventualitäten und die
vorzunehmenden Maßnahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke
zurück und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gespräch lauschte, das
immer mehr an Fluß verlor und zuletzt ganz aufhörte. Schließlich saßen
die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach.
Endlich sah der Kapitän nach der Uhr:
»Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wäre
es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel sähen?«
Paul Seebeck lachte laut auf:
»Bravo, Herr Kapitän. Vielleicht hat sie sich schon längst aufgelöst,
während wir sie hier in aller Ruhe erobern.«
Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, daß Nebel und Regen völlig
verschwunden waren, und daß klar der Mond schien. Passagiere gingen
plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf
Feldstühlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurückhaltung völlig
aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitän auf
die Kommandobrücke.
Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere
entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze - aber ohne
diese zu berühren - eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch
das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glühend
herabsinken.
Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen:
»Wie weit, Herr Kapitän -?« fragte er. Der Kapitän drehte sich schnell
herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken
erst sammeln müßte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte:
»Sechzig Seemeilen schätze ich.«
»Dann sind wir also in vier Stunden dort?«
»Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.«
»Ach, Sie glauben, daß sich der ganze Meeresboden gehoben hat?«
»Ich muß wenigstens mit der Möglichkeit rechnen.«
Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das
Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er:
»Herr Kapitän, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande.
Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Größe da vor uns zu haben.«
Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam
ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitän fest in die
Augen und sagte langsam:
»Herr Kapitän, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, daß wir vor
vier Stunden nicht dort sein können, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um
Zwölf wird aber alles elektrische Licht ausgelöscht, so daß dann kein
Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind
die Einzigen, die wissen, daß wir dort eine neu entstandene Insel vor
uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel
gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich
um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?«
Der Kapitän sah ihn überrascht an: »Herr Seebeck - überlegen Sie sich's
- eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heißer Boden! Ich habe doch
die Verantwortung, auch für Sie. Und dann - in das Schiffsbuch muß ich
die Sache doch eintragen.«