GESCHRIEBEN IM SOMMER 1911

ALEXANDRA JEGOROWNA

zugeeignet

Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer »Prinzessin Irene« Sidney

verlassen, und deshalb übte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen

Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute,

wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frösteln

machte. Für solche Tage hatte man ja in den Salons alle die

Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet.

Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines

langen, englischen Überziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick

genügte ihm, um festzustellen, daß er ganz allein war. Wohl hatte ihm

der Kapitän ein für allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele

zu ihm auf die Kommandobrücke zu kommen - denn Seebeck störte nie, am

wenigsten durch unnötige Fragen, seine Anwesenheit verkürzte dagegen die

lange Wacht - doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf

seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitän keine

Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Jetzt stand der große, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen

Kapitän auf der Kommandobrücke.

»Schade, daß das Wetter heute so trübe ist«, sagte der Kapitän, »sonst

könnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen.« Er rollte

die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den

Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. »Aber ich glaube, daß

es bald etwas aufhellen wird.«

Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann

weiter dem Horizonte.

Der Kapitän fuhr fort:

»Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewässern heraus und in

deutsche hinein.«

Paul Seebeck ließ das Glas sinken:

»Deutsche Gewässer, Herr Kapitän?«

»Nun ja, die des Bismarckarchipels.«

Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden,

dann reichte er es dem Kapitän und sah auf den Himmel:

»Sie haben natürlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade

dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.«

Der Kapitän sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann

mit bloßen Augen und dann wieder durch das Glas. Schließlich sagte er

kopfschüttelnd:

»Merkwürdig.«

»Befürchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitän?« fragte Paul Seebeck

gleichmütig.

»Ich weiß gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine

Gewitterwolke ist es nicht.«

Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend

herum und sagte breit:

»Herr Kapitän, die ist ja von einem Vulkane!«

Der Kapitän war so interessiert, daß er gar nicht daran dachte, den

Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte

die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prüfte den Kompaß und

sagte dann:

»Unmöglich, dort liegt kein Land.«

Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitän und Paul

Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere,

dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck:

»Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berühmten, pinienartigen

Rauchsäule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der

Karte, und nicht des Vulkans.«

Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf:

»Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar,

hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.«

»Aber wenn es eine neu entstandene wäre, Herr Kapitän?« warf Paul

Seebeck ein. »Denken Sie doch an die große Flutwelle vor zwei Monaten,

die die ganze nördliche und östliche Küste Australiens überschwemmt

hat.«

»Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Das wäre ja -«

Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner,

durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht

verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel.

Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die

Nacht herein.

»Kommen Sie in meine Kabine«, sagte endlich der Kapitän. »Ich möchte die

Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und außerdem wird uns

jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.«

»Danke, gern.«

Wie der Kapitän dem Ersten Offizier die Möglichkeit andeutete, in der

Nähe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die

Kommandobrücke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttäuscht

zurück, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen

können.

Als die drei Herren in der Kajüte bei einem Glase Punsch zusammensaßen

und der Kapitän mit dem Ersten Offizier alle Eventualitäten und die

vorzunehmenden Maßnahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke

zurück und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gespräch lauschte, das

immer mehr an Fluß verlor und zuletzt ganz aufhörte. Schließlich saßen

die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach.

Endlich sah der Kapitän nach der Uhr:

»Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wäre

es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel sähen?«

Paul Seebeck lachte laut auf:

»Bravo, Herr Kapitän. Vielleicht hat sie sich schon längst aufgelöst,

während wir sie hier in aller Ruhe erobern.«

Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, daß Nebel und Regen völlig

verschwunden waren, und daß klar der Mond schien. Passagiere gingen

plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf

Feldstühlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurückhaltung völlig

aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitän auf

die Kommandobrücke.

Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere

entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze - aber ohne

diese zu berühren - eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch

das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glühend

herabsinken.

Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen:

»Wie weit, Herr Kapitän -?« fragte er. Der Kapitän drehte sich schnell

herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken

erst sammeln müßte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte:

»Sechzig Seemeilen schätze ich.«

»Dann sind wir also in vier Stunden dort?«

»Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.«

»Ach, Sie glauben, daß sich der ganze Meeresboden gehoben hat?«

»Ich muß wenigstens mit der Möglichkeit rechnen.«

Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das

Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er:

»Herr Kapitän, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande.

Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Größe da vor uns zu haben.«

Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam

ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitän fest in die

Augen und sagte langsam:

»Herr Kapitän, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, daß wir vor

vier Stunden nicht dort sein können, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um

Zwölf wird aber alles elektrische Licht ausgelöscht, so daß dann kein

Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind

die Einzigen, die wissen, daß wir dort eine neu entstandene Insel vor

uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel

gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich

um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?«

Der Kapitän sah ihn überrascht an: »Herr Seebeck - überlegen Sie sich's

- eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heißer Boden! Ich habe doch

die Verantwortung, auch für Sie. Und dann - in das Schiffsbuch muß ich

die Sache doch eintragen.«

Phantasten: Roman · 第 4 / 11 题