und erreichten bald das Land, wo +Sverdrups+ Boot kurz vor uns
angelangt war. Hier nahmen wir unsere Mittagsmahlzeit ein und machten
eine kleine Ruhepause, die wir wohl verdient hatten. Dann wurde die
Reise wieder fortgesetzt, aber der Wind war beinahe noch ebenso stark,
und als wir hinter der Südspitze von Umanuarsuak in ziemlich eisfreies
Fahrwasser kamen, rollte uns von dem nordwärts belegenen Fjord ein
recht unangenehmer Seegang entgegen. Obwohl es unserer Gewohnheit
nach noch ziemlich früh am Tage war, gingen wir deswegen, sobald wir
+Umanak+ erreicht hatten, ans Land. Hier hatten wir -- es war das
einzige Mal auf der ganzen Reise an der Küste entlang -- Zeit, uns
einen Zeltplatz auszuwählen und genossen das Behagen, auf einem Rasen
zu liegen, statt wie gewöhnlich auf dem harten Felsboden oder auf dem
Eise. Darüber wollen wir uns indes nicht beklagen; wir schliefen immer
ausgezeichnet, wenn wir nur stets genug Schlaf bekommen hätten.
Sobald wir ans Land gekommen waren und alles in Ordnung gebracht
hatten, beschlossen wir, Brennmaterial zu sammeln (was in Form von
Wachholderbüschen, Heidekraut u. dergl. reichlich vorhanden war), und
uns eine Kerbelsuppe zu kochen. Hierzu waren Alle bereit, es wurde
ein großartiger Eifer entfaltet, so daß bald ein gewaltiges Feuer
zwischen einigen großen Steinen aufflammte, über denen wir in einer
leeren Kakesdose das herrlichste Essen kochten, das man sich nur
denken kann. Schwerlich wird einer von Denjenigen, die an jenem Abend
um das Feuer herumsaßen und in Ruhe und Frieden das einzige warme
Gericht verzehrten, das sie während der ganzen Bootsreise an der Küste
entlang erhielten, den Zeltplatz auf Umanak oder der Griffenfelds-Insel
vergessen. Daß wir indessen nicht die Ersten waren, die das Leben
an dieser Stelle genossen, sahen wir u. a. an den Ruinen einiger
Eskimohäuser, die ganz in unserer Nähe lagen; und daß auch Scenen
weniger angenehmer Natur hier vorgefallen waren, davon zeugten deutlich
verschiedentliche Menschenknochen, die zwischen den Häusern zerstreut
lagen; besonders ungemüthlich grinste uns der Schädel eines alten
Eskimos an. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß die Bewohner dieser
Häuser an Hungersnoth starben, und daß die verlassenen Wohnungen dann
im Laufe der Zeiten zusammenstürzten.
Am nächsten Tage -- den 4. August -- hatte sich der Wind zum Theil
gelegt, und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Aber das Eis war oft
dicht, besonders schlimm sah es an der Mündung des Schesteds-Fjords
aus. Hier mußten wir weit hinaus, um einen Durchgang zu finden, und nur
mit Hülfe von Axt und Bootshaken konnten wir uns unsern Weg bahnen.
Um 9 Uhr des Abends kamen wir an einem herrlichen Lagerplatz vorüber,
da es aber unserer Ansicht nach noch zu früh war, um Rast zu machen,
ruderten wir in nördlicher Richtung weiter. Dafür mußten wir nun aber
bis 1½ Uhr arbeiten, ehe wir auf der Ostseite der Insel Uvivak eine
kleine Insel fanden, wo wir unsere Böte ans Land ziehen konnten (63° 3′
N. Br., 41° 18′ W. L.). An dem Tage hatten wir eine siebenzehnstündige
schwere Arbeit im Eise gehabt, nur durch eine halbstündige Mittagsrast
unterbrochen.
Am 5. August gings mit Hülfe von Axt und Bootshaken weiter durch dicht
zusammengepacktes Eis, das auf dem Wege nach Norden am ganzen Strande
entlang lag. Viele mächtige Eisberge lagen hier an der Küste. Als wir
gegen Nachmittag das Vorgebirge +Kutsigsormiut+ passirten und an einer
kleinen Insel anlegten, um eine Aussicht über das Fahrwasser zu haben,
sahen wir wenige hundert Ellen von uns entfernt plötzlich ein großes
Eisstück sich loslösen und von einem dieser Kolosse herabfallen, der
dadurch das Gleichgewicht verlor und mit einem ohrenzerreißenden Getöse
kopfüber stürzte. Das Meer gerieth in eine gewaltige Erregung, rings
umher wurden die Treibeisschollen gegen einander geschmettert, und
eine kleine Insel, die vor uns lag, war plötzlich völlig überspült von
schäumenden Wogen. Hätten wir unsern Weg fortgesetzt, wie wir anfangs
beabsichtigten, so wären unsere Böte wahrscheinlich an den Felsen
zerschellt.
Nach fast unglaublichen Anstrengungen erreichten wir spät am Abend eine
Insel mitten in der Mündung des Inugsuarmiut-Fjordes. Hier wollten wir
unser Lager aufschlagen, müde und erschöpft wie wir waren, zu unserer
Verwunderung aber kamen wir aus dem dichten Eis plötzlich in offenes
Fahrwasser hinein. Gerade bis gegen +Skjoldungen+ lag der Fjord beinahe
blank da. Es war sehr verlockend, diese Gelegenheit zu benützen, und
nach einer Extraration Fleischpulver-Schokolade setzten wir unsere
Fahrt fort und erreichten einen guten Lagerplatz auf einer Schere
unterhalb des Landes auf der anderen Seite (63° 12′ N. Br., 41° 8′
W. L.).
An der Ostküste von Grönland giebt es eine ziemlich starke Ebbe
und Fluth. Wir hatten in diesen Tagen das Unglück, einen niedrigen
Wasserstand zu treffen, gerade wenn wir des Abends die Böte an den
Strand ziehen mußten; infolgedessen mußten wir sie ein gutes Stück
hinauf ziehen, um sicher vor der Fluth zu sein. Auch in dieser Nacht
hatten wir Bagage wie Böte eine tüchtige Strecke aufs Land hinauf
gebracht, waren aber nicht wenig verwundert, als am nächsten Morgen
unser Bierfaß und ein Brett, womit wir die Böte gestützt hatten,
verschwunden waren. Die See hatte nicht allein die Böte erreicht,
sondern auch einen Theil der Proviantkasten unter Wasser gesetzt.
Diese waren jedoch dicht, und so hatte nichts gelitten; wir mußten uns
freuen, so billigen Kaufes davongekommen zu sein. Den Verlust unseres
Bierfasses, das wir zugleich mit dem Boot vom „Jason“ bekommen hatten,
beklagten wir alle sehr; nicht etwa, weil noch Bier darin gewesen wäre
-- das hatten wir längst ausgetrunken --, sondern weil wir die Tonne
mit Wasser zu füllen pflegten. Wenn wir das Wasser aus dem Spundloch
tranken und an der Tonne rochen, die noch einen gewissen Biergeruch an
sich hatte, so bildeten wir uns ein, daß wir eine Art Bier tränken.
Seit jenem Tage wurden die Böte stets sehr sorglich in acht genommen.
Uebrigens wurden wir an jenem Morgen von einem weniger willkommenen
Gast geweckt. Ich erwachte von einem heftigen Jucken über dem ganzen
Gesicht und fand das Zelt mit Mücken angefüllt. Hatten wir im Anfang
die Mücken voller Freude begrüßt, so wurden wir an diesem Morgen von
dieser Neigung geheilt, und wenn ein Morgen in gräßlicher Erinnerung
steht, so ist es dieser. Es war ein Wunder, daß wir unsern Verstand
nicht verloren. Nachdem ich völlig wach geworden, fuhr ich schnell in
meine Kleider und stürzte ins Freie hinaus, um diesen schlimmen Gästen
zu entgehen, aber da kam ich aus dem Regen in die Traufe! Hier stürzten
sich ganze Scharen dieses Teufelsungeziefers auf mein Gesicht und meine
Hände.
Am schlimmsten wurde es, als wir unser Frühstück verzehren wollten,
denn wenn man nicht einmal einen Bissen zu Munde führen kann, ohne
daß er mit einer dicken Schicht Mücken belegt wird, so wird Einem die
Sache denn doch zu toll! Wir flüchteten auf die höchsten Felsspitzen
in der Nähe, wo etwas Wind war, in der Hoffnung, hier unser Frühstück
in Ruhe verzehren zu können, -- war das doch der einzige Genuß, den
wir noch kannten. Wir sprangen von einer Felsklippe zur anderen, wir
hängten uns Taschentücher vor das Gesicht, zogen unsere Mützen über
Hals und Nacken, fochten und schlugen wie Rasende mit den Armen in der
Luft herum, lieferten wie gesagt die verzweifeltste Schlacht dieser
Uebermacht von Ungeheuern gegenüber, aber alles war vergebens. Wo
wir standen, gingen oder liefen, führten wir -- wie die Sonne ihre
Planeten -- unsere kleine Privatwelt von Freunden mit uns, bis wir uns
schließlich voller Verzweiflung dem Feind ergaben, uns an der ersten
besten Stelle niederwarfen und uns martern ließen, während wir in
fliegender Eile unser mit Mücken belegtes Frühstück verzehrten. Dann
machten wir unsere Böte klar und flohen auf das Meer, aber selbst
hierher verfolgten diese Scheusale uns. Schließlich schlugen wir in
wilder Verzweiflung mit Persennings, Jacken und was wir sonst finden
konnten, um uns, und als wir den Wind zum Bundesgenossen bekamen,
übermannten wir endlich den Feind. Der Blutverlust auf unserer Seite
war aber doch ganz beträchtlich.
Fußnote:
[76] Siehe „Mittheilungen über Grönland“, Bd. 9, Seite 187. Kopenhagen
1889.
Kapitel XIV.
Neues Zusammentreffen mit Eskimos. Zwischen Eisbergen.
Durch dicht gepacktes Eis fuhren wir an jenem Tage (6. August) um
+Skjoldungen+ herum, an dessen Nordseite wir wegen der Eisverhältnisse
ein gutes Stück in den Fjord hineinrudern mußten, an einem Lande
entlang, das in wilder Schönheit nicht hinter dem zurückstand,
was wir bisher gesehen hatten. Ueberall fielen die Gletscher mit
ihren lothrecht abgeschnittenen Wänden, in denen sich häufig tiefe,
dunkelblaue Grotten befanden, steil in das Meer ab. Es ist nicht ganz
ohne Gefahr, nahe an diese Eiswände heran zu rudern. Es geschah auch
an jenem Tage mehrmals, daß nicht weit von uns große Stücke von den
Gletschern ins Meer hinabstürzten, die ein vorüberfahrendes Boot ohne
Zweifel zu Staub zermalmt haben würden.
Als wir, andauernd unter schlechten Eisverhältnissen, über den
+Akorninapkangerdlua+ (Fjord) gerudert waren, vernahmen wir plötzlich
in der Nähe einer Insel bei +Singiartnarfik+ Rufe von Menschenstimmen
und verspürten gleichzeitig einen durchdringenden Thrangeruch. Wir
richteten unsere Blicke dem Lande zu und sahen nun ein Zelt und
viele Menschen, die sich in auffallend lebhafter Bewegung befanden.
Da es kein weiterer Umweg für uns war, steuerten wir auf sie zu,
jetzt aber verwandelte sich ihre Bewegung in eine wilde Flucht. Mit
allem, was man an Kostbarkeiten besaß, mit Fellen, Kleidern etc.
beladen, verschwand Einer nach dem Andern auf die Berge hinauf. In
einer langen Linie, die sich an den Felsabsätzen hinaufschlängelte,
konnten wir sie laufen sehen, was das Zeug halten wollte. Es schienen
fast ausschließlich Frauen und Kinder zu sein. Zuletzt sahen wir eine
Frau in die Thür des einzigen Zeltes, das wir erblicken konnten,
verschwinden, aber sie kam bald darauf mit einem Bündel Felle in den
Armen zurück und eilte dann, so schnell ihre Füße sie tragen konnten,
den Anderen nach, ins Gebirge hinauf. Mehr und mehr verschwanden sie
zwischen den Bergen, und das Letzte, was wir sahen, waren einige
Frauen, die auf einem Felsenkamm neugierig stehen blieben und uns
nachschauten. Wir ruderten indessen auf das Zelt zu; das einzige
lebende Wesen aber, was wir dort erblickten, war ein Hund, der vor der
Zeltthür lag und merkwürdigerweise nicht heulte. Obwohl wir nichts
mit diesen Menschen zu schaffen hatten, so war es uns doch ärgerlich,
daß wir so fortreisen sollten, ohne sie von unseren friedlichen
Absichten überzeugt zu haben. Wir machten ihnen Zeichen zu, wir
riefen die wenigen grönländischen Worte, die wir kannten, aber alles
war vergebens; -- sie standen regungslos da und glotzten uns an.
Endlich schien eine der Frauen unseren einladenden Winken nicht länger
wiederstehen zu können, sie näherte sich langsam und bedächtig, eine
zweite folgte ihr in einiger Entfernung. Allmählich kamen wir uns so
nahe, das wir das Sprechen hören konnten, was uns ja nicht viel nützen
konnte, da wir ihnen nur wenig zu sagen hatten, aber jedenfalls konnten
sie doch unsere freundlichen Gesichter und unsere beruhigenden Mienen
und Gebärden erkennen. Wir zeigten ihnen einige Blechdosen, die wir
ihnen schenken wollten. Dies schien ihnen freilich sehr verlockend.
Sie setzten äußerst verlegene Gesichter auf, die übrigens nicht
so aussahen, daß sie ihrer Schönheit wegen hätten besorgt zu sein
brauchen. Da zeigte sich plötzlich ein Mann auf der Bildfläche, und nun
bekamen sie Muth; sie begaben sich beinahe ganz an den Strand hinab
und blieben hier stehen, während wir in unseren Böten lagen. Wir sahen
einander an, während sie mit dem Manne als Vorsänger ihr gewöhnliches
Verwunderungsgebrüll anstimmten. Der Mann sah übrigens aus wie ein
wüthender Ochse, während er so dastand, obwohl er im Innern gewiß die
friedlichsten Gedanken hegte. Er trug auf dem Oberkörper einen Anorak
von Baumwollenzeug, und auf dem Kopf hatte er eine Kajakmütze von
der gewöhnlichen, breiten, flachen Form, aus einem Tonnenreifen mit
darüber gespanntem Baumwollstoff bestehend, mit einem roth und weißen
Kreuz verziert, -- alles unverkennbare Beweise von Verbindung mit den
westgrönländischen Handelsplätzen.
Wir näherten uns allmählich dem Strande, Einer von uns sprang ans Land,
aber wie von einer Tarantel gestochen, fuhren die Eskimos zurück,
um doch einen Zwischenraum von einigen Schritten zwischen sich und
uns zu schaffen; als sie sahen, daß wir auch jetzt keine Zeichen zu
feindlichen Tendenzen machten, gewannen sie wieder Muth und näherten
sich uns. Als wir ihnen gar das großartige Geschenk einer Blechdose
machten, war das gute Verhältniß besiegelt, und ihre Gesichter glänzten
vor Freude und Verwunderung über diese freigebigen Menschen. Allmählich
gesellten sich mehrere Eskimos zu uns; es schien, als wenn die Männer
in ihren Kajaks auf dem Wasser gewesen und durch das Geschrei der
Frauen herbeigelockt seien.
Allen wurde die kostbare Gabe gezeigt und hinzugefügt, daß wir durchaus
friedliche Individuen seien. Die merkwürdigste Erscheinung war ein
kleiner buckeliger Zwerg mit einem angenehmen, ältlichen Gesicht; --
er zeichnete sich übrigens durch einen ungewöhnlich guten Anzug aus.
Wir vertauten unsere Böte und machten einen Spaziergang ans Land. Wie
staunten wir jedoch, als wir hinter dem einen Zelt ein ganzes Zeltlager
fanden, das durch eine kleine Höhe unsern Blicken entzogen gewesen war.
Unser Staunen wuchs, als wir einen Dannebrog von einer kleinen Stange
wehen sahen, die neben dem einen Zelt aufgepflanzt war.
Diese Flagge mußte Einer von ihnen wahrscheinlich vor einigen Jahren
von Kapitän +Holm+ bekommen haben, denn er berichtet, daß er einigen
Eskimos Flaggen geschenkt habe. Merkwürdig war es, daß sie sich so
vor uns fürchteten, obwohl sie also früher mit Europäern in Berührung
gekommen sein mußten. Wir mußten wohl sehr unheimlich ausgesehen haben,
als wir so in unsern eigenen Böten und ganz allein angerudert kamen,
während Kapitän +Holm+ Böte wie die ihren mit einer Eskimobesatzung
hatte. Unmöglich ist es auch nicht, daß die Sagen, die von der
Westküste zu ihnen gedrungen sind, und welche erzählen, wie ihre
Vorfahren die Kavdlunaker, d. h. die Europäer, vernichtet haben, sie
mit der Furcht erfüllten, daß die Besiegten eines Tages in Schiffen
über das Meer heranziehen und Rache nehmen würden.
In einer kleinen Bucht unterhalb des Lagers lag ein Frauenboot, das
offenbar ins Wasser herabgelassen war, um zur Flucht bereit zu sein.
Da ich gern gedörrtes Seehundsfleisch probiren wollte und außerdem
dachte, daß es möglicherweise praktisch sein könne, unsern Proviant
ein wenig zu ergänzen, fragte ich vermittelst eines grönländischen
Wortes, das ich in meinem Wörterbuch gefunden hatte, danach; wie
gewöhnlich wollte es mir jedoch nicht gelingen, mich verständlich zu
machen. Als ich aber hinging und ein Stück Fleisch anfaßte, das vor
einem der Zelte zum Trocknen hing, verstanden sie mich sofort und kamen
mit einigen Rippenstücken herbei, -- hierfür gab ich ihnen eine große
Stopfnadel. Als sie diese kolossale Bezahlung erblickten, kamen sie
mit einem großen Stück Fleisch nach dem andern herbei, um mehr Nadeln
zu bekommen. Wir erhielten jeder unsere Geschenke an Seehundsfleisch,
wofür wir ihnen außer den Nadeln noch einige leere Blechdosen gaben.
Nur +Ravna+ wollte keine Geschenke annehmen und war trotz aller
Ueberredungen nicht dazu zu bewegen. Später erfuhr ich, daß er der
Ansicht gewesen sei, die armen Menschen würden wohl selber Verwendung
für ihr Fleisch haben, und eine Nähnadel sei doch eine zu geringe
Bezahlung.
Diese Begegnung mit den Eskimos schildert +Balto+ folgendermaßen:
„-- -- Als wir über eine Fjordmündung gerudert waren, rochen wir wieder
den Geruch von ranzigem Seehundsfett, aber die Heiden hatten uns
gesehen und mit Frauen und Kindern die Flucht ins Gebirge ergriffen,
weit fort von den Zelten. Als wir in die Bucht kamen, wo die Zelte
standen, machten wir Halt und sahen diesen Aermsten nach, die die
Flucht ergriffen. Dann rief +Nansen+ ihnen zu: „~Nogut piteagag~“,
-- was dasselbe ist wie: „Wir sind Freunde“ (furchtbar verkehrtes
Grönländisch), -- aber sie kehrten sich nicht daran, sondern winkten
uns mit der Hand zu, als wollten sie sagen: „Zieht fort! Zieht fort!“
Da kamen zwei Männer hinter einem Berg hervor, sie kamen an den Strand
herab, und als sie sich näherten, brüllten sie wie andere Heiden ihr:
„~iö, iö, iö!~“ Der eine Mann sah aus, als wenn er nicht höher als ein
Meter sei. Dann landeten wir und baten sie um etwas gedörrtes Fleisch,
das wir vor ihren Zelten hängen sahen, denn wir hatten in Kapitän
+Holms+ Buch gelesen, daß gedörrtes Seehundsfleisch sehr gut zu essen
sei. Wir gaben ihnen einige Nadeln für das Fleisch und zogen dann
weiter.“
Wie +Balto+ berichtet, stiegen wir bald wieder in unsere Böte und waren
noch nicht weit gekommen, als einige der Männer uns in ihren Kajaks
folgten, große Stücke gedörrten Seehundfleisches mit sich schleppend,
das sie uns gegen Nadeln vertauschen wollten. Als wir in die Böte
stiegen, sahen wir in weiter Ferne den obenerwähnten Zwerg ein großes
Stück Fleisch herbeischleppen, auch er wollte seinen Antheil haben,
aber er erreichte uns nicht mehr. Nicht wenig staunten wir, als wir
eine Weile später einen kleinen Kerl in einem Kajak weit hinten in
unserm Kielwasser heranrudern sahen und in ihm den Zwerg erkannten,
der unleugbar eine höchst komische Figur abgab, wie er so mit seinem
krummen Rücken aus der Oeffnung des Kajaks hervorragte. Er strengte
sich scheinbar sehr an, um uns wieder einzuholen, wir sollten sein
Fleisch haben! Aber trotz aller seiner Bemühungen erreichte er uns doch
nicht und mußte sein Vorhaben schließlich aufgeben, -- der Aermste!
Je nördlicher wir kamen, desto mehr Kajakmännern begegneten wir;
sie gaben uns Alle das Geleite und waren Alle äußerst freundlich
und mittheilsam. Schließlich hatten wir eine Eskorte von 7 Mann um
uns versammelt, die uns an allen Seiten umkreisten und die größte
Verwunderung über uns und unsere Böte an den Tag legten.
Als sie uns eine lange Strecke begleitet hatten und es zu dunkeln
begann, verminderten sie Einer nach dem Andern die Schnelligkeit ihrer
Fahrt und lagen dann noch eine Weile still, um uns nachzusehen, ehe sie
den Heimweg antraten. Gerade als uns die vier Letzten verlassen hatten
und noch still lagen, erblickte ich einen Seehund auf einer Eisscholle.
Obwohl das frische Fleisch ein großer Leckerbissen für uns gewesen
wäre, konnte ich es nicht unterlassen, den vier Kajaks zuzuwinken,
denn wir hatten alle die größte Lust zu sehen, wie die Eskimos auf
Seehundsjagd gingen. Sie kamen sofort zu uns, konnten aber gar nicht
begreifen, was wir wollten, denn von ihren niedrigen Kajaks aus konnten
sie den Seehund nicht auf dem Eise sehen. Ich zeigte auf das Thier,
sie spähten und spähten, bis sie seiner plötzlich ansichtig wurden,
und nun kam Bewegung in die Kajaks; die Ruder arbeiteten unverdrossen,
während sich die Eskimos vornüberbeugten, um unbemerkt im Schutze des
Eises vorwärts zu kommen. Zwei von ihnen gewannen einen Vorsprung vor
den Anderen und kamen in fliegender Eile näher und näher. Jetzt fing
der Seehund jedoch an, unruhig zu werden, aber jedes Mal, wenn er den
Kopf erhob und in der Richtung nach ihnen blickte, lagen sie still,
ohne auch nur ein Glied zu rühren, bis er sich wieder beruhigt hatte,
dann ruderten sie abermals kräftig darauf los, lagen dann wieder still
u. s. w. Auf diese Weise kamen sie so nahe an ihre Beute heran, daß
wir jeden Augenblick erwarteten, sie würden die Harpune auswerfen, --
da springt der Seehund plötzlich ins Wasser. Sie lagen nun eine Weile
still, zum Wurf bereit für den Fall, daß er sich wieder zeigen würde,
aber kein Seehund erscheint, und sie zogen niedergeschlagen heimwärts,
während wir ein wenig ärgerlich unsern Weg gen Norden in gutem
Fahrwasser fortsetzten. Wir übernachteten auf einer kleinen Insel in
einer Bucht an der Ostseite einer größeren Insel (63° 20′ N. B., 49°
W. L.). Diese ist aus früheren Zeiten dadurch bekannt, daß +Graah+ dort
auf der Westseite bei +Imarsivik+ i. J. 1829-30 überwinterte.
Am nächsten Tage (den 7. August) traten uns abermals schlimme
Eishindernisse in den Weg, wir kämpften uns aber muthig hindurch und
gelangten noch am selben Tage weiter nördlich an offeneres Fahrwasser.
Bis dahin hatten wir uns ganz vorzüglich aus +Holms+ und +Gardes+
Karten über die Küste orientiren können, hier aber verloren wir den
Faden. Es schienen hier viele kleinere und größere Inseln und Fjorde zu
sein, die entweder falsch oder auch gar nicht auf der Karte angegeben
waren, -- schließlich wurde die Sache so bunt, daß ich mich entschloß,
nach meinem eigenen Kopf zu gehen, und das half. Wie es sich mit der
Karte auf dieser Strecke von Savsivik bis zum Kap Mösting verhielt, war
mir ein Räthsel, bis ich später von +Holm+ erfuhr, daß er nicht dazu
gekommen war, diesen Theil in der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand,
zu vermessen, er habe deswegen +Graahs+ Karte benutzen müssen, in der
Voraussetzung, daß sie zuverlässig sei, da er die Gegend von seinem
Winteraufenthalt her doch gründlich kennen sollte.
Die nördliche Küste war sehr reich an Seevögeln. Da waren u. a.
mehrere Vogelberge, und wir schossen an Blaumöven (~larus glaucus~)
und Grüllummen (~uria grylle~), was uns in den Weg kam. Wir krochen
auf einen Felsen hinauf, wo Unmengen von Lummenjungen nisteten, um auf
Junge zu fahnden, aber unsere Beute beschränkte sich auf zwei. In der
Regel legen die Grüllummen ihre Eier an ganz unzugängliche Orte, so
daß unbeflügelte Wesen nur mit der größten Lebensgefahr dahin gelangen
können. Die jungen Grüllummen sind übrigens sehr fett und schmeckten
ganz delikat.
Als wir vor einem Vogelberg auf der Nordseite von Kap Moltke lagen
und auf Blaumöven und Grüllummen schossen, vernahmen wir plötzlich
ein Sausen in der Luft und sahen eine Schar Eidergänse an uns
vorüberfliegen. Wir hatten gerade noch Zeit genug, in die Böte zu
springen, zu den Büchsen zu greifen und ihnen einen Schuß nachzusenden,
auf welchen zwei Vögel fielen. Es war dies das erste Mal, daß wir
Eidergänse an der Küste erblickten. Als es bereits dunkelte, zog
abermals ein Schwarm über uns hinweg nach Norden zu. Ich hörte
+Sverdrup+ im Boote hinter mir „Gebt Acht!“ rufen und vernahm auch das
Sausen ihres Flügelschlags, doch war es zu dunkel, um zu schießen,
ich konnte nur gegen den dunklen Hintergrund, den das Land bildete,
unterscheiden, daß sich etwas bewegte.